alle hatten unbegrenztes Vertrauen in Merlins Macht und Fürsorge
gehabt. Die Königin erklärte, sie hätte lieber zwei der besten Städte
verloren als Merlin. Aglant vermochte nicht zu sagen, wer Merlin
lebendig begraben hätte, er vermutete aber, daß es ein Weib getan
hätte. Artus war derselben Meinung; er fragte Aglant, was er von
Baudemagus hielte. "Er ist ein guter Ritter", sagte Aglant, "und wird
einer der besten der Welt werden, wenn er am Leben bleibt". "Auch ich
hatte stets eine hohe Meinung von ihm", sagte Artus, "und darum will
ich ohne Verzug Gaheriet zum Ritter machen, denn das kann mir nur zum
besten gereichen". (90)
Als Artus' Neffen Agravain, Gaheriet und Guerrehes geholt wurden, und
als Agravain hörte, was Merlin über Gaheriet zu Baudemagus gesagt
haben sollte, war er sehr neidisch auf seinen Bruder. "Ich bin der
ältere", erklärte er einem vertrauten Gefährten, "ich bin stärker,
geübter und gewandter als mein Bruder, mir kommt es rechtmäßig zu,
Gawain zu befreien, und ich will mir nicht nehmen lassen, was mir von
rechtswegen gehört. Ich weiß, Merlin hat Gaheriet mehr geliebt als
mich und bevorzugte ihn, aber darum soll sein Wunsch nicht in
Erfüllung gehen, denn ich will sehen, daß ich vor Gaheriet zum Ritter
gemacht werde."
Sogleich ging Agravain zu seinem Onkel und bat ihn um eine Gunst, und
als dieser bereit war, seinen Wunsch zu erfüllen, verlangte er, daß er
ihn vor Gaheriet zum Ritter machte, weil er der ältere war. Der König,
der Agravains Beweggründe nicht kannte, versprach ihm das gern. Artus
beschloß am bevorstehenden Weihnachtsfest seine drei Neffen in den
Ritterstand aufzunehmen und ließ weit und breit verkündigen, daß er
zur Ehre derselben einen glänzenden Hof halten würde. So kam es, daß
am heiligen Abend den König in seiner Halle eine große und stattliche
Versammlung seiner Barone und Ritter umgab. Mit seinen Neffen zugleich
wollte Artus noch zwanzig andere Jünglinge zu Rittern machen. Seine
Neffen und diese Jünglinge ließ er die Nacht in der Hauptkirche von
Camelot wachen. (91)
Am andern Morgen, nach der Messe, versammelten sich alle wieder in der
Halle. Es war damals Sitte, daß die Jünglinge, welche die Nacht
gewacht hatten, am Morgen ihre Sünden bekannten und dann, schon mit
Ritterkleidern angetan, der Messe beiwohnten; daß ihnen aber erst nach
der Messe das Schwert umgegürtet, d. h. diejenige Handlung vollzogen
wurde, durch welche sie eigentlich erst Ritter wurden. Agravain
drängte sich vor, gab seinem Onkel sein Schwert und bat ihn, ihm
dasselbe umzugürten. Der König war im Begriff das zu tun, als ihm
plötzlich ein stummer Narr das Schwert aus der Hand riß und dasselbe
weit fortschleuderte. Dieser Narr war seit fünfzehn Jahren, sowohl zur
Zeit Uterpandragons als auch seines Nachfolgers am Hofe geduldet, weil
er harmlos war, und niemand hatte ihn je ein Wort sagen hören. Jetzt
war er plötzlich fähig zu sprechen und sagte: "König Artus, was willst
du tun? Willst du Agravain vor Gaheriet, dem besten Ritter deines
Geschlechts, das Schwert umgürten? Du mußt ihn zuerst zum Ritter
machen, und er kann dann seine Brüder und die übrigen gürten, denn er
ist dieser Ehre würdig." Artus war erstaunt, daß der Stumme plötzlich
reden konnte, ließ seine Barone näher treten und fragte vor ihnen den
Narren: "Wer hat dir befohlen, mir das zu sagen?" "Merlin der Weise",
antwortete der Narr, "sagte mir, daß am heutigen Tage der schlechte
versuchen würde, sich vor den guten zu stellen, um zuerst Ritter zu
werden. Als ich Merlin fragte, woran ich den schlechten würde erkennen
können, erwiderte er: 'Der schlechte ist Agravain der Stolze, der gute
ist Gaheriet der Demütige' und dann fügte er hinzu, daß ich Agravains
Absicht um jeden Preis vereiteln müßte." Agravain war aufgebracht, als
er des Narren Worte hörte, erinnerte seinen Onkel an das Versprechen,
welches er ihm gegeben hatte, und bat ihn, der Worte eines
Unzurechnungsfähigen halber ihm nicht unrecht zu tun. Artus aber nahm
die Sache ernst; er hielt das Einschreiten des Narren für ein Wunder
und eine Offenbarung des Willens Gottes. (92)
Er lud seine weisesten Männer ein, ihm in ein anderes Gemach zu
folgen, und fragte sie, über das was geschehen war, um ihre Meinung.
