Ein wolf, ein fuhs und ouch ein nôz
gein Rôme wolten: ir riuw was grôz.
und dô si nâhten gein der stat, 10
dô sprach der wolf ‘sît got uns hât
mit sînen gnâden her brâht,
eins dinges hân ich mich bedâht:
alsô daz ouch süllen wir
vor bîhten, daz gevellet mir,
ê wir den bâbest ane sehen.’
dô sprach der fuhs ‘daz sol geschehen:
wan der bâbst hât vil ze schaffen
beide mit leien und mit pfaffen:
des hât er selten muoze.
bîhte wir, und setzen buoze,
und bittenn daz er si bestete
durch got und durch unser bete.’
dô sprach der wolf ‘nu sît gemein,
und bîhte ie einr den andern zwein 10
daz grœste daz er habe getân.
sô hebich ze dem êrsten an.
ich tet ein sünde, ze der ich hân
grôze vorhte. ez het ein man
ein zuhtmuoter bî dem Rîn.
diu het zwelf kleiniu verchelîn
ligen in einer stîgen.
diu hôrtich vaste schrîgen
des morgens nâch ir ammen,
wan si mit voller wammen 20
gie am velde, unde ir jungen
mit grôzem hunger rungen.
daz jâmerte mich, wan ichz sach.
an der ammen ich mich rach
eins tages dô sir niht enpflac:
ich beiz si, daz si tôt gelac,
und fulte mit ir mînen magen.
nu lât iu grœzer sünde sagen.
dar nâch, dô ich mich es versan
daz ich vil übele hæt getân,
erbarmten mich diu verchelîn
ellende unde ir hungers pîn,
und half in gar ûz aller nôt:
si lâgen elliu von mir tôt;
von rehter herzeleide 10
beslôz ichs in mîn gweide:
weinende ich iu daz künde.
setzet buoz umb mîne sünde.’
‘alsô ich iuch vernomen hân,
so enhât ir niht missetân’
sprach der fuhs: ‘ir tâtz durch guot,
als manec ander man noch tuot,
den dicke muoz erbarmen
ellender und hûsarmen.
ir sult knien für unser klôster 20
unde sprechen ein paternôster:
daz ist umb die sünd ze vil.
ein sünde ich ouch bîhten wil’
sprach der fuhs, ‘diu mich vil sêre twinget
unde mir manc siufzen bringet.
bî einem dorf saz ein gebûr:
der het ein hanen. der was sô sûr,
daz er all die hanen beiz
die zuo im giengen in den kreiz,
und het dâ bî vil grôzen braht
mit zwelf hennen tac und naht,
daz dick von im betoubet
wart siecher liute houbet.
daz tet mir wê von herzen.
eins tages sach ich in scherzen 10
mit sînen gspunsen ime garten.
ich nam in bî der swarten,
und truog in durch die barre
vür baz in ein ander pfarre,
dâ ich den lîp im an gewan:
in sîner pfarr vorhtich den ban.
dar umbe schriuwen sîniu wîp
al tage über mînen lîp:
daz betoubte mir den sin,
und rach ich mich ouch an in, 20
daz ich eine nâch der ander az:
wie sold ich mich gerechen baz?
wan si truogen nâch mir haz.
herr, nu sprechet mir antlâz
umb die grôze missetât.’
dô sprach der wolf ‘sîn wirt guot rât,
daz daz schrîen und der braht
ist zeinem guoten ende brâht.
du enhâst niht sêre missetân,
als ich mich nu versinnen kan.
iedoch faste an drîn frîtagen,
ob du fleischs enmüges bejagen.
ich geloube dir: als tuost du mir.
wol, her esel, nu bîhtet ir.’
