Der gutzgauch[443] hat sich zu tod gefallen
von einer holen weiden,
wer soll uns disen sommer lang
die zeit und weil vertreiben?
Das soll sich tůn fraw Nachtigal,
sie sitzt uf einem zweige,
sie singt, sie springt, ist freuden voll
wann andere vöglen schweigen.
Mein bůl[444] hat mir ein brief geschickt, 10
darinn da stet geschriben:
sie hab ein andern lieber dann mich;
darauf hab ich verzigen.
Hastu ein andern lieber dann mich
das acht ich warlich kleine,
da sitz ich uf mein apfelgrows ross
und reit wol über die heide.
Und do ich über die heide kam
mein feins lieb trauret sere;
lass farn, lass farn was nit bleiben will! 20
man findt der schön junckfrewlin mere.
Der uns das liedlen new gesang,
von newem hat gesungen,
das haben getan zwen reuter gůt,
ein alter und ein junger.
_REINEKE FUCHS._
[_Scherer D._ 259, _E._ 254.]
Der flämische Dichter Willem verfasste um 1250 den niederländischen
‘Reinaert’ nach einem französischen Original. Sein Werk wurde um
1380 umgearbeitet und fortgesetzt und um 1480 von Hinrek van Alkmer
mit einer prosaischen Glosse versehen. Der niederdeutsche ‘Reinke
de Vos,’ von dem hier eine Probe folgt, wurde 1498 zu Lübeck
verfasst und gedruckt. Er ist eine Übertragung der Arbeit Hinreks.
Herausgegeben von Lübben (Oldenburg, 1867); Schröder (Leipzig,
1872).