DAS MÆRE VON DEN GAUHÜHNERN.

Ez was hie vor ein burcstat,

diu machte manegen riter mat.

ein riter wolte drûffe wesen

und wânde dâ vil wol genesen:

er bowete dâ ein veste

sô ers aller beste

drûffe gemachen kunde.

in einer kurzen stunde

warf si diu ertbibe nider.

dô bowete er aber hin wider

und verlôs ab sîne habe:

si brante im der doner abe. 10

sus wart er dicke hûslôs.

swie manic hûs er dâ verlôs,

so geviel im doch daz wesen dâ

baz danne iender anderswâ:

er bowete ie baz unde baz.

alsô lange tet er daz

daz er sîn guot verzerte

und sich diu stat erwerte

daz si ze jungest œde beleip

und ouch den riter dâ vertreip 20

und vertreip vil manegen sît.

nû habent gnuoge den strît

daz si dar ûf bouwent noch,

und erwert si sich in allen doch.

Diu stat lât iu sîn bekant:

si ist daz göuwe genant.

die des geniezen wolten

für baz dan si solten

und dar ûf bouweten veste

und der ie wurden geste,

der ist gewesen harte vil.

swer ûf daz göuwe zimbern wil

der hât vil schiere bejaget

daz man zallen zîten klaget

dem landesherren über in.

ze jungist sendet er dâ hin

und heizet daz hûs brechen.

sus kan sich daz göu rechen.

dâ ist des herren gwalt 10

zuo der ertbibe gezalt.

der herre schadet noch für baz.

diu ertbibe leibet etwaz,

so enleibent des herren boten niht:

daz beste daz von in geschiht

sô si daz göu rechent,

ob si daz hûs niht brechent,

sô wirt iz doch von in verbrant.

dâ hât der donr dar gesant

daz fiwer daz alsô rihtet 20

und die krumben voite slihtet.

daz göu hât sô grôze kraft,

an im wirt nieman sigehaft:

ez pflag ie des ez immer pfliget

daz ez in allen angesiget,

die ez niezen wellent âne reht.

ez sî riter oder kneht,

der muot dar ûf ze hûsen hât,

der sehe wie Kirchelinge stât:

daz stiezen göuhüenre nider.

den göuhüenren ist niht wider,

die heten ie vil grôzen prîs.

si lâzent rehte in tracken wîs

daz fiwer ûz dem munde gân. 10

in enmac ein burc niht vor gestân:

ders ungenædic wellent wesen

diu ist vor in vil ungenesen.

ir stimme ist ein donrslac,

si schrîent daz manz hœren mac

in dem lande über al.

ir zorn machet bürge val:

swie grôze veste ein burc habe,

si brennents oder stôzents abe,

alss Kirchelinge tâten. 20

man mags ungerne brâten,

sît si sich alsô rechent

dazs bürge nider brechent.

swie œde Kirchelinge stê,

der hiuse ist z’Œsterrîche mê

diez göu hât zebrochen.

er hât sich sô gerochen

daz sis noch alle enkolten

diez göu twingen wolten.

Swer muot ze stæten dingen hât

der neme die niht an sînen rât

die in ûf daz göu reizen

und in daz niezen heizen 10

und sprechen durch ir geslende

‘herre, ir sît ellende

in iuwer besten künde.

daz ist ein michel sünde:

ir gebâret rehte in gastes wîs.

welt ir gwinnen grôzen prîs,

sô erzeiget iuch des muotes

daz ir lîbes unde guotes

ein meister unde ein herre sît,

und machet iwern gwalt wît. 20

habt riterlîchen mannes muot,

lât iu dienen liute und guot

in der gegende swes ez sî:

des enlâzet ir deheinen vrî.

ez kumet vil schiere an die vrist

daz daz ir beste vreude ist

daz si iwer hulde müezen hân

und sint iu gerne undertân.

sô fürhtent die rîchen iwer kraft,

die armen sint iu diensthaft.

wir kunnen mit gefüegen dingen

die liute wol dar zuo bringen

daz si iu dienent alle tage

mit guotem willen âne klage. 10

swaz wir mit guoten minnen

noch hiure ab in gewinnen,

daz müezens ouch ze jâre geben:

da geturrens nimmer wider streben,

sô müezen siz ouch iemer tuon,

swer iu hiure gît ein huon,

der gît iu âne geschrei

ze jâre driu ode zwei.

sô wehset iemer mêre

iwer frum und iwer êre 20

und werdet werder danne ê.

swelich gebûre iu wider stê,

den gewinnet zeinem muntman.

swaz er geleisten danne kan,

daz ist iemer iwer eigen.

sus sult irs alle neigen

mit listen unde mit gewalt,

sus werdet ir mit êren alt.’

Die ir herren alsô heizent leben,

daz sint verworhte râtgeben:

die enhânt nicht willen wan der zuo

daz er sîn guot mit in vertuo.

des æhtent si âne mâze,

si swelhen und si vrâze.

swie vaste si ûf daz göu streben

und niht wan roubes wellen leben, 10

si erkennent niht des göuwes kraft

und der göuhüenre meisterschaft.

diu kluckent etlîchem abe

den hals und alle sîne habe,

der gar wil sîn ein göustrûz.

si kluckent manegem d’ougen ûz

und füeze abe und hende.

sô dôwent si daz geslende.

swelch herre ir râte volgen wil

der gwinnet vînde harte vil, 20

daz im diu hüenre werdent sûr,

sînen ieglich sîn nâchgebûr

sînen dienest widersaget

und dem landesherren über in klaget.

daz ist der göuhüenre geschrei.

sô machent driu ode zwei

daz er muoz suochen einen tac,

dâ er niht über werden mac,

ezn müeze in kosten zehen pfunt.

dâ sint diu hüenre ungesunt.

daz muoz er von den rîchen hân,

den er daz laster hât getân.

noch sint die armen übersehen,

den der schade ist geschehen. 10

ê er den und gote gebüeze,

im wirt der hüenre süeze

ein sô bitterlîchiu siure

daz si in dunkent ungehiure.