‘ich enweiz waz ich bîhten sol:
ir wizzet beide selben wol
daz ich bin martelær genôz: 10
wan mîniu arbeit ist sô grôz,
daz ich von leid mac immer sagen.
ir seht mich ûf und abe tragen
wazzer, holz, korn unde mist,
und swaz teglîch ze tuonne ist
ûf einer hôhen bürge,
daz ich ân danc mich würge
mit maneger herten arbeit.
ich tet ein sünde: diust mir leit,
und hât mich vil gerûwen sît. 20
ein kneht der mîn pflac zaller zît
gienc zeimâl für mich durch den snê.
dô tet mir frost und hunger wê,
und wart gewar daz im ein strô
ragete ûz beiden schuohen dô.
des zuctich im her ûz ein teil:
daz was sîn schade, und mîn unheil:
an der sêle bin ichs schuldic.
nu sît gein mir geduldic
und setzt mir buoze gnædiclîch.’
si sprâchen ‘wê dir êwiclîch!
morder, waz hâstu getân!
du hâst verderbet einen man, 10
dem sîne füeze sint erfrorn:
der mort hât dir die sêle vlorn.
so ensol der ouch niht genesen,
der diep und morder ist gewesen.’
sus nâmens beide im sîn leben.
sô gtân buoze künnen noch geben
in klôstern übel platten:
swem si niht sint gerâten,
wirt hin und her gediuset
biz er sêle und lîp verliuset 20
als der esel umb kleine schulde:
der fuhs behielt des wolves hulde.
_Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel
wollten nach Rom: ihre Reue war gross.
Und da sie der Stadt nahe kamen, 10
da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat
mit seiner Gnade hergebracht,
hab’ ich mich eines Dings bedacht:
also dass wir auch sollen
vorher beichten, das gefällt mir,
ehe wir den Pabst ansehn.’
Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn:
denn der Pabst hat viel zu schaffen
sowohl mit Laien als Pfaffen:
deshalb hat er selten Musse.
Beichten wir und bestimmen die Busse,
und bitten ihn, dass er sie bestätige
um Gott und unsres Gebets willen.’
Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig
und beichte je einer den andern zwein 10
das Grösste, was er gethan hat.
So heb’ ich zuerst an.
Ich that eine Sünde, vor der ich habe
grosse Furcht. Es hatte ein Mann
am Rhein eine Zuchtsau.
Die hatte zwölf kleine Ferkel
in einem Stalle liegen.
Die hört ich sehr schreien
des Morgens nach ihrer Amme,
während sie mit vollem Bauche 20
im Felde umhergieng, und ihre Jungen
mit grossem Hunger rangen.
Das jammerte mich, als ichs sah.
An der Amme rächte ich mich
eines Tags, da sie sie nicht pflegte:
ich biss sie, dass sie todt dalag,
und füllte meinen Magen mit ihr.
Nun lasst euch grössere Sünde sagen.
Danach, da ich mich besann,
dass ich sehr übel gethan hätte,
erbarmten mich die Ferkel,
die elenden, und ihres Hungers Pein,
und half ich ihnen ganz aus aller Noth:
sie lagen alle von mir todt;
aus rechtem Herzeleid 10
schloss ich sie in mein Eingeweide:
weinend künd’ ich euch das.
Bestimmt die Busse für meine Sünde.’
‘So wie ich euch vernommen habe,
so habt ihr nicht gesündigt,’
sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte,
wie mancher andre Mann noch thut,
den oft erbarmen muss
der Elenden und Hausarmen.
Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20
und ein Paternoster sprechen:
das ist für die Sünde zu viel.
Ich will auch eine Sünde beichten,’
sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt
und mir manch Seufzen bringt.
Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer,
der hatte einen Hahn; der war so böse,
dass er all’ die Hähne biss,
die zu ihm in den Kreis kamen,
und machte dabei sehr grosses Geschrei
mit zwölf Hennen Tag und Nacht,
dass oft von ihm betäubt ward
der Kopf kranker Leute.
Das that mir von Herzen weh.
Eines Tags sah ich ihn spielen 10
mit seinen Gemahlinnen im Garten.
Ich nahm ihn bei der Schwarte
und trug ihn durch den Zaun
fürbass in eine andre Pfarre,
wo ich ihm das Leben nahm:
in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann.
Darum schrien seine Weiber
alle Tage über mich:
das betäubte mir den Sinn,
und rächte ich mich auch an ihnen, 20
dass ich eine nach der andern ass:
wie konnte ich mich besser rächen?
Denn sie trugen mir Hass.
Herr, nun sagt mir Ablass
für die grosse Missethat.’
Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath,
dass das Schreien und das Krähen
zu einem guten Ende gebracht ist.
Du hast nicht sehr gesündigt,
wie ich mich nun besinnen kann.
Jedoch faste an drei Freitagen,
wenn du kein Fleisch erjagen kannst.
Ich erlaube es dir, wie du mir es thust.
Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’
‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll:
ihr wisst beide selber wohl,
dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10
denn meine Arbeit ist so gross,
dass ich immer von Leid zu sagen habe.
Ihr seht mich auf und nieder tragen
Wasser, Holz, Korn und Mist,
und was täglich zu thun ist
auf einer hohen Burg,
dass ich ohne Dank mich plage
mit mancher harten Arbeit.
Ich that eine Sünde: die ist mir leid,
und hat mich seither viel gereuet. 20
Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte,
gieng einmal vor mir durch den Schnee.
Da thaten mir Frost und Hunger weh,
und ich ward gewahr, dass ihm Stroh
aus beiden Schuhen da heraus ragte.
Da riss ich ihm etwas heraus,
das war sein Schade und mein Unheil:
an der Seele bin ichs schuldig.
Nun seid gegen mich geduldig
und bestimmt mir Busse gnädiglich.’
Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich!
Mörder, was hast du gethan?
Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10
dem seine Füsse erfroren sind:
der Mord hat deine Seele vernichtet.
So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden,
der Dieb und Mörder gewesen ist.’
So nahmen sie beide ihm sein Leben.
Solche Busse können noch austheilen
in den Klöstern die bösen Plattköpfe:
wem sie nicht günstig sind,
wird hin und her gezaust,
bis er Seele und Leib verliert, 20
wie der Esel wegen einer kleinen Schuld:
der Fuchs behielt des Wolfes Huld._
_ULRICH BONER._
[_Scherer D._ 230, _E._ 221.]
Ein Predigermönch aus Bern. Er lebte bis nach 1349. Sein
‘Edelstein’ ist eine Sammlung von hundert Beispielen aus
lateinischen und deutschen Quellen. Herausgegeben von Benecke
(Berlin 1816) und von F. Pfeiffer (Leipzig 1844). Älteste Ausgabe
Bamberg 1461, das erste deutsche Buch, welches im Druck erschienen.
Wen[221] sprichet ‘dô der siech[222] genas,
dô was er, der er ouch ê was.’
wer bettet vil, und übel tuot,
der ist sælig, wirt sîn ende guot.
um guot geding[223] und übel leben
wirt vil swacher lôn gegeben.
Eines zîtes daz beschach,
daz ein wîg[224] ze sîner muoter sprach
und klagte ir bitterlîche nôt:
wand er was siech unz[225] ûf den tôt; 10
er sprach ‘vil liebiu muoter mîn,
mich dunkt ez müg nicht anders sîn,
ich müez leider sterben.
sol ich ouch denn verderben
an der sêl, daz ist mir leit.
sich an mîn grôzen erebeit,
und bit die götte daz si sich
wellen erbarmen über mich.’
diu muoter sprach ‘mîn liebez kint,
die götte vaste erzürnet sint;
du hâst bereicht der götten zorn:
ich vörcht du müezist sîn verlorn.
vil kûm[226] die götte vergezzent
des si sich vermezzent
ze tuonde um dîne missetât.
ûz vorchte nu dîn riuwe gât.
dîn riuwe ist nu ze spâte komen:
er mag dir kleine nu gevromen.
nâriuwe[227] wirdet selten guot. 10
mich dunkt, er hab ein tumben muot,
der nâch der rossen diupstâl
alrêrst besliezen wil den stal.
der riuw der sêle ist nicht gesunt,
der von des tôdes vorchte kunt.
ein wolf was siech: do er genas,
er was ein wolf als er ê was.
hætist du nicht erzürnet got
noch übergangen sîn gebot,
und hætist weder wîp noch man 20
betrüebt, und hætist ab gelân
dîn bœsiu werk in dîner jugent,
und hætist dich gesetzt ûf tugent:
sô möcht dîn bet got dankber[228] wesen,
und möchtist an der sêl genesen.’
Wer werden wil von gotte erhœrt,
der achte daz sîn sünd zerstœrt
werden, und sîn leben guot.
wâ bittent werk, wort unde muot,
die bet sol got erhœren wol,
gât si von herzen, als si sol.
wer got bittet umb diu ding 10
diu der sêlen nütze sint,
der wirt ân zwîvel des gewert,
des er nâch nutz der sêl begert.
wer bittet daz im schaden tuot,
wirt der erhœrt, daz ist nicht guot.
got wil erhœren dîn gebet
nâch nutz, als er Sant Paulus tet,
und nicht nâch dem willen dîn,
mag ez der sêlen schedlich sîn.
ist daz, dar umb du bittest got,
mit werken hâst verdienôt, 10
und du ûz dînem herzen lâst,
ungunst und des nîdes blâst[229]:
sô wirst du vätterlîch gewert
von gotte des dîn herze gert.
