Gaheriet begrüßte den Herzog und (107) sagte ihm, daß er ein

Abgesandter des Königs Artus wäre, und erklärte ihm den Zweck seines

Kommens. Baudon, des Herzogs Sohn, bestritt, daß er je Verrat geübt

hätte, und sagte, sein Vater möge ihn für unwürdig und treulos halten,

wenn der Ritter ihn besiegte. Dann verlangte Gaheriet, den Gefangenen

zu sehen. Gallinor der Gefangene, der Bruder des Gallin, wurde

herbeigebracht. Gaheriet hatte eine Unterredung mit ihm allein. Er

sagte: "Du bist verloren, denn dein Bruder ist unfähig hierher zu

kommen. Sage mir bei dem Heile deiner Seele, ehe du stirbst, weshalb

man dich gefangen hält". "Das will ich" sagte Gallinor, "der Wahrheit

gemäß tun: Baudon und ich waren für mehr als fünfzehn Jahre Freunde

und Waffengefährten. Baudon liebte eine Jungfrau dieses Landes und

teilte mir seine Neigung mit, denn ich genoß sein unbegrenztes

Vertrauen. Die Jungfrau war der Liebe Baudons nicht würdig, denn sie

täuschte ihn mit seinem Vetter, dem sie sich hingab. Lange Zeit trafen

sich beide (108) heimlich ohne ertappt zu werden; eines Tages fand ich

sie. Aus Liebe zu Baudon wollte ich beide töten, ich ließ sie aber

leben, als sie um Gnade flehten und hoch und heilig versprachen, nicht

wieder zu sündigen. Weil aber beide fürchteten, daß ich doch eines

Tages Baudon die Wahrheit sagen würde, beschlossen sie, mich zu

vernichten. Die Jungfrau beklagte sich bei Baudon, daß ich ihr

nachstellte und sie zu töten gedroht hätte, wenn sie sich weigerte,

meinen Willen zu tun. Der Ritter bestätigte diese Anklage und sagte,

daß nur er mich verhindert hätte, der Jungfrau Gewalt anzutun".

"Baudon war über meinen vermeintlichen Verrat sehr betrübt, denn er

liebte mich. Er ließ mich fangen und ins Gefängnis werfen, aus dem ich

jetzt zum ersten Male herauskomme, um den Tod zu erleiden. So wahr mir

Gott helfe, das ist die Wahrheit". Gaheriet tröstete Gallinor und

versicherte ihm, daß er nicht sterben werde, und sagte: "Ich werde für

dich gegen Baudon kämpfen". Gaheriet suchte Baudon zu überreden,

Gallinor frei zu lassen, aber vergebens. Dann gab Gaheriet dem Herzog

sein Pfand und Baudon tat dasselbe. Nachdem Gaheriet den Herzog

gebeten hatte, daß er Gallinor den Kampf mit ansehen ließe, begab er

sich mit den anderen nach dem Kampfplatz (109). Unterwegs erflehte

Gaheriet in einer Kapelle von Gott, daß er ihm den Sieg verliehe. Als

er aus der Kapelle heraustrat, begrüßte ihn eine Jungfrau mit den

Worten: "Gott gebe dir Ehre heute und immerdar". Gaheriet erwiderte

ihren Gruß. "Wenn du mir versprechen willst", sagte die Jungfrau zu

Gaheriet, "mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich dich darum bitten

werde, so will ich dir sagen, was dich sehr erfreuen wird". Als

Gaheriet ihr das Versprechen gegeben hatte, sagte die Jungfrau: "So

wisse denn, du wirst heute Baudon besiegen, und weil er einer der

besten und mächtigsten Ritter dieses Landes ist, wird dieser Sieg dir

zu großem Ruhme gereichen. Nun geh, aber vergiß nicht was du mir

versprochen hast". Als Gaheriet an seinem Ziele ankam, war Baudon

schon gewaffnet. Der Herzog hatte zwölf Ritter beauftragt den

Kampfplatz zu bewachen und ihnen befohlen, niemanden denselben

betreten zu lassen. Der Kampfplatz _duroit vng grant arpent de loing

et .iiij. de le_ und war mit eisernen Ketten ringsherum abgegrenzt.

