_Wie der gefangene Braun von den Bauern geschlagen wird, endlich
doch loskommt und sich ins Wasser begiebt._
Dô quam Rustevîl altôhant,
den baren hê sus gevangen vant. 20
hê lêp hastigen mit eineme lôpe
dâr hê dê bûre wuste tô hôpe,
dâr sê hêlden gesterî.
hê sprak ‘komet hastigen mit mî,
in mîneme hove is ein bare
gevangen, dat segge ik jû vorwâre.’
sê volgeden em alle unde lêpen sêre,
islik nam mit sik sîne were
wat hê êrst krêch ût sînem werke:
dê eine eine forke, dê ander eine harke,
dê dridde ein spêt, dê vêrde eine rake, 10
dê vîfte einen grôten tûnenstake;
dê kerkhêre unde dê koster beide,
dê quêmen dâr ôk mit ereme gerêde;
dê papemeiersche, dê hêt vrôw Jutte--
dat was dê dê dê besten grutte
konde bereiden unde kocken--
dê quam gelôpen mit ereme wocken
dâr sê des dages hadde bî geseten,
den armen Brûne mede tô meten.
dô Brûn hôrde dat rochte sô grôt,
dâr hê lach up sînen dôt,
hê tôch mit pînen dat hœvet ût,
men dâr binnen blêf bekleven dê hût
bî beiden ôren umme dat hœvet her.
ik mêne, men sach nü lêtlîker dêr.
dat blôt em over dê ôren ran.
al brochte hê dat hœvet ût, nochtan
bleven beide vôte dâr in al vast.
doch ruckede hê sê ût mit der hast 10
al râsende, eft hê wêre van den sinnen:
men nochtan bleven dê klâwen dâr binnen,
dâr tô dat fel van beiden vôten.
dat honnich was nicht van deme sôten
dâr em Reinke, sîn ôm, van sêde.
eine quâde reise Brûn dô dede,
jâ it was eine sorchlîke vârt.
dat blôt lêp vaste over sînen bârt
dê vôte dêden em wê sô sêr,
hê konde nicht gân wêr nâ edder vêr.
Rustevîl quam unde begunde tô slân,
sê gingen en altômâlen an,
al dê mit em quêmen her,
Brûnen tô slân was al er beger.
dê pape hadde einen langen staf,
wô mannigen slach hê eme gaf!
hê konde nergen gân efte krûpen.
sê quêmen up en in eineme hûpen,
ein dêl mit spêten, ein dêl mit bîlen; 10
dê smit brachte beide hamer unde vîlen,
etlîke hadden schuffele, etlîke spaden,
sê slôgen en âne alle gnâden,
alle gêven sê em mannigen slach
dat hê sik bedede dâr hê lach.
al slôgen sê, jâ dâr enwas nên sô klêne:
Slobbe mit deme krummen bêne
unde Lûdolf mit der brêden nese,
alderwrêdest wêren eme dese.
hê slôch mit sîner holten slingeren, 20
Gerolt mit dem krummen vingeren
unde sîn swâger Kuckelrei;
aldermeist slôgen desse twei,
Abel Quack unde dâr tô vrouw Jutte,
unde Tâlke Lôrden Quacks dê slôch mit der butte,
nicht dese alleine, men al dê wîve,
dê stunden al nâ Brûnen lîve;
hê môste nemen al wat men eme brochte.
Kuckelrei makede dat meiste gerochte,
wente hê was dê eddelste van gebôrten: 10
vrôw Willigetrût vor der kafpôrten,
dê was sîn môder, dat wuste iderman,
wê aver sîn vader was, dâr wust men nicht van;
doch sêden dê bûr under malkander,
it wêre dê stoppelmeter, dê swârte Sander,
ein stolt man dâr hê was allein.
Brûn môste ôk van mannigem stein
den worp entfangen up sîn lîf:
sî worpen nâ em, beide mans unde wîf.
int leste Rustevîls brôder her sprank,
dê hadde einen knuppel dicke unde lank
unde gaf em int hœvet einen slach
dat hê wêr hôrde edder sach:
van deme slage entsprank hê mit sîneme lîf,
al râsende quam hê mankt dê wîf
unde vêl mankt sê alsô sêr,
dat der vîve quêmen int revêr
dat dâr bî was unde ôk sêr dêp.
hastigen dô dê pape rêp 10
unde was schêr half vorzaget
‘sêt, gindert vlüt vrûw Jutte mîn maget
beide mit pelze unde mit rocke!
sêt, hîr licht ôk noch er wocke!
helpet er altômâlen nû,
twei tunne bêrs dê geve ik jû,
dâr tô aflât unde gnâde grôt.’
sus lêten sê Brûnen liggen vor dôt
unde lêpen hastigen hen mankt dê wîve
unde hulpen en ût deme water al vîve.