_Es war vordem ein Bauplatz für eine Burg,

der setzte manchen Ritter matt.

Ein Ritter wollte sich darauf niederlassen

und hoffte dort sehr wohl zu fahren:

er baute da eine Feste,

so gut er sie darauf

nur anlegen konnte.

Nach kurzer Zeit

warf sie ein Erdbeben nieder.

Da baute er eine zweite dahin

und verlor wiederum Hab und Gut:

ein Blitzstrahl äscherte sie ein. 10

So ward er wiederholt häuserlos.

Wie manches Haus er auch da verlor,

so gefiel ihm doch der Aufenthalt da

besser, als irgend wo anders:

er baute immer mehr und mehr.

Also lange that er das,

bis er sein Gut verzehrte,

während sich die Stätte behauptete,

so dass sie zuletzt öde blieb

und auch den Ritter vertrieb, 20

und vertrieb noch manchen seitdem.

Auch jetzt noch bemühen sich genug,

darauf zu bauen,

aber sie erwehrt sich ihrer aller.

Lasst euch die Stätte nennen:

sie heisst der Gau.

Die den mehr ausnützen wollten,

als sie sollten,

und darauf Burgen bauten

und die stäts wieder verlassen, mussten.

derer sind sehr viele gewesen.

Wer auf dem Gau zimmern will,

der hat sehr schnell erzielt,

dass man jeder Zeit über ihn

bei dem Landesherrn Klage führt.

Schliesslich sendet der (seine Leute) hin

und lässt das Haus brechen.

So kann der Gau sich rächen.

Vorhin wurde des Herren Gewalt 10

mit einem Erdbeben verglichen.

Der Herr schadet aber noch viel mehr.

Das Erdbeben schont doch noch etwas,

das aber thun des Herren Boten nicht:

das mindeste das von ihnen geschieht,

wenn sie den Gau rächen,

ist, wenn sie das Haus nicht niederbrechen,

dass es von ihnen verbrannt wird.

Dort hat der Blitzstrahl hingesandt

das Feuer, das also richtet 20

und die falschen Vögte auf den rechten Weg bringt.

Der Gau hat so grosse Gewalt,

über ihn erringt niemand den Sieg:

es pflegte noch stäts und pflegt auch heut’

über alle den Sieg davonzutragen,

die ihn wider Recht ausnützen wollen.

Sei es Ritter oder Knecht,

wer Absicht hat darin zu hausen,

der sehe, wie es mit Kirchlingen steht:

das stiessen die Gauhühner nieder;

den Gauhühnern widersteht nichts,

die hatten immer sehr grossen Ruhm.

Sie lassen ganz nach Drachenart

Feuer aus ihrem Munde gehn. 10

Vor ihnem kann keine Burg bestehn:

mit der sie es nicht gnädig machen wollen,

die ist vor ihnen unrettbar verloren.

Ihre Stimme ist ein Donnerschlag,

sie schreien, dass man sie hören kann

in dem Lande überall.

Ihr Zorn bringt die Burgen zu Fall:

Wie starke Befestigungen eine Burg auch habe,

sie brennen oder stossen sie nieder,

wie sie an Kirchlingen gethan. 20

Man wird sie lieber nicht braten,

da sie sich so kräftig rächen,

dass sie die Burgen niederbrechen.

Wenn Kirchlingen verödet liegt,

so sind der Häuser in Österreich mehr,

die der Gau gefällt hat.

Er hat sich so gerächt,

dass sie es noch jeder Zeit entgolten haben,

die den Gau zwingen wollten.

Wer an gesicherten Verhältnissen Gefallen hat,

der nehme die nicht zu Berathern,

die ihn gegen den Gau aufreizen

und ihn den auszupressen auffordern 10

und ihrer Schlemmerei zu Liebe sprechen:

‘Herr, ihr seid ausgestossen

aus eurer eigensten Heimat.

Das ist eine wahre Sünde:

ihr lebt ganz wie ein fremder Gast.

Wollt ihr grossen Ruhm gewinnen,

so bethätigt eure Gesinnung,

dass ihr über Leib und Gut

Meister und Herr seid

und erweitert eure Gewalt. 20

Zeigt ritterlichen Mannes Muth,

lasst euch in der ganzen Landschaft Leute und Gut

dienen gleichviel, wem es angehört:

befreit keinen davon.

Bald kommt es dann so weit,

dass das ihre höchste Freude ist,

wenn sie eure Huld besitzen,

und dass sie euch gerne untergeben sind.

Dann fürchten die Mächtigen eure Kraft

und die Armen sind euch dienstbar.

Wir wissen Mittel und Wege,

die Leute dahin zu bringen,

dass sie euch tagtäglich

gutwillig ohne Klage dienen. 10

Was wir ihnen heuer noch

in Liebe abgewinnen,

das müssen sie auch übers Jahr geben:

da wagen sie nicht mehr zu widerstreben,

und dann müssen sie’s auch immer thun.

Wer euch heuer ein Huhn giebt,

der giebt euch ohne Geschrei

übers Jahr zwei oder drei.

So wächst dann mehr und mehr

euer Nutzen und eure Ehre 20

und ihr werdet angesehener als vordem.

Wenn euch ein Bauer Widerstand leistet,

so gewinnt ihn zu eurem Schützling (Clienten).

Was er dann erarbeiten kann,

das ist immer euer eigen.

So sollt ihr alle unter euer Joch beugen

mit List oder mit Gewalt.

Dann werdet ihr mit Ehren alt.’

Die ihren Herren ein solches Leben empfehlen,

das sind verwünschte Rathgeber:

die haben damit keinen andern Zweck im Auge,

als dass er sein Gut mit ihnen verthun soll.

Das verfolgen sie masslos,

die Prasser und Fresser!