Als das Signal zum Beginn des Kampfes gegeben war, ritten Gaheriet und

Baudon mit solchem Ungestüm aufeinander los (110), daß ihre Lanzen

zersplitterten und beide von ihren Pferden zur Erde stürzten. Nach

kurzem Rasten waren beide wieder auf den Füßen, zogen ihre Schwerter

und begannen den Zweikampf zu Fuß und setzten denselben mit solcher

Bitterkeit fort, daß beide nach einer Weile der Ruhe bedurften, um

Luft zu schöpfen. Als beide nach der Pause den Kampf wieder aufnahmen,

wurde es bald klar, daß die Entscheidung sich zu Gunsten Gaheriets

neigte. Die Zuschauer begannen um Baudons Leben besorgt zu werden und

gaben ihren Gefühlen (111) der Enttäuschung und des Schmerzes auf

verschiedene Weise Ausdruck.

Nach und nach begannen die beiden Kämpfer bedeutend zu erschlaffen

trotz der übermenschlichen Anstrengungen, die jeder von beiden machte,

den andern zu überwinden. Schließlich fing Baudon an zu weichen, und

alle erkannten, daß er getötet werden würde, wenn der Kampf nicht auf

irgend eine Weise unterbrochen würde. Als der Herzog die Gefahr seines

Sohnes erkannte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten, aber er war

zu ritterlich gesinnt, als daß er sich hätte entschließen können,

einzugreifen. Als Gaheriet sah, daß er seines Gegners Schicksal in der

Hand hielt, fühlte er Mitleid mit dem guten Ritter und sagte zu ihm:

"Du mußt einsehen, daß du verloren hast; weil du aber ein so braver

Ritter bist, will ich dir den weiteren Kampf erlassen, wenn du bereit

bist, Gallinor in Freiheit zu setzen und ihn wieder als deinen Freund

und Waffengefährten zu lieben". Baudon antwortete, daß er mit Freuden

bereit wäre, das zu tun, wenn Gaheriet den Herzog überreden könnte,

mit dieser Entscheidung zufrieden zu sein. "Ich will es versuchen,"

sagte Gaheriet. (112)

Gaheriet ließ durch die Wächter des Kampfplatzes den Herzog

herbeiholen und erklärte ihm, daß sein Sohn und er selber die Ursache

ihres Kampfes als eine nichtige erkannt und daß sie beschlossen

hätten, denselben aufzugeben, wenn ihm diese Entscheidung nicht

mißfiele. Der Herzog war hocherfreut, doch ließ er nicht merken, wie

willkommen ihm diese Wendung des Schicksals war, und fragte seinen

Sohn, ob er mit dem, was sein Gegner gesagt, einverstanden wäre.

Baudon bejahte das. Die Umstehenden baten den Herzog, Gaheriets

großmütiges Anerbieten nicht abzuschlagen.

Darauf betrat der Herzog den Kampfplatz und befahl Gaheriet und

Baudon, ihre Helme abzunehmen und sich den Bruderkuß zu geben. Beide

gehorchten zur großen Freude aller Umstehenden. Gaheriets edle und

großherzige Handlungsweise fand allgemeinen Beifall. Baudon gelobte,

Gallinor so lange er lebte als Freund und Gefährten zu lieben und ließ

sich dann nach dem Schlosse tragen, denn er vermochte sich vor

Erschöpfung kaum aufrecht zu erhalten. In der allgemeinen Freude über

den glücklichen Ausgang des Kampfes, vergaß man Gaheriet ganz und gar.

Gaheriet damit nicht unzufrieden, befahl seinem Knappen, sein Pferd

herbeizubringen. (113)

Obgleich sein Knappe ihn abzuhalten suchte, beschloß Gaheriet ohne

Verzug aufzubrechen, ungeachtet der Wunden, die ihm Baudon verursacht

hatte. Er war noch nicht weit geritten, als er Agravain traf, der ihm

nachgeschlichen war, und nun glaubte, daß der günstige Augenblick zur

Rache gekommen wäre. Mit eingelegter Lanze ritt Agravain, so schnell

sein Pferd ihn zu tragen vermochte, auf Gaheriet los. Dieser ergriff

seinen Schild, zog sein Schwert und dachte bei sich: "Wenn der Ritter

wüßte, wie ermattet ich bin, würde er mir gewiß den Kampf ersparen.

