Der Bube wurde so rot, daß die Eltern, Muhme Rese und die Mägde ihn

ganz erstaunt ansahen, und nun erzählte Heinrich, der böse Heinrich,

die ganze Gespenstergeschichte. Dabei gab es Klöße mit Backobst, und

Heine Peterle konnte vor Verlegenheit von dem guten Gericht gar nicht

so viel essen als sonst, beinahe hungrig stand er vom Tisch auf. Es ist

wirklich nicht schön, ausgelacht zu werden.

Zum Überfluß kam nachher noch die Schulzenfrau und erzählte, wie es bei

ihnen gespukt hätte, und daß auch ihr zweites Bettuch früh auf einmal

auf dem Zaun gehangen hätte.

Und Heine Peterle mußte Abbitte im Schulzenhaus tun, und Schulzens

Jakob kam zu Heine Peterles Mutter abbitten, -- es war sehr peinlich.

Seitdem wollen die Buben nichts mehr von Gespenstern wissen, die sind

doch ein zu dummes Gesindel, und um Heinrich machten die Buben noch

lange, lange einen weiten Bogen herum.

[Illustration: Essen]

[Illustration: Dekoration]

Es hat in der Zeitung gestanden.

»Es ist doch wirklich toll, was alles auf der Welt passiert!« brummte

der Oberheudorfer Schulze an einem Sonntagnachmittag und schaute über

seine Zeitung weg seine Frau an. »Nä, so was aber auch!«

»Was gibt's denn?« fragte die Bäuerin und hielt im Nähen inne. Der

Oberknecht, der gerade seinen Sonntagsstritzel verzehrt hatte, und

Jakob, der noch mit vollen Backen kaute, sahen auch beide gespannt auf

den Bauern; wenn der die Zeitung las, wußte er nachher immer etwas

zu erzählen. Der Schulze knurrte, lachte und rief kopfschüttelnd:

»Potzwetter nochmal, so dumm! Nur gut, daß sie noch Wagen und Pferd

gefunden haben!«

»Was für einen Wagen? Was für ein Pferd?« fragte die Bäuerin ein wenig

ungeduldig.

Ihr Mann aber zog erst noch einmal kräftig an seiner Pfeife, blies

Jakob eine dicke Rauchwolke ins Gesicht, rückte sich dann die Brille

zurecht und las endlich langsam und feierlich vor: »Bei dem letzten

Pferdemarkt in N.....burg ist der Lederhändler Matthias Haberland auf

eigenartige Weise bestohlen worden. Er stand dicht neben seinem Wagen

mit einigen Bekannten zusammen und merkte nicht, daß sich ein Fremder

auf den Wagen setzte und einfach davonfuhr. Bekannten des Händlers,

denen der Dieb unterwegs begegnete, rief der zu: »Wir haben schon alles

Leder verkauft.« Pferd und Wagen fand man später auf der Landstraße,

alles Leder aber war spurlos verschwunden.«

»Nä, so'n Döskopp,« rief der Oberknecht lachend, »steht neben seinem

Wagen und merkt nicht, daß der davongefahren wird!« Er redete mit

dem Bauern und der Bäuerin noch hin und her über die sonderbare

Sache, während Jakob geschwind hinauslief. Draußen erzählte er seinen

Kameraden auf der Dorfstraße sehr wichtig die Geschichte.

»So dumm,« rief Heine Peterle, »den Dieb davonfahren zu lassen! Ich

hätt's nicht getan.«

»Ich auch nicht, nä, bestimmt nicht,« riefen drei, vier Stimmen, und

alle Buben waren gleich miteinander einig, daß eben nur in der Stadt

solche Dummheiten passieren könnten.

»'s ist nischt los mit der Stadt,« brummte Heine Peterle verächtlich

und schoß mitten auf der Dorfstraße, trotz Sonntagshosen und

Sonntagskittel, einen so wundervollen Purzelbaum, daß seine Kameraden

ihn darum ordentlich anstaunten.

