geendet hatte, sagte Gawain: "Herr Ritter, du bist der ehrlichste Mann
von dem ich je gehört habe; wenn ich die edelste Dame wäre, so würde
ich dich meiner hohen Geburt wegen nicht zurückweisen, wenn du mich
durch deine Liebe ehrtest." Arcade bat nun ihre Ritter um Rat, und
versprach, denselben zu befolgen, (40) wenn er zu ihrer Ehre und zu
ihrem Besten wäre. Die Ritter fragten Pellias, ob es ihm gefallen
würde, wenn ihre Dame ihn zu ihrem Baron machen würde. Pellias
antwortete: "Die ganze Welt, wenn man sie mir geben könnte, würde ich
nicht so hoch schätzen als eure Dame." Darauf wurden Arcade und
Pellias verlobt.
Die Hochzeit wurde mit großem Jubel und Prunke gefeiert. Der
erstgeborne Sohn der beiden war Guiuret le Petit, der ein tüchtiger
Ritter wurde und einen Sitz an der Tafelrunde erhielt. Nach der
Hochzeit nahm Gawain von den Vermählten Abschied, und ritt wieder wie
vorher, um Abenteuer zu suchen. Eines Tages begegnete er seiner
Jungfrau (der 15jährigen), seinem Knappen und dem Ritter, der sie
veranlaßt hatte, ihn zu verlassen. Er forderte den Ritter zum Kampfe
heraus. Beide ritten ohne weitere Worte zu verlieren aufeinander los.
Gawain stieß den Ritter mit der Lanze aus dem Sattel, so daß er sich
beim Fallen den linken Arm brach. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen,
wandte sich Gawain dann an die Jungfrau und sagte zu ihr: "Nun kannst
du sehen, ob du recht tatest, ihm zu folgen und mich zu verlassen".
"Vergib mir", bat die Jungfrau, "ich wußte nicht was ich tat".
"Vergeben will ich dir", erwiderte Gawain, "aber mit mir gehen kannst
du nicht". "Du gelobtest mir aber mich zu begleiten", entgegnete die
Jungfrau. "Das tat ich allerdings", sagte Gawain, "aber du folgtest
einem andern, jetzt gehe wohin du willst". (41) Damit verließ Gawain
die Jungfrau und ritt den ganzen Tag, ohne ein erwähnenswertes
Abenteuer zu finden.
Am dritten Tage als er durch einen dichten Wald kam, hörte Gawain zu
seiner Linken einen ängstlichen Schrei. Er hielt an und horchte und
hörte eine weibliche Stimme um Hilfe rufen. Er ritt in der Richtung
von welcher die Stimme zu kommen schien schnell vorwärts und sah bald
drei Pavillons vor sich, in deren Nähe sechs unbewaffnete Ritter einen
Knappen zwangen, eine Jungfrau, die an den Schwanz seines Pferdes
gebunden war, zu schleifen. Gawain eilte der Jungfrau zu Hilfe und
erkannte den Zwerg, der auf der _Plaine Aventureuse_ mit dem großen
Ritter um die Jungfrau kämpfen wollte, und der hier dieselbe Jungfrau
so mißhandeln ließ.
Schnell entschlossen sprengte Gawain heran, zerhieb mit seinem
Schwerte die Stricke, mit denen die Jungfrau an den Schwanz des
Pferdes befestigt war, und schlug dann mit der flachen Klinge den
Knappen auf den Kopf, daß er zu Boden fiel. Als Gawain auch die
Jungfrau erkannte, fragte er sie, wie sie den häßlichen Zwerg dem
schönen Ritter hätte vorziehen können. "Nach dem, was du tatest, hätte
dir kein Ritter zu Hilfe kommen sollen", sagte Gawain zu ihr, "denn
durch deine Handlungsweise beschimpftest du alle guten Ritter". "Tadle
mich nicht", bat die Jungfrau, "ich handelte wie ein Weib und habe
meine Torheit schwer büßen müssen". Nun ergriff der Zwerg Gawains
Zügel und sagte, daß er sein Gefangener wäre, wenn er ihm nicht für
die Verletzung seines Knappen Genugtuung gewährte. "Laß meinen Zügel
los", schrie Gawain, "oder ich züchtige dich, denn (42) du hast die
Jungfrau mißhandeln lassen". Als die anderen Ritter dem Zwerge zu
Hilfe kamen, verlor Gawain die Geduld.