Sie erklärten, daß Gott, der Gaheriets gute Eigenschaften kenne,
seinethalben das Wunder hätte geschehen lassen. "So denke auch ich",
sagte Artus, "und deshalb will ich Merlins Wunsch auch in diesem
Punkte erfüllen". Nach der Halle zurückgekehrt, ließ Artus Gaheriet
vortreten, und gürtete ihm, trotz der Einwendungen Agravains, zuerst
das Schwert um, indem er sagte: "Gott will es so, möge er dir Ruhm und
Ehre verleihen". Nun bat Guerrehes seinen Bruder Gaheriet, ihm das
Schwert umzugürten. Weinend erklärte sich Gaheriet solcher Ehre
unwürdig, Artus aber ermutigte ihn und sagte ihm, daß er nicht zögern
dürfte, den Willen Gottes zu erfüllen. Guerrehes erinnerte Gaheriet
daran, daß er als neuer Ritter ihm die erste Bitte nicht abschlagen
dürfte. Dann machte Gaheriet seinen Bruder und die anderen Jünglinge
zu Rittern; Agravain aber weigerte sich, das Schwert aus seines
Bruders Hand zu empfangen und bestand darauf, daß Artus selber ihn zum
Ritter machte.
Als nachher der König und alle Barone und Ritter bei Tische saßen,
trat eine Jungfrau in die Halle, grüßte den König und begehrte
Gaheriet zu sehen. (93) Als der König ihr Gaheriet zeigte, zog sie
einen Kranz frischer Rosen unter ihrem Mantel hervor, legte denselben
Gaheriet auf das Haupt und sagte: "Diese Rosen sendet dir die Königin
_de lisle faee_". Nachdem Gaheriet der Jungfrau gedankt und sie
gebeten, der ihm unbekannten Königin Dank zu sagen, verließ diese,
trotz der Bitten des Königs und vieler anderer, die Halle. Die Rosen
wurden allgemein als Zauberwerk bewundert, denn zu jener Zeit gab es
zur Weihnachtszeit in Großbritannien keine Rosen. Artus sagte
scherzend, daß die Königin _de lisle faee_ Gaheriet augenscheinlich
nicht haßte. Der Narr sagte dann: "Gaheriet, die Königin, welche dir
die Rosen sendet, ist eine der weisen Frauen der Welt, welche die
Zukunft kennen. Sie weiß warum sie dich ehrt. Wie die Rose alle
anderen Blumen übertrifft, so wirst du alle, die heute zu Rittern
gemacht worden sind, übertreffen. Du würdest auch alle Gefährten der
Tafelrunde, mit Ausnahme von zweien, übertreffen, wenn dein Wert nicht
verringert würde durch eine Sünde, die du begehen wirst, und die den
Tod[64] deiner Mutter beschleunigen wird." Sobald der Narr diese Worte
gesagt hatte, fiel er tot zu Boden. Artus bekreuzte sich und erklärte:
"Gaheriets Ritterschaft hat gut angefangen, (94) möge Gott geben, daß
ihr Ende so schön werde wie ihr Anfang". Den Narren ließ der König mit
den Ehren begraben, die man einem toten Ritter erwies. Auf seinen
Grabstein vor der St. Stephans Kirche in Camelot schrieb man: "Hier
ruht der Narr Marin, der all sein Lebtag stumm war, aber an dem Tage,
da Gaheriet Ritter wurde, sprechen konnte".
