Nû hœret waz im dô geschach.
er kom da er einen probest sach,
alwære und einvaltic,
und was iedoch gewaltic
über ein vil michel guot.
dô riet dem phaffen sîn muot,
möht er den betriegen, 10
daz wær ein nützez liegen:
ez gülte im solhe miete,
daz er sîn hûs beriete
zeinem halben jâre.
an kleidern unde an hâre
schuof sich der trügenære
Als er ein gebûr wære.
. . . .
. . . .
da er den selben probest vant.
der begunde in vrâgen zehant,
war stüende sîn gemuot.
‘ich bin ein man âne guot’,
sprach der phaffe Âmîs;
‘ouch stêt mîn muot ze solher wîs
daz ich niht wil nâch guote streben:
wand ich wil âne sünde leben,
unt wil unz an mîn ende 10
mîn herze unt mîne hende
gegen gote bieten swenne ich mac,
daz mir der ängestlîche tac
ze sælden müeze erschînen,
sô got mit den sînen
die sündære verteilet
di er nimmer mêr geheilet.’
nû sprach der phaffe Âmîs
sô wîse wort in leien wîs
daz der probest selbe sprach 20
‘swaz ich leien ie gesach,
so vernam ich nie sô wîsen niht.
kunnet ir der buoche iht?’
‘nein ich, herre,’ sprach er.
‘sît gote willekomen her’,
sprach der probest aber dô:
triuwen, ich bin iuwer vrô.
sît ir sô wîse rede gebet
unt dar zuo âne sünde lebet,
sô sult ir tuon des ich iuch bite:
dâ wirt diz arm klôster mite
gebezzert ein michel teil,
unt wirt ouch iuwer sêle heil;
daz ir hie bî uns belîbet
und iuwer tage vertrîbet
die ir noch ze lebenne hât.
ich hœre wol daz iuwer rât
diz klôster helfen sol:
ir habet sô wîser sinne zol.’ 10
dô sprach der phaffe Âmîs
‘ich bin leider niht sô wîs
als von rehte ein klôsterman,
wan ich der phrüende niht enkan
sô wol gedienen als ich sol.’
‘ir dienets’ ûzer mâze wol’,
sprach der alwære:
‘sît unser schaffære
(dâ enscheide ich niht abe)
über allez daz diz klôster habe 20
dâ ûze oder dâ inne,
oder immer mê gewinne.
daz gibich iu vür iuwer sünde,
unt wil iwer urkünde
an dem jungisten tage sîn.
dâ zuo besliuzet unsern schrîn
dâ unser silber inne lît.’
dâ wider heter deheinen strît:
er enphie daz amt iesâ.
sus was der phaffe Âmîs dâ
wol vier wochen ode mê,
daz des amtes sît noch ê
nie sô wol gephlegen wart.
ez was sô rehte wol bewart
daz guot dâ mite er umbe gie,
daz des jâhen alle die,
die daz klôster hâte,
an bû unde an râte 10
kunder nimmer wîser wesen,
im möht diu sêle wol genesen,
dô si gesâhen wes er phlac:
sîn vaste diu was allen tac,
und az et wazzer unde brôt;
dar zuo leit er grôze nôt
von wachen unde von gebete.
nuo hœret waz er tete.
er vuort den probest besunder:
‘ich wil iu sagen ein wunder’, 20
sprach der phaffe Âmîs,
‘ir sît sô getriu und sô wîs
daz ichz iu wol tuon kunt.
der engel ist nû drîstunt
zuo mir komen dâ ich lac
unde got ze vlêhen phlac:
der sprichet zallen zîten,
ich sül niht langer bîten,
ich sül die messe singen:
mir sül sô wol gelingen, 30
als ich daz messegewant
an mich gelege, daz ich zehant
der buoche ein wîser meister sî.
nû râtet mir durch die namen drî
waz iuch dar umbe dunket guot.
ich sagiu rehte mînen muot.
ich versuocht ez gerne, meht ez sîn,
sô niuwan iuwer unde mîn
in dem münster wære.
wil unser schephære
daz ich diu buoch kunnen sol,
daz kunnet ir vernemen wol. 10
ist daz ab ich betrogen bin,
sô habet ir sô getriuwen sin
daz ir mirz helfet verdagen.
diz sult ir nieman sagen,
unt sult swîgen durch got;
ich würde anders gar ein spot,
vernæme man daz mære
daz ich betrogen wære.’
