wieder neben seine Jungfrau. Bald sahen sie einen anderen schönen und
wohlbewaffneten Ritter von der einen Seite her auf der Ebene
erscheinen, während von der anderen (21) ein häßlicher Zwerg auf
stattlichem Roß und wohlbewaffnet heranritt, ein Knappe zu Fuß folgte
ihm und trug seinen Helm. Der Zwerg fragte den Ritter, ohne ihn eines
Grußes zu würdigen, ob er die Jungfrau gesehen hätte. Der Ritter
antwortete, er hätte sie nicht gesehen, sie werde aber bald kommen.
Und tatsächlich erschien auch nach kurzer Zeit eine schöne Jungfrau
auf weißem Pferde mit kostbarem weißen Sattelzeug, von zwei alten
Damen begleitet. Sobald er ihrer ansichtig wurde, ergriff der Zwerg
den Zügel ihres Pferdes und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der
Ritter trat ihm aber entgegen, gebot ihm zu fliehen und beanspruchte
die Jungfrau für sich. "Nicht ohne Kampf überlasse ich sie dir",
erklärte der Zwerg, "denn ich habe so viel Recht auf sie wie du". "Ich
kann mich nicht erniedrigen, mit einem wie du einer bist zu kämpfen,
die Jungfrau aber nehme ich mit", erwiderte der Ritter. "Ich verlange
nur was recht und billig ist", sagte der Zwerg, "du kannst mir nicht
solches Unrecht tun wollen, doch laß uns jenen Ritter (auf Gawain
deutend) zu unserem Schiedsrichter machen". Beide riefen Gawain und
sagten zu ihm: "Herr Ritter, wir haben diese Jungfrau gestern zusammen
erobert, jeder von uns begehrt sie, doch kann sie nur einem gehören,
entscheidet wem". "Ich bin noch jung", sagte Gawain, "und kenne die
Sitten dieses Landes nicht und könnte leicht eine Entscheidung (22)
treffen, die euch nicht gefiele, daher mische ich mich sehr ungern in
euren Streit". "Wir verpflichten uns mit deiner Entscheidung zufrieden
zu sein, wie sie auch immer ausfallen möge," erklärten beide. Nachdem
Gawain beide hatte schwören lassen, dieses Versprechen zu halten,
sagte er zu ihnen: "Sagt mir vor allen Dingen, ob ihr die Jungfrau
liebt und ob euch daran gelegen ist, daß meine Entscheidung ihr
gefällt?" Beide erklärten, daß letzteres eine unerläßliche Bedingung
sein solle. Dann fragte Gawain die Jungfrau, ob sie gleichfalls
gewillt sei, bei seiner Entscheidung zu beharren, und als sie das
bejahte, sagte er: "In diesem Falle wird niemand meinen Richterspruch
tadeln, wenn ich erkläre, daß du zu demjenigen der beiden Bewerber
gehen magst, den du am meisten liebst." Die Jungfrau dankte Gawain und
ging dann, zu aller Verwunderung, zu dem Zwerge und begrüßte ihn als
ihren Freund und Beschützer; und zu dem Ritter sagte sie: "Du hast
mich verloren; ich hätte nie geglaubt, daß in so schöner Hülle so viel
Schlechtigkeit stecken könnte;" damit ritt sie mit dem Zwerg, der
jubelte, und mit ihren beiden Begleiterinnen davon. Der Ritter blieb
traurig zurück und gestand Gawain, daß er die Jungfrau über alles
liebte. Gawain konnte nicht verstehen, was die Jungfrau bestimmt haben
konnte, eine so seltsame Wahl zu treffen. Weinend verabschiedete sich
der Ritter von Gawain, und war ihm bald aus den Augen verschwunden.
"Du hast mir wahrlich ein Wunder gezeigt", sagte Gawain, sich zu
seinem Wirte wendend; "glaubst du, (23) daß wir heute hier noch mehr
zu sehen bekommen werden?" "Sicherlich", erwiderte der Wirt, "wenn wir
noch hier bleiben".
