DAT VIII CAPITTEL.

Wô Reinke mit Brûnen deme baren gink unde en leidede, dâr hê

honnich eten scholde, dat em ovel bequam; wô en Reinke bedrôch unde

lêt en stân beklemmet in den bôme eft blocke mit deme hôvede unde

beiden {20} vôten.

_Wie Reineke Braun den Bären dahin geleitete, wo er Honig essen

sollte, was ihm übel bekam, und wie ihn Reineke betrog und ihn

mit dem Haupt und den Füssen in einen Baum oder Block geklemmt da

stehen {20} liess._

Dô dê âvent was gekomen

unde Reinke dat hadde vornomen,

dat Rustevîl, dê vorgesechte bûr,

tô bedde was in sînem schûr,--

Rustevîl was van grôteme love

ein timmerman unde hadde in sînem hove

liggende eine êke, dê hê wolde klôven,

unde hadde dâr in geslagen boven

twei grôte kîle, dê wêren sêr glat.

Reinke dê vos merkede dat:

dat sulve holt was an einer sît

upgeklôvet einer elen wît,--

hê sprak ‘hôret mî, Brûn ôm! 10

recht hîr in dessem sulven bôm

is honniges mêr wan gî lœvet:

steket dâr in wol dêpe jûwe hœvet,

nemet nicht tô vele, dat is mîn rât,

jû mochte dâr anders af komen quât

in jûweme lîve, sît des bericht.’

Brûn sprak ‘Reinke, sorget nicht.

mêne gî, dat ik sî unvrôt?

mâte is tô allen dingen gût.’

alsus lêt sik dê bare bedôren 20

unde stak dat hœvet in over dê ôren

unde ôk dê vordersten vôte mede.

Reinke dô grôt arbeit dede:

hê brak ût dê kîle mit der hast,--

dâr lach dê bare gevangen vast

mit hôvet unde vôten in der êken,

em halp wêr schelden edder smêken.

hê plach tô wesen kône unde stark,

men hîr hadde hê sîn vulle werk.

sus brachte dê neve sînen ôm

mit losheit gevangen in den bôm. 10

hê begunde tô hûlen unde tô brâschen,

mit den echtersten vôten tô krâschen,

unde makede alsô grôten lût,

dat Rustevîl mit der hast quam ût:

hê dachte, wat dat wesen mochte;

jâ ein scharp bîl hê mit sik brochte

up eventûr, efte des wêre nôt.

Brûn lach dô in anxte grôt:

dê klôve dâr hê in lach; ene knêp,

hê brak sik unde tôch, dat hê pêp,

men dat was pîn umme nicht gedân.

hê vormôde sik nummer van dâr tô gân.

dat mênde ôk Reinke, unde sach Rustevîle

van vêrne komen mit deme bîle.

hê rêp tô Brûne ‘wô steit it nû?

etet nicht tô vele, dat râde ik jû,

des honniges. segget mî, isset ôk gût?

ik sê, dat Rustevîl kumpt hîr ût,

villichte wil hê jû bedenken 10

unde wil jû up dê mâltît schenken.’

dâr mede gink Reinke wedder nâ hûs

nâ sîneme slote tô Malepertûs.

_Der Abend war heran gekommen:

Da hatte Reineke vernommen,

Dass Rüstefeil, wie stäts er pflag,

Zu Haus in seinem Bette lag.

Rüstefeil war als Zimmermann

Berühmt; in seinem Hofe sah’n

Sie eine Eiche, die wollt er zerkloben.

Schon hatt’ er eingeschlagen oben

Zwei Keile, die waren glatt.

Reineke merkt’ es an der Statt.

Das Holz war schon an einer Seite

Gespaltet in einer Ellen Weite.

Er sprach: ‘Nun hört mich, Oheim Braun! 10

Seht hier, in diesem hohlen Baum

Ist des Honigs mehr, als ihr wohl glaubt.

Nun stecket tief hinein das Haupt,

Übernehmt euch nicht, ich rath euch zum Frommen,

Es möchte euch übel sonst bekommen

In euerm Leib, lasst euch berichten.’

Braun sprach: ‘Reineke, sorgt mich nichten.

Meint ihr gar, ich sei ein Frass?

Zu allen Dingen gut ist Maass.’

Also ward der Bär zum Thoren: 20

Er steckte das Haupt bis über die Ohren

Nebst den Vorderfüssen in den Spalt.

An die Arbeit gab sich Reineke bald:

Er brach die Keile heraus mit Kraft,

Da lag der Bär in schmählicher Haft;

Die Eiche klemmt’ ihm Haupt und Füsse,

Ihm half nicht Schelten, noch Schmeicheln süsse;

Sonst war er stark und kühn, doch nun

Hatt’ er mit Überkraft zu thun.

So brachte der Neffe den Ohm mit List

In den Baum, aus dem keine Rettung ist. 10

Er begann zu heulen und zu schnarren,

Mit den Hinterfüssen im Sand zu scharren,

Und machte solchen Lärm vor dem Haus,

Dass Rüstefeil eilends sprang heraus.

Was bedeutet, dacht’ er, dies Geheul?

Er brachte mit ein scharfes Beil

Für den Fall, dass es zu brauchen wär’.

Braun lag indes in Ängsten schwer.

Der Kloben, drin er lag, ihn kniff,

Er zog und zerrte sich, dass er pfiff:

Die Müh’ war all’ umsonst gescheh’n.

Schon glaubt’ er, nimmer zu entgeh’n.

Auch Reineke meint’ es, und sah Rüstefeil

Von ferne kommen mit dem Beil.

Da rief er dem Bären: ‘Wie steht es, Braun!

Esst nicht zu viel, das rath ich euch traun,

Des Honigs! Sagt mir, mundet der Schmaus?

Ich sehe, Rüstefeil kommt heraus;

Vielleicht will er den Gast bedenken 10

Und will euch auf die Mahlzeit schenken.’

Hiermit gieng Reineke heim zuhand,

Nach seinem Schloss, Malepartus genannt._

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 144 / 276 题