Er schlug dem einen der Ritter den linken Arm ab und spaltete einem
zweiten den Schädel. Als die übrigen das sahen, entflohen sie. Dann
gab Gawain dem Zwerge mit der flachen Klinge eine Tracht Prügel und
ritt, als dieser zu Boden gefallen war, ein paarmal über seinen Körper
hin, so daß er für lange Zeit unfähig war zu reiten. Hierauf fragte
Gawain die Jungfrau, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie in
Sicherheit zu bringen. Er hieß sie ein Pferd besteigen und ihm zeigen,
wohin er sie geleiten sollte. Unterwegs erkundigte er sich, weshalb
sie so mißhandelt wurde. Sie erzählte, daß an demselben Morgen der
Zwerg und seine Ritter jenem Ritter begegnet wären, den sie selber auf
der _Plaine Aventureuse_ dem Zwerge vorgezogen hätte, und ihn
angegriffen hätten. Der Ritter hätte sie aber alle in die Flucht
geschlagen. Darüber wären alle sehr traurig gewesen und hätten ihre
Niederlage an ihr, als der Ursache derselben, rächen wollen. "Und
wärest du mir nicht zu Hilfe gekommen", schloß die Jungfrau, "so
hätten sie mich getötet". "Der Ritter war deinem eigenen Zeugnis gemäß
ein braver", sagte Gawain, "wie konntest du ihn für einen solchen (43)
Teufel gehen lassen?" "Es war töricht von mir, ich habe meine Dummheit
schwer bezahlen müssen". "Und das geschah dir recht", sagte Gawain.
Nach einer Weile erreichten beide am Ausgang des Waldes ein festes
Schloß. "Hier wohne ich", sagte die Jungfrau, "dieses Schloß ist mein;
hier ruhe dich aus". Am Tore hoben Knappen ihre Dame vom Pferde und
hießen sie willkommen. Gawain aber weigerte sich abzusteigen und
sagte: "Ich habe dir bis hierher das Geleite gegeben, nun gehe ich,
denn hier weile ich auf keinen Fall". "Das tut mir leid", sagte die
Jungfrau, "aber ich weiß warum". Gawain ritt weg. __Die Erzählung
wendet sich nun zu den Abenteuern des Morholt.__[40]
II. __Die Abenteuer des Morholt.__ SS. 43-66. Als der Morholt sich
von Gawain und Ywain getrennt hatte, ritt er mit seiner Jungfrau (der
dreißigjährigen) und seinem Knappen durch den Wald. Eines Tages kamen
sie an eine weite Ebene; auf derselben lag an einem Flusse ein schönes
Schloß. Vor dem Schlosse auf einer Wiese waren vierzig reich
geschmückte Pavillons errichtet, und viele Ritter des Landes waren um
ihren König versammelt, um, der damaligen Sitte gemäß, den Jahrestag
seiner Krönung festlich zu begehen. Der Morholt sah dem Feste eine
Zeitlang zu. Der König saß, die Krone auf dem Haupte, auf einem
elfenbeinernen (40) Stuhl, sein Szepter lag auf einem silbernen Tische
vor ihm. Er hatte sein Krönungsgewand angelegt und machte den Eindruck
eines tapferen Ritters. Der König war Pellinor, der erst vor kurzem,
zur Freude seines Volkes, vom Hofe Artus' zurückgekehrt war.
