Wô Reinke vorsichtigen sik bedachte unde dâr nâ ûtgink unde Brûnen
mit vruntlîken wôrden wilkome hêt.
_Wie Reineke sich vorsichtig bedachte, und dann hinausgieng und
Braun mit freundlichen Worten willkommen hiess._
Dô Reinke sus des baren wôrde
wol vornam unde ôk hôrde,
hê lôvede nicht gruntlik den wôrden stolt, 20
em was leide vor ein achterholt.
dô hê dat enkede hadde vornomen,
dat Brûn alleine was gekomen,
desto min hê dô vorschrak.
hê gink ût tô em unde sprak
‘ôm Brûne, wilkome môte gî wesen!
ik hebbe recht nû dê vesper gelesen,
dâr umme konde ik nicht êr komen.
ik hope, it schal mî sîn tô vromen,
dat gî tô mî gekomen sît.
sît wilkomen, ôm Brûne, tô aller tît. 10
deme enwêt ik des jô nênen dank,
dê dat schaffede, dat gî dessen gank
scholden overgân, dêde is sêr swâr.
gî sweten, dat jû nat is dat hâr.
envant unse hêre dê konnink nû
nênen anderen boden tô senden dan jû?
wente gî sint dê eddelste unde grôtste van love
dê nû is in des konninges hove.
it wert mî sîn sunderlik tô vromen,
dat gî sît her tô mî gekomen,
jûwe vrôde rât wert mî helpen sêre
bî deme konninge dêde is unse hêre.
al hadde gî dessen wech nicht angenomen,
ik wêre doch morgen tô hove komen.
doch dunket mî sêre in mîneme wân,
ik schal nû nicht wol konen gân:
ik hebbe mî geten alsô sat;
it was nie spîse dê ik at,
dat ganze lîf deit mî wê dâr van.’ 10
Dô sprak Brûn ‘Reinke ôm, wat ête gî dan?’
dô sprak Reinke ‘lêve ôm, wat hulpe jû dat
wan ik jû sêde wat ik at?
it was ringe spîse, dâr ik nû bî leve,
ein arm man enis jô nên grêve!
wan wî it nicht konen beteren mit unsen wîven,
sô môte wî eten versche honnichschîven.
sôdâne kost at ik dorch dê nôt,
dâr van is mî dê bûk sô grôt.
ik môt sê eten ân mînen dank,
dâr van bin ik wol half krank.
wan ik dat jummer beteren kan,
wolde ik umme honnich nôde upstân.’
Dô sprak Brûn alsô vôrt
‘wanne, wanne, wat hebbe ik nû gehôrt!
holde gî honnich sô sêr unwêrt,
dat doch mannich mit vlîte begêrt?
honnich is ein sô sœten spîse
dê ik vor alle gerichte prîse. 10
Reinke, helpet mî dâr bî tô komen,
ik wil wedder schaffen jûwen vrômen.’
Reinke sprak ‘Brûn ôm, gî holden jûwen spot!’
Brûn sprak ‘nein, sô helpe mî got!
scholde ik spotten, dat dô ik nôde.’
dô sprak wedder Reinke dê rôde
‘is dat jûwe êrnst, dat lâtet mî wetten!
moge gî dat honnich sô gêrne eten,
ein bûr wonet hîr, dê hêt Rustevîle,
dat is men eine halve mîle: 20
bî em is sô vele honniges, vorstât mî recht,
gî sêgens nî mêr mit al jûwem slecht.’
Brûnen deme stak sêr dat smer,
nâ honnige stunt al sîn beger.
hê sprak ‘lâtet mî komen dâr bî,
ik denke des wedder, lôvet des mî.
wan ik mî honniges sat mochte eten,
sô môste men mî des vele tômeten.’
Reinke sprak ‘gâ wî hen up dê vârt,
honniges schal nicht werden gespârt. 10
al kan ik nû nicht wol gân,
recht trûwe môt jummer schînen voran,
dê ik mit gunst tô jû drage.
wente ik wêt nên mankt al mînen mâge
den ik alsus wolde mênen,
wente gî mî sêr wol wedder konen dênen
jegen mîne vîende unde jegen ere klage
in des konninges hof tôm hêrendage.
ik make jû noch tâvent honniges sat,
dâr tô van deme besten, merket dat,
sô vele alse gî des jummer mogen dregen.’
men Reinke mênde: van grôten slegen.
Reinke lôch sêr unde swinde,
Brûn volgede eme nâ alse ein blinde.
Reinke dachte ‘wilt mî gelingen,
ik wil dî tô degen uppet honnichmârket bringen!’
Sê quêmen tôhant tô Rustevîls tûn.
dô vraude sik sêr dê bare Brûn,
men des hê sik vraude, dâr wart nicht van. 10
sô geit it noch mannigem unvrouden man.
