GESANG ZUR ANDACHT.

AVff, auff mein Hertz’, vnd du, mein gantzer Sinn,

Wirff alles dass was Welt ist, von dir hin:

Im fall du wilt[981] was Göttlich ist erlangen,

So lass den Leib in dem du bist gefangen:

Die Seele muss von dem gesaubert seyn 10

Was nichts nicht ist als nur ein falscher Schein,

Muss durch den Zaum der Tugend dämpffen können

Die schnöde Lust der eusserlichen Sinnen.

Ein jeder Mensch hat etwas dass er liebt,

Dass einen Glantz der Schönheit von sich gibt:

Der suchet Gold, vnd trawet sich den Wellen;

Der gräbet fast biss an den Schlund der Hellen,

Viel machen sich durch Kriegesthat bekandt,

Vnd stehn getrost für GOTT vnd für jhr Land:

Der dencket hoch, vnd strebet gantz nach Ehren; 20

Vnd jener lässt die Liebe sich bethören.

Indessen bricht das Alter bey vns ein,

In dem man pflegt vmb nichts bemüht zu seyn;

Eh’ als wir es recht mögen innen werden,

So kömpt der Todt, vnd rafft vns von der Erden.

Wer aber gantz dem Leib’ ist abgethan,

Vnd nimpt sich nur der Himmels-Sorgen an,

Setzt allen Trost auff seines Gottes Gnaden,

Dem kan noch Welt, noch Todt, noch Teuffel schaden.

Den Ancker hat der Noa eingesenckt, 30

Da als er war mit Lufft vnd See verschrenckt;

Der grosse Trost hat Abraham erquicket,

Als er sein Schwerdt nach Isaac gezücket.

Der Glaube muss von GOTT erbeten seyn,

Der einig macht, dass keine Noth noch Pein,

Vnd Todes-Angst auch den geringsten Schmertzen

Erwecken kan in frommer Leute Hertzen.

Drumb schaw’, O Mensch, hinauff vnd vber dich,

Nach dem was nicht den Augen zeiget sich,

Was niemand kan beschliessen in den Schrancken

Der Sterbligkeit vnd flüchtigen Gedancken.

Vollbringst du dass, mein Hertz’, vnd du, mein Sinn

Vnd legst die Last der Erden von dir hin, 10

Sagst ab dem Leib’ in dem du bist gefangen,

So wird GOTT dich, vnd du wirst GOTT erlangen.

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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 198 / 276 题