Eikes Überzeugungen achtete sie aufs höchste, und bei so wesentlich
voneinander abweichenden Anschauungen, wie die seinigen und die ihrigen
waren, mußte einer von beiden, er oder sie, im Irrtum sein. Sie war in
Ehrfurcht vor der christlichen Kirchenlehre, deren Satzungen ihr als
oberstes, unumstößliches Gebot im menschlichen Leben galten, erzogen
und aufgewachsen und hatte nie von anderen Rechten gehört als von den
altererbten des Lehnsherrn gegen seine Lehnsleute, und nun kam ein
ritterlicher Mann, der sich gegen die bisher unbestrittene geistliche
Macht aufbäumte, ganz neue Begriffe von Recht und Unrecht aufbrachte
und deren Anwendung in allen Verhältnissen und in allen Schichten des
Volkes durchsetzen wollte. Aber -- und das gereichte ihr doch wieder
zur Beruhigung -- er wandelte diesen viel Mut und Selbstvertrauen
erfordernden Weg nicht allein, ihr Gemahl und seine gräflichen
Standesgenossen schritten neben ihm, ihn mit dem Klange ihrer Namen,
und, wenn nötig, mit Waffengewalt zu schützen und zu stützen.
Da mußte die in einfältige Frömmigkeit gewiegte Frau wohl an
ihrem Wunderglauben irre werden und sich der besseren Einsicht
welterfahrener Männer unterwerfen. Jetzt war ihr sehnlichster Wunsch,
dem Lanzenstechen zwischen dem Ritter und dem Dechanten beiwohnen zu
dürfen, was man ihr aber schwerlich gestatten würde. --
Von den abgeschickten Boten kehrten zwei noch an demselben Abend
zurück, der dritte erst am nächsten Mittag. Sie brachten von sämtlichen
Geladenen Zusagen mit Ausnahme des ältesten von ihnen, des Grafen
Christian von Wernigerode, den eine Unpäßlichkeit zu kommen verhinderte.
Schon zwei Tage vor Mariä Opfer traf als erster Graf Burkhard von
Mansfeld ein, und tags darauf kamen die Grafen Johann von Blankenburg
und Günther von Regenstein angeritten. Diese drei Herren waren über
Eikes Pläne bereits unterrichtet und mit ihm in vollem Einverständnis.
Deshalb verschob man allen Meinungsaustausch bis zur Ankunft der noch
fehlenden Grafen Heinrich von Hohnstein und Botho von Stolberg, die für
seine Bestrebungen erst gewonnen werden mußten, was Hoyer und Burkhard
auf sich nahmen.
Auch die beiden aus dem Helmgau fanden sich rechtzeitig ein, und
zwar ebenso wie die übrigen Herren ohne ihre Gemahlinnen, worüber
Wilfred wieder den Kopf schüttelte, darauf neugierig, ob trotzdem die
Äbtissin von Quedlinburg mit einigen ihrer Stiftsdamen zu dem Festmahl
erscheinen würde, das man dem Reppechower zu Ehren anrichtete.
Fünf der Harzgrafen waren nun um den sechsten, den Falkensteiner,
versammelt und begaben sich, nachdem auch die zwei Letztgekommenen die
Schloßherrin höflich begrüßt hatten, in Hoyers Gemach, um sofort mit
ihren Besprechungen zu beginnen.
Die Veranlassung zu dieser eilig anberaumten Tagung kannten sie alle
schon aus Hoyers Einladungsschreiben, und dieser hielt nun seinen
Gästen einen klaren, fließenden Vortrag über die für Volk und Vaterland
unschätzbar hohe Bedeutung der in Rede stehenden gesetzgeberischen
Arbeit, dem die Hörer mit gefesselter Aufmerksamkeit folgten. Dann
machte er ihnen Mitteilung von dem sich dagegen erhebenden Widerspruch
der Geistlichkeit, der unzweifelhaft aus dem Munde des morgen
eintreffenden Domdechanten von Halberstadt einen vom Bischof genau
vorgezeichneten Ausdruck finden dürfte.
An den mit allseitigem Beifall belohnten und auf fruchtbaren Boden
gefallenen Vortrag knüpfte sich eine Reihe besonders von den beiden
Helmgauern gestellter, die verschiedenen Rechtsgebiete berührender und
ins einzelne gehender Fragen, auf die Eike oder auch die Grafen Hoyer
und Burkhard mehr oder minder ausführlichen Bescheid gaben.