Alle vier, d.h. der Wirt, Gawain, seine Jungfrau und sein Knappe
blieben bei dem Kreuze. Bald sahen sie zwei wohlbewaffnete Ritter in
die Ebene reiten und auf sich zukommen. Einer derselben forderte
Gawain, ihn beim Namen nennend, mit lauter Stimme zum Kampfe heraus.
Gawain konnte sich nicht erklären, woher der Fremdling seinen Namen
wußte, machte sich aber sogleich kampfbereit. Mit solchem Ungestüm
ritten beide Gegner aufeinander los, daß beide zu Boden stürzten und
die Pferde ihnen auf die Körper fielen. Als der andere Ritter das sah,
sagte er zu Gawain's Jungfrau (der 15jährigen): "Wenn du Gawain
verlassen willst, will ich dein Ritter sein und dich lieben und in
Ehren halten." "Gern", antwortete die Jungfrau, "denn Gawain ist nicht
ein so guter Ritter als ich glaubte". Damit wandte sich die Jungfrau
an den Knappen, der Gawain von Camelot her gefolgt war, und sagte zu
ihm: "Auch du solltest den schlechten Ritter verlassen, in dessen
Dienste du nur Schande haben kannst; hast du nicht heute gesehen, wie
er sich zurückhalten ließ, dem Ritter zu Hilfe zu eilen, den die zehn
hinter sich herschleiften." Der Knappe zögerte nicht und folgte der
Jungfrau. Als Gawain's Wirt das sah, bestieg auch er sein Pferd und
ritt nach Hause.
So blieben die beiden Kämpfer allein auf der Ebene zurück. Sie erhoben
sich bald, zogen ihre Schwerter und setzten den Kampf fort, bis beide
von der Anstrengung und dem Blutverlust, den sie erlitten, so
erschöpft waren, daß sie der Ruhe bedurften. Während sie sich ruhten,
fragte der Ritter Gawain, was er eigentlich von ihm wollte. "Ich
möchte von dir wissen", sagte Gawain, "weshalb du mich hier ohne jeden
Grund angriffst". "Ich tat, was ich tun mußte, und du gleichfalls,
dabei wollen wir es bewenden lassen", sagte der Ritter, "denn wir
haben einander gezeigt, was wir zu tun vermögen, (24) und ich habe in
dir zehnmal so viel Tapferkeit gefunden, als ich zu finden vermutete,
darum erlasse ich dir den weiteren Kampf". "Das genügt mir
keineswegs", erklärte Gawain, "du hast die Wahl, entweder erklärst du
dich für besiegt oder ich töte dich". Da der Ritter fühlte, daß er zu
schwach war, weiteren Widerstand zu leisten, ergab er sich. Gawain
wollte nun von ihm eine Erklärung haben, weshalb er gesagt hatte, daß
er getan hätte, was er mußte. "Gern", antwortete der Ritter, "will ich
dir das erklären. Ich habe hier in diesem Walde ein Schloß, das ich
von dem König von Norgales als Lehen halte; ich muß mit jedem Ritter,
der hierher kommt, kämpfen, und wenn ich verhindert bin, muß einer
meiner Ritter mich vertreten. Wenn mehrere Ritter kommen, so greife
ich sie mit mehreren meiner Ritter an, jedoch kämpft immer nur einer
gegen einen. Du siehst also, daß es meine Pflicht war, dich
anzugreifen, ich tat sie; und du tatest die deinige, denn du
verteidigtest dich, und zwar so gut, daß du mich besiegtest, mich, der
ich bisher immer meine Gegner besiegt hatte. Nun sei aus Höflichkeit
mein Gast und mache mir eine Freude, die ich höher schätze als ein
wertvolles Geschenk." "Wenn meine Begleiterin nichts dagegen hat, bin
ich bereit, deine Einladung anzunehmen", sagte Gawain, sah sich um und
bemerkte nun erst, daß seine Jungfrau, sein Wirt und sein Knappe
verschwunden waren. Der Ritter erzählte nun Gawain, daß die Jungfrau
seinem Ritter aus freiem Willen gefolgt wäre, und daß sie den Knappen
veranlaßte, mit ihr zu gehen. Gawain bekreuzte sich und meinte: "Hier
gibt es wahrlich nichts als Wunder und Abenteuer." "Das ist nicht
wunderbar", erklärte der Ritter, "denn wir sind hier auf der _Plaine
Aventureuse_". "Von der habe ich oft reden hören", sagte Gawain, "aber
ich wußte nicht wo sie war; ich bin begierig zu wissen, was meine
Jungfrau veranlaßt haben kann, mich zu verlassen, denn ich bin mir
nicht bewußt, ihr irgendwelchen Grund zu dieser Handlungsweise gegeben
zu haben". "Darum solltest du dich nicht grämen", tröstete der Ritter,
"denn das ist so der Weiber Art, die folgen immer ihren Launen".
