Viele kamen von nah und fern, um das Grab zu sehen. Weil man aber das

Abenteuer am _Perron du Cerf_ für ein sehr großes Wunder hielt, ließ

man neben demselben steinerne Standbilder der Jungfrau und des Knappen

errichten, die mit den Händen nach dem Stein deuteten, als ob sie

denselben verfluchen wollten. Auf die Figur des Knappen war außerdem

noch eine Inschrift eingemeißelt worden, deren Inhalt die Erzählung

angeben wird, wenn von den Taten Gaheriets[43] die Rede sein wird, als

ihn seine Abenteuer zur _Isle Merlin_[44] führten. Hier aber mögen

schon alle Leser wissen, daß Gaheriet, der Bruder Gawains, einer der

besten Ritter der Tafelrunde war, und daß er, während er in

Großbritannien herumzog, viele Abenteuer bestand; er sprach aber nie

von dem, was er vollbracht hatte, wenn er nicht mußte. Das wird im

_Brait_[45] erzählt; als er Ritter wurde, (56) schwor er bei den

Heiligen, daß er nie eine brave Tat, die er ausgeführt, freiwillig

erwähnen würde. Als er den Hof verließ, wurde er der Gefährte des

Baudemagus und tat ein Gelübde, zehn Jahre lang Abenteuer zu suchen,

ehe er wieder an den Hof zurückkehrte. Dieses Gelübde hielt er

treulich. Als er nach zehn Jahren zurückkehrte, hob er in der Ebene

bei Camelot seinen Onkel Artus selber, Agravain, Keux den Seneschall

und Gawain aus den Sätteln und wurde Gefährte der Tafelrunde. Seine

Abenteuer wurden dann aufgezeichnet. __Doch hier schweigt die

Erzählung von Gaheriet, um aber, was zu diesem Buche gehört, der

Wahrheit gemäß zu erzählen, wenn der richtige Ort und die richtige

Zeit kommen werden.__

Gawain leistete dem Morholt zwei Monate lang Gesellschaft, denn er

liebte ihn sehr. Als der Morholt wieder hergestellt war, fragte er

Gawain eines Tages nach seiner Jungfrau und seinem Knappen. Gawain

erzählte ihm, was die Geschichte schon vorher erzählt hat, und

erwähnte auch, daß beide gern zu ihm zurückkehren wollten, daß er sie

aber nicht wieder angenommen hätte. Der Morholt billigte Gawains

Handlungsweise und fragte ihn dann auch nach Ywain. Von seinem Vetter

wußte Gawain nichts zu erzählen, die Dame des Hauses aber, die den

Namen Ywains gehört hatte, erklärte, daß Ywain, der Sohn des Königs

Urien, kurz vor ihrer beider Ankunft, zwei Tage ihr Gast gewesen wäre,

nachdem er das Land von einem Riesen befreit hätte, dessen Kopf noch

in jener Kapelle da (auf die sie mit dem Finger weist) zu sehen wäre,

wo ihn das Volk in seiner großen Freude über den Tod seines

Eigentümers aufgehängt hätte. Der Morholt und Gawain waren hocherfreut

über Ywains Erfolg (57) und sprachen die Hoffnung aus, ihn bald

wiederzusehen.

An einem Montag früh verließen die beiden Gefährten das Schloß. Sie

ritten den ganzen Tag ohne Abenteuer zu finden. Am folgenden Tage

kamen sie auf eine grüne Ebene, auf der sie, am Rande einer Quelle,

zwei Pavillons sahen. Da es, wie es um die Mitte des Monats August oft

der Fall ist, sehr heiß war, schlug der Morholt vor, daß sie sich in

einem der Pavillons ausruhten. Gawain war damit einverstanden.