V. __Die Abenteuer Gaheriets.__ SS. 94-131. Am Tage nach Weihnachten
war Artus mit wenigen Begleitern außerhalb Camelots auf einem
Spaziergange begriffen, als er einem großen Ritter in roter Rüstung
begegnete. Der Ritter war so tief in Gedanken versunken, daß er des
Königs Gruß nicht hörte und daher, ohne denselben zu erwidern, weiter
ritt. Der König, der glaubte, der Ritter habe aus Stolz und Hochmut
seinen Gruß nicht erwidert, erklärte: "Wenn ich ein fahrender Ritter
wäre, würde ich nicht eher ruhen, bis ich wüßte, wie jener stolze
Ritter Lanze und Schwert zu gebrauchen weiß". Kaum hatte der König
geendet, so kam ein anderer Ritter desselben Weges. Als der König
diesen grüßte, erwiderte er: "Möge dir Gott größere Freude geben als
mir beschieden ist, denn ich reite einem (95) sicheren, schmachvollen
Tode entgegen". Der König erfaßte des Ritters Zügel, bat ihn, seine
Worte zu erklären, und versprach, wenn es in seiner Macht stünde, ihm
zu helfen. Als der König sich dem Ritter zu erkennen gegeben hatte,
stieg dieser von seinem Pferde und bat den König kniend um Hilfe.
Der König war zu Thränen gerührt und seine Begleiter gleichfalls: "Ich
will dir helfen", sagte er zu dem Ritter, "sage mir was dich
bedrückt". "Du sahst kurz vor mir", begann der Ritter, "einen anderen
Ritter in roter Rüstung bei dir vorbeikommen, er ist einer der besten,
stärksten und edelsten Ritter, der Sohn des Herzogs von Avarlan. Er
hält einen Bruder von mir in seinem Gefängnis, weil er glaubt, dieser
habe ihn verraten. Ich suchte meinen Bruder bis ich erfuhr, daß er im
Gefängnis war. Dann ritt ich zu dem Herzog und beschuldigte seinen
Sohn vor ihm und seinem Hofe des Verrats. In der nächsten Woche soll
der Kampf zwischen uns stattfinden. Während der letzten fünfzehn Tage
streifte ich in Logres umher, um Abenteuer zu suchen. Letzten Dienstag
traf ich zufällig zwei Ritter, die mich wegen des Todes eines Vetters
haßten. Sie griffen mich an, wir kämpften lange, ich tötete sie beide,
aber ich erhielt vier schwere Wunden. In eines Ritters Hause weilte
ich zwei Tage, um meine Wunden prüfen zu lassen und um zu ruhen, aber
ich konnte nicht abwarten bis sie geheilt waren, weil ich nach des
Herzogs Hof reiten muß, um meinen Termin zu halten. Ich war aber noch
nicht stark genug zum reiten, meine Wunden öffneten sich wieder, ich
verlor viel Blut und litt unsägliche Schmerzen; ich kann mein Ziel
nicht erreichen, man wird mich für einen ehrlosen, einen Feigling
halten und meinen Bruder, einen braven Ritter, schänden und töten. Nun
weißt du, warum ich sagte, daß ich einem schmachvollen Tode entgegen
ritte". Damit fiel der Ritter von neuem auf die Knie und flehte Artus
um Hilfe an. Der König tröstete ihn und sagte, er wollte ihm helfen;
wenn keiner von seinen Rittern bereit wäre, gegen den Sohn des Herzogs
zu kämpfen, so wäre er selber bereit es zu tun. Der Ritter dankte dem
König. Artus fragte seine Begleiter, ob einer von ihnen seinethalben
bereit wäre, den Kampf für den Ritter zu übernehmen, aber alle
schwiegen, denn sie hatten den stattlichen Ritter in der roten Rüstung
gesehen und loben hören (97). Als Gaheriet sah, daß keiner der
erprobten Ritter vortrat, kniete er vor Artus nieder und erbat sich
als eine Gunst die Erlaubnis gegen den roten Ritter kämpfen zu dürfen,
indem er darauf hinwies, daß der König die erste Bitte eines neuen
Ritters gewähren müßte. Der König machte Gaheriet klar, daß die
Aufgabe, die er unternehmen wollte, für einen jungen, zarten Ritter
viel zu schwierig wäre und suchte ihm abzureden; aber Gaheriet
beharrte bei seinem Entschluß, ja er drohte ohne Erlaubnis gehen zu
wollen, falls der König ihn nicht gehen lassen würde. Als Artus sah,
daß Gaheriet entschlossen war, gab er ihm Erlaubnis und bat Gott, ihn
zu beschützen. Als der Ritter hörte, daß der junge Ritter, der für ihn
kämpfen wollte, Gaheriet sei, sagte er laut: "Gott sei gedankt, nun
weiß ich, daß meine Sache in guten Händen ist, denn eine Jungfrau, die
ich gestern traf, sagte mir, daß eine Dame, die es wisse, ihr gesagt
hätte, daß Gaheriet einer der besten Ritter der Welt werden würde".