Gawain schwieg, (25) denn er war nicht sicher, ob er nicht doch
vielleicht etwas getan hätte, was das Verhalten der Jungfrau
rechtfertigen könnte. Beide bestiegen dann ihre Pferde und erreichten
bald des Ritters Schloß am Fuße eines Hügels und stiegen daselbst ab.
Gawain wurde von dem Ritter aufs beste bewirtet, ja er hätte nicht
mehr geehrt werden können, wenn er König Artus selbst gewesen wäre.
Nach dem Abendessen bat Gawain seinen Wirt, ihm zu erklären, was er
auf der _Plaine Aventureuse_ gesehen hatte, und erzählte ihm zuerst
von dem tapferen Ritter, den zehn andere so gemißhandelt hatten. "Ja
gewiß", sagte der Wirt, "das kann ich dir erklären, es ist eine
traurige Geschichte und ich beklage keinen Ritter mehr als diesen. Er
ist der beste dieses Landes, und alles was du gesehen hast, duldet er
um eines Weibes willen, die er über alle Maßen liebt, die aber zu
stolz ist, seine Liebe zu erwidern, weil er ihr nicht ebenbürtig ist.
Es ist noch nicht lange her, so fand hier in der Nähe ein großes
Turnier statt, zu dem von nah und fern viele Ritter und Damen kamen.
Unter diesen befand sich jene Dame, Arcade mit Namen, und jener
unglückliche Ritter, der Pellias heißt. Der Sieger in dem Turnier
sollte das beste Schwert des Landes erhalten und außerdem berechtigt
sein, einen goldenen Kranz derjenigen der anwesenden Damen zu
überreichen, die ihm als die Schönste erschien."
"Pellias zeichnete sich vor allen andern Rittern aus; das Schwert
wurde ihm einstimmig zuerkannt. Da nahm er den goldenen Kranz und
überreichte ihn der Arcade, indem er sagte: 'Nimm ihn, er gehört dir,
denn deine Schönheit überstrahlt die aller derer, die hier sind. Wenn
einer bereit ist, das zu bestreiten, so bin ich bereit, (26) ihn noch
heute zu besiegen oder zu töten, oder nie mehr in meinem Leben einen
Schild um den Hals zu hängen.' Da die große Stärke und Tapferkeit des
Pellias allen bekannt waren, wagte niemand ihm zu widersprechen,
obgleich es vielen klar war, daß verschiedene andere Damen gegenwärtig
waren, die Arcade an Schönheit übertrafen."
"Arcade kehrte hocherfreut über diese Auszeichnung in ihr Land zurück
und war nur zu gern bereit zu glauben, daß Pellias recht hatte. Eines
Tages kam Pellias zu ihr und bat sie um ihre Liebe; da wies sie ihn
stolz ab, mit der Bemerkung, sie könnte sich nicht erniedrigen ihn zu
lieben, denn er wäre nur der Sohn eines _vavasour_. Vergeblich
erklärte ihr Pellias, daß nur der Tod ihm seine Liebe zu ihr aus dem
Herzen reißen könnte. "Kann ich nichts tun", fragte Arcade, "wodurch
ich deine Liebe in Haß verwandele?" "Nichts", erklärte Pellias, "doch
mache den Versuch". "Ich tue es nicht gern, aber ich will versuchen,
dich zu heilen. Ich verbiete dir, auf die _Plaine Aventureuse_ zu
kommen, die mir gehört. Solltest du meinem Gebot zuwiderhandeln, so
werde ich dich fangen lassen und in ein Gefängnis stecken, welches du
nicht so bald verlassen wirst. Nun geh, denn ich hasse dich."