Dê wîle sê hir mit wêren vorwôrn,
krôp Brûn int water van grôten tôrn
unde begunde van grôtem wê tô brummen.
hê mênde nicht dat hê konde swummen,
sîn andacht was unde begunde tô denken,
dat hê sik sulven wolde vordrenken,
up dat en nicht mêr slôgen dê bûre.
dô weddervôr em noch dit eventûre:
hê konde noch swommen unde swam tô degen. 10
jâ dô dit dê bûre alle sêgen,
mit grôtem gerochte unde mit gremen
sprêke sê ‘wanne, wî mogen uns wol schemen!’
sê hadden dâr umme grôte undult
unde sprêken ‘dit is desser wîve schult.
in untît quêmen sê hîr tô mâte.
sêt, hê swommet wech sîne strâte!’
sê sêgen den blok unde worden des enwâr,
dat dâr noch in sat beide hût unde hâr
van vôten unde ôren. dat was en lêf,
sê rêpen ‘kum wedder, ôrlôse dêf!
hîr sint dîne ôren unde hantschen tô pande!’
sus volgede em tô deme schaden schande,
doch was hê vrô dat hê entgink.
hê vlœkede deme bôme dê ene vink,
dâr hê van vôten unde ôren wes lêt;
hê vlœkede Reinken dê ene vorrêt--
dit was dat gebet dat hê dô las, 10
dê wîle hê in deme water was.
dê strôm lêp snelle unde vast,
den drêf hê nedder mit der hast
unde quam in einer kôrten wîle
vil nâ bî kant eine mîle.
hê krôp tô lande bî dat sulfste revêr.
nî werlde sach jêmant bedrôveder dêr:
hê mênde sînen geist dâr up tô geven
unde trôste dô nicht lenger tô leven.
hê sprak ‘ô Reinke, dû valsche creatûr!’
ôk dachte hê up dê quâden bûr,
dat sê en sus hadden slagen tôr stûpen,
unde dat Reinke en hêt sô dêp in krûpen.
_Da kam Rüstefeil gerannt:
Als er den Bären gefangen fand, 20
Da gab er hastig sich ans Laufen:
Er wusste einen Bauernhaufen
Im Wirthshaus sitzen überm Bier.
Er sprach: ‘Kommt eilends all mit mir!
Es hat sich in meinem Hofe dort
Ein Bär gefangen, auf mein Wort!’
Sie folgten ihm all und liefen sehr;
Ein Jeder nahm mit sich seine Wehr,
Was er zuerst zu fassen bekam,
Der die Gabel, jener die Harke nahm,
Der dritte den Spiess, der vierte den Rechen, 10
Der fünfte gieng einen Stab aus dem Zaune brechen.
Der Kirchherr und der Küster beide
Kamen auch hin mit ihrem Gereide.
Die Pfaffenköchin, Frau Jutte genannt,
Die die beste Grütze im ganzen Land
Bereiten konnte, auf den Socken
Kam sie gelaufen mit ihrem Wocken,
An dem sie den ganzen Tag gesessen,
Den armen Braun damit zu messen.
Als Braun hörte den Lärm mit Angst und Noth,
Gefangen lag er auf den Tod,
Da zog er das Haupt heraus mit Gewalt;
Doch sitzen blieb ihm in dem Spalt
Von Gesicht und Ohren Haar und Haut:
Ein kläglicher Thier ward nie geschaut.
Das Blut ihm über die Ohren lief.
Zwar bracht er das Haupt heraus, doch tief
Hielt ihm der Spalt die Füsse gefasst.
Nun ruckt’ er sie auch heraus in Hast, 10
Als wär’ er rasend und ganz von Sinnen.
Da blieben ihm die Klauen drinnen
Und das Fell dazu von beiden Füssen.
Der Honig war nicht von dem süssen,
Zu dem ihm Reineke Hoffnung gemacht.
Eine üble Reise hatte Braun vollbracht,
Ja, es war ihm eine sorgliche Fahrt:
Das Blut lief hell über seinen Bart;
Die Füsse schmerzten ihn so sehr,
Er konnte nicht gehen noch stehen mehr.
Da kam Rüstefeil, der zu schlagen begann;
Sie fielen ihn all zumalen an:
Alle, die mit ihm kamen daher,
Braunen zu schlagen war ihr Begehr.
Der Pfaffe trug einen langen Stab.
Wie manchen Schlag er damit ihm gab!
Er konnte sich nirgend nur verschnaufen,
Sie bedrängten ihn in dichtem Haufen,
Ein Theil mit Spiessen, ein Theil mit Beilen, 10
Der Schmied mit dem Hammer und mit der Feilen;
Etliche hatten Schaufeln, etliche Spaten:
Damit zermürbten sie ihm den Braten.
Sie gaben ihm so manchen Schlag,
Dass er im eigenen Unrath lag.
Ihn schlugen Alle, die Grossen und Kleinen,
Schloppe mit den krummen Beinen,
Und Ludolf mit der breiten Nase,
Die schlugen ihn, als wär’s ein Hase.