Heinrich von Hohnstein, eine reckenhafte Gestalt mit markigen,
gebräunten Zügen, der man den heißspornigen Kampfhahn und wetterharten
Pirschgänger auf den ersten Blick ansah, erkundigte sich nach der
Behandlung des Forst- und Wildbannes in dem Gesetzbuch, und als ihm
Eike befriedigende Auskunft über Hegung und Schonung und über den
Schutz gegen Wild- und Holzdiebe erteilte, lachte er dröhnend auf:
»Dann habt Ihr mich schon mit Leib und Seele im Sack und könnt von
mir verlangen, was Ihr wollt. Um all das andere Zeug scher' ich mich
den Teufel, das fegt Ihr besser auf einen Haufen als ich, Ritter von
Repgow!«
Graf Botho von Stolberg, ein bedachtsamer, kirchenfreundlicher Herr,
äußerte sich dahin, daß man doch auf die Stellung der Geistlichen im
Reich und im Volke gebührliche Rücksicht nehmen und ihnen hie und da
des lieben Friedens willen ein wenig durch die Finger sehen müsse.
»Was? des lieben Friedens willen, Botho?« fuhr der Hohnsteiner wild
auf. »Halten denn die Pfaffen Frieden oder stiften sie Haß, Verfolgung
und Zwietracht? Was fragen die nach Kaiser und Reich, nach Volk und
Vaterland! Herrschen und gebieten wollen sie und wie Tyrannen schalten
und walten. Ihre die Wahrheit verdrehenden Hetz- und Schimpfworte, mit
denen sie wie mit Pflastersteinen um sich werfen, klingen weiß Gott!
nicht nach Frieden, und wo es gilt, ihrem frechen Hochmut den Garaus zu
machen, da schlag' ich wuchtig mit drein!«
Darüber kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. Der Stolberger
verteidigte den Klerus, aber die anderen pflichteten dem Hohnsteiner
bei, trieben den Grafen Botho ungestüm in die Enge und redeten, oft
alle zugleich, so lange auf ihn ein, bis er endlich keine stichhaltigen
Gegenvorstellungen mehr vorzubringen wußte. Den Grafen Günther von
Regenstein, der auch ein rascher Draufgänger war, suchte sein Freund
Johann von Blankenburg zu zügeln, und den Hohnsteiner zu besänftigen
hatte Graf Hoyer viel Mühe.
Diesen ermahnte Graf Burkhard von Mansfeld, sich nicht zu große
Anstrengungen beim Sprechen zuzumuten. Er riet, die Verhandlungen
für heute abzubrechen und erst in Gegenwart des Domdechanten
weiterzuführen, dem gegenüber er auf festen Zusammenhalt und volle
Einstimmigkeit der Anwesenden hoffe.
Damit waren alle einverstanden. Die wenigen noch nicht ganz
ausgeglichenen, aber leicht überbrückbaren Spaltungen in der Erörterung
von Nebendingen wurden beiseite gelassen, und keiner der über die
Grundzüge der neuen Rechtsordnung schon so gut wie Geeinigten trug
dem andern ein derbes Wort nach, das ihm in der Hitze des Gefechts
ungewollt entschlüpft war.
Längst waren im Zimmer die Kerzen angezündet, und schon vor einer
halben Stunde hatte Folkmar den Kopf zur Tür hineingesteckt und dem
Schloßherrn zugewinkt, daß es Essenszeit wäre. Das war jedoch in dem
eifrigen Reden und Streiten von niemand beachtet worden.
Jetzt erschien unerwartet Gräfin Gerlinde, was allgemeine Verwunderung
und Freude erregte und dem bereits erklärten Burgfrieden eine gewisse
Weihe gab. Die ritterlichen Herren erhoben sich und vernahmen aus dem
Munde ihrer verehrten Wirtin die anmutig einladende Mitteilung, daß der
Tisch gedeckt sei.
