M.

_DAS LEBEN JESU._

[_Scherer D._ 83, _E._ 74.]

In der Vorauer Handschrift. Von einem unbekannten Verfasser,

früher der Frau Ava, Verfasserin dreier geistlicher Gedichte,

zugeschrieben. Herausgegeben von Diemer ‘Deutsche Gedichte des

elften und zwölften Jahrhunderts’ (Wien, 1849).

Dô hûb er ain stimme,

dô lêrter uns die uîande minnen.

er sprach: nu uergip in, herre uater got;

si ne wizzen, waz si tônt. 10

z’einer sexte daz ergie,

daz man in an den galgen hie.

dâ uaht er in agone

daz chanf unze an die nône;

dô wart gesceiden der strît,

dô gesigte uns der lîp.

er sprach: iz ist al uerendôt.

dô gieng iz an den tôt,

dô geschiet sîn heiligiu sêle

uon den lîplîchen sêre. 20

durch unsich leid er die nôt.

nu sehet, wî ir im sîn lônôt.

Owî Marîâ Magdalênâ,

wî gestônte du ie dâ,

dâ du dînen herren guoten

sâhe hangen unde bluoten,

unde du sâhe an sînem lîbe

die gestochen wunden.

wî mohtest du vertragen

die laitlîchen chlage

sîner trût mûter

Sancte Marîen der guoten!

wie manigen zaher si gâben 10

ze dem selben mâle

dîniu chûsken ougen,

mîn uil liebiu frouwe,

dô du sus sâhe handelôn

dîn unsculdigen sun,

dô man marterôte alsô sêre

daz fleisk, daz er uon dir genomen hete.

Owî Josep der guote,

dô du mînen herren ab dem crûce huobe,

hete ich dô gelebet, 20

ich hete dir uaste zuo gechlebet

ze der piuilde hêre

mînes uil lieben herren.

Owî Nychodêmus,

wane moht ich dir etewaz

liebes erbieten

ze lône unde ze mieten,

daz du in abe huobe

unde in sô scône begruobe!

Dô got allez daz gewan, 30

dar umbe er her in werlt chom,

dô liez er sînen lîchnamen

zu der erde begraben.

die ze der erde worden wâren,

daz in die emphiengen,

daz was alsô geordenôt;

diu erde was geheiligôt,

dâ er dô zwêne tage

geruowet in dem grabe;

in der selben friste

dô zestôrte er die helle ueste:

er uuor mit lewen chreften, 10

die grintel muosen bresten;

die gaiste ungehiure

di sprâchen in dem uiure,

wer der wære,

der sô gewaltichlîchen quæme:

er bringet uns ein michel lieht,

er ne wonet hie mit uns niht;

neheine sunde habete er getân

er ne mach hie niht bestân.

An der stunde 20

dô gesigt er an dem hellehunde;

sîne chîwen er im brach,

uil michel leit ime dâ gescach.

ich weiz, er in pant

mit sîner zeswen hant,

er warf in an den hellegrunt,

er leit ime einen bouch in sînen munt,

daz dem selben gûle

allez ane offen stûnte daz mûle:

swer durch sîne sunde 30

chome in sîne slunden,

daz der freislîche hunt

niht gelûchen mege den munt,

daz er in durch pîhte unde durch pûze

sînes vndanches muezze lâzzen.

Dô ne wolte er niuht uermîden,

dô chêrt er sich ze den sînen,

die in der uinster wâren;

ein niuz lieht si sâhen;

uil harte frouten si sich des,

si sprâchen: aduenisti, desiderabilis!

Er sprach: mîn erbarmede mich ne liez,

ich tæte, alsô ich iu gehiez; 10

ich hân durch iuwere nôt

erliten einen crimmechlîchen tôt;

die mich habent geminnet,

di wil ich fuoren hinnen.

swer hiute hie bestât,

des ne wirt niemer nehein rât

in desme hellesêre,

des ne gewîse ih nimer mêre.

Dô fuort er si alle

mit herige uon der helle,

er gab in allen gelîche 20

wider sîn rîche,

die si uon sculden haten uerlorn;

dô was gestillet sîn zorn.

_Da erhob er eine Stimme,

da lehrte er uns die Feinde lieben.

