_EZZOS GESANG VON DEN WUNDERN CHRISTI._
[_Scherer D._ 89, _E._ 80.]
Ezzo, Scholasticus zu Bamberg, verfasste das Gedicht im Auftrag des
Bischofs Günther von Bamberg, vermuthlich auf einer Pilgerfahrt
nach Jerusalem, 1064. Herausgegeben in den Denkmälern Nr. 31; vgl.
auch Zeitschrift für deutsches Alterthum XXIII, 210.
Duo got mit sîner gewalt
sluoch in êgyptisce lant,--
mit zehen blâgen er se sluoch,--
Môyses der vrônebote guot,
er hiez slahen ein lamb:
vil tougen was der sîn gedanc.
mit des lambes pluote
die ture er segenôte,
er streich ez an daz uberture:
der slahente engel vuor dâ vure. 10
swâ er daz pluot ane sah,
scade dâ inne nien gescah.
Daz was allez geistlîch,
dàz bezeichnôt christenlîchiu dinc:
der scate was in hanten,
diu wârheit ûf gehalten.
duo daz wâre ôsterlamp
chom in der Juden gwalt
unt daz opher mâre
làg in crûcis altâre,
duo wuoste der unser wîgant
des alten wuotrîches lant:
den tievel unt al sîn here,
dèn versualh daz rôte toufmere.
Von dem tôde starp der tôt.
diu helle wart beroubôt,
duo daz mâre ôsterlamp 10
fur unsih geopheret wart.
daz gab uns frîlîche vart
in unser alterbelant,
beidiu wege unte lant,
dar hab wir geistlîchen ganc.
daz tagelîche himelprôt;
der gotes prunno ist daz pluot:
swâ daz stuont an dem uberture,
der slahente engel vuor dâ fure.
Spiritalis Israel, 20
nû scowe wider dîn erbè.
wante dû irlôset bist
de jugo Pharaonis.
der unser alte vîant
der wert uns daz selbe lant,
er wil uns gerne getaren:
den wec scul wir mit wîge varen.
der unser herzoge ist sô guot:
ub uns ne gezwîvelôt daz muot,--
vil michel ist der sîn gewalt,--
mit im besizze wir diu lant.
O crux benedicta,
àller holze beszista,
an dir wart gevangan
der gir Levîâthan.
lîp sint dîn este, wante wir
den lîb ernereten ane dir. 10
jâ truogen dîn este
die burde himelisce.
an dich flôz daz frône pluot.
dîn wuocher ist suoz unte guot,
dâ der mite irlôset ist
manchunn allez daz der ist.
Trehtîn, dû uns gehieze
daz dû wâr verlieze.
du gewerdôtost uns vore sagen,
swenn dû wurdest, hêrre, irhaben 20
vòn der erde an daz crûci,
dû unsih zugest zuoze dir.
dîn martere ist irvollôt.
nû leiste, hêrre, dîniu wort.
nû ziuch dû, chunich himelisc,
ùnser herze dar dâ dû bist,
daz wir die dîne dienestman
von dir ne sîn gesceidan.
O crux salvatoris,
dû unser segelgerte bist.
disiu werlt elliu ist daz meri,
mîn trehtîn segel unte vere,
dîu rehten werch unser seil:
dîu rihtent uns die vart heim.
der segel, der wâre geloubo,
der hilfet uns der wole zuo. 10
Der heilige âtem ist der wint,
der vuoret unsih an den sint.
himelrîche ist unser heimuot,
dâ sculen wir lenten, gotelob.
_Als Gott mit seiner Gewalt
schlug in Egyptenland,--
mit zehn Plagen schlug er sie,--
Moses, der treffliche heilige Bote,
er hiess ein Lamm schlachten:
sehr geheim war seine Absicht.
Mit des Lammes Blute
segnete er die Thür,
er strich es an den Überpfosten:
der Würgengel fuhr da vorüber. 10
Wo er das Blut erblickte,
in dem Hause geschah kein Schade._
_Das war Alles geistlich zu verstehn,
das bezeichnet christliche Dinge.