»Halali!« rief Heinrich von Hohnstein in singendem Ton. »Verzeiht, Frau
Gräfin! wir konnten mit meinem alten Freunde Stolberg nicht fertig
werden; er will den Papst entthronen und allen Geistlichen vom Bischof
bis zum letzten Leutpriester den Brotkorb höher hängen. Mich dauerten
die armen Unterdrückten, schwer Verkannten, und ich trat mit ein paar
begütigenden Worten entschieden für sie ein. So ist uns die Zeit im
Fluge vergangen, aber jetzt sind wir einig und ganz zu Euren Befehlen,
holdeste aller Frauen!«
Da lachten sie alle, auch Botho von Stolberg und Gerlinde, die den
bitteren Spott des unbändigen Raufboldes deutlich herausfühlte.
Graf Burkhard von Mansfeld bot der Gräfin den Arm und führte sie in den
Speisesaal, wo er an der Tafel zu ihrer Linken Platz nahm, während Graf
Hohnstein ihr Nachbar zur Rechten wurde. Eike wußte es einzurichten,
daß er neben dem Grafen von Stolberg zu sitzen kam, den er gern noch
ein wenig zu seinen Gunsten bearbeiten wollte.
Es ging bei Tische sehr lustig her. Heute waren sie ja noch unter sich,
ohne den Domdechanten, und dachten nicht daran, wie das morgen und
übermorgen werden würde, wenn die Schlacht zwischen geistlicher Willkür
und weltlicher Rechtsordnung geschlagen war.
Die Herren erzählten sich Jagdabenteuer, Fehdegeschichten und
Reiterstücklein, sprachen von Pferden und Hunden und auch wohl von
Frauenschönheit und Minne.
Graf Hohnstein war an der Seite der Gräfin von sprudelnder Laune, doch
sie hielt ihn in Schach, daß er nicht zu weit über die Stränge schlug,
wobei ihr Graf Burkhard redlich half. Übrigens gewährte sie ihm große
Nachsicht und konnte über seine tollen Späße herzlich lachen.
Eike führte mit dem Stolberger Grafen ein halblautes Gespräch und
schien sich in der Tat mit dem ernsten Manne leidlich zu verständigen.
Gerlinde horchte hin und warf zuweilen ein ermunterndes Wort
dazwischen, um ihn auf heitere Dinge abzulenken. Dann lächelte er ihr
freundlich zu, ließ sich aber in seinem Bestreben, den Grafen für sich
zu gewinnen, nicht stören.
Die beiden Grafen von Blankenburg und Regenstein plauderten miteinander
über Forst- und Feldwirtschaft und ergötzten sich an den drolligen
Einfällen des Hohnsteiners und den schlagfertigen Erwiderungen des
Mansfelder Grafen.
Nur Graf Hoyer war schweigsam. Ihn beschäftigte fortwährend die
ziemlich stürmisch verlaufenene Beratung, denn er fühlte sich
verantwortlich für alles, was sich in den nächsten Tagen hier auf
seiner Burg entrollen und entladen würde.
Erst zu später Nachtstunde hob Gerlinde die Tafel auf, und damit endete
das für alle Gäste erfreuliche Mahl.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Heute war die Vigilie von Mariä Opfer und das Eintreffen des
Domdechanten zu erwarten. Da er jedoch vor Mittag kaum hier sein
konnte, hatten die Grafen den Morgen zu ihrer freien Verfügung, was der
von ihnen erzielten Einigung sehr zustatten kommen sollte.
Nach gemeinschaftlich genossenem Frühmahl wünschte Graf Botho von
Stolberg eine nochmalige kurze Besprechung der Herren mit dem Ritter
von Repgow, weil er ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten habe.
Sie gingen willig darauf ein und saßen bald um ihn versammelt wieder
in Hoyers Gemach. Dort nahm er das Wort und erklärte, er habe
während der halb schlaflosen Nacht die ihm gemachten eindringlichen
Vorstellungen auf das genaueste erwogen und gestehe zu, daß sich die
Geistlichkeit allerdings manche unerträglichen Übergriffe in weltliche
Hoheitsrechte und Lehnsverhältnisse zuschulden kommen lasse, denen
mit Ernst gesteuert werden müsse. Da ihm viel daran liege, sich mit
seinen lieben Freunden und Wappengenossen in vollem Einklang zu
befinden, ziehe er seine gestern erhobenen Bedenken gegen einige
anfechtbare Bestimmungen des neuen Gesetzbuches hiermit zurück, wenn
ihm der Herr Verfasser nur in einem Punkte nachgeben wolle. Es heiße,
geistliches Recht und weltliches sollen miteinander gehen; er schlage
jedoch vor, daß die Rechtsverfahren ganz voneinander getrennt würden
und in rein geistlichen Angelegenheiten, die mit weltlichen Händeln
nichts zu schaffen hätten, die geistlichen Gerichte allein urteilen
sollten und ebenso umgekehrt. Eine derartige, streng durchgeführte
Sonderung empfehle sich sowohl aus Gründen der Gerechtigkeit wie
der Zweckmäßigkeit, um unbefugte Einmischungen, Mißhelligkeiten und
Reibereien in Zukunft zu vermeiden. Er bitte die Herren, sich über
seinen Vorschlag zu äußern.