"Traurig ritt Pellias zu seinem Pavillon zurück. Arcade vermied ihn
auf alle mögliche Weise, so daß er so gut wie keine Gelegenheit hatte,
diejenige, die er so sehr liebte, zu sehen. Als ihm das klar wurde und
als er fühlte, daß seine Liebe von Tag zu Tag wuchs, beschloß er sich
Gelegenheit zu verschaffen, Arcaden zu sehen. Er wollte ihren Rittern
schaden, sich von ihnen fangen lassen, um dann vor sie gebracht zu
werden. Er ging auf die _Plaine Aventureuse_, besiegte Arcadens
Ritter, und ließ sie dann zu ihr zurückkehren. Arcade war erzürnt; sie
schickte zehn bewaffnete Ritter (27) mit dem Befehl nach der Ebene,
einer nach dem andern gegen Pellias zu kämpfen, ihn aber unter keinen
Umständen mit dem Schwert anzugreifen oder ihn zu töten, "denn ich
will", sagte sie, "seine große Liebe zu mir auf die Probe stellen".
Wenn Pellias die Ritter besiegte, so sollten sie ihm bei der Treue,
die er Arcaden schuldig war, befehlen, sich nicht länger zu
verteidigen, ihn fesseln, an den Schweif eines Pferdes binden und ihn
zu ihr schleifen. "Wenn ihr das ein- oder zweimal getan haben werdet,
wird er mich hassen," sagte Arcade. Die Ritter taten alles genau wie
ihre Herrin befohlen hatte. Als Pellias zum ersten Male so schmachvoll
vor ihr gebracht wurde, fragte sie ihn, ob er sie noch immer liebte.
'Mehr denn je', antwortete Pellias, 'ich liebe dich noch mehr, weil
ich um deinetwillen gelitten habe'. Darauf schickte ihn Arcade weg.
Auf diese Weise ist er schon mehr als zehnmal geschleift worden, und
er duldet alles, wie du heute selbst gesehen hast, ohne sich zu
verteidigen, denn er hält die Schande, die sie ihm antun, für die
höchste Ehre, weil er weiß, daß sie auf ihren Befehl handeln. Aber
noch immer weigert sich Arcade, seine Liebe zu erwidern."
"Nun habe ich dir erzählt, was du zu wissen wünschtest," schloß der
Ritter. "Es ist traurig, daß so große Liebe unerwidert bleibt," sagte
Gawain. "Noch nie habe ich von einem so stolzen, hartherzigen Weibe
reden hören; ich kann nicht glauben, daß sie von so vornehmer Geburt
ist, wie du sagst, denn sonst wäre sie wenigstens nicht so grausam,
dem, der sie liebt, solche Schande anzutun. Wenn ich mit beiden auf
gutem Fuße stände, würde ich alles tun, was ich vermöchte, um sie
zusammenzubringen." "Du hat recht", sagte der Wirt, "auch ich kenne
keine stolzere und grausamere Frau".
(28) "Nun sage mir noch", nahm Gawain wieder das Wort, "wer der Ritter
war, den die Jungfrau verließ, um dem häßlichen Zwerg zu folgen und
warum sie es tat". "Das kann ich dir nicht sagen", antwortete der
Ritter, "ich vermute aber, daß die Jungfrau in dem Zwerge gute, in dem
Ritter schlechte Eigenschaften bemerkt hatte". "Ich werde nicht eher
ruhen", sagte Gawain, "als bis ich den beiden Rittern geholfen haben
werde. Auch möchte ich gern wissen, weshalb meine Jungfrau (d.h. die
fünfzehnjährige) mich verlassen hat." "Ich auch," erklärte der Wirt.