Nachdem sie ihren Pferden Sättel und Zaumzeug abgenommen hatten,

ließen sie dieselben grasen und traten in die Pavillons ein. Sie

fanden niemanden darin; in jedem aber stand ein prächtiges Bett mit

rotem Sammt bedeckt. Sie legten ihre Waffen ab und streckten sich auf

eines der Betten aus; und da sie sehr müde waren, schliefen sie bald

ein. Dann trat eine alte Dame in den Pavillon ein und weckte sie. Als

sie erwachten, fragten sie die Alte, was ihr gefällig wäre. Sie

antwortete: "Eure Gegenwart; sagt mir wer ihr seid und woher ihr

kommt". Als der Morholt ihr gesagt hatte, daß er selber aus Irland,

sein Gefährte aber aus Logres käme, sagte die Alte: "Ich kenne euch

wohl, du bist der Morholt und dein Gefährte ist Gawain." "Du kennst

uns besser als ich dachte," erklärte der Morholt. Darauf wandte sich

die Alte an Gawain und fragte ihn, wie sie ihm gefiele. (58) "Ich habe

schon ältere Damen gesehen als dich," sagte Gawain. "Alt wie ich bin",

nahm die Alte wieder das Wort, "habe ich doch noch ein junges,

lebenslustiges Herz, und deshalb will ich dich, wenn es dir recht ist,

zu meinem Freunde machen; meine Liebe wird dir zu größerer Ehre

gereichen als die mancher jüngeren Dame". Gawain sah die Sprecherin an

und es schien ihm, daß sie mehr als hundert Jahre alt war. Als er

nicht sogleich antwortete, wiederholte die Alte ihre Frage. Gawain

fühlte sich durch ihre Zumutung beleidigt und sagte: "Du solltest

nicht mehr an Liebe denken, denn dein Alter verbietet dir das. Du

spottest entweder meiner oder du denkst nicht an dich selber." "Du

weigerst dich also?" fragte die Alte. "Wahrlich", erklärte Gawain,

"ich wollte lieber nie in meinem Leben lieben, als dir mein Herz

zuwenden". "Das genügt mir," sagte die Alte und richtete nun an den

Morholt dieselbe Frage wie vorher an Gawain, "Ich liebe eine schöne

junge Dame", antwortete der Morholt, "du bist alt und häßlich, darum

kann ich jene nicht um deinetwillen im Stich lassen". "Ihr habt mich

beide verachtet", sagte die Alte, "ihr werdet es bereuen, dafür aber,

daß ihr euch über mich lustig gemacht habt, werde ich mich sehr bald

an euch rächen".

Damit verließ sie die beiden Gefährten, die einander neckten. Bald

darauf setzten auch sie, auf des Morholt Vorschlag, ihren Ritt fort.

Sie waren noch nicht lange geritten, da verwandelte sich die Liebe,

die sie bisher zueinander gehegt hatten, in tötlichen Haß. "Wie kannst

du dich erkühnen", fragte der Morholt Gawain, "an meiner Seite zu

reiten, weißt du nicht wie ich dich hasse?" (59) "Ich hasse dich mehr

als irgend einen Menschen," entgegnete Gawain. Damit forderte der eine

den andern zum Kampfe heraus. Sie fielen mit unglaublicher Bitterkeit

über einander her. Nachdem sie mit den Lanzen einer den andern vom

Pferde gestoßen hatten, zogen sie ihre Schwerter und kämpften zu Fuß,

bis beide das dringende Bedürfnis, sich auszuruhen, fühlten.

Wäre nicht zufällig die Cousine der _Damoiselle du Lac_, eine

Jungfrau, die von Merlin am Hofe Artus' die Zauberkunst gelernt hatte,

des Weges gekommen, so hätten die beiden Gefährten einander ohne

Zweifel getötet, denn sie waren bezaubert. Diese Jungfrau war auf dem

Wege zu König Artus mit einer Botschaft ihrer Dame, der _Damoiselle du

Lac_, als sie die beiden Gefährten gegeneinander kämpfend fand. Sie

erkannte beide und wunderte sich, was geschehen war, denn von Ywain,

den sie an demselben Tage getroffen hatte, wußte sie, daß beide

Waffengefährten waren. Sie redete Gawain an und fragte ihn, weshalb

sie einander so haßten. "Ich weiß es nicht", antwortete er, "aber ich

hasse ihn mehr als irgend einen Menschen, und es wird nie Frieden

zwischen uns geben, bis einer von uns tot ist". "Das ist sonderbar",

sagte die Jungfrau, "ihr haßt einander und wißt nicht warum". Zu sich

selber aber sagte sie: "Die beiden sind bezaubert, es wäre schade,

wenn sie einander töteten". (60)

Damit versuchte sie durch ein Gegenmittel den Zauber zu lösen. Es

gelang ihr; beide Ritter blickten einander verwundert an, als ihr

Gedächtnis zurückkehrte; sie warfen ihre Schwerter auf den Boden und

fragten einander: "Weshalb haben wir uns geschlagen? Wir müssen

bezaubert gewesen sein! Wahrlich wir hätten einander getötet."

