SÄNGER UND PREDIGER.

_ANONYME VOLKSTHÜMLICHE LIEDER._

[_Scherer D._ 196, 202, _E._ 188, 194.]

Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 1. und in den Carmina

Burana.

1.

Dû bist mîn, ich bin dîn:

des solt dû gewis sîn.

dû bist beslozzen

in mînem herzen:

verlorn ist daz slüzzelîn:

dû muost immer drinne sîn.

2.

Swaz hie gât umbe,

daz sint allez megede:

die wellent âne man

allen disen sumer gân. 10

3.

Tougen minne diu ist guot,

si kan geben hôhen muot.

der sol man sich vlîzen.

swer mit triwen der niht phliget,

dem sol man daz verwîzen.

_Geheime Liebe die ist gut,

Sie verleiht wohl frohen Muth.

Um die soll man sich mühen.

Wer in Treuen sie nicht hegt,

Dem wird das nie verziehen._

4.

‘Sô wê dir, sumerwunne!

daz vogelsanc ist geswunden:

als ist der linden ir loup.

jârlanc mir truobent ouch

mîniu wol stênden ougen. 10

mîn trût, du solt gelouben

dich anderre wîbe:

wan, helt, die solt du mîden.

dô du mich êrst sæhe,

dô dûhte ich dich zewâre

sô rehte minneclîch getân:

des man ich dich, lieber man.’

_DER UNGENANNTE SPIELMANN._

[_Scherer D._ 198, 225, _E._ 191, 217.]

Seine Gedichte sind in den Handschriften unter dem Namen

‘Spervogel’ überliefert und unter diesem in Minnesangs Frühling,

Nr. 6 herausgegeben.

Dô der guote Wernhart

an dise werlt geborn wart,

do begonde er teilen al sîn guot.

do gewan er Rüedegêres muot,

der saz ze Bechelære

und pflac der marke manegen tac:

der wart von sîner frümekeit sô mære.

Wie sich der rîche betraget!

sô dem nôthaften waget

dur daz lant der stegereif.

daz ich ze bûwe niht engreif,

dô mir begonde entspringen 10

von alrêrste mîn bart!

des muoz ich nû mit arbeiten ringen.

Weistu wie der igel sprach?

‘vil guot ist eigen gemach.’

zimber ein hûs, Kerlinc.

dar inne schaffe dîniu dinc.

die hêrren sint erarget.

swer dâ heime niht enhât,

wie maneger guoter dinge der darbet!

Mich hungerte harte. 20

Ich steic in einen garten.

dâ was obez innen:

des mohte ich niht gewinnen.

daz kom von unheile.

dicke weget ich den ast:

mir wart des obezes nie niht ze teile.

Ein wolf sîne sünde flôch,

in ein klôster er sich zôch,

er wolde geistlîchen leben.

dô hiez man in der schâfe pflegen:

sît wart er unstæte.

dô beiz er schâf unde swîn:

er jach daz ez des pfaffen rüde tæte.

Ein man sol haben êre,

und sol iedoch der sêle

under wîlen wesen guot, 10

daz in dehein sîn übermuot

verleite niht ze verre;

swenn er urlobes ger,

daz ez im an dem wege niht enwerre.

Wurze des waldes

und erze des goldes

und elliu apgründe

diu sint dir, hêrre, künde:

diu stênt in dîner hende.

allez himeleschez her 20

dazn möht dich niht volloben an ein ende.

_Als der gute Wernhart

Zu dieser Welt gebracht ward,

Da theilt er allsogleich sein Gut.

Es überkam ihn Rüdgers Muth,

Der, zu Bechlarn gesessen,

Die Mark verwaltet manchen Tag:

Drum ward ihm Ruhms ein volles Mass gemessen._

_Behaglich sich der Reiche labt,

Dieweil der Dürftige trabt

Mit losem Bügel durch das Land!

Was griff nicht nach dem Pflug die Hand,

Da mir begann zu sprossen 10

In erster Jugend mein Bart!

Daraus ist heute Mühsal mir geflossen._

_Weisst du, wie der Igel sprach?