Nachdem Gawain eine angenehme Nacht verbracht hatte, nahm er am
nächsten Morgen nach der Messe von dem Ritter Abschied und schlug den
Weg durch den Wald ein. Er war noch nicht weit geritten, da traf er
Pellias, der in Gedanken versunken vor sich hinritt, und grüßte ihn.
Pellias hielt an, erwiderte Gawain's Gruß und fragte ihn, woher er
käme. Gawain erklärte, daß er ein fremder, fahrender Ritter wäre und
daß er sehr wünschte, sein Gefährte zu werden, um ihm behilflich zu
sein, das zu erlangen, wonach er so sehnlichst trachtete.
Als Pellias das hörte, glaubte er kaum seinen Ohren trauen zu können.
"Wenn du das bewirken könntest", sagte er zu Gawain, "so wollte ich,
anstatt dein Gefährte, dein Ritter und Sklave sein. Aber sage mir, wie
kannst du vollbringen, was du gesagt hast? denn dadurch würdest du
mich glücklich machen." (29) "Ich glaube zuversichtlich, daß ich das
tun kann", sagte Gawain, "laß uns unsere Rüstungen und Waffen
auswechseln und dann warte. Ich werde zu Arcaden gehen und vorgeben,
ich hätte dich getötet. Darüber wird sie erfreut sein, weil sie dich
haßt." Pellias war bereit, alles zu tun, was Gawain vorschlug. Sie
gelobten einander treue Freundschaft und verabredeten, daß Pellias
Gawain in seinem Pavillon erwarten sollte, den er ihm zeigte. Gawain
begab sich nach dem Schlosse, wo Arcade sich aufhielt. Er fand sie in
einem Pavillon mit zwei Rittern, die ihr Gesellschaft leisteten.
Sobald sie Gawain in der Rüstung des Pellias erblickte, rief sie
erschreckt und entrüstet: "Entfernt diesen Teufel, diesen Treulosen,
oder ich sterbe". Gawain erklärte nun, daß er ein fremder, fahrender
Ritter wäre, der Pellias getötet hätte; auf Arcades Verlangen, nahm er
seinen Helm ab. Als Arcade ihren Irrtum erkannte, war sie hocherfreut
und wie umgewandelt. Sie bewillkommente Gawain und dankte ihm, für den
großen Dienst den er ihr geleistet, und bat ihn, seine Waffen
abzulegen und ihr Gast zu sein. Gawain erfüllte bereitwillig ihren
Wunsch, und freute sich, (30) daß sein Plan so gelang, denn nun
glaubte er sicher Pellias helfen zu können. Als Gawain seine Rüstung
gegen ein kostbares Gewand vertauscht und neben Arcaden Platz genommen
hatte, fragte ihn diese nach seinem Namen und seiner Herkunft, und war
nicht wenig erfreut, als er ihr die Wahrheit sagte, denn als
Königssohn schien er ihr noch begehrenswerter.