"Du sprichst von der Jungfrau der Königin _de lisle faee_", sagte
Artus, "die Gaheriet den Rosenkranz geschickt hat; wir waren alle
erstaunt, im Winter solche Rosen zu sehen".
"Nun laßt uns nach Camelot zurückkehren, damit der verwundete Ritter
ruhen kann", sagte Artus. Im Palast angekommen, befahl Artus, dem
Ritter ein Gemach anzuweisen, seine Wunden zu untersuchen und ihn mit
allem, was er wünschte, zu versorgen. Des Ritters Wunden waren sehr
schwerer Art und noch verschlimmert durch seinen langen Ritt. Später
sagte der Ritter zu Gaheriet, der ihn nach seines Bruders Namen
fragte: "Mein Bruder heißt Gallinor, ich heiße Gallin (98), der Sohn
des Herzogs heißt Baudon. Der Kampf soll am nächsten Dienstag
stattfinden. Wenn du pünktlich dein Ziel erreichen willst, mußt du
morgen früh aufbrechen, denn bis dahin sind es drei gute Tagereisen,
aus denen du vier machen solltest." Gaheriet versprach am nächsten
Morgen aufzubrechen.
Am Abend verabschiedete sich Gaheriet von der Königin, die ihn sehr
lieb hatte und sein Fortgehen bedauerte. Auch von den Damen und
Jungfrauen der Königin, deren aller Liebling er war, nahm Gaheriet
Abschied. Den Jungfrauen gab er seinen Rosenkranz und sie machten zum
Dank dafür das _lay de la rose_, das in ganz England bekannt wurde.
Aber "pour ce que elles ny firent pas adonc beau chappeau comme li dis
estoit", machte Tristan, als er an den Hof kam und von dem _lay de la
rose_ sprechen hörte, ein anderes Lied und die Harfenbegleitung dazu.
Als Agravain seinen Bruder Abschied nehmen sah, war er sehr traurig
und von Neid erfüllt und beschloß ihn auf dem Wege anzugreifen und zu
töten, denn, dachte er, "wenn er den Kampf besteht, bin ich entehrt,
weil ich der ältere bin; ich muß ihn demütigen". Er plante, am
nächsten Tage den König um Erlaubnis zu bitten, ihn auf Abenteuer
ausziehen zu lassen. Er wollte aber, nachdem er Camelot verlassen
hatte, seine Waffen wechseln, Gaheriet einholen und mit ihm kämpfen,
denn er hielt Gaheriet für schwächer als sich selber.
