_DER MARNER._
[_Scherer D._ 217, _E._ 209.]
Ein bürgerlicher Fahrender, Schüler Walthers von der Vogelweide.
Er wirkte vierzig oder fünfzig Jahre bis gegen 1270, verfasste
deutsche und lateinische Gedichte und wurde nach einem Spruche
Rumelants als blinder, gebrechlicher Greis ermordet. Herausgegeben
von Strauch (Strassburg 1876).
Sing ich dien liuten mîniu liet,
sô wil der êrste daz
wie Dieterîch von Berne schiet,
der ander, wâ künc Ruother saz,
der dritte wil der Riuzen sturm, sô wil der vierde Ekhartes nôt,
der fünfte wen Kriemhilt verriet,
dem sehsten tæte baz
war komen sî der Wilzen diet.
der sibende wolde eteswaz
Heimen ald hern Witchen sturm, Sigfrides ald hern Eggen tôt.
sô wil der ahtode niht wan hübschen minnesanc.
dem niunden ist diu wîle bî den allen lanc. 10
der zehend enweiz wie,
nû sust nû sô, nû dan nû dar, nû hin nû her, nû dort nû hie.
dâ bî hæte manger gerne der Nibelunge hort.
der wigt mîn wort
ringer danne ein ort:
des muot ist in schatze verschort.
sus gât mîn sanc in manges ôre, als der mit blîge in marmel bort.
sus singe ich unde sage iu, des iu niht bî mir der künec enbôt.
* * * * *
_Singe ich den Leuten meine Lieder,
so will der Erste das,
wie Dietrich von Bern schied,
der Andere, wo König Ruother sass;
der Dritte will der Russen Sturm: so will der Vierte Eckharts
Noth,
der Fünfte, wen Kriemhilt verrieth; 20
dem Sechsten wäre lieber,
wohin der Wilzen Volk gekommen sei;
der Siebente wollte etwa
Heimes oder Herrn Wittichs Kampf, Siegfrieds oder Herrn Egges Tod.
So will der Achte dabei nur höfischen Minnesang;
dem Neunten ist bei alledem die Weile lang;
der Zehnte weiss nicht wie:
nun so, nun so, nun fort, nun da, nun hin, nun her, nun dort,
nun hier;
dabei hätte Mancher gern der Nibelungen Schatz;
der schätzt mein Wort 30
geringer als ein Loth,
des Sinn ist in Geld vergraben.
So geht mein Sang in Manches Ohren, wie wer mit Blei in Marmor
bohrt;
so singe ich und sage ich, wovon euch der König nichts durch
mich bestellte._
_HEINRICH FRAUENLOB._
[_Scherer D._ 217, _E._ 210.]
Meister Heinrich von Meissen, Frauenlob genannt, ein fahrender
Sänger; geboren zu Meissen 1250, gestorben 1318 zu Mainz. Gedichte
herausgegeben von Ettmüller (Quedlinburg 1843). Frauenlob soll zu
Mainz die erste Meistersängerschule gegründet haben.
1.
Ich saz ûf einer grüene[191]
unt dâhte an maneger hande dinc,
wie ich die werlt behielte, und ouch gên[192] Gote iht wurde
linc[193];
dô kunde ich nie erdenken daz,
daz mir iht töhte[194] ûf solher hande ger[195].
Mîn blœdekeit wart küene 10
gedanke der ich vil verschriet[196];
al nâch der werlte tücke[197] mîn kintheit[198] mir die
wizze[199] riet,
daz nieman ûf der êren saz[200]
kum âne schaz: daz wart mîns herzen swer[201].
Ich strâfte vrouwen Êren,
ich sprach ‘ir sît ein kranke meit, lât ir iuch schaz verkêren.’
si sûfte, unt sprach ‘du tumber,
schaz hât mich leider überwegen[202].
man mac mîn wol mit schazze pflegen:
schaz âne tugent dêst[203] gegen mir ein kumber.’ 20
2.
