Doch verhenge wir daz etwer
muge ân aller slachte sêr
geleben sînen jungisten tac,
daz doch vil ubel geschehen mac,
nû waz ist der rede mêre?
als schier sô diu arm sêle 10
den lîchnamen begît,
nû sich, armer mensch, wie er lît.
het er gephlegen drîer rîche,
im wirt der erden ebengelîche
mit getäilet als einem durftigen.
ouch sehe wir sumlîch ligen
mit schœnen phellen bedechet,
mit manigem liechte bestechet,
mirre unt wîrouch
wirt dâ gebrennet ouch;
unt wirt des verhenget
daz diu bivilde wirt gelenget
unt sich sîne vriunde gar
gemäinlîchen gesamnent dar,
sô ist daz in ir aller phlege,
wie man in hêrlîchen bestaten mege.
owê, vertäiltiu hêrschaft! 10
swenne diu tîvellîch hellecraft
die armen sêle mit gewalte verswilhet,
waz hilfet, swâ man bivilhet
daz vil arme gebäine,
sô der armen sêle mitgemäine
aller häiligen widertäilet wirt?
wê der nacht diu in danne gebirt!
nû lâzze wir des sîn verhenget,
daz bivilde werde gelenget
zwêne tage oder drî, 20
oder swaz ez länger dar uber sî,
daz ist doch ein chläglîch hinevart.
nicht des, daz ie geborn wart,
wirt sô widerzæme
noch der werlt sô ungenæme.
Nû ginc dar, wîp wolgetân,
unt schowe dînen lieben man
unt nim vil vlîzchlîchen war
wie sîn antlutze sî gevar,
wie sîn scäitel sî gerichtet,
wie sîn hâr sî geslichtet.
schowe vil ernstlîche
ob er gebâr icht vrœlîchen,
als er offenlîchen unt tougen
gegen dir spilte mit den ougen.
nu sich, wâ sint sîniu mûzige wart
dâ mit er der frowen hôhvart
lobet unt säite?
nû sich in wie getâner häite 10
diu zunge lige in sînem munde
dâ mit er diu troutliet chunde
beeagenlîchen singen!
nûnc mac si nicht fur bringen
daz wort noch die stimme.
nû sich, wâ ist daz chinne
mit dem niwen barthâre?
nû sich wie recht undâre
ligen die arme mit den henden
dâ mit er dich in allen enden 20
trout unt umbevie!
wâ sint die fûze dâ mit er gie
hôfslîchen mit den frowen?
dem mûse dû diche nâch schowen
wie die hosen stûnden an dem bäine:
die brouchent sich nû läider chläine.
er ist dir nû vil fremde,
dem dû ê die sîden in daz hemde
mûse in manigen enden wîten.
nû schowe in an allen mitten:
dâ ist er geblæt als ein segel.
der bœse smach unt der nebel
der vert ûz dem uberdonen
unt læt in unlange wonen
mit samt dir ûf der erde.
owê, dirre chläglîche sterbe
unt der wirsist aller tôde 10
der mant dich, mensch, dîner brœde.
_Doch setzen wir den Fall, dass einer
ohne jeder Art Schmerz
den jüngsten Tag zu erleben vermöchte,
was doch schwerlich eintreten wird,
nun was ist darüber zu sagen?
So bald die arme Seele 10
den Leib verlässt,
nun sieh, armer Mensch, wie er daliegt.
Hat er auch drei Reiche beherrscht,
ihm wird ebensoviel Erde
mitgetheilt, wie einem Dürftigen.
Auch sehen wir manch einen liegen
mit schönen Teppichen bedeckt,
mit manchem Lichte besteckt,
Myrrhe und Weihrauch
wird da auch verbrannt;
und es wird angeordnet,
dass das Begräbniss hinausgeschoben wird,
und sich seine Freunde alle
ins gemein da versammeln,
dann sind alle darum bemüht,
wie man ihn herrlich bestatten möge.
O weh! enterbte Herrschaft! 10
Wenn die teuflische Höllenmacht
die arme Seele mit Gewalt verschlingt,
was hilft es, wo immer man
das elende Gebein begräbt,
wenn der armen Seele die Gemeinschaft
aller Heiligen aberkannt wird?
Weh der Nacht, die ihn dann hinwegrafft!
Nun wollen wir annehmen,
das Begräbniss werde verschoben
zwei oder drei Tage, 20
oder auch noch etwas darüber,
es ist doch ein klägliches Abfahren.
Nichts, was je geboren ward,
wird so abstossend
und der Welt so unangenehm.
Nun tritt hin, schöne Frau,
und schaue an deinen lieben Mann
und betrachte sorgfältig,
wie sein Antlitz gefärbt ist,
wie sein Scheitel gerichtet,
wie sein Haar geschlichtet.
Sieh recht genau zu,
ob er sich auch fröhlich zeigt
wie damals, als er öffentlich und ins geheim
die Augen nach dir blitzen liess.