Sie blickten zu Eike hin, um erst die Meinung des Rechtsgelehrten zu
hören.
Der sprach nach kurzem Besinnen: »Das ist ein guter, annehmbarer
Vorschlag, den ich als Kanon meinem Buche einverleiben werde mit dem
Wunsche und unter der Voraussetzung, daß er überall richtig ausgelegt
und gewissenhaft befolgt wird.«
Seinem Ausspruch stimmten die anderen gern zu, voller Freude, daß
mit diesem Zugeständnis die angestrebte Einmütigkeit erreicht war,
welchem Gefühl Graf Hohnstein Ausdruck verlieh, indem er die Hände
zusammenschlagend ausrief: »Na, da wären wir ja nun Gott sei Dank!
alle ein Herz und eine Seele. Nun möge das strahlende Kirchenlicht aus
Halberstadt den bischöflichen Segen über uns arme Sünder ausgießen.
Wir wollen den Leisetreter mit Sammetpfötchen bewillkommnen und mit
Blechhandschuhen verabschieden.«
Sie lachten über die von dem lustigen Helmgauer ausgegebene Losung, und
die Sitzung war aus.
Darauf zerstreuten sich die Herren und vertrieben sich die Zeit bis
zur Mittagsstunde jeder nach seinem Belieben. Der Mansfelder und der
Stolberger besichtigten die Rosse in den Ställen. Graf Hohnstein ging
mit Eike auf den Altan und schaute zu den Bergen hinüber und in den
Forst, ob sein scharfes Jägerauge nicht äsendes oder ziehendes Wild
entdeckte. Die beiden immer aufgeräumten Grafen von Blankenburg und
Regenstein klopften bei der Gräfin an und machten ihr, da sie ihnen
in ihre Kemenate einzudringen erlaubte, um die Wette den Hof, was
sich Gerlinde in Huld und Gnade gefallen ließ. Graf Hoyer aber blieb
in seinem Zimmer und streckte sich zu einer kurzen Ruhe aus, deren er
dringend bedurfte. --
Als das Mittagessen längst vorüber war und es zu dämmern begann,
erscholl vom Bergfried ein ungewöhnlicher Hornruf, der den Wissenden
die Ankunft des Domdechanten verkündete und Gerlinde aus träumenden
Gedanken aufschreckte, denn mit dem feierlich Angeblasenen nahte sich
das dem Geliebten drohende Verhängnis.
Graf Hoyer stieg die Treppe hinab, um den Prälaten zu empfangen, mochte
diesen auch eine so rücksichtsvolle Aufmerksamkeit Wunder nehmen und
vielleicht kopfscheu machen.
Die Begrüßung war eine beiderseits ehrerbietige. Der Dechant hielt das
Entgegenkommen des Schloßherrn für eine althergebrachte Gepflogenheit
beim Ertönen der Fanfare vom Turm und fand dies einen sehr lobenswerten
Brauch. Der Graf aber geleitete den neuen Gast in das für ihn bereite
Losament, wo er ihn der Bedienung Folkmars überließ.
Wilfred hatte gesehen, daß ein hoher Geistlicher in den Burghof
geritten war, und witterte sofort, daß dieser Besuch eine Folge von dem
des Abtes von Gröningen war, der nun doch endlich Unkraut in Repgows
blühenden Weizen gesät zu haben schien. Also darum die festlichen
Vorbereitungen, die ihm jetzt weniger zu einer Ehrung Eikes als zu
einem Henkermahl für diesen geeignet däuchten. Teils frohlockend,
daß das Verderben den Bücherwurm ereilte, teils bangend vor dem, was
ihm selber dabei widerfahren könnte, verkroch er sich still in sein
Kämmerlein.