Das Schattenbild war vorhanden,
die Wahrheit aufbewahrt.
Als das wahre Osterlamm
kam in der Juden Gewalt,
und das herrliche Opfer
lag auf des Kreuzes Altar,
da verwüstete unser Held
des alten Wüthrichs Land:
den Teufel und sein ganzes Heer,
die verschlang das rothe Taufmeer._
_Von dem Tode starb der Tod.
Die Hölle war beraubt,
als das herrliche Osterlamm 10
für uns geopfert ward.
Das gab uns freie Fahrt
in unser altererbtes Land,
über Weg und Steg
thun wir einen geistlichen Gang.
Das tägliche Himmelsbrot;
Gottes Brunnen ist das Blut:
wo das stand an dem Überpfosten,
da schritt der Würgengel vorüber._
_Geistliches Israel, 20
nun erblicke von neuem dein Erbe,
dieweil du erlöset bist
von dem Joche Pharaos.
Unser alter Feind
der verwehrt uns nun dasselbe Land,
er will uns gerne schädigen:
den Weg müssen wir mit Kampf zurücklegen.
Unser Herzog ist so gut:
Wenn uns nicht zweifelt das Gemüth,
gar gross ist seine Gewalt,--
mit ihm behaupten wir das Land._
_O gebenedeites Kreuz,
aller Hölzer bestes,
an dir ward gefangen
der gierige Leviathan.
Leben sind deine Äste, dieweil wir
das Leben gerettet an dir. 10
Ja es trugen deine Äste
die himmlische Bürde.
Auf dich floss das hehre Blut.
Dein Wuchs ist lieblich und gut,
damit erlöset ist
die ganze Menschheit, die da ist._
_Herr, du hast uns verheissen,
was du in Wahrheit vollführen wolltest.
Du geruhtest uns zu versprechen,
wenn du würdest, Herr, erhoben 20
von der Erde auf das Kreuz,
du würdest uns zu dir ziehen.
Deine Marter ist erfüllt.
Nun erfülle, Herr, deine Worte.
Nun zieh du, himmlischer König,
unser Herz dahin, wo du bist,
damit wir, deine Vasallen,
von dir nicht getrennt sind._
_O Kreuz des Erlösers,
du bist unsere Segelstange.
Diese ganze Welt ist das Meer,
mein Herr der segelnde Ferge,
die guten Werke sind unser Seil:
die bestimmen unsere Heimfahrt.
Das Segel, der wahre Glaube,
der hilft uns wohl dazu. 10
Der heilige Geist ist der Wind,
der führt uns über die Fluth.
Das Himmelreich ist unsre Heimat,
da sollen wir landen, Gottlob._
_WILLIRAMS ERKLÄRUNG DES HOHEN LIEDES._
[_Scherer D._ 90, _E._ 81.]
Williram von Geburt ein Franke, in Paris erzogen, Mönch zu Fulda,
Scholasticus zu Bamberg, und später Abt zu Ebersberg in Baiern,
wo er 1085 starb. Herausgegeben von Seemüller ‘Willirams deutsche
Paraphrase des Hohen Liedes’ (Strassburg, 1878).