Nun sieh, wo sind seine müssigen Worte,
mit denen er von der Frauen-Pracht
lobend erzählte?
Nun sieh, wie lahm (wörtlich: in welcher Verfassung) 10
ihm die Zunge im Munde liegt,
mit der er Liebeslieder
anmuthig singen konnte!
Nun vermag sie nicht hervorzubringen
Worte noch auch nur einen Laut.
Nun sieh, wo ist das Kinn
mit dem neuen Barthaare?
Nun schau, wie schlaff
die Arme und Hände da liegen,
mit denen er dich aller Enden 20
koste und umfieng!
wo sind die Füsse, mit denen er schritt
in höfischer Zucht unter den Frauen?
ihm musstest du oftmals nachblicken,
wie die Hosen ihm am Beine sassen:
die nutzen sich nun leider wenig ab.
er ist dir nun gar fremd,
dem du ehemals die Seide ins Hemd
an mancher Stelle hineinziehen musstest.
nun schau ihn in der Mitte an:
da ist er aufgebläht wie ein Segel.
schlimmer Geruch und Dunst
steigt aus dem Bahrtuch
und lässt ihn nicht lange (mehr)
mit dir auf Erden wohnen.
Weh über dies klägliche Sterben!
Ja der schlimmste Tod 10
der gemahnt dich, Mensch, deiner Schwäche._
_TROST IN VERZWEIFLUNG._
[_Scherer D._ 86, _E._ 78.]
Ein poetisches Fragment von einem unbekannten Dichter.
Herausgegeben von Scherer Zeitschrift für deutsches Alterthum, B.
20.
Daz ich dem herzen sô nâhen gesprochen hân,
daz hân ich ân schulde niht getân:
grôziu nôt ist mir von im kunt:
ez sanchte mich unz in den grunt,
ez hât mir sô vil ze leide getân
dâ von ich immer gnuoch ze sagen hân.
wande dô mir got geschuof daz leben,
hiet er mir dô ein herze gegeben,
daz ein lîp möhte getragen,
des wolt ich im immer gnâde sagen:
wande es wær tûsent man genuoch
des ich eine an mînem herzen truoch.
Sâ dô ich êrste wart geborn,
dô het mîn herze ûf mich gesworn.
nu wesse ich des eides niet
und volgete im als ez mir riet.
nu leitt ez mich einen tieffen wech
und versatzte dô prukke unde stech. 10
dô ich wider wolde varn,
mit strichen und mit hâlscharn
het ez mich umbesetzet,
sô ein hasen in einem netze.
nu chunde ich niht ûz gewenchen.
dô begunde ich denchen
‘ez hât mich verrâten.’
daz ich im ie gevolgit, daz rou mich ze spâte:
wande ez chunde ân schaden niht ergân.
ich sach di vîende bî mir stân; 20
der chom dô ein michel her:
dô satzte ich mich ze deheiner wer.
si sluogen mir ein verchwunden:
deheiner wer ich begunde.
dô ich ze verhe was versniten,
iesâ chunde ich wol der wunde site,
daz ich ir nimmer mohte genesen,
ez muos mîn tôt wesen.
vil sêre rou mich daz leben.
nu chunde ich mir deheinen trôst gegeben:
wande an den selben stunden
dô gedâhte ich nâch der wunden
‘waz hilfet aller arztlist, 10
sît diu wunde sô tief und verborgen ist.
si muoz ungeheilt bestân
und mac mir wol ze dem tôde gân.’
iedoch bat ich allenthalben
swâ man pflach guoter salben,
daz man mir ein wênich streich dar an.
nu vant ich nie deheinen sô guoten man
der mir durch got gein einem hâre wolt geben.
dô swant mir nâch mîn leben,
wande niemen wart sô guot 20
der mir trœsten wolt den muot.
dô wart ich trûrich und unfrô.
iedoch chom ez alsô
daz mir ein rîcher herre enbôt,
er wolt mir buozen mîn nôt
und âne mâsen machen heil.
dô wart ich frœlîch unde geil.
Nu wil ich iu sagen an disen stunden,
welhez doch sîn di wunden
und der vîende hâlscharn
den ich ân schaden niht moht enpfarn. 10
dô ich in mîner chintheit
durch mînes herzen eit
dem tiufel und der werlt wart undertân,
dô ich mich dô chunde enstân,
dô erchande ich schier durch nôt
daz mich daz herze leittet ûf den tôt.
nu wolt ich di werlt iesâ hân gelân.
nu begunde si mich vaste zuo ir vân
mit ir manigen tûsent listen,
daz ich ez vur baz friste 20
unz si mich sô zuo ir het genomen
daz ich mit nihte von ir chunde chomen.
wande si twanch mir hende und vuoze
mit ir bittern suoze
und mînen lîp alsô gar:
dô ich ir rehte genam war,
sô gedâhte ich ich muose bî ir bestân,
und swie ich si immer wolde gelân.
dô nam ich aber in mînen muot,
ob dehein heilige wær sô guot
der mir durch got ze helfe chæme
und mich genædechlîch von der werlt næme. 10
swie vil ich dô gebat und gelas,
wânde ich des tiufels martirær was,
sô half mir ir deheiner niet:
an mir verzagte alliu himelischiu diet.
nu wart ouch mir sô zorn,
ich wânde ich wær zer helle geborn.
ich lie dô mîn gebet stân,
ze beiden handen liez ich ez gân.
dô ich michs aller minste versach,
nu hœret welch ein gluke mir dô geschach! 20
_Wenn ich dem Herzen so viel Vorwürfe gemacht habe,
so habe ich das nicht ohne guten Grund gethan.
