Im Dechanten wallte es grimmig auf. »Unerhört!« stieß er erregt aus.

»Ihr treibt das Spiel zu hoch.«

»Spiel? das ist kein Spiel, es ist uns allen bitterer Ernst damit, Herr

Domdechant!« drohte der Graf von Regenstein.

»Wirklich? Fast sieht es so aus. Die Herren scheinen sich im geheimen

schon verständigt zu haben. Waret ihr denn auf mein Kommen vorbereitet?«

»Wir sind auch -- gewarnt worden,« versetzte Graf Hoyer anzüglich, »und

jetzt, hochwürdiger Herr, wollet uns mitteilen, an welchen Satzungen

des Ritters Ihr Anstoß nehmt.«

»Gern will ich das, Herr Graf! dazu bin ich ja hier,« sagte der

Halberstädter, der auf diese Aufforderung nur gewartet hatte. »Also

zum ersten! da steht: der Papst darf den Kaiser nicht bannen. Diese

Bestimmung ist ein offenbares ~sacrilegium~. Der Papst ist das

unfehlbare Oberhaupt aller Christenheit und kann bannen und lösen

nach seinem alleinigen Bedünken. Schon mancher Papst hat einen Kaiser

gebannt, und erst vor ein paar Jahren hat der heilige Vater seinen

trotzigen Widersacher, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten in den

Bann getan.«

»Kein Papst kann Ghibelline sein,« rief Graf Johann von Blankenburg.

Ohne den Zwischenruf zu beachten, fuhr der Prälat fort: »Dem Papste

das Bannen verbieten zu wollen, ist ein keckerer Angriff auf die

unantastbare Hoheit der Kirche, als wenn Ihr dem Kaiser das Recht der

Begnadigung absprechen wolltet. Aber höret weiter. In dem Buche steht

geschrieben: kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder Mönch, und kein

Stift oder Kloster darf Laiengut erben.«

»Vortrefflich! damit wird der geistlichen Erbschleicherei ein Riegel

vorgeschoben,« lachte der Hohnsteiner. »Den Bettelstab ließet Ihr

pfänden, wenn etwas aus ihm herauszuschlagen wäre, euch und eure

Klöster zu bereichern.«

»Wir suchen nicht die Säckel, sondern die Seelen,« verwies ihn der

Dechant. »Ferner heißt es: jedweder Christenmensch soll auf der

Dingstatt einen Fürsprecher haben, aber kein Pfaffe darf es sein.«

»Wozu auch?« meinte einer der Grafen. »Auf der Dingstatt muß

Wahrheit und Freiheit des Wortes herrschen, und die zu vertreten taugt

kein Pfaffe.«

»Was ist Wahrheit? was ist Freiheit? kann mir das einer von euch

sagen?« fragte stolz der Kapitular. »Ihr schweigt; dann weiter!

da steht: jeglicher Schatz, der tiefer in der Erde liegt, als die

Pflugschar geht, kommt in des Königs Gewalt, auch wenn er auf

bischöflichem Grund und Boden gefunden wird.«

»Grabt ihr geistlichen Herren nach Schätzen, die weder Motten noch Rost

fressen, und sammelt euch welche im Himmel, wie die Heilige Schrift es

lehrt,« ließ sich endlich auch Graf Botho von Stolberg vernehmen.

Der Dechant streifte ihn mit einem vorwurfsvollem Blicke, daß selbst er

sich den anderen anschloß. Dann sprach er: »Ich glaube, edle Herren,

daß ich euch nun der ketzerischen Stellen genug angeführt habe, die

mich zur entschiedenen Verdammung des neuen Gesetzbuches drängen.

Wenn --«

»Aha! kreuzige! kreuzige!« brüllte Hohnstein dazwischen.