Ein Ritter kam auf den Morholt zu, begrüßte ihn und lud ihn ein, seine
Waffen abzulegen und an dem Feste teilzunehmen. Der Morholt dankte und
sagte, er könnte unter keinen Umständen bleiben. Damit war der Ritter
nicht zufrieden, und bat den Morholt dringend zu bleiben, der aber
machte sich mit seiner Jungfrau und seinem Knappen auf den Weg. Er war
noch nicht weit gegangen, als der Ritter gewaffnet hinter ihm her kam
und ihn aufforderte, zurückzukehren, da sein König es wünschte. "Dein
König ist nicht höflich", sagte der Morholt, "wie kann er wissen, was
ich zu tun habe?" "Darauf kommt es nicht an", entgegnete der Ritter,
"wenn du nicht gutwillig kommst, brauche ich Gewalt". "Hat dir dein
König das befohlen?" fragte der Morholt. "Nein, das gerade nicht",
sagte der Ritter, "aber es gefällt mir so". "Wirklich!" sagte der
Morholt, "mir aber paßt es nicht". Dann forderte der Ritter den
Morholt zum Kampfe heraus.
Beide entfernten sich ein wenig, ergriffen ihre Lanzen und stürmten
aufeinander los. Der Ritter fiel zu Boden. Indem er weiter ritt, sagte
der Morholt: "Nun reite zurück, du siehst, daß du nicht einer bist,
der mich zwingen kann umzukehren". König Pellinor, der den Vorfall von
weitem mit angesehen hatte, freute sich, daß der fremde Ritter sich so
brav gehalten. "Nun laßt (45) ihn ziehen", sagte er, "ich möchte wohl
wissen wer er ist". Damit befahl er seinem Sohn[41] unbewaffnet dem
Ritter zu folgen, ihn zu fragen wie er hieße, ob er zur Tafelrunde
gehörte, und ihn zu bitten zurückzukehren. Des Königs Sohn führte den
Auftrag seines Vaters gewissenhaft aus. Als der König hörte, wer der
fremde Ritter war, sagte er: "Den Morholt kenne ich als einen sehr
tapferen Ritter". Ohne ein der Erzählung wertes Abenteuer zu finden,
setzte der Morholt seinen Ritt den ganzen Tag fort.
Am dritten Tage, als die Sonne hell schien, kam der Morholt in den
_Bois du Plessis_. Die Blumen dufteten, die Vögel sangen lieblich, so
daß der Morholt seine Lust daran fand. Da hörte er plötzlich einen
Hilferuf. Er hielt an und horchte. Bald hörte er deutlich eine
Frauenstimme um Hilfe schreien, und seine Begleiterin auch. "Ich muß
sehen", sagte er, "wer meiner bedarf, folge mir langsam". Damit gab er
seinem Pferde die Sporen und kam bald in ein Tal zu einem großen
Feuer, um das viele herumstanden.
Als er sich ohne zu grüßen näherte, gewahrte er eine Dame, ihrer
Kleidung bis auf das Hemde beraubt, und einen Zwerg mit auf den Rücken
gebundenen Händen. Die Dame war schön, nicht älter als dreißig Jahre,
und augenscheinlich von hoher Geburt. Sie weinte. Vier Knechte gingen
sehr unsanft mit ihr um; (46) sechs bewaffnete Ritter befahlen ihnen,
den Zwerg und die Dame in die Flammen zu werfen. Der Morholt empfand
Mitleid mit den beiden unglücklichen Gefangenen und rief mit lauter
Stimme: "Laßt die Dame frei, tut ihr kein Leid, bis ich weiß, weshalb
ihr sie verbrennen wollt". "Was willst du?" fragte ein Ritter den
Morholt. "Ich will wissen, was die Dame verbrochen hat, um eine so
große Strafe zu verdienen", erwiderte dieser. "Sie hat ihr Schicksal
mit Recht verdient", sagte der Ritter, "denn sie hat ihren König und
Gemahl mit jenem elenden Zwerge hintergangen; darum soll sie sterben".
"Er lügt, der Treulose", sagte die Dame, "ich würde mir eher haben die
Haut abziehen lassen als das Verbrechen zu begehen, dessen sie mich
anklagen. Aber Gott, der mich kennt, wird sie bestrafen!" "Herr
Ritter", sagte der Zwerg zum Morholt, "habt Mitleid mit meiner Dame
und rettet sie, denn sie ist unschuldig". "Schwöre bei deiner Seele",
sagte der Morholt, "daß du die Wahrheit sprichst!" "So wahr Gott
meiner Seele gnädig ist", erklärte der Zwerg, "meine Dame ist
unschuldig". "Dann soll ihr, so lange ich sie verteidigen kann, keiner
ein Haar krümmen", sagte der Morholt; "wer aber trotz meiner Warnung
Hand an sie legt, der soll es bereuen, denn ich bin gewillt, sie mit
aller meiner Macht zu verteidigen". Hierauf forderte der Ritter den
Morholt zum Kampfe heraus, und der Morholt ihn.
