DAT VI. GESETTE.

Wô Brûn dê bare mit einen brêve wart gesant tô Reinken, unde wô hê

ene vant unde ansprak.

_Wie Braun der Bär mit einem Brief zu Reineke gesandt ward, und wie

er ihn fand und ansprach._

Dê konnink sprak tô Brûne den ber

‘Brûne, ik segge jû alse jûwe hêr,

dat gî mit vlît desse bodeschop dôt.

men sêt, dat gî sît wîs unde vrôt,

wente Reinke is sêr valsch unde quât, 10

hê wêt sô mannigen lôsen rât,

hê wert jû smêken unde vorelêgen,

jâ kan hê, hê wert jû wisse bedrêgen.’

‘Wanne nein’ sprak Brûn, ‘swîget der rede!

ik segget bî mîneme swâren êde:

sô geve mî got ungeval,

wô mî Reinke icht hœnen sal.

ik wolde em dat sô wedder inwrîven

hê scholde vor mî nicht wetten tô blîven.’

Alsus makede sik Brûn up dê vârt.

stolt van môde, tô berge wert;

dorch eine wôstenî grôt unde lank,

dâr dorch makede hê sînen gank.

dô quam hê dâr twei berge lâgen:

dâr plach Reinke, sîn ôm, tô jagen

unde hadde den vordach dâr gewest. 10

sô quam hê vor Malepertûs tô lest,

wente Reinke hadde mannich schôn hûs,

men dat castêl tô Malepertûs

was dê beste van sînen borgen,

dâr lach hê alse hê was in sorgen.

Dô Brûn vor dat slot was gekomen

unde dê pôrten gesloten vernomen

dâr Reinke ût plach tô gân,

dô gink hê vor dê pôrten stân

unde dachte, wat hê wolde beginnen.

hê rêp lûde ‘Reinke ôm, sint gî dâr binnen?

ik bin Brûn, des konninges bode.

hê heft gesworen bî sîneme gode:

kome gî nicht tô hove tô deme gedinge

unde ik jû nicht mit mî enbringe,

dat gî dâr recht nemen unde geven,

dat wert jû kosten jûwe leven.

kome gî nicht, gî stân bûten gnâde, 10

jû is gedrauwet mit galgen unde rade.

dâr umme gât mit mî, dat râde ik int best.’

Reinke hôrde wol desse wôrde êrst unde lest.

hê lach dâr binnen unde lûrde

unde dachte ‘wan mî dit eventürde,

dat ik deme baren betâlde desse wôrt

dê hê sô hômôdigen sprikt vôrt!

hîr ût wil ik denken dat beste.’

dâr mit gink hê dêper in sîne veste,

wente Malepertûs was der winkel vul,

hîr ein gat unde gindert ein hol,

hadde mannige krumme, enge und lank,

unde hadde ôk mannigen seltzên ûtgank,

dê hê tôdede unde tôslôt,

alse hê vornam, dat hê des hadde nôt;

wan hê dâr jennigen rôf in brochte

edder wan hê wuste, dat men ene sochte

umme sîne valschen missedât,

sô vant hê dâr den nauwesten rât. 10

mannich dêr in simpelheit ôk dâr in lêp

dat hê dâr in vorrêtlîken grêp.

_Der König sprach zu Braun dem Bären:

‘Euch will ich mit dieser Botschaft beehren.

Ich befehl’ euch, Braun, werbt sie mit Fleiss;

Doch seht euch vor, seid klug und weis‘:

Sehr falsch ist Reineke und voll von Ränken. 10

Er weiss manch losen Rath zu erdenken;

Er wird euch schmeicheln und belügen,

Und glaubt mir, wie er nur kann, betrügen.’

‘O nein,’ sprach Braun, ‘beruhigt euch nur,

Ich sag’ euch bei meinem höchsten Schwur,

So lass’ es Gott mir nimmer glücken,

Wenn mich Reineke höhnen soll und berücken;

Ich wollt’ es so übel ihm wieder eintränken,

Dass er zu bleiben nicht wüsste mit seinen Schwänken.’

Da machte Braun der Bär sich auf

Mit stolzem Muth, den Berg hinauf;

Durch eine Wüste, gross und lang,

Nahm er zuvörderst seinen Gang.

Dann kam er, wo zwei Berge lagen,

Und sein Neffe Reineke pflegte zu jagen;

Er war erst dort den Tag zuvor. 10

So kam er vor Malepartus Thor.

Denn Reineke hatte manch schönes Haus;

Doch Malepartus, die Burg, voraus

War die beste von allen gar:

Da lag er, wenn er in Sorgen war._

_Als Braun nun vor dem Schlosse stand

Und dessen Thor geschlossen fand,

Durch welches Reineke pflegte zu geh’n,

Da blieb er vor der Pforte steh’n.

Und bedachte sich, was zu beginnen.

‘Freund Reineke,’ rief er, ‘seid ihr drinnen?

Ich bin Braun, den der König zum Boten erkoren.

Er hat bei seinem Gott geschworen,

Kommt ihr nicht an Hof zu Gericht,

Oder bring ich euch mit mir nicht,

Da Recht zu nehmen und zu geben,

So soll es euch kosten euer Leben.

Bleibt ihr aus, ihr verwirkt des Königs Gnade, 10

Euch ist gedräut mit Galgen und Rade;

Drum rath’ ich euch gut, mit mir zu kommen.’

Reineke hatte wohl Alles vernommen;

Er lauerte drinnen und dachte bei sich:

Wenn es das Glück doch wollte, dass ich

Den Bären bezahlte für die Worte,

Die er so hochfährtig spricht vor der Pforte!

Ich will’s bedenken, das ist das Beste.

Da gieng er tiefer in seine Feste._

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 142 / 276 题