»Wenn ihr aber deren mehr begehret,« -- er griff in die Tasche seines

langen Priestergewandes und holte einige beschriebene Blätter daraus

hervor, die er empor hielt, -- »hier habe ich ihrer noch etliche.«

Eike von Repgow, der mit steigender Verwunderung den Reden seines

Gegners gefolgt war, fragte jetzt: »Habt Ihr mir beim Schreiben über

die Schulter gesehen, Herr Domdechant? denn alles, was Ihr hier

vorgebracht habt, steht wörtlich so in meinem Buche.«

»Wir haben einen zauberkundigen Klosterbruder in unseren Diensten, der

die Kunst besitzt, sich unsichtbar zu machen,« erwiderte der Dechant

mit einem boshaften Lächeln auf den schmalen Lippen. »Der hat hinter

Euch gestanden, Herr Ritter von Repgow, hat sich die ihm mißfälligen

Stellen aufgezeichnet und sie uns schwarz auf weiß in seiner schönen

Mönchsschrift übereignet.«

»Wollt Ihr mir einen Einblick gestatten, hochwürdiger Herr?« mischte

sich jetzt Graf Hoyer ein, von einer plötzlichen Unruhe erfaßt.

[Illustration: »Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der

Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.]

»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab

dem Grafen die Papiere.

Der Graf blickte hinein und sank erschrocken an die Rücklehne seines

Stuhles. Dann rief er erbittert: »Eike, +den+ Klosterbruder kennen wir

und seinen würdigen Abt auch!« Damit reichte er die Schriften seinem

jungen Freunde über den Tisch hin.

»Oh der Bube! der schändliche Bube!« grollte Eike, nachdem er

hineingesehen hatte.

»Eike,« fing der Graf wieder an, »draußen auf dem Gange wirst du

Folkmar finden. Bitte, sag' ihm, er solle sofort den Torwart hierher

bescheiden.«

Eike tat nach des Grafen Wunsch.

Die anderen saßen alle sprachlos und begriffen nicht, was das zu

bedeuten hatte.

Der Dechant aber ahnte den Zusammenhang des hier Vorsichgehenden

und schaute ärgerlich und bestürzt darein. Er hatte angenommen, die

Abschrift rühre von niemand anders als von einem Mönche des Klosters

Gröningen her, der ihren Inhalt den mündlichen Mitteilungen eines

zufällig Eingeweihten verdankte, dessen Namen man dem Domkapitel nicht

genannt hatte. Nun bereute er, die Papiere aus der Hand gegeben und

damit den arglistigen Trug enthüllt zu haben.

Es ward eine lange, unheimliche Stille, bis der Torwart eintrat.

»Goswig,« befahl der Graf, »die Zugbrücke hoch! kein Mensch kommt aus

der Burg hinaus ohne meine ausdrückliche Erlaubnis!«

Goswig verbeugte sich und verschwand.

Darauf wandte sich der Graf zum Kapitular: »Der Famulus des Ritters

ist in Eurem Auftrage bestochen worden und hat Euch diese Auszüge

verräterischerweise angefertigt und ausgeliefert; es ist seine

Handschrift. Er wird es zu büßen haben; mit Euch, Herr Domdechant,

verhandle ich nicht mehr; Ihr kämpft nicht mit ehrlichen Waffen.«

Zornbebend erhob sich der Dechant. Aber mit erzwungener Ruhe sprach er:

»Dann habe ich nur noch die Frage an den Ritter von Repgow zu richten,

ob er widerrufen und die ketzerischen Bestimmungen in seinem Buche

ändern und tilgen will.«

»Nicht ein Wort!« erklärte Eike.

»So wird der hochwürdigste Bischof nicht umhinkönnen, den großen

Kirchenbann über Euch zu verhängen,« entgegnete streng und finster

blickend Herr Anno von Drondorf.

Da sprangen alle auf und schrien laut durcheinander. »Er wage es!« hieß

es. »Wir Harzer zittern nicht vor Kutte und Krummstab mit gefaltenen

Händen und gebogenen Knien.«

Graf Hoyer winkte ihnen: laßt mich reden! Und er sprach: »Wenn das

geschieht, Herr Domdechant, daß der Ritter von Repgow seines gar nicht

hoch genug anzuschlagenden Werkes wegen gebannt wird, sage ich im Namen

aller hier anwesenden Herren dem Bischof ab und kündige ihm die Fehde

an. Mit unsern Lehnsleuten und unserm reisigen Volk werden wir ihn

überfallen, ihn von seinem Sitz vertreiben, sein Land mit Feuer und

Schwert verheeren und verwüsten. Das meldet Eurem Bischof!«

»Es geschehe nach Gottes gewaltigem Willen!« sagte der Dechant. »Ich

habe hier nichts mehr zu reden und zu tun und verabschiede mich von

euch, erlauchte Herren, mit schwerem Herzen, aber mit dem Bewußtsein,

meine Pflicht erfüllt zu haben.«

Graf Hoyer erwiderte nur: »Für Euch, Herr, ist die Brücke frei.«

Eine stumme Verbeugung, und der Gesandte des Bischofs schritt langsam

und mit steifem Nacken aus dem Gemach.

