[Illustration: Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf]
[Illustration: Muhme Lenelies und ihre Freunde.]
Neue Kindergeschichten
aus Oberheudorf
[Illustration: Dekoration]
Fünfzehn heitere Erzählungen
von
Josephine Siebe
Verfasserin der »Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten«
Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
von =Carl Schmauk=
[Illustration: Wappen]
_Stuttgart_
=Verlag von Levy & Müller=
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
Inhalt.
Seite
Einleitung: Warum noch ein Buch geschrieben wurde 1
Ein Fastnachtsscherz 7
Vorsicht, Gespenster! 29
Es hat in der Zeitung gestanden 43
Ein kleiner Held 57
Das Hünengrab 76
Nachtwächter sein ist manchmal schwer 96
Schauspieler sind da! 114
Die schöne Flickerin. (Ein Märchen) 132
Das zornmütige Annchen 149
Wir wollen die Bahn! 164
Ein Wundervogel 176
Ferienarbeiten, und was manchmal daraus wird 195
Der unsichtbare Kaspar. (Ein Märchen) 211
Traumfriedes Glück 229
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Winter in Oberheudorf]
Einleitung.
Warum noch ein Buch geschrieben wurde.
An einem Wintertag, an dem es draußen schneite und wehte, als hätte
der Winter Sehnsucht, ein paar erfrorene Nasen zu sehen, saß der
Schullehrer von Oberheudorf in seinem Wohnzimmer und las seiner Frau
aus einem Buche vor. Die Kälte und der Sturm draußen kümmerten sie
alle beide nicht, sie lachten einmal laut, einmal leise, und die Frau
Lehrerin rief manchmal: »Na, so etwas!« und ihr Mann nickte dann und
sagte vergnügt zwischen Vorlesen und Lachen: »Es stimmt, es stimmt!
Wirklich, so ist es gewesen, ganz genau so!«
Einmal sahen beide auch traurig drein, und die Frau wischte sich
verstohlen ein paar Tränlein aus den Augen, und dann wurden sie alle
beide wieder vergnügt und waren so eifrig zusammen, er beim Lesen und
sie beim Zuhören und Strümpfestopfen, daß sie gar nicht hörten, als es
draußen klopfte. Erst als das Klopfen stärker wurde, hörte der Lehrer
auf zu lesen, und seine Frau ging und öffnete die Türe. Herein kam ein
altes Weiblein, das hatte ein rotes Kopftuch um und ein so liebes,
freundliches Gesicht, als wäre die Sonne seine allerbeste Freundin.
Die Lehrersleute riefen ihr auch recht vergnügt entgegen: »Ei, guten
Abend, Muhme Lenelies! Das ist recht, daß Sie sich mal sehen lassen.
Sie kommen just auch gerade wie gerufen!«
Muhme Lenelies mußte sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte
ihr geschwind eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Wecken, und als
die Alte nun so recht vergnügt und behaglich dasaß, nahm der Herr
Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor.
Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hände zusammen
und rief: »Ih nä, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert,
nu ganz gewiß! Daß mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den
Suppentopf gefallen ist, das muß ich doch wissen!«
»Freilich, freilich,« lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das
hübsch eingebundene Buch. »Da lesen Sie nur einmal!« Ein bißchen mühsam
und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge
her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: »Oberheudorfer Buben-
und Mädelgeschichten.«
»Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und
Mädeln stehen in dem Buch,« rief die Lehrersfrau. »Von Heine Peterle,
wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens
Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Röse und Mariandel,
selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unnützen Strick, wird darin
geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Häusel und mein
Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat.«
»Jemine, jemine,« rief die Muhme, »so etwas ist mir in meinem Leben
noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist über Oberheudorf
geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt
werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn
Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt.« Plötzlich aber
machte Muhme Lenelies ein ganz ängstliches Gesicht und fragte zaghaft:
»Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Häusel
auch sauber darin vor? 's wäre mir doch zu schrecklich, wenn jemand
sagen möchte, ich hätte nicht reine gemacht.«
»Na, wer sollte das wohl sagen?« meinte die Lehrersfrau. »Bei Ihnen
sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die
Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im
Buche.«
»Du meine Güte!« schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer
Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank, -- plumps, lag die Tasse
unten, und es gab eine kleine braune Überschwemmung, worüber die gute
Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen,
und die Lehrersleute mußten sie richtig trösten. Dann aber wollte Muhme
Lenelies wissen, was für Geschichten noch im Buch stünden, und der Herr
Lehrer erzählte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten
sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kämen so nach und
nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die
Frau Lehrerin: »Von dem Hünengrab steht doch nichts drin, und was die
Mädel dabei für eine Dummheit gemacht haben!«
»Nein,« erwiderte ihr Mann, »die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen
überhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts
geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens
Jakob Gespenster gesehen haben.«
»Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern
Kindern zu Fastnacht ergangen ist,« rief die Muhme, »und von dem
Nachtwächter ist auch nichts erzählt worden.«
»Ein paar von Muhme Lenelies' Märchen könnten auch noch drin stehen,«
meinte die Frau Lehrerin, »die gefallen mir gerade so gut.«
Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau
recht. Nachdenklich sagte er: »Es gäbe freilich ein sehr, sehr dickes
Buch. Eigentlich könnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten
genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert.«
»Es passiert wirklich erstaunlich viel,« rief Muhme Lenelies stolz.
»Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf.
Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es
auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wäre, dann wüßte ich,
was ich täte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das
Buch gedruckt worden ist, es möchte geschwind jemand herkommen und noch
alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen.«
»Muhme Lenelies hat recht,« sagte die Lehrersfrau und goß der Alten
schnell die dritte Tasse Kaffee ein. »Tu es doch, lieber Mann! Gefällt
den kleinen Leuten in der weiten Welt =ein= Buch von Oberheudorf, so
gefällt ihnen wohl auch ein zweites.«
Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein
Tintenfaß und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. »Er wird
schon etwas nützen,« sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich
wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit
vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie
beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nächsten Morgen
zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen.
Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg
schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur
Haustür heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche
zu hören. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie
die Muhme: »Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn
schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mädeln kann man wirklich noch
mehr Geschichten erzählen.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Ein Fastnachtsscherz.
