Im Laufe des Vormittags verfinsterte sich der Horizont, und es fing an

zu schneien. Große Flocken wie aufgeplusterte Daunen schwebten langsam

nieder gleich einem gekräuselten Vorhang, der die jenseitigen Halden

und Höhen verhüllte. Dächer und Zinnen wurden weiß, und den Burghof

bedeckte ein blendendes Leilach, auf dem die frischen Fußstapfen von

Menschen und Tieren schnell wieder verschwanden.

Und seltsam! mit dem ersten Schnee in das Selketal kam die letzte Zeile

in Eikes Buch hinein. Gegen Mittag war es, als er sie niederschrieb

und einen dicken Strich darunter machte. Dann lehnte er sich im Stuhle

zurück und schaute sinnend in das stille Geriesel vor seinen Fenstern.

Es war ihm ein erhebendes Bewußtsein, das Werk, mit dessen Plan,

Vorbereitung und Ausarbeitung er sich Jahre lang beschäftigt und gemüht

hatte, glücklich vollendet und damit etwas geschaffen zu haben, was

ihm der giftigste Haß und der geschwollenste Neid nicht im geringsten

vereiteln oder verkleinern konnten.

Hier auf dem Falkenstein hatte er es vollführt. Hätte er es bei sich

zu Hause auf dem von seinen Vätern ererbten Lehen zu Reppechowe

geschrieben, wäre es genau so ausgefallen wie hier, und kein Abt, kein

Domdechant wäre ihm dort mit böswilligen Ränken und der Forderung des

Widerrufs gekommen. Aber auch keine Gerlinde hätte ihn als seine Muse

dabei hold umschwebt und mit ihrer Liebe begnadet.

Und nun mußte geschieden sein von der gesegneten Stätte des Wirkens und

des höchsten Glückes.

Niemand vertrieb ihn, allein sich untätig hier zu verliegen, beständig

Gerlindes sehnendes Leid vor Augen zu haben und den Kampf mit seinen

eigenen rebellischen Gefühlen immer noch weiter zu führen, das brachte

Eike von Repgow nicht fertig. Kurz entschloß er sich, morgen früh

abzureisen.

Er begann, seine Papiere zu sichten, legte die losen, ungehefteten

Bogen seines zu einem beträchtlichen Umfang angewachsenen Manuskriptes

vor sich auf den Tisch, blätterte darin, las den Anfang von den zwei

Schwertern, zu beschirmen die Christenheit, den Schluß von der

Schuldlosigkeit des Wirtes gegenüber einem Friedensbrecher in der

Herberge, hie und da die Überschriften einzelner Artikel und klappte es

befriedigt wieder zu. --

Wilfred war aus Berg und Tal auf dem Wege zur Klosterschule in

Gröningen. Nach einem herzzerreißenden Abschied von Melissa war er,

nur von Goswigs höhnischem Fahrwohl geleitet, über die Zugbrücke weg

gewandert, an seinem Wamse den Pelzkragen aus dem Balg des Fuchses, den

er so oft im Walde auf seinem Schoß gestreichelt hatte.

An den Abenden in der Dirnitz vermißte man anfangs den durchtriebenen

Schelm und erzählte sich noch manchen seiner tollen Vagantenstreiche,

aber eine Träne weinte ihm, außer Melissa, keiner vom Gesinde nach. Sie

hatten vom Wildmeister seinen an dem allverehrten Ritter von Repgow

begangenen Verrat erfahren und verurteilten diese Treulosigkeit in den

schärfsten Ausdrücken.

Weder der Graf noch Eike hatte ihn nach der Entdeckung seines Frevels

noch gesehen. Graf Hoyer hatte ihn aus den Ringmauern der Burg

verbannt, und damit war der Lump für beide abgetan.

Eike überlegte jetzt, wie er es seinen lieben Gastfreunden

beibringen sollte, daß er sie nun verlassen würde. Aber da galt kein

Hinausschieben; er mußte es ihnen ohne Umschweife sofort ankündigen.

Darum war er heute Mittag der erste im Speisesaal und empfing den

Grafen und die Gräfin mit der gewichtigen Nachricht: »Mein Buch ist

fertig, der letzte Federstrich daran getan.«

Die Wirkung dieser Mitteilung auf die beiden war eine wesentlich

verschiedene.