Er sprach: Nun vergieb ihnen, Herr Vater Gott;

sie wissen nicht, was sie thun. 10

Es geschah zu Mittag,

dass man ihn an den Baum hieng.

Da kämpfte er in Todesschmerzen

den Kampf bis drei Uhr Nachmittags.

Da ward der Streit geschieden,

der Leib besiegte uns.

Er sprach: es ist ganz vollbracht.

Da gieng es an den Tod,

da schied seine heilige Seele

von den leiblichen Leiden. 20

Unsertwegen litt er die Noth,

nun sehet, wie ihr ihm dafür lohnet.

Wehe, Maria Magdalena,

Wie standest du je da,

da du deinen guten Herren

hängen und bluten sahest

und sahest an seinem Leibe

die gestochenen Wunden.

Wie konntest du ertragen

die traurige Klage

seiner lieben Mutter,

der guten Sancta Maria!

wie manche Zähre sie gaben 10

zu demselben Male,

deine keuschen Augen,

meine viel liebe Frau,

da du deinen unschuldigen Sohn

so behandeln sahest,

da man so sehr marterte

das Fleisch, das er von dir genommen hatte.

Ach, Joseph du guter,

da du meinen Herrn vom Kreuze hubest,

hätte ich damals gelebt, 20

ich hätte dir fest angehangen

bei dem hehren Begräbniss

meines viel lieben Herren.

Ach, Nikodemus,

warum konnte ich dir nicht etwas

Liebes erzeigen

zum Lohne und zum Preise dafür,

dass du ihn abhubest

und ihn so schön begrubest!

Als Gott alles das gewonnen hatte, 30

weshalb er herab in die Welt kam,

da liess er seinen Körper

zur Erde begraben.

Dass ihn die empfiengen,

die zu Erde geworden waren,

das war so verordnet.

Die Erde war geheiligt,

wo er da zwei Tage

in dem Grabe geruht.

In derselben Frist

zerstörte er die Höllenburg;

er fuhr hin mit Löwenkraft, 10

die Riegel mussten bersten,

die Geister, ungeheuer,

die sprachen in dem Feuer,

wer der wäre,

der so gewaltiglich käme?

Er bringt uns ein grosses Licht,

er wohnet hier nicht mit uns;

er hat keine Sünde gethan,

er wird hier nicht bleiben.

Zu der Stunde 20

siegte er ob dem Höllenhunde;

er brach ihm seine Kiefer;

viel Leid geschah ihm da.

Ich weiss, er band ihn

mit seiner rechten Hand,

er warf ihn in den Höllengrund,

er legte ihm einen Ring in seinen Mund,

dass demselben Scheusal

immerdar das Maul offen stünde:

wer durch seine Sünde 30

in seinen Schlund komme,

dass der schreckliche Hund

nicht das Maul schliessen könne,

dass er ihn durch Beichte und Busse

wider Willen los lassen müsse.

Da wollte er nicht unterlassen,

er kehrte sich zu den Seinen,

die in der Dunkelheit waren.

Sie sahen ein neues Licht,

sie freuten sich des sehr.

Sie sprachen: Advenisti, desiderabilis!

Er sprach: meine Barmherzigkeit liess mich nicht,

ich thäte denn, wie ich euch verhiess; 10

ich habe wegen eurer Noth

einen grimmigen Tod erlitten;

die mich geliebt haben,

die will ich von hinnen führen.

Wer heute hier bleibt,

für den giebt es nimmer Hülfe

in diesem Höllenschmerz,

nach dem sehe ich nie mehr.

Da führte er sie alle

in Schaaren aus der Hölle,

er gab ihnen allen gleich 20

sein Reich wieder,

das sie durch ihre Schuld verloren hatten;

da war sein Zorn gestillt._

_M._

_DAS ANNOLIED._

[_Scherer D._ 82, _E._ 74.]

Um 1110 zu Ehren des Bischofs Anno von Cöln (+ 1075) von einem

niederrheinischen Dichter, wahrscheinlich im Kloster Siegburg

verfasst. Herausgegeben von Bezzenberger (Quedlinburg, 1848) und

Roth (München, 1847).

1.

Wir hôrten ie dikke singen

von alten dingen:

wi snelle helide vuhten,

wi si veste burge brêchen,

wi sich liebin winiscefte schieden,

wi rîche kunige al zegiengen.

nû ist cît daz wir denken,

wi wir selve sulin enden.