Beide Gegner ritten aufeinander los; der Morholt, der zornig war,
durchbohrte mit seiner Lanze des Ritters Schild und seinen Körper, so
daß er zu Boden fiel. Beim Fallen brach die Lanze. Nun fielen die
Gefährten des Gefallenen über den Morholt her, der aber fürchtete sich
nicht, sondern ritt ihnen mutig entgegen. Nachdem er noch zwei von
ihnen aus den Sätteln gehoben hatte, entflohen die andern in den Wald.
Er verfolgte sie nicht, sondern wandte sich zu der Dame. Als er
abgestiegen war, kniete die Dame vor ihm, dankte ihm für ihr Leben und
bat ihn, ihr seinen Namen zu sagen. Als der Morholt den Zwerg von
seinen Fesseln befreit hatte, fragte er die Königin, was er für sie
tun könnte. Sie bat ihn, sie nach einer Abtei zu geleiten, die ihre
Vorfahren gegründet hatten. Mittlerweile waren die Jungfrau und der
Knappe herangekommen. Der Morholt gebot dem Knappen abzusteigen und
die Königin auf sein Pferd zu setzen. Dann setzte sich der Zug nach
der Abtei in Bewegung. Unterwegs fragte der Morholt den Zwerg, weshalb
die Ritter die Dame so grausam töten wollten. "Der Ritter, der zuerst
zu dir sprach", erzählte der Zwerg, "liebte die Königin lange, wagte
aber nicht, ihr seine Liebe zu bekennen; eines Tages aber war er
töricht genug, sich zu einem Geständnis hinreißen zu lassen. Die
Königin war entrüstet und drohte ihn zu vernichten, falls er noch
einmal von Liebe zu ihr zu sprechen wagte. Dann sann der Ritter auf
Rache. Gestern früh, als der König zur Kirche gegangen war, schlief
die Königin noch. Da glaubte der Verräter seine Gelegenheit gefunden
zu haben. Er ergriff mich im tiefen Schlafe (48) und legte mich leise
zu der Königin ins Bett. Keiner von uns beiden erwachte. Dann ließ er
den König holen und führte ihn an das Bett der Königin. Der König war
überrascht und traurig. Er war von zu edler Gesinnung, um uns
Schlafende zu töten, aber er befahl, daß man uns in den Wald führen
und verbrennen sollte; er selber wollte nichts davon sehen. Jener
Befehl wäre ausgeführt worden, hättest du uns nicht gerettet."