Ehe sie sich's versah, entbrannte die stolze Arcade von heißer Liebe
zu ihrem Gast, der wohl bemerkte, wie es um seine schöne Wirtin stand,
und um seines Gefährten Pellias willen hoch erfreut war. Arcade
erkannte bald, daß Gawain nicht wagen würde, sie um ihre Liebe zu
bitten, und beschloß ihm zu helfen. "Die Ritter deines Landes", sagte
sie zu ihm, "können stolz sein, denn man hält sie nicht nur für die
besten, sondern auch für die galantesten und lustigsten; aber sie
haben noch einen andern Vorzug, den ich am meisten an ihnen schätze:
sie lieben alle die Frauen". "Du hast recht", erwiderte Gawain, "denn
wenige Ritter am Hofe meines Onkels haben keine Geliebte". "Dann hast
du auch eine dort?" fragte Arcade. "Ich sagte nicht", erwiderte
Gawain, "daß alle eine Geliebte hätten, sondern die meisten; ich
selber bin noch so jung, erst vor kurzem Ritter geworden, ich habe
noch keine Geliebte, aber ich kenne eine Jungfrau, die ich lieben
würde, wenn es ihr gefiele." "Wer ist sie?" fragte Arcade, "du kannst
nicht so unhöflich sein wollen, mir den Namen zu verheimlichen". Nach
einigem Zögern, das Arcadens Spannung noch erhöhte, sagte Gawain, daß
sie selber diese Jungfrau wäre. "Wie kannst du mich lieben", fragte
Arcade unschuldig, "du hast mich ja nie vorher gesehen?" "Das weiß ich
nicht", erklärte Gawain, "aber es ist so". "Dann muß auch ich dich
lieben", fuhr Arcade fort, "denn ich wäre zu hochmütig, wenn ich einen
Ritter, der so hübsch als Mann ist wie ich als Frau und der mir noch
dazu an Geburt überlegen ist und sehr tapfer ist, zurückwiese. Ich
gebe mich dir Leib und Seele auf ewig und verlange ein gleiches von
dir." Gawain willfahrte ihr, denn auch ihn hatte, ehe er sich dessen
bewußt wurde, die allmächtige Liebe ergriffen und besiegt. Er hatte
das Pellias gegebene Versprechen, die ihm geschworene Treue vergessen,
ja er haßte ihn wie einen Todfeind und der Gedanke, einem anderen, die
zu überlassen, die er in den Armen hielt, schien ihm unerträglich.
So gewaltig ist die Macht der Liebe, sie beugt Männer und Frauen ihrem
Willen! Gawain, der im Interesse seines Gefährten zu Arcaden gekommen
war, liebte sie nun und dachte nur an sie. Beide waren glücklich und
hatten keinen anderen Wunsch (32) als einander zu besitzen. Sie
verabredeten sich zu sehen, wenn alle anderen zur Ruhe gegangen waren.
Am andern Morgen erklärte Arcade ihren Rittern, daß sie Gawain liebte,
und befahl ihnen, ihrem Herrn und Gebieter, ebenso treu und ergeben zu
dienen wie ihr selber. Die Ritter billigten die Handlungsweise ihrer
Herrin, denn Gawains Vorzüge erkannten alle.
Während Gawain bei Arcaden glücklich war, litt Pellias unsägliche
Schmerzen; denn Gawain war nicht zurückgekehrt, und wie er glaubte,
weil er nicht im Stande gewesen, Arcaden's Sinn zu ändern. (33) In
seinem Schmerze verwünschte Pellias die Stunde seiner Geburt; er aß
und trank nicht und konnte keine Ruhe finden. Als der Tag graute,
erhob er sich von seinem Lager, rüstete sich, bestieg sein Pferd und
ritt nach Arcadens Pavillon, um zu erfahren, was aus Gawain geworden
war.
Am Ziel seines Rittes angelangt, beschloß er Arcaden aufzusuchen und
sie auf den Knien zu bitten, Mitleid mit ihm zu haben. Er stieg ab,
band sein Pferd an einen Baum und trat leise in den ersten Pavillon
ein. Er fand daselbst zwei Ritter, die fest schliefen. In einem
zweiten Pavillon fand er vier Damen, aber nicht diejenige, die er
suchte. Im dritten fand er Gawain und Arcaden nebeneinander in tiefem
Schlafe.
Sofort war ihm klar, daß Gawain ihn schändlich verraten hatte, Gawain,
auf den er seine Hoffnung gesetzt, dem er als Freund getraut hatte.