"Sicherlich", sagte der Morholt, "das kann nur durch Zauber geschehen

sein, denn wir haben ohne Ursache gekämpft. Ich hoffe, ich habe dich

nicht gefährlich verwundet." "Hätten wir den Kampf fortgesetzt", sagte

Gawain, "so wäre es um uns geschehen gewesen, denn wir hatten schon

Blut genug verloren". "Ihr waret beide bezaubert", fiel jetzt die

Jungfrau ein, "und hättet einander getötet, hätte Gott nicht gefügt,

daß ich euch zur rechten Zeit fand". "Jungfrau", sagten sie, "gesegnet

sei die Stunde, in welcher du hierher kamst, gesegnet sei Gott, der

dich hierher führte, und gesegnet sei derjenige, der dich die

Zauberkunst lehrte". "Wißt ihr, wer euch bezaubert hat?" fragte die

Jungfrau. Als sie beide antworteten, daß sie keinen Feind zu haben

glaubten, der ihnen in seinem Haß solches Unrecht zufügen könnte,

erklärte die Jungfrau: "Ich werde es euch sagen. Eine Dame, die ihr

für alt hieltet, die aber noch jung und sehr schön ist, fragte jeden

von euch um seine Liebe. Ihr verweigertet sie ihr. Sie versteht viel

von der Zauberkunst. Um sich an euch zu rächen, erfüllte sie eure

Herzen mit tötlichem Haß, in der Hoffnung, daß ihr einander töten

würdet. Das wäre ihr ohne Zweifel gelungen, wäre ich nicht zur rechten

Zeit gekommen." "Du hast recht", sagten die beiden Gefährten, steckten

ihre Schwerter in die Scheide und bestiegen, müde und erschöpft wie

sie waren, ihre Pferde. (61) "Weißt du hier in der Nähe ein

Nachtquartier?" fragte Gawain die Jungfrau. "Nicht weit von hier

wohnen weiße Mönche, die euch aufnehmen würden", antwortete die

Jungfrau; "wenn ihr zu ihnen gehen wollt, will ich euch zu Liebe auch

dort absteigen".

In der Abtei fanden die schwerverwundeten Gefährten und die Jungfrau

freundliche Aufnahme. Während die Jungfrau aber schon am nächsten

Morgen in aller Frühe ihren Ritt nach Camelot fortsetzte, waren die

beiden Gefährten genötigt, eine ganze Woche die Gäste der Mönche zu

bleiben, bevor sie wieder so weit hergestellt waren, daß sie auf die

Suche nach Abenteuern gehen konnten.

Nachdem Gawain und der Morholt die Abtei verlassen hatten, kamen sie

eines Tages in eine schöne Gegend. An der Seite des Weges gewahrten

sie einen Felsen, der so hoch war als sie zu sehen vermochten,

nirgends aber war ein Aufstieg, weder Treppe noch Pfad zu sehen;