Etliche Tage später marschierten Schulzens Jakob und Röse, der dicke

Friede und Schnipfelbauers Fritz im Frühlingssturm heimwärts. Sie

kamen alle vier von Berenbach, einem Dorf, das etwa eine Stunde übern

Berg von Oberheudorf entfernt lag. Die Berenbacher Kinder kamen nach

Oberheudorf in die Schule, und darum sagten die Oberheudorfer Buben und

Mädel gern: »Pah, die Berenbacher, das sind die Rechten, nicht einmal

eine Schule haben sie!« Im ganzen aber konnten die Oberheudorfer Kinder

die von Berenbach gut leiden, besser als die Niederheudorfer Buben und

Mädel, denn die waren in ihren Augen eben dort schrecklich eingebildet

auf die drei Kramläden im Dorf und auf sonst noch allerlei. Die vier

Wanderer waren mit ihren Gedanken noch in Berenbach; sie waren dort

bei des dicken Friede Muhme gewesen, die sie mit Kaffee und Kuchen

gut aufgenommen hatte. Davon sprachen sie und von den beiden weißen

Ziegenböcken im Stall der Muhme, und daß die Berenbacher Kinder es doch

eigentlich recht gut hätten, daß die Schule nicht im Dorf wäre. Wenn

zum Beispiel einmal Hochwasser war oder im Winter haushoher Schnee

lag, dann brauchten sie gar nicht in die Schule zu gehen. Nun lag an

diesem Tage weder haushoher Schnee noch zeigte der Bach Lust, ein

Hochwasser zu verursachen. Doch daß der Frühling gekommen war, sah

man schon überall. Büsche und Bäume trugen feine Blättchen und dicke

Knospen, und auf dem Boden des Waldes, durch den die Kinder gingen,

blühten Anemonen, Himmelsschlüssel, Küchenschellen und noch manch

feines, zierliches Blümchen. Der Kuckuck ließ trotz des brausenden

Sturmes seinen lockenden Ruf ertönen, einmal rief er da, einmal dort,

als wollte er die Kinder auffordern, ihm zu folgen.

Schulzens Jakob wollte an diesen Frühlingswahrsager gerade allerlei

Zukunftsfragen stellen, als Schnipfelbauers Fritz auf einmal rief:

»Guckt nur, da steht ein Wagen ganz allein!«

Im Nu waren alle vier am Wagen, standen und staunten, als hätten sie

in ihrem Leben noch keinen solchen Wagen gesehen. Dabei war es ein

ganz einfacher Planwagen, wie ihn die Leute in der Gegend nahmen, wenn

sie zum Markt fuhren. Darauf saß niemand, darin lag niemand, er hätte

gerade zwischen dem Stroh liegen müssen, das bis an den Kutschersitz

heranreichte. Das braune Pferdchen, das vor den Wagen gespannt war,

stand still und ergeben da und machte ein Gesicht, als wollte es sagen:

»Na, wißt ihr, unterhaltsam ist die Sache nun gerade nicht.«

Den vier Kindern freilich war die Begebenheit sehr unterhaltsam. Ein

bißchen neugierig, ein wenig Hans Dampf in allen Gassen waren die

Oberheudorfer Buben und Mädel fast alle, und so guckten, wisperten und

tuschelten denn jetzt auch die vier sehr eifrig miteinander; alle Tage

findet man ja selbst in Oberheudorf nicht einen Wagen ohne Fuhrmann auf

der Landstraße.

»Der Wagen sieht wie der unsrige aus,« meinte Schnipfelbauers Fritz.

»Wir haben auch so einen,« sagte Röse eifrig, »ganz genau so!«

»Das ist so, wie es neulich in der Zeitung stand,« rief der dicke

Friede nach einem Weilchen. »Ganz genau so ist's! Der Wagen ist sicher

gestohlen worden.«

»Huh, ist das graulich!« rief Röse. »Ich reiße aus!«

»Furchttrine,« sagte ihr Bruder, »wir -- wir nehmen den Wagen einfach

mit.«

»Ja,« schrieen Schnipfelbauers Fritz und Friede begeistert. Beide

begannen geschwind auf den Bock zu klettern, Jakob folgte und Röse

auch; sie hatte Angst, die drei Kameraden würden sie allein im Walde

lassen. Auf dem Bock war es zwar etwas eng, und jedes saß beinahe auf

des andern Schoß, aber das störte die vier weiter nicht, sie waren sehr

befriedigt und fanden das Abenteuer wundervoll. Schulzens Jakob ergriff

keck die Zügel, alle miteinander riefen »hühhott!« und weil das Pferd

nicht gleich laufen wollte, nahm Fritz die Peitsche und knallte damit.