Graf Hoyer empfand aufrichtige Freude über den Abschluß des Werkes,

dessen gedeihliches Werden sie tagtäglich miterstrebt und miterlebt

hatten. Gerlinde wurde jedoch schwer davon getroffen und suchte ihren

Schmerz über die nun unmittelbar bevorstehende Trennung nur dadurch zu

verbergen, daß sie schnell einspringend sagte: »Aber ich habe ja noch

nicht alles abgeschrieben; das kann doch das Ende nicht sein, was ich

zuletzt von Euch erhielt.«

»Nur ein Blatt fehlt noch, dessen Abschrift ich heute nachmittag selber

besorgen werde,« erwiderte Eike.

»Nein, gebt es mir!« bat sie, »ich will auch den Schluß noch schreiben.«

»Gut! so werd' ich's Euch schicken,« versprach er.

»Heute nachmittag? Ist's denn so eilig?« fragte der Graf. »Wann willst

du denn fort?«

»Morgen früh.«

»Warum denn morgen früh schon?«

»Es muß sein, Herr Graf! jeder Tag mehr macht mir den Abschied

schwerer.«

»Hast recht,« sprach der Graf, »mir geht es ebenso.«

Sie setzten sich zu Tisch, redeten aber wenig und aßen auch wenig; auf

allen dreien lastete die Trauer über das Scheiden.

Als sie aufstanden, sagte der Graf: »Heut' abend wollen wir noch

fröhlich sein. Schaff' ein würziges Mahl, Gerlinde, und einen guten

Trunk.«

Dann verfügten sie sich jeder in sein Gemach.

Dort schritt Gerlinde erregt und ruhelos auf und nieder. Es wollte ihr

nicht in den Sinn, daß morgen alles aus und vorbei sein sollte, was

seit dem knospenden Frühling, im blühenden Sommer und welkenden Herbst

bis zum eisfrierenden Winter ihre Tage und Gedanken erfüllt hatte.

An die Zukunft mochte sie nicht denken, und da kam die Vergangenheit

mit leisen Fittichen zu ihr herangeschwebt, umwob sie mit einem lichten

Schimmer wie sanftes Abendrot, zeigte ihr freundliche Bilder, mahnte

sie an frohe Stunden, und die Betrachtungen, die sich daran knüpften,

senkten Frieden in ihre wunde Seele.

Worüber hatte sie sich denn zu beklagen? War scheiden und meiden nicht

Menschenlos, so lange Staubgeborene auf Erden wandelten? und war ihr

Schicksal ein grausameres als das tausend anderer, die ihr Liebstes mit

blutendem Herzen hingeben mußten?

Eike schied von ihr nicht spurlos wie ein im nächtlichen Dunkel

verlöschender Stern. Sie wollte seine aufsteigende Lebensbahn weit

in die Ferne verfolgen, und er hinterließ ihr etwas, was ihr nie

entschwinden und was kein noch so feindliches Geschick ihr jemals

rauben konnte, -- ein beseligendes Glück. Oder wäre eine tiefinnige

Liebe, und zwar eine ebenso heiß erwiderte wie empfundene Liebe, selbst

unter der harten Bedingung und mit dem schweren Opfer der Entsagung,

kein Glück? Sie hatte es innerhalb dieser Schranken sattsam genossen,

und kein grauer Schatten trübte, keine bittere Reue vergällte ihr die

traumhaft süße Erinnerung.

Ihr wurde freier und leichter zu Mute; klar und bestimmt, mit

hausfraulichem Pflichtgefühl traf sie ihre Anordnungen für das

Abschiedsmahl.

Danach stapfte sie in schützender Umhüllung durch den Schnee zum Altan

und pflückte, weil es kein anderes Grün mehr gab, einige Efeuranken, um

daraus für Eike einen Kranz zu winden.

Von diesem Gange in ihr Zimmer zurückkehrend fand sie dort das Blatt,

das sie zur Abschrift noch von ihm verlangt hatte. Ohne Aufhören

schrieb sie, bis das letzte Wort auf dem Papiere stand, und schickte

beides Eike durch Melissa zu.