Sobald er hinaus war, brach der Sturm los. Sie drückten Hoyer und Eike

die Hand und wußten sich vor Freude nicht zu lassen.

»Horrido!« jauchzte Graf Hohnstein, »die Gäule aus dem Stall! Fehde,

Fehde mit dem Bischof von Halberstadt! das klingt wie Hifthornschall

und Rüdengeläut auf der Fährte eines geweihten Hirsches.«

»Und unser Feldgeschrei ist: ›Rechtseinheit in ganz Sachsenland!‹« rief

Graf Hoyer.

»Rechtseinheit in ganz Sachsenland!« wiederholten einstimmig und

begeistert alle die anderen. Der Bund der Harzgrafen war geschlossen

und besiegelt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Nun gab es mittags doch ein freudigeres Mahl als gestern abend. Wie

nach einem erfochtenen Siege saßen sie alle frohgemut an der Tafel,

und der Mann mit dem steinernen Gesicht und dem hohlen, verschleierten

Blick war nicht mehr unter ihnen. Eike wurde der Ehrenplatz an der

Seite der Gräfin zugewiesen, und das Tischgespräch drehte sich

ausschließlich um die Verhandlung mit dem verfolgungssüchtigen

geistlichen Gegner, wobei die Herren sich mit Behagen an die scharf

gewürzten Reden und Antworten erinnerten, die sich wie blitzende

Klingen gekreuzt hatten.

Als Gerlinde erfuhr, daß Wilfred heimlich für den Abt von Gröningen

Auszüge aus dem Gesetzbuch angefertigt hatte, war sie einesteils über

diese Schändlichkeit empört, andernteils aber beruhigt, daß sie sich

nun keine Vorwürfe mehr zu machen brauchte, als hätte sie durch ihre

Andeutungen zu dem hinterlistigen Aushorcher den gefährlichen Streit

wider Willen angezettelt.

Sie flüsterte Eike zu: »Also bin doch nicht ich die Verräterin, die das

Unheil über Euch heraufbeschworen hat, Eike.«

»Das habe ich auch nie geglaubt, Gerlinde,« erwiderte er leise. »Ich

wußte, daß Ihr daran unschuldig waret.«

»Was wird nun mit dem nichtswürdigen Menschen?« fragte sie.

»Er ist eingesperrt. Der Graf hat ihm den Befehl gesandt, sein Zimmer

unter keinen Umständen zu verlassen; im nächsten Gauding soll über ihn

abgeurteilt werden.«

Die Grafen unterhielten sich darüber, was der Bischof tun, ob er

ungeachtet ihrer drohenden Haltung den Kirchenbann über Eike verhängen

würde.

»Er wird sich dreimal besinnen,« sagte Graf Burkhard von Mansfeld.

»Unsere Macht ist zu groß, und wir werden noch Bundesgenossen werben;

ich nehme den Fürsten Heinrich von Anhalt auf mich.«

»Ich den Grafen Christian von Wernigerode,« fiel der Blankenburger ein.

»Und sollte der Bischof sein Aufgebot an Kriegsmannen etwa verstärken,

so tun wir dasselbe und bringen wohl auch den Landgrafen Hermann von

Thüringen und den Markgrafen Dietrich von Meißen noch auf unsere

Seite,« meinte der Graf von Regenstein.

»Laßt euch doch darum keine grauen Haare wachsen,« sprach Graf Hoyer.

»Der Bischof wird es nimmermehr wagen, uns durch Bannung unseres

Freundes Repgow kecklich herauszufordern.«

»Oh er ist ein gar trutziger Herr, der, wo er Gelegenheit dazu hat,

gern den streitbaren Kirchenfürsten herauskehrt,« behauptete Graf Botho

von Stolberg.

