die sehr früh aufgestanden waren, zu ihm zurück. Als er sie kommen
sah, rief er ihnen zu: "Kommt schnell und seht mein Unglück und meine
Schande". (71) Girflet und Keux waren nicht wenig erschrocken, als sie
die beiden Toten sahen, und noch mehr, als Ywain ihnen erzählte, wie
alles gekommen war. "Wer auch immer die beiden getötet hat", erklärten
beide, "es ist ein großes Unglück". "So groß", sagte Ywain, "daß ich
nie im Leben wieder zu Ehren kommen kann". "Du tust dir Unrecht",
sagten die beiden Gefährten, "denn was dir geschehen ist, und noch
Schlimmeres, hätte dem besten Ritter passieren können, ohne daß er
vermocht hätte, es zu verhindern. Die Abenteuer dieses Landes,
namentlich die des Graals, verschonen weder dich noch andere Ritter,
so lange es Gott gefällt, sich an Gerechten und an Sündern zu rächen."
So lange sprachen die beiden Gefährten auf Ywain ein, bis er ruhiger
wurde und nachzudenken begann. Nachdem er eine Weile schweigend vor
sich hin geblickt hatte, bat er Girflet und Keux, die Jungfrau und den
Knappen in geweihter Erde begraben zu lassen. "Und was gedenkst du zu
tun?" fragten beide zu gleicher Zeit. "Um mich habt keine Sorge, ich
werde schon wieder genesen, aber ich muß weg von hier, denn ich kann
nicht ruhen bis ich weiß, wenn es möglich ist es zu wissen, was den
Tod meiner beiden Begleiter verursacht hat." Vergebens suchten seine
beiden Gefährten Ywain zum Bleiben zu veranlassen; nachdem er seine
Wunde so gut wie möglich mit einem Stück seines Hemdes verbunden
hatte, nahm er seine Waffen und bestieg sein Pferd. "Beabsichtigst du
an dem verabredeten Tage an der Quelle zu sein?" fragten beide. "Ja",
antwortete Ywain, "wenn nicht der Tod oder Krankheit mich verhindern";
dann ritt er ab.
(72) Den ganzen Tag lang ritt Ywain in großen Schmerzen klagend seines
Weges. Die Nacht verbrachte er bei einem _vavassour_, der seine Wunde
verband und alles für ihn tat was er konnte. Am nächsten Morgen war
Ywain unfähig seinen Ritt fortzusetzen, wie gern er es auch getan
hätte. Zehn Tage blieb er bei dem _vavassour_, bevor er weiter reiten
konnte. Dann erinnerte er sich der Quelle und schlug die Richtung nach
derselben ein. Er erreichte gerade an dem verabredeten Tage sein
Ziel,[51] fand aber weder Gawain, noch den Morholt, noch eine der
Jungfrauen. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Baum, legte seine
Waffen ab und blieb den ganzen Tag an der Quelle, aber vergebens, denn
keiner von den sehnlichst Erwarteten kam.
Gegen Abend sah Ywain zu seiner Rechten eine schöne Jungfrau in rotem
Sammet gekleidet aus dem Walde auf sich zu kommen. Sie kam ohne jede
Begleitung und war zu Fuß. Ywain erhob sich, begrüßte sie und lud sie
ein an seiner Seite Platz zu nehmen. Sie willigte ein. Beide setzten
sich an der Quelle nieder und plauderten. Im Laufe des Gesprächs
fragte die Jungfrau Ywain, was er suchte und wen er erwartete. Als er
diese Frage beantwortet hatte, fragte die Jungfrau, wer seine beiden
Gefährten wären. Auch diese Frage beantwortete Ywain. (73) Die
Jungfrau erklärte, daß Gawain und der Morholt wirklich gute Ritter
wären, und daß sie beide wohl und unversehrt in der größten Freude
lebten und sich so wohl befänden, daß sie über ihre Geliebten und
Spiele alles andere vergessen hätten. Ywain war erstaunt und fragte
die Jungfrau, ob sie seine Gefährten gesehen hätte. "Ja", antwortete
diese, "ich sah sie vor kaum einem Monat und werde sie bald wieder
sehen". "Könntest du mich nicht zu ihnen bringen, so daß ich mit ihnen
reden könnte," fragte Ywain. "Nein", antwortete die Jungfrau, "das
kann und will ich nicht tun, aber ich bin bereit, dir zu sagen, wo du
sie sehen kannst. Sie leben auf _La Roche aux Pucelles_ mit den zwölf
weisen, der Zauberkunst kundigen Jungfrauen." "Und wo kann ich diesen
Felsen finden?" fragte Ywain. "Weniger als eine Tagereise von hier bei
dem Schloß Marterol," erwiderte die Jungfrau. "Vielen Dank für deine
Belehrung", sagte Ywain, "das Schloß kenne ich, denn ich bin oft dort
gewesen". "Ich würde dir auch gern helfen in Bezug auf das, was du zu
wissen strebst, aber ich bin noch nicht weise genug, es tun zu
können," sagte die Jungfrau. "Was ist denn das, was ich zu wissen
strebe?" fragte Ywain. "Eine Erklärung deines Abenteuers am _Perron du
Cerf_," sagte die Jungfrau. "Du hast recht", gab Ywain zu, "du weißt
viel mehr über mich als ich glaubte. Wenn du den kennst, der mir die
Schande zugefügt hat, sage es mir, damit ich mich an ihm rächen kann."