Crist, der unser hêrro guot

wi manige ceichen her uns vure duot, 10

als er ûffin Sigeberg havit gedân

durch den diurlîchen man

den heiligen bischof Annen

durch den sînin willen.

dâ bî wir uns sulin bewarin,

wante wir noch sulin varin

von disime ellendin lîbe hin cin êwin,

dâ wir iemr sulin sîn.

_Wir hörten oftmals singen

von alten Begebenheiten:

Wie schnelle Helden fochten,

Wie sie feste Burgen brachen,

wie sich liebe Freundschaften schieden,

wie mächtige Könige untergiengen.

nun ist Zeit, dass wir denken,

wie wir selber enden werden.

Christ, unser guter Herr,

Wie manche Zeichen er vor uns thut, 10

wie er auf dem Siegberg gethan

durch den trefflichen Mann,

den heiligen Bischof Anno,

um seinen Willen kund zu thun.

daran sollen wir uns eine Lehre nehmen,

dieweil wir noch die Reise vor uns haben

von diesem elenden Leben hin zur Ewigkeit,

wo wir dann immerdar sein sollen._

_L._

2.

Duo Cêsar duo widere ci Rôme gesan,

si ni woltin sîn niht intfân:

si quâdin daz er durch sîni geile

haviti virlorin des heris ein michil deil,

daz her in vremidimo lante

ân urlôf sô lange havite.

mit zorne her duo wider wante

ci diutischimo lante,

dâ her hât irkunnôt

manigin helit vili guot; 10

her sante zuo den heirrin

die dâr in rîche wârin:

her clagitin allin sîni nôth.

her bôt un golt vili rôt;

her quad daz her si wolti gern irgezzin,

obir un ieht ci leide gedân hetti.

Duo si virnâmin sînin willen,

si saminôtin sich dar alle:

ûzir Gallia unti Germanie

quâmin imi scarin manige 20

mit schînintin helmen,

mit vestin halspergin.

si brâhtin manigin scônin schiltrant;

als ein vluot vuorin sin daz lant.

duo ci Rôme her bigondi nâhin,

duo irvorhtim dâr manig man,

wanti si sâgin schînin

sô breite scarin sîni,

vanin ingegin burtin:

des lîbis si alle vorhtin.

Cato unti Pompeiûs

rûmitin rômischi hûs;

al der senâtûs;

mit sorgen vluhin si dirûz. 10

her vuor un nâh jaginta,

wîtini slahinta,

unz in Egypti lant:

sô michil ward der herebrant.

Wer mohte gecelin al die menige

die Cesari îltin in gegine

van ôstrit allinthalbin,

alsi der snê vellit ûffin alvin,

mit scarin unti mit volkin,

alsi der hagil verit van den wolkin. 20

mit minnerem herige

genanter an die menige.

duo ward diz hertisti volcwîg,

alsô diz buoch quît,

daz in disim merigarten

ie gevrumit wurde.

Oy wi di wâfini clungin,

dâ di marih cisamine sprungin!

herehorn duzzin,

becche bluotis vluzzin; 30

derde diruntini dunriti,

di helli in gegine glimite,

dâ di hêristin in der werilte

suohtin sich mit suertin.

duo gelach dir manig breiti scari

mit bluote birunnin gari.

dâ mohte man sîn douwen

durch helme virhouwin

des rîchin Pompeiis man:

Cêsar dâ den sige nam. 10

_Als Cæsar da wieder nach Rom sich begab,

da wollten sie ihn nicht empfangen.

Sie sagten, dass er durch seinen Übermuth

einen grossen Theil des Heeres verloren habe,

welches er in fremdem Lande

ohne Erlaubniss so lange gehabt hatte.

Mit Zorn wandte er sich da zurück

zu dem deutschen Lande,

wo er kennen gelernt hatte

manchen sehr guten Helden. 10

Er sandte zu den Herren,

die da im Lande waren:

er klagte ihnen allen seine Noth,

er bot ihnen Gold sehr roth;

er sagte, dass er ihnen gern ersetzen wollte,

wenn er ihnen je etwas zu Leide gethan hätte.