Grosse Noth habe ich von ihm erfahren:
es senkte mich bis in den Grund,
es hat mir so viel zu Leide gethan,
dass ich davon Zeit Lebens genug zu erzählen habe.
Ja, hätte Gott, als er mir das Leben schuf,
mir auch ein Herz gegeben,
das ein Leib tragen könnte,
so würde ich ihm immer Dank dafür sagen.
Aber es wäre für tausend Menschen genug gewesen,
was ich allein in meinem Herzen trug.
Gleich zuerst als ich geboren wurde,
da hatte sich mein Herz schon gegen mich verschworen.
Ich aber wusste von dem Eide nichts
und folgte ihm, wie es mir rieth.
Da führte es mich einen tiefen Weg
und versetzte Brücke und Steg. 10
Als ich zurückkehren wollte,
da hatte es mich mit Stricken
und heimlichen Fallen umstellt
und mich gefangen, wie einen Hasen in einem Netze.
Da konnte ich nicht von der Stelle.
Nun erst kam mir der Gedanke:
es hat mich verrathen.
Dass ich ihm je gefolgt, das reute mich zu spät:
nun konnte es ohne Schaden nicht mehr ablaufen.
Ich sah die Feinde dicht bei mir stehn; 20
deren kam da eine so gewaltige Schar über mich,
dass ich mich nicht erst zur Wehr setzte.
Sie schlugen mir eine tiefe Wunde.
Ich liess mich nicht auf irgend welchen Widerstand ein.
Als ich lebensgefährlich getroffen war,
da erkannt’ ich sofort das Wesen der Wunde,
dass ich nimmermehr genesen konnte,
dass es mein Tod wäre.
Gar sehr war mir das Leben zur Last.
Ich konnte mir keinen Trost geben.
Damals dacht’ ich bei meiner Wunde:
‘Was hilft alle Kunst der Ärzte, 10
da die Wunde so tief und verborgen ist?
Sie muss ungeheilt bleiben
und wird mir wohl noch den Tod bringen.’
Dennoch bat ich allenthalben,
wo man gute Salben hatte,
man möchte mir ein wenig darauf streichen.
Aber ich fand keinen einzigen barmherzigen Menschen,
der mir um Gottes Willen auch nur um eines Haares Werth
gegeben hätte.
Da schwand mir beinahe das Leben,
denn niemand war so gütig 20
mich zu trösten.
Da wurde ich traurig und unfroh;
doch kam es dann so,
dass mir ein mächtiger Herr entbot,
er wollte mir meine Noth lindern
und mich ohne Narben heilen.
Da wurde ich fröhlich und heiter.
Nun will ich euch aber auch sagen,
was die Wunden waren
und der Feinde Hinterhalt,
denen ich ohne Schaden nicht entgehn konnte. 10
Nachdem ich in meiner Kindheit
in Folge der Verschwörung meines Herzens
dem Teufel und der Welt unterthan geworden,
musste ich, so bald ich
zu Verstande kam, erkennen,
dass mich daz Herz in den Tod führte.
Da hätte ich gerne die Welt verlassen,
aber sie zog mich nun erst recht an sich
mit ihren tausendfältigen Künsten,
so dass ich es weiter hinausschob, 20
bis sie mich so fest an sich geschlossen hatte,
dass ich auf keine Weise mehr von ihr loskommen konnte.
Denn sie fesselte mir Hände und Füsse
mit ihrer bitteren Süsse
und nahm mich so ganz gefangen,
dass ich meinte, ich müsse bei ihr bleiben,
wie sehr ich auch strebte, von ihr zu lassen.
Nun richtete ich wieder meine Gedanken darauf,
ob nicht einer der Heiligen so gütig wäre
mir um Gottes Willen zu Hilfe zu kommen
und mich gnädig von der Welt zu befreien. 10
Wie viel ich da auch betete und klagte,
denn um des Teufels Willen litt ich Qual,
kein einziger hat mir geholfen:
an mir verzweifelten alle himmlischen Heerscharen.
Da überkam auch mich der Zorn,
ich meinte, ich wäre für die Hölle geboren.
Und liess mein Beten sein,
mit beiden Händen warf ich es weg.
Aber da ich mich dessen am wenigsten versah,
hört, welch ein Glück mir da geschah!_ 20