Swer Gotes brôt wil niezen[204] unt sîn bluot darzuo,
sîn bîhte er tuo
ûz volles herzen gierde[205],
sînes geistes wierde[206]
habe kiuschen muot unt reinez leben; in sô hôher zierde
kein bruch[207] in jage von Kristes ê[208]; mit kreften des
gelouben
Er sol die Gotes vorhte in wârer minne haben,
umb sie begraben
der werlde lop, ir prîsen;
er sol sich bewîsen 10
den vîenden sîn ein voller vriunt, wil er sich wol spîsen,
der ûzer lust sol sînen muot niht innekeit berouben.
Er sol ouch lûterlich vergeben
schult, missetât unt widerstreben,
sô mac er weben
ein heilec leben;
sîn herze ist Gotes tempel eben;
Krist kan in solhen himeln sweben:
die sô niht nemen daz lebende brôt, wê in, wê in, den
touben![209]
3.
Wie tœtet man die sorgen? 20
wie wirt verwunnen[210] allez leit?
wie wirt gekrenket[211] swære, wie senftet man grôz arebeit?
wie leschet man des zornes vluot?
wie wirt verschart[212] daz triwe muoz jâmer klagen?
Wie tar[213] trôst vorhte bringen?
wie wirt verjagt haz unde nît?
wie salbet man den smerzen, der senfteberndiu[214] herzen gît,
nâch liebe sende[215] heilen tuot?
swer vlêhet mich, dem wil ichz allez sagen.
Seht, als diu sunne erliuhtet
den luft und alle vinsterheit, baz dürren[216] muot
erviuhtet[217]
ein reinez angesihte.
daz touwet[218], regenet süezen lust
in mannes herze, in mannes brust:
jâ, wîbes name, der wunsch ist dir gerihte[219].
_THOMASIN VON ZIRCLARIA._
[_Scherer D._ 222, _E._ 214.]
Ein Italiener, aus Friaul gebürtig, Domherr zu Aquileja. Sein
Sittengedicht ‘Der wälsche Gast’ verfasst 1216; herausgegeben von H.
Rückert (Quedlinburg 1852).
Ich wil daz einr den andern êre,
wellnt si volgen zühte lêre.
ir deheiner sol zeiner tür
den andern allen dringen vür. 10
Bêde frouwen unde herren
sulen vrömede liute êren:
ist sîn ein vrömeder man niht wert,
si habent sich selben geêrt;
ist sîn aver wert der,
sô habent si sîn bêde êr.
man enweiz niht wer der vrömede ist:
dâ von êre man in zaller vrist.
swenn ze hove kumt ein vrömeder gast,
diu kint suln im dienen vast
sam er wær ir aller herre:
daz ist der zühte wille und lêre.
si sulen haben kiuschiu wort:
wan daz ist der zühte hort.
Ein vrouwe sol sich sehen lân,
kumt zir ein vrömeder man:
swelihiu sich niht sehen lât,
diu sol ûz ir kemenât
sîn allenthalben unerkant; 10
büeze alsô, sî ungenant.
ein vrouwe sol niht vrevelîch
schimphen: daz stât vröuwelîch.
ich wil ouch des verjehen:
ein vrouwe sol niht vast an sehen
einn vrümeden man: daz stât wol.
ein edel juncherre sol
bêde rîter unde vrouwen
gezogenlîche gerne schouwen.
Ein juncvrouwe sol senfticlîch 20
und niht lût sprechen sicherlîch.
ein juncherre sol sîn so gereit
daz er vernem swaz man im seit,
sô daz ez undurft sî
daz man im sage aver wî.
zuht wert den vrouwen alln gemein
sitzen mit bein über bein.
ein juncherr sol ûf ein banc,
si sî kurz ode lanc,
deheine wîse stên niht,
ob er einn rîtr dâ sitzen siht.
ein vrouwe sol ze deheiner zît
treten weder vast noch wît.
wizzet daz ez ouch übel stêt,
rît ein rîtr dâ ein vrouwe gêt. 10
ein vrouwe sol sich, daz geloubet,
kêren gegen des pherftes houbet
swenn si rîtet: man sol wizzen,
si sol niht gar dwerhes sitzen.
ein rîter sol niht vrevelîch
zuo vrouwen rîten; sicherlîch,
ein vrouwe erschraht hât dicke getân
den sprunc der bezzer wær verlân.