Wie sehr sie auch den Besitz des Gaus erstreben

und von nichts als Raub leben wollen, 10

so kennen sie doch nicht des Gaues Kraft

und der Gauhühner Meisterschaft.

Die brechen gar manchem

den Hals und bringen ihn um sein Gut,

der durchaus ein Gaustrauss sein will.

Sie reissen manchem die Augen aus

und Füsse und Hände ab.

So verdauen sie das Geschmauste.

Der Herr, der ihrem Rathe folgen will,

der erwirbt sich viel Feinde, 20

wenn ihm die Hühner aufsessig werden,

so dass ihm alle seine Nachbarn

ihren Dienst aufsagen

und beim Landesherren über ihn Klage führen.

Das ist der Gauhühner Geschrei;

dann bewirken zwei oder drei,

dass er einen Ausgleich suchen muss,

wo es ihm nicht erspart bleibt,

dass er zehen Pfund Strafe zahlen muss.

Dann sind die Hühner ungesund.

Das muss er von den Mächtigen hinnehmen,

denen er den Schimpf angethan.

Noch aber sind die Armen übersehen,

denen auch Schade geschehen ist. 10

Eh er vor denen und Gott sich rechtfertigt,

verwandelt sich ihm der Hühner Süssigkeit

in so bittere Säure,

dass sie ihm unlieblich erscheinen._

_WERNER DER GÄRTNER._

[_Scherer D._ 227, _E._ 218.]

Ein Dichter aus dem damals baierischen, jetzt österreichischen

Innviertel, verfasste um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts den

‘Meier Helmbrecht’, eine baierische Dorfgeschichte. Herausgegeben

von Haupt in seiner Zeitschrift, Bd. 4; von Lambel ‘Erzählungen und

Schwänke’ Nr. 3.

Dô si dô mit freuden gâzen,

der wirt niht wolte lâzen,

er frâgte in der mære

wie der hovewîs wære

dâ er wære gewesen bî.

‘sage mir sun, wie der sî;

sô sag ich dir denne

wie ich etewenne

bî mînen jungen jâren

die liute sach gebâren.’

‘vater mîn, daz sage mir;

zehant sô wil ich sagen dir

wes dû mich frâgen wil:

der niuwen site weiz ich vil.’

‘Wîlen dô ich was ein kneht 10

und mich dîn ene Helmbreht,

der mîn vater was genant,

hin ze hove het gesant

mit kæse und mit eier,

als noch tuot ein meier,

dô nam ich der ritter war

und markte ir geverte gar.

sî wâren hovelîch unde gemeit

und kunden niht mit schalkheit,

als nû bî disen zîten kan 20

manic wîp und manic man.

die ritter heten einen site,

dâ liebtens sich den frouwen mite:

einez ist buhurdiern genant;

daz tet ein hoveman mir bekant,

dô ich in frâgte der mære

wie ez genennet wære.

si fuoren sam si wolten toben

(dar umbe hôrte ich si loben),

ein schar hin, diu ander her;

ez fuor diser unde der

als er enen wolte stôzen.

under mînen genôzen

ist ez selten geschehen

daz ich ze hove hân gesehen.

als si danne daz getâten, 10

einen tanz si danne trâten

mit hôchvertigem gesange:

daz kurzt die wîle lange.

vil schiere kam ein spilman;

mit sîner gîgen huop er an:

dô stuonden ûf die frouwen;

die möht man gerne schouwen;

die ritter gegen in giengen,

bî handen si si viengen.

dâ was wunne überkraft 20

von frouwen und von ritterschaft

in süezer ougen weide.

junkherren unde meide,

si tanzten frœlîche,

arme unde rîche.

alz des danne nie mê was,

sô gie dar einer unde las

von einem der hiez Ernest.

swaz ieglîch aller gernest

wolte tuon, daz vander. 30

dô schôz aber der ander

mit dem bogen zuo dem zil.

maneger freude was dâ vil:

ener jagte, diser birste.

der dô was der wirste,

der wære uns nû der beste.

wie wol ich etewenne weste

waz triuwe und êre mêrte

ê ez valscheit verkêrte!

die valschen und die lôsen,

die diu reht verbôsen

mit ir listen kunden, 10

die herrn in dô niht gunden

ze hove der spîse.

der ist nû der wîse,

der lôsen unde liegen kan;

der ist ze hove ein werder man

und hât guot und êre

leider michels mêre

danne ein man der rehte lebet

und nâch gotes hulden strebet.

als vil weiz ich der alten site. 20

sun, nû êre mich dâ mite

und sage mir die niuwen.’

‘Daz tuon ich entriuwen.

daz sint nû hovelîchiu dinc:

“trinkâ, herre, trinkâ trinc!

trinc daz ûz; sô trinke ich daz.”

wie möhte uns immer werden baz?

vernim waz ich bediute:

ê vant man werde liute

bî den schœnen frouwen:

nû muoz man si schouwen

bî dem veilen wîne. 10

daz sint die hœhsten pîne

den âbent und den morgen,

wie si daz besorgen,

ob des wîns zerinne,

wie der wirt gewinne

einen der sî alsô guot,

dâ von si haben hôhen muot.

daz sint nû ir minne:

“vil süeze lîtgebinne,

ir sult füllen uns den maser. 20

ein affe und ein narre waser,

der ie gesente sînen lîp

für guoten wîn umbe ein wîp.”

swer liegen kan, der ist gemeit,

triegen daz ist hövescheit;

er ist gefüege, swer den man

mit guoter rede versnîden kan;

swer schiltet schalclîche,

der ist nû tugentrîche.

der alten leben, geloubet mir,

die dâ lebent alsam ir,

der ist nû in dem banne

und ist wîbe und manne

ze genôze als mære

als ein hâhære.