_Als Reineke so des Bären Worte
Vernommen hatte, bei der Pforte,
Da glaubt’ er dem Stolzen nicht alsbald, 20
Er sorgte vor einem Hinterhalt.
Doch als er’s gründlich jetzt vernommen,
Dass Braun alleine war gekommen,
Da war’s gar um seine Furcht gethan.
Er gieng hinaus und sprach ihn an:
‘Willkommen, Ohm Braun, in meinem Heimwesen!
Ich hatte so eben die Vesper zu lesen,
Drum konnt’ ich nicht eher zu euch kommen.
Ich hoffe gewiss, es soll mir frommen,
Dass ihr hieher gekommen seid.
Seid willkommen, Ohm Braun, zu jeder Zeit; 10
Weiss ich gleich dem keinen Dank,
Der da schuld ist, dass ihr diesen Gang
Übernahmt, der zu schwer euch war.
Ihr schwitzt ja, dass euch trieft das Haar.
Fand unser Herr, der König reich,
Keinen andern Boten zu senden als euch?
Denn ihr seid der grösste, der edelste Mann,
Den man am Hofe finden kann.
Doch wird es mir ganz absonderlich frommen,
Dass ihr zu mir seid hergekommen.
Sehr wird mir helfen euer kluger Rath
Bei dem König, der uns zu gebieten hat.
Hättet ihr die Fahrt nicht übernommen,
Ich wär’ doch morgen zu Hof gekommen.
Zwar dünkt mich jetzt in meinem Sinn,
Dass ich zu gehen unfähig bin.
Ich ass mich heut schier übersatt
An fremder Speise, das macht mich matt;
Der ganze Leib, seht, schwoll mir an.’ 10
Da fragte Braun: ‘Was asset ihr dann?’
Reineke sprach: ‘Was hülf’ euch das,
Wenn ich euch sagte, was ich ass?
Es war schlechte Kost, die ich hier traf;
Ist doch ein armer Mann kein Graf!
Wissen wir Bess’res nicht aufzutreiben,
So essen wir frische Honigscheiben.
Das ass ich heut’ aus Hunger auch;
Davon ist mir so dick der Bauch.
Ich musst’ es essen wider Willen
Und kann die Schmerzen nun nicht stillen.
Wenn ich was Bess’res finden kann,
So rühr’ ich keinen Honig an.’
Verwundert sprach Herr Braun sofort:
‘Ei, ei, was hör’ ich für ein Wort!
Dünkt Honig euch so wenig werth,
Den mancher doch mit Fleiss begehrt?
Honig ist eine süsse Speise,
Die ich vor allen Gerichten preise. 10
Reineke, helft mir daran zu kommen,
So bedenk’ ich wieder euer Frommen.’
Er sprach: ‘Ohm Braun, es ist euer Spott’:
‘O nein,’ sprach Braun, ‘so helfe mir Gott.
Sollt’ ich spotten? das thu ich nicht.’
Da gab ihm Reineke, der rothe, Bericht:
‘Ist das euch Ernst, das lasst mich wissen:
Seid ihr des Honigs so beflissen?
Hier wohnt ein Bauer, heisst Rüstefeile,
Es ist nur eine halbe Meile, 20
Der hat viel Honig, versteht mich recht,
Nie saht ihr es mehr, noch eu’r ganzes Geschlecht.’
Braun den Bären gelüstete sehr,
Nach Honig stund all sein Begehr;
Er sprach: ‘Zeigt mir den Weg dahin,
Ich gedenk’ es euch wieder, so wahr ich bin;
Wann ich mich Honigs satt sollt’ essen,
Man müsst’ ihn mir mit Scheffeln messen.’
Reineke sprach: ‘Nur gleich an die Fahrt!
Der Honig werde nicht gespart. 10
Ich bin zwar noch gar schlecht zu Fuss,
Die Liebe jedoch mich stärken muss,
Und die Ehrfurcht vor des Königs Gesandten;
Auch weiss ich Keinen von meinen Verwandten,
Dem ich Gutes stäts so gern gegönnt;
Zumal ihr mir wieder dienen könnt
Gegen meine Feinde und ihre Klage,
An des Königs Hof, am Herrentage.
Ich mach’ euch Honigs satt und voll
Noch heut’, von dem besten, merket wohl;
Ihr werdet ihn nicht allen mögen.’
Doch Reineke sprach es von derben Schlägen.
Reineke lief voraus geschwind,
Da folgte Braun ihm nach wie blind.
Reineke dachte: Will’s gelingen,
Ich will dich schön auf den Honigmarkt bringen.
Sie kamen bald an Rüstefeils Haus:
Da freute Braun sich im Voraus;
Doch des er sich freute, das ward zunicht. 10
So geht es noch manchem unklugen Wicht._