Für die Kinder von Oberheudorf gibt es mancherlei Feste, die
Stadtkinder gar nicht kennen; freilich haben diese dafür auch
Vergnügungen und Freuden, von denen die Oberheudorfer kein Tipfelchen
besehen. Denen nun war einer der liebsten Tage im Jahre der
Fastnachtsdienstag. Potzwetter, ging es da lustig im Dorfe zu! Jeder
Bube, jedes Mädel verkleidete sich, so nannten sie es wenigstens. Eins
setzte sich einen Papierhelm auf, das andere eine aus bunten Flicken
zusammengesetzte Narrenkappe oder zog gar ein Hanswurströcklein an.
Heine Peterle, den sie den Städter nannten, weil er einmal hatte
gern in die Stadt ziehen wollen, stolzierte immer als König auf der
Dorfstraße herum. Er besaß einen roten Lappen mit ein bißchen Goldborte
besetzt, das war der Königsmantel, dazu hatte ihm seine Muhme Rese
einmal eine Krone aus Goldpapier geschenkt. Hei, wie trug der Bube an
diesem Tage seine kleine Stupsnase hoch, wie klapperte er mit seinen
Holzpantoffeln! Ungeheuer wichtig kam er sich vor.
»Was wahr ist, muß wahr bleiben,« sagte Muhme Rese einmal zu Muhme
Lenelies, dieser guten Freundin aller Oberheudorfer Kinder, die in
einem windschiefen Häuschen am Dorfende wohnte, »unser Heine Peterle
hat was Vornehmes an sich, wenn er so als König herumrennt.«
»Ja,« hatte Muhme Lenelies lachend erwidert, »nur daß er sein halbes
Musbrot im Gesicht hat, will mir nicht gefallen.«
»So 'ne Kleinigkeit!« hatte da Muhme Rese gebrummt. Sie war dann aber
doch fix ins Haus gelaufen, hatte ein nasses Handtuch geholt, und
als Heine Peterle wieder mit stolzer Königsmiene am Haus vorbeikam,
da hatte sie ihn geschwind erwischt und ihm eins, zwei, drei mit dem
nassen Lappen den Musbart aus dem Gesicht gewischt. Heine Peterle
hatte mächtig gebrüllt, -- welcher König läßt sich aber auch so etwas
gefallen!
Nun war wieder einmal die Fastenzeit herangerückt. Etliche Tage vor dem
Fastnachtstag stand ein Häuflein Kinder auf der Dorfstraße zusammen,
sie warteten alle auf Schulzens Jakob und seine Schwester Röse. Die
Geschwister sollten von ihrem Vater eine Bestellung in Niederheudorf
ausrichten, und die andern wollten sie begleiten. Nach Niederheudorf,
das größer und stattlicher als Oberheudorf war, gingen die Buben und
Mädel gern, obgleich sie eigentlich immer mit den Niederheudorfer
Kindern Streit hatten. Einmal ging es um das Vogelschießen, das in
Niederheudorf abgehalten wurde, und auf das alle Einwohner so stolz
waren wie etwa die Berliner auf ihren Tiergarten; ein anderes Mal
behaupteten die Oberheudorfer, ihre Schulweihnachtsfeier wäre schöner;
dann wieder sagten die Niederheudorfer, bei ihnen könnte man alles
einkaufen, denn es gab drei Krämer im Ort, Oberheudorf aber hatte nur
einen. Trotz alledem liefen die Oberheudorfer Buben und Mädel gar
geschwind, wenn sie in das Nachbardorf gehen durften. Sie gingen aber
meist truppweise, denn man konnte nicht wissen, die Niederheudorfer
verstanden das Balgen gar zu gut und teilten gern ein paar Püffe aus.
»Wo sie nur bleiben?« sagte Schnipfelbauers Fritz, von dem Muhme
Lenelies immer behauptete, er wäre sehr naseweis.
Heine Peterle, Anton Friedlich, der blaue Friede, der nicht blau war,
nur seine Hosen waren es, und der dicke Friede, der auch nicht dick
war, erhoben ihre Stimmen und schrieen: »Jakob, Röse, wo bleibt ihr
denn?«
»Schreit doch nicht so!« sagte Annchen Amsee, und ihre nußbraunen Augen
sahen wie lauter Vergnügen drein. Waldbauers Mariandel, Krämers Trude
und Bäckermeisters Mariele, die natürlich auch dabei waren, quiekten:
»Wie ihr auch seid! Buben müssen immer brüllen.«
Ehe sich die Buben noch gründlich und nachdrücklich gegen diesen
Vorwurf verteidigen konnten, kamen die Schulzenkinder aus dem Hause
gelaufen, Jakob schwenkte einen großen Brief in der Hand und sagte
wichtig: »Den muß ich abgeben!«
»Na, dann mal los!« schrie Anton Friedlich, und die Kinder marschierten
vergnügt die Dorfstraße hinab. Muhme Lenelies saß an ihrem Fenster, sie
sah die Schar kommen und rief geschwind ihrem Pflegesohn zu, den sie im
Dorf den Traumfriede nannten: »Du, Friede, lauf schnell mit, die gehen
nach Niederheudorf; kannst dort mal rumfragen, ob jemand etwas in der
Stadt besorgt haben will.«
Muhme Lenelies tat nämlich mitunter Botengänge, und die Bauernfrauen
ließen sich gern allerlei von ihr einkaufen, denn sie meinten, so gut
wie die Muhme verstünde dies niemand sonst. Die schwierigsten Sachen
besorgte die alte Frau, die in der Stadt so gut Bescheid wußte wie in
ihrem Häusel. Was für wichtige Dinge hatte sie aber da auch schon
besorgen müssen! Sie war sogar mit der Niederheudorfer Schulzentochter
das Brautkleid einkaufen gegangen, und die reiche Schnipfelbäuerin
sagte, die Muhme wäre der reine Minister, so gut konnte sie Rat geben.
Friede ließ sich das Fortgehen nicht zweimal sagen, schwippdiwupp
war er draußen. Dort wurde er mit großem Geschrei von den andern
Kindern empfangen. Vor einem halben Jahr noch war Traumfriede immer
einsam gewesen, da hatte er als Pflegesohn bei dem Kohlbauern ein gar
jämmerliches Dasein geführt, seitdem er aber bei Muhme Lenelies sein
durfte, war er ein lustiger Bube geworden, der nicht mehr scheu zur
Seite stand, wenn die andern Kinder spielten.