âht und ban daz ist ein spot.’ 10

Der vater sprach ‘daz erbarme got

und sî im immer gekleit

daz diu unreht sint sô breit.

die alten turnei sint verslagen,

und sint die niuwen für getragen,

wîlen hôrte man kroyieren sô

“heyâ, ritter, wis et frô!”

nû kroyiert man durch den tac

“jagâ, ritter, jagâ jac!

stichâ stich! slahâ slach! 20

stümbel den der ê gesach;

slach mir dem abe den fuoz,

tuo mir dem der hende buoz:

dû solt mir disen hâhen,

und enen rîchen vâhen,

der gît uns wol hundert phunt.”

‘Mir sint die site alle kunt.

vater mîn, wan deich enwil,

ich trouwe dir gesagen vil

niuwan von den niuwen siten.

ich muoz slâfen: ich hân vil geriten;

mir ist hînte ruowe nôt.’

dô tâten si als er gebôt.

_Als sie fröhlich assen,

da konnte der Wirth sich nicht länger zurückhalten,

er fragte ihn darnach,

wie man bei Hofe gelebt,

da wo er gewesen wäre.

‘Sage mir, Sohn, wie es damit steht,

so sag ich dir nachher,

wie ich einstmals

in meiner Jugend

die Leute sich benehmen sah.’

‘Vater, das sage mir,

so will ich sofort dir sagen,

was du mich fragen willst:

denn die neuen Sitten kenn ich sehr wohl.’

‘Früher als ich Knecht war, 10

und mich dein Grossvater Helmbrecht,

also mein Vater,

mit Käse und Eiern

nach Hof geschickt hatte,

wie die Meier noch thun,

da hab ich mir die Ritter angesehen

und ihr Treiben genau beobachtet.

Sie waren höfisch und fröhlich

und wussten nichts von niedriger Gesinnung,

die in unseren Tagen 20

manche Frau und mancher Mann besitzt.

Die Ritter hatten eine Gewohnheit,

womit sie sich bei den Damen beliebt machten:

das hiess ‘buhurdieren’;

so erklärte mir ein Diener bei Hofe,

als ich ihn darnach fragte,

wie das Ding genannt würde.

Sie jagten wie die Verrückten

(und dafür hört ich sie noch loben),

eine Schaar hin, die andere her;

der eine fuhr auf den andern los,

als wollte er ihn stossen.

Unter meines Gleichen

ist das nie geschehen,

was ich da bei Hof gesehen habe.

Als sie damit zu Ende waren, 10

da traten sie einen Tanz

unter heiterem Gesange:

das vertrieb die lange Weile.

Nun kam gleich ein Spielmann;

Sobald der zu geigen anfieng,

da erhoben sich die Damen;

es war eine Lust sie zu sehen;

die Ritter giengen ihnen entgegen

und fassten sie bei den Händen.

Da war an Wonne Überfluss 20

von Frauen und Ritterschaft

zu süsser Augenweide.

Junker und Mägdlein

tanzten fröhlich,

Arm und Reich durcheinander.

Als das nun vorüber war,

da kam einer und las vor

von einem Namens Ernst.

Jeder konnte thun,

wozu er am meisten Lust verspürte. 30

dort schoss wieder einer

mit dem Bogen nach dem Ziel.

Da gab es vielerlei Lustbarkeiten:

der eine jagte, der andere pirschte.

Und wer damals nicht viel bedeutete,

der wäre für uns heute noch der beste.

Wie wohl ich mich damals darauf verstand,

was Treue und Ehre zu mehren in Stande ist,

ehe Falschheit es in’s Gegentheil verwandelte!

Die Falschen und die Schlimmen,

die ihre Künste darauf gerichtet,

das Recht zu stürzen, 10

ihnen gönnten die (adelichen) Herren

damals bei Hof nicht einen Bissen.

Heute ist der weise,

der lügen und trügen kann;

der ist bei Hof ein angesehener Mann

und besitzt leider

weit mehr Gut und Ehre,

als ein Mann, der schlecht und recht lebt

und nach Gottes Huld strebt.

So viel weiss ich vom alten Brauch. 20

Mein Sohn, nun erweise mir die Ehre

und berichte mir von dem neuen.’

‘Das will ich thun meiner Treu.

Jetzt heisst das höfisches Benehmen:

“Trink zu, Herr, trink nur, trink!

trink den aus; ich trinke nach.”

Wie möcht’ es uns jemals besser ergehn?

Höre nur, was ich erzähle:

ehedem fand man anständige Männer

bei schönen Frauen:

jetzt muss man sie

bei feilem Weine suchen. 10

Das sind ihre grössten Schmerzen

am Abend und am Morgen,

wie sie es fertig bringen,

dass, wenn ihnen der Wein zu Ende geht,

der Wirth einen anschafft,

der ebenso gut ist,

daran sie sich ergötzen können.

Das ist heute ihre Liebe:

“Viel süsses Kellnermädchen,

füllt uns die Kanne! 20

Ein Affe und ein Thor war der,

der je in Sehnsucht seinen Leib verzehrt

nach einem Weibe statt nach gutem Wein.”

Wer lügen kann, der ist flott;

trügen, darin besteht die rechte höfische Lebenskunst;

es ist ziemlich, dass man den Leuten

mit geschickter Rede die Ehre abschneidet;

wer boshaft klatscht,

der ist heut tugendreich.

Der Alten Weise, glaubt mir nur,

die so leben wie ihr,

die ist heut verpönt,

und Frauen und Männer

wünschen sie

zum Henker.

Über Acht und Bann macht man sich lustig.’ 10

Der Vater sprach ‘Das erbarme Gott,

ihm sei’s ewig geklagt,

dass das Unrecht sich so breit macht.

Die alten Turniere sind dahin,

an ihre Stelle sind neue gesetzt.

Ehedem hörte man solch Feldgeschrei:

“Heisa, Ritter, sei wohlgemuth!”

Nun rufen sie den lieben langen Tag:

“Jage zu, Ritter, jage doch, jage!