ebenso wenig konnten sie erkennen, ob ein Haus oben auf dem Felsen

war. Der Felsen war so steil und glatt, daß ein Eichhörnchen nicht

imstande gewesen wäre, an demselben emporzuklettern. (62) Während die

beiden Gefährten noch den Felsen bewunderten, sahen sie auf demselben

zwölf[46] schöne wohlgekleidete Jungfrauen, die bald so laut

miteinander zu reden anfingen, daß man unten ihre Worte verstehen

konnte. Sie sprachen nicht von der Vergangenheit, sondern von der

Zukunft, als ob sie weise Seherinnen wären, deren Aufgabe es war, die

Zukunft zu ergründen. Gawain und der Morholt versuchten die Gegenwart

der Jungfrauen auf dem Felsen zu erklären, wie sie hinaufgekommen, wie

sie, ohne fliegen zu können, herunterkommen könnten, wovon sie lebten,

woher sie ihre Nahrung bekämen. Da sagte plötzlich der Morholt, nach

dem er lange nachgedacht: "Jetzt weiß ich, wer die Jungfrauen sind und

wer sie hierher gebracht hat. Es sind ihrer zwölf und alle sind

Schwestern. Die älteste verstand sich wohl auf die Zauberkunst. Sie

hatte einen Streit mit Merlin, und da dieser ihr oft schadete und ihre

Pläne durchkreuzte, wollte sie ihn töten. Da beschloß Merlin, der doch

noch klüger war als die Jungfrau, sich an ihr zu rächen. Er versetzte

sie und ihre Schwestern auf diesen öden Felsen, in dem Glauben, daß

sie dort kläglich umkommen würden. Er hatte sich aber geirrt, was er

erwartet hatte, geschah nicht, denn die älteste der Schwestern war

eine zu gute Zauberin; ja man sagt, wenn es auf der ganzen Welt nur

ein Brot gäbe und wenn dieses hundert Tagereisen von ihr entfernt zu

finden wäre, so könnte sie es innerhalb einer Stunde herbeizaubern."

Gawain bekreuzte sich. "Das ist noch nicht alles", fuhr der Morholt

fort, "sieh, wie sie beraten, als ob es sich um etwas sehr wichtiges

handelte; jetzt sprechen sie von der Zukunft". "Woher weißt du denn

das?" fragte Gawain, "ich glaubte immer, daß niemand außer Merlin von

der Zukunft etwas wüßte". (63) "Ich weiß es", entgegnete der Morholt,

"von einigen Rittern, die hier waren; denen sagten diese Jungfrauen

Dinge voraus, die später wirklich geschahen. Wenn wir ein Weilchen

hier bleiben, werden auch wir etwas auf uns Bezügliches hören. Laß uns

horchen, was sie sagen." Als die beiden Gefährten aufmerksam

lauschten, hörten sie eine der Jungfrauen, die älteste, die Zauberin,

fragen: "Und was denkst du von den beiden Rittern, die da unten

horchen?" __"Von Gawain sage ich"__, erwiderte diese, __"daß der

Fremdling,[47] den er am meisten lieben wird, ihm die Todeswunde

beibringen wird, und daran wird sein eigener Stolz schuld sein. Darauf

werden viele Ritter fallen; der Ruhm der Tafelrunde wird verschwinden,

denn der Vater derselben wird durch die Hand des eigenen Sohnes

sterben; Logres, nachdem es seinen guten Vater verloren hat, wird nie

wieder zu so großer Ehre und Macht kommen, wie es jetzt besitzt. Dann

werden die beiden Söhne des Drachens zu fliegen anfangen, und den

größten Teil des Landes unter ihre Flügel nehmen. Darauf wird der

Leopard kommen und die jungen Drachen töten und verschlingen; dann

aber wird sich der Leopard in eine Felsenhöhle zurückziehen und

niemand wird wieder von ihm hören. Von jener Zeit an werden die

schlechten Erben schlimmer und schlimmer werden, so daß

Großbritannien, das Gott so hoch erhoben hat, mit Tränen der braven

Ritter gedenken wird, die jetzt leben. Zu jener Zeit werden

ritterlicher Mut und Tapferkeit nicht mehr hier zu finden sein."__

Dann schwieg die Zauberin, die anderen neigten die Köpfe und begannen

von anderen Dingen zu reden.

"Glaubst du nun, was ich sagte, Gawain?" fragte der Morholt. "Ja",

entgegnete Gawain, "wenn wir recht weise wären und jene Dame hätte

weniger dunkel gesprochen, so hätten wir von Artus' Tod und dem

Niedergange von Logres gehört, denn davon hat sie so trefflich

gesprochen, daß niemand an ihrer Rede etwas tadeln kann. Es mag schon

so kommen, wie sie gesagt hat. Ich habe auch gehört, was sie über

meinen Tod prophezeit hat." "Sie hat auch gesagt", sagte der Morholt,

"daß dein eigener Stolz die Ursache deines Todes sein wird". "Ich habe

es gehört", sagte Gawain, "möge Gott geben, daß es mir besser ergehen

wird als sie sagt. Aber über dich, Morholt, hat sie gar nichts

gesagt." "Noch nicht", meinte der Morholt, "darum müssen wir warten

bis sie von mir sprechen wird, denn ohne über meinen Tod zu hören gehe

ich nicht weg von hier". (64) Traurig und nachdenklich willigte Gawain

ein. Der Morholt rief mit lauter Stimme zum Felsen hinauf: "Erinnert

euch meiner, sagt mir etwas über mein Ende". Die Jungfrauen sprachen

eifrig miteinander und taten als ob sie nicht hörten. Da wurde der

Morholt ungeduldig und rief noch einmal. Nun sprach die Älteste: "Du

ungeduldiger Ritter, wenn du auch hörst was du hören willst, du kannst

an deinem Schicksal nichts ändern". "Dennoch möchte ich es wissen,"