der probest sprach ‘des sît gewert:
ich tuon vil gerne swes ir gert. 20
entriwen, wir sülnz versuochen.
wir lesen an den buochen
von mangem der ze schuole nie
weder halben tac noch ganzen gie,
wan daz in got erkande
und im ze meister sande
sînen geist der im in kurzer stunt
alle wîsheit machte kunt.
wil got, daz mac ouch hie geschehen.
ist ez als ir mir habt verjehen,
sô ist iu nütze unde guot
daz ir vil willeclîche tuot
swaz der engel gebôt.’
nû wart dem probest harte nôt 10
daz er in bereite dâ zuo.
des anderen morgens vruo
vuort ern in daz münster hin,
und beslôz die tür nâch in.
dar nâch machter in bereit:
er het im schiere an geleit
daz beste messegewant.
dô huop der phaffe Âmîs zehant
von dem heilgen geiste, unde sanc
ein messe schœne unde lanc. 20
dô der probest daz vernam,
sîn herze in den gelouben quam,
swaz er læse od sunge,
daz ez mit alle erklunge
ûz des heilgen geistes munde;
wand er niht enkunde,
sô het er gesworen wol,
er wær des heilgen geistes vol.
do er gesanc unt gelas
unz der messe ein ende was,
dô vrâget er der mære
ob diu messe rehte wære.
der probest sprach ‘si ist sô guot,
daz sich vröuwet mîn muot
deich künde iuwer ie gewan.
ir sît ein heilic man.
got hât grôz dinc durch iuch getân.
nû sult ir mich durch got lân 10
in iuwerm gebete sîn.’
‘ich tuon’ sprach er, ‘herre min.’
der probest niht verdagte,
er enbôt unde sagte
diz mære swem er kunde.
in einer kurzen stunde
kom wunder phaffen dâ hin.
durch ir kärclîchen sin
wolten si in versuochen.
si begunden in von den buochen 20
starker mære vrâgen.
des beschiet er si âne bâgen,
unz si alle begunden jehen,
si enheten gehôrt noch gesehen
deheinen man sô wîsen
sô meister Âmîsen.
sus macht er mangen affen.
nuo seiten die phaffen
daz mære iesâ zehant
allenthalben in diu lant,
daz Âmîs der schaffære
ein heiliger phaffe wære;
wan von gotes lêre
würde nie kein man sô sêre
mit dem heilgen geiste bevangen.
geriten unt gegangen
kômen die lantliute gelîche,
beidiu arm unde rîche, 10
unt brâhten alle ir opher dar.
daz werte vier wochen gar,
daz er niuwan opher enphienc
unt daz liute zuo gienc
beidiu naht unde tac.
dô diu zuovart gelac,
nu wârn im tougenlîche bî
sîner knappen zwêne oder drî.
die hiez er daz si gâhten
und im diu ros brâhten. 20
des wurden si gemeit,
und wâren der künfte gereit.
si kômen an der selben naht.
nû het er trunken gemaht
beidiu bruoder unde knehte,
daz si lâgen rehte
als ob si wæren erslagen.
dô hiez der phaffe ûz tragen
silber unde golt drâte,
swaz man im gophert hâte, 30
daz des niht vergezzen wart.
sus brâht er mit im an die vart
wol zwei hundert marke.
dô gâht er harte starke
daz er âne schaden hin quam.
dô man daz mære vernam,
dô wart der probest überladen
mit grôzem zorne unde schaden;
dar zuo leit er grôzen spot.
die tumben liute lobten got
daz im sô leide was geschehen 10
durch daz wan si in hôrten jehen
daz sîn schaffære
ein heilic phaffe wære.
swaz dâ rede wart vernomen,
doch was er wol hin komen.
wolt ich die trügen alle sagen
die er begienc bî sînen tagen,
der würde mêr dan ze vil:
durch daz ich michs mâzen wil.
er was der êrste man 20
der solhes amptes ie began.
_Nun höret, was ihm da geschah.
Er kam dahin, wo er einen Probst sah,
albern und einfältig,
und war doch mächtig
über ein sehr grosses Gut.
Da rieth dem Pfaffen sein Sinn,
könnte er den betrügen, 10
so wäre das ein nützliches Lügen:
es gälte ihm solchen Lohn,
dass er sein Haus versorgte
für ein halbes Jahr.
