Hünengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaßen die
Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der saß, so oft er konnte,
auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstörer würden
kommen, legte sich nach und nach.
Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem
Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus »Zur
himmelblauen Ente« einen Wagen stehen. Natürlich liefen sie nun nicht
heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen
Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: »Es sind die
da, die zu dem Hünengrab wollen.«
»Wir gehen auch hin,« sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar
andere antworteten: »Na ob! Natürlich!«
Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saßen und auf das
bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der
Wirt auf einmal sagte: »'s ist schade, daß Mittwoch ist!« -- »Warum
denn?« fragte der älteste der drei Herren erstaunt, es war ein
stattlicher Mann, mit weißgrauem Vollbart und klugen Augen, »das Wetter
ist doch so gut?«
»Na ja,« brummte Kaspar auf dem Berge und lief hinaus, um nach dem
Mittagessen zu sehen. Draußen schüttelte er mit dem Kopfe und sagte:
»Nä, das weiß man doch, daß am Mittwoch die Kinder immer bei allem
dabei sind und einem in die Quere kommen!«
Davon schienen nun die gelehrten Herren aus der Stadt keine Ahnung zu
haben. Sie verzehrten ihr Mittagbrot, auf das sie noch recht lange
warten mußten, dann sprachen sie noch mit dem Herrn Lehrer und dem
Schulzen. Der Herr Pfarrer war an diesem Tage nicht daheim, und der
Herr Lehrer erwartete einen Kollegen, er versprach nachzukommen. Nur
der Schulze konnte die Herren begleiten, auch der Wirt kam mit, ein
paar Knechte folgten mit Hacken und Grabscheiten, und so zogen alle
miteinander in den Kuhberger Wald. Als sie auf der Waldwiese anlangten,
blieben die Herren verblüfft stehen; auf dem Steinhügel saßen sämtliche
Oberheudorfer Buben und Mädel, saßen da, als müßte es so sein, als
wäre dies der einzige Fleck, auf dem sie just diesen Nachmittag sitzen
konnten.
»Ach so,« sagte der Herr mit dem weißen Vollbart, den seine Begleiter
immer Herr Geheimrat nannten, »darum bedauerte der Wirt, daß wir an
einem Mittwoch gekommen sind. Nun verstehe ich, warum!«
»Ja, das Kindervolk,« brummte der Schulze, »immer ist es dabei, immer
will es zusehen. Na, und wenn unsere Mädel und Buben nicht dabei sind,
ist es auch nicht recht.« Nach dieser Erklärung zog er seine Stirn
in finstere Falten und schrie: »Nun marsch runter von da oben!« Die
Kinder gehorchten, nicht sehr geschwind und nicht sehr vergnügt, aber
sie taten es doch; dann freilich blieben sie dicht an dem Steinhügel
stehen. Sie wurden zwar immer wieder ermahnt, weiter zu gehen, einmal
schalt der Herr Geheimrat, ein anderes Mal der Schulze, dann flogen die
Buben und Mädel auseinander wie eine Spatzenschar, in die jemand mit
einem Blasrohr hineingepustet hat. Fünf Minuten, ach nein, drei, nein,
zwei Minuten später standen alle schon wieder dicht am Steinhügel, und
bei jedem Stein, der aufgehoben wurde, schrieen sie »Oh!« und »Ah!« als
sei das etwas ganz Wunderbares.
Leberecht Sperling kam herbei und Hans Rumps. Die beiden schalten auch
über das neugierige Kindervolk, aber Heine Peterle sagte patzig: »Wir
tun doch nichts, und ein Nachtwächter hat jetzt überhaupt nichts zu
sagen, es ist doch Tag!«
Die andern Buben und Mädel gaben ihrem Beifall so laut Ausdruck, daß
der Herr Geheimrat und die beiden andern Herren ordentlich erschraken.
»Sagt mal, Kinder,« fragte der Geheimrat, »eßt ihr gern Schokolade, und
hat der Krämer welche?«
»Ja,« schrieen sämtliche Buben und Mädel und lachten, als erwarteten
sie, daß die Schokolade gleich vom Himmel herunterpurzeln sollte.
»Na, dann paßt mal auf,« sagte der Geheimrat, zog sein Portemonnaie
hervor und suchte alles Kleingeld zusammen. Seine Begleiter taten es
ihm nach, und jedes Kind erhielt einen Groschen. »Dafür dürft ihr gehen
und euch Schokolade kaufen.«
»Geht nach Niederheudorf, da gibt es bessere,« riet der Schulze. Er
dachte, Niederheudorf ist weiter, da sind sie nicht so rasch zurück.