_BRUDER BERTHOLD VON REGENSBURG._
[_Scherer D._ 234, _E._ 226.]
In Regensburg geboren, Schüler des Bruders David, des Minoriten,
Franziskaner zu Regensburg. Reiste viel in Deutschland umher
und hielt Predigten vor dem Volke, die überall einen ungeheuren
Zulauf fanden, von 1250 bis zu seinem Tode 1272. Herausgegeben von
Pfeiffer und Strobl 2 Bde. (Wien 1862, 1880).
‘Sælic sint die armen, wan daz himelrîche ist ir’ etc. Mit disen aht
tugenden sint alle die ze himelrîche komen, die dâ sint, unde mit den
selben aht tugenden müezent noch alle die dar komen, die iemer mêr dar
komen süln. Nû wil ich die siben under wegen lân, und wil niwan von ir
einer sagen; wan alse vil guoter dinge an ir ieglîcher ist (unde von
ir ieglîcher wære gar vil und gar lanc sunderlîchen ze sagenne) unde
wie manigiu untugent uns an disen ahte tugenden irret, daz würde eht
von ieglîcher gar lanc ze sagenne. Wande man ez allez in einer predigen
niht verenden mac noch in vieren noch in zehenen, sô wil ich iu hiute
niwan sagen von den die ein rein herze habent unde von den man hiute
dâ liset in dem heiligen êwangeliô: ‘sælic sint die reines herzen
sint: die werdent {10} got sehende.’ Die sint wol von rehte sælic, die
dâ got sehent. Ein übergülde ist ez aller der sælikeit, diu ie wart
oder iemer mêr eht werden mac, swer got ansehende eht wirt: alse süeze
und alse wünneclich ist diu gesiht, die man an gote siht. Sô wart nie
deheiner muoter ir kint nie sô liep, ân unser frouwen, unde solte si
ez drîe tage ane sehen ân underlâz, daz sie anders niht enpflæge, wan
eht sie ir liebez kint solte an sehen: si æze an dem vierden tage vil
gerner ein stücke brôtes. Unde wolte ich vil gerner daz ich als ein
guot mensche wære, als daz wâr ist, daz ich iezuo reden wil. Ob daz
alsô wære, daz man zuo einem menschen spræche, der iezuo bî gote ist:
‘dû hâst zehen kint ûf ertrîche, unde dû solt in koufen allen samt,
daz sie êre unde guot haben unz an ir tôt, dâ mite, daz dû einigen
ougenblic von gotes angesiht tuost, niuwen als lange als einz sîne
hant möhte umbe kêren, unde sich danne wider ze gote, unde dû solt dîn
ougen niemer mêr von im kêren’: der mensche entæte sîn niht. Alse wâr,
herre, dîn wârheit ist, alse wâr ist disiu rede, daz er disiu zehen
kint unze an ir tôt ê nâch dem almuosen lieze {10} gên, ê danne er sich
die kleine wîle von gote wolte wenden. In habent die engel wol sehzig
hundert jâr an gesehen, unde sehent in hiute als gerne als des êrsten
tages unde sie sint ouch alle samt sam des êrsten tages: sâ dô sie got
an sehende wurden, dô wart ir deheiner sît nie eltlîcher danne des
êrsten tages unde sint doch sider wol sehzig hundert jâr alt. Swelher
hundert jâr alt würde under uns, der wære den liuten alse smæhe an ze
sehenne von ungestaltheit unde von dem gebresten, den daz alter an in
hæte gemachet. Sô man mâlet die engele, dâ seht ir wol, swâ man die
engele mâlet, daz man sie eht anders niht enmâlet wan als ein kint von
fünf jâren, als junclich, oder von sehsen. Wan alle die got sehent, die
werdent niemer eltlîcher, die in in himelrîche sehent in sînen freuden
und in sînen êren. Ûf ertrîche sehen wir in alle tage in sînem gewalte.