So treulos und verräterisch wollte Agravain seinen Bruder angreifen,
der in seiner Herzensgüte und Demut, an (99) nichts Übles dachte. Am
nächsten Morgen nach der Messe schwur Gaheriet, daß er niemals über
eine gute Tat, die er vollbracht, sprechen wollte, es sei denn
gezwungenermaßen, und daß er jeder Jungfrau helfen wollte, die ihn um
seine Hilfe bitten würde, wenn ihre Sache eine gute wäre. Von den
besten Wünschen aller begleitet verließ Gaheriet wohlbewaffnet, mit
einem Knappen, Camelot. Viele geleiteten ihn noch bis zum Walde von
Camelot. Nachdem Gaheriet den Hof verlassen hatte, erbat Agravain die
Erlaubnis des Königs, auf Abenteuer ausziehen zu dürfen, und zu
versuchen, ob er Gawain befreien könnte. Auch von der Königin und
ihren Damen verabschiedete sich Agravain. Guerrehes, sein Bruder, war
sehr traurig und erklärte, als Agravain ihn fragte, weshalb er nicht
auch Abenteur suchte, er würde bei der ersten sich bietenden,
Gelegenheit seinem Beispiel folgen.
Nachdem Agravain von Guerrehes, der ihn ein Stück begleitet hatte,
Abschied genommen, ritt er mit seinem Knappen Gaheriet nach. Gegen
Mittag traf er einen alten Pilger und erfuhr von ihm, daß ein Ritter
und ein Knappe, auf die seine Beschreibung paßte, etwa (100) vier
Meilen vor ihm ritten. Das war Agravain genug, denn er wollte Gaheriet
erst am nächsten Tage einholen, wenn er seine Waffen gewechselt hatte.
Die Nacht verbrachten beide Brüder an demselben Orte, Gaheriet bei dem
Schloßherrn, Agravain bei einem _vavassour_ in der Stadt.
Agravain bewog den _vavassour_, ihm seine Rüstung zu überlassen, und
ließ ihm dafür die seinige zurück. Nachdem er sich den Weg nach
Avarlan genau hatte beschreiben lassen, setzte er bei Tagesanbruch
seinen Ritt fort. In einem Wäldchen stieg er ab und machte sich
kampfbereit. Er sagte seinem Knappen, daß er beabsichtigte, seinen
Bruder Gaheriet auf die Probe zu stellen, und befahl ihm, sobald er
Gaheriet erblickte, sich im dichten Walde zu verbergen, weil dieser
ihn erkennen würde. Der Knappe bemühte sich, seinem Herrn klar zu
machen, daß dessen Vorhaben nicht nur leichtsinnig, sondern auch wenig
ehrenhaft wäre, aber er predigte tauben Ohren. Agravain wiederholte
seinen Befehl und drohte, den Knappen zu züchtigen, falls er
ungehorsam wäre.
Nach kurzem Warten erschien Gaheriet mit seinem Knappen in der Ferne.
(101) Agravain bestieg sogleich sein Pferd, nahm Schild und Lanze zur
Hand und machte sich zum Kampfe bereit; sein Knappe verbarg sich im
Walde und bat Gott, seinen Herrn zu bestrafen, weil er aus Neid seinen
eigenen Bruder angreifen wollte. Agravain forderte Gaheriet zum Kampfe
heraus. Gaheriet nahm erfreut die Forderung an, denn er erkannte
Agravain nicht und die Forderung war die erste, die er erhielt,
nachdem er Ritter geworden war. Ohne weitere Worte zu verlieren,
ritten beide Brüder auf einander los. Agravain durchbohrte Gaheriets
Schild und zersplitterte seine Lanze, dieser aber warf ihn mit samt
seinem Pferde zu Boden, ritt davon, ohne ihn eines Blickes zu
würdigen, und dankte Gott, daß er ihn einen so guten Anfang hatte
machen lassen.