»Mir soll's recht sein,« lachte der Hohnsteiner, »ich reite mit

Vergnügen zur Abwechslung auch einmal gegen einen Bischof an.«

»Wenn es aber, was Gott verhüte, meinethalben zu einer großen Fehde

oder gar zu einem weitschichtigen Kriege kommen sollte, dann möchte ich

auch in Helm und Harnisch mit Euch zu Felde ziehen, Herr Graf,« sagte

Eike.

»Der Wunsch ist begreiflich und wird Euch mit Freuden erfüllt werden,

damit Ihr selber Eurem Gesetzbuch in den Reihen Eurer Feinde mit dem

Schwerte Bahn brecht,« erwiderte der Hohnsteiner.

Und dann trägt er vielleicht mein Kursît einmal über der Rüstung,

dachte Gerlinde.

Alle wollten sich gern für den Ritter schlagen, der dem Domdechanten so

mannhaft die Stirn geboten hatte. Das ihm dafür reichlich gespendete

Lob machte Gerlinde so stolz, als würde es ihr selber gezollt. Immer

mußte sie sich zu ihm hinwenden und den gefeierten Helden und Gelehrten

zu ihrer Linken bewundernd ansehen.

Am anderen Morgen zogen die fünf Grafen mit ihrem Gefolge fröhlich vom

Falkenstein ab, nachdem ihnen Eike für ihren entschlossenen Beistand

noch einmal gedankt hatte. --

Nun wurde es wieder still und friedlich in der Burg. Eike war wieder

fleißig an der Arbeit, als wäre seit seinem Ritt nach Quedlinburg

nichts Besonderes hier vorgegangen. Es fehlten nur noch wenige Artikel

zur Vollendung seines Werkes, und er beeilte sich nicht damit, weil er

das Scheiden von Gerlinde gern noch etwas verzögern wollte.

Sie wußte, daß es kaum Wochen, vielleicht nur noch Tage waren bis

zur Trennung, vor der ihr graute. Soviel wie möglich suchte sie

seine Gesellschaft, denn ihrer bemächtigte sich eine so verlangende

Sehnsucht, wie sie sie glühender noch nie empfunden hatte. Wenn sie

mit ihm allein war, was jetzt häufiger geschah denn je, rollte ihr

das Blut wie flüssiges Feuer durch die Glieder, und mehr als einmal

war sie nahe daran, sich an seine Brust zu werfen und sich an dieser

Zufluchtstätte ihrer grenzenlosen Liebe auszujubeln oder auszuweinen.

Eike war es, der den Kopf oben behielt und die Herrschaft über sich

nicht einen Augenblick verlor, doch Gerlinde merkte es ihm an, wie

schwer auch er mit sich kämpfte, und jeder las im Herzen des andern: o

wärest du mein! Aber -- ein blankes Schwert lag zwischen ihnen.

Graf Hoyer sah, was in den beiden sich regte, doch kein Groll stieg

in ihm auf, denn er fühlte, auch seine Tage waren gezählt, nur in

einem andern Sinn als die seines jungen Freundes. Nicht die leiseste

Andeutung, auch nicht im Scherze, entschlüpfte ihm darüber, daß er

wußte, wie es mit ihm bestellt war. Auch die Erkenntnis seines eigenen

Schicksals verhehlte er ihnen sorgsam, und das Verhältnis zwischen den

dreien blieb ein ungetrübt heiteres und trauliches wie es immer gewesen

war.

Gerlinde trug Eike die schüchterne Bitte vor, er möge ihr erlauben, an

Wilfreds Statt die noch übrige Abschrift zu übernehmen.

Das freundliche Anerbieten rührte ihn, doch weigerte er sich, der

geliebten Frau diese Mühwaltung aufzubürden.

»Ihr machtet mir eine Freude damit, Eike,« sprach sie. »Denkt doch,

welche Erinnerung es für mich wäre, bei dem letzten Abschnitt Eures

Buches ein klein wenig mitgewirkt zu haben!«

Da willigte er ein, denn ihm wäre es ein reiches Geschenk, einige

Blätter, von Gerlinde geschrieben, zu besitzen, die er zeitlebens

aufbewahren würde.