swer sînem rosse des verhenget,
daz ez eine vrowen besprenget, 20
ich wæne wol daz sîn wîp
ouch âne meisterschaft belîp.
zuht wert den rîtern alln gemein
daz si niht dicke schowen ir bein
swenn si rîtnt: ich wæne wol
daz man ûf sehen sol.
ein vrowe sol recken niht ir hant,
swenn si rît, vür ir gewant;
si sol ir ougen unde ir houbet
stille haben, daz geloubet.
ein juncherr unde ein rîter sol
hie an sich ouch behüeten wol,
daz er sîn hende habe still,
swenner iht sprechen wil.
er sol swingen niht sîn hende
wider eins vrumen mannes zende.
swer der zuht wol geloubet, 10
der sol setzn ûf niemens houbet
sîn hant, der tiuwerr sî dan er,
noch ûf sîn ahsel: daz ist êr.
Wil sich ein vrowe mit zuht bewarn,
si sol niht âne hülle varn;
si sol ir hül ze samen hân,
ist si der garnatsch ân:
lât si am lîbe iht sehen par,
daz ist wider zuht gar.
ein rîter sol niht vor vrouwen gên 20
parschinc, als ichz kan verstên.
ein vrouwe sol niht hinder sich
dicke sehen, dunket mich:
si sol gên vür sich geriht
und sol vil umbe sehen niht,
gedenke an ir zuht über al,
ob si gehœre deheinen schal.
ein juncvrouwe sol selten iht
sprechen, ob mans vrâget niht.
ein vrowe sol ouch niht sprechen vil,
ob si mir gelouben wil;
und benamen swenn si izzet,
sô sol si sprâchen niht, daz wizzet.
Man sol sich zem tische vast bewarn, 10
der nâch rehte wil gebârn,
da gehœret grôziu zuht zuo.
ein iegelîch biderb wirt der tuo
war ob si habent alle gnuoc.
der gast der sî sô gevuoc
daz er tuo diu glîche gar,
sam er dâ nihtes neme war.
swelich man sich rehte versinnet,
swenner ezzen beginnet,
so enrüer niht wan sîn ezzen an 20
mit der hant: deist wol getân.
man sol daz brôt ezzen niht
ê man bring d’ êrsten riht.
ein man sol sich behüeten wol
daz er niht legen sol
bêdenthalben in den munt.
er sol sich hüeten zuo der stunt
daz er trinke und spreche niht
di wîl er hab im munde iht.
swer mit dem becher zem gesellen
sich kêrt sam er im geben welle,
ê ern von dem munde tuo,
den hât der wîn gebundn derzuo
swer trinkend ûz dem becher siht,
daz stât hüfschlîche niht.
ein man sol niht sîn ze snelle,
daz er neme von sîme gesellen,
daz im dâ gevellet wol,
wan man sînhalb ezzen sol. 10
man sol ezzen zaller vrist
mit der hant diu engegen ist.
sitzet dîn gesell ze der rehten hant,
mit der andern iz zehant.
man sol ouch daz gerne wenden
daz man nien ezz mit bêden henden.
man sol ouch niht sîn ze snelle,
daz man tuo mit sîme gesellen
in die schüzzel sîne hant,
wan er nimt si ûz ze hant. 20
der wirt sol ouch der spîse enpern
der sîn geste niht engern,
diu in ist ungemeine.
der wolf izzet gerne eine:
der olbent izzet eine niht,
ob er des wilds iht bî im siht.
dem volget der wirt mit êren baz
dann dem wolve, wizzet daz.
der wirt nâch dem ezzen sol
daz wazzer geben: daz stât wol.
dâ sol sich dehein kneht 10
denne dwahen: daz ist reht.
wil sich dwahen ein juncherre,
der sol gân einhalp verre
von den rîtrn und dwahe sich tougen:
daz ist hüfsch und guot zen ougen.
_Ich will, dass Einer den Andern ehre,
wenn sie der Zucht Lehre folgen wollen.