"Von Rache kann keine Rede sein", erklärte die Jungfrau, "denn kein
Sterblicher hat dazu die Macht; was du gesehen hast und was geschehen
ist, sind Graalabenteuer, die an einem Orte mehr, an einem anderen
weniger sich ereignen, die weder deinethalben noch anderer wegen
aufhören werden, (74) bis der gute[52] Ritter kommen wird, der die
Wunder von Logres zu Ende führen soll. Der wird auch die Abenteuer des
_Perron du Cerf_ und noch andere gefährlichere bestehen, was weder die
Ritter, die jetzt leben, noch seine Zeitgenossen zu tun vermögen." "So
wird denn wirklich in diesem Königreiche ein Ritter leben, der alle
Abenteuer bestehen wird, die wir ändern nicht bestehen können?" fragte
Ywain. "So wird es sein", antwortete die Jungfrau, "und so muß es
sein, und der Ritter, von welchem ich spreche, wird weder durch
Zauberkraft noch mit Hilfe des Teufels seine Aufgabe lösen, sondern
durch seine eigene Kraft und Tapferkeit, denn Gott wird ihn so
ausstatten mit allen guten Tugenden, daß in der ganzen Welt während
seiner Lebenszeit kein anderer ihm gleichkommen kann". "Wie heißt er
denn?" fragte Ywain. "Das kann ich dir noch nicht sagen", entgegnete
die Jungfrau, "denn er ist noch nicht[53] erzeugt, und es wird noch
einige Zeit vergehen, ehe er erzeugt werden wird. Aber wo er auch
immer getauft werden wird, ich[54] werde seinen Namen wissen, sobald
er ihn empfangen hat, wenn ich zu der Zeit noch lebe." "Und glaubst
du, daß ich diesen Ritter sehen werde?" fragte Ywain. "Ja,
sicherlich", sagte die Jungfrau, "denn du wirst am Hofe sein, wenn er
erscheinen wird, um den _siege perilleux_ einzunehmen, den bisher
keiner einzunehmen wagte. Das wird an einem Pfingstfest geschehen.