Sollte es mir aber gelingen, ihn trotz meiner Ermattung zu besiegen,

so wird mir das zu um so größerer Ehre gereichen." Agravain

durchbohrte Gaheriets Schild und Harnisch und traf dessen linke

Schulter mit seiner Lanze, die zersplitterte, vermochte ihn aber nicht

aus dem Sattel zu heben. Gaheriet gab Agravain mit seinem Schwerte

einen gewaltigen Schlag auf den Helm, so daß er das Haupt bis auf den

Pferdehals beugte; nun riß er ihm den Helm vom Kopfe und schlug ihn

damit bis er mit Blut überströmt war; dann zog er ihn vom Pferde und

ließ ihn liegen wohin er gefallen war. Als Gaheriet mit seinem Knappen

weiterritt, sagte der letztere zu ihm: "Der Ritter, den du eben so

zugerichtet hast, ist derselbe, (114) den du vor drei Tagen

besiegtest; er ist uns die ganze Zeit gefolgt und glaubte nun, da er

dich von dem Kampf mit Baudon erschöpft zu finden hoffte, sich leicht

an dir zu rächen". "Hätte ich das gewußt", sagte Gawain, "so hätte ich

ihn nicht so billigen Kaufes davon kommen lassen; sollte er noch

einmal kommen, so wird er es bereuen".

Bei einem Förster, einem Lehnsmann des Königs Artus, fand Gaheriet

gastfreundliche Aufnahme; er blieb im Hause des Försters bis seine

Wunden geheilt waren. Bevor er weiter ritt wechselte er seine Waffen,

weil er unerkannt zu bleiben wünschte. Den ersten Tag ritt er, ohne

daß ihm etwas der Erwähnung wertes begegnet wäre, und schlief die

Nacht im Hause eines Ritters. Am nächsten Tage begegnete er der

Jungfrau, der er versprochen hatte, eine Gunst zu erweisen, wenn sie

ihn darum bitten würde. Wegen der fremden Waffen, die er trug,

erkannte die Jungfrau Gaheriet nicht und fragte ihn, nachdem sie ihn

begrüßt, wie er hieße. Gaheriet gab sich zu erkennen; die Jungfrau bat

ihn, ihr nun sein Versprechen zu erfüllen. Gaheriet war dazu gern

bereit. "Nicht weit von hier", sagte die Jungfrau, "lebt eine schöne

Dame, die mir durch Betrug und Täuschung meinen Geliebten geraubt hat,

ihn, den ich über alles in der Welt liebe. (115) Ich wünsche, daß du

mich rächst an der Treulosen und mir ihren Kopf bringst." Gaheriet bat

die Jungfrau, ihm einen anderen Auftrag zu geben, denn es widerstrebte

ihm, ohne die dringendsten Gründe einem Weibe den Kopf abzuschlagen.

Die Jungfrau bestand auf ihrer Forderung und drohte Gaheriet, sich an

ihm zu rächen, falls er sein Wort nicht hielte. "Wenn ich dir nicht

helfe Gawain und den Morholt zu befreien", sagte sie, "so wird dir

alle deine Tapferkeit und Mühe nichts helfen". Die Erinnerung an

Gawain bestimmte Gaheriet nachzugeben. Nachdem ihm die Jungfrau gelobt

hatte, ihm so gut sie konnte zu helfen, Gawain zu befreien, verlangte

Gaheriet zu wissen, wo ihr Geliebter und ihre Nebenbuhlerin zu finden

wären.

Die Jungfrau führte Gaheriet durch den Wald zu zwei Pavillons. Vor dem

einen hielt ein Zwerg ein stattliches Kampfroß am Zügel. "Hier", sagte

die Jungfrau, "wirst du einen Kampf zu bestehen haben, denn mein

Geliebter ist ein starker und tapferer Ritter". Gaheriet fragte die

Jungfrau noch einmal, ob sie wirklich ernstlich verlangte, daß er

ihrer Nebenbuhlerin das Haupt abschlüge, und sie bejahte seine Frage.