Dann flocht sie den Kranz, bog und formte ihn, hier locker und luftig,

dort dicht und gedrungen, dabei leise singend und summend und stets

den im Geiste vor sich, dem sie das Laubgewinde auf die Stirn drücken

wollte.

Darauf holte sie das Kursît hervor, das sie Eike heut überreichen

wollte, prüfte es noch einmal mit Kennerblick und legte es dann

sorgfältig wieder zusammen.

Inzwischen war es Zeit geworden, sich zum Mahle anzukleiden. Sie wählte

ein helles, festliches Gewand, ein reich verziertes, goldenes Schapel

für ihr Rabenhaar und ein von Edelsteinen blitzendes Geschmeide für

Hals und Brust. So geschmückt wollte sie heute vor Eike erscheinen, ihm

zu Ehren und zu ihrem Gedächtnis in seinem Sinn und Herzen.

[Illustration: »Bückt Euch ein wenig, hoher Ritter! ich will Euch für

Eure gloriose Arbeit feierlich krönen.«]

Im Speisezimmer hängte sie das Kursît über die Rücklehne seines

Stuhles, und als die Herren zugleich eintraten, ging sie mit dem

Kranz in der Hand auf Eike zu und sagte: »Bückt Euch ein wenig, hoher

Ritter! ich will Euch für Eure gloriose Arbeit feierlich krönen.« Er

beugte sich etwas herab, und während sie ihm den Kranz auf dem Haupte

zurechtrückte, fuhr sie fort: »Lorbeer, wie er Euch von Rechts wegen

gebührte, habe ich leider nicht; darum müßt Ihr mit Efeu von unserem

Altan fürlieb nehmen.«

»Von Euch bekränzt dünk' ich mich doch ein ~laureatus~ zu sein,«

erwiderte er, stolz auf die ihn berauschende Huld und Auszeichnung.

Sodann führte sie ihn an seinen Platz, wies auf das Kursît und sprach:

»Diesen Wappenrock bitte ich Euch zu meinem Angedenken mitzunehmen;

tragt ihn stets als Sieger im Turnier!«

Staunend besichtigte er die kostbare Stickerei und sagte: »Laßt mich

die fleißigen Hände küssen, die mir ein solches Prachtkleid gewoben

haben!«

Graf Hoyer hatte den beiden Vorgängen mit einem verschmitzten Lächeln

beigewohnt. Jetzt nahm er das Wort: »Das beste kann doch ich dir

bescheren, Eike!« Er griff in die Tasche, schwenkte dann einen Brief

in der Rechten und rief: »Hier eine Botschaft, die ihr gewiß mit

Freuden hören werdet! Es gibt keine Fehde, der Bischof von Halberstadt

duckt sich vor der verbündeten harzgräflichen Kriegsmacht. Die

Äbtissin Osterlindis schreibt mir, und diesmal eigenhändig, sie wisse

aus sicherster Quelle, daß der Bischof auf dringendes Anraten des

von dem greisen und weisen Dompropst Meinhard von Kranichfeld stark

beeinflußten Kapitels davon absehe, den Bann über dich zu verhängen.

Dagegen will er dich greulichen Ketzer beim Kanzler und Hofrichter

des Kaisers, Herrn Petrus de Vinea, verklagen und hofft von ihm ein

entschiedenes weltliches Einschreiten gegen dein verruchtes Gesetzbuch.

Graust dir davor, Eike?«

»Nein, Herr Graf!« lachte Eike. »Kaiser Friedrich spricht noch viel

weniger die Reichsacht über mich aus als Papst oder Bischof den

Kirchenbann.«

»Nun, dann können wir uns getrost zu Tische setzen. Schenk' ein,

Gerlinde, auf daß auch der Wein unsre Herzen erfreue!«

Die Gräfin füllte mit vor Erregung zitternder Hand die silbernen

Pokale, die heut aufgestellt waren, und der Graf fuhr fort: »Auf den

Frieden und auf unsere treue Freundschaft!«

Sie stießen miteinander an, und nachdem sie getrunken hatten, sprach

der Graf wieder: »Du hast mit deinem Werke eine große, befreiende, ewig

denkwürdige Tat vollbracht, Eike, und jetzt richte ich eine Frage an

dich, auf deren Beantwortung ich sehr begierig bin. Wie willst du es

nennen?«

»Der +Sachsenspiegel+ soll es heißen,« erwiderte Eike mit erhobener

Stimme.