(34) Da regte sich mächtig der Wunsch in ihm, an dem Treulosen Rache
zu nehmen, er zog sein Schwert, zückte es, um Gawain zu töten, doch er
ließ es wieder sinken, denn der Gedanke, seinen Feind im Schlafe zu
töten, widerstrebte seinem ehrlichen, ritterlichen Gemüt. Er kam zu
der Überzeugung, daß er besser täte, Gawain an irgend einem Hofe des
Verrats anzuklagen und ihn dann im offenen ehrlichen Kampfe zu töten,
denn daß er ihn besiegen würde, daran zweifelte er nicht. So verließ
er traurig den Pavillon. Als er ein Stück gegangen war, schien es ihm,
daß er nicht richtig gehandelt hätte, weil er nicht ein Zeichen seiner
Anwesenheit im Pavillon zurückgelassen hatte. Er kehrte wieder um, zog
sein Schwert und legte es zwischen die beiden Schlafenden, ohne sie zu
erwecken, und verließ den Pavillon. Als er draußen war, überwältigte
ihn sein Schmerz. "Gawain", rief er aus, "wer hätte je gedacht, daß
du, ein Königssohn, solches Verrates fähig wärest! Ich bin nur ein
armer Ritter, der Sohn eines _vavasour_, aber ich habe mich nicht
hinreißen lassen, dir zu vergelten, was du mir getan. Vielleicht wird
mich Gott für meine Ehrlichkeit belohnen, wenn du den Tod erleidest
für deine Treulosigkeit. Lieber will ich wegen meiner Ehrlichkeit
sterben, als wegen meiner Treulosigkeit leben!"
So jammernd und klagend und Gawain tadelnd, ritt Pellias nach seinem
Pavillon zurück; er legte seine Waffen ab und warf sich auf sein Bett.
"O Gott", rief er aus, "warum ließest Du mich geboren werden, wenn ich
mein Leben in solchem Schmerze beschließen muß? Aber ich danke Dir
schlecht für das Gute, was Du mir getan hast, denn ich habe dem Teufel
gedient und ihm meine Seele gegeben, die ich Dir schulde." Dann rief
er zwei seiner Gefährten und sagte zu ihnen: "Ich werde bald sterben;
ich bitte euch, mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich tot bin." Als ihm
beide das Versprechen gegeben hatten, sagte Pellias: "Wenn ich
gestorben bin, nehmt mein Herz und tragt es in jener silbernen
Schüssel, die sie mir selbst gegeben, zu Arcaden und saget ihr, daß
ich noch sterbend Gott gebeten habe, sie glücklicher zu machen, als
ich es gewesen bin. Und wenn ihr Gawain bei ihr findet, so saget ihm,
daß ich seinen Verrat gekannt habe." Dann erzählte ihnen Pellias, was
er gesehen und getan hatte. Als sie ihn verlassen hatten, gab er sich
von neuem seinem Schmerze hin. __Die Erzählung kehrt nun zu Gawain
zurück.__
Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen in ihren Pavillon
drangen, erwachte Arcade (36) und fand zu ihrem Entsetzen das nackte
Schwert an ihrer Seite. Sie weckte Gawain, der nicht weniger
erschrocken war als sie und sich bekreuzte. Keiner von beiden
vermochte die Anwesenheit des Schwertes zu erklären, beiden aber war
es klar, daß ein fremder Ritter, während sie fest schliefen, im
Pavillon gewesen war, der sie hätte töten können, wenn er gewollt
hätte. Als Arcade später das Schwert genauer ansah, erkannte sie es
als das des Pellias. "Du hast mich getäuscht", sagte sie zu Gawain,
"denn der, den du vorgabst getötet zu haben, war hier; er hat uns
nicht getötet, weil es seiner Ehrlichkeit widerstrebte, eine niedrige
Tat zu begehen".