Dann stieg Gaheriet ab und trat, trotz der Widerreden des Zwerges,

(116) in den ersten Pavillon ein. Darin fand er einen, mit Ausnahme

des Helmes, vollständig bewaffneten Ritter mit einer schönen Dame im

Gespräch, und bei ihnen war noch eine andere weniger schöne Dame. Als

der Ritter Gaheriets ansichtig wurde, forderte er ihn auf, sofort

umzukehren, denn es sei anmaßend von ihm, ohne Erlaubnis in eines

anderen Pavillon einzutreten. Gaheriet erklärte dem Ritter, daß er

keine andere Wahl gehabt hätte, weil er einer Jungfrau den Kopf der

schönen Dame, mit der sich dieser unterhielte, versprochen hätte. Der

Ritter glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können, als er diese

Erklärung hörte, er sprang auf und forderte ohne weitere Umstände

Gaheriet zum Kampfe heraus.

Der Ritter hielt es nicht der Mühe wert, sein Pferd zu besteigen, weil

er glaubte, Gaheriet auch zu Fuß besiegen zu können. Beide zogen ihre

Schwerter und hieben aufeinander los. Beide fochten mit großer

Bitterkeit und Hitze, (117) aber bald war der Ritter, helmlos, in

Gaheriets Gewalt. Gaheriet forderte ihn auf, sich bedingungslos ihm zu

ergeben; der Ritter war bereit, wenn Gaheriet seine Geliebte zu

schonen versprach. Als Gaheriet Anstalt machte, den Ritter zu töten,

fiel die Jungfrau, die Gaheriet um die Gunst gebeten hatte, auf die

Knie und bat ihn, ihrem Geliebten das Leben zu schenken, ihrer

Nebenbuhlerin dagegen den Kopf abzuschlagen. Gaheriet gehorchte ihrem

Befehle und verfolgte die schöne Dame. Sobald sich der Ritter frei

fühlte, sprang er auf, ergriff sein Schwert, und drohte seine erste

Geliebte ohne Verzug zu töten, wenn sie nicht Gaheriet verhinderte,

seiner jetzigen Geliebten den Kopf abzuschlagen. In ihrer Todesangst

blieb der Jungfrau nichts anderes übrig als seinen Willen zu tun. Über

diese Wendung der Dinge war Gaheriet nicht wenig erfreut, (118) denn

auf ganz unerwartete Weise war er der Notwendigkeit enthoben, sein mit

Widerstreben gegebenes Versprechen zu erfüllen. Als die Jungfrau so

ihren Racheplan vereitelt sah, erklärte sie sich bereit, mit Gaheriet

nach _La Roche aux Pucelles_ zu gehen, um ihm wenigstens mit ihrem

Rate zu helfen, Gawain und den Morholt zu befreien.

"Da du meine Nebenbuhlerin mehr liebst als mich", sagte die Jungfrau

zu dem Ritter, "so lasse ich sie dir, möge dich ihre Liebe glücklich

machen!" Dann bestiegen Gaheriet, die Jungfrau und der Knappe ihre

Pferde und machten sich auf den Weg. Nach dreitägigem ereignislosem

Ritte, näherten sie sich einem prächtigen Schlosse. Ein alter Ritter,

der allein des Weges daherritt, warnte Gaheriet, nicht in das Schloß

zu gehen, weil er dort seine Jungfrau verlieren würde. Gaheriet dankte

dem alten Ritter freundlich für seinen Rat, beschloß aber, nachdem er

mit der Jungfrau gesprochen hatte, dennoch in das Schloß einzutreten.