Eine Woche vor demselben wird dich Gawain mit einem Stein, den er nach
einem Hunde wird werfen wollen, an der Stirn verletzen.[55] Alles das
habe ich dir gesagt, um dich zu trösten." "Das ist dir gelungen,"
sagte Ywain. "Und ich habe es weniger getan um deinetwillen", setzte
die Jungfrau hinzu, "als um deinen Vater, König Urien, den ich sehr
liebe, weil er mir einst einen großen Dienst erwiesen hat. Nun gehe
ich." "Wohin willst du gehen?" fragte Ywain. "Zu meiner Schwester, die
nicht weit von hier wohnt", sagte die Jungfrau; "ich würde dir raten
auch dort abzusteigen, denn du wirst kaum heute noch ein anderes
Nachtquartier finden". Ywain war gern dazu bereit, er nahm seine
Waffen, setzte seinen Helm auf, ergriff die Zügel seines Pferdes und
lud die Jungfrau ein, dasselbe zu besteigen, (75) diese aber lehnte
dankend ab. So schritten beide nebeneinander durch den Wald und
erreichten bald das Haus der Schwester, wo Ywain freundliche Aufnahme
fand. Am andern Morgen bei Tagesanbruch nahm Ywain von den beiden
Schwestern Abschied, und schlug die Richtung nach _La Roche aux
Pucelles_ ein, die er auch nach einiger Zeit erreichte. Als er den
Felsen sah, konnte, er sich nicht denken, daß auf demselben irgend
jemand leben könnte und glaubte sich geirrt zu haben. Er ging daher
weiter und traf nicht weit davon einen Ritter, der laut jammerte, der
aber, sobald er seiner ansichtig wurde, zu weinen aufhörte. Sie
grüßten einander; der Ritter hielt an und fragte Ywain, wer er wäre
und woher er käme. Ywain wollte ihm erst nicht antworten, sagte ihm
jedoch was er zu wissen wünschte, als der Ritter ihn höflich bat. "Du
hättest besser geschwiegen", erklärte der Ritter dann, "ich bin dein
Feind, ich hasse alle Ritter des Königs Artus, ich fordere dich zum
Kampfe heraus". "Du bist der größte Thor den ich je gesehen habe",
sagte Ywain, (76) "die Ritter des Königs Artus würden sich über deinen
Haß lustig machen, wenn sie deine Drohung hörten".
Dann entfernten sich beide ein Stück und stürmten mit eingelegten
Lanzen auf einander los. Beide durchbohrten sich gegenseitig die
Schilde. Der Ritter fiel betäubt zu Boden. Ywain warf seine Lanze weg,
zog sein Schwert aus der Scheide und ritt auf den am Boden liegenden
Ritter los. Dieser aber war gerade wieder zu sich gekommen und tötete
mit seinem Schwert Ywains Pferd. "Du bist feige", schalt Ywain den
Ritter, "mein Pferd zu töten". "Und du bist kein Ritter, wenn du zu
Pferde einen andern zu Fuß angreifst," entgegnete der Ritter. "Was du
getan hast", sagte Ywain, "wird dir nichts helfen, denn wenn ich von
hier weggehe, werde ich auf deinem Pferde reiten". Nach diesem
Zwiegespräche hieben beide mit ihren Schwestern aufeinander los. Der
Kampf dauerte lange; beide empfingen viele Wunden und verloren viel
Blut. Am Ende besiegte Ywain seinen Gegner und zwang ihn, sich
bedingungslos zu ergeben. (77) Dann fragte er ihn, weshalb er alle
Ritter des Königs Artus so haßte. "Das will ich dir sagen", erwiderte
der Ritter. "Nicht weit von hier lebt eine schöne Jungfrau, die ich
fünf Jahre geliebt habe und die meine Liebe erwiderte. Sie ist nicht
nur von großer Schönheit, sondern sie ist auch eine kluge Zauberin.
Nun geschah es, daß vor etwa einem halben Jahr Gawain hierher kam.
Meine Geliebte sah ihn, fand Gefallen an ihm und nahm ihn an meiner
Stelle zu ihrem Freunde und Geliebten. Seitdem kümmert sie sich nicht
mehr um mich. Ich kann weder mit ihr sprechen noch zu ihr schicken,
denn sie lebt an einem Orte, den niemand erreichen kann, es sei denn
mit ihrer Hilfe und Einwilligung.
"Mein Verlust hat mich sehr geschmerzt; noch größere Schmerzen aber
verursachte mir die Unmöglichkeit, mich an dem zu rächen, der mir die
Geliebte geraubt hat. Da ich seiner nicht habhaft werden kann, um ihn
zu töten, beschloß ich, mich an allen seinen Gefährten zu rächen, wenn
ich sie besiegen könnte." "Nun", sagte Ywain, "bist du selbst der
Besiegte und ich befehle dir, von nun an Gawain als deinen Herrn zu
ehren und ihm zu dienen". Als der Ritter geschworen hatte, das zu tun,
fragte ihn Ywain, wo denn Gawain wäre. "Dort auf jenem Felsen wohnt er
und der Morholt mit den zwölf Schwestern, deren älteste meine Geliebte
war; sie leben da oben lustig und in Freuden, und niemand kann zu
ihnen gelangen (78) ohne die Erlaubnis und Hilfe derjenigen, die jetzt
Gawains Geliebte ist, denn auf den Felsen führt weder ein Weg noch
eine Treppe". "Laß uns nach dem Felsen reiten," sagte Ywain.