In diesem Augenblick schrie jemand hinter dem Wagen laut auf. Die

Kinder sahen sich entsetzt an. »Der Dieb!« jammerte Röse, aber schon

hatte Fritz die Peitsche dem armen Pferdchen um die Ohren geschlagen,

und das nahm dies gewaltig übel. Hühhott brauchte nun keiner mehr zu

schreien, das Pferd raste wie besessen davon, und ein lautes Schreien

tönte ihm nach.

»Der Dieb, der Dieb!« tuschelten die Kinder, das Pferdchen rannte,

und da der Weg bergab ging, wurde es eine tolle Fahrt. Jakob merkte

bald, daß das Pferd lief, wie es wollte, nicht, wie er wollte. Jakob

fuchtelte mit der Peitsche verzweifelt in der Luft herum, und die

beiden andern stöhnten und klagten immer abwechselnd.

Das Pferd kümmerte sich nicht im geringsten darum, es raste immer

wilder bergab. Einmal flog der Wagen rechts herum, einmal links herum,

einmal hopste er wie ein Frosch, der einen Tümpel sieht. Und innen im

Wagen begann es seltsam zu klirren und zu poltern. Den Kindern wurde es

himmelangst; zuletzt verlor Fritz die Peitsche, Jakob ließ die Zügel

sinken, und alle brüllten miteinander, so laut sie nur konnten.

»Jetzt fallen wir alle in den Graben,« dachte Friede verzweifelt, als

Oberheudorf auftauchte und es kurz vor dem Dorf ziemlich steil bergab

ging. Sie fielen aber nicht, es gab auf einmal einen Ruck. Friede

Hopserling stand neben dem Wagen, hielt das Pferd am Zügel, und laut

rufend und jammernd öffneten sich die Haustüren, und alle, die daheim

waren in Oberheudorf, kamen angelaufen; die meisten Männer waren

freilich draußen auf dem Felde. Etliche Frauen kamen an, Mädel und

Buben, Hunde, Gänse, zwei Ziegen, Hühner, und wer sonst noch den Lärm

gehört hatte.

Die vier Kinder auf dem Bock waren ganz verdattert und konnten zuerst

auf alle Fragen gar keine Antwort geben. Endlich, nachdem der Vater des

dicken Friede seinen Buben ein wenig hin und her geschüttelt und seine

Mutter ihm versprochen hatte: »Nachher bekommst du ein Honigbrot,«

konnte der Bube die wunderbare Begebenheit erzählen.

»Tut, tut!« blies Hans Rumps rasch in sein Horn, denn die Sache schien

ihm so ungeheuer wichtig, daß er sie beblasen mußte.

»Seid doch still!« murrte der Bauer ärgerlich. »Was soll denn die

dämliche Blaserei dabei?«

Hans Rumps schwieg gekränkt, seiner Meinung nach gab das Blasen der

Geschichte erst die nötige Feierlichkeit. »Der Schulze muß her,«

sagten ein paar Stimmen, »man muß doch wissen, wem Pferd und Wagen

gehören.«

»Ich meine, es sieht so -- so bekannt aus,« brummte Friede Hopserling

und ging um den Wagen herum, das Schild zu lesen, das jeder Wagen haben

mußte. Es war keins da, und Schulzens Jakob, der sich jetzt auch darauf

besonnen hatte, daß er einen Mund besaß und sprechen konnte, sagte

wichtig: »Das hat der Dieb abgemacht.«

Die Leute sahen sich an. Ja, so war es wohl, und Hans Rumps blies

wieder in sein Horn. »Tut, tut, tut, tut, der Schulze muß herbei.«

Der kam gerade mit etlichen Bauern und Knechten vom Feld, und als die

Männer beim ersten Haus vom Dorf das Blasen hörten, kamen sie sehr

eilig angelaufen. Wenn Hans Rumps blies, da war etwas nicht in Ordnung,

und der Schulze dachte: »Na, was wird das wieder für eine Dummheit

sein!«

Die Bauern kamen von der einen Seite angerannt, von der andern kam die

Schnipfelbäuerin. Der hatte Mine, die Wirtsmagd, zugerufen: »Bäuerin,

Fritz hat beinahe ein Dieb mitgenommen. Außerdem ist er halbtot

gefahren!«

Die arme Frau rannte in ihrer Angst alles um, was ihr in den Weg kam.