An Kleidern und am Haar
machte sich der Betrüger,
als ob er ein Bauer wäre._
. . . .
. . . .
_Als er denselbigen Probst fand,
begann dieser ihn sogleich zu fragen,
wonach sein Sinn stände.
‘Ich bin ein Mann ohne Gut’,
sprach der Pfaffe Amis;
‘auch steht mein Sinn so,
dass ich nicht will nach Gütern streben:
denn ich will ohne Sünde leben,
und will bis an mein Ende 10
mein Herz und meine Hände
zu Gott emporstrecken, so oft ich mag,
damit mir der angstvolle Tag
zum Heile erscheinen müsse,
wenn Gott mit den Seinen
die Sünder verurtheilet,
die er nimmer errettet.’
Nun sprach der Pfaffe Amis
so weise Worte auf Laien Art,
dass der Probst selbst sprach: 20
‘So viel der Laien ich je sah,
so hört’ ich doch nie einen so weisen.
Könnet ihr etwas von Büchern?’
‘Nein, Herr,’ sprach er.
‘Seid Gott willkommen hieher’,
sprach der Probst da wieder.
‘Fürwahr, ich bin eurer froh.
Da ihr so weise Rede gebt
und dazu ohne Sünde lebt,
so sollt ihr thun, worum ich euch bitte:
damit wird dies arme Kloster
sehr viel gebessert,
und wird auch eurer Seele Heil:
dass ihr hier bei uns bleibet,
und eure Tage hier verlebt,
die ihr noch zu leben habt.
Ich sehe wohl, dass euer Rath
diesem Kloster nützen wird:
ihr habt die Gabe von so weisen Sinnen.’ 10
Da sprach der Pfaffe Amis:
‘Ich bin leider nicht so weise,
wie ein Klostermann von rechtswegen sein sollte,
so dass ich die Pfründe nicht
so gut verdienen kann, als ich sollte.’
‘Ihr verdient es ausnehmend wohl’,
sprach der Alberne:
‘Seid unser Schaffner
(davon stehe ich nicht ab)
über Alles was dies Kloster hat 20
draussen oder drinnen,
oder jemals gewinne.
Das geb ich euch für eure Sünden,
und will euer Zeuge
am jüngsten Tage sein.
Dazu verschliesset unsern Schrank,
wo unser Silber drinnen liegt.’
Dagegen hatte er keinen Streit:
er empfieng das Amt sogleich.
So war der Pfaffe Amis da
wohl vier Wochen oder mehr,
so dass des Amtes weder seither noch früher
je so wohl gepflogen ward.
Es war so recht wohl bewahrt
das Gut, womit er umgieng,
dass es alle die sagten,
welche das Kloster hatte,
in der Verwaltung und im Rathe 10
könnte er weiser gar nicht sein;
ihm würde die Seele wohl gedeihn,
da sie sahen, was er that;
sein Fasten war jeden Tag,
und ass er nur Wasser und Brot;
dazu litt er grosse Noth
vom Wachen und vom Beten.
Nun höret, was er that.
Er führte den Probst abseits:
‘Ich will euch ein Wunder sagen’, 20
sprach der Pfaffe Amis:
‘Ihr seid so getreu und weise,
dass ichs euch wohl kund thue.
Der Engel ist nun drei Mal
zu mir gekommen, wo ich lag
und Gott zu bitten pflegte.
Der spricht zu allen Zeiten,
ich soll nicht länger warten,
ich soll die Messe singen:
mir soll es so wohl gelingen, 30
sobald als ich das Messgewand
anlege, dass ich sogleich
ein weiser Meister in den Büchern sei.
Nun rathet mir bei den drei Namen,
was euch darüber gut dünkt.
Ich sage euch recht meinen Sinn:
ich versuchte es gern, wenn es sein könnte,
dass Niemand ausser euch und mir
in dem Münster wäre.
Will unser Schöpfer,
dass ich die Bücher verstehen soll,
das könnt ihr wohl sehn. 10
Ist es aber, dass ich betrogen bin,
so habt ihr so treuen Sinn,
dass ihr es mir verbergen helft.
Dies sollt ihr Niemand sagen
und sollt schweigen um Gottes Willen:
ich würde sonst gar zum Spott
vernähme man die Kunde,
dass ich betrogen sei.’