Dehein irdenischer muot noch irdenisch lîp möhte daz niht erlîden, daz
in dehein irdenisch ouge iemer an gesehen möhte in sînen freuden und in
sînen êren, als er ze himelrîche ist. Wir sagen iu {10} etewenne ein
glîchnüsse, wie schœne got sî. Seht, allez daz wir iemer gesagen künnen
oder mügen, daz ist rehte dem glîche, als obe ein kint uns solte sagen,
ob ez mügelich wære, die wîle ez in sîner muoter lîbe ist beslozzen,
unde daz solte sagen von aller der wirde unde von aller der gezierde
die diu werlt hât, von der liehten sunnen, von den liehten sternen,
von edeler gesteine kraft unde von ir maniger slahte varwe, von der
edelen wurze kraft unde von der edelen gesmaeke unde von der rîchen
gezierde, die man ûzer sîden und ûzer golde machet in dirre werlte,
und von maniger hande süezen stimme, die diu werlt hât, von vögelîn
sange unde von seiten spil, unde von maniger hande bluomen varwe unde
von aller der gezierde, die disiu werlt hât. Alse unmügelîche und alse
unkuntlîchen eime kinde dâ von ze sprechen wære, daz noch beslozzen ist
in sîner muoter lîbe, daz nie niht gesach weder übel noch guot noch nie
deheiner freuden enpfant: als unkunt dem kinde dâ von ze redenne ist,
als unkunt ist ouch uns dâ von ze redenne, von der unsägelîchen wünne,
diu dâ ze himel ist unde von dem wünneclîchen antlütze des lebendigen
gotes. Wan alliu {10} diu freude diu dâ ze himel ist, der ist niht wan
von dem schîne, der von unsers herren antlitze gêt. Unde rehte als alle
sternen ir lieht von der sunnen nement, alsô habent alle heiligen ir
gezierde und ir schônheit von gote, und engele und allez himelische
her: reht als alle die sternen des himels, der mâne und die planêten,
grôz unde kleine, die habent alle samt ir lieht von der sunnen, diu uns
dâ liuhtet. Und alsô hât allez himelischez her, engele unde heiligen,
die hœhsten unde die minnesten, die habent alle samt ir freude und ir
wünne und ir gezierde unde die êre unde die wirde und ouch die schœnde,
daz habent sie alle samt von der angesihte gotes, daz sie got an
sehent. Die engele die dâ unser hüetent, die sehent in ze aller zît an,
als ob sie bî im wæren; wan alliu diu freude diu in himelrîche ist, diu
diuhte sie ze nihte, solten sie got niht an sehen. Unde dâ von: ‘sælic
sint die reines herzen sint, wan sie werdent got sehende.’ Nu seht, ir
liebe kristenheit, wie sælic die sint, die dâ reinez herze tragent! Ir
junge werlt, die noch unbewollen sint mit sünden, behaltet iuwer herze
vor allen tœtlîchen {10} sünden: sô werdet ir got sehende in solichen
freuden und in sô grôzen êren, die ouge nie gesach oder ôre nie
gehôrte, alse sant Paulus dâ sprichet unde alse sant Johannes sprichet:
‘wær ez mügelich, daz man ez allez samt geschrîben möhte, sô möhte diu
werlt diu buoch in ir niht behalten, dâ ez an gestüende daz ich gesach,
und allez daz ich gesach, daz was niht wan got alleine.’ Und dar umbe
möhten wir doch gerne ze dem himelrîche komen unde drumbe arbeiten. Ob
uns niht diu liebe unde diu minne dar twünge der wir gote schuldic sîn,
seht, sô möhten wir dar umbe dar komen durch daz wunder daz dâ ist. Ez
ist maniger vor mir, der im von sô getâner freude seite, daz si jenhalp
meres wære, er füere gar gerinclîchen dar von hinnen über mer, niwan
daz erz gesæhe. Sô möhtet ir hundertstunt gerner dar umbe arbeiten, daz
irz iemer mêre êwiclîchen niezen soltet. Die vil wünneclîchen angesiht
des almehtigen gotes unde der himelischen küniginne ze der zeswen sîner
sîten in guldîner wæte, die möhtet ir gerne an sehen. Wan würde iu