Unterwegs sprachen sie alle von Fastnacht. Es herrschte in Oberheudorf
die Sitte, daß die Kinder am Fastnachtstage von Haus zu Haus gingen,
ein Sprüchlein sagten und dafür Pfannkuchen, Fastnachtswecken, auch
wohl einen Kreisel, bunte Tonkugeln oder dergleichen erhielten. Auf
diesen Umgang freuten sie sich immer alle sehr und konnten es an diesem
Tage noch weniger als sonst erwarten, bis die Schule aus war, denn
gleich nach dem Mittagessen begann der Umgang. Merkwürdigerweise wußten
die Kinder immer schon genau vorher, welche Kuchensorte diese und
welche jene Bäuerin gebacken hatte, und daß es da Zuckerstangen gab
und dort getrocknete Pflaumen, dort viel zu holen sei, in jenem Hause
weniger.
»Aber zum Kohlbauern gehe ich nicht wieder,« sagte auf einmal Heine
Peterle, »nä, da gibt's immer so wenig.«
»Mir hat er voriges Jahr nur eine Backbirne gegeben, und die war
madig,« schalt der dicke Friede, noch jetzt darüber empört.
»Er ärgert sich immer über den Tag,« sagte Traumfriede nachdenklich.
Voriges Jahr war er noch bei dem geizigen Bauern gewesen; er hatte
wie alle Kinder seinen Bittgang tun dürfen, als er aber mit seinem
gefüllten Säcklein heimgekommen war, da hatte es ihm der Bauer
abgenommen, und er hatte nichts von all den Herrlichkeiten mehr
gesehen. Wie jetzt die Kinder so miteinander sprachen, dachte er an
jene bittere Enttäuschung und erzählte Waldbauers Mariandel, die neben
ihm ging, die Geschichte. Annchen Amsee hatte auch zugehört, und sie
war es, die plötzlich entrüstet rief: »Nein, pfui, der Kohlbauer ist
aber doch zu abscheulich, hört nur!«
Trotzdem Friede bat, sie möchte schweigen, erzählte Annchen doch
empört die Geschichte, und alle andern brachen in ein lautes
Entrüstungsgeschrei aus. »Wir gehen nicht hin,« riefen sie einmütig.
Nur Schnipfelbauers Fritz sagte lachend: »Ich gehe gerade hin. Wenn wir
nicht kommen, freut sich doch der Kohlbauer nur.«
Sehr erstaunt sahen die andern Fritz an. Ja, der hatte wohl recht. Sie
blieben vor lauter Aufregung mitten auf der Landstraße stehen, schalten
auf den Kohlbauern, stritten, ob sie hingehen sollten, und merkten
darüber gar nicht, daß ein Wagen angefahren kam. Darauf saß Friede
Hopserling, der Müllerknecht, der große Friede, wie ihn die Kinder
nannten. Der Knecht war auf seinem Wagen ein bißchen eingenickt, sein
Pferd kannte den Weg so gut wie er, und da es bergauf ging, hatte die
brave schwarze Grete auch keine Lust, sehr schnell zu laufen. Daß man
in eine schwätzende Kinderschar nicht mitten hineinfahren darf, wußte
Grete anscheinend, sie blieb plötzlich stehen, und darüber wachte
Friede Hopserling auf. »Na, was gibt's denn?« fragte er verdutzt.
»Friede, hör nur!« -- »Pfui, der Kohlbauer!« -- »So abscheulich ist
er,« schrieen die Kinder durcheinander, und es hätte einer schon viel
klüger sein müssen, als Friede Hopserling war, um zu wissen, was das
Geschrei eigentlich bedeuten sollte. Nach und nach bekam er es doch
heraus, und nun machte Friede seine Zwinkeraugen.
Das tat er gern, wenn es galt, jemand zu necken. Friede Hopserling
war zwar nicht gerade ungeheuer klug, aber er hatte es hinter den
Ohren, faustdick sogar. Er sagte auch jetzt mit einem heimlichen,
verschmitzten Lachen: »Freilich müßt ihr hingehen, ihr und -- die
Niederheudorfer auch. Die sind doch immer dabei, wenn es etwas zu holen
gibt.«
»Aber beim Kohlbauern gibt es doch nichts! Muhme Rese sagt, so viel
kann eine Maus allemal auf ihrem Schwanz forttragen,« rief Heine
Peterle entrüstet.
»Na ja, eben darum!« Friede Hopserling grinste vergnügt, blinzelte und
zwinkerte mit den Augen, sagte hühhott, sein Pferd zog den Wagen an,
und fort ging es.
Erst starrten die Kinder ihm ganz verblüfft nach. Was meinte nur der
Müllerknecht? Dann aber kam ihnen nach und nach das Verständnis für
diese Schelmerei. Anton Friedlich und Schnipfelbauers Fritz begriffen
zuerst, was Friede gemeint hatte. Sie brachen in ein förmliches
Freudengeheul aus und schrieen: »Wir wollen den Niederheudorfern sagen,
beim Kohlbauern kriegten sie was Feines. Hurra, hurra, das wird ein
Spaß!« Die Buben waren gleich alle dafür, selbst Traumfriede meinte,
die Neckerei sei nicht schlimm; auch einige Mädel stimmten in den Jubel
ein, nur Waldbauers Mariandel und Schulzens Röse wollten nicht recht
mittun.
»Alte Zimpersusen,« schrie Heine Peterle entrüstet, und Annchen Amsee,
die vor Vergnügen über diesen neuen Spaß immer von einem Bein auf das
andere hüpfte, schalt: »Ach, seid doch keine Spielverderber!«
So sehr zuzureden brauchten die andern nicht, die beiden Mädel
willigten bald ein, und dann ging es weiter, so geschwind sie nur
alle laufen konnten, auf Niederheudorf zu. Ganz atemlos kamen sie
alle an den ersten Häusern des stattlichen Dorfes an, und da standen
auch gleich drei Buben. Die sahen die Oberheudorfer kommen und riefen
spottend: »Na, wo kommt ihr denn her? Wollt wohl Einkäufe bei uns
machen? Freilich, bei euch kriegt man ja nichts!«
Aber die Oberheudorfer ließen sich nicht verblüffen, sie taten ganz
freundlich, hatten nicht, wie es wohl sonst geschah, schnippische
Widerreden, sondern erzählten ganz friedlich, was sie vorhätten, und
dann sprachen sie auch von Fastnacht. Es waren inzwischen mehr Kinder
herangekommen; alle standen sie in einem Hümpelchen zusammen, und
über alle hinweg hörte man Anton Friedlichs Stimme gellen. Der Bube
erzählte von Fastnacht, und am Schluß sagte er: »Beim Kohlenbauern gibt
es den besten Kuchen!«
»Na, ich denke, der ist geizig,« rief ein langer Niederheudorfer Bube.