Beide Ritter, verwundet wie sie waren, bestiegen das Pferd des
Besiegten und erreichten auf demselben in kurzer Zeit den Fuß des
Felsens. Auf dem Gipfel waren die zwölf Jungfrauen in eifrigem Gespräch
begriffen. Der Ritter erklärte Ywain, daß die Zukunft, das Schicksal
und Ende der Großen der Welt den Gegenstand ihres Gespräches bildete,
und erzählte ihm alles, was der Morholt über den Felsen und seine
Bewohnerinnen Gawain erzählt hatte. Als Ywain alles gehört hatte, rief
er so laut er konnte zum Felsen hinauf: "Ihr Jungfrauen, wie glaubt ihr
denn, daß ich sterben werde?" "Ich glaube nicht", erwiderte die Älteste
lachend, "ich weiß, __daß du an demselben Tage sterben wirst, an
welchem der Vater der Tafelrunde die Todeswunde empfangen wird, denn
derjenige, der sie ihm geben wird, wird dir den Kopf abschlagen__.[56]
Nun laß mich in Frieden, denn du hast gehört, was du zu hören
wünschtest." "Wenn sie mir nur sagen möchte, wer derjenige sein wird,
der mich töten soll, so könnte ich ihre Prophezeiung leicht unerfüllbar
machen", (79) sagte Ywain zu seinem Begleiter und fragte ihn dann, was
sie ihm prophezeit hätte. "Mir sagte sie", antwortete dieser, "daß mir
an dem Tage, an dem ich meine Schwester töten würde, der schönste
Ritter der Tafelrunde[57] erst das Bein und dann den Kopf abschlagen
würde und daß dieser Ritter durch Liebe seinen Tod finden würde. Weiter
wollte sie mir nichts sagen." "Wie kann sie das alles wissen ohne die
Hilfe des Teufels"? fragte Ywain, dann rief er so laut er konnte: "Sage
mir, was du von meinem Vetter Gawain weißt, denn nur um seinethalben
bin ich hierhergekommen". "Was willst du von ihm? Ihn zu sehen kann dir
nichts nützen; du kannst nicht zu ihm und er kann nicht zu dir kommen,"
antwortete die Zauberin. "Laß ihn mich nur sehen," bat Ywain. Die
Zauberin führte wirklich Gawain und den Morholt herbei, so daß beide
Ywain sehen konnten und Ywain sie. Ywain redete Gawain an, der aber war
so bezaubert, daß er seinen Vetter nicht erkennen konnte.
Ywain war traurig und weinte; er versuchte sein Glück mit dem Morholt,
der neben Gawain saß, aber auch dieser erklärte, er habe Ywain nie
gesehen, wandte sich von ihm ab und sagte zu Gawain: "Hast du gehört,
wie aufdringlich dieser Ritter war? Er scheint der törichteste zu
sein, den ich je gesehen habe". Diese Worte hörten Ywain und sein
Begleiter deutlich am Fuße des Felsens. "Deine Mühe ist umsonst",
sagte der Ritter zu Ywain, "deine Gefährten kennen dich nicht, und
wenn du noch hundert Jahre hier bliebest, würden sie nicht verstehen,
was du von ihnen willst. Sie haben ihre Vergangenheit vergessen und
müssen dort oben bleiben, so lange es den Jungfrauen gefällt; und wenn
sie eines Tages wieder herunterkommen sollten, so werden sie glauben,
daß sie nur einen oder zwei Tage oben gewesen sind." "Das ist
schrecklich", sagte Ywain, "daß Zauberinnen so gute Ritter so ganz in
ihre Gewalt bekommen können. Wenn König Artus hört, daß sein Neffe
Gawain auf dem Felsen ist, wird er denselben belagern und zerstören
lassen." "Das würde er nicht tun können", sagte der Ritter, "denn die
Zauberin würde den Felsen sofort mit Wasser umgeben und unzugänglich
machen". "Wenn sie das vermag", sagte Ywain, "dann könnte sie vielen
Menschen Schaden zufügen". "Allerdings", erklärte der Ritter, "das
könnte sie, wenn nicht die Furcht, Sünde zu begehen, sie
zurückhielte".