Der Probst sprach: ‘Seid dessen versichert:
ich thue sehr gern, was ihr begehrt. 20
Fürwahr, wir wollen es versuchen.
Wir lesen in den Büchern
von Manchem, der nie zur Schule
einen halben Tag noch einen ganzen gieng,
nur dass ihn Gott erkannte
und ihm als Lehrer sandte
seinen Geist, der ihm in kurzer Frist
alle Weisheit kund machte.
Will es Gott, das mag auch hier geschehen.
Ist es so, wie ihr mir sagt,
so ist es euch nütze und gut,
dass ihr ganz willig thut,
was der Engel gebot.’
Nun ward es dem Probst sehr eilig, 10
dass er ihn dazu vorbereite.
Des andern Morgens früh
führte er ihn in den Münster hin,
und schloss die Thür nach ihm.
Danach machte er ihn bereit:
er hatte ihm schnell angelegt
das beste Messgewand.
Da begann der Pfaffe Amis sogleich
von dem Heiligen Geist und sang
eine Messe, schön und lang. 20
Als der Probst das vernahm,
da kam sein Herz zu dem Glauben,
dass, was er lese und singe,
durchaus erklinge
aus des Heiligen Geistes Munde;
da er (Amis) nichts gelernt hatte,
so hätte er wohl geschworen,
er wäre des Heiligen Geistes voll.
Als er gesungen und gelesen,
bis der Messe ein Ende war,
da fragte er danach,
ob die Messe richtig wäre.
Der Probst sprach: ‘Sie ist so gut,
dass sich mein Herz freut,
dass ich jemals von euch Kunde erhielt.
Ihr seid ein heiliger Mann,
Gott hat grosse Dinge durch euch gethan.
Nun sollt ihr mich um Gottes Willen 10
in euerm Gebet sein lassen.’
‘Ich thue es’, sprach er, ‘mein Herr.’
Der Probst verschwieg nichts,
er entbot und sagte
die Märe, wem er konnte.
In einer kurzen Zeit
kamen viele Pfaffen dahin:
durch ihre Schlauheit
wollten sie ihn versuchen.
Sie begannen ihn nach den Büchern 20
grosser Kunde zu fragen.
Er gab ihnen darauf Bescheid ohne Widerrede,
bis sie alle zu sagen anfiengen,
sie hätten weder gehört noch gesehn
irgend einen Mann so weise
als Meister Amis.
So machte er manchen zum Narren.
Nun sagten die Pfaffen
die Geschichte sogleich
allenthalben in den Landen,
dass Amis, der Schaffner,
ein heiliger Pfaffe wäre;
durch Gottes Lehre
wäre nie ein Mann so sehr
mit dem Heiligen Geist begabt worden.
Geritten und gegangen
kamen die Leute gleich,
arme und reiche, 10
und brachten alle ihr Opfer dar.
Das währte gar vier Wochen,
dass er nichts als Opfer empfieng,
und die Leute herbeikamen
Tag und Nacht.
Als der Zudrang sich legte,
da waren bei ihm heimlich
zwei oder drei seiner Knappen.
Denen befahl er, dass sie eilten
und ihm die Pferde brächten. 20
Des wurden sie froh,
und waren bereit zu kommen.
Sie kamen in derselben Nacht.
Nun hatte er trunken gemacht
die Brüder und die Diener,
dass sie da lagen gerade,
als ob sie erschlagen wären.
Da hiess der Pfaffe heraustragen
schnell Silber und Gold,
Alles was man ihm dargebracht hatte, 30
dass davon nichts vergessen ward.
So bracht’ er mit sich auf die Fahrt
wohl zweihundert Mark.
Da eilte er sehr stark,
dass er ohne Schaden hinweg kam.
Als man die Geschichte gewahr ward,
da ward der Probst schwer beladen
mit grossem Zorn und Schaden;
dazu erlitt er grossen Spott.
Die dummen Leute lobten Gott,
dass ihm solches Leid geschehn 10
davon, dass sie ihn sagen hörten,
dass sein Schaffner
ein heiliger Pfaffe sei.
So viel Rede man da hörte,
doch war er wohl hinweggekommen.
Wollte ich all die Betrügereien sagen,
die er in seinen Lebtagen begieng,
davon würde es mehr als zuviel:
deshalb will ich mich dessen enthalten.
Er war der erste Mann, 20
der solches Geschäft je anfieng._
2.