»Freilich,« sagte Anton Friedlich geschwind, »sonst schon, an Fastnacht
aber, da läßt er etwas draufgehen. Kommt ihr denn dieses Jahr etwa zu
uns?«
»Wir wissen es noch nicht,« sagten die Niederheudorfer und schauten
sich an. Mitunter nämlich gingen die Kinder auch in die Nachbardörfer;
es gab zwar manchmal Streit darum, aber wenn die Kinder wußten, daß
in diesem oder jenem Hause besonders reichlich für Fastnachtskuchen
gesorgt worden war, dann kamen sie wohl auch dorthin aus einem
Nachbardorf.
Anton Friedlich, der wußte, -- er hatte es nämlich ausprobiert, -- daß
Verbieten manchmal recht wenig nützt, rief keck: »Aber das sage ich
euch, zum Kohlbauern dürft ihr nicht, dem sein Kuchen gehört uns. Es
gibt Prügel, wenn ihr kommt.«
Ein Hohngelächter antwortete den Buben. Die Oberheudorfer aber scherten
sich nicht daran, sie behaupteten plötzlich, sie müßten geschwind heim,
und eilten alle in das Dorf hinein, ihre Geschäfte zu besorgen. Als
sie auf dem Heimweg waren, liefen eine Anzahl Niederheudorfer Kinder
ihnen nach und schrieen: »Auf Wiedersehen zu Fastnacht, wir kommen zum
Kohlbauern.«
»Wir leiden's nicht,« riefen die Oberheudorfer drohend zurück. Dann
begannen sie zu rennen, damit nur die Niederheudorfer nicht sehen
sollten, wie sehr sie lachten. Erst an einem großen Birnbaum, der auf
halbem Wege zwischen den beiden Dörfern stand, blieben sie stehen,
um sich auszulachen. Von den Niederheudorfern war nichts mehr zu
sehen, die hatten das Nachrennen aufgegeben, die standen zusammen und
berieten, daß sie zu Fastnacht nach Oberheudorf zum Kohlbauern gehen
wollten.
Der Kohlbauer war stets an Festtagen, an denen andere Leute vergnügt
und lustig sind, schlechter Laune. Er ärgerte sich, daß Knecht und Magd
feierten, er ärgerte sich über den Festkuchen, der gebacken wurde,
obgleich er immer tüchtig davon aß, er ärgerte sich eigentlich über die
Fliege an der Wand. Am allerärgerlichsten war er aber zu Fastnacht.
Seiner Meinung nach war das gar kein Fest, sondern ein Unsinn, und
wenn jemand nur das Wort Fastnacht aussprach, dann zog er gleich ein
Gesicht, als hätte er einen Liter Essig auf einmal ausgetrunken.
Seine einzige Freude war, wenn es an diesem Tage recht regnete oder
schneite; je toller das Wetter dann war, desto vergnügter schaute er
drein. In diesem Jahre nun war das Wetter am Fastnachtsdienstag aber so
schön, als hätte es Muhme Lenelies, die immer allen Kindern nur Gutes
gönnte, bestellt. Am frühen Morgen schon hatte die Sonne ihre Vorhänge
weit aufgezogen. Kein Wölkchen war am blauen Himmel zu sehen, und die
Sonnenstrahlen tanzten auf die Erde herunter, als wollten sie auch
Fastnacht feiern.
Man spürte schon den Frühling an allen Ecken und Enden, obgleich er
doch eigentlich noch gar kein Recht zu kommen hatte. In Oberheudorf
redeten alle von Fastnacht und Frühling durcheinander, Muhme Rese
sagte: »Er kommt,« und Heine Peterle antwortete: »Er ist doch schon
da!« Da meinte halt Muhme Rese den Frühling und Heine Peterle den
Fastnachtstag. Der Herr Lehrer freilich schob die Unruhe an diesem
Tage nicht auf den Frühling, sondern auf die Fastnachtsfreude, und
wunderlicherweise schien er an diesem Tage manches heimliche Schwätzen
und Kichern gar nicht zu hören; zum Schluß wünschte er auch allen
Kindern noch viel Vergnügen.
Daran fehlte es auch nicht. Mit solchem Jubel und Geschrei stürmten
die Kinder heimwärts, daß es selbst Schuster Pechdrahts Nero zu viel
wurde, der sonst ein sehr duldsamer Hund war; bellend stürzte er
zwischen die Kinder. Ach, aber was kümmerten sich die darum. Die
ließen den Nero bellen und die andern Hunde dazu. Fix waren sie in den
Häusern drin, und kaum hatten sie den letzten Bissen vom Mittagessen
hinuntergeschluckt, da liefen sie schon hinaus, und vor dem Wirtshaus
»Zur himmelblauen Ente«, das dem Wirt Kaspar auf dem Berge gehörte,
trafen sie sich alle miteinander. Nun begann der Umgang. Immer drei und
vier gingen zusammen, die einen rechts, die andern links, die einen
geradeaus, die andern im Bogen, und bald erscholl vor den Türen das
Singen:
»Wir gehen vor des Bauern Haus,
Die Bäurin sieht zum Fenster raus,
Sie schaut so freundlich drein --
Rira, freundlich drein.
Ach, schenk uns was ins Beutelein,
Ins Beutelein hinein.
Schenk uns Wein, schenk uns Weck,
Wir kehren euch morgen die Asche weg,
Rira, Asche weg!«
Alle Kinder fanden dieses Verslein, das schon ihre Väter und Mütter
in ihrer Jugend gesungen hatten, wundervoll und sangen es aus lauter
Freude daran manchmal dreimal vor einem Haus.