In einem großen Gemache waren sämtliche Grafen mit Eike von Repgow um
die Gräfin geschart, die durch ihre Gegenwart dem Empfang eine heiter
gesellige Form geben sollte, welche Aufgabe, als es so weit war,
Gerlinde auch mit Geschick und Anmut löste.
Beim Eintritt des Dechanten flog ein kaum merkliches Zeichen des
Erstaunens über sein Gesicht, das aber ebenso schnell wieder
verschwand, wie es aufgeblitzt war. Mit weltmännischer Gewandtheit
verneigte er sich vor der Gräfin und wechselte ein paar artige Worte
mit ihr. Jedem der Grafen, die ihm alle bekannt waren, reichte er
die Hand und fragte nicht nach den Umständen dieses unverhofften
Wiedersehens. Dann kam Eike an die Reihe, dessen Namen ihm Graf Hoyer
nannte, obschon der geistliche Herr ohnehin nicht zweifeln konnte, daß
er den jetzt vor sich hatte, den hier zu finden er sicher gewesen war.
Da standen sie nun, von allen Anwesenden heimlich beobachtet, die
beiden, der Kapitular und der Ritter, Auge in Auge gegenüber und maßen
sich mit prüfenden Blicken. Sie waren sich ihrer Stellung zueinander
bewußt, aber ihre Mienen verrieten nichts Feindseliges, und die Ursache
ihrer Begegnung hier auf dem Falkenstein wurde auch in ihrem flüchtigen
Gespräch nicht berührt. In ihrem Innern waren sie kampfgerüstet,
äußerlich wahrten sie eine achtungsvolle Höflichkeit.
Herr Anno von Drondorf war von hochgewachsener, hagerer Gestalt mit
einem bleichen, scharf geschnittenen Antlitz, grauem Haar und einem
Paar tief in ihren Höhlen liegender Augen, über die sich dichte,
geradlinige Brauen zogen. Seine Bewegungen waren gemessen, seine
Redeweise kühl und überlegt, seine ganze Erscheinung würdig und
vornehm. Aber unter der Maske der Ruhe und Zurückhaltung ließ sich
seinem sicheren Auftreten nach unerschütterliche Willenskraft und
Entschlossenheit vermuten.
Man kam alsbald in ein allgemeines Gespräch, das sich unter absichtlich
reger Beteiligung der Gräfin in ebenen Geleisen hielt und sich mühsam
bis zur Tischzeit hinschleppte.
Nachher, im Speisesaal, wurde das anders. Der Domdechant, der zwischen
Gräfin Gerlinde und dem Grafen Johann von Blankenburg saß, wachte aus
seiner Versonnenheit auf und unterhielt sich mit seinen Tischnachbarn
sehr lebhaft über klösterliche Kunst und Wissenschaft und über
geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit, wobei er öfter das Wort an
den ihm gegenübersitzenden Eike richtete, um dessen Kenntnisse auch in
Dingen zu erforschen, die außerhalb seines Faches, der Rechtspflege,
lagen.
Gerlinde freute sich zwar über die Zuvorkommenheit des Prälaten
gegen den Gelehrten, ließ sich aber dadurch nicht bestechen und zu
schmeichelnden Hoffnungen verführen, sondern war beständig auf der Hut,
jeder etwa verletzenden Äußerung zwischen den beiden vorzubeugen. Es
bedurfte jedoch solcher Fürsorge nicht, denn von keiner Seite kam es zu
Erörterungen, die den Frieden hätten stören können.
Auch Graf Hoyer bemühte sich, seinem Gaste das Verweilen in einem
Kreise, in dem er nur Gegner um sich hatte, so angenehm wie möglich
zu machen und hielt seinen Freund Hohnstein, der immer auf dem Sprunge
war, den Halberstädter herauszufordern und zu reizen, beschwichtigend
im Zaune.
Als zum Nachtisch noch ein neuer Wein aufgetragen wurde, fragte der
Dechant den Grafen Hoyer, ob es ihm recht sei, wenn er morgen früh in
der Burgkapelle eine Messe läse.
Der Graf nahm das Anerbieten mit verbindlichem Dank an, worauf sich der
Dechant erhob und die Gesellschaft nach einer leichten Verbeugung in
die Runde schnell verließ.