einiger anblic, sô wære iu alliu diu freude unde diu êre und aller {10}
der wollust, den diu werlt ie gewan, daz wær iu hinne für als widerzæme
und ouch alse unmære, reht als sant Paulus dâ sprach. Nû hœret wie er
sprach. Er sprach: ‘alliu diu êre unde diu freude unde daz gemach, diu
disiu werlt ie gewan von keisern unde von künigen, wider der freude diu
in himelrîche ist; als widerzæme einem wære ein diep an einem galgen,
als kurz einem diu wile dâ mit wære, daz er einen erhangenen man
triuten solte, wider aller der freude die diu werlt hât: alse widerzæme
ist mir diu freude aller der werlte wider der êwigen freude.’ Ei, wol
iuch wart, daz iuch iuwer muoter ie getruoc, die sô getâne freude süln
besitzen! Der ist, ob got wil, vil maniger vor mînen ougen. Ouch ist
maniger, der vil kleine freude dar für nimt hie ûf ertrîche, unde daz
den guoten sante Paulen gar versmâhte, des wirt im der tûsentste teil
niht. Unde die habent übele koufet, die sô übergrôze freude gebent umb
ein sô kurzez freudelîn in dirre werlte: die habent übele gevarn, wan
sie habent weder hie noch dort niht. Als ich iezuo sprach, rehte in
glîcher wîse, reht alse alle sternen des himels ir lieht von der sunnen
habent, alsô hât {10} allez himelische her ir lieht von dem wâren
sunnen, sît danne unser herre der wâre sunne unde daz wâre lieht ist,
alse der guote sant Johannes dâ sprichet. Der heizet in daz wâre lieht;
als ouch daz vil wâr ist, wan er ist daz wâre lieht, daz niemer mêr
verlischet. Und alle die von sîme gotvarwen liehte enzündet werdent,
die erleschent ouch niemer mêre von der schônheit, die sie von dem
wâren sunnen hânt. Und als vil diu sunne liehter unde gelpfer ist danne
wir dâ sehen, rehte als vil diu liehtes unde glastes über alle sternen
hât die an dem himel stênt: als vil hât der wâre sunne in himelrîche
schînes unde glastes mêr über alle engele, und ist geschœnet unde
gewirdet an allen êren, alse billich ist. Unde dâ von sint sie sælic,
die ein reinez herze habent, wan sie werdent got sehende.
* * * * *
_‘Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr’ u. s. w. Mit
diesen (hier erwähnten) acht Tugenden sind alle die in das {20}
Himmelreich gekommen, die darinnen sind. Und mit denselben acht
Tugenden müssen noch alle dahin kommen, die jemals hineinkommen sollen.
Nun will ich die sieben unterwegs lassen, und {20} will nur von ihrer
einer reden, da an einer jeglichen von ihnen so viel des Guten ist (und
von einer jeglichen von ihnen wäre gar viel und gar lang besonders zu
reden), und wie manche Untugend uns in diesen acht Tugenden irre macht,
das würde besonders von jeder gar lang zu sagen sein. Da man dies Alles
in einer Predigt nicht zu Ende bringen kann, noch in vieren, noch in
zehn, so will ich heute nur von denen reden, die ein reines Herz haben,
und von denen man heute in dem heiligen Evangelio da liest: ‘Selig
sind die reines Herzens sind, sie werden Gott sehen.’ Die sind wohl
wahrhaft selig, die Gott sehen. Es überbietet alle Seligkeit, die je
{30} ward oder jemals werden kann, wer Gottes ansichtig wird: so süss
und so wonniglich ist der Anblick, den man an Gott hat. Keiner Mutter
ward je ihr Kind so lieb (ich spreche nicht von Unserer Frauen), sollte
sie es drei Tage ohne Unterlass ansehn, so dass sie nichts andres
pflöge, denn dass sie nur ihr liebes Kind ansähe: doch ässe sie lieber
am vierten Tage ein Stück Brot. Und nun möchte ich gern, dass ich
ein so guter Mensch wäre, wie wahr das ist, was ich jetzt sagen will.