Die Bäuerinnen schauten auch wirklich meist freundlich zum Fenster
hinaus, neckten auch wohl erst die Kinder ein Weilchen, taten, als
verstünden sie den Bittgesang nicht, und brachten dann doch die
Fastnachtsgaben herbei. Freilich, Wein gab es nie, das schadete aber
auch nichts, die Kinder baten doch immer darum. So allgemach füllten
sich die Säcklein, auch der Magen wurde nicht vergessen, und mancher
Pfannkuchen bekam erst gar nicht den Sack zu sehen. --
Als die Kinder so eine Stunde herumgezogen waren, sagte Heine Peterle
zu Annchen Amsee: »Ob sie wohl kommen?«
Zu gleicher Zeit reckte Schnipfelbauers Fritz seine Nase in die Luft
und meinte: »Na, nun könnten die Niederheudorfer bald da sein!«
»Sie kommen vielleicht nicht,« erwiderte Krämers Trude, »sie haben es
vielleicht gemerkt.«
Aber sie kamen doch. Anton Friedlich, der mit Schulzens Jakob immer mal
zwischen dem Einsammeln bis zu Muhme Lenelies' Häuschen gelaufen war,
von wo aus man den Weg nach Niederheudorf ein Stückchen weit übersehen
konnte, rief es zuerst: »Sie kommen!« Es war, als ob jemand mit
einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoßen hätte, so kribbelten und
krabbelten die Kinder alle durcheinander; eins rief es dem andern zu,
und mit einem Male sahen die Dorfbewohner zu ihrem großen Erstaunen,
wie von überall her Buben und Mädel kamen und nach des Kohlbauern Hof
liefen. Dieser große, stattliche Bauernhof lag etwas über dem Dorf auf
einer mäßigen Anhöhe, weiter links davon lag dann der Waldbauern-Hof,
wo das Mariandel daheim war.
»Nun möchte ich nur wissen, was die Kinder wollen,« sagte die
Waldbäuerin zur Schulzenfrau, die als erster Gast zu einem
Fastnachtskaffee zu ihr gekommen war.
Die Kinder gingen aber nicht zum Kohlbauern hinein, sondern stellten
sich alle auf eine Wiese, ein Stück abseits vom Hause. Sie zeigten
einander ihre Säckchen, taten ganz ungeheuer wichtig und schienen
gar nichts, auch rein gar nichts von dem zu merken, was um sie herum
vorging. Dabei entstand nach einem Weilchen ein ziemlicher Lärm.
Schwatzend und lachend kamen etwa zwanzig Niederheudorfer Buben
und Mädel den Berg heraufgezogen. Die hatten gemeint, es sei doch
vielleicht lohnend, dem Kohlbauern einen Besuch abzustatten. Sie
schauten nicht links und nicht rechts, sondern zogen schnurstracks
auf das Haus zu. Sie gingen immer paarweise, schwenkten ihre Säcklein
erwartungsvoll und begannen laut zu singen:
»Wir wünschen dem Bauern einen goldenen Tisch,
Darauf soll stehen ein gebratener Fisch,
Kuchen und Brot und güldener Wein.
Eia, da wollt' ich zu Gaste sein!
Mög' sich die Bäurin bedenken,
Und uns nun auch was schenken!«
»Nä, so ein dummer Vers,« brummte der dicke Friede, und die andern
stimmten ihm eifrig zu: »Sehr dumm, unser Lied ist viel feiner!«
Die Niederheudorfer aber fanden wieder ihr Sprüchlein, das auch schon
ihre Väter und Mütter gesungen hatten, wundervoll und warteten sehr
gespannt auf den Kuchen des Kohlbauern.
Der Bauer war an diesem Tage noch griesgrämiger als sonst, er ärgerte
sich, daß Fastnacht war, daß die Sonne schien, daß alle Leute vergnügt
aussahen, am meisten aber ärgerte er sich, daß alle Leute ihn geizig
nannten. Er war es, aber wie das oft so geht, er wollte nicht dafür
gelten. Nun hatte ihn am Tage vorher der Schulze so recht spöttisch
gefragt, ob er auch guten Fastnachtskuchen hätte backen lassen. Des
Kohlbauern Frau war schon lange tot, und eine Haushälterin, ein gutes,
braves Weib, führte ihm die Wirtschaft. Zu der hatte er denn am Abend
vorher fuchswild gesagt: »Wenn Kinder kommen, gib reichlich!«
Das hatte sich Frau Marthe nun nicht zweimal sagen lassen, und
in aller Morgenfrühe hatte sie schon eine tüchtige Schüssel Teig
eingerührt und köstliche große Zuckerbrezeln gebacken. Den Bauern
hatte das freilich sehr geärgert, er wollte aber doch nicht sein Wort
zurücknehmen. Seit ihm die Bauern den Traumfriede fortgenommen hatten,
weil er den armen Waisenjungen zu schlecht gehalten, hätte er dem
Dorf gern einmal gezeigt: »Seht, ich, der Kohlbauer, bin gar nicht so
geizig, wie ihr denkt.«
Der Geruch des frisch gebackenen Kuchens durchzog an diesem Tage lecker
das Haus, und der Bauer dachte ingrimmig: »Hoffentlich kommen nicht
viel Kinder. Es wäre jammerschade, ihnen die Kuchen zu geben.«
Nach Tisch war der Bauer gleich hinter das Haus gegangen und hatte
angefangen, Holz zu spalten. Mitten in seiner Arbeit hörte er plötzlich
das Singen der Niederheudorfer. Bums, hieb er wütend mit der Axt auf
ein großes Stück Holz, daß es gleich auseinandersprang. »So eine dumme
Singerei!« schimpfte er.
Die Oberheudorfer Buben und Mädel hatten sich schon auf die langen
Gesichter der Niederheudorfer gefreut, als sie auf einmal sahen, wie
Frau Marthe ihnen Zuckerbrezeln austeilte.
Potzwetter noch einmal, sahen die verlockend aus!
»Wir gehen auch hin,« rief Heine Peterle stürmisch, und rasch rannten
alle auf das Haus zu. Dort aber standen die Niederheudorfer wie eine
Mauer, sangen, so laut sie konnten, und ließen die Oberheudorfer
einfach nicht heran. »Jetzt sind wir da,« sagten ein paar Buben patzig.