bat der Morholt. "Nun wohl, da du so begierig bist es zu erfahren,

will ich es dir sagen", erklärte die Zauberin: __"Du[48] wirst in

einem Kampfe für eine ungerechte Sache erschlagen werden, denn du

wirst verlangen was zu verlangen du kein Recht hast; du wirst sterben

durch die Hand des schönsten, leutseligsten und höflichsten Ritters

seines Landes, der treu sein ganzes Leben lang lieben wird. Während du

durch die Waffen enden wirst, wird Liebe sein Ende herbeiführen.__ Das

ist alles was ich dir zu sagen weiß." Damit wollte die Zauberin sich

zurückziehen, aber der Morholt bat sie, ihm noch einige Fragen zu

beantworten. "Könnten wir nicht zu euch hinaufkommen", fragte er, "um

zu sehen, wie ihr dort oben lebt?" "Ja, gewiß", sagte die Zauberin,

"kommt doch!" "Wir können es nicht tun ohne eure Hilfe," meinte der

Morholt. "Und wenn ihr es könntet, was wolltet ihr hier oben tun?"

fragte die Zauberin. "Euch Gesellschaft leisten und belustigen wie

andere Ritter mit andern Damen tun," erklärte der Morholt. "Wenn ihr

wirklich hier hinauf kämet, würdet ihr sobald nicht wieder

hinunterkommen," bemerkte die Zauberin. "Um so besser", sagte der

Morholt, "denn wir würden viel lieber mit euch ein lustiges Leben

führen, als das Land nach Abenteuern durchstreifen". "Hier würdet ihr

allerdings nichts als Freude und Vergnügen haben," sagte die Zauberin.

Dann wendete sich die Zauberin plötzlich an Gawain mit der Frage:

"Gawain, wenn wir bereit wären, euch heute Nacht heraufkommen zu

lassen, würdet ihr gern eine Zeitlang hier bleiben, wo ihr alles haben

würdet, was euer Herz begehren könnte?" "Ich habe keinen heißeren

Wunsch als bei euch zu sein", antwortete Gawain, "denn bei euch,

glaube ich, sind alle irdischen Freuden zu finden". (65) "Dann sollt

ihr morgen früh euren Wunsch erfüllt sehen", sagte die Zauberin;

"bleibt die Nacht hier, legt eure Waffen ab; laßt eure Pferde laufen

wohin sie wollen. Wenn ihr Lust habt, schlaft." Gawain und der Morholt

taten was sie ihnen gesagt hatte. Als die Nacht gekommen, schliefen

sie unter einer großen Ulme in der Nähe des Felsens ein.

Als sie am andern Morgen die Augen öffneten, waren Gawain und der

Morholt oben auf dem Felsen bei den zwölf Jungfrauen, von wo sie die

ganze Umgegend auf zwei Tagereisen weit übersehen konnten. Die älteste

der Jungfrauen bewillkommnete beide, fragte sie, wie es ihnen gefiele,

und erklärte, daß es nun, da sie zwei Ritter hätten, noch viel

angenehmer auf dem Felsen sein würde. Dann zeigte sie den beiden das

Haus. Durch eine eiserne Tür traten sie zunächst in ein schönes Zimmer

und von diesem führte eine Tür in einen herrlichen großen Saal, von

dem man durch zwölf Türen in die Gemächer der zwölf Jungfrauen

gelangen konnte. Auf Gawains Frage, ob außer den zwölf Jungfrauen noch

andere auf dem Felsen wohnten, erhielt er die Antwort: "Nein, aber

während ihr unsere Gäste zu sein belieben werdet, wird unser Hausstand

um zwei Diener und zwei Dienerinnen vermehrt werden, die euch bedienen

sollen". Die beiden Gefährten dankten.