In der Abtei empfingen die Schwestern ihre Königin und Dame mit allen
Zeichen der Ehrfurcht und Entrüstung über ihren Zustand. Die Königin
erzählte ihnen was geschehen und zeigte ihnen den Morholt, ihren
Retter. Alle dankten dem Morholt auf den Knien für seine edle Tat; er
wurde die Nacht samt seiner Jungfrau und dem Knappen aufs beste in der
Abtei bewirtet, und man konnte ihn nicht genug ehren. Am andern Morgen
ritt der Morholt mit seinen Begleitern weiter durch einen dichten
Wald. Gegen Abend kamen sie an einen Platz, von dem vier Wege nach
verschiedenen Richtungen ausgingen. Auf dem Platze stand ein großes,
altes Kreuz und unmittelbar davor lag ein großer Stein von poliertem
Marmor, der aussah als ob er erst eben poliert worden wäre. Die
Jungfrau stieg ab und forderte den Morholt auf, ein gleiches zu tun,
denn sie wollte ihm eine Inschrift auf dem Steine zeigen. "Wenn du
lesen kannst", sagte sie zum Morholt, "sage mir was hier geschrieben
steht". Um besser sehen zu können, nahm der Morholt seinen Helm ab,
las die Inschrift und wiederholte dann der Jungfrau, was er gelesen,
nämlich: __Auf diesem Stein sind viele (49) Wunder des heiligen Graals
zu sehen. Wer aber hier bleibt, um dieselben zu sehen, wird sterben
oder gelähmt oder verwundet werden, bis zur Ankunft des guten
Ritters,[42] der die Graal-Abenteuer bestehen wird.__ "Von dem Stein
habe ich oft reden hören", erklärte die Jungfrau, "man nennt ihn _Le
Perron du Cerf_, warum aber weiß ich nicht; was beabsichtigst du zu
tun?" "Was kann ich anders tun als hier bleiben", entgegnete er, "bis
ich einige der Graalabenteuer, die so wunderbar sein sollen, gesehen
habe? Und was gedenkst du zu tun?" "Wenn du hier bleibst", sagte sie,
"muß ich auch hier bleiben, denn ich weiß nicht, wohin ich gehen kann,
und ich kenne kein Quartier, welches ich noch bei Tage erreichen
könnte". "Das Hierbleiben rate ich dir nicht", sagte er, "denn du hast
noch nicht gegessen". "Ich kann bis morgen warten", beruhigte ihn die
Jungfrau, "denn die Nächte sind ja jetzt kurz".
So blieben denn die drei bei dem _Perron du Cerf_ und setzten sich
unter zwei Ulmen nieder, die nahe dabei standen. Als die Nacht
hereingebrochen war, ging der Mond auf und schien so schön und hell,
daß sie alles was vorging sehen konnten. Nachdem sie eine Weile
gesessen hatten, kamen aus verschiedenen Richtungen zwei Ritter vor
dem Stein an. Ohne ein Wort zu wechseln, lehnten sie ihre Lanzen gegen
das Kreuz, zogen ihre Schwerter und begannen einen langen und blutigen
Kampf. Als sie länger gefochten als man es für möglich halten konnte,
nahmen sie ihre Helme ab, küßten sich und gingen dann wieder jeder in
derselben Richtung fort, aus der er gekommen war. Der Morholt
bekreuzte sich, denn die schnelle Versöhnung nach so erbittertem Kampf
war ihm unerklärlich; die Jungfrau wunderte sich mehr über das
Schweigen der beiden Ritter. (50) Der Morholt bedauerte, daß er die
Ritter nicht um eine Erklärung gefragt hatte. In diesem Augenblick kam
ein Hirsch auf das Kreuz los, sprang auf den Stein und legte sich
nieder. Vier weiße Windhunde, die ihm folgten, fielen über ihn her,
erwürgten ihn und tranken so viel von seinem Blute, daß sie sich,
geschwollen als ob sie bersten wollten, neben den Hirsch niederlegten.
Ein feuerspeiender Drache flog nun hernieder und verschlang die
Windhunde einen nach dem andern, legte sich dann auf den Körper des
Hirsches, als ob er denselben erwärmen wollte, beleckte seine Wunden
und behauchte ihn überall. Dann begann der Drache sich augenscheinlich
in großen Schmerzen zu drehen und zu winden und fiel von dem Stein
herab. Sein Rachen öffnete sich und die vier Windhunde kamen lebendig
nacheinander heraus und sprangen wieder auf den Stein. Als der Hirsch,
der durch die Wärme des Drachens wieder lebendig geworden war, die
Windhunde sah, entfloh er in den Wald, die Hunde verfolgten ihn mit so
lautem Gebell, als ob sie zehn anstatt vier gewesen wären. Der Drache
flog in den Wald zurück.