Als Gawain diese Worte hörte, erkannte er, was er getan, und bereute
aufrichtig, den verraten zu haben, der ihm einen so starken Beweis
seines edlen Charakters gegeben hatte. Er sah ein, daß niemand Pellias
hätte tadeln können, wenn er sich gerächt und ihn getötet hätte. Wie
konnte er seine Missetat sühnen, wie wieder gut machen, was er getan?
so dachte er. Arcade, die bemerkte, daß ihn etwas beschäftigte, fragte
ihn, woran er dächte. "Nur wenn du mir schwörst, meinen Willen zu
tun", antwortete er, "will ich dir sagen, was mich bewegt". Als Arcade
den Eid geleistet, erzählte ihr Gawain alles genau wie es geschehen
war (37) und gestand ihr offen, daß er Pellias schändlich verraten
hätte. "Ich möchte vor Scham sterben", sagte Gawain, "denn nie ist
einer meines Geschlechts so ehrlos gewesen als ich". "Und was willst
du tun?" fragte Arcade, "das Geschehene ist nicht zu ändern; das
einzige was du tun kannst ist, ihn um Vergebung zu bitten". "Das will
ich und noch mehr, ich will gut machen was ich getan, und ich kann es,
wenn du treulich das mir gegebene Versprechen halten willst, ich bin
es dem edlen Ritter schuldig. So sehr ich dich auch liebe, meine
Schuld gebietet mir, dich zu verlassen, um seinetwegen. Darum bitte
ich dich, daß du ihn an meiner Stelle liebest. Selbst wenn alles
anders gekommen wäre, hätte ich nicht lange bei dir bleiben können.
Wenn du meine Bitte erfüllst, wirst du glücklich werden." "Wie kann
ich das tun", fragte Arcade, "wie kann ich den lieben, den ich so
lange gehaßt?" "Du kannst es, glaube es mir," sagte Gawain. "Wenn du
mir bei deiner Ehre erklären willst, daß du aufrichtig überzeugt bist,
daß es zu meinem besten ist, dann will ich tun was du verlangst",
erklärte Arcade, "möge Gott geben, daß ich meine Entscheidung nicht zu
bereuen habe". "Dann gehe ich selbst zu ihm," sagte Gawain und machte
sich sogleich auf den Weg. Er fand Pellias auf seinem Bette liegend.
Er kniete an seiner Seite nieder und bat ihn um Vergebung. (38)
Pellias richtete sich ein wenig auf und sagte zu Gawain: "Du hast mich
getötet." Gawain erzählte ihm nun, daß er Arcaden veranlaßt habe, ihn
(Pellias) als ihren Gebieter und Ritter zu empfangen, und zwar aus
freiem Willen. Pellias' Vertrauen in Gawain war zu sehr erschüttert,
als daß er ihm sogleich hätte trauen können, und er machte ihm bittere
Vorwürfe über seine schändliche Handlungsweise.
Da bat ihn Gawain, mit sich selber Mitleid zu haben und nicht an ihm
zu zweifeln. Er erklärte sich bereit zu schwören, daß Arcade ihn
(Pellias) ersuchen ließ, zu ihr zu kommen.
Als Pellias begriff, daß Gawain ehrlich und im Ernst war, sprang er
von seinem Bette auf und fiel ihm zu Füßen und sagte: "Du hast wieder
gut gemacht was du mir getan, du hattest mich getötet, jetzt hast du
mir das Leben wiedergegeben." Dann machte sich Pellias schnell bereit
und begleitete Gawain, er sagte aber keinem wohin er ginge, weil er
immer noch nicht glauben konnte, daß Gawain wirklich zuverlässig war.
Bei Arcaden angekommen, nahm Gawain Pellias bei der Hand und führte
ihn zu ihr. (39) Arcade bewillkommnete Pellias, der vor ihr
niederkniete und seine Werbung wiederholte und ihr sagte, daß er
nichts in der Welt mehr wünschte, als ihre Liebe. Dann gab ihm Arcade
ihre Hand und lud ihn ein neben ihr Platz zu nehmen. Als Pellias ihrer
Aufforderung Folge geleistet hatte, fragte sie ihn, ob er in der Nacht
in ihrem Pavillon gewesen wäre, und als er das bejahte, gebot sie ihm,
vor allem zu erzählen, was er getan, als er sie und Gawain zusammen
gefunden hatte. So gern er geschwiegen hätte, Arcadens Wunsch mußte
Pellias erfüllen.