(66) Die Jungfrauen bemühten sich ihre Gäste zu unterhalten und ihnen

das Leben so angenehm als möglich zu machen. Beide vergaßen alles,

Freunde und Verwandte und Abenteuer, und lebten lustig und in Freuden

und lernten verschiedene Zaubermittel und Spiele kennen. Gawain liebte

die älteste und wurde von ihr wieder geliebt, und der Morholt die

jüngste. Beide fühlten sich vollkommen glücklich, und alles, was der

Vergangenheit angehörte, war so vollkommen aus ihrem Gedächtnisse

verwischt, als ob sie eben geboren worden wären.

So waren denn Gawain und der Morholt auf dem Felsen, den die Leute des

Landes _La Roche aux Pucelles_ nennen, und hatten keinen andern

Gedanken als mit ihren Geliebten glücklich zu sein. Sie hatten alles,

was sie wünschen konnten. Sie lebten auch in dem Wahn, daß sie täglich

wunderbare Abenteuer bestanden und im Lande umherzogen, aber nie

hatten sie eine Ahnung davon, daß sie verzaubert waren. __Die

Erzählung wendet sich nun zu Ywain.__

III. __Die Abenteuer Ywains.__[49] SS. 66-85. Nachdem Ywain den

Riesen getötet hatte, wie vorher[50] kurz erwähnt wurde, ritt er viele

Tage ohne ein Abenteuer zu finden, welches der Aufzeichnung wert war.

Er wunderte sich sehr, daß er nirgends, wohin er auch kam und nach

ihnen fragte, etwas von seinen beiden Gefährten hörte. Er besiegte

während dieser Zeit viele Ritter, und die Kunde von seinem Ruhm

verbreitete sich bald durch das ganze Land und erreichte auch den Hof,

denn Ywain schickte viele der besiegten Ritter zu Artus. Bei Hofe

wurde viel und oft von Ywain gesprochen und Artus erklärte zu

wiederholten Malen: "Wenn Gott ihn mir nur wieder zurückbringen

wollte, würde ich ihn gern in die Tafelrunde aufnehmen!" (67) Gegen

Ende des Jahres erinnerte sich Ywain des Versprechens, welches er

seinen beiden Gefährten gegeben hatte, nämlich sie an dem Jahrestage

des Anfangs ihrer Abenteuer an der Quelle wieder zu treffen. Bis zu

diesem Tage war es noch einen Monat hin.

Ywain ritt mit seiner Jungfrau (der siebzigjährigen) und seinem

Knappen in die Richtung der Quelle und kam so eines Tages an den

_Perron du Cerf_, demselben wo der Morholt so großes Unglück gehabt

hatte. Als er die Inschrift auf dem Steine gelesen hatte, war Ywain

ebenso entschlossen, wie der Morholt es gewesen war, die Nacht

daselbst zu verbringen, um die Graalabenteuer zu sehen und die

Bedeutung der Inschrift zu verstehen. Die Jungfrau war damit nicht

einverstanden, sie erklärte, sie würde auf keinen Fall bleiben, denn

die Inschrift warnte jeden deutlich genug, daß ihm in der Nähe des

Steines Unheil bevorstände. Ywain mußte das zugeben, erklärte aber,

daß nicht alles was Inschriften ankündigten, wahr wäre, und bemühte

sich, die Jungfrau zu überreden, aber sie beharrte bei ihrer Weigerung

bis er ihr erklärte, er werde sie in seinen besonderen Schutz nehmen

und für alle Folgen verantwortlich sein. Zwei Ritter, die zufällig des

Weges kamen, rief die Jungfrau herbei und bat sie, Zeugen zu sein des

Versprechens, das Ywain ihr gegeben hatte. Die Ritter sagten, Ywain

wäre töricht, selbst wenn er einer der besten Ritter von der Welt

wäre, bei dem Stein zu bleiben, (68) er wäre aber doppelt töricht, für

die Sicherheit anderer Bürge sein zu wollen. Die beiden Ritter waren

Girflet und Keux der Seneschall; beide wunderten sich nicht wenig in

dem Beschützer der Jungfrau Ywain zu erkennen, den sie schon mehr als

sechs Monate vergeblich gesucht hatten. Ywain fragte beide, ob sie

nichts von Gawain gehört hätten, und sagte, als sie nichts zu erzählen

wußten: "Hoffentlich ist ihm kein Unglück widerfahren, denn er hat

versprochen, mich und den Morholt in kurzer Zeit nicht weit von hier

zu treffen. Sollte er nicht kommen können, so wird vielleicht der

Morholt kommen und mir Nachricht über ihn geben." "Da euer

Zusammentreffen so nahe bevorsteht", sagten Girflet und Keux, "wollen

wir bei dir bleiben, damit wir, wenn Gawain kommt, alle vier zusammen

zu Artus zurückkehren können". Mit diesem Vorschlag war Ywain

einverstanden.