Kaum hatte Gaheriet mit der Jungfrau und seinem Knappen die Brücke

überschritten und das Tor passiert, als dasselbe hinter ihnen

geschlossen wurde. (119) Die Jungfrau erschrak, Gaheriet beruhigte

sie. Dann wurde laut ein Horn geblasen. Gleich darauf erschienen

zwanzig Ritter und vierzig Lanzknechte, alle wohl bewaffnet, und kamen

ihnen entgegen. "Wir sind gefangen", rief die Jungfrau. "Fürchte dich

nicht", sagte Gaheriet, "ich werde unsere Freiheit verteidigen, so

lange ein Atemzug in meiner Brust ist". "Um Gotteswillen, kämpfe

nicht, denn solcher Übermacht ist ein einzelner nicht gewachsen", bat

die Jungfrau. In demselben Augenblicke wurde Gaheriet von einer

Abteilung der Ritter vom Pferde gezogen und seiner Waffen beraubt,

während eine zweite sich der Jungfrau und des Knappen bemächtigte. Die

Ritter führten ihre Gefangenen nach der Festung des Schlosses und

brachten Gaheriet und seinen Knappen in ein Zimmer, die Jungfrau in

ein anderes in sicheren Gewahrsam. Gaheriet war sehr traurig und

ratlos. Gegen Abend rief er ein Mädchen an, die an seinem Fenster

vorbeiging und erkundigte sich bei ihr, weshalb man ihn und seine

Begleiter ohne allen Grund gefangen hätte. "Wegen der Jungfrau",

antwortete das Mädchen. "Sie hat aber kein Unrecht getan", sagte

Gaheriet. "Das nicht", erklärte das Mädchen, "aber die Stadt muß jedes

Jahr einem Riesen zwölf Jungfrauen als Tribut geben. Deshalb ergreifen

sie alle Jungfrauen, die hierher kommen, bis sie zwölf haben. Du wirst

freigesetzt werden und ebenso dein Knappe, sobald du dich verpflichtet

hast, die Stadt für das, was dir geschehen ist, nicht verantwortlich

zu machen, denn wenn sie dir übel gewollt, hätten sie dich leicht

töten können." "Ich wäre lieber kämpfend gestorben, als daß ich meine

Begleiterin verloren hätte", sagte Gaheriet, "denn nun wird man sie

dem Riesen ausliefern".

Gaheriet und sein Knappe verweigerten Nahrung und Trank und brachten

die Nacht schlaflos zu. (120) Am andern Morgen nach Sonnenaufgang kam

eine Dame zu Gaheriet und erklärte ihm, daß er und sein Knappe gehen

könnten, wohin sie wollten, sobald sie einen Eid geleistet hätten,

sich nicht für den Verlust der Jungfrau an der Stadt zu rächen. Die

Dame erzählte Gaheriet, daß der Riese am folgenden Tage vor dem Tore

der Stadt erscheinen würde, um die Jungfrau in Empfang zu nehmen und

nach seinem festen Schlosse zu führen. Gaheriet und der Knappe

leisteten den verlangten Eid und wurden dann freigelassen und mit

allen Ehren behandelt. Auf Gaheriets Bitte, ihm seine Jungfrau

zurückzugeben, antwortete man ihm, daß man das nicht tun könnte, so

gerne man wollte. "Dann will ich selbst versuchen", erklärte Gaheriet,

"sie aus der Gewalt des Riesen zu befreien". "Die Stadt würde mehr

geben als sie wert ist", erklärten einige, "wenn der Riese getötet

würde, (121) denn durch seinen Tod würde sie für immer von dem

schmachvollen Tribut befreit werden". Da seine Waffen während der

letzten Tage sehr gelitten hatten, erbat sich Gaheriet neue und ein

starkes Pferd. Man ließ ihn selbst auswählen, was er für das beste

hielt. Nachdem Gaheriet sich Waffen ausgesucht und ein Pferd nach

seinem Geschmack gewählt hatte, verließ er mit seinem Knappen die

Stadt und ritt in die Richtung, aus welcher der Riese am folgenden

Tage kommen würde. Er kehrte für die Nacht bei einem armen Einsiedler

ein.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch befahl Gaheriet seinem Knappen, am

Wege Wache zu halten, und sobald er einen Riesen kommen sähe, es ihm

zu sagen. Er selber ging in die Kapelle zur Messe. Der Einsiedler

hatte die Messe noch nicht beendigt, als der Knappe Gaheriet rief und

ihm mitteilte, daß ein Riese des Weges käme. Gaheriet vergewisserte

sich, daß der Riese derjenige war, den man ihm beschrieben hatte. Der

Riese war von gewaltiger Kraft und wohl bewaffnet; er trug ein großes

Schwert und eine schwere, eiserne Keule.

Als der Riese an der Einsiedelei vorübergegangen war, ließ sich

Gaheriet auf das sorgfältigste bewaffnen, bekannte seine Sünden und

erwartete die Rückkehr des Riesen. Der Einsiedler fragte ihn, worauf

er wartete. Gaheriet erzählte ihm, (122) was geschehen war und was er

zu tun beabsichtigte. Der Einsiedler suchte ihm abzureden, einen so

ungleichen Kampf zu unternehmen. "Wenn Gott sich nicht deiner

erbarmt", sagte er, "bist du verloren. Wenn es aber Gott gefiele, dir

den Sieg zu verleihen, so hättest du größeres vollbracht als irgend

ein anderer Ritter, denn du hättest die Stadt und das Land von der

Knechtschaft des Riesen befreit. Die Einwohner hätten den Riesen töten

können, wenn er allein kam, um seinen Tribut zu holen, aber sie

wollten solchen Verrat nicht begehen, denn sie waren dem Riesen ebenso

wie einem andern Lehnsherrn Treue schuldig." "Ich will versuchen zu

verhindern", sagte Gaheriet, "daß der Riese die Jungfrau wegführt, mit

der ich aus so weiter Ferne hierher gekommen bin".