Sie hätte so auch beinahe den Schulzen umgerannt, doch der hielt sie

fest und fragte, was los sei. »Mein Fritz, mein Fritz!« jammerte die

Frau. Mine, die voran lief, drehte sich um und rief: »Schulze, der

Jakob ist auch dabei.«

»Donnerwetter,« rief der Schulze, »na, ich dachte es doch! Sicher ist

es eine Dummheit!« Er lief auch dahin, wo der Wagen stand, er sah seine

Kinder, Jakob erzählte, Röse heulte, die Schnipfelbäuerin hielt ihren

Fritz im Arm, und ein paar Stimmen riefen dem Schulzen entgegen, was

geschehen war. Verstehen konnte der zuerst in allem Geschrei und Gelärm

nichts, endlich aber erzählte Jakob stolz und leidlich vernünftig, was

sich eigentlich zugetragen hatte.

Der Schnipfelbauer kam auch vom Feld, auch er hörte den Lärm, und

natürlich kam er so geschwind herbei, als er laufen konnte. »Na nu,«

schrie er, »was ist denn mit meinem Wagen passiert?«

»Mit Eurem Wagen?« fragte der Schulze, und etliche Stimmen

wiederholten: »Mit Eurem Wagen?«

»Mit unserm Wagen?« rief die Schnipfelbäuerin, die bis dahin nur ihren

Buben und nicht den Wagen angeschaut hatte.

»Na freilich mit unserm Wagen, mit dem die Kathrine nach Hohenstein zum

Markt gefahren ist. Ich werde doch unsern Wagen kennen, wenn auch das

Schild fehlt!«

»Und die Kathrine fehlt auch,« rief die Bäuerin entsetzt.

»Ach wo, die ist hier,« schrie just da eine Stimme. Keuchend, prustend,

puterrot und fuchsteufelswild kam die Magd angetrabt, unter dem einen

Arm ein Wagenschild, unter dem andern eine Peitsche. »So eine freche

Bande! Nä, die Buben, und unser Fritz immer voran! Haue müssen sie

haben, daß es nur so klappt. So was, aber so was auch, mir armen

Person solchen Schrecken einzujagen! Immer ungezogener werden sie, die

heillosen Buben. Na, wenn ich der Herr Lehrer wäre, ich brächte ihnen

die Flötentöne bei, ich....« Schwapp hatte Fritz einen Katzenkopf

rechts, Schulzens Jakob einen links, und hätte die Kathrine vier Hände

gehabt, dann hätten Friede und Röse auch noch ihr Teil bekommen.