Auf seine krummen Finger stolz, 20
Schlug ihn Gerold mit dem Riegelholz,
Und sein Schwager Kukelrei;
Am schlimmsten schlugen ihn die Zwei,
Abel Quak und dazu Frau Jutte,
Und Talke Lorden Quacks, die schlug mit der Butte.
Nicht die allein, nein all’ die Frau’n,
Nach dem Leben stunden sie dem Braun.
Er musste nehmen, was man ihm brachte;
Kuckelrei des Lärms am meisten machte.
Denn er war der edelste von Geburt. 10
Frau Willigtraut von der Schweinefurt
War seine Mutter, das war bekannt,
Sein Vater aber blieb ungenannt;
Doch raunten die Bauern unter einander,
Der Stoppelmesser wär’s, der schwarze Sander,
Ein stolzer Mann für sich allein.
Auch musste Braun von manchem Stein
Den Wurf empfangen auf seinem Leib
Sie warfen nach ihm, Mann und Weib.
Zuletzt kam Rüstefeils Bruder gesprungen
Und hat einen mächtigen Knüttel geschwungen
Und gab ihm einen Schlag auf’s Haupt,
Dass er aller Sinne lag beraubt.
Dem Schlag entsprang lebendig Braun,
Wie rasend fuhr er zwischen die Frau’n,
Und hatte sich so als Weiberhasser,
Dass ihrer etliche fielen in’s Wasser,
Das da vorbeifloss, ziemlich tief.
Da begann alsbald der Pfaff’ und rief 10
Und war beinah’ schon halb verzagt:
Da treibt Frau Jutte, meine Magd;
Die in dem Pelz und grauen Socken;
Seht, hier liegt auch noch ihr Wocken.
Nun helft ihr allzumal davon!
Zwei Tonnen Bieres geb’ ich zum Lohn,
Auch sollt ihr grossen Ablass kriegen!’--
Da liessen sie Braun für todt da liegen,
Und liefen hastig zu den Weibern,
Sie herauszuzieh’n mit nassen Leibern._
_Da sie dies betrieben, dieweil
Kroch Braun ins Wasser in zorniger Eil’,
Und brummte dabei vor Schmerz und Grimmen.
Er dachte sich nicht, er könne schwimmen,
Er wusste nicht andern Rath zu erdenken,
Als sich hier selber zu ertränken,
Dass ihn die Bauern nicht mehr schlügen.
Da wollt’ es sich ihm so glücklich fügen,
Er konnte noch schwimmen, und schwamm fürwahr. 10
Ja, als dies die Bauern wurden gewahr,
Mit grossem Lärmen und mit Grämen
Riefen sie: ‘Wetter, wir müssen uns schämen!’
Sie sahn’s mit grosser Ungeduld
Und sprachen: ‘Das ist der Weiber Schuld;
Zur Unzeit sind sie hieher gekommen:
Nun ist er seiner Wege geschwommen.’
Sie besah’n den Block und wurden gewahr,
Dass noch darin sass Haut und Haar
von Ohren und Füssen: das war ihnen lieb.
Sie riefen: ‘Komm wieder, ehrloser Dieb,
Hier sind deine Ohren und Handschuh’ zu Pfande!’
So folgt’ ihm auf den Schaden die Schande!
Doch war er froh, dass er entgieng.
Er fluchte dem Baum, der ihn fieng,
Ihm die Haut von Füssen und Ohren schied;
Er fluchte Reineken, der ihn verrieth.
Dies war das Gebet, das er da sprach, 10
Dieweil er in dem Wasser lag.
Der Strom lief schnell und sonder Rast;
Er trieb herab mit gleicher Hast.
Und ward in einer kurzen Weile
Herabgeführt wohl eine Meile.
Da kroch er aus der Flut an’s Land:
Betrübter Thier hat die Welt nicht gekannt.
Den Geist schon meint’ er aufzugeben,
Er getraute länger nicht zu leben.
Er sprach: ‘O Reineke, falsches Geschöpfe!’
Auch dacht’ er an die Bauerntröpfe,
Wie die ihn geschlagen und ausgestaupt,
Weil er so tief hinein gesteckt das Haupt._
_SEBASTIAN BRAND._
[_Scherer D._ 262, _E._ 256.]
Geboren zu Strassburg 1457, studierte zu Basel und wurde 1489
Doctor beider Rechte. Später ward er Stadtschreiber zu Strassburg
und von Kaiser Maximilian zum Rath und Pfalzgrafen erhoben. Starb
1521. Ein satirischer und didactischer Schriftsteller. Sein
berühmtes ‘Narrenschiff’ erschien zuerst Basel 1494 und ward oft
nachgedruckt. Es wurde in das niederdeutsche, in lateinische
Hexameter und hiernach in das Französische, Englische und
Niederländische übersetzt. Herausgegeben von Zarncke (Leipzig
1854), Gödeke (Leipzig 1872).
1.
Wer sinen kinden übersicht
irn můtwil und sie strofet nicht,
dem selbst zů letzst vil leides gschicht.