Die anderen blieben noch beisammen, um ihre Eindrücke von dem ernsten,
aber gefällig umgänglichen Mann auszutauschen.
Graf Burkhard von Mansfeld meinte: »Nach dem äußeren Verhalten des
hochwürdigen Herrn fürchte ich für morgen keine schweren Zerwürfnisse
zwischen ihm und uns.«
»Trau' ihm nicht, Burkhard!« riet Graf Hohnstein. »Er wird uns morgen
die Krallen schon zeigen, die er heute noch versteckt hielt, und
scheint in allen Sätteln gerecht zu sein; ich bin auf ein scharfes
Rennen mit ihm gefaßt.«
»Es wäre mir lieb, wenn wir einen allzu harten Zusammenstoß mit ihm
vermeiden könnten,« sagte Graf Hoyer.
»Aber von Nachgeben unserseits kann doch keine Rede sein,« fuhr Graf
Günther von Regenstein auf.
»Vielleicht kämen wir mit Milde weiter als mit Schroffheit,« sprach
Botho von Stolberg.
»Mit Milde, Botho!« spottete Hohnstein. »Reich' einem Pfaffen den
kleinen Finger, und er nimmt die ganze Hand. Du stehst ihm von uns
allen am nächsten und solltest ihn doch besser kennen.«
»O Gott! wie wird das werden?« seufzte Gerlinde.
»Es wird nicht so heiß hergehen, wie Ihr denkt, Frau Gräfin,« tröstete
sie Johann von Blankenburg. »Der Prälat ist an Selbstbeherrschung
gewöhnt und im Kapitel gut geschult.«
»Aber an Spitzfindigkeit uns allen über,« fiel der Hohnsteiner sofort
wieder ein.
»Mich soll er nicht überlisten, Herr Graf,« mischte sich endlich auch
Eike in das Gespräch. »Bei dem, was ich mit ihm auszumachen habe, lasse
ich mich in keiner noch so fein gelegten Schlinge fangen.«
Diese Versicherung aus dem Munde des einzigen Gefährdeten freute die
Grafen und wirkte auch auf Gerlinde beruhigend, so daß die Besprechung
über den schwer zu durchschauenden geistlichen Herrn damit ihren
Abschluß fand. --
Als am anderen Morgen das Glöcklein zum Gottesdienst rief, begaben
sich sämtliche Insassen der Burg in die Kapelle, so viele darin Raum
hatten, um die Messe zu hören, zu der die nötigen Prachtgewänder auf
dem Falkenstein vorhanden waren. Ein junger Jäger versah das Amt des
Ministranten, und Gräfin Gerlinde sang zur Erhöhung der Feier eine
von Harfenspiel begleitete Hymne, die sie schon als Mädchen in ihrer
fränkischen Heimat gelernt hatte.
Das Mittagmahl war heute später angesetzt als sonst, weil, sobald der
Zelebrant seinen Morgenimbiß verzehrt haben würde, die Verhandlungen
beginnen sollten, deren Dauer nicht im voraus abzuschätzen war.
Laut Verabredung versammelten sich die Herren im Gemache des Grafen
Hoyer, wo sie den Domdechanten nicht ohne einige Spannung auf das, was
er hier vorbringen würde, erwarteten.
Als er eintrat, wunderte er sich aufs neue, auch jetzt, zu dieser
wichtigen Beratung, die Grafen wieder alle beisammen zu finden, und
schloß daraus, daß er hier nicht bloß mit Eike von Repgow, sondern auch
mit den gewiß zu dessen Beistand herbeigeeilten Machthabern zu kämpfen
haben würde.