»Der Sachsenspiegel?«

»Ja! der Titel stand bei mir fest, ehe ich eine Zeile geschrieben

hatte, und dem Kaiser Friedrich verdanke ich ihn. Er sagte in Cremona

zu mir: ›Du willst also den Sachsen einen Spiegel des Rechtes

vorhalten.‹ Das treffliche Wort merkte ich mir, Graf Hoyer, und unter

dieser Flagge soll mein hochgetakelt Schiff mit vollen Segeln in die

Flut des Lebens hinausfahren.«

»Dann: Gott segne den Sachsenspiegel!« rief der Graf, den Pokal noch

einmal schwingend.

»Und seinem Verfasser Ruhm und Ehre!« fügte Gerlinde mit strahlenden

Augen hinzu. »Das Sachsenvolk wird Euch jauchzend auf den Schild heben

und Euren Namen mit goldenen Lettern in die Chroniken schreiben.«

Eike tat mit dem Becher Bescheid, schwieg aber zu diesem Lobgesang und

betrachtete Gerlindes liebreizende Gestalt. Wie wunderschön sie heut

wieder war mit dem blinkenden Schapel, das wie ein Diadem ihr über den

Rücken lang herabfließendes Haar an Stirn und Schläfen umzirkte, und

mit dem funkelnden Geschmeid auf der wogenden Brust.

Nun plauderten sie fröhlich und gedachten der ganzen Zeit ihres

traulichen Beisammenhausens von dem Tage der Ankunft Eikes bis zur

gegenwärtigen Stunde.

»Weißt du noch, Eike,« erinnerte ihn der Graf, »wie wir oberhalb des

Reißaus -- so nennen sie nämlich dort dein Gasthaus am Scheidewege

-- im Walde unter der alten Eiche lagen, du mir von deinem Plan

erzähltest, und wie ich dich darauf einlud, zu uns auf den Falkenstein

zu kommen und hier dein Buch zu schreiben? Du schlugst das erst aus mit

allerlei schrulligen Bedenken, von denen ich dich jedoch bald bekehrte,

und dann schlugst du ein in meine Hand, unser Pakt war geschlossen, und

heut ist er bis auf den letzten Buchstaben erfüllt.«

»Ich weiß alles noch, Graf Hoyer, nur nicht, wie ich Euch für Eure

hingebende Gastfreundschaft danken soll.«

»Mit dem, was du uns in den sechs Monden hier gewesen bist, hast du uns

mehr gegeben als wir dir, und wer hier dem anderen Dank schuldet, das

mag ein Klügerer raten.«

»Mir aus der Seele gesprochen! ich schulde Euch mehr als ich sagen

kann,« stimmte Gerlinde zu, und Eike verstand, wie tiefinnerlich sie

das meinte.

Dann kamen sie auf den Abt von Gröningen und den Domdechanten von

Halberstadt zu reden und machten sich über beide lustig.

»Die Verhandlung mit dem Dechanten vergesse ich mein Lebtag nicht,«

sprach der Graf. »Das war ein gefährlich Ding, Eike, und hätten nicht

die anderen alle so treulich zu uns gehalten, hätte eine böse Saat

daraus aufschießen können. Dann hätten wir uns zu einer großen Fehde

wappnen müssen, und im Sachsenlande hätte es geraucht von brennenden

Städten und Dörfern. Übrigens, -- vom Fehderecht steht nichts in deinem

sonst alles umfassenden Bande.«

»Das ist Sache der Ritterschaft, Graf Hoyer, und geht das Volk im

großen und ganzen nichts an,« erwiderte Eike. »Auch der Krieg erfordert

menschliche Gesetze, und je ritterlicher sie sind, desto besser, aber

es ist nicht meines Amtes, sie aufzuschreiben. Rechtseinheit läßt sich

nicht mit bluttriefendem Schwert erzwingen, dazu muß Friede auf Erden

seien.«

Und ritterlich, herrlich schaute er aus, wie er das sagte. Gerlinde

trank ihm freudig zu und konnte den Blick nicht von ihm wenden.

Graf Hoyer brach auf. »Ich habe genug und will mich zu Bett legen.