Stich doch, stich! schlag zu, schlag! 20

verstümmle den, der vordem sehen konnte;

hau mir dem den Fuss ab,

hilf mir dem von den Händen:

diesen sollst du mir aufhenken,

den Reichen dort fangen,

der giebt uns wol hundert Pfund (als Lösegeld).”

‘Mir sind die Bräuche alle wohlbekannt.

Wollte ich, lieber Vater,

so konnte ich dir noch viel erzählen

nur von den neuen Bräuchen;

doch ich muss schlafen: ich bin weit geritten;

mir thut heut abend Ruhe noth.’

Da thaten sie, wie ers haben wollte._

_DER WEINSCHWELG._

[_Scherer D._ 228, _E._ 220.]

Eine satirische Novelle, nach 1260 gedichtet. Der Verfasser ist wie

bei den meisten gleichzeitigen Gedichten dieser Gattung unbekannt.

Herausgegeben von Grimm ‘altdeutsche Wälder’ 3, 13; Schröer (Jena,

1876) mit Übersetzung.

Swaz ich trinkens hân gesehen,

deist gar von kinden geschehen;

ich hân einen swelch gesehen: 10

dem wil ich meisterschefte jehen.

den dûhten becher gar enwiht,

er wolde näpf noch kophe niht:

er tranc ûz grôzen kannen.

er ist vor allen mannen

ein vorlouf allen swelhen.

von ûren und von elhen

wart solher slünd nie niht getân.

ez muos alle zît vor im stân

ein grôz kanel wînes vol.

er sprach ‘wîn, ich erkenn dich wol;

ich weiz wol, daz du guot bist.

die wîl dîn in dem vazze iht ist,

sô wil ich bûwen dise banc.’

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc von zweinzec slünden.

er sprach ‘nu wil ich künden,

waz tugent du hâst, vil lieber wîn. 10

wie möhtestu tugenthafter sîn?

du hâst schœne und grôze güete,

du gîst uns hôhgemüete,

du machest küene den zagen.

swer dîn wâfen wil tragen,

der wirt wîse unde karc,

er wirt snel unde starc,

er fürhtet niemannes drô.

du machst die trûrigen vrô,

du gîst dem alten jungen muot, 20

du rîchst den armen âne guot,

du machst die liute wol gevar.

du bist ouch selbe schœne gar:

du bist lûter unde blanc.’

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc der für die andern gie.

er sprach ‘war umbe oder wie

sold ich den wîn vermîden?

ich mac in wol erlîden,

sît er allen mînen willen tuot.

er dunkt mich bezzer denne guot;

ich geniete mich sîn nimmer.

ich wil in loben immer

für bûhurdieren und für tanz.

krône, tschapel unde kranz, 10

pfell, samît unde scharlât,

swaz gezierde disiu werlt hât,

die næme ich niht für den wîn.

in hât in dem herzen mîn

Minne alsô behûset,

versigelt und verklûset:

wir mugen uns niht gescheiden.

swer mir in wolde leiden,

der mües immer haben mînen haz.

er kürzet mir die wîle baz 20

denn sagen, singen, seiten klanc.’

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc noch grœzer vil dann ê.

er sprach ‘gras, bluomen unde klê

und aller krûte meisterschaft,

die würze und aller steine kraft,

der walt und elliu vogelîn,

die möhten dîn, vil lieber wîn,

die liute niht ergetzen;

si möhten dich niht ersetzen

mit allem dem, daz si künnen,

ich wil dir gerne günnen,

daz du mir kürzest die zît.

swaz fröude mir diu werlt gît, 10

diu kumt vil gar von dîner tugent.

dîn lop hât immer jugent;

dîn werdekeit wirt nimmer kranc.’

Dô huob er ûf unde tranc

einen trunc alsô starc:

und solde er ein halbe marc

ze lôn dâ mit verdienet hân,

ern dörft niht bezzers hân getân.

‘beidiu ich und der wîn

müezen immer ensamt sîn, 20

mir ist an im gelungen.

er hât mich des betwungen,

deich ie tet swaz er mir gebôt.

der wîn ist guot für manige nôt.

künde er iht wan fröude geben,

diu werlt sold immer gein im streben.

sîn fröude ist vor allen dingen.

ich wil nâch fröuden ringen,

sît mir der wîn fröude gît.

nu wil ich ringen unz an die zît,

daz er mir sô vil fröuden gebe,

daz ich mit fröuden immer lebe:

wie kan ich denne verderben?

ich wil nâch fröuden werben.

des habe mîn lîp immer danc.’ 10

Dô huob er ûf unde tranc,

daz man mê solhes niht vernam.

er sprach ‘der herzoge Ytam,

der was gar âne wîsheit,

daz er einem wisent nâch reit,

er und sîn jäger Nordiân.

si soldenn wîn gejagt hân;

sô wærn si wîse, als ich pin.

mir ist vil samfter denne in;

ich kann jagen unde vâhen; 20

mich enmüedet niht mîn gâhen.

ich jage den vil lieben wîn;

des jäger wil ich immer sîn:

er hât mir ie sô wol getân.

swaz ich sîn her getrunken hân,

und swaz ich sîn noch immer tac

in mînen lîp geswelhen mac,

daz ist wan ein anevanc.’

Alrêst huob er unde tranc

vil manigen ungefüegen slunt.

‘wîn, mir ist dîn tugent kunt

ich erkenne wol dîne kraft,

dîn kunst und dîne meisterschaft.

du bist meister der sinne;

du liebest mir die minne; 10

du machest stæte manigen kouf,

du machest manigen wettelouf,

du machest maniger hande spil,

mit fröuden kurzewîle vil.

diu werlt ist gar mit dir erhaben.

du kanst die durstigen laben,

du machst die siechen gesunt.

sît du mir êrst würde kunt,

sô bin ich dir gewesen bî,

swie vil dîner diener sî, 20

daz mich doch niemen von dir dranc.’