Aber schließlich waren die Niederheudorfer doch mit ihrem Bittgesang
fertig, und die Oberheudorfer drängten sich herzu. Frau Marthe
erschrak; die schönen Kuchen waren schon verschwunden, und noch so
viele, viele Kinder kamen, aber der Bauer hatte doch gesagt, sie sollte
reichlich geben. Rasch lief sie darum in die Vorratskammer, holte
Backobst herbei und begann damit die bittenden Hände zu füllen. Das
gab lange Gesichter. Backobst hatten die Oberheudorfer Kinder schon in
ihren Beuteln genug, aber solche leckere Zuckerbrezeln noch nicht, und
die verspeisten nun die Niederheudorfer vor ihren Augen mit rechtem
Behagen.
»Es ist zu frech von ihnen, zu uns zu kommen,« murrten die Buben, und
die Mädel brummten mit, und dabei vergaßen sie alle miteinander, daß
sie doch die Gäste herbeigelockt hatten.
Krach, krach, hieb hinten auf dem Hofe der Bauer wütend ein Stück
Holz nach dem andern entzwei. Nahm denn die Singerei noch kein Ende?
Endlich war es mit seiner Geduld vorbei; er stürmte hinaus und erschien
plötzlich mit einem so wütenden Gesicht vor den Kindern, daß die Buben
und Mädel aus Oberheudorf, die ihn kannten, geschwind ihr Backobst im
Stich ließen und, so schnell sie konnten, ausrissen. Dem dicken Friede
blieb vor Schreck eine Pflaume im Halse stecken, und Annchen Amsee
verschluckte einen Birnenstiel. Wie schalt aber auch der Kohlbauer!
[Illustration: Kinder aus Nieder- und Oberheudorf]
»Nä, seht nur,« sagte drüben die Waldbäuerin zu ihren Besucherinnen,
»so ein alter, unwirscher Kerl! Den Niederheudorfer Kindern läßt er
Zuckerbrezeln geben und unsere jagt er weg!«
»Na, der soll mir nur kommen,« rief die Schulzenfrau empört, »der ist
ja eine Schande für das ganze Dorf.«
Das sagten an diesem Nachmittag alle Leute im Dorf. Frau Marthe, des
Kohlbauern Haushälterin, sagte es auch, denn der Bauer schimpfte
fürchterlich, als er sah, daß von allen guten Zuckerbrezeln kein
Krümchen mehr übrig geblieben war, und dazu hatten noch die
Niederheudorfer alles bekommen. Nun würden die Oberheudorfer ihn doch
weiter geizig schelten und ihn weiter verächtlich anschauen; nicht
einmal etwas genützt hatten die teuren Brezeln. Es war zum Davonlaufen!
Das dachte Frau Marthe ebenfalls; sie packte flink ihre Sachen und
verließ am gleichen Tage das Haus, denn, meinte sie, bei einem Bauern,
der den Kindern nicht einmal ihre Fastnachtsgaben gönnt, bleibe ich
nicht; also zog sie fort. »Nicht einmal die gute Frau hält es bei ihm
aus,« sagten sie im Dorfe.
Die Niederheudorfer Buben und Mädel zogen singend und vergnügt wieder
davon, sie hatten es bei der ganzen Geschichte am besten gehabt, und
von den wundervollen Zuckerbrezeln sprachen sie noch lange.
Die Oberheudorfer aber ärgerten sich, sie nahmen sich vor, die
Niederheudorfer nie mehr zu necken. »Nie mehr bis zum nächsten Mal,«
sagte Muhme Lenelies, als sie das hörte. Trotz der nach Niederheudorf
entführten Zuckerbrezeln aber verlief der Fastnachtstag doch sehr
vergnügt. Heine Peterle war ein sehr stolzer König, Annchen Amsee
hielt sich für eine Prinzessin, und Schulzens Jakob klirrte mit einem
verbogenen Säbel und behauptete, er sei General.
Der dicke Friede aber, der eine Leidenschaft für Kasperlespiele hatte,
dachte, er sei in seinem himmelblauen Kittel, den ihm die Großmutter
aus einem alten Rock genäht hatte, wirklich ein Kasperle und fing auf
einmal an, als alle auf dem Dorfplatz standen, ganz fürchterliche
Gesichter zu schneiden, und quiekte wie ein Ferkelchen.
»Der Bube hat sich überessen,« schrie Muhme Rese, die zusah,
erschrocken, und alle Kinder umringten Friede und fragten mitleidig:
»Tut dir der Bauch weh?« -- »Tut er sehr weh?«
Friede war so tiefbeleidigt, daß er erst gar nichts sagen konnte, er
schnappte ordentlich vor Wut nach Luft. Doch plötzlich erschien seine
Mutter, packte ihn am Arm und rief: »Komm, trink Kamillentee, da
werden die Leibschmerzen besser.« Muhme Rese hatte nämlich die Mutter
herbeigeholt und ihr von des Buben Krankheit erzählt.
»Ich bin doch ein Kasperle, ein Kasperle,« schrie Friede entsetzt,
»huhuhu -- ich habe gar keine Leibschmerzen.« Und schwapp riß er sich
los und rannte die Dorfstraße entlang, die Kinder alle hinter ihm her.
»Kasperle, Kasperle!« schrieen sie und holten ihn endlich auch ein.
Nach langem Hinundherreden und Bitten entschloß sich Friede, noch
einmal vor ihnen Kasperle zu spielen.
Sie fanden es alle wundervoll, nun sie wußten, daß es keine
Leibschmerzen waren, und zuletzt spielten alle miteinander Kasperle,
und es war ein solches Geschrei, ein solcher Lärm auf der Dorfstraße,
daß alle Erwachsenen sagten: »Gut, daß nur einmal im Jahre Fastnacht
ist.«
Der Kohlbauer brummte: »Wenn doch die dumme Fastnachtsfeier abgeschafft
würde!« und die Buben und Mädel seufzten abends in ihren Betten: »Ach,
wenn doch nächste Woche wieder Fastnacht wäre!«
Wer hatte da nun recht?
[Illustration: Brezeln]
[Illustration: Dekoration]
Vorsicht, Gespenster!
Wenn in Oberheudorf Heine Peterle und Schulzens Jakob einmal fünf
Minuten miteinander vernünftig sprachen, dann kam sicher eine Dummheit
heraus. Waren gar noch Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich dabei,
dann wurde sicher ein sehr dummer Streich ausgeheckt. Hinterher, wenn
die Sache vielleicht übel ablief und es nachher Schelte, Nachsitzen
oder dergleichen schlimme Dinge gab, wunderten sich die Buben freilich
allemal sehr; sie hatten immer gedacht, ungeheuer klug oder ausnehmend
witzig zu sein.