(Cap. III. v. 11.) _Egredimini et videte, filiæ Syon, regem Salomonem
in diademate quo coronavit eum mater sua in die sponsionis illius et
in die lætitiæ cordis eius._ +Gêt ûz, ír iúncfróuuon, ír da búiuuet
in Syon! tûot uuára dés cúninges Salomonis unte der corônon, da ín
sîn mûoter mít hât gezîeret in {20} sînemo máheltáge unte in démo
táge sîner fréuue!+ Ír gûoten sêla, ír der hîe bírt _positæ in
specula fidei_, unte ír gedínge hât daz ír cúmet _in atria cælestis
Hierusalem_, tûot iu sélbon êinan rûm, daz íuuich nechêin uuérlih
_strepitus_ geírre, ír ne gehúget álliz ána der _mysteriorum_ íuueres
_redemptoris_ unte der dúrninon corônon, dîe ímo _Judaica gens_ ûf
sázta, díu sîn mûoter uuás _secundum carnem_. Dîe dúrnînon corônon
dîe trûog ér gérno dúrh íuueren uuíllon, daz íuuih _cælestis gloria
amplecteretur_. Daz neuuárt álliz nîet sînes úndanches, nóbe nâh sînemo
uuíllen, uuánt íz gescáh in sînemo máheltáge, do ér ímo sélbemo máhelta
mít démo uuídemen sînes hêiligen blûotes dîe _Ecclesiam non habentem
maculam aut rugam_; íz gescáh ôuh in démo táge sînero fréuue, do ér
sích fréuueta, daz mít sînemo tôde díu uuérlt irlôset uuárt uóne des
tûiueles geuuálte unte uóne démo êuuegen tôde.
{10} (Cap. IV. v. 1.) _Quam pulchra es, amica mea; quam pulchra es.
oculi tui columbarum absque eo quod intrinsecus latet._ +Uuîe scône
du bíst, frûintin mîn, uuîe scône du bíst! Dîn ôigon sint tûbon ôigon
âne dáz, daz án dír ínlachenes uerhólan íst.+ Du bíst scône an
dînen uuérchon, uuánte dú nîet scántlîches ne tûost, daz mînen ôugen
mísselîche; du bíst ôuh scône an dînen uuórton, uuante dú in dîner
_prædicatione_ nîene mêinest âne mîn êra unte _fraternam utilitatem_.
Dîn ôugon sínt tûbon ôugon, uuánte díu êinuáltige an dír skînet, dîe
dích der _spiritus sanctus_ lêret, _qui per columbam figuratur_. Díu
scône íst an dír {20} âne dáz, daz nóh ínlachenes an dír uerhólan íst,
daz íst díu _spes cælestium præmiorum_, dîe íh nóh dir gíbon _in fine
seculorum_.
_Capilli tui sicut grex caprarum quæ ascenderunt de monte Galaad._
(_v._ 2.) _Dentes tui sicut grex tonsarum ovium quæ ascenderunt de
lavacro, omnes gemellis fœtibus, et sterilis non est in eis._ +Dîn
uáhs íst sámo gêizze córter, dáz der gêt ûffe démo bérge Galaad,
unte sínt ábo dîne zéne sámo daz córter déro gescórenon scâffo, dîe
der ûfgênt uóne uuáske ál mit zuînelero zúhte unte íro nechêin íst
únbârig.+ In dînen _conuenticulis_ skînent bêide _doctores_ ióh
_auditores_. Díu {30} ménige _fidelium auditorum_ íst glîh démo gêiz
córtare, uuánte sîe síh _peccatores_ bekénnent, _capra enim sacrificium
est pro peccato_, unte dóh sîe sîn _constituti in seculari actione_,
díu âne súnta uuésan nemág, sîe stégerent îe dóh gérno mít íro
gelôiben, mít gebéte, mít _eleemosyna_ unte mít ánderen uuóletâten ze
démo gíth hûffen _id est ad me_. Álso Galaad uuás _aceruus testimonii
inter Jacob et Laban_, álso bín íh ín _apud patrem testis in cælo
fidelis_. Álso der hûffo sích búret an êinemo stêine unte álso ûf
uuéhset, álso bín íh ín _lapis angularis, super quem ædificandi sunt_,
ánne mír uíndent ôuh sîe dîe uuêida des êuuegen lîbes. Ábo dîne
_doctores_, dîe der _per dentes figurantur_, uuánte sîe _cibos sacræ
scripturæ exponendo comminuunt, ut possint glutiri a populis_, dîe sínt
glîch dén gescórenon scâffon, dîe der uóne uuáske gênt, uuánte sîe
bêide sínt _abluti baptismo_ unte állen uuérlîchen rîchdûom uuílligo
hína hând geuuórfan nâh mînemo râte, _ut me expeditius sequi possint_,
unte sîe sínt ôuh _gemellis fœtibus_, uuánte sîe hábent _dilectionem
meam et proximi_; {10} uóne dánnan níst íro nechêin únbârig, _quia
omnia quæcumque faciet prosperabuntur_.