(69) Nachdem die drei Gefährten einander gelobt hatten, zusammen an

dem _Perron du Cerf_ zu bleiben und ihre Erlebnisse auszutauschen

begannen, erschienen zwei Jungfrauen von großer Schönheit und wohl

beritten, die eine auf einem weißen, die andere auf einem schwarzen

Pferde. Beide stiegen ab und begrüßten die drei Gefährten. Dann

wendete sich die eine an Girflet und bat ihn bei der Treue, die er

Artus schuldig war, ihr zu versprechen, ihr den Dienst zu leisten, um

den sie ihn bitten würde. Als Girflet, dem als Ritter oblag, eine

Bitte unter solchen Umständen zu erfüllen, eingewilligt hatte, bat ihn

die Jungfrau mit ihr zu gehen, um bei Tagesanbruch wieder

zurückzukehren. "Das kann ich nicht tun", sagte Girflet, "denn ich

habe Ywain versprochen, bei ihm zu bleiben; er würde mich mit Recht

für einen Feigling halten, wenn ich nicht bliebe; auch darf ich mein

Wort nicht brechen". "Du mußt es tun", erwiderte die Jungfrau, "denn

du weißt recht wohl, daß nach der Sitte des Landes das einer Jungfrau

gegebene Versprechen den Vorrang hat vor dem einem Ritter gegebenen".

Dagegen konnte Girflet nichts einwenden. Inzwischen verpflichtete die

andere Jungfrau auf die nämliche Weise Keux, mit ihr zu gehen. So

verließen Girflet und Keux gegen ihren Willen den _Perron du Cerf_ und

Ywain blieb mit seiner Jungfrau und seinem Knappen daselbst zurück.

Sie plauderten miteinander. Es war sehr dunkel, so daß kaum einer den

anderen sehen konnte. Daher hörten sie zwar, aber sahen so gut wie

nichts von den auf dem Stein vor sich gehenden Ereignissen, die der

Morholt gesehen hatte. (70) Als alles ruhig geworden war, streckten

sich alle drei aus und schliefen ein.

Kurz vor Tagesanbruch stieß die Jungfrau (die siebzigjährige) einen

lauten Schmerzensschrei aus und rief: "Ywain, ich sterbe, du allein

bist an meinem Tode schuld, denn du veranlaßtest mich hier zu

bleiben". Gleich darauf rief der Knappe: "Herr, ich sterbe, ich weiß

nicht, wer mich getötet hat oder warum". Auch Ywain fühlte sich

verwundet, denn eine Lanze hatte seine linke Schulter durchbohrt. "Ihr

habt recht", sagte Ywain zu den beiden, "ich bin daran schuld, daß ihr

das Leben verliert, aber ich weiß nicht, wer mir das Unrecht angetan

hat, das mir so zur Schande gereicht". Damit sprang er auf, schwer

verwundet wie er war, nahm Schild und Lanze, bestieg sein Pferd und

verfolgte den vermeintlichen Schuldigen; er konnte aber nicht die

geringste Spur eines menschlichen Wesens entdecken, noch konnte er

Eindrücke von den Hufen eines Pferdes finden. "Wer kann mir das nur

angetan haben?" rief er aus und kehrte ratlos zu den beiden zurück,

die tot und regungslos in ihrem Blute lagen. "O Gott, was kann ich

tun", rief er in Verzweiflung aus, "ich habe diese Jungfrau, die sich

meinem Schutze anvertraute, sterben lassen, wenn das bekannt wird, bin

ich entehrt"!

Die Abenteuer Gawains Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen aus der Trilogie (Demanda) des pseudo-Robert de Borron · 第 4 / 26 段