Nein, du bleibst noch, Eike!« gebot er, »meine Frau leistet dir gern

Gesellschaft, und ich sehe dich noch morgen früh. Also zum letzten

Male Gute Nacht, Eike von Repgow!« Er winkte ihm und seiner Gemahlin

freundlich zu und begab sich zur Ruhe. --

Da saßen die zwei nun wieder allein am Tische wie bei dem Fest in der

Dirnitz, als der Graf ebenso von ihnen gegangen war und ehe sie hinauf

zum Altan gestiegen.

Sie sahen sich an, aber keiner konnte sprechen; die Stunde der Trennung

war da.

»Laßt uns scheiden, Gerlinde!« fing Eike aufstehend endlich an. »Wir

wissen alles einer vom anderen, zwischen uns waltet Herzenseinheit;

machen wir uns den Abschied nicht allzu schwer.«

Sie nickte stumm und erhob sich zögernd.

»Werdet Ihr wiederkommen, Eike?« flüsterte sie.

»Ich -- komme wieder, Gerlinde!«

Sie gab ihm die Hand, deren Beben er fühlte. »Fahrewohl!« hauchte sie.

»Lebewohl, Gerlinde!«

Rasch schritt er zur Tür. Doch ehe er hinaus war, hörte er hinter sich

gedämpfte Schmerzenslaute.

Er wandte sich um. Gerlinde stand regungslos und starrte ihn an mit

Augen, in denen verzehrende Sehnsucht glühte.

Da hielt ihn keine Macht im Himmel und auf Erden mehr von ihr zurück.

Er sprang in ihre ihm entgegengestreckten Arme, und sie küßten sich

heiß und lange.

Dann riß er sich los, ging davon und zog die Tür sacht hinter sich zu.

Gerlinde sank neben ihrem Stuhle nieder, legte das Antlitz auf den Sitz

und weinte, -- sie wußte selber nicht, ob vor herzbrechendem Leid oder

vor überschwenglichem Glück.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Kurz nach Weihnachten war es, da wehte auf dem Bergfried des

Falkensteins die schwarze Todesfahne. Graf Hoyer hatte das Zeitliche

gesegnet, ein Herzschlag hatte den urwüchsigen Stamm gefällt.

Die Trauer um den Hingang des hochgemuten, milden und gerechten Herrn

war in der Burg, in seiner Grafschaft und im ganzen Gebirge überall,

wo man ihn gekannt hatte und wohin der Ruf seines ritterlichen Wesens

gedrungen war, eine große und aufrichtige.

Gräfin Gerlinde war tief erschüttert. Der Verblichene war ihr in ihrer

kurzen Ehe ein treuer Gefährte gewesen, der sie mit selbstloser Liebe

gehegt und gepflegt, sie auf Händen getragen, ihr jeden Wunsch von den

Augen abgelesen und mit Freuden erfüllt hatte. Sie wollte sein Andenken

allezeit in Ehren halten.

Seinen beiden Söhnen, die am kaiserlichen Hof in Sizilien weilten,

wurde die schmerzliche Kunde sofort zugesandt. Das nahm freilich eine

lange Frist in Anspruch und geschah von der Abtei Walkenried aus, die

im deutschen Reich und bis nach Welschland hinein Zweigniederlassungen

hatte. Diese schickten Laienbrüder als stets wechselnde Boten von einem

Kloster zum anderen und beförderten auf solche Art von geregeltem

Nachrichtendienst Briefschaften und Meldungen in die entlegenste Ferne.

Den Harzgrafen, den Adelsgeschlechtern in den benachbarten Gauen und

vor allen Eike von Repgow überbrachten Knechte vom Falkenstein die

wehmütige Ansage. --

Eike hatte nicht geglaubt, daß er schon so bald wieder dahin

zurückkehren würde, von wo er vor fünf Wochen geschieden war. Still

ritt er, von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, durch den winterlich

schweigenden Wald zwischen kahlästigen Eichen und Buchen und dunkeln,

in dicke, weiße Schneepelze gehüllte Tannen. Er hatte seinen

väterlichen Freund wahrhaft verehrt und geliebt, und der unerwartet

früh eingetretene Tod des edlen Mannes ging ihm sehr nahe, aber --

Gerlinde war nun frei. Dieses Gedankens konnte er sich trotzdem nicht

entschlagen.