Agravains Knappe war nicht traurig, als er seinen Herrn am Boden
liegend fand; er dankte Gott, daß er Stolz erniedrigt und Demut erhöht
hatte. Agravain war nicht ernstlich verwundet, sondern nur erschüttert
von dem Fall, und für seine Erschütterung machte er den hartgefrorenen
Boden verantwortlich. Zu seinem Knappen sagte er: "Obgleich mein
Bruder mich aus dem Sattel gehoben hat, hat er mich nicht besiegt. Ich
werde ihm folgen und nicht an den Hof zurückkehren, bis ich eine
passende Gelegenheit zu einem entscheidenden Kampfe gefunden haben
werde". (102) "Was hat dir dein Bruder getan", fragte der Knappe, "daß
du ihn so haßt? Jeder, der deine Gesinnung hört, muß dich für töricht
und niedrig halten. Dabei läufst du auch keine geringe Gefahr, getötet
zu werden, denn Gaheriet ist kein Lamm, er weiß seine Haut zu
verteidigen, und wenn es darauf ankäme, würde ich mich eher auf seine
als auf deine Tapferkeit verlassen. Darum bitte ich dich, gib deinen
Plan auf". Agravain weigerte sich entschieden das zu tun. "Und wenn es
dir wirklich gelingt", begann der Knappe wieder, "deinen Bruder zu
besiegen, was dann?" "Nichts in der Welt würde mich dann abhalten, ihm
den Kopf abzuschlagen", antwortete Agravain, "denn ich hasse ihn wie
keinen anderen". "Das heißt", sagte der Knappe, "du trachtest deinem
Bruder nach dem Leben, und bist ein treuloser Schurke, mit dem ich
nichts weiter zu tun haben will. Wenn dein eigener Bruder vor dir
nicht sicher ist, um wie viel weniger bin ich es; ich verlasse dich".
Vergeblich bemühte sich Agravain, den Knappen zum Bleiben zu
veranlassen; der letztere erklärte, daß er nicht an den Hof, sondern
zu einem Bruder gehen würde, wo er das Ergebnis des Kampfes zwischen
den beiden Brüdern abwarten wollte. So trennten sich beide. Agravain
eilte Gaheriet nach, um sich zu rächen. Gaheriet ritt mit seinem
Knappen bis er an einen großen, tiefen Fluß kam.
Als er im Begriff war mit seinem Pferde den Fluß zu durchschwimmen,
hörte Gaheriet einen Menschen jammern und stöhnen. (103) Auch der
Knappe erklärte menschliche Klagetöne zu hören. Nach kurzem Suchen
fand Gaheriet, ganz nahe am Flusse, unter Bäumen, "tout nu en chemise
et en brayes", einen an Händen und Füßen gefesselten Mann, dessen
Augen verbunden waren und der vor Kälte zitterte, denn er war braun
und blau gefroren. Als Gaheriet näher kam, hörte er den unglücklichen
Menschen mit Verrat und allen damit zusammenhängenden Lastern ein
Zwiegespräch führen. (104)
Darauf schwieg der Gefesselte ein Weilchen und begann dann ein neues
Zwiegespräch mit dem Tode. Als er wieder schwieg, nahte ihm Gaheriet
und fragte ihn, wer er wäre. Statt zu antworten fragte der Gefesselte
Gaheriet, ob er einer von den Räubern und Verrätern wäre, denen er
seine Schmach verdankte, oder ob er ein fahrender Ritter vom Hofe
Artus' wäre; "ich frage", fuhr er fort, "weil mir, der ich alle Ritter
kenne, mit Ausnahme der jüngsten, deine Stimme nicht bekannt
vorkommt". Dann nannte Gaheriet seinen Namen.
"Und wer bist du?" fragte Gaheriet den Gefesselten. "Ich bin
Baudemagus, der unglücklichste Ritter, der je gelebt hat, denn wohin
ich auch immer komme, habe ich nichts als Unglück." Gaheriet nahm
Baudemagus die Binde von den Augen und zerschnitt seine Fesseln.
Sobald Baudemagus sich befreit fühlte, bewillkommnete er Gaheriet als
seinen Lebensretter. Als er den nahen Fluß bemerkte, sagte Baudemagus,
"hätte ich gewußt, daß ich so nahe am Wasser war, so hätte ich meinem
Leben schon lange ein Ende gemacht".
Gaheriet gab dem Baudemagus von seiner Kleidung alles, was er
entbehren konnte; er ließ seinen Knappen absteigen, um selbst dessen
Pferd zu besteigen, und sein eigenes Baudemagus zu überlassen, aber
dieser nahm es nicht an, sondera bestieg des Knappen Pferd. "Wohin
gehen wir nun?" fragte Gaheriet. Baudemagus hatte keine Ahnung, wohin
man ihn geschleppt hatte. Als Gaheriet ihm beschrieben hatte, wo sie
sich befanden, deutete Baudemagus auf den Fluß und sagte: "Jenseits
des Flusses lebt ein mir befreundeter _vavassour_, der mir alles, was
ich brauche, geben wird." (105) Gaheriet war froh, daß durch Zufall
auch er nach jener Richtung zu gehen hatte.