An einem Herbsttage, an dem der Wind wie ein recht übermütiger Bengel
durch die Dorfgassen jagte, saßen Heine Peterle und Schulzens Jakob auf
einer Gartenmauer und erzählten sich Gespenstergeschichten. Weil es
heller Tag war und es im Garten wohl fruchtbare Obstbäume, aber keine
Gespenster gab, graulten sich die Buben kein bißchen, sondern waren
sehr vergnügt. Wie nun Heine Peterle mitten im Erzählen einer höchst
sonderbaren Geschichte war, die Muhme Rese noch von ihrer Urgroßmutter
wußte, und in der ein Gespenst sich ganz unpassenderweise in eine
Milchschüssel gesetzt hatte, bekam der Bube plötzlich einen derben Puff
von rückwärts und sauste sehr geschwind in ein Gurkenbeet hinab. Im
ersten Augenblick dachte er, trotz der hellen Mittagsonne, das Gespenst
aus der Milchschüssel habe ihn gepackt, aber bald merkte er, daß der
Puff von einer kräftigen Männerhand gekommen war. An der Mauer stand
Heinrich, der bei Heine Peterles Vater den Sommer und Herbst über als
Knecht diente. Der Bursche lachte über das ganze Gesicht und sagte sehr
behaglich: »Na, ihr Dösköppe, ihr könnt auch wirklich etwas Besseres
tun, als euch solche dumme Geschichten erzählen! Kommt, helft mit
Kartoffeln hacken!«
Dazu hatten die Buben nicht die geringste Lust, Heine Peterle sah sogar
sehr wütend aus und sagte patzig: »Zu dir wird auch noch einmal ein
Gespenst kommen.«
»Du meine Güte,« Heinrich lachte, daß seine weißen Zähne in dem
gebräunten Gesicht nur so blitzten, »ihr seid doch zu alberne Buben.
Na, kommt ihr nur erst mal zu den Soldaten, da werden euch die
Gespenstergedanken vergehen. Aber nun marsch, kommt helfen!«
Hops! war da auch Schulzens Jakob von der Mauer herunter in das
Gurkenbeet gesprungen, und beide Buben sausten davon, als hätte der
Herbststurm sie zu seinen Boten ernannt. Heinrich sah ihnen etwas
verdutzt nach, dann brummelte er: »Faule Schlingel!« und ging darauf
selbst kräftig und rüstig an seine Arbeit.
Die Buben hatten sich unterdessen am andern Gartenende wieder
zusammengefunden. Statt über das Gespenst, das Heine Peterle vorläufig
grausam in der Milchschüssel sitzen ließ, sprachen sie beide über
Heinrich. Der war ein Bauernsohn aus einem drei Stunden weit entfernten
Dorfe. Ostern war er von den Soldaten gekommen; er hatte bei der
Kavallerie gedient und trug noch immer die Soldatenmütze auf seinem
hübschen Blondkopf. Nach Weihnachten wollte er heiraten und selbst
einen Hof übernehmen, bis dahin diente er bei Heine Peterles Vater, der
ein besonders tüchtiger Landwirt war. Heine Peterle mochte Heinrich gut
leiden, aber doch ärgerte er sich oft über ihn. Sein Vater sagte immer
wieder: »Sieh dir den Heinrich an, Bube, so sauber und fix mußt du auch
einmal werden. Der arbeitet wie ein anderer tanzt.«
Heine Peterle fand es etwas beschwerlich, immer an künftige Arbeit
gemahnt zu werden, er war überhaupt mehr für Ferientage und Freistunden
eingenommen, und Heinrich mit seinem Fleiß war ihm manchmal etwas
unheimlich. Als wollte der Knecht ihm einen besonderen Schabernack
spielen, so kam es ihm vor, und so sagte er auch an diesem hellen,
stürmischen Herbsttag beleidigt zu Schulzens Jakob: »Dem Heinrich müßte
man mal einen Streich spielen.«
»Ja, das könnte ihm nichts schaden,« stimmte Schulzens Jakob zu und
sah gespannt auf einen rotleuchtenden Apfel, der just vom Baume fiel.
Er meinte, es sei gut, diesen aufzuessen, und weil noch mehr Äpfel am
Boden lagen, fiel es auch Heine Peterle ein, daß Äpfelessen eine ganz
angenehme Beschäftigung sei.
Die Buben schmausten ein Weilchen, aber plötzlich hielt Heine Peterle
inne und rief stolz: »Jetzt weiß ich was.« Und nun bekam Schulzens
Jakob eine ungeheuer komische, geheimnisvolle Geschichte zu hören, über
die er in ein wahres Freudengeheul ausbrach. Die Buben schüttelten sich
vor Lachen, redeten aufgeregt miteinander, vergaßen das Äpfelessen
und stürzten zuletzt eifrig auf die Kürbisbeete zu. Die trugen
reichen Segen; es gab da Früchte in allen Größen, wie schwere goldene
Klumpen lagen sie im Sonnenlicht. Rasch überschauten die Buben den
Garten, -- niemand war darin. Über dem Zaun, der den Garten vom Hofe
schied, hing Wäsche, und gerade sahen die Buben noch Muhme Rese im
Hause mit dem leeren Korb verschwinden; sie hatte wohl gerade die
Wäsche über den Zaun gebreitet. Auch auf dem Hofe war es still, ein
paar Hühner gackerten schläfrig darauf herum, sonst war kein Laut zu
hören.
[Illustration: Kürbisschnitzen]
Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroßen, länglichen Kürbis
und verschwanden damit im äußersten Winkel des Gartens, in einer
kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gerät diente.
Am nächsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen
ärgerlich: »Es fehlen zwei Kürbisse im Garten, gerade zwei, die ich
morgen zu Mus verkochen wollte.«
»Na nun,« sagte der Bauer erstaunt, »wer sollte denn in unserm Garten
Kürbisse stehlen!«
In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstück
heiße Bratwurst in den Mund, daß er krebsrot wurde, so mußte er an dem
Bissen würgen und schlucken.