Das Wiedersehen der beiden war ein tief bewegtes. Nur einen festen

Händedruck und einen ernsten Blick tauschten sie, kein einziges Wort.

Auch die Harzgrafen, die unlängst so einmütig mit Hoyer gegen den

Domdechanten gestritten und so fröhlich mit ihn gebechert hatten,

fanden sich alle ein, um der Trauerfeier beizuwohnen und ihrem treuen

Wappengenossen die letzte Ehre zu erweisen.

Der Prior des Klosters Hagenrode hielt vor den in der Kapelle

versammelten Leidtragenden die Exequien ab, und die ihn begleitenden

Mönche sangen an der Bahre das düstere ~De profundis~. Nach der

Seelenmesse wurde der entschlafene Burgherr in der Gruft unter dem

Altar in seinen Steinsarg gebettet.

Dann ritten die Herren den Berg wieder hinab, und auch bei seiner

Verabschiedung von Gerlinde blieb Eike so stumm wie bei seiner

Ankunft. --

Die junge Witwe schloß sich von allem Verkehr mit der Außenwelt

unnahbar ab und lebte in völliger Einsamkeit. Nur ihre Freundin Gräfin

Irma von Mansfeld machte ihr einen Beileidsbesuch. Als sie aber eine

Andeutung in die Zukunft mit bezug auf Eike wagte, wehrte Gerlinde mit

einer Handbewegung jede Aussprache darüber ab.

Niemand konnte ihr ins Herz sehen, ob sich dort Wünsche und Hoffnungen

regten, aber verschwiegene, sehnende Grüße flogen durch die Lüfte

zwischen ihr und Eike hinüber und herüber. --

Eike nahm aus einem Kloster unweit seiner Heimat ein paar Mönche

zu sich nach Reppechowe und ließ durch ihre Hände seine Arbeit

vervielfältigen, die er nun an die Harzgrafen und andere ihm

befreundete Herren schickte. Von allen erhielt er Dankschreiben voll

lobender Anerkennung und geriet dadurch in einen Briefwechsel, der ihm

zu großer Genugtuung gereichte und seine Tage ausfüllte.

Als die wärmere Jahreszeit herankam, fing er an zu bauen und sein

festes Herrenhaus behaglich einzurichten, als hätte er über kurz oder

lang vornehme und verwöhnte Gäste zu beherbergen, und auch diese

Beschäftigung machte ihm Freude, besonders im Hinblick auf den Zweck

der wohnlichen Veränderungen.

So verging ein Monat nach dem andern. Immer mehr Abschriften des

Sachsenspiegel wanderten ins Land zu Fürstenhöfen, Rittersitzen,

Schöffenstühlen und Ratskollegien, und bald klang der Name des

Verfassers bewundert von Gau zu Gau. -- --

Fast anderthalb Jahre waren seit der Vollendung des Werkes verstrichen.

Es war wieder Mai, und Eike saß wieder unter den blühenden Apfelbäumen

im Garten des Gasthauses am Scheidewege, hatte wieder zwei Becher vor

sich auf dem Tische und unsichtbar sich gegenüber seinen unvergeßlichen

Freund Hinrik Warendorp, mit dem er stumme Gedankenzwiesprach hielt.

Was sagst du nun, Hinrik? begann er lautlos ohne die Lippen zu

bewegen. Jetzt bin ich auf der Brautfahrt und hole mir die in mein

Haus, der mein ganzes Herz zu eigen ist. O könntest du mitkommen,

Hinrik, und Gerlindes Brautführer sein! Ach, und könntest du mein Buch

lesen, Hinrik, über dessen Entstehen und Werden wir so manchesmal

beraten und gebrütet haben, in Bologna schon und hier unter diesem

blütenstrotzenden Apfelbaum! Erinnerst du dich? Hinrik, Hinrik, du hast

mir oft gefehlt im letzten Lustrum, aber niemals so wie jetzt auf dem

Ritt zum Falkenstein, hoch über dem waldesgrünen Selketal.