Als der Einsiedler immer noch versuchte ihn zu überreden, nicht mit

dem Riesen zu kämpfen, erklärte Gaheriet, daß er gegen seinen eigenen

Bruder Gawain kämpfen würde, falls derselbe ihm die Jungfrau nehmen

wollte. "Gegen deinen Bruder zu kämpfen wäre eine große Torheit",

sagte der Einsiedler. "Würde mir aber zu größerer Ehre gereichen",

erwiderte Gaheriet, "als wenn ich mir diejenige nehmen ließe, die ich

unter meinen Schutz genommen habe". Während sie so sprachen, erschien

kurz vor Mittag der Riese; die Jungfrau ritt auf einem Pferde, laut

jammernd und klagend, an seiner Seite. Gaheriet betete noch einmal und

bat Gott um Kraft und Stärke, den Riesen zu überwinden, der das Land

so plagte, dann bestieg er sein Pferd und ritt dem Riesen entgegen.

Sein Knappe fing laut um ihn zu weinen an. Der Einsiedler bat Gott,

daß er Gaheriet zum Segen des Landes beschützen und leiten möge.

Gaheriet rief dem Riesen zu: "Gib mir die Jungfrau, denn du hast sie

weit genug geführt". Der Riese fürchtete Gaheriet nicht, (123) denn er

hatte noch nie einen einzelnen Menschen gefürchtet. Er hieß

Aupatris[68] und war der Vater des _Carados le Grant seigneur de la

Doloreuse Tour_, den Lancelot erschlug _si comme la branche[69] de

Lancelot le doit deuiser apertement._

Aupatris zog sein Schwert. Gaheriet ritt mit solchem Ungestüm auf ihn

los, daß er des Riesen Schild und Harnisch durchbohrte und daß die

Spitze und der Stiel seiner Lanze tief in dessen Seite eindrangen. Der

Riese fiel zu Boden; durch den Fall brach die Lanze. Gaheriet zog

schnell sein Schwert und ritt gegen den Riesen, der sich eben bemühte,

sich aufzurichten, und verletzte ihn so schwer mit dem Körper seines

Pferdes, daß er noch einmal niederstürzte. Nachdem Gaheriet einigemal

über seinen Körper hinweg geritten war, stieg er ab, riß dem Riesen

den Helm vom Kopfe, erfaßte sein Schwert mit beiden Händen und schlug

ihm den Kopf ab. Der Einsiedler, die Jungfrau und der Knappe liefen

freudig herbei und waren so glücklich _come silz veissent dieu deuant

eulx_. "Gesegnet sei die Stunde deiner Geburt", sagte der Einsiedler,

"gesegnet sei Gott, der dich hierher geführt hat! Du hast großes

vollbracht, denn du hast den Feind dieses Landes vernichtet. Wenn die

Einwohner von Taraquin wüßten, daß du den Riesen getötet hast, würden

sie alle hierher kommen, um dir zu danken, denn sie wünschten nichts

mehr als seinen Tod." "Wo ist Taraquin?" fragte Gaheriet. "So heißt

die Stadt, wo man dir die Jungfrau nahm", sagte der Einsiedler. "Dahin

will ich gehen", erklärte Gaheriet, "und die Einwohner bitten, daß sie

nie wieder eine Jungfrau gefangen nehmen". (124) "Das werden sie gern

versprechen", sagte der Einsiedler, "wenn sie hören, was du getan

hast".