Da sie seinen Willen vernahmen,

so sammelten sich da alle:

aus Gallien und Germanien

kamen ihm da manche Schaaren 20

mit glänzenden Helmen,

mit starken Panzerhemden.

Sie brachten manchen schönen Schildesrand;

wie eine Fluth kamen sie in das Land.

Da er sich Rom zu nahen begann,

da fürchtete sich mancher Mann,

denn sie sahen glänzen

seine Schaaren so breit,

die Fahnen entgegen getragen:

sie fürchteten sich alle des Lebens.

Cato und Pompejus

räumten das römische Haus;

der ganze Senat,

mit Sorgen flohen sie daraus. 10

Er fuhr ihnen nach jagend,

weithin schlagend,

bis nach Egyptenland:

so gross ward die Kriegsflamme.

Wer möchte all die Vielen zählen,

die dem Cæsar entgegen eilten,

von ostwärts allenthalben,

wie der Schnee fällt auf den Bergen,

mit Kriegsschaaren und mit Völkern,

wie der Hagel fährt von den Wolken. 20

Mit kleinerem Heere

wagte er sich an die Vielen.

Da ward der härteste Volkskampf,

wie das Buch sagt,

der auf dieser Erden

je gethan ward.

Hei, wie die Waffen klangen,

als die Pferde zusammen sprangen!

Die Heerhörner dröhnten,

Bäche Blutes flossen; 30

die Erde unten donnerte,

die Hölle glühte ihnen entgegen,

da die Stolzesten in der Welt

sich mit Schwertern suchten.

Da lag da manche breite Schaar

mit Blute gar beronnen.

Da konnte man sterben sehn,

erschlagen durch die Helme,

des mächtigen Pompejus Mannen:

Cæsar gewann da den Sieg._ 10

_DIE KAISERCHRONIK._

[_Scherer D._ 82, _E._ 74.]

Geschichte der römischen Kaiser von Julius Cæsar bis auf Konrad

III und den Kreuzzug vom Jahre 1147, in einigen, aber nicht den

ältern Handschriften, nur bis zum Tode Lothars von Sachsen (1137).

Ein Sammelwerk mit vielen eingestreuten gelehrten Sagen und

Legenden. Die älteste uns überlieferte Fassung entstand um das

Jahr 1150 in Regensburg und rührt wahrscheinlich von dem Verfasser

des Rolandsliedes, dem Pfaffen Konrad, her, der aber dabei ein

älteres Werk überarbeitete und fortsetzte. Später ist die Chronik

mehrfach in reine Reime umgearbeitet und zuletzt bis auf Rudolf

von Habsburg fortgesetzt worden. Nach der ältesten Handschrift im

österreichischen Stifte Vorau herausgegeben von Diemer (Bd. I Wien,

1849), nach allen Handschriften, aber unkritisch von Massmann (3

Bde. Quedlinburg und Leipzig, 1849-54).

Ain man hie vor was:

(mîn vater sagete mir daz)

der zôch im ain guoten garten,

des flîzt er sich vil harte;

dar inne zôch er wurze unt crût:

der carte wart im inneclîchen trût.

ein hierz wart sîn gewar,

nahtes slaich er dar

uber aine stigelen nidere:

dâ spranch er allez ubere,

dise vil guote wurze

di dûhten in suoze,

unze der garte aller wuoste gelach.

daz traip er vil manigen tach.

der gartenære wart sîn gewar:

vil sciere gereht er sich dar;

als er wider ûz solte varn, 10

dô rach der arme sînen scaden:

daz aine ôre er im ab slûoch.

diu snelle in dane truoch.

der man vârte sîn aver,

er erreichet im den zagel;

er sluoch in im halben abe:

er sprach ‘diz zaichen dû trage!

smirzet iz dich iht sêre,

dune chumest her wider niht mêre.’

Iz gescach in luzel stunden: 20

dem hierze gehailten sîne wunden.

er straich hin widere

an sîn alte stigelen:

crût unt wurze

leget er im allez wuoste.

der man wart sîn inne;

mit vil guoten sinnen

îlt er mit nezzen

den garten all umbe sezzen.

alse der hirz wolte widere

über sîn alte stigelen,

der man begraif sînen spiez,

den hirz er dô an lief,

durch den pûch er in stach,

daz wart er dar nâh sprach:

‘diu suoze wirt dir ze sûre: 10

mîner wurze arnest du vil tiure.’

sînen hirz er dô entworhte

sô er von rehte solte.

ain vohe charge

lac dâ bî in ainer vurhe:

alse der man her dane entwaich

diu vohe dar zuo slaich:

daz herze si im enzucte,

ir wec si dâ mit ructe.