Dô huob er ûf unde tranc,

daz die slünde lûte erklungen.

unde einander drungen.

dô wart von starken slünden

ein sturm, daz den ünden

diu drozze wart ze enge,

daz sich von dem wâcgedrenge

diu güsse begunde werren,

blôdern unde kerren

als ein windes prût ûf dem mere.

* * * * *

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc, der wart swære.

swie grôz diu kanel wære,

si was zem trunke niht volgrôz, 10

wan man zeiner nôt în gôz.

er hiez et vaste în giezen

und lie daz in sich vliezen,

daz dâ noch solhez niht geschach.

dô saz er nider unde sprach

‘der wîn ist rehte ein gimme.

ich hœre ein süeze stimme

in mînem houbet singen.

die hœre ich gerne klingen.

ez ist reht, daz ich in krœne. 20

er singet mêre süezer dœne

denn aller slahte klingen

und aller vogele singen,

mir wart solhes nie niht bekant.

er singt sô wol, daz Hôrant

daz dritteil nie sô wol gesanc.’

Dô huob er ûf unde tranc,

daz diu banc begunde krachen.

er sprach ‘des muoz ich lachen.

des ist ze lachen harte guot.

daz krachen freut mir den muot.

ez machet des wînes güete.

ich hân allez mîn gemüete

in den fröuden wol getrenket.

dar in hân ich mich gesenket.

ich sanc ie sît der stunde, 10

daz ich êrste trinken kunde

und mir der wîn sô wol geviel.

ich weiz wol daz dehein kiel

in daz mere sô tiefe nie gesanc.’

Dô huob er ûf unde tranc

einen vierschrœtigen trunc.

er sprach ‘ich pin worden junc

an lîbe unde an muote.

wol mich’ sô sprach der guote,

‘daz ich sô gar ein meister bin 20

an trinken, seht, daz heiz ich sin.

ich weiz wol, datz Parîs,

ze Padouwe und ze Tervîs,

ze Rôme und ze Tuscân

vindet man deheinen man,

ich ensî sîn meister gewesen,

daz mir nie gein einer vesen

ir deheiner möhte gelîchen.

halt in allen diutschen rîchen

kom mir nie deheiner zuo, 30

der beidiu spât unde fruo

sô wol an trinken tûre.

wînes nâhgebûre

wil ich hiute und immer wesen.

mîn sêle muoz mit ime genesen,

im ist mîn sêle immer holt.

swenne er schœne als ein golt

von dem zaphen schiuzet,

wie wênic mich des verdriuzet,

swaz man sîn in mich giuzet! 10

vil wol mîn lîp des geniuzet.

man sagt von turnieren:

vaste swelhen under vieren

daz kan ich wol; des hab ich danc.’

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc, der vil grôz was.

er sprach ‘swaz man ie gelas

von den, die minne pflâgen

und tôt von minne lâgen,

die wâren mir niht glîche wîs. 20

wie starp der künic Pârîs

der durh Helênam wart erslagen!

des tumpheit sol man immer klagen.

er solden wîn geminnet hân:

sô het im niemen niht getân.

vrô Dîdô lac von minnen tôt.

Grâlanden sluoc man unde sôt

und gab in der vrowen zezzen.

want si sîn niht wolde vergezzen.

Pîramus und Tispê,

den wart von minne sô wê,

daz si sich rigen an ein swert.

mîn minne ist bezzers lônes wert,

denn ir aller minne wære:

mîn minne ist fröudebære. 10

ich bûw der minne strâze.

mir ist baz denn Curâze,

der von minne in dem sê ertranc.’

Dô huob er ûf unde tranc

ein trunc mit grôzer île;

der wert unz an die wîle,

daz im diu gürtel zebrast.

er sprach ‘daz bant ist niht ein bast,

dâ mit ich zallen stunden

zuo dem wîne bin gebunden. 20

daz ist mîn sælde und mîn heil;

und sint ouch driu vil starkiu seil.

daz eine ist des wînes güete,

daz ander mîn stæte gemüete,

daz dritte ist diu gwonheit.

er mac mir nimmer werden leit:

ich muoz in immer minnen.

ich mac im niht entrinnen;

wie zebræche ich ein sô starken stranc!’

Dô huob er ûf unde tranc

sô sêre, daz si alle jâhen,

die sîn trinken rehte ersâhen,

swaz er getrunken het unz dar,

des solde man vergezzen gar:

der trunc behielte gar den prîs. 10

er sprach ‘diu werlt ist unwîs,

daz si niht ze wîne gât,

sô si deheinen gebresten hât,

und trunke dâ für allez leit,

für angest und für arbeit,

für alter unde für den tôt,

für siechtuom und für alle nôt,

für schaden und für schanden slac,

und für swaz der werlt gewerren mac,

für nebel und für bœsen stanc.’ 20

Dô huob er ûf unde tranc

sô sêr, daz sich diu kanel bouc.

‘swaz ie gevlôz ode gevlouc,

daz sol billîch erkennen mich.

die liute solten alle sich

ze mînem gebote neigen.

diu werlt ist gar mîn eigen.

ich hân gewaltes sô vil,

daz ich tuon daz ich wil.

swaz ich wil, daz ist getân,

deich allen mînen willen hân,

dâ von heiz ich ungenôz.

mîne tugende sint sô grôz;

wær der werlde sô vil mê,

daz daz mer und ieslich sê

als guot wær als daz beste lant, 10

daz müese stên ze mîner hant

und mües mir dienen âne wanc.’

Dô huob er ûf unde tranc

sô lange und sô sêre,

sô vil und dannoch mêre,

sô vaste und sô harte,

daz sich daz hemde zarte.

er sprach ‘des wirt guot rât:

ich weiz wol waz derwider stât;

ich kan wol wâfen mich.’ 20

er zôch ein hirzhals an sich:

den hiez er vaste brîsen;

darzuo von guotem îsen

ein vestez banzier enge.

er sprach ‘des wînes gedrenge

lât mich nu ungezerret.

ich hân mich sô versperret:

ern mac mich niht entsliezen.

des sol ich wol geniezen,

daz ich ze fröuden mînen lîp

getwungen hân, daz man noch wîp

sîn lîp sô sêre nie getwanc.’