(_v._ 3.) _Sicut vitta coccinea labia tua, et eloquium tuum dulce._
+Dîne léfsa sínt sámo êin rôta bínta unte dîn gekôse íst sûozze.+
Dîne _doctores, qui per labia figurantur_, dîe kúndent démo lûite dîe
rôte mînes blûotes, da mít íh sîe erlôsta, unte sîe sínt ôuh _ardentes
in fraterna dilectione_, álse _coccus_ brínnet _in suo colore_, unte
sîe héftent _multitudinem auditorum in unitatem fidei_, álse díu bínta
zesámene duínget dîe ménige déro lókko. Íro gekôse íst ôuh sûozze,
uuánte sîe dîe sûozze des êuuegen lîbes démo lûite {20} kúndent.
_DAS ALEXANDERLIED._
[_Scherer D._ 92, _E._ 83.]
Von dem Pfaffen Lamprecht nach dem französischen Original
des Alberich von Besançon wahrscheinlich um 1130 verfasst.
Herausgegeben von Weismann, mit Übersetzung (2 Bde. Frankfurt,
1850); und in Diemers ‘Deutschen Gedichten des XI. und XII.
Jahrhunderts’ (Wien, 1849); am besten von Kinzel (Halle 1884).
Dô wir fûren bî dem mere,
dô reit ih ûzer dem here
mit drîn dûsint mannen.
dô hûbe wir unsih dannen
und wolden wundir besehen.
dô sâhe wir verre dannen stên
einen hêrlîchen walt.
daz wunder daz was manicfalt,
daz wir dâ vernâmen.
dô wir dâ bî quâmen,
dô hôrte wir dar inne
manige scône stimme,
lîren unde harfen clanc
und den sûzesten sanc, 10
der von menschen ie wart gedâcht,
wêrer allir zesamene brâht,
der ne kunde sih dar zô niet gegaten.
vil harte wunniclîch der scate
under den boumen dâr was.
da entsprungen blûmen unde gras
und wurze maniger kunne.
ih wêne ie walt gewunne
alsô manige zîrheit.
er was lanc unde breit. 20
der selbe walt der lach,
alsih û der von sagen mach,
an einer scônen ouwen.
dâr môste wir scowen
manigen edelen brunnen,
der ûz den walde quam gerunnen
lûtir unde vil kalt.
ih und mîne helede balt
heten dâ wundiris gemach,
daz uns ze liebe dâ gescah.
daz ne wil ih sô niwit verdagen,
ih ne wil iz iu flîzlîche sagen.
Der edele walt frône
was wunderlîchen scône.
des nâme wir allis goume.
hô wâren di boume,
di zelgen dicke unde breit.
nâh der rehten wârheit, 10
daz was ein michil wunne.
dâ ne mohte di sunne
an di erde niht geschîne.
ih unde di mîne,
wir liezen unse ros stân
und giengen in den walt sân
durh den wunniclîchen sanc.
di wîle dûhte uns harte lanc,
biz wir dare quâmen,
dâr wir vernâmen, 20
waz wunderis dâ mohte sîn.
vil manich scône magetîn
wir al dâ funden,
di dâ in den stunden
spilten ûf den grûnen clê.
hundirt tûsint unde mê
di spileten unde sprungen;
hei wî scône si sungen,
daz beide cleine unde grôz
durh den sûzlîchen dôz,
den wir hôrten in den walt,
ih und mîne helede balt,
vergâzen unse herzeleit
und der grôzen arbeit
und alliz daz ungemah
und swaz uns leides ie gescach.
uns allen dô bedûhte,
alsiz wol mohte, 10
daz wir genûc habeten
di wîle daz wir lebeten,
frowede unde rîcheit.
da vergaz ih angist unde leit
unde mîn gesinde,
unde swaz uns von kinde
ie leides gescach
biz an den selben tach.
mir dûhte an der stunt,
ih ne wurde niemer ungesunt, 20
ob ih dâr imer mûste wesen,
sô wâre ih garwe genesen
von aller angistlîcher nôt
und ne forhte niwit den tôt.