Wenn das so sein möchte, dass man zu einem Menschen, der jetzt bei
Gott ist, spräche: ‘Du hast {20} zehn Kinder auf Erden, und du sollst
für sie alle das erwerben, dass sie damit Ehre und Gut bis an ihren
Tod haben, so du einen einzigen Augenblick von Gott hinweg siehst,
nur so lange als Jemand seine Hand umkehren möchte, und blicke dann
wieder auf Gott, und sollst deine Augen nie wieder von ihm kehren’:
der Mensch thäte es nicht. So wahr, o Herr, als deine Wahrheit ist, so
wahr ist diese Rede, dass er diese zehn Kinder bis an ihren Tod lieber
nach Almosen gehn liesse, als dass er sich die kurze Weile von Gott
wenden wollte. Die Engel haben ihn wohl sechstausend Jahre angesehn,
und sehen ihn heute so gern als am ersten Tag. {30} Und sie sind auch
allesammt wie am ersten Tage, da sie Gottes ansichtig wurden. Keiner
von ihnen ward seither älter als am ersten Tage, und sind doch seither
wohl sechstausend Jahr alt. Wer von uns hundert Jahr alt würde, der
wäre den Leuten so schmählich anzusehn, wegen seiner Hässlichkeit
und wegen der Gebrechen, die das Alter an ihm gemacht hätte. Wenn
man malet die Engel, {20} da seht ihr wohl, wo man sie auch malet,
dass man sie nie anders malt als ein Kind von fünf Jahren, so jung,
oder von sechs Jahren. Denn alle die Gott sehn, die werden nie älter,
die ihn im Himmelreich sehen in seinen Freuden und seinen Ehren. Auf
Erden sehen wir ihn alle Tage in seiner Macht. Kein irdischer Sinn und
kein irdischer Leib könnte das ertragen, dass ein menschlich Auge ihn
jemals ansähe in seinen Freuden und seinen Ehren, wie er im Himmelreich
ist. Wir sagen euch manchmal ein Gleichniss, wie schön Gott sei.
Seht, Alles was wir je sagen können oder mögen, das ist so recht dem
gleich, als ob ein Kind uns sagen sollte, wenn {30} es möglich wäre,
während es in seiner Mutter Leib beschlossen ist, und dies Kind sollte
erzählen von all der Würde und all der Zierde, die die Welt hat, von
der lichten Sonne, von den lichten Sternen, von edler Steine Kraft und
ihrer mannigfachen Farbe, von der edlen Gewürze Kraft und von ihrem
edlem Geruch, und von dem reichen Schmucke, den man aus Seide und aus
Gold macht in dieser Welt, und von dem mannigfachen süssen Getön,
welches die Welt hat, von Vogelsang und Saitenspiel, und von mancherlei
{20} Blumen Farbe, und von all dem Schmuck, den diese Welt hat. So
unmöglich und so unbekannt es einem Kinde wäre davon zu sprechen,
das noch in seiner Mutter Leib beschlossen, das nie weder Böses noch
Gutes sah, noch irgend welche Freude empfand; so unbekannt dem Kinde
davon zu reden ist, so unbekannt ist auch uns davon zu reden, von der
unsäglichen Wonne, die da im Himmel ist, und von dem wonniglichen
Antlitz des lebendigen Gottes. Denn alle die Freude, die da im Himmel
ist, die kommt alle nur von dem Glanze, der von unsres Herrn Antlitz
ausgeht. Und gerade wie alle Sterne ihr Licht von der Sonne empfangen,
so {30} haben alle Heiligen ihre Zierde und ihre Schönheit von Gott,
und ebenso die Engel und das ganze himmlische Heer. Gerade wie alle
Sterne des Himmels, der Mond und die Planeten, grosse und kleine, die
haben allesammt ihr Licht von der Sonne, die uns da leuchtet: ebenso
hat das ganze himmlische Heer, Engel und Heilige, die höchsten und
die geringsten, die haben allesammt ihre Freude und ihre Wonne und
ihre Zierde und die Ehre und die Würde und auch die Schönheit, das
haben sie allesammt von dem Anblick Gottes, {20} davon dass sie Gott
ansehn. Die Engel, die da unser hüten, die sehen ihn zu aller Zeit,
als ob sie bei ihm wären. Denn all die Freude, die im Himmelreich ist,
die däuchte ihnen nichts, sollten sie Gott nicht ansehn. Und deshalb:
‘Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott sehn.’ Nun