Als die Tiere alle verschwunden waren, bekreuzte sich der Morholt,
denn er wußte nicht, ob er behext oder berauscht war, oder ob er
geträumt hatte. Die Jungfrau hatte niemals etwas Wunderbareres gesehen
und war der Meinung, daß der Hirsch derjenige wäre, nach welchem der
Stein benannt war. Da sie nichts weiter zu sehen zu bekommen glaubten,
streckten sich alle drei auf dem Grase aus und waren bald
eingeschlafen, denn sie waren müde und erschöpft. (51)
Bald darauf stieß die Jungfrau einen Schmerzensschrei aus und sagte
zum Morholt: "Ich bin tödlich verwundet, und zwar während ich unter
deiner Beschützung stehe, doch bin ich selber daran schuld". Der
Morholt hatte keine Idee, wie es um die Jungfrau stand, und sagte ihr,
daß er auch verwundet wäre, aber nicht wüßte durch wen. Mit großer
Anstrengung richtete er sich empor und rief seinem Knappen zu,
aufzustehen. Dieser antwortete mit schwacher Stimme: "Herr, ich liege
im Sterben, ich glaube nicht, daß ich noch die Sonne werde aufgehen
sehen; wenn ihr hier in der Nähe einen Priester wißt, holt ihn; ich
weiß nicht, wer mich verwundet hat". Als der Morholt die Jungfrau nach
ihrem Befinden fragte, erhielt er keine Antwort. Er legte ihr seine
Hand aufs Herz, um zu fühlen ob es noch schlüge; er fand, daß sie tot
und über und über mit Blut bedeckt war. Kurz nachher gab auch der
Knappe seinen Geist auf.
Der Morholt war außer sich vor Schmerz, Schrecken und Erstaunen, er
konnte für den plötzlichen Tod seiner beiden Begleiter ebenso wenig
wie für seine eigne Verwundung eine Erklärung finden. Nur eins war ihm
klar, jeden, dem er sein Abenteuer erzählen würde, würde ihn für einen
Lügner halten, und er selbst würde das Geschehene für eine Fabel
halten, wenn er nicht auch verwundet wäre. In solchen Betrachtungen
erwartete er den Anbruch des Tages. (52) Bald nach Sonnenaufgang kam
ein Ritter auf einem großen Rosse an dem Stein vorbei, und ein Zwerg
ritt ihm nach und trug einen Schild und Speer. Der Morholt rief den
Ritter an und bat ihn um Hilfe, nachdem er ihm sein Abenteuer erzählt
hatte. Der Ritter wußte die Ereignisse der Nacht nicht anders zu
erklären, als daß sie Graalabenteuer wären, und sagte, der Morholt
könnte froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der Morholt bat
den Ritter, ihn auf sein Pferd zu setzen und den Körper der Jungfrau
vor ihm auf den Sattel zu legen, damit er denselben zur Bestattung
nach einer Abtei oder einem Kloster tragen könnte. Der Ritter selber
sollte mit dem Körper des Knappen ein gleiches tun. Der Zwerg fand des
Morholt Pferd in der Nähe des Steines grasend und führte es herbei.
Mit Hilfe seines Herrn erfüllte er den Wunsch des Morholt, und nahm
selber den Knappen vor sich auf sein eignes Pferd. Dann verließen alle
drei den _Perron du Cerf_. Der Ritter prüfte die Wunde des Morholt und
fand, daß sie durch eine Lanze verursacht war. Der Morholt empfand
beim Reiten große Schmerzen, er hatte viel Blut verloren und seine
Wunde blutete noch, so daß man seiner Spur mit Hilfe der auf den Boden
gefallenen Blutstropfen hätte folgen können.
Als alle drei mit den beiden Toten etwa eine halbe Meile zurückgelegt
hatten, fragte der Ritter den Morholt nach seinem Namen. Als dieser
sich nannte, rief der Ritter aus: (53) "Bist du wirklich der Morholt,
der meinen Vater 'le duc de laval' getötet hat, den ich schon so lange
vergeblich gesucht habe? Es ist meine Pflicht als Sohn, meinen Vater
zu rächen." Damit gab er seinem Pferde die Sporen und durchbohrte die
linke Schulter des Morholt, so daß derselbe vom Pferde stürzte. Beim
Fallen brach der Lanzenstiel. In seinem Haß ließ der Ritter dann sein
Pferd dem unglücklichen Morholt einigemal über den Körper laufen.
Schließlich befahl er dem Zwerg, den toten Knappen niederzulegen; in
dem Glauben, seines Vaters Tod gerächt zu haben, setzte der Ritter
seinen Weg fort.