»Schäme dich doch, so gierig zu sein!« schalt die Mutter. »Man muß dich
wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anständig benehmen
lernst.«
Heine Peterle wäre gewiß noch röter geworden, wenn das nur gegangen
wäre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der
ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: »Na, da stimmt doch etwas nicht.
Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden.«
Am Nachmittag des nächsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu
Heine Peterles Mutter und erzählte ihr, zwei von ihren guten, weißen
Bettüchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar
gestohlen worden sein?
Es gab eine große Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach
ihren Bettüchern, Heine Peterles Mutter erzählte von den verschwundenen
Kürbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen.
»Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt,«
sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim
ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schönen, blauen Augen
treuherzig erstaunt an, -- nein, der wußte von nichts.
An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und
kehrte erst spät am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, stürmischer
Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am
besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwächter, in einem
Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus
seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen
des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchführte, er brauchte dann
nicht erst die breite Dorfstraße hinab zu gehen. An diesem Herbstabend
war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und
die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut,
und so schritt er fröhlich dahin. Plötzlich sah er in einem ungewissen
Lichte etwas Weißes flattern und schweben, und als er näher kam,
tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glühende, funkelnde Augen
auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weiße, hohe Gestalten,
deren Gewänder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und
unheimlich genug sah es aus.
»Potzwetter,« rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber
gleich darauf sagte er laut: »Ei, die verflixten Buben! Na wartet,
euch zahl' ich's heim!« Er ging beherzt auf die weißen unheimlichen
Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen
Mann über die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen
und oben vor einem Kammerfenster eine weiße Gestalt befestigen. Den
braven Sultan ärgerte die Geschichte sehr, er begann wütend zu bellen.
Aber das störte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der
Faust einige Male so kräftig an das Fensterchen, daß die Scheiben nur
so klirrten und dröhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter
herab und kletterte wieder zurück über die Gartenmauer. Der arme Sultan
bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem
Gebell, aber just in diesem Augenblick tönte ein so gellendes Geschrei
durch das Haus, daß alle Hausbewohner munter wurden.
»Der Jakob schreit,« rief die Bäuerin und lief nach oben, ihr folgte
ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle stürzten sie in
Jakobs Kammer. Da saß der Bube in seinem Bett und brüllte jämmerlich,
und nebenan klang Röses und der kleinen Geschwister Schreien. »Na
Jakob, was... du meine Güte!« Die Mutter starrte entsetzt nach dem
Fenster, -- in das Kämmerlein hinein schauten ein paar glühende Augen,
und das schwebte und flatterte weiß vor dem Fenster auf und nieder.
»Zum Kuckuck, was ist denn das?« schrie der Schulze, sprang hin, riß
das Fenster auf und holte das Gespenst herein.
Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett
kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mußte es aufgeben und
kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. »Mein Bettuch,« rief die
Bäuerin verdutzt, »und ein Kürbiskopf, ja, und Jakob -- ist das nicht
deine Laterne?«
Jakob war ganz jäh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der
Tiefe heraus tönte dumpf und unheimlich sein Geheul.
»Ih, du unnützer Bengel du,« sagte der Schulze, »mir scheint, du weißt
etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst...«
Jakob hielt es für geratener, dem väterlichen Befehl zu folgen.
Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd,
beichtete er, daß er und Heine Peterle für Heinrich Gespenster
aufgestellt hätten, und da Gespenster entschieden weiße Gewänder
brauchen und Köpfe haben müssen und Augen, die unheimlich leuchten,
da --
»Unnützes Gesindel ihr!« schalt der Schulze. Für Jakob sah die Sache
in diesem Augenblick höchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade
ängstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als
der Magd. In diesem Augenblick trat die Großmutter ein. Auch sie war
von dem Lärm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen
ängstlichen Ausdruck. »Was gibt es denn?« fragte sie. Als sie die
Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und
sagte schelmisch: »O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem
eigenen Gespenst gefürchtet!«
Jakob nickte, und dicke, dicke Tränen rollten über seine Pausbacken.
Das Lachen der Großmutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht
klärte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus
und lachte, und an der Tür, die zur Nebenkammer führte, stand Röse mit
den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmätzchen lachten, daß
sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck
mit krähendem Stimmlein: »Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm!«
Das war nun sehr beschämend für Jakob, und da er nicht unter das Bett
kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett über die
Ohren und schluchzte und stöhnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch,
der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er
zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem
Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, während doch ein
heimliches Lachen in seinen Augen lag: »Die Gespenstergeschichten läßt
du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn höre,
dann...«
Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und
er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer
war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht
weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief
galopp, denn er mußte doch die versäumte Stunde nachholen.
Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und stöhnte vor
Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertür
erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An
der Türe stand eine weiße Gestalt, und zwei glühende Augen funkelten
ihn an. Gräßlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes.
Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glühend heiß
darunter. Er pustete und ächzte, und es war ihm, als käme leise, leise
etwas auf ihn zu.
Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte
allerlei seltsame Geräusche zu hören, Tappen und Schreiten, das näher
kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es übel genommen, daß
Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu
bestrafen.
Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett
hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch!
Nein -- es kam doch näher! Es schwankte -- neigte sich und -- plumps!
fiel es polternd, klirrend zu Boden.
Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer
heißer wurde es ihm vor Angst. Nun würde das Gespenst ihn anpacken, ihm
den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Fürchterliche
Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu
fühlen, -- aber es blieb alles still.
Nichts rührte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub
doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem
maßlosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich
kein bißchen, und die glühenden Augen waren erloschen.
Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter
sein Deckbett, pustete und ächzte wieder ein Weilchen und schaute dann
wieder zum Bett heraus.
Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte
sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er
sich das weiße Ding nicht näher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in
ihm auf, daß Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser
Gespenstererscheinung sein möchte.
Zur Sicherheit freilich kroch Heine Peterle aber doch wieder unter sein
Deckbett, -- man konnte nicht wissen! Zwei-, dreimal noch steckte er
den Kopf aus dem warmen Nest heraus, immer lag das weiße Ding still am
Boden. Da gab der Bub das Nachsehen auf und schlief wieder ein.
Am nächsten Tage beim Mittagessen -- bis dahin hatte sich Heine Peterle
ihm ferngehalten -- fragte Heinrich so recht verschmitzt: »Na, Heine
Peterle, hast du gut geschlafen?«