seht, ihr liebe Christenheit, wie selig die sind, die da ein reines
Herz tragen. Ihr junge Welt, die ihr noch unbefleckt von Sünden seid,
hütet euer Herz vor allen tödlichen Sünden: dann werdet ihr Gott sehn
in solchen Freuden und so grossen Ehren, die kein Auge je sah und kein
Ohr gehört hat, wie St. Paulus spricht. Und wie St. Johannes spricht:
{30} ‘Wäre es möglich, dass man es alles insgesammt schreiben könnte,
die Welt würde die Bücher nicht in sich fassen, wo es geschrieben
stände, was ich sah. Und alles was ich sah, das war nichts als Gott
allein.’ Und darum möchten wir doch gern in das Himmelreich kommen und
dafür arbeiten. Wenn uns auch nicht die Liebe und die Minne, die wir
Gott schuldig sind, dazu drängten, seht, so möchten wir doch darum
schon dahin kommen, nämlich um des Wunders willen, das dort ist. Es
steht so Mancher vor mir: {20} wer dem von solcher Freude sagte, dass
sie jenseit des Meeres wäre, er führe gar schnell dorthin von hier
übers Meer, nur damit er es sähe. So solltet ihr also hundertmal lieber
dafür arbeiten, dass ihr es auf immer und ewig geniessen solltet. Das
wonnigliche Angesicht des allmächtigen Gottes und der himmlischen
Königin zu seiner rechten Seite in goldenem Gewand, die möchtet ihr
gern ansehn. Würde euch ein einziger Blick zu Theil, so wäre euch all
die Freude und die Ehre und all die Wollust, welche die Welt je gewann,
das wäre euch hinfür so widerwärtig und auch so gleichgültig, gerade
wie St. Paulus da sprach. Nun höret, wie der {30} sprach. Er sprach:
‘Alle die Ehre und die Freude und das Gemach, das diese Welt je gewann
von Kaisern und von Königen, gegen die Freude, die im Himmelreich ist;
so widerwärtig einem, ein Dieb an einem Galgen wäre, so kurz einem die
Zeit damit wäre, dass man einen gehängten Mann lieb haben sollte, gegen
alle die Freude, die die Welt hat: so widerwärtig ist mir die Freude
der ganzen Welt gegen die ewige Freude.’ Ei wohl euch, dass euch eure
Mutter je trug, euch, die solche Freude besitzen sollen. {20} Von denen
ist, so Gott will, Mancher hier vor meinen Augen. Auch ist Mancher, der
dafür gar kleine Freude hier auf Erden empfängt, und was dem guten St.
Paulus so verächtlich erschien, davon wird ihm nicht der tausendste
Theil. Und die haben übel gekauft, die so übergrosse Freude für ein so
kurzes Freudelein auf dieser Welt hingeben. Die sind übel gefahren:
denn sie haben nichts, weder hier noch dort. Wie ich eben sagte, ganz
in gleicher Weise, gerade wie alle Sterne des Himmels ihr Licht von
der Sonne haben, also hat das ganze himmlische Heer sein Licht von
dem wahren Sonnen, sintemal unser Herr der wahre Sonne und {30} das
wahre Licht ist, wie der gute St. Johannes da spricht. Der nennet ihn
das wahre Licht, wie das auch ganz wahr ist: denn er ist das wahre
Licht, das nie verlischt. Und alle die von seinem gottfarbigen Lichte
entzündet werden, die erlöschen auch nimmer zufolge des Glanzes, den
sie von dem wahren Sonnen haben. Und wie viel die Sonne lichter und
glänzender ist, als (Alles) was wir da sehn, wie viel sie Licht und
Glanz über alle Sterne hat, die am Himmel stehn, so viel hat der wahre
Sonne im Himmelreich mehr Schein und Glanz über alle Engel, und ist
geziert und geehrt mit allen Ehren, wie es billig ist. Und deshalb sind
sie selig, die {10} ein reines Herz haben: denn sie werden Gott sehn._
_HEINRICH SUSO._
[_Scherer D._ 238, _E._ 230.]
Mystiker. Aus edlem Geschlecht im Jahre 1300 zu Constanz geboren,
ward Dominikaner, lebte später in Cöln und vorzüglich in Ulm, wo er
1365 starb. Der Name Suso stammt von seiner Mutter, welche Seuse
hiess. Herausgegeben von Diepenbrock (Regensburg 1829, 3 Aufl.
Augsburg 1854); Denifle Bd. 1 (München 1880).