Die Kinder nickten, und eins, zwei, drei waren sie vom Steinhaufen weg
und im Walde verschwunden. Zwei Minuten später aber waren sie alle
wieder da.
»Na nu, holt ihr denn keine Schokolade?« riefen die Herren verdutzt.
»Krämers Trude ist gegangen, sie bringt uns alles, wir erzählen ihr
nachher, was los ist,« riefen Buben und Mädel wie aus einem Munde und
kamen geschwind so dicht heran, als müßten sie durchaus mit ihren Nasen
dabei sein.
»Mir scheint, es hilft uns nichts, wir müssen uns mit den Kindern
abfinden,« sagte der Geheimrat halb lachend, halb ärgerlich, »na,
vielleicht wird ihnen die Sache bald langweilig!«
Diese Hoffnung sollte sich auch erfüllen, den Kindern wurde das
Zusehen wirklich langweilig. Sie hatten gedacht, es würde ganz
geschwind gehen, und die goldenen Schätze würden aus der Erde gehoben
werden wie die Kartoffeln im Herbst, statt dessen mahnte der Geheimrat
immer zur Vorsicht, und nur langsam wurde ein Stein nach dem andern
abgetragen. So kam es, daß die Kinder gar nicht dabei waren, als am
nächsten Tage gegen Abend endlich das Grab geöffnet wurde. Es fanden
sich wirklich allerlei Urnen und Bronzegeräte darin, ein Schwert,
Armringe und dergleichen. Die Sachen wurden in das Wirtshaus gebracht
und dort aufgestellt. Kaspar auf dem Berge hatte heilig und teuer
gelobt, er wollte alles sorgsam behüten, während draußen im Walde die
drei Herren das geöffnete Grab noch weiter untersuchten.
Ganz Oberheudorf war über das Hünengrab in Aufregung. Freilich waren
die meisten etwas enttäuscht; sie hatten wie die Kinder erwartet, in
dem Grab würden kostbare Schmucksachen liegen, Gold und Edelsteine; die
paar unansehnlichen Dinge wollten ihnen gar nicht recht gefallen. Sie
konnten nicht begreifen, warum die gelehrten Herren so froh darüber
waren und taten, als hätten sie Wunder was für Kostbarkeiten gefunden.
»Wenn sie wenigstens ordentlich blank wären,« sagte Annchen Amsee und
deutete verächtlich auf einen fast schwarzen Armring. Etliche Buben
und Mädel standen nämlich wieder einmal vor den ausgegrabenen Sachen.
Es war Sonnabend nachmittag, aber obgleich schulfrei war, waren die
Kinder nicht in den Wald gelaufen, wo die Herren das Grab wieder
zuschütten ließen, nur ein paar ganz neugierige Buben waren mitgerannt,
den andern war es eben zu langweilig. Morgen wollten die drei Herren
abreisen, und der Wirt sagte wichtig zu den Kindern: »Seht euch nur
alles noch einmal gründlich an, die Sachen kommen nachher in ein
Mu -- se -- um, ja, so hat der Herr Geheimrat gesagt!«
»Was ist denn das für ein Ding, Oheim?« fragte Heine Peterle.
»Hm ja,« Kaspar legte den Finger an die Nase, »das ist, nun das ist
eben eine große Truhe.«
»Aber so schmutzig, wie alles ist,« rief Waldbauers Mariandel, die ein
kleines, sauberes Mädel war und himmelgern putzte und wischte. »Wir
wollen es blank putzen,« schrieen Annchen Amsee und Schulzens Röse
begeistert, »gelt ja, wir dürfen?« fragten sie den Wirt. »Der Herr
Geheimrat wird sich sicher arg freuen.«
»Na ja, hm, ich weiß nicht recht, gut wär's freilich schon, wenn der
Schmutz runter käme,« sagte Kaspar nachdenklich.
Die Mädel bettelten und baten, die Buben halfen ihnen, und endlich
erlaubte es der Wirt; er dachte auch, die Gäste würden sich schon
freuen.
Flink holten nun Annchen Amsee und Mariandel Sand, Seife,
Scheuerbürsten und Lappen herbei, die Buben standen mit den Händen in
den Hosentaschen da und sahen zu, und Heine Peterle befahl, als sei
er mindestens ein General: »Zuerst den Säbel!« Damit meinte er das
Schwert, aber das wollten die Mädel nicht anfassen, davor graulten sie
sich. »Vielleicht ist mal jemand damit totgestochen worden, brr, nä,«
rief Annchen Amsee und schüttelte sich, als sei sie ein Apfelbaum, von
dem alle Äpfel herunterfallen sollten. Mariandel ergriff einen Armring
und sagte: »Wir wollen erst mal sehen, ob es geht. Pfui, ist das Ding
schmierig!« Das kleine, handfeste Mädel rieb tapfer mit Seife, Sand
und der Scheuerbürste an dem uralten Reif. »Na, das geht aber schwer,«
stöhnte sie, rieb und rieb und siehe da, der Schmutz ging wirklich
etwas ab.
»Macht nur nichts entzwei,« warnte der Wirt die Eifrigen.
»Bewahre,« riefen die Buben, als wären sie es, die putzten, »wir passen
schon auf!«
»Na, euch brauchen wir gar nicht,« erwiderte Annchen Amsee schnippisch,
»ihr steht uns ja nur im Wege.«
Schulzens Jakob wollte gerade seine Entrüstung über diese Frechheit
aussprechen, als sich die Türe öffnete und der Herr Geheimrat eintrat.
»Zum Donnerwetter, was macht ihr denn da?« schrie er so laut und so
wütend, daß Mariandel vor Schreck gleich mit ihrer Scheuerbürste
hintenüber purzelte.
»Wir putzen,« stammelten Annchen Amsee und Krämers Trude, »wir...«
Weiter kamen sie nicht, der Geheimrat riß ihnen die Reifen aus
den Händen, und dabei schalt und wetterte er so, daß es den Buben
und Mädeln himmelangst wurde und der Wirt mit puterrotem Gesicht
erschrocken zur Türe hereinsah. »Was gibt's denn, was gibt's denn?«
rief er.
»Die dummen Dinger hier,« schrie ihn der gelehrte Herr an, »putzen an
den Sachen herum. Nennen Sie das aufpassen, Herr Wirt?«
»Hm ja,« murmelte Kaspar ganz verdattert, »schmutzig genug ist doch
das Zeug, und die Mädel wollten dem Herrn Geheimrat doch eine Freude
machen!«
»Eine Freude!« Der Geheimrat schaute drein, als wüßte er nicht, ob er
lachen oder vielleicht jemand eine Ohrfeige geben sollte, und die Mädel
brachen vor Angst in ein so furchtbares Jammergeschrei aus, daß der
Geheimrat sie entsetzt anstarrte. Sein Zorn legte sich ein wenig, da er
sah, daß der angerichtete Schaden noch nicht groß war, und er sagte
etwas freundlicher: »Aber Kinder, weint doch nicht so!«
Wenn die Oberheudorfer Mädel aber einmal heulten, dann besorgten sie
das gleich gründlich. Mit drei Tränlein vielleicht war bei ihnen die
Sache nicht abgetan, Taschentuch und Schürze mußten zum Ausringen naß
sein, und an Geschrei durfte es auch nicht fehlen. Zum Überfluß stand
noch Mine an der Türe und heulte mit, Kastor, der Haushund, bellte
dazu, die Buben schnitten grimmige Gesichter, und draußen auf der
Dorfstraße schnatterten die Gänse, bellten die Hunde, und Schuster
Pechdraht schaute zu dem offenen Fenster hinein und fragte: »Was haben
denn die Mädel, was fehlt ihnen denn?«
Der Geheimrat sah sich ratlos um: der Lärm war ja gräßlich, die Ohren
hätte man sich zuhalten mögen bei diesem Geschrei. Ihm riß schließlich
die Geduld, und er schrie empört: »Hinaus, macht, daß ihr alle
hinauskommt!«
»Er haut!« schrie Anton Friedlich erschrocken, und hops! war er an
der Tür. Er rannte Mine und Kastor beinahe um, und wie die wilde Jagd
folgten ihm die andern. Ein Scheuereimer wurde umgeworfen, ein Stück
Seife flog in eine Ecke, eine Scheuerbürste fiel dem Geheimrat vor
die Füße, und der alte Herr fing da plötzlich an zu lachen, laut und
herzlich. »Er ist übergeschnappt,« jammerte Mine und flüchtete in die
Küche. Dem Geheimrat aber kam die Geschichte nun doch sehr komisch
vor, er lachte noch, als seine beiden Gefährten zurückkamen. Er zeigte
ihnen die Putzversuche und sagte: »So etwas ist mir auch noch nicht
vorgekommen, nein, so dumme Mädel!«
Im Dorf sagten ihm später dies Wort nur etliche Leute nach, die
meisten fanden, die Mädel wären doch aber sehr brav gewesen, und dem
schmutzigen, alten Kram wäre das Putzen schon recht gewesen; viel
dümmer sei es, ihn schmutzig zu lassen!
»Nä, schmutzig müssen die in der Stadt aber sein,« sagte Heine Peterle
verächtlich und wischte sich mit seinem Jackenärmel seine kleine
Stupsnase ab. »Pfui, nicht mal putzen lassen die die alten Sachen!«
»Pfui!« riefen auch die Mädel verächtlich, die noch immer tief
beleidigt waren.
Die drei gelehrten Herren aber packten ihre ausgegrabenen Sachen
geschwind sorgsam ein; sie hatten Angst, es könnte sie noch jemand mit
Sand und Seife abscheuern wollen. Am nächsten Morgen, der sonntäglich
hell und schön war, ging der Geheimrat noch einmal nach dem Hünengrab
hinaus, das wieder sorgfältig zugeschüttet worden war. Als er hinaus
kam, fand er Friede draußen. Der Bube saß auf den Steinen, er hatte
den Stachelbeerstrauch, den man achtlos beiseite geworfen hatte, neben
sich liegen und weinte bitterlich.
»Warum weinst du denn?« fragte der alte Herr den Knaben mitleidig.
Der hob seine blauen Augen zu dem gelehrten Herrn empor und sagte
leise, zaghaft: »Der Busch hier ist ausgerissen worden und alles
zerstört. Und -- es war doch so schön!« Dann sprang er rasch auf, nahm
den Stachelbeerbusch und lief davon.
Kopfschüttelnd sah der Geheimrat ihm nach: »Eine wunderliche
Gesellschaft, diese Oberheudorfer Kinder, höchst merkwürdig! Ein Bube,
der weint, weil man ein paar Büsche ausgerissen hat, ist wirklich
sehr merkwürdig; ich glaube beinahe, in dem steckt ein Dichter. Na,
ich werde den Kindern eine große Zuckertüte schenken!« Das tat der
Geheimrat auch, und seitdem finden ihn alle Oberheudorfer Buben und
Mädel sehr nett. Annchen Amsee aber sagte: »Er hat sich halt doch über
unsere Putzerei gefreut.«
In Muhme Lenelies' winzigem Garten fand der Stachelbeerbusch von dem
Hünengrab noch ein Plätzchen, und Friede pflegte ihn, als sei er der
kostbarste Strauch der Welt.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Nachtwächter sein ist manchmal schwer.
In Oberheudorf sagten die Leute wohl manchmal von einem, der recht,
recht gut schläft: Er schläft so fest wie Hans Rumps. Darüber war
dann allemal Hans Rumps, der Nachtwächter, sehr ärgerlich; er wollte
das nicht gern hören, weil doch eigentlich ein Nachtwächter wachen
und nicht schlafen soll. Aber freilich, viel zu wachen gab es in
Oberheudorf nicht, es passierte selten ein Unheil. Wenn es wirklich
einmal brannte, dann war das Feuer meist so freundlich, am Tage
auszubrechen, oder andere Leute merkten es und schrieen gleich so
gewaltig, daß selbst Hans Rumps aufwachte und dann immer noch Zeit
hatte, in sein Horn zu blasen. Spitzbuben und anderes lichtscheues
Gesindel ließ sich kaum in Oberheudorf sehen. Hans Rumps meinte, weil
sie alle Angst vor ihm hätten, die Dorfbewohner aber dachten, wohl weil
ihr Dorf abseits von der großen Landstraße liegt und selbst Spitzbuben
manchmal zu faul sind, erst Umwege zu machen. Mitunter hatten der
Schulze und andere Bauern schon gesagt, eigentlich brauchten sie gar
keinen Nachtwächter mehr, einen Nachtwächter zu haben, sei überhaupt
gar nicht mehr Mode.
Potztausend, dann schimpfte aber Hans Rumps, wenn er so etwas hörte. Er
meinte, ein Nachtwächter sei etwas ungeheuer Notwendiges und Wichtiges;
wenn die Leute in den Städten so dumm wären und statt Nachtwächter
Polizisten hätten, na gut, das mochten sie, aber ein Nachtwächter sei
eben doch am besten, und Oberheudorf ohne Nachtwächter sei gar nicht
auszudenken. Im Ernst dachte schließlich auch niemand daran, Hans Rumps
seinen Posten zu nehmen. Von seiner Wichtigkeit waren freilich nur
wenige überzeugt, aber das schadete nichts, er selbst war es desto mehr.
Weil nun Hans Rumps schließlich doch nicht Tag und Nacht schlafen
konnte, spazierte er in der Zeit, in der er wachte, gern auf der
Dorfstraße herum und tat, als hätte er tausend notwendige Dinge zu tun.
Passierte irgend etwas im Dorf, und der Nachtwächter erfuhr es, dann
konnte man sicher sein, daß es eine halbe Stunde später alle andern
Leute auch wußten.
Mit den Kindern war Hans Rumps meist gut freund, die erzählten ihm
gern alle ihre Schulgeschichten, und wenn der Nachtwächter langsam und
feierlich durch das Dorf ging, dann hopsten meist ein paar Buben und
Mädel neben ihm herum und schwätzten mit ihm.
Muhme Lenelies sagte manchmal: »Es hat halt jeder Mensch mitunter
seinen Linksaufstehtag, an dem er nicht weiß, ob er mit der Sonne
Streit anfangen oder dem Wind das Blasen verbieten soll.« So einen
Linksaufstehtag hatte nun Hans Rumps auch mitunter, und dann war mit
ihm nicht gut Kirschen essen, dann brummte und schalt er über alles,
dann schrie er die Gänse an, sie sollten das Schnattern lassen, die
Hühner sollten mehr Eier legen, und die Kinder hätte er dann am
liebsten den ganzen Tag in der Schule nachsitzen lassen.
An einem solchen Tage nun fand der Nachtwächter einmal mitten auf der
Dorfstraße ein paar Holzpantoffel. Heine Peterle hatte sie stehen
lassen, weil es ihm einfiel, daß das Barfußlaufen an einem heißen Tage
behaglicher sei. Die Pantoffel erst nach Hause zu tragen, das war ihm
zu anstrengend gewesen, er hatte sie einfach auf der Straße stehen
lassen und gedacht: Wenn ich zurückkomme, nehme ich sie mit. Schulzens
Jakob, Anton Friedlich und noch einige andere Buben hatten ihn nämlich
zum Indianerspielen aufgefordert, und dazu war es ihm gerade nicht zu
heiß.
Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an, schüttelte mit dem Kopf, zog
die Stirn in Falten, bückte sich endlich, hob die Pantoffel auf und
trug sie finster bis an den Dorfteich und -- warf sie hinein. »Es muß
Ordnung auf der Dorfstraße sein,« murrte er, »mit dem Kindervolk ist's
auch nicht mehr auszukommen.«
Annchen Amsee und Bäckermeisters Mariele, die am andern Ufer sehr
eifrig mit ihren kleinen Geschwistern Puppenwäsche abhielten, sahen
die Untat; sie schrieen laut auf vor Empörung, und Annchen Amsee wäre
beinahe vor Schreck in das Wasser gefallen. Hans Rumps ärgerte sich
über das Geschrei, hob drohend die Hand empor und sagte scheltend: »Ich
werde euch in das Spritzenhaus sperren, wenn ihr so schreit!«
Das war doch arg! Die Mädel sahen sich ganz entsetzt an ob dieser
Grobheit, dann nahmen sie eins, zwei, drei Wäsche, Puppen und kleine
Geschwister und zogen heim. Unterwegs trafen sie die Buben, die
gerade in voller Indianeraufregung ankamen. Ihnen erzählten die Mädel
empört, was geschehen war, und nicht lange nachher standen sämtliche
Oberheudorfer Buben und Mädel um den Teich herum, auf dem Heine
Peterles Pantoffel schwammen, und lärmten, als zöge der Feind mit
hundert Kanonen auf Oberheudorf los.
Hans Rumps aber war in seiner schlechten Laune erst zum Schulzen und
dann zum Herrn Lehrer gegangen und hatte die Kinder verklagt; sie
wären ausbündig ungezogen. Der Schulze war gerade arbeitsmüde vom
Felde heimgekommen und hatte ein großes Amtsschreiben vorgefunden, das
er beantworten sollte. Nun kam auch noch der Nachtwächter mit seiner
Klage. Das war ihm zu toll. Er lief hinaus und hielt den Buben und
Mädeln eine solche Strafrede, daß es denen zumute war, als prasselten
Hagelkörner auf ihre Köpfe hernieder. Sie waren anfangs so verdutzt,
daß sie überhaupt nichts sagen konnten, als aber der Herr Lehrer auch
noch dazukam, gefolgt von Hans Rumps, und auch noch schelten wollte, da
erhoben Mädel und Buben ein furchtbares Jammergeheul. Sie schrieen und
klagten: »Wir haben ja nichts getan!«
Heine Peterles Holzpantoffel, die eigentlich das ganze Unheil
angerichtet hatten, schwammen inzwischen ganz vergnügt auf dem Teich
herum. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und bewegte ein wenig
das Wasser. Schnipfelbauers Fritz, dem das Schelten und Klagen etwas
langweilig geworden war, hatte eine Bohnenstange am Teichrand gefunden.
Damit bemühte er sich in allem Wirrwarr, die Pantoffel an das Land zu
ziehen, und gerade als Hans Rumps seine Anklage vorbringen wollte,
platschte es, das Wasser spritzte hoch auf, und -- zwei Bubenbeine
ragten einige Sekunden zappelnd in die Luft.
Entsetzt sprangen der Schulze und der Lehrer herbei, und so schnell als
er hineingefallen war, so schnell kam Schnipfelbauers Fritz auch wieder
aus dem Wasser heraus. Er schluckte, pustete, spuckte und schrie, der
Schulze aber fuhr ihn an: »Mach, daß du nach Hause kommst, dummer
Bengel du! Und ihr andern schert euch auch fort, sonst fallen noch ein
paar von euch ins Wasser. Nun marsch, kehrt, drückt euch!«
Damit endete die Geschichte. Hinterher fand der Schulze, daß eigentlich
nur Heine Peterle einen Rüffel verdient hätte, denn Holzpantoffel
dürfen eben nicht auf der Dorfstraße stehen. »So ein Gezeter um ein
Paar Holzpantoffel,« brummte er Hans Rumps an, »was soll denn das
heißen? Haben die Dinger vielleicht gebissen?«
Der Nachtwächter zog beschämt von dannen, ging heim und legte sich
schlafen, um sich für den Nachtdienst zu stärken.
Die Kinder aber waren empört, sie waren alle miteinander bitterböse
auf Hans Rumps. Am ärgerlichsten war Heine Peterle. Der Bube bekam
daheim noch einmal Schelte, und das wäre alles nicht gewesen, wenn der
Nachtwächter die Pantoffel nicht in den Teich geworfen hätte. »Hans
Rumps nimm dich in acht!« murmelten die Buben in den nächsten Tagen,
und die Mädel flüsterten und tuschelten einander zu: »Sie spielen ihm
einen Streich.«
Dem Nachtwächter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein
Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, daß er den Kindern doch
eigentlich unrecht getan hatte; er ärgerte sich darüber und war darum
noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht,
als sollten alle Nachtwächter der Welt auf eine wüste, einsame Insel
verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf,
erschrak vor dessen bitterböser Miene.
Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage
butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zählten ihre Eier zusammen,
pflückten Obst und Gemüse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche
in aller Morgenfrühe in die nächste Stadt, um dort auf dem Markt ihre
Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern
gaben ihnen ihre Waren mit. Die Bäuerinnen wechselten meist mit dem
Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit.
Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer
viel früher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schönsten
Morgenschlummer gestört, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte
aber auch dabei sein, wenn die Bäuerinnen abfuhren, er hielt das
für seine Pflicht. Die Bäuerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und
neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr
schön und warm, ja man konnte schon sagen heiß. Hans Rumps, der sich
sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen
hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die
gerade vor dem Wirtshaus »Zur himmelblauen Ente« stand. Hier pflegten
sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit
ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren.
Der Nachtwächter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es
nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon
munter.
Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel
und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein
kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er
schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel
hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder
Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in
manches Mädchenstübchen und Bubenkämmerlein lugte der Mond hinein,
sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: »Wenn sie so friedlich
schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was für wilde, unnütze Buben
und Mädel es eigentlich sind.« An diesem Sommerabend nun machte der
Mond so ein verwundertes Gesicht, daß ein berühmter Professor, der das
liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt
ausrief: »Alle Wetter, ja, was fällt denn dem Mond ein? Bei dem scheint
etwas nicht in Ordnung zu sein.«