Keiner von ihnen soll an einer Thür
den andren allen sich vordrängen. 10
Sowohl Frauen als Männer
sollen fremde Leute ehren:
ist ein fremder Mann dessen nicht werth,
so haben sie sich selbst geehrt;
ist er aber dessen werth,
so haben sie beide Ehre davon.
Man weiss nicht, wer der Fremde ist,
deshalb ehre man ihn zu aller Zeit.
Wenn ein fremder Gast zu Hof kommt,
so sollen die (adelichen) Jünglinge ihm eifrig dienen,
als ob er ihrer aller Herr wäre:
das ist die Lehre und der Wille der Zucht;
sie sollen bescheidne Worte sprechen:
denn dies ist der Schatz der Zucht.
Eine Frau soll sich sehen lassen,
wenn ein fremder Mann zu ihr kommt:
die welche sich nicht sehn lässt,
die wird ausser ihrem Gemach
allenthalben unbekannt sein; 10
sie büsse es also, und sei ungenannt.
Eine (adeliche) Frau soll nicht keck
scherzen: das steht ihr weiblich.
Ich will auch das sagen:
eine Frau soll nicht viel ansehn
einen fremden Mann: das steht ihr wohl.
Ein edler Junker soll
sowohl Ritter als Frauen
züchtig gern anschauen.
Eine Jungfrau soll sanft 20
und nicht laut sprechen sicherlich.
Ein Junker soll so flink sein,
dass er verstehe, was man ihm sagt,
so dass es nicht Noth sei,
dass man ihm wieder sage, wie.
Zucht wehrt den Frauen allen gemeinsam
mit dem Bein über dem Bein zu sitzen.
Ein Junker soll auf eine Bank,
sei sie kurz oder lang,
in keiner Weise treten,
wenn er einen Ritter da sitzen sieht.
Eine Frau soll zu keiner Zeit
weder schnell noch weit ausschreiten.
Wisset, dass es auch übel steht,
reitet ein Ritter, wo eine Frau geht. 10
Eine Frau soll sich, das glaubet,
kehren gegen des Pferdes Haupt,
wenn sie reitet: man soll wissen,
sie soll nicht gar quer sitzen.
Ein Ritter soll nicht keck
auf Frauen losreiten sicherlich:
eine Frau erschreckt hat oft gethan
einen Sprung der besser unterlassen worden wäre.
Wer seinem Rosse das erlaubt,
dass es eine Frau bespritzt, 20
ich wähne wohl, dass dessen Frau
auch keinen guten Meister habe.
Zucht wehrt den Rittern allen gemeinsam,
dass sie nicht viel ihr Bein besehen,
wenn sie reiten: ich wähne wohl,
dass man in die Höhe sehn soll.
Eine Frau soll nicht ihre Hand,
wenn sie reitet, aus ihrem Gewand hervorstrecken;
sie soll ihre Augen und ihr Haupt
still halten, das glaubt.
Ein Junker und ein Ritter soll
auch das wohl in Acht haben,
dass er die Hand still halte,
wenn er etwas sprechen will:
er soll seine Hände nicht schwingen
gegen die Zähne eines braven Mannes.
Wer der Zucht wohl huldigt, 10
der soll auf Niemandes Haupt
seine Hand legen, der vornehmer ist als er,
noch auf seine Achsel: das ist Ehre.
Will sich eine Frau mit Zucht bewahren,
so soll sie nicht ohne Mantel gehn;
sie soll ihren Mantel zusammenhalten,
wenn sie kein langes Oberkleid hat:
lässt sie am Körper etwas bloss sehn,
das ist gar wider die Zucht.
Ein Ritter soll nicht vor Frauen gehn 20
mit nackten Schenkeln, wie ich es verstehn kann.
Eine Frau soll nicht viel
hinter sich sehn, däucht mir:
sie gehe vor sich hin gerade
und sehe sich nicht viel um,
gedenke an ihre Zucht überall,
wenn sie irgend einen Lärm hört.
Eine Jungfrau soll selten etwas
sprechen, wenn man sie nicht fragt.
Eine Frau soll auch nicht viel sprechen,
wenn sie mir glauben will;
und besonders, wenn sie isst,
so soll sie nicht sprechen, das wisst.