Er unterdrückte jedoch seine Überraschung, und nachdem er in der Mitte
seiner mutmaßlichen Gegner am Tische Platz genommen hatte, hub er ohne
Säumen an: »Ihr erratet wohl, erlauchte, edle Herren, mit welchem
Auftrage mich mein hochwürdigster Bischof hierher entsandt hat. Ich
soll gegen das von dem hier anwesenden Herrn von Repgow verfaßte
Gesetzbuch Einspruch erheben, weil es in einzelnen Teilen seines
Inhaltes den Grundsätzen und Überlieferungen unserer heiligen Kirche
zuwiderläuft und dem Ansehen der ihrem Dienste geweihten Geistlichen
Abbruch tut.«
»Darf ich vorerst fragen, hochwürdiger Herr,« schaltete Graf Hoyer ein,
»wie Ihr auf die Vermutung gekommen seid, daß die Rechtsauffassung des
Ritters von Repgow den Grundsätzen der Kirche zuwiderläuft?«
»Wir sind gewarnt worden, Herr Graf,« entgegnete der Dechant, ohne
den Namen des Warners zu nennen, und fuhr dann, sich an Eike wendend,
sogleich fort: »Erklärt mir, Herr Ritter von Repgow, mit welcher
Absicht Ihr Euer Buch geschrieben habt.«
»Mit der Absicht, in ganz Sachsenland Rechtseinheit zu schaffen,
in allen Herzogtümern und Grafschaften, allen Städten und Dörfern,
gleiches Recht für alle ohne Unterschied des Standes und der Geburt,«
lautete unverzüglich Eikes Antwort.
»Habt Ihr auch wohl in Betracht gezogen, ob es Gottes Wille sein kann,
daß Ihr den einen nehmt, was Ihr den andern gebt?«
»Ich gebe Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber
auch dem Volke, was des Volkes ist.«
»Das klingt fromm und christlich, Herr Ritter! und doch geht Ihr in
Eurem Buche auf eine Trennung von Recht und Glauben aus.«
»Nein, hochwürdiger Herr! Ich ehre Gottes heilige Gebote, aber der
Glaube hat nichts zu schaffen mit der Erkenntnis des Guten und des
Bösen beim Urteilen und Richten über eine vollführte Tat.«
»Unsere Erkenntnis von gut und böse ist Stückwerk wie all unser
Wissen,« erwiderte der Prälat. »Das aber unterliegt keinem Zweifel:
zwischen kanonischem und öffentlichem Recht besteht ein unvereinbarer
Gegensatz.«
»Das bestreit' ich, Herr Domdechant! Wenn jedermann Recht geschieht und
niemand Unrecht, kann die Kirche und die Laienwelt zufrieden sein.«
»Da täuscht Ihr Euch. Mit Gesetzen könnt Ihr der Menschheit den
seelischen Frieden, der doch hienieden das Höchste ist, nicht
gewährleisten.«
»Aber ihm ein gutes Fundament schaffen. Auf vernünftigen, allgemein
gültigen Gesetzen beruht die Sicherheit und Wohlfahrt des einzelnen
wie der Gesamtheit, und eine geordnete Rechtspflege, zu der das
Volk Vertrauen hat, ist eins der unschätzbarsten Güter, die man ihm
bescheren kann.«
»Ein wahres Wort!« rief Burkhard von Mansfeld, worauf sich im ganzen
Kreise unverhohlener Beifall kundgab.
»Euer gräflich Hochgeschlecht in unverbrüchlichen Ehren, edle Herren,«
kehrte sich der Kapitular zu den Umsitzenden, »aber mit gnädiger
Erlaubung frage ich euch: sind wir etwa bisher ohne Rechtsprechung
im deutschen Reiche gewesen? Seit unvordenklichen Zeiten ist von den
Schöffenstühlen unter Königsbann nach alter, guter Gewohnheit geurteilt
worden.«
»Und auf den althergebrachten Volks- und Gewohnheitsrechten habe ich
mein neues Recht aufgebaut und von ihnen so viel darin beibehalten,
wie nur möglich war,« beschied ihn Eike. »Aber mit dem schauderhaften
Wirrwarr, daß in jedem Gau, nein, in jeder Stadt ein anderes Recht
gilt, muß endlich von Grund aus aufgeräumt werden.«
»Ja, hochwürdiger Herr, das ist unser aller Meinung,« fiel Graf Hoyer
ein, und die anderen stimmten ihm zu.
»Eure Dignität auch in unverbrüchlichen Ehren, Herr Domdechant,«
spottete Graf Hohnstein, »doch wisset: unsere Landsassen, Semperfreien,
Bürger und Bauern verlangen mit demselben Maße gemessen zu werden wie
die Höchsten im Reiche, einzig den Kaiser ausgenommen, ob sie eine
Krone auf dem Haupte tragen oder die Inful, oder ob sie barhäuptig
und barfuß gehen. In den festen Schranken des Gesetzes soll der
Schöffenstuhl über allem, auch über dem Bischofsstuhl stehen.«