Woldir nû rehte verstân,
wî iz umbe di frowen quam,
wannen si bequâmen
oder wilich ende si nâmen,
des mach û wol besunder
nemen michil wunder.
swanne der winter abe ginc
und der sumer ane ginc
und iz begunde grûnen
und di edelen blûmen
in den walt begunden ûf gân,
dô wâren si vil wol getân. 10
lieht was ir glîze,
ir rôte unde ir wîze
vil verre von in schein.
blûmen ne wart nie nehein,
di scôner wesen mohte.
si wâren, alsuns bedûhte,
rehte sinewel als ein bal
und vaste beslozzen ubir al;
si wâren wunderlîchen grôz.
alse sih di blûme obene entslôz, 20
daz merket an uheren sinne,
sô wâren dar inne
megede rehte vollencomen.
ih sagû, alsichz hân vernomen.
si giengen unde lebeten,
menschen sin si habeten
unde redeten unde bâten
rehte alse si hâten
aldir umbe zwelif jâr.
si wâren gescaffen, daz is wâr,
scône an ir lîbe.
ih ne sach nie von wîbe
scôner antluzze mê,
noh ougen alsô wol stê.
ir hande unde ir arme
wâren blanc alseinen harme
unde fuoze unde bein.
undir in ne was nehein, 10
si ne phlêge scôner hubischeit.
si wâren mit zuhten wol gemeit
unde lacheten unde wâren frô
unde sungen alsô,
daz ê noh sint nehein man
sô sûze stimme ne vernam.
Mugint irs getrûwen,
sô solden dise frowen
alliz an den scate wesen,
sîne mohten andirs nit genesen. 20
swilhe di sunne beschein,
der ne bleib ze lîbe nie nehein.
daz wunder daz was manicfalt.
dô wart irschellet der walt
von der sûzer stimme,
di dâ sungen inne,
di fugele unde di magetîn;
wî mohtiz wunniclîcher sîn
frô unde spâte.
al ir lîbis gewête
was ane si gewassen
ane hûte und ane vasse.
in was getân di varwe
nâh den blûmen garwe
rôt unde ouh wîz sô der snê.
dô wir si zuns sâgen gê,
zô zin spilete uns der lîb.
sus lussame wîb
sint der werlt unkunt. 10
* *
owê daz wir sô schiere verlorn
daz michele gemach!
diz wunder ih alliz sah
selbe mit mînen ougen.
des mugent ir gelouben.
diz werte, alsih û sage,
drî mânede unde zwelif tage,
daz ih und mîne helede balt
wâren in dem grûnen walt
und bî der scônen owen 20
mit den lieben frowen
und wunne mit in habeten
unde mit froweden lebeten.
vil jâmerlîche uns dô gescach,
daz ih verclagen nit ne mach.
dô di zît vollenginc,
unse frowede di zeginc:
di blûmen gare verturben
und die scônen frowen sturben.
di boume ir loub liezen
und di brunnen ir fliezen
unde di fugele ir singen.
dô begunde dwingen
unfrowede mîn herze 10
mit manicfalder smerze.
freislîch was mîn ungemah,
daz ih alle tage sah
an den scônen frowen.
owê wî si mih rûwen,
dô ih si sah sterben
und di blûmen verterben,
dô schiet ih trûrich dannen
mit allen mînen mannen.