Nachdem beide lange miteinander gesprochen hatten, riet der Ritter
Ywain, nicht länger bei dem Feisen seine Zeit zu verlieren. (81) Beide
bestiegen wieder des Ritters Pferd und erreichten bald eine _maison de
convers_, wo man sie freundlich aufnahm. Der Ritter blieb daselbst
einige Zeit, bis seine Wunden geheilt waren, Ywain aber ritt am
folgenden Morgen weiter, bis ihn eines Tages der Zufall in den Wald,
in die Nähe von Camelot führte, und zwar an einem Sonntag Abend
zwischen Ostern und Pfingsten. Er war darauf bedacht, von keinem
seiner Gefährten gesehen zu werden. Der Tag war sehr heiß und, da er
sehr ermüdet war, beschloß er bei der Einsiedelei des Nascien[58] an
einer Quelle zu rasten. Dort angekommen, nahm er seinem Pferde Sattel
und Zaumzeug ab und ließ es grasen; er selbst, nachdem er den
Einsiedler[59] um Nahrung gebeten, an der Quelle getrunken und in der
Kapelle Vesper hatte singen hören, legte sich auf seinen Schild
nieder, um zu schlafen. Er konnte aber lange keine Ruhe finden; erst
gegen Morgen verfiel er in einen tiefen Schlaf.
An jenem Morgen hielt Artus im Walde von Camelot eine große Jagd. Als
der König mit seinem Gefolge einen Hirsch verfolgte, hatte die Königin
die Idee, in der Kapelle des Nascien die Messe zu hören. Nach der
Messe fand sie (82) Ywains Pferd grasend und schloß aus dieser
Tatsache, daß ein fremder Ritter in der Nähe ruhen müßte. Sie machte
sich daher mit zweien ihrer Damen auf, um den Ritter zu suchen. Sie
fand erst seine Waffen, dann ihn selber.
Ihre Begleiterinnen erkannten Ywain. Die Königin setzte sich neben ihn
und ergriff seine Hand. Erschreckt und beschämt erwachte er und wollte
entfliehen, die Königin aber hielt ihn zurück. Er bat sie, ihn gehen
zu lassen, da der König ihn von seinem Hofe verbannt hätte. Sie
versicherte Ywain,[60] daß der König, was er in einem Augenblick des
Zornes getan, schon oft bereut hätte, und bereit wäre, das Unrecht
wieder gut zu machen, welches er ihm zugefügt hätte. Als Ywain
trotzdem bat, (83) sie möchte ihn ziehen lassen, erklärte die Königin,
er könnte ihr das nicht antun und ihre Bitte abschlagen.
Ywain befand sich in schwieriger Lage, er wollte der Königin nicht
wehe tun, er wollte aber auch nicht bleiben. Schließlich bat er die
Königin, ihm zu versichern, daß er dem Könige wirklich willkommen sein
würde. Die Königin schwor ihm, daß er Artus, nächst Gawain, der
willkommenste Ritter sein würde. Gawains Name rührte Ywain zu Tränen.
Auf ihren Wunsch erzählte er der Königin, was er von Gawain wußte. Die
Königin tröstete ihn und bat ihn, sich keine Sorge um Gawain zu
machen, denn Merlin -- __den sie noch am Leben glaubte__ -- würde ihn
und den Morholt bald durch seinen Scharfsinn befreien. Dann versicherte
sie Ywain noch einmal, daß der König oft bereut hätte, ihn verbannt zu
haben.
Die Königin ließ Ywain bewaffnen und befahl ihrem weiblichen Gefolge,
(84) in Bezug auf ihn unbedingtes Schweigen zu beobachten; jedem der
fragen sollte, wer Ywain wäre, sollte man antworten, daß er ein
fremder unbekannter fahrender Ritter wäre, den sie zum König führen
wollte. Dann gab die Königin das Zeichen zum Aufbruch nach Camelot.
Die Begleiterinnen der Königin führten ihre Befehle gewissenhaft aus,
so daß keiner von den sie begleitenden Rittern und am Hofe von Ywains
Gegenwart eine Ahnung hatte. Im Palast angekommen, wies die Königin
Ywain eines von ihren eigenen Gemächern an und ließ ihn mit allem, was
er wünschen konnte, versorgen.