Dann bestieg Gaheriet sein Pferd, befahl dem Knappen des Riesen Haupt

zu nehmen, und fragte die Jungfrau, ob sie sich nicht fürchtete, mit

ihm nach der Stadt zurückzukehren. Da die Jungfrau bereit war,

Gaheriet zu begleiten, ritten die drei nach Taraquin zurück. Als die

Einwohner des Riesen Kopf sahen, waren sie sehr froh; sie schwuren,

daß sie nie wieder Hand an eine Jungfrau, einen Ritter oder einen

Knappen legen wollten und daß sie alle fahrenden Ritter so ehrenvoll

wie Gaheriet selbst empfangen würden. Um das Andenken an Gaheriets Tat

zu bewahren, ließen sie ein kupfernes Standbild anfertigen, welches

den Riesen und Gaheriet darstellte und zwar in dem Augenblick als der

letztere dem ersteren den Kopf abschlug. Das Standbild stand in

Taraquin, bis nach Artus' Tode die Söhne Mordrets es zerstören ließen,

in der Absicht, jedes Denkmal der Tapferkeit der Ritter ihres

Großvaters zu vernichten. Zwei Tage blieb Gaheriet in Taraquin, (125)

dann verließ er mit der Jungfrau und seinem Knappen die Stadt. Sie

ritten bis sie nach _La Roche aux Pucelles_ kamen. Gaheriet hatte nie

einen ähnlichen Felsen gesehen und glaubte, er wäre durch Menschenhand

so viereckig gebildet worden. Die Jungfrau erklärte ihm, daß der

Felsen wie er war so von Natur war.

Gaheriet hatte schon von den Jungfrauen und ihrer Beschäftigung

gehört; als er nun nach dem Gipfel des Felsens emporschaute und die

Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen erblickte, rief er hinauf:

"Hört mich an, ihr Jungfrauen". Erst als er sie zum zweiten Male

anrief, beachteten ihn die Jungfrauen. Die älteste rief: "Ritter,

warum störst du uns, was willst du?" "Ich möchte wissen", rief

Gaheriet, "auf welche Weise ich sterben werde". "Du solltest nicht

begierig sein, dein Ende zu hören, denn das wird ein trauriges

Ereignis sein. __Wisse, der fremde Ritter,[70] den du am meisten

lieben wirst, wird dich töten, ohne zu wissen wer du bist. Zugleich

mit dir werden Agravain und Guerrehes, deine Brüder, ihr Leben

verlieren.__ Nun geh!" "Ich werde nicht gehen", rief Gaheriet, "denn

ich bin gekommen, um Gawain, meinen Bruder, und den Morholt zu

befreien". "So komm herauf und hole sie", entgegnete die älteste der

Jungfrauen, "oder warte unten, bis beide zu dir hinunterkommen

werden". "Du bist töricht", sagte Gaheriets Begleiterin zu ihm, "du

kannst durch eigene Kraft ebenso wenig auf den Felsen hinaufkommen wie

die andern, die durch Zauberkraft hinaufgekommen sind und durch

dasselbe Mittel oben zurückgehalten werden". "Dann bin ich umsonst

hierher gekommen", sagte Gaheriet traurig, "denn wenn ich nicht auf

den Felsen hinaufkommen kann, (126) ist es mir unmöglich, meinen

Bruder und den Morholt zu befreien". "Sei nicht traurig", sagte die

Jungfrau zu Gaheriet, "laß uns von hier weggehen, ich glaube, daß ich

dir noch heute einen guten Rat werde geben können".

Als beide mit dem Knappen sich etwa zwei englische Meilen von dem

Felsen entfernt hatten, sagte die Jungfrau: "Ich habe nachgedacht, wie

dir am besten zu helfen ist, höre mir aufmerksam zu. Nicht weit von

hier wohnt der Bruder der Jungfrauen vom Felsen; sie lieben ihn so

sehr, daß ihnen kein Opfer zu groß sein würde, wenn sie ihm das Leben

retten könnten. Ich rate dir daher, geh zu dem Bruder, bringe ihn in

deine Gewalt -- ich weiß, daß er dir nicht gewachsen ist -- und drohe,

ihm den Kopf abzuschlagen, wenn er dir nicht schwört, dir innerhalb

eines oder zweier Tage Gawain und den Morholt auszuliefern. Ich

zweifle nicht, daß du auf diese Weise erlangen kannst, was du so

sehnlich wünschest." "Führe mich zu dem Bruder," bat Gaheriet.

Die Abenteuer Gawains Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen aus der Trilogie (Demanda) des pseudo-Robert de Borron · 第 7 / 26 段