_Als wir hinzogen an dem Meere,
Da ritt ich ausser meinem Heere
Mit dreien tausend Mannen.
Darauf huben wir uns von dannen
Und gedachten Wunder zu sehen;
Da sahn wir fern von dannen stehen
Einen grossen, prächtigen Wald.
Das Wunder das war mannigfalt,
Das wir da vernahmen.
Als hinzu wir kamen,
Da höreten wir wohl in ihm
Manche wunderschöne Stimm’,
Leier und Harfenklang
Und den süssesten Gesang, 10
Der je von Menschen ward erdacht,
Wär er all zusammengebracht,
Der könnte sich mit dem nicht gatten.
Gar dicht und wonniglich der Schatten
Unter diesen Bäumen was.
Da entsprossen Blumen und Gras
Und würz’ge Kräuter mancherhand.
Noch nie in einem Walde fand
Man also viele Zier bereit;
Lang war dieser und auch breit. 20
Dieser selbe Wald der lag,
Wie ich es euch wohl sagen mag,
In einer schönen Auen.
Da sollten wir auch schauen
Manchen edlen Bronnen,
Der aus dem Wald kam geronnen
Kühlig und erquickend klar.
Ich und meine kühne Schar
Sahen Wundergleiches da,
Das uns zu Liebe da geschah.
Das will ich jetzt auch nicht verschweigen,
Mit Fleisse will ich es euch zeigen.
Der herrliche, der edle Wald
War wunderbarlich schön gestalt’.
Wir konnten’s all’ genau gewahren.
Stattlich hoch die Bäume waren,
Die Zweige waren breit und dicht,
Nur Wahrheit gibt euch mein Bericht. 10
Das war eine grosse Wonne.
Da konnte nicht die Sonne
Hindurch bis zu der Erde scheinen.
Ich und die Meinen
Wir liessen unsre Rosse stehn,
Um alsbald in den Wald zu gehn
Nach dem wonniglichen Sang.
Gar lang und weit der Weg sich wand,
Bis wir dorthin kamen,
Wo wir nun vernahmen, 20
Was Wunder darin mochte sein.
Gar viele schöne Mägdelein
Wir in dem Walde funden,
Die spielten in diesen Stunden
Auf dem grünen Klee umher,
Hunderttausend und noch mehr;
Die spieleten und sprangen,
Hei, wie schön sie sangen,
Dass wir alle, Kleine und Grosse,
Durch das liebliche Getose,
Das aus dem Walde zu uns scholl,
Ich und meine Helden wohl,
Vergassen unser Herzeleid
Und all die Mühe in dem Streit.
Wir fühlten alle Noth vergehn
Und was uns Leides je geschehn.
Da schien es allen uns fürwahr,
Was auch gar kein Wunder war, 10
Dass zur Genüge sei gegeben
Uns für die Weile, die wir leben,
Freude und des Reichthums Glanz.
Angst und Leid vergass ich ganz,
Ich und all die Meinen,
Und was von Kindesbeinen
Bis an denselben Tag fürwahr
Uns Leides je geschehen war;
Mir deuchte wohl zu dieser Stund’,
Ich würde nimmer ungesund; 20
Wär’ ich dort immerdar gewesen,
Ich wäre ganz und gar genesen
Von aller Angst und aller Noth
Und hätte nicht gescheut den Tod.
Wollt ihr nun rechte Einsicht han,
Wie’s mit den Frauen war gethan,
Von wannen diese kamen,
Oder welches Ende sie nahmen,
Von Allem mag euch das fürwahr
Erscheinen höchlich wunderbar.
Sobald der Winter gieng von dann,
Und die Sommerszeit begann,
Und es grün ward überall,
Und die edlen Blumen ohne Zahl
Im Wald begannen aufzugehn,
Da waren die gar schön zu sehn. 10
Von Lichte strahleten sie ganz,
In rothem und in weissem Glanz
Schimmerten gar ferne sie.
Solche Blumen waren nie,
Welche schöner mochten blühn.