Am Abend, als Artus von der Jagd zurückkehrte, sagte ihm die Königin,
daß Ywain im Walde gesehen worden wäre. In dem Glauben, daß Ywain in
seiner Nähe gewesen wäre, ihn aber vermieden hätte, wurde der König
zornig und sagte, Ywain schlüge recht nach seiner Mutter Morgain. Die
Königin lächelte. Artus erkannte, daß sie ihm etwas vorenthielt und
befahl ihr, wenn sie wußte, wo Ywain zu finden wäre, ihn sofort holen
zu lassen. Die Königin ging zu Ywain und sagte ihm, daß Artus ihn
erwartete. Beschämt, daß er ohne Gawain kam, trat Ywain vor den König;
(85) dieser kam ihm mit offenen Armen entgegen und bewillkommnete ihn
mit großer Herzlichkeit. Am Hofe war die Freude aller sehr groß, als
man sah, daß Ywain zurückgekehrt war. Der König ließ Ywain an seiner
Seite Platz nehmen und fragte ihn, wie es ihm während seiner
Abwesenheit ergangen wäre und ob er Girflet und Keux nicht gesehen
hätte, die ihn suchten. Ywain erzählte dem Könige, daß er beide an dem
_Perron du Cerf_ getroffen hätte, wo ihm ein so schreckliches Unglück
passiert wäre. Dann, nachdem er den üblichen Eid geleistet hatte, die
Wahrheit zu sagen, erzählte er seine Abenteuer, die der König sogleich
aufzeichnen ließ.
IV. __Die Suche nach Merlin.__ SS. 85-94. An jenem Abende wurde
Gawains Name nicht erwähnt, weil man Ywain schonen wollte. Am nächsten
Tage aber fragte Artus seinen Neffen, was aus Gawain geworden wäre.
Ywain erzählte alles was geschehen war, soweit er wußte, seitdem sie
zusammen Camelot verlassen hatten. Als der König hörte, daß Gawain und
der Morholt auf _La Roche aux Pucelles_ verzaubert lebten, fragte er
seine Ritter, was er tun könnte, um sie zu befreien. Er war geneigt
sogleich aufzubrechen, den Felsen zu belagern und zu zerstören, selbst
wenn er von Stahl wäre. (86) "Das ist unmöglich," erklärte Ywain und
erzählte, was ihm der Ritter über die Zauberkraft seiner früheren
Geliebten gesagt hatte; dann riet er dem Könige, Merlin kommen zu
lassen, der bald Mittel und Wege finden würde, die beiden Ritter aus
der Gewalt der Jungfrauen zu befreien. "Das ist der beste Rat, der mir
gegeben werden konnte", sagte der König, "denn Merlin allein kann uns
helfen". Derselben Meinung waren alle am Hofe, aber Merlin war seit
langer Zeit von keinem gesehen worden. Einige glaubten, daß Merlin tot
wäre. "Das glaube ich nicht", erklärte Artus, "denn wenn das wahr
wäre, hätten wir davon gehört. Wir müssen Merlin suchen lassen, bis er
gefunden ist."
Sogleich schickte Artus Ritter und Knappen nach allen Richtungen, um
Merlin zu suchen, und befahl ihnen besonders alle Orte zu erforschen,
wo Merlin sich aufzuhalten pflegte. Er versprach reiche Belohnung
demjenigen, dem es gelingen würde, Merlin herbeizuführen. Die gute
Belohnung einerseits, und der Wunsch, dem Könige einen Dienst zu
leisten und sich seine Gunst zu erwerben andrerseits, veranlaßten
viele Ritter auf die Suche nach Merlin zu gehen, aber alle ihre
Bemühungen waren vergeblich, denn Merlin war tot; allerdings wußten um
seinen Tod nur die _damoyselle du lac_, ihr Gefolge und Baudemagus.
Da ereignete es sich eines Tages, daß Tor, der Sohn des Ares, in
Wirklichkeit[61] des Königs Pellinor, an einem Mittwoch am Rande eines
Waldes Aglant einen Ritter des Königs Artus, der in der _Petite
Bretaigne_ geboren war, traf. Beide waren hocherfreut, sich
wiederzusehen, keiner konnte aber dem andern mitteilen, daß seine
Suche nach Merlin erfolgreich gewesen wäre. "Da wir, jeder allein,
keinen Erfolg gehabt, haben", erklärte Aglant, "laß uns versuchen, ob
wir vereint mehr Glück haben werden". (87) Damit war Tor
einverstanden.