Alse der man wider chom,

sîn gejac geviel im aller vil wol. 20

do er des herzen niene vant,

er sluoch zesamene mit der hant;

er îlte âne zwîvel,

er sagetez sînem wîbe:

‘ich wil dir ain grôz mære sagen:

der hirz den ich ervellet hân

der was michel unt guot,

wan daz er nehain herze in im entruoch.’

Dô antwurte im daz wîp 30

‘daz west ich ê wol vor maniger zît;

want der hierz lait ê den smerzen;

unt het er dehain herze.

do er daz ôre unt den zagel hete verlorn,

er newâre niemer mêr in dînen garten chomen.’

_Ein Mann wohnte früher hier, --

mein Vater sagte mir das, --

der bestellte sich einen guten Garten:

dessen befleissigte er sich sehr;

darin zog er Wurzeln und Kraut:

der Garten war ihm sehr lieb.

Ein Hirsch wurde seiner gewahr.

Nachts schlich er dahin

über eine niedrige Stiegel:

da sprang er immer über,

diese vortrefflichen Wurzeln

deuchten ihm süss.

Der Garten lag ganz wüste.

Das trieb er gar manchen Tag.

Der Gärtner ward seiner gewahr:

sehr schnell machte er sich dahin;

als der Hirsch heraus gehn wollte, 10

da rächte der Arme seinen Schaden:

das eine Ohr schlug er ihm ab.

Seine Schnelligkeit trug ihn von dannen.

Der Mann stellte ihm abermals nach,

er erreichte ihm den Schwanz;

er schlug ihn ihm halb ab,

er sprach: ‘dies Zeichen trage du!

schmerzet es dich etwa sehr,

so kommst du nicht wieder her.’

Es begab sich, dass in wenig Stunden 20

dem Hirsche heilten seine Wunden.

Er strich wieder hin

nach seiner alten Stiegel.

Kraut und Wurzeln

verwüstete er ihm ganz und gar.

Der Mann ward es inne;

mit sehr guten Sinnen

eilte er mit Netzen

den Garten ganz zu umsetzen.

Als der Hirsch zurück wollte

über seine alte Stiegel,

da ergriff der Mann seinen Spiess,

den Hirsch er anlief;

er stach ihn durch den Bauch.

Darauf sprach er das Wort:

‘die Süsse wird dir sauer, 10

meine Wurzeln bezahlst du theuer!’

da zerlegte er seinen Hirsch,

wie er von Rechts wegen sollte.

Ein schlauer Fuchs

lag dabei in einer Furche.

Als der Mann von dannen gieng,

schlich der Fuchs herzu,

entzuckte ihm das Herz

und entwich damit ihres Wegs.

Als der Mann wieder kam,

gefiel ihm seine Jagdbeute ganz wohl. 20

Da er das Herz nicht fand,

schlug er zusammen mit der Hand;

er eilte, ohne sich zu besinnen,

und sprach zu seinem Weibe:

‘Ich will dir ein grosses Wunder sagen:

der Hirsch, den ich erlegt habe,

der war gross und gut,

aber er trug kein Herz in sich.’

Da antwortete ihm die Frau: 30

‘das wusste ich schon vor langer Zeit,

weil der Hirsch früher den Schmerz litt;

und hätte er irgend ein Herz gehabt,

als er das Ohr und den Schwanz verloren hatte,

er wäre nie wieder in deinen Garten gekommen.’_

_HEINRICH VON MÖLK._

[_Scherer D._ 84, _E._ 76.]

Didaktischer Dichter aus ritterlichem Stande um 1160. Er trat aus

Überdruss am weltlichen Leben in das österreichische Kloster Mölk

als Laienbruder und verfasste zwei Gedichte ‘Mahnung an den Tod’

und das ‘Pfaffenleben,’ das unvollendet blieb. Neu herausgegeben

von Heinzel (Berlin, 1867).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 76 / 276 题