Sie waren, wie es uns erschien,
Völlig rund als wie ein Ball
Und fest verschlossen überall;
Sie waren wunderbarlich gross.
Und wenn die Blume sich oben erschloss, 20
Das merket wohl in euerem Sinne,
So fanden sich darinne
Mägdlein ganz und gar vollkommen.
Ich sag’s euch, wie ich’s hab’ vernommen.
Sie wandelten lebendig
Und sprachen so verständig
Und fühlten Menschenlust und Sinn;
Sie hatten völlig, wie es schien,
Ein Alter um das zwölfte Jahr.
Sie waren herrlich, das ist wahr,
Geschaffen an ihrem Leibe.
Ich hab’ an keinem Weibe
Ein schöner Antlitz je gesehn
Noch Augen also herrlich stehn;
Händ’ und Arme waren hell
Wie eines Hermelines Fell,
So auch die Füsse und die Beine;
Es war von ihnen keine, 10
Die nicht der Schönheit Reiz besass.
Auch trieben sie in Züchten Spass
Und lachten viel und waren froh,
Und ihr Gesang entzückte so,
Dass nie vordem und seit der Frist
So süsse Stimm’ erschollen ist.
Doch musste diesen Frauen,--
Darauf dürft ihr vertrauen--
Lebenslust der Schatten geben;
Sie konnten ohne den nicht leben. 20
Traf sie die Sonne mit ihrem Scheine,
So blieb am Leben ihrer keine.
Das Wunder das war mannigfalt.
Da erscholl ringsum der Wald
Von dem süssen Klingen
Derer, die darinne singen,
Die Vögel und die Mägdelein;
Wie konnt’ es wonniglicher sein,
Früh und spät zu jeder Zeit.
Ihres Leibes ganzes Kleid
Fest an sie gewachsen war
An die Haut und an das Haar.
An Farbe waren sie genau
So wie die Blumen auf der Au
Roth und weiss wie Schnee gethan.
Da wir sie zu uns gehen sahn,
Da drängte ihnen der Leib entgegen,
Denn Fraun, die solche Lust erregen,
Sind noch der Welt nicht worden kund._ 10
* *
_O weh, dass wir so schnell verloren
Das wonnige Behagen!
Dies Wunder, kann ich sagen,
Durft ich mit meinen Augen schaun:
Ihr möget meinen Worten traun.
Dies währte, wie ich euch jetzt sage,
Drei Monate und noch zwölf Tage,
Dass ich mit meiner Heldenschar
In dem grünen Walde war
Und bei den schönen Auen 20
Mit den lieben Frauen,
Und wir in Lust mit ihnen lebten
Und in Wonn’ und Freude schwebten.
Doch grosses Leid geschah uns dann,
Das nie genug ich klagen kann.
Da die Zeit zu Ende gieng,
Unsre Freude auch zergieng:
Die Blumen ganz und gar verdarben
Und die schönen Frauen starben.
Ihr Laub die Bäume liessen
Und die Brunnen ihr Fliessen
Und die Vögelein ihr Singen.
Da begunnte auch zu zwingen
Ungemach und Gram mein Herze 10
Mit mannigfaltigem Schmerze.
Schrecklich war der Jammer da,
Den ich alle Tage sah
An den schönen Frauen.
O weh, dass ich musste schauen,
Wie sie alle starben,
Und die Blumen verdarben:
Da schied in Trauer ich von dannen
Mit allen meinen Mannen._
_DAS ROLANDSLIED._
[_Scherer D._ 91, _E._ 82.]
Das Rolandslied, oder der Zug Kaiser Karls gegen die spanischen
Sarazenen, wurde von dem Pfaffen Konrad nach einem französischen
Vorbild gedichtet. Er schrieb es an dem Hofe des Welfen Heinrichs des
Stolzen um 1130. Herausgegeben von W. Grimm (Göttingen, 1838); und von
Bartsch (Leipzig, 1874).
1.