Dô huob er ûf unde tranc.

_Was ich von Trinken gesehen habe,

das war alles Kinderspiel;

einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10

dem will ich die Meisterschaft zuerkennen.

Dem galten Becher für nichts,

er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen:

er trank aus grossen Kannen.

Er ist vor allen Menschen

ein Vorläufer aller Zecher.

Von Auerochsen und Elenthieren

wurden solche Schlucke nie gemacht.

Jeder Zeit musste vor ihm stehn

eine grosse Kanne voll Wein.

Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl;

ich weiss wohl, dass du gut bist.

So lange von dir noch etwas im Fasse ist,

weich’ ich nicht von dieser Bank.’

Da setzte er an und trank

einen Trunk von zwanzig Schlucken.

Er sprach: ‘Nun will ich künden,

was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10

Wie könnt es etwas volkommneres geben?

du besitzest Schönheit und grosse Güte,

du verleihst uns frohen Muth,

du machst den Zaghaften kühn.

Wer Deine Rüstung tragen will,

der wird weise und sparsam,

der wird schnell und stark,

er fürchtet Niemandes Dreun.

Du machst die Traurigen froh,

du giebst den Alten Jugendmuth, 20

du bereicherst den Armen ohne Gut,

du machst die Leute wohl aussehn.

Du bist auch selber gar schön:

du bist lauter und blinkend.’

Da setzte er an und trank

einen Trunk, der die andern übertraf,

er sprach: ‘Warum oder wie

sollt’ ich von dem Weine lassen?

Ich mag ihn recht wohl leiden,

da er allen meinen Willen thut.

Er dünkt mich besser als gut;

ich bekomme ihn nimmer satt.

Ich will ihn immerdar mehr loben

als Buhurdieren und als Tanz.

Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10

Seide, Sammet und Scharlachzeug,

nicht allem Putz, den diese Welt hat,

Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein.

Ihn hat in meinem Herzen

die Liebe also einquartiert,

versiegelt und eingeschlossen,

dass wir uns nicht trennen können.

Wer mir ihn verleiden will,

den verfolge stäts mein Hass.

Er kürzt mir die Zeit besser 20

als Sagen, Singen und Saitenklang.’

Da hub er die Kanne empor und trank

einen noch viel grösseren Trunk als vorher.

Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee

und aller Kräuter Heilgewalt,

die Gewürze und aller Steine Kräfte,

der Wald und alle Vöglein,

die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein,

bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen;

sie könnten dich nicht ersetzen

mit alle dem, was sie vermögen.

Ich will dir gerne gönnen,

dass du mir kürzest die Zeit.

Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10

die kommt durchaus von deiner Tugend.

Dein Lob hat ewige Jugend;

dein Werth wird nimmermehr krank.’

Da hub er die Kanne und trank

einen so gewaltigen Trunk:

ja hätte er eine halbe Mark

Belohnung damit verdient,

er hätt es nicht besser machen können.

‘Wir beiden, ich und der Wein,

Wir müssen immer beisammen sein! 20

Ich bin mit ihm ganz einig.

Er hat mich dazu gezwungen,

dass ich das stäts that, was er geboten.

Der Wein ist gut in mancher Noth.

Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben,

die Welt sollte doch immer zu ihm streben.

Seine Freude steht über allen Dingen.

Ich will nach Freuden ringen,

da mir der Wein Freude giebt.

Jetzt ringe ich bis auf die Zeit,

dass er mir so viel Freuden giebt,

dass ich immerdar in Freude lebe.

Wie kann ich dann verderben?

Um Freude will ich werben.

Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10

Da hub er die Kanne auf und trank

so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte.

Er sprach: ‘Der Herzog Itam

der war von Weisheit ganz verlassen,

dass er einem Wisent nachritt,

er und sein Jäger Nordian.

Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht:

dann wären sie so weise, wie ich bin.

Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen:

ich kann ihn jagen und fangen; 20

mich ermüdet nicht mein Hasten.

Ich jage den viel lieben Wein;

des Jäger will ich immer sein:

er hat mir stäts so wohl gethan.

Was ich seither getrunken habe,

und was ich dessen mein Lebtag auch

noch schlingen kann in meinen Bauch,

das ist ja nur ein Anfang.’

Erst recht nun hub er auf und trank

gar manchen ungefügen Schluck.

‘Wein, mir ist dein Wesen kund.

Ich kenne wohl deine Kraft,

deine Kunst und deine Meisterschaft.

Du bemeisterst die Sinne;

du reizest zur Minne; 10

du bestätigst manchen Kauf,

du machst manchen Wettlauf,

du treibst mancherlei Spiel,

mit Freuden unterhältst du viel.

Die Welt wird durch dich ganz erhaben,

du kannst die Durstigen laben,

du lässt die Siechen gesunden.

Seit deine Freundschaft ich gefunden,

so war ich bei dir immerdar,

wie gross auch deiner Diener Schar, 20

dass mich doch keiner bracht zu Wank.’

Da hub er die Kanne empor und trank,

dass die Schlucke laut erklangen

und stossend durcheinander drangen.

Da ward von der Schlucke Schwall

ein Sturm, dass dem Wogenprall

der Schlund ward zu enge,

dass in der Wellen Gedränge

die Fluth sich durch einander schlang,

ein wildes Rauschen erklang,

als führ die Windsbraut übers Meer._

* * * * *

_Da hub er auf und trank

einen schweren Trunk.

Wie gross die Kanne auch war,

sie war für den Trunk nicht gross genug, 10

mit Mühe brachte man etwas hinein.

