VON LER[445] DER KIND.

Der ist in narrheit ganz erblint,

der nit mag acht han, das sin kint 10

mit züchten[446] werden underwiszt,

und er sich sunders[447] daruf fliszt,

das er sie losz[448] irr gon on straf

glich wie on hirten gönt die schaf,

und in all můtwil übersicht,

und meint, sie dörfen[449] strofens nicht,

sie sigen[450] noch nit bi den joren,

das sie behalten in den oren

was man in sag, si strof[451] und ler.

o groszer dor, merk zů und hör:

die jugent ist zů bhalten gring[452],

sie mercket wol uf alle ding;

was man in nüe häfen[453] schitt,

den selben gsmack[454] verlont[455] sie nit.

ein junger zwig sich biegen lot[456].

wann man ein alten understat[457] 10

zu biegen, so knellt[458] er entzwei,

zimlich[459] strof bringt kein sorglich gschrei;

der růt der zucht vertribt on smerz

die narrheit usz des kindes herz;

on strafung selten iemens lert[460].

alls übel wechszt, das man nit wert:

Hely was recht und lebt on sünd,

aber das er nit stroft sin kind,

des stroft in got, das er mit klag

starb, und sin sün uf einen tag. 20

das man die kind nit ziehen wil,

des findt man Catilinen vil.

es stünd ietz umb die kind vil bas,

geb man schůlmeister in, als was

Phenix[461] den Peleus sinem sůn

Achilli sůcht, und zů wolt důn;

Philippus durchsůcht Kriechenland

bisz er sim sůn ein meister fand:

dem gröszten kunig in der welt

wart Aristoteles zůgsellt; 30

der selb Platonen hort lang jar,

und Plato Socratem darvor.

aber die väter unser zit,

darumb das sie verblendt der git[462]

nemen sie uf sölich meister nůn[463],

der in zům[464] narren macht ein sůn

und schickt in wider heim zů hus

halb narrechter[465], dann er kam drus.

des[466] ist zů wundern nit daran,

das narren narrecht kinder han.

Crates, der alt, sprach, wann es im

zůstůnd, wolt er mit heller stim

schreien: ir narren unbedacht, 10

ir hant uf gůtsamlen grosz acht

und achten nit uf uer kind,

den ir sölich richtum samlen sind[467].

aber uch wirt zůletst der lon,

wan uer sůn in rot sönt[468] gon

und stellen zücht und eren nach,

so ist in zů dem wesen gach[469],

wie sie von jugent hant gelert;

dan wirt des vatters leid gemert

und frist sich selbst[470], das er on nutz 20

erzogen hat ein winterbutz[471].

etlich důnt sich in bůben rot[472],

die lästern und gesmächen got;

die andern henken an sich säck[473];

dise verspielen rosz und röck;

die vierden prassen tag und nacht.

das würt usz solchen kinden gmacht,

die man nit in der jugent zücht

und mit eim meister wol versicht.

dan anfang, mittel, end, der ere 30

entspringt allein usz gůter lere.

ein löblich ding ist edel sin,

es ist aber frömbd, und nit din,

es kumbt von dinen eltern har[474];

ein köstlich ding ist richtum gar,

aber das ist des glückes fall,

das uf und ab danzt wie ein ball;

ein hübsch ding der welt glori ist,

unstantbar[475] doch, dem alzit gbrist[476];

schonheit des libes man vil acht,

wert etwan doch kum ubernacht.

glich wie gesuntheit is vast liep

und stielt sich ab doch wie ein diep. 10

grosz sterck acht man für köstlich hab,

nimt doch von krankheit, alter ab;

darumb ist nützt[477] undötlich[478] mer

und bliblich[479] bi uns, dan die ler.

Gorgias frogt[480], ob selig wer

von Persia der mächtig her?

sprach Socrates: ‘ich weisz noch nüt,

ob er hab ler und tugent üt[481]’,

als ob er sprech, das gwalt und golt

on ler der tugent nützet solt[482]. 20

2.

Wer nit die rechte kunst[483] studiert

derselb im wol die schellen[484] rürt

und wurt am narrenseil[485] gefürt.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 146 / 276 题