Nun saß sie in ihrem kleinen Gemach, ließ Stickrahmen und Harfe bei

Seite und schrieb, was der Liebste geschaffen hatte. --

Wilfred hockte in seinem Kämmerlein, obwohl er nicht eingeschlossen

war, wie in einem Kerker, geknickt und reuevoll am leeren Tisch, von

dem ihm die fertigen Abschriften durch Folkmar abgeholt worden waren.

Die Begebenheiten der letzten Tage hatten die schlimmste Wendung

für ihn genommen. Er war, wie er es nach dem geübten Verrat schon

gefürchtet, wirklich in die Grube gefallen, die er dem Ritter gegraben,

und nicht diesen, sondern ihn selber hatte das Verhängnis getroffen.

Melissa war trostlos, ehe sie noch wußte, was eigentlich vorgefallen

war. Sie besuchte den Gefangenen, und auf ihre Frage, was er denn

Böses verbrochen, gestand er ihr seine Untat, zu der ihn der Abt von

Gröningen verleitet hätte.

»Das ist also deine Rache für den Fuchs. Fred, Fred, was hast du

angerichtet!« jammerte sie, »hast dich ins Unglück gestürzt, und

deines Bleibens auf dem Falkenstein kann nimmer sein. Was wird mit dir

geschehen? und was wird aus mir ohne dich?«

»Das weiß der Himmel!« seufzte er. »Ich bin ein verfemter Mensch; sie

werden mir auf der Richtstatt die Schreiberhand abhacken, mit der ich

gesündigt habe.«

Ihr schauderte bei diesen Worten. Sie umschlang ihn, herzte und küßte

ihn, um ihn aus seiner tiefen Kümmernis aufzurütteln.

In ihren Armen vergaß er das Verzweifelte seiner Lage und erwiderte

ihre Liebkosungen mit einer Leidenschaft, gegen die sich das

schmiegsame Mädchen nicht sträubte.

Dann setzte sie sich ihm auf's Knie, und ihren zerzausten Blondkopf

an seine Schulter lehnend beriet sie mit ihm, ob nicht eine Rettung

möglich wäre.

Aber Wilfred schüttelte zu allem, was Melissa vorschlug, ungläubig

den Kopf und fand selber keinen Ausweg, den Banden zu entrinnen, in

die er verstrickt war. »Goswig ist mein geschworener Feind und wird

mir gegenüber niemals ein Auge zudrücken,« sprach er mutlos. »Er kann

es auch gar nicht, denn er ist für mich verantwortlich und der Graf

würde ihn aus dem Dienst jagen, wenn er mich auskommen ließe. Gib jede

Hoffnung auf!«

Mit tränenbenetztem Antlitz entwand sie sich ihm.

Zwei Tage später aber kam sie wieder zu ihm geschlichen in der

Dämmerung und mit einem Bündel, das sie vor ihm entfaltete. »Hier

hast du ein Kleid von mir,« sagte sie, »das ziehst du an und stiehlst

dich darin zum Tor hinaus; es dunkelt schon, aber die Zugbrücke ist

noch nicht hoch. Goswig wird dich für eine Magd halten, deren Friedel

draußen auf sie wartet, und wird dich nicht anrufen. Auch habe ich ihm

soeben noch einen großen Krug Bier geschickt, von dem er so leicht

nicht aufsteht.«

Wilfred dankte ihr, von der Hoffnung belebt, durch die klug ersonnene

List zur Freiheit zu gelangen, in der herzlichsten Weise, und Melissa

half ihm schnell und geschickt in das Kleid hinein.

Erst freute sie sich und lachte über seine Verwandlung in ein

Mädchen, dann aber sprach sie betrübt: »O Fred! werden wir uns jemals

wiedersehen? wohin gehst du nun?«

»Ich weiß schon, wo ich Unterschlupf finde, sobald ich aus der

Burg heraus bin,« beruhigte er sie. »Ich pilgere schnurstracks

nach Gröningen und bitte um Anstellung als Schreiblehrer in der

Klosterschule, aus der sie mich einst verstoßen haben. Der Abt hat

mir versprochen, sich meiner anzunehmen, wenn ich in Not geriete.

Vielleicht kann ich auch dort sogar einmal Bibliothekar werden.«

»So geh mit Gott!« schluchzte sie an seinem Halse, entwich und eilte

in den Burghof hinab, um aus einem Versteck den Verlauf der Flucht zu

beobachten.