Da hiess er tüchtig hinein giessen

und liess das in sich fliessen,

dass so etwas noch nie geschehen.

Darauf setzte er sich nieder und sprach:

‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein.

Ich höre eine süsse Stimme

in meinem Haupte singen;

die höre ich gerne klingen.

Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20

Er singt mehr süsse Töne

als aller Art Wohlklang

und aller Vögel Gesang.

Nie ward mir so etwas bekannt.

Er singt so schön, dass Horant

nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’

Da hub er auf und trank,

dass die Bank zu krachen begann.

Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen.

Darüber ist gut lachen.

Das Krachen macht mir Vergnügen.

Das thut des Weines Güte.

Ich habe meine Seele

ganz in Freuden getränkt.

Da hinein hob ich mich versenkt.

Ich sank stäts von der Stunde an, 10

wo ich zuerst trinken konnte,

und mir der Wein so wohl gefiel.

Ich weiss wohl, dass kein Schiff

je in das Meer so tief gesunken.’

Da hub er die Kanne auf und trank

einen vierschrötigen Trunk.

Er sprach: ‘Ich bin jung geworden

an Leib und an Seele.

Wohl mir,’ so sprach der Gute,

‘dass ich solch ein Meister bin 20

im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand.

Ich weiss wohl dort in Paris,

in Padua und Treviso,

in Rom und in Toscana

findet man keinen Menschen,

dessen Meister ich nicht wäre,

der sich auch nur ein Linschen

mit mir vergleichen könnte.

In allen deutschen Landen

ist mir nie einer begegnet, 30

der früh und spät

sich in Trinken so auszeichnete.

Mit dem Weine will ich heute und immerdar

gute Nachbarschaft halten.

Meine Seele muss mit ihm gesunden,

ihm ist sie immerdar hold.

Wenn er schön wie Gold

von dem Zapfen schiesst,

hei wie wenig mich das ärgert,

mag man noch so viel in mich giessen. 10

Meinem Leibe bekommt das sehr wohl.

Man redet viel von Turnieren:

tüchtig schlucken unter Vieren

kann ich wohl; das ist mein Fall.’

Da hub er die Kanne empor und trank

einen Schluck, der sehr gross war.

Er sprach: ‘Was man erzählt

von denen, die der Liebe pflagen

und von der Liebe todt gelegen,

die waren nicht so weise wie ich. 20

Wie starb der König Paris,

der um Helenas willen erschlagen ward?

Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen.

Hätte er lieber den Wein geminnet,

so hätt’ ihm niemand etwas gethan.

Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod.

Graland wurde erschlagen und gesotten

und drauf seiner Herrin zu essen gegeben,

weil sie ihn nicht vergessen wollte.

Piramus und Thisbe,

denen geschah von der Liebe so viel Weh,

dass sie sich in ein Schwert stürzten.

Meine Liebe ist besseren Lohn werth,

als ihrer aller Liebe:

Meine Liebe ist freudebringend. 10

Ich wohne an der Liebe Strasse,

doch ist mir wohler als Curas,

der vor Liebe in der See ertrank.’

Da hub er die Kanne empor und trank

einen Trunk in grosser Eile,

den dehnte er so lange aus,

bis ihm der Gürtel zersprang.

Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast,

womit ich jeder Zeit

mit dem Weine verbunden bin. 20

Das ist mein Glück und mein Heil;

und zwar sind es drei starke Seile.

Das eine ist des Weines Güte,

das andere mein starker Geist,

das dritte die Gewohnheit.

Niemals wird er mir leid,

ich muss ihn immer lieben.

Ich kann ihm nicht entrinnen.

Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’

Da hub er die Kanne auf und trank

so gewaltig, dass alle sagten,

die sein Trinken richtig sahen,

was er bis dahin getrunken hätte,

das sollte man ganz vergessen:

dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10

Er sagte: ‘Die Welt ist unklug,

dass sie nicht zu Weine geht,

wenn sie irgend ein Gebresten hat,

und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt,

gegen Angst und Mühsal,

gegen Alter und gegen den Tod,

gegen Siechthum und alle Noth,

gegen Schaden und der Schande Schlag,

und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt

gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20

Da hub er empor und trank

so kräftig, dass sich die Kanne bog.

‘Was da fliesset und flieget,

soll mich billig anerkennen.

Die Leute sollten sich alle

meinem Gebote neigen.

Die Welt ist ganz mein Eigen.

Ich habe so viel Gewalt,

dass ich thue, was ich will.

Was ich will, das ist gethan,

so dass ich allen meinen Willen habe.

Davon heisse ich Ungenoss.

Meine Kräfte sind so gross,

wär der Welt so viel mehr,

dass das Meer und jeglicher See

so gut wäre wie das beste Land, 10

das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn

und müsste mir ohne Wanken dienen.’

Da hub er die Kanne empor und trank

so lange und so gewaltig,

so viel und immer noch mehr,

so tüchtig und so heftig,

dass sein Hemd zerplatzte.

Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen:

ich weiss wohl, was Allem widersteht;

ich kann mich wohl waffnen.’ 20

Er zog ein Koller von Hirschleder an,

da liess er sich fest hinein schnüren;

dazu von trefflichem Eisen

einen engen festen Panzer.

Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen

lässt mich nun ungezerrt.

Ich habe mich so versperrt:

er kann mich nicht mehr aufschliessen.

Das soll mir gut bekommen,

dass ich meinen Leib zum Vergnügen

mir eingezwängt habe, dass Mann

noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’

Und immer noch hub er die Kanne empor und trank._

_HUGO VON TRIMBERG._

[_Scherer D._ 228, _E._ 220.]

Ein gelehrter Dichter, wirkte als Schulmeister einer Vorstadt von

Bamberg. Sein bedeutendstes Werk ist ein Lehr- und Strafgedicht,

‘der Renner’ 1300-1313 verfasst, herausgegeben vom historischen

Vereine in Bamberg (Bamberg, 1833).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 125 / 276 题