So traf den Morholt das Unglück Schlag auf Schlag. Er lag regungslos
wie tot auf der Straße. Um Mittag fügte es Gott, daß Gawain des Weges
kam. Er hatte an demselben Tage zwei Ritter besiegt, die ihn
angegriffen hatten, weil er ihren Vetter getötet hatte. Er hatte sie
verpflichtet, zu Arcaden, der Frau des Pellias, zu gehen und sich ihr
in seinem Namen zu ergeben. Diese beiden Ritter begleiteten Gawain
noch. Als Gawain und seine Begleiter den Morholt, die Jungfrau und den
Knappen auf der Straße liegen sahen, glaubten sie nicht anders, als
daß alle drei tot waren. Die beiden Ritter sahen bald, dass die
Jungfrau und der Knappe leblos waren. Gawain prüfte den Morholt, den
er aber nicht erkannte, weil sein Gesicht von Staub und Blut
unkenntlich gemacht war. Er fand die Lanzenspitze in der linken
Schulter und die Wunde im Unterleibe, aber er erkannte auch durch
Befühlen des Gesichtes, (54) daß noch Leben in dem Körper vorhanden
und daß deshalb eine Heilung immer noch möglich war. Während Gawain
sich noch mit ihm beschäftigte, öffnete der Morholt die Augen und
blickte ihn an, so gut er konnte. Gawain bettete des Verwundeten Haupt
auf seinen Knien, schnitt ein Stück seines eigenen Hemdes ab, und
begann ihm damit die Augen zu reinigen. Der Morholt fing an zu seufzen
und zu stöhnen. Gawain bemühte sich vergeblich seinen Namen von ihm zu
erfahren, er war noch unfähig zu reden. "Er muß ein guter Ritter sein,
sonst wäre er nach solchem Blutverluste, wie ihn diese beiden Wunden
verursacht haben, nicht mehr am Leben", sagte sich Gawain; dann fragte
er noch einmal nach seinem Namen. Jetzt antwortete der Morholt leise,
nannte sich und sagte, seine Begleiter habe er durch Graalabenteuer
verloren. Als Gawain seinen Waffengefährten erkannte, war er sehr
traurig, warf seinen Helm weg und küßte ihn, so mit Blut bedeckt als
er war. Dann beklagte er des Morholt trauriges Geschick. Als der
Morholt das hörte, fragte er Gawain, wer er war.
Als Gawain seinen Namen nannte, fiel der Morholt vor Freude von neuem
in Ohnmacht; er kam jedoch bald wieder zu sich und sagte: "Willkommen,
Gawain, ich glaubte nicht, dich noch einmal zu sehen. Um Gottes
willen, schaff mich so schnell als möglich nach einer Abtei oder einem
Kloster, damit ich meine Sünden bekennen kann, denn ich fürchte, mein
Ende naht." Gawain fragte die Ritter, ob ihnen nicht in der Nähe ein
Haus oder Schloß bekannt wäre, wohin er den Verwundeten tragen könnte.
Einer von ihnen antwortete, daß er nicht weit von dort eine Feste
besäße, wo der Verwundete bereitwillige Aufnahme finden würde. Gawain
ließ die beiden Ritter aus Baumstämmen eine Bahre machen. Er selbst
entledigte den Morholt seiner Waffen, zog die Lanzenspitze aus seiner
Schulter und verband seine Wunden. (55) Dann ließ er ihn, die Jungfrau
und den Knappen auf ein Lager von weichem Gras auf die Tragbahre legen
und diese durch zwei Pferde nach dem Schlosse tragen. Daselbst nahm
Gawain den Morholt in seine Arme und trug ihn in das für ihn
vorbereitete Zimmer und legte ihn auf ein Bett. Die Mutter der beiden
Ritter, die viel von der Heilkunde verstand, prüfte die Wunden des
Morholt und erklärte, er werde in einem Monat wiederhergestellt sein.
Dem Wunsche des Morholt gemäß, ließ Gawain die Jungfrau und den
Knappen in einer benachbarten Abtei begraben und auf ihren Grabstein
einmeißeln, auf welche wunderbare Weise beide ums Leben gekommen
waren.