‘Ich lob’ mir eigenes Gemach.’

Kerling, zimmre dir ein Haus

Mit Vorrath rüst’ es sorglich aus.

Die Grossen wollen sparen.

Wer nichts im eignen Hause hat,

Wie viel Entbehrung, Noth muss der erfahren!_

_Von Hunger schier gemartert 20

Stieg ich in einen Garten.

Da war Obst drin gehangen:

Das konnt ich nicht erlangen.

Da zeigte sich mein Unheil.

Häufig schüttelt’ ich den Ast:

Doch ward mir von den Früchten nichts zu Theil._

_Ein Wolf thät in ein Kloster ziehn,

Um seiner Sünde zu entfliehn;

Er wollt ein geistlich Leben führen

Da hiess man ihn die Schafe hüten:

Da riss ihm aber die Geduld.

Da biss er Schaf sowie Schwein:

Und gab des Pfaffen Rüden alle Schuld._

_Der Mann halt’ auf Ehre,

Doch soll er für die Seele

Auch Sorge tragen seiner Zeit, 10

Dass ihn die Weltfreudigkeit

Verleite nicht zu ferne;

Will er einst von hinnen ziehn,

Dass ihm den Himmelsweg dann nichts versperre._

_Kräuter des Waldes

Und Schachte des Goldes

Und jeglicher Abgrund,

Die sind dir, Herr, wohl kund:

Die schützen deine Hände.

Das ganze himmlische Heer 20

Möcht’ dich vollpreisen nicht bis an ein Ende._

_IN KÜRENBERGS WEISE._

[_Scherer D._ 202, _E._ 195.]

Eine Strophenform, die von einem österreichischen Ritter Kürenberg

erfunden ist und so beliebt war, dass auch die Nibelungendichter

sie benutzten. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 2.

‘Ez hât mir an dem herzen

vil dicke wê getân

daz mich des geluste

des ich niht mohte hân

noch niemer mac gewinnen.

daz ist schedelîch.

jon mein ich golt noch silber:

ez ist den liuten gelîch.’

‘Ich zôch mir einen valken

mêre danne ein jâr.

dô ich in gezamete

als ich in wolte hân 10

und ich im sîn gevidere

mit golde wol bewant,

er huop sich ûf vil hôhe

und floug in anderiu lant.

Sît sach ich den valken

schône fliegen:

er fuorte an sînem fuoze

sîdîne riemen,

und was im sîn gevidere

alrôt guldîn. 20

got sende si zesamene

die gerne geliebe wellen sîn.’

‘Ich stuont mir nehtint spâte

an einer zinnen:

dô hôrt ich einen ritter

vil wol singen

in Kürenberges wîse

al ûz der menigîn.

er muoz mir diu lant rûmen,

ald ich geniete mich sîn.’ 30

Nu brinc mir her vil balde

mîn ros, mîn îsengwant.

wan ich muoz einer frouwen

rûmen diu lant.

diu wil mich des betwingen

daz ich ir holt sî.

si muoz der mîner minne

iemer darbende sîn.

_‘Es hat mir in dem Herzen

Gar heftig weh gethan,

Dass mich nach dem gelüstet,

Das ich nicht konnte ha’n

Noch jemals kann gewinnen.

Zum Schaden mir’s gereicht.

Nicht mein’ ich Gold noch Silber,

Nein, einem Menschenkind es gleicht.’_

_‘Ich zog mir einen Falken

Länger als ein Jahr.

Als er nun zahm geworden,

Wie ich ihn wollte ha’n, 10

Und ich ihm sein Gefieder

Mit Golde wohl bewand,

Hub er sich in die Höhe

Und flog in ein anderes Land._

_Nachmals sah ich den Falken

Stolz im Fluge:

Da hatt er seidne Schnüre

An seinem Fusse,

Auch glanzt’ ihm sein Gefieder

Funkelnd von Gold. 20

Gott sende sie zusammen,

Die von Herzen sich sind hold.’_

_‘Jüngst stand ich abends späte

Auf einer Zinne:

Da hört ich einen Ritter

Gar lieblich singen

In Kürenbergs Weise

Aus der Menge hervor.