So dachte Eike, nahm die zwei Becher in seine Hände, stieß mit dem

einen an den andern und trank aus beiden zu des lieben, toten Freundes

ehrendem Gedächtnis. -- --

In der Schloßkapelle wurde das Paar vom Hagenröder Prior getraut. Graf

Otto, der jetzige Gebieter der Grafschaft, war Gerlindes Brautführer,

und bei dem prunkvollen Hochzeitsmahl waren die Mansfelder Herrschaften

und die Grafen Heinrich von Hohnstein und Johann von Blankenburg

geladene und freudig teilnehmende Gäste.

Dann entführte Eike seine in Schönheit blühende, von Glück strahlende

junge Frau nach seiner Heimat an der Elbe, machte aber auf dem Wege

dahin Rast mit ihr im Gasthaus am Scheideweg und erzählte ihr an

seinem Lieblingsplatz im Baumgarten von seinem Freunde Hinrik Warendorp.

Zu Reppechowe, in der fruchtbaren, doch jedes landschaftlichen

Reizes ermangelnden Ebene, fand sich Gerlinde schnell in ihre neue

Häuslichkeit hinein und genoß an der Seite des geliebten Gatten

eine Herzensseligkeit, der sie oft mit Gesang und Harfenspiel

schwärmerischen Ausdruck gab.

In Eikes Arbeitszimmer entdeckte sie ein Andenken, dessen Aufbewahrung

sie innig freute. Seinem Schreibtisch gerade gegenüber, so daß, wenn er

den Kopf hob, sein Blick darauf fallen mußte, hing an der Wand über dem

Schrein, der seine gesammelten Urkunden und Papiere barg, der nun welke

Efeukranz, den sie ihm zum Abschiedsmahl auf dem Falkenstein gewunden

hatte.

* * * * *

Der Sachsenspiegel hatte einen ganz unvergleichlichen Erfolg und

wurde in mehr als zweihundert schönen Pergamentabschriften, zum

Teil mit farbenprächtigen, goldgehöhten Initialen, Majuskeln und

Randverzierungen verbreitet, Handschriften, die zu den kostbarsten

Schätzen staatlicher und städtischer Büchereien gehören. Obwohl nach

Eikes Tode von Papst Gregor XI. als ketzerisch verdammt, wurde er doch

sehr bald das allgemein und am höchsten geltende Recht im Sachsenlande

zwischen Elbe und Weser, dann bis an den Rhein, an Nord- und Ostsee, in

den baltischen Provinzen, im slavischen Osten und in den Niederlanden.

In manchen Gegenden Deutschlands ist er mit einzelnen seiner Sätze

und Bestimmungen noch immer lebendig, und die Rechtsgelehrten finden

selbst in vielen neueren Gesetzen seine unverkennbaren Spuren. Auch

wurde er die einflußreiche Quelle und das Vorbild für das süddeutsche

Gesetzbuch, den noch zu Eikes Lebzeiten entstandenen Schwabenspiegel.

Unbestritten ist der Sachsenspiegel das bedeutendste gesetzgeberische

Werk zwischen den Kapitularien Karls des Großen und unserm heutigen

Bürgerlichen Gesetzbuch.

Seine Bedeutung reicht aber über das Juristische des Inhalts noch

hinaus. Er bewirkte überall, wo er Fuß faßte, einen geistigen,

sittlichen und wirtschaftlichen Aufschwung des nationalen Lebens und

brachte dem Volke das Bewußtsein nahe, einem durch ihn geschaffenen

Ganzen anzugehören, das, ob auch in verschiedene Stämme geteilt, fortan

unter einem einheitlichen Recht und Gesetz stand. --

Das Geschlecht derer von Repgow blühte nach seinem gelehrten Ahnherrn

noch fast sechs Jahrhunderte. Der letzte seines Stammes, Johann von

Repgow, war Oberstleutnant in einem preußischen Füsilierbataillon und

starb 1812 ohne männliche Nachkommen.

Um Eikes Stirn aber flocht an Stelle des Efeukranzes, den ihm die Liebe

wand, die dankbare Nachwelt den Lorbeer unvergänglichen Ruhmes.

Julius Wolffs

Sämtliche Werke

(Vollständig in zwei Serien)

Inhaltsbeschreibung der ersten Serie

Romane = 8 Bände

Geheftet à 3 M., elegant gebunden à 4 M.

Einzelne Bände werden nicht abgegeben.

Der Raubgraf.

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 19 / 20 段