Liebe