Er muss das Land mir räumen,

Liebt er mich nicht, den ich erkor.’_ 30

_‘Nun bring mein Ross mir schleunig

Und mein Eisengewand,

Denn einer Frauen muss ich

räumen dieses Land.

Sie will mich dazu zwingen,

dass ich hold ihr sei:

Sie bleibet meiner Minne

doch immer ledig und frei.’_

_FRIEDRICH VON HAUSEN._

[_Scherer D._ 154, _E._ 146.]

Aus einem ritterlichen Geschlecht, war mehrfach in Italien, nahm an

dem Kreuzzug Friedrich Barbarossas 1189 Theil und kam auf diesem

um, 1190. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 8.

Mîn herze den gelouben hât,

solt ich od ieman bliben sîn,

durch liebe od durch der Minnen rât,

sô wære ich noch alumbe[166] den Rîn, 10

wan mir daz scheiden nâhe gât,

deich[167] tete von lieben friunden mîn.

swie ez doch dar umbe ergât,

got hêrre, ûf die genâde dîn

sô wil ich dir bevelhen die

die ich durch dînen willen lie[168].

Ich gunde[169] es guoten frowen niet

daz iemer mêre kœme der tac

daz si dâ heime heten liep[170]:

wan[171] ez wære ir êren slac[172]. 10

wie kunde in der gedienen iet,

der gotes verte alsô erschrac[173]?

dar zuo send ich in disiu liet,

und warnes[174] als ich beste mac.

sæn si mîn ougen niemer mê,

mir tæt iedoch ir laster[175] wê.

_REINMAR VON HAGENAU._

[_Scherer D._ 155, _E._ 147.]

Reinmar von Hagenau, zum Unterschied von Reinmar von Zweter meist

Reinmar der Alte genannt. Ein Elsässer, lebte am Hofe Herzog

Leopold VI von Österreich, machte mit diesem den Kreuzzug 1190 mit

und starb um 1207. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 20.

Ich alte ie von tage ze tage,

und bin doch hiure nihtes wîser danne vert.

und hete ein ander mîne klage,

dem riete ich sô daz ez der rede wære wert,

und gibe mir selben bœsen rât.

ich weiz vil wol waz mir den schaden gemachet hât.

daz ich si niht verhelen kunde swaz mir war.

des hân ich ir geseit sô vil

daz si es niht mêre hœren wil:

nû swîge ich unde nîge dar. 10

Ich wânde ie, ez wære ir spot,

die ich von minnen grôzer swære hôrte jehen.

desngilt ich sêre, semmir got,

sît ich die wârheit an mir selben hân ersehen.

mirst komen an daz herze mîn

ein wîp, sol ich der volle ein jâr unmære sîn,

und sol daz alse lange stân

daz si mîn niht nimet war,

sô muoz mîn fröide von ir gar

vil lîhte ân allen trôst zergân.

_Ich altre nun von Tage zu Tage

Und bin doch um nichts weiser denn sonst heuer,

Und hätt ein andrer meine Klage,

Dem riethe ich so, dass es wäre eine Rede theuer,

Und gebe mir selber bösen Rath;

Ich weiss viel wohl, was mir den Schaden gemachet hat,

Dass ich ihr nicht verhehlen konnte, wie mir

War. Das hab’ ich ihr gesagt so viel, 20

Dass sie es nicht mehr hören will.

Nun schweige ich und neige ihr.

Ich wähnte sonst, es wäre ihr Spott,

Die mir von Minne das grosse Leiden gestunden,

Das entgelte ich sehre, nun helfe mir Gott,

Da ich die Wahrheit an mir selber hab erfunden. 10

Mir ist kommen in das Herze mein

Ein Weib, soll ich der ein ganzes Jahr noch unlieb sein,

Und soll das also lange stahn,

Dass sie mein nicht nimmt wahr,

So muss meine Freude von ihr gar

Vielleicht ohn’ allen Trost zergahn._

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 107 / 276 题