Sie sah, wie sich Fred in der Dämmerung dicht an den Hofgebäuden

entlang drückte, manchmal horchend stehen blieb und dann behutsam

weiterschlich. Ungeduld und fiebernde Angst erfaßte sie, daß er

dabei so langsam vorwärts kam, und der Atem stockte ihr, als er beim

Torstübchen noch einmal anhielt, um zu spähen und zu sichern, ehe er

sich an der offnen Tür vorübertraute.

Plötzlich schritt er rasch aus, aber in seiner großen Erregung nicht

leise genug.

Goswig mußte das Geräusch seiner Schritte vernommen haben und schaute

auf. Die weibliche Gestalt da draußen schien ihm verdächtig; das war

keine der Burgmägde. Er trat aus seinem Häuschen heraus, und als die

Eilige auf seinen Anruf nicht stand, sprang er ihr hurtig nach.

Nun wurde gerade das, was Wilfred retten sollte, Melissas Kleid, zu

seinem Verderben, denn weil es ihm oben etwas zu eng war und ihm unten

die Glieder bis auf die Füße umbauschte, hinderte es ihn im Laufen.

Goswig war ihm bei der Verfolgung bald auf den Fersen, holte ihn ein

und hatte eine diebische Freude an seinem Fange.

»Erbarmt Euch, Goswig, und laßt mich los!« bettelte der am Kragen

Gepackte.

»Nichts da! Du und Melissa, ihr meintet einmal, ich könnte nach dem

dritten Kruge Bier nicht mehr Mann und Weib unterscheiden. Jetzt habe

ich dir gezeigt, daß ich das trotz deiner Verkappung doch kann, und

ich bin dir auch noch den Lohn für die angeleimte Pelzkappe schuldig,«

höhnte Goswig. »Komm, mein Bürschlein! jetzt sperr' ich dich fester

ein.«

An einen Faustkampf mit dem noch sehr rüstigen und kräftigen Torhüter

konnte Wilfred in der ihn einspannenden Frauenkleidung nicht denken,

und so mußte er sich von dem hartherzigen Alten widerstandslos abführen

lassen in das mit Schloß und Riegel versehene Turmgewölbe, aus dem ein

Entweichen nicht möglich war.

Melissa, zu Tod erschrocken, flog die Treppe hinauf zur Gräfin, fiel

ihr zu Füßen, erzählte ihr mit halb von Weinen erstickter Stimme,

was sich eben ereignet hatte, und flehte sie an, beim Herrn Grafen

die Begnadigung Wilfreds zu erwirken. Er habe sich nur auf Anstiften

des Abtes von Gröningen zur Herstellung der Abschriften bequemt und

sich auch an Herrn von Repgow für das Erschießen seines gezähmten

Fuchses rächen wollen. Zugleich bekannte sie, dem Schreiber bei seinem

Fluchtversuche mit der Hergabe eines ihrer Kleider behilflich gewesen

zu sein.

Die Gräfin wußte bis jetzt noch nichts von dem Fuchse, fühlte jedoch

ihrer getreuen Zofe wegen, deren Neigung zu Wilfred ihr nicht verborgen

geblieben war, Mitleid mit den beiden und versprach, für den Bösewicht

bei ihrem Gemahl ein gutes Wort einzulegen, dessen Erfolg sie freilich

nicht verbürgen könne.

Melissa küßte ihrer huldvollen Herrin die Hand und entfernte sich,

Hoffnung im Herzen. --

Ganz glatt ging das schwierige Unternehmen, den erzürnten Grafen zu

versöhnen, zwar nicht vonstatten, aber er ebnete unabsichtlich der

wohlwollenden Vermittlerin den Weg dazu.

Am Abendtische lachte er gleich anfangs ein paarmal vergnügt vor

sich hin, und als ihn Eike und Gerlinde darob anstaunten, begann er

schmunzelnd: »Ihr werdet nicht raten, worüber ich lache. Denkt euch,

vor kaum zwei Stunden ist der Taugenichts und Hansnarr, der Wilfred,

vom Torwart bei einem verwegenen Fluchtversuch erwischt worden und noch

dazu in Weiberkleidung! Der Affe muß also unter unseren Burgschönen

eine Liebste haben, die ihn mit ihrer Sonntagswat ausstaffiert hat.