So ritten Tor und Aglant viele Tage zusammen und suchten Merlin, ohne
irgendwelche erwähnenswerten Abenteuer zu finden. Eines Tages
begegneten sie einem stattlichen Ritter in schwarzer Rüstung und auf
einem schwarzen Pferde. Dieser Ritter, der die beiden Gefährten an
ihren Waffen erkannte, forderte sie zum Kampfe heraus. Auf seine Bitte
ließ Tor Aglant zuerst sein Glück versuchen. Aglant ritt gegen den
schwarzen Ritter und dieser gegen ihn. Aglants Lanze brach, und er
wurde von dem schwarzen Ritter samt seinem Pferde zu Boden geworfen,
aber nur leicht in der Seite verwundet. Als er am Boden lag, rief ihm
der schwarze Ritter zu: "Jetzt habe ich mich gerächt, Aglant,[62]
dafür, daß du mich den Sitz an der Tafelrunde hast verlieren lassen,
weil ich noch zu jung war, wie du sagtest."
Um seinen Genossen zu rächen, griff nun Tor den schwarzen Ritter an
und verwundete ihn leicht in der Seite; der schwarze Ritter aber
durchbohrte ihm mit der Lanze die linke Schulter; die Lanze zerbrach,
als Tor zu Boden stürzte. Dem gefallenen Tor rief der schwarze Ritter
zu: "Nun kannst du erkennen, Tor, ob ich weniger würdig war, an der
Tafelrunde zu sitzen als du, und daß man mir unrecht tat, als man dir
den Sitz gab. Gott hat mir auch vergönnt, mich an dem zu rächen, dem
ich den Verlust dieser Ehre verdanke." Dann wandte sich der schwarze
Ritter an Aglant, der schon sein Schwert gezogen hatte, und sagte:
(88) "Stecke dein Schwert in die Scheide, wir kämpfen nicht weiter;
ich habe euch angegriffen, weil ich euch erkannte und weiß, daß ihr
Merlin suchet, und weil ich der einzige bin, der euch über Merlin
Nachricht geben kann. Ich will euch sagen, was ich weiß, mehr könnt
ihr nicht erfahren, so viel ihr euch auch bemühen möget. Merlin ist
tot; er starb genau so wie er mir am Hofe vorhersagte, als er
erklärte:[63] 'Du wirst eines ehrenvollen Todes sterben, aber ich
werde lebendig begraben werden.'" Aglant fragte, wie das gekommen sei;
der schwarze Ritter weigerte sich aber, mehr zu sagen, doch fügte er
hinzu: "Sage Artus, daß die letzten Worte, die Merlin zu mir
gesprochen hat, waren: 'Gawain und der Morholt werden nicht von _La
Roche aux Pucelles_ herunterkommen, bevor Gaheriet Ritter sein und sie
befreien wird.' Ich bin Baudemagus, der Neffe des Königs Urien, den
Artus selbst zum Ritter gemacht hat." Damit ritt der schwarze Ritter,
so schnell ihn sein Pferd zu tragen vermochte, davon. Tor hatte sich
inzwischen erhoben und wollte nun den schwarzen Ritter verfolgen,
Aglant aber hielt ihn zurück, und erzählte ihm alles, was er gehört
hatte. "Dann können wir nach Camelot zurückkehren", sagte Tor, "denn
unsere Suche ist zu Ende, da Merlin tot ist".
Nachdem Tor, um seine Wunden zu heilen, in dem Hause eines Ritters
(89) zwei Wochen geblieben war, während deren Aglant ihm Gesellschaft
geleistet hatte, kehrten beide so schnell sie konnten nach Camelot
zurück. Am Anfang des Winters erreichten sie ihr Ziel. Nachdem sie
ihre Waffen abgelegt hatten, ließ sie Artus vor sich kommen und
fragte, ob sie Nachricht über Merlin brächten. Sie berichteten, daß
sie Baudemagus getroffen hätten, und was er ihnen dem Könige zu sagen
aufgetragen. Artus war über den Tod seines treuen Beraters, dem er so
viel verdankte, sehr traurig; es rührte ihn besonders, daß Merlin noch
kurz vor seinem Tode an ihn gedacht hatte, als er ihm sagen ließ, wer
der Befreier Gawains sein würde.