Man soll sich bei Tische sehr in Acht nehmen, 10
wenn man sich geziemend betragen will
(da gehöret grosse Zucht zu).
Ein jeder brave Wirth der habe
Acht, ob sie alle genug haben;
der Gast der sei so höflich,
dass er dem gleich thue,
als ob er da nichts bemerke.
Wenn ein Mann sich recht darauf versteht:
wenn er zu essen beginnt,
so rühre er nur sein Essen an 20
mit der Hand: das ist wohl gethan.
Man soll nicht das Brod essen,
ehe man die ersten Gerichte bringt.
Ein Mann soll sich wohl hüten,
dass er nicht nehmen soll
auf beiden Seiten in den Mund.
Er soll sich zur Stund hüten,
dass er nicht trinke und spreche,
während er etwas im Munde hat.
Wer mit dem Becher zu dem Nachbarn
sich kehrt, als ob er ihm geben wollte,
ehe er ihn von dem Mund thut,
den hat der Wein daran gebunden.
Wer trinkend aus dem Becher sieht,
das ist höfischer Sitte nicht gemäss.
Ein Mann soll nicht zu schnell sein,
dass er von seinem Genossen nimmt,
was ihm da wohl gefällt;
denn man soll nur seinen Theil essen. 10
Man soll essen zu aller Zeit
mit der Hand, die entgegen ist.
Sitzt der Freund zur rechten Hand,
so iss sofort mit der andern Hand.
Man soll auch das gern vermeiden,
dass man nie mit beiden Händen esse.
Man soll auch nicht zu schnell sein,
dass man mit dem Tischgenossen
in die Schüssel seine Hand thue,
wenn er sie eben herausnimmt. 20
Der Wirth soll auch der Speise entbehren,
deren seine Gäste nicht begehren,
und die ihnen nicht genehm ist.
Der Wolf isst gern allein,
das Kameel isst nicht allein
wenn es irgend ein Thier bei sich sieht.
Diesem folgt der Wirth mit Ehren besser
als dem Wolfe, wisset das.
Der Wirth soll nach dem Essen
das Wasser geben, das steht ihm wohl.
Da soll sich kein Knecht 10
dann (die Hände) waschen, das ist recht;
will sich ein Junker (die Hände) waschen,
der gehe weit seitwärts
von den Rittern und wasche sich heimlich:
das ist höfisch und gesund für die Augen._
_FREIDANK._
[_Scherer D._ 223, _E._ 215.]
Ein Fahrender, wahrscheinlich aus Schwaben. W. Grimm hat in ihm
mit Unrecht den Walther von der Vogelweide vermuthet. Er diente im
Kreuzheer Friedrichs II und schrieb einen Theil seines Gedichts in
Syrien. Er nannte dasselbe ‘Bescheidenheit’ d. i. ‘Lebensweisheit.’
Herausgegeben von W. Grimm (Göttingen 1834, 1860); Bezzenberger
(Halle 1872).
Ich bin genant Bescheidenheit,
diu aller tugende krône treit;
mich hât berihtet Frîdanc
ein teil von sinnen die sint kranc.
Gote dienen âne wanc
deist aller wîsheit anevanc.
Swer umbe dise kurze zît
die êwigen fröude gît,
der hât sich selben gar betrogen
und zimbert ûf den regenbogen.
[swenne der regenboge zergât,
sone weiz er, wâ sîn hûs stât.][220]
Swer die sêle wil bewarn,
der muoz sich selben lâzen varn.
Swer Got minnet, als er sol,
des herze ist aller tugende vol.
Swer âne Got sich wil begân,
der mac niht stæter êren hân.
Swer Got niht fürhtet alle tage,
daz wizzet, deist ein rehter zage.
Swelch mensche lebt in Gotes gebote,
in dem ist Got und er in Gote.
Got hœhet alle güete, 20
und nidert hôchgemüete.
Gote ist niht verborgen vor,
er siht durch aller herzen tor.
Ez sî übel oder guot,
swaz ieman in der vinster tuot,
od in dem herzen wirt erdâht,
daz wirt doch gar ze liehte brâht.
Al diu werlt lôn enpfât
von Gote, als si gedienet hât.