Jetzt sitzt er aber in einem Gewahrsam, aus dem er nicht wieder

auskommen wird. Was sagt ihr zu dem Possenspiel?« schloß er immer noch

lachend.

»Ich kann dir mehr darüber mitteilen als du weißt, Hoyer,« sprach

Gerlinde. »Die Weiberkleidung hat ihm Melissa geliehen, und als er von

Goswig wieder eingefangen war, hat sie mich fußfällig angefleht, ihm

deine Verzeihung zu erwirken.«

»Was? dem Halunken soll ich verzeihen? davon kann gar keine Rede sein,«

entgegnete der Graf.

»Höre mich weiter!« bat die Gräfin. »Wilfred ist vom Gröninger Abt zu

dem Verrat aufgestachelt und verführt worden. Daneben hat er sich an

Eike rächen wollen, weil der ihm seinen gezähmten Fuchs, mit dem er im

Walde wie mit einem folgsamen Hunde verkehrte, erschossen hat.«

Eike sagte höchst verwundert: »Von Wilfreds Fuchse habe ich nie etwas

gehört. Jetzt kann ich mir auch seinen Schrecken erklären, als ich ihm

den toten Liebling an den Kopf warf, und ihm seinen Schmerz darüber und

sein Rachegelüst vollkommen nachfühlen. Das sind nun doch Umstände,

Herr Graf, die eine mildere Beurteilung des Falles erheischen und der

Erwägung wert sind.«

Der Graf schwieg.

Aber Eike ließ nicht ab und fuhr inständig fort: »Es ist, glaub' ich,

die erste Bitte, Graf Hoyer, die ich an Euch richte; erfüllt sie mir!

übt Gnade gegen den Verbrecher und gebt ihn frei.«

»Eike, du, der Mann des Gesetzes, verlangst, daß Gnade vor Recht

ergehe? Das verstehe ich nicht,« erwiderte der Graf.

»Laß dich erweichen, Hoyer!« drang auch Gerlinde auf ihn ein, seine

Hand ergreifend.

Graf Hoyer blickte den einen und die andere nachdenklich und noch

unschlüssig an. Endlich gab er nach. »Na, sei's drum! Euren vereinten

Bitten und besonders deiner hochherzigen Fürsprache, Eike, will ich

mich nicht halsstarrig verschließen. Der windschaffene Gesell ist frei,

vogelfrei und soll sich zum -- Kuckuck scheren!«

»Ich danke dir, Hoyer!« sprach die Gräfin, »und wie wird sich Melissa

freuen!«

»Halt einmal! Melissa!« rief der Graf, schon wieder lachend. »Sie ist

seine Mitschuldige; was fangen wir mit der an? sie auch verstoßen? Dann

schweifen die zwei als fahrende Leute schnorrend und schnarrenzend,

echtlos, rechtlos in der Welt umher, und dazu ist das Mädchen zu gut.

Und sie als Nonne in ein Kloster zu vergraben, wäre doch auch nicht zu

verantworten.«

»Das gäbe eine lustige Nonne,« lächelte Gerlinde. »Nein, nein! von

Melissa trenne ich mich nicht, sie bleibt, wo ich bleibe; ich will ihr

Tugendwächter sein und ihr einmal einen wackeren Mann verschaffen.«

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Der Winter zog frühzeitig ins Gebirge ein. Als die auf dem Falkenstein

eines Morgens erwachten, sahen sie den Wald ringsum voll Rauhreif,

in dessen feinen Nadeln und Kristallen sich die vom klaren Himmel

scheinende Sonne flitternd und glitzernd spiegelte. Das Jungvolk, die

Sträucher und Stauden, hatte sich bräutlich zarte Spitzenschleier

umgehängt, als wollten sie alle zur Kirche gehen, und die alten,

ernsthaften Bäume machten das mit und taten, als wollten sie

den Weihnachtsmann oder Knecht Ruprecht spielen. Aber für eitel

Mummenschanz war das Gepränge doch viel zu schön, zu feierlich und

herrlich; nur schade, daß der holde Zauber nicht lange Stand hielt.

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 18 / 20 段