Nachdem der Knappe hinter Gaheriet auf dessen Pferde Platz genommen,
durschschwammen die drei auf den Pferden den Fluß und erreichten
ungefährdet das andere Ufer. Gerade als sie ans Land stiegen,
erreichte Agravain das Ufer, welches sie soeben verlassen hatten. Der
Knappe erkannte ihn sogleich als den Gegner seines Herrn am letzten
Morgen, und indem er Gaheriet auf ihn aufmerksam machte, sagte er:
"Jenes ist der Ritter, den du heute früh aus dem Sattel gehoben hast,
er folgt dir auf dem Fuße, um sich zu rächen, wenn er kann".
"Meinetwegen", erwiderte Gaheriet und fragte dann Baudemagus, wie er
an den Fluß gekommen wäre und wer ihn so schändlich behandelt hätte.
"Das will ich dir sagen", erklärte Baudemagus, "wisse, daß König
Pellinor, der allgemein für einen der besten und ehrenhaftesten Ritter
gilt, mir das angetan hat". Dann erzählte er Gaheriet ausführlich wie
alles gekommen war, wie er der Frau Pellinors halber[65] verraten und
gemißhandelt worden war, _mes de ceste auenture comment il li aduint
ne parole mie cest liure, car messire Helyes le deuise appertement ou
Compte du Brait por ce quelle appartient a la vie Baudemagus. Et pour
ce sen taist messire Robert de Borron, car il ne veult mie compter
chose qui en autres comptes soit appertement deuisee_.
Als Gaheriet Baudemagus' Geschichte gehört hatte, zögerte er nicht,
Pellinors Handlungsweise zu tadeln. Während sie noch miteinander
sprachen, erreichten sie das Haus des _vavassour_, der Baudemagus mit
Freuden empfing und ihn mit Pferd, Waffen und allem, wessen er
bedurfte, versah. Nachdem Baudemagus neu gekleidet und gerüstet war,
bestieg er ein Pferd und ritt mit Gaheriet und dessen Knappen weiter.
Unterwegs erzählte Gaheriet, daß er auf dem Wege nach Avarlan sei, wo
er gegen Baudon, den Sohn des Herzogs, kämpfen wollte, und daß dann
sein nächstes Ziel _La Roche aux Pucelles_ wäre, um Gawain (106) zu
befreien, der dort verzaubert weilte. "Wenn Gott mich am nächsten
Dienstag in einem Kampfe, der mir bevorsteht, siegen läßt", erklärte
Baudemagus, "dann werde ich auch dahin kommen". "Das trifft sich
seltsam", sagte Gaheriet "auch mein Kampf ist auf nächsten Dienstag
festgesetzt." "Dann laß uns verabreden", sagte Baudemagus, "daß wir
uns, wenn wir unsere Gegner besiegt haben werden, am Felsen
wiedersehen wollen; wer zuerst ankommt, möge auf den andern drei oder
vier Tage warten, und wenn er dennoch ohne den andern gesehen zu
haben, den Ort verläßt, so lasse er ein Zeichen von sich zurück".[66]
Damit war Gaheriet einverstanden. Nachdem beide die Nacht bei einem
Einsiedler zugebracht hatten, trennten sie sich. _Mais de lauenture de
Baudemagus ne deuise mie le compte, car elle ny doit pas estre comptee
pour ce quelle est de la branche du Brait_.[67]
Nachdem Gaheriet den ganzen Tag geritten war, ohne ein erzählenswertes
Abenteuer gefunden zu haben, schlief er die Nacht in dem Hause einer
Wittwe. Am folgenden Morgen setzte er in aller Frühe seinen Ritt fort
und erreichte am Dienstag früh das Schloß Avarlan. Der Herzog, in
Erwartung des Ritters, der gegen seinen Sohn kämpfen sollte, hatte
seinen Hof um sich versammelt und sein Sohn saß neben ihm, mit
Ausnahme seines Helmes vollständig gerüstet.