Vil selten ieman missegât,
swer sîniu dinc an Got verlât.
Wir suln mit allen sinnen
Got fürhten unde minnen.
Der werlde drô unde ir zorn
ist hin ze Gote gar verlorn,
man muoz im flêhen unde biten;
er fürhtet niemens unsiten. 10
Diu aller kleinste Gotes geschaft
vertriffet aller werlde kraft.
Got geschuof nie halm sô swachen
den ieman müge gemachen;
der engel, tiuvel noch der man,
ir keinz ein flôch gemachen kan.
Got hât allen dingen gegeben
die mâze wie si sulen leben.
Got bezzer mâze widert gît,
dan wir im mezzen zaller zît; 20
die liute snîdent unde mænt
von rehte als si den acker sænt:
Got kan uns gerihte geben,
dâ nâch als wir hie leben.
Got rihtet nâch dem muote
ze übele unde ze guote.
[Ein iegelîcher lôn enpfât
dar nâch, als im sîn herze stât.
der wille ie vor den werken gât
ze guote und ouch ze missetât.]
Got der durch alliu herzen siht,
den möhte al diu werlt niht
erbiten eins unrehtes:
er enwil niht tuon wan slehtes;
ein kleine kint erbæte in wol
des man in ze rehte biten sol.
Got zweier slahte willen hât,
die er uns beide wizzen lât: 10
er tuot wol allez daz er wil;
er verhenget ouch unbildes vil.
und ræche en halbez daz er mac,
sô stüend diu werlt niht einen tac.
Wolte uns Got in pînen lân,
als lange wir gesündet hân
[(daz sîn genâde wende!),
sô würdes niemer ende.]
hete wir den himel zebrochen,
ez würde eins tages gerochen. 20
diu buoch sagent uns vür wâr,
ein tac sî dâ tûsent jâr.
Got alliu dinc geschaffen hât:
nieman er gar wizzen lât
waz krefte in sînen dingen sî:
da ist meisteil allez wænen bî.
Si jehent, got habe der werlde gegeben
michel êre unt senftez leben:
doch ist ir senfte nie sô grôz,
unsenfte sî dâ hûsgenôz.
selten mir ie liep geschach,
da enwæren drîzec ungemach.
Diu zît sælde nie gewan
dâ man gotes vergizzet an. 10
Man vergizzet gotes dicke
von süezem aneblicke.
Got manegen dienst enphâhet,
daz tôren gar versmâhet.
die brosmen sint vor Gote wert,
der nieman obe tische gert.
Wir geheizen alle Gote mê,
dan iemer mit den werken ergê.
Durch sünde nieman lâzen sol,
ern tuo doch eteswenne wol. 20
niemens guottât wirt verlorn,
wan der zer helle wirt geborn.
Swer niht rehte mac geleben,
der sol doch nâch rehte streben.
Got niht unvergolten lât
swaz ieman guotes begât:
dekeiner slahte missetât
er ouch ungerochen lât.
Gotes gebot niht übergât
wan der mensche den er geschaffen hât:
vische, vogele, würme und tier
hânt ir reht baz danne wir.
Got hôrte Môyses gebet,
daz er den munt nie ûf getet:
swes noch ein reinez herze gert,
des wirt ez âne wort gewert. 10
des mundes bete ist leider kranc
âne des herzen fürgedanc.
Mennegelîches gewizzenheit
vor gote sîne schulde seit.
Wist Got allez daz geschiht
ê er iht geschüefe, od wiste ers niht?
die wîsen jehent, er wiste ez wol
daz ie was unde geschehen sol.
Got himel und erden umberinc
geschuof und dar in alliu dinc. 20
Got geschuof ein engel, der sît wart
ein tiuvel durch sîn hôchvart;
dar nâch geschuof er einen man:
die zwên nieman versüenen kan.
Got wiste ir strît wol und ir haz
ê ers geschüefe, und über daz
geschuof si Got. wer schuldic sî,
daz scheide ouch got: der was dâ bî.
Wer mac den strît gescheiden
under kristen, juden, heiden
wan Got der si geschaffen hât
und alliu dinc ân iemens rât?
der wiste wol ir aller strît, 10
ê ers geschüefe, und ouch ir nît.
War umbe ein mensche sî verlorn,
daz ander sî ze genâden erkorn,
swer des vrâget, dêst ze vil:
Got mac und sol tuon swaz er wil.
swaz Got mit sînre geschepfede tuot,
daz sol uns allez dunken guot.
waz mac der haven sprechen,
wil in sîn meister brechen?
als lützel muge wir wider Got 20
sprechen, kumt uns sîn gebot.
swie der haven vellet,
er wirt vil lîhte erschellet;
er valle her oder hin,
der schade gât ie über in.
_Ich bin genannt Bescheidenheit,
die aller Tugenden Krone trägt;
Mich hat Freidanc gedichtet
zum Theil aus schwachen Sinnen.
Gott zu dienen ohne Wank,
das ist aller Weisheit Anfang.
Wer für diese kurze Zeit
die ewige Freude hingiebt,
der hat sich selbst gar betrogen
und baut auf dem Regenbogen.
Wenn der Regenbogen zergeht,
So weiss er nicht, wo sein Haus steht.
Wer die Seele bewahren will,
der muss sich selbst fahren lassen.
Wer Gott liebt, wie er soll,
dessen Herz ist aller Tugenden voll.
Wer ohne Gott leben will,
der wird nicht stäter Ehren geniessen.
Wer Gott nicht fürchtet alle Tage,
das wisst, der ist ein wahrer Feigling.
Welcher Mensch nach Gottes Gebot lebt,
in dem ist Gott, und er in Gott.
Gott erhöhet alle Güte 20
und erniedrigt Hochmuth.
Vor Gott ist nichts verborgen:
er sieht durch aller Herzen Thor.
Es sei übel oder gut,
was Jemand im Finstern thut,
oder was im Herzen erdacht wird,
das wird doch ganz ans Licht gebracht.
Alle Welt empfängt Lohn
von Gott, wie sie verdient hat.
Sehr selten geht Jemand fehl,
wer sich in seinen Sachen auf Gott verlässt.
Wir sollen mit allen Sinnen
Gott fürchten und lieben.
Der Welt Drohen und ihr Zorn
ist bei Gott ganz verloren:
man muss ihn flehen und bitten,
er fürchtet Niemandes Unsitte. 10
Das kleinste Geschöpf Gottes
übertrifft aller Menschen Kraft.
Gott schuf nie einen Halm so schwach,
dass ihn Jemand machen könnte;
weder Engel, Teufel noch Mensch,
ihrer keiner kann einen Floh machen.
Gott hat allen Dingen gegeben
das Mass, wie sie leben sollen.
Gott giebt besseres Mass wieder,
als wir ihm messen in aller Zeit. 20
Die Leute schneiden und mähen
mit Recht, wie sie den Acker säen:
Gott kann uns Gericht geben,
je nachdem wir hier leben.
Gott richtet nach dem Herzen
im Bösen und im Guten.
Ein Jeglicher empfängt Lohn
danach, wie ihm sein Herz steht.
Der Wille geht stäts den Werken vorher
zum Guten und zur Missethat.
Gott, der durch alle Herzen sieht,
den könnte die ganze Welt nicht
zu einem Unrecht bewegen:
er will nichts thun, als was recht und schlecht ist;
ein kleines Kind könnte von ihm wohl erbitten,
worum man ihn erbittet rechtmässig.
Gott hat zweierlei Willen,
die er uns beide wissen lässt: 10
er thut wohl Alles, was er will;
er lässt auch viel Unrecht zu.
Und rächte er nur die Hälfte von dem, was er mag,
so stünde die Welt nicht einen Tag.
Wollte uns Gott in der Strafe lassen,
so lange als wir gesündigt haben
(möge seine Gnade das abwenden!),
so würde dessen nimmer ein Ende.
Und hätten wir den Himmel zerbrochen,
es würde eines Tags gerächt. 20
Die Bibel sagt uns fürwahr,
ein Tag sei da tausend Jahr.
Gott hat alle Dinge geschaffen:
er lässt Niemand recht wissen,
was für Kraft in seinen Dingen sei:
da ist meistens nur Wahn dabei.
Sie sagen, Gott habe der Welt gegeben
grosse Ehre und frohes Leben:
doch ist ihre Freude nie so gross,
Leid sei denn der Hausgenoss.
Selten geschah mir je etwas Liebes,
ohne dass dreissigfaches Ungemach dabei gewesen wäre.
Die Zeit gewann nie Heil,
darin man Gottes vergisst. 10
Man vergisst Gottes oft
wegen eines süssen Anblicks.
Gott nimmt manchen Dienst an,
der den Thoren verächtlich erscheint.
Die Brosamen sind vor Gott werth,
der Niemand an dem Tisch begehrt.
Wir verheissen alle Gott mehr,
Als je mit der That geschieht.
Wegen Sünde soll Niemand unterlassen,
doch manchmal Gutes zu thun. 20
Niemandes gute Thaten werden verloren,
ausser wer zur Hölle geboren.
Wer nicht recht leben kann,
der soll doch nach dem Rechten streben.
Gott lässt nicht unvergolten,
was Jemand Gutes thut:
keine Art Missethat
bleibt auch ungestraft.
Gottes Gebot übertritt Niemand
ausser der Mensch, den Er geschaffen hat:
Fische, Vögel, Würmer und Thiere
halten ihr Gesetz besser als wir.
Gott hörte Moses’ Gebet,
obgleich er den Mund nie aufthat:
wonach ein reines Herz begehrt,
das wird ihm ohne Wort gewährt. 10
Des Mundes Gebet ist leider schwach
ohne des Herzens Vorgedenken.
Jedes Menschen Gewissen
sagt vor Gott seine Schuld.
Wusste Gott Alles was geschieht,
ehe Er etwas schuf, oder wusst’ er’s nicht?
Die Weisen sagen, er wusste es wohl,
was je war und noch geschehen soll.
Gott schuf Himmel und den Erdkreis
und darin alle Dinge. 20
Gott schuf einen Engel, der nachher
ein Teufel durch seine Hoffahrt wurde;
danach schuf er einen Menschen:
die beiden kann Niemand versöhnen.
Gott wusste wohl ihren Streit und ihren Hass,
ehe er sie schuf, und trotzdem
schuf sie Gott: wer schuldig sei,
das entscheide auch Gott: der war dabei.
Wer mag den Streit scheiden
unter Christen, Juden, Heiden
ausser Gott, der sie geschaffen hat
und alle Dinge ohne Jemandes Rath?
Der wusste wohl ihrer aller Streit, 10
ehe er sie schuf, und auch ihren Hass.
Warum der eine Mensch verloren sei
und der andere zu Gnaden erkoren,
wer danach fragt, das ist zu viel:
Gott kann und soll thun, was er will.
Was auch Gott mit seinen Geschöpfen thut,
das soll uns Alles dünken gut.
Was kann der Topf sagen,
will ihn sein Meister zerschlagen?
Ebenso wenig mögen wir wider Gott 20
sprechen, kommt sein Gebot zu uns.
Wie auch der Topf fällt,
gar leicht wird er zerschellet;
er falle her oder hin,
der Schade kommt immer über ihn._
_DER STRICKER._
[_Scherer D._ 186, 225, _E._ 176, 217.]
Lebte in Österreich und dichtete zwischen 1225 und 1250. Unter
seinen Werken ist ‘der Pfaffe Amis’, ein alter Eulenspiegel, am
bekanntesten. Ausserdem sein ‘Daniel von Blumenthal’, nach dem
Vorbild von Albrich von Besançon; ‘Karl’, eine Überarbeitung des
Rolandsliedes vom Pfaffen Konrad, und kleine Erzählungen und
Beispiele. ‘Kleinere Gedichte von dem Stricker’ herausgegeben von
Hahn (Quedlinburg 1839); ‘vom Verfall der Dichtkunst in Österreich’
in Hagens Germania 2,82; ‘von den Gauhühnern’ in Pfeiffers Germania
6,457; der ‘Pfaffe Amis’ in Lambels ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr.
1 (Leipzig 1872); ‘Karl der Grosse’ von Bartsch (Quedlinburg 1857).
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