»Aber Kathrine, Kathrine,« riefen Bauer und Bäuerin, »was ist denn

geschehen? Die Buben sagen doch, der Wagen hätte allein auf der Straße

gehalten.«

»Nu freilich,« murrte die Magd, »dicht dabei hab' ich ein paar Kräuter

gepflückt, 's war noch so früh am Tage, und unsere arme Liese sollte

sich ein Weilchen ausruhen. Ich sehe die drei Buben und Schulzens Röse

kommen, die bleiben am Wagen stehen; na, ich denk' mir nichts dabei und

geh' ein paar Schritte tiefer in den Wald. Nä, und auf einmal -- ich

denk', ein Mäuschen beißt mich -- höre ich die Peitsche knallen und

sehe den Wagen haste nicht gesehen davonfahren. Ich schrei, aber ach,

da hätte ja wohl eher so eine alte dicke Tanne guten Tag gesagt,

ehe die dreimal unnützen Buben gehört hätten. Sie rasten davon, ich

hinterher, ich merkte doch, daß unsere Liese durchgeht. Unterwegs

habe ich dann die Tafel gefunden und die Peitsche, und wenn's gerecht

zuging, dann kriegten jetzt alle vier mit der Peitsche tüchtige Haue.«

Die vier Missetäter entschuldigten sich: »Wir dachten doch, er wäre

gestohlen, huhuhu, es hat doch so was in der Zeitung gestanden!«

»Ach du meine Güte, nu denk' ich erst an unsere Töpfe,« jammerte

Kathrine in das Kindergeschrei hinein. »Wenn die entzwei gegangen sind

bei dem Gefahre!« Sie sprang auf den Wagen, kauerte im Stroh und warf

plötzlich klagend etliche Scherben heraus; drei von den neuen Töpfen

waren wirklich entzweigegangen, kurz und klein zerschlagen bei der

tollen Fahrt.

Anton Friedlich stieß Heine Peterle an, denn natürlich standen die

beiden auch dabei und sahen zu, und tuschelte: »Ausreißen wäre am

besten!«

Heine Peterle nickte, er teilte des Kameraden Meinung vollständig, und

die vier Missetäter wären sicher auch himmelgern ausgerissen, wenn sie

nur gekonnt hätten; sie standen aber so mitten drin im Gewühl, daß

sie sich gar nicht rühren konnten. Der braunen Liese nun schien das

Ausreißen an diesem Tage besonders zu gefallen, vielleicht war ihr auch

das Geschrei zu groß, kurz, sie zog ganz plötzlich an und rannte heidi

davon. Kathrine, die auf dem Wagen stand, fiel vor Schreck zwischen die

neuen Töpfe, und alle andern rannten hinter der wilden Liese drein.

Doch die kannte ihren Weg; sie bog rechts um und stand wenige Minuten

später auf dem Hofe des Schnipfelbauern. Sie hatte wohl an diesem Tage

genug von aller Lauferei und wollte in ihren Stall zurück.

In diesem Wirrwarr flüsterte Röse ihrem Bruder zu: »Wir wollen zu Muhme

Lenelies gehen, sie muß doch die Geschichte wissen!« Schnipfelbauers

Fritz und Friede riefen gleich: »Wir gehen mit!« und trapp, trapp

rannten alle vier links herum und langten bald atemlos bei Muhme

Lenelies an. Die Muhme war daheim, sie freute sich auch und lachte

auch sehr über die Geschichte und fand es äußerst nett, daß die Kinder

gleich zu ihr gekommen waren. Sie wunderte sich kein bißchen darüber;

es kam öfters vor, daß sich Oberheudorfer Buben und Mädel, wenn sie

eine Dummheit gemacht hatten, erst etwas bei Muhme Lenelies erholten.

Das Häuschen der Muhme lag so schön abseits wie eine Burg, in der

man sicher und wohlbehütet sitzt, kam es den Kindern zu Zeiten vor,

obgleich das windschiefe kleine Haus sonst gar keine Ähnlichkeit mit

einer Burg hatte.

[Illustration: Muhmes Häuschen]

Sehr spät verließen die vier an diesem Tage ihre Burg, und in der Zeit,

die verronnen war, hatte sich Kathrines Zorn etwas gelegt, ihr lautes

Schelten hatte sich in leises Brummen verwandelt. Fritz kam also

noch so leidlich bei der Sache fort. Der Schulze aber sagte: »'s ist

nur gut, daß wir keine Zeitung in Oberheudorf haben, sonst käme die

Geschichte noch hinein, denn Dummheiten lesen die Leute allemal gern,

und eine Dummheit war's doch von den Kindern, potzwetter ja!«

Als die Berenbacher Kinder aber die Geschichte am nächsten Tage

erfuhren, da fanden sie sie nicht dumm, sondern wundervoll, und

sagten zu den Oberheudorfern: »Das nächste Mal bringen wir euch heim,

vielleicht passiert wieder was!«

[Illustration: Friedes, Fritz', Jakobs und Röses Kutschfahrt]

[Illustration: Dekoration]

Ein kleiner Held.

Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleißige Frau, immer wohlgemut

und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: »Das

Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Türe hinein!« Aber einmal,

Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das

Kranksein unversehens zur Türe hineingerutscht, und die arme Muhme

Lenelies bekam einen bösen Husten, der sie arg quälte. Weil die Muhme

nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und

trüben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das

Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: »Es ist

doch behaglich, daß ich bei dem bösen Sturm nicht hinausbrauche, aber

am schönsten ist es doch, daß man in Krankheitstagen sieht, wie gut

doch eigentlich viele Menschen sind.«

»Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme,«

erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. »Wäret Ihr nicht

allzeit so hilfsbereit, dann kümmerte sich just wohl niemand um Euch.«

Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe

und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie

die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit

doch für sie. Über nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr

wie über ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute

an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von früh

bis abends, hielt das Häuschen schmuck und sauber, ja er suchte noch

da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mühsam

erworbenen Spargroschen daraufgingen. »Wie eine Königin hab' ich's,«

sagte die Muhme mitunter zu Friede. »Ich habe einen Diener, das bist

du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd,

das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu, -- soll einer

sich so viele dienstbare Geister suchen.« --

Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Kälte

eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam,

da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als hätte der Winter erst

angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Gräben und Wege

verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule

kommen, und eines Sonnabends mußten es die Oberheudorfer Bauernfrauen

aufgeben, zum Markt zu fahren. »Man kommt nicht mehr durch,« sagten sie.

Traumfriede erzählte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter,

und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß, seufzte ein

wenig: »Ich dacht's mir balde! Na, da muß man auch zufrieden sein.«

»Muhme,« rief Traumfriede erschrocken, »deine Tropfen sind doch alle,

und wenn morgen niemand in die Stadt fährt, mußt du ja so lange noch

warten?«

»Freilich, mein Junge,« sagte die alte Frau gelassen, »die Tropfen

werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne

Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrübtes Gesicht, man muß froh

sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie draußen der Wind

heult.«

Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, daß die Pflegemutter

keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der

Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt,

an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit könnte leicht

schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pünktlich einnähme.

In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Häuschen herum,

als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen.

Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst

lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen

erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stübchen war

ganz behaglich warm. »Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber

dazugehalten,« dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der

Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber

alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon

die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett

stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. »Du meine Güte,« murmelte

die Muhme, »da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon

in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!«

Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, daß

Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der

Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmännchen, und die

Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte

sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem

Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.

Der Sturm heulte draußen immer noch, und sehr langsam nur wurde es

hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage

manchmal: »Heute will es auch gar nicht Mittag werden!« Endlich hörte

sie draußen Schritte, jemand kam. Sie lauschte, -- Friede war es nicht,

also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat

auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbäuerin ein. Sie wohnte

ganz nahe und hatte der Muhme schon öfters in den Tagen der Krankheit

eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an.

Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und

sagte: »Nun eßt nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch

gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim

ist.«

»Ei,« rief Muhme Lenelies und vergaß vor Erstaunen fast das Dankeschön,

»wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswörtchen hat er mir vom

Fortgehen gesagt.«

»Na sehe einer den Buben an,« sagte die Bäuerin, »ganz heimlich geht

er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am

Samstag gibt es halt überall Arbeit, und der Friede läßt sich schon

gebrauchen. 's ist recht von ihm, daß er darauf sieht, ein paar

Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wäre nur halb so fleißig

und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt,

dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm

käme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe

heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!«

Die Bäuerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies tröstete: »Ein gutes Herz

hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Paßt auf, er wird noch

ein braver, verständiger Bube werden!«

Die Schnipfelbäuerin nickte zufrieden, sie hörte es wie alle Mütter

gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und daß der

Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und

Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das tröstete sie

immer wieder. Ganz vergnügt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der

Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der

Haustür traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie

aus Muhme Lenelies' Häuschen kommen sah: »Warum ist denn Traumfriede

nicht in der Schule gewesen?«

»Nicht in der Schule gewesen?« wiederholte die Schnipfelbäuerin

erstaunt. »Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn

einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?«

»Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,« sagte Fritz, der ordentlich

froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine

Faulheit zu wundern hatte.

»Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer

nicht auf ihn sein,« meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es

Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde

von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei

Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon

bekommt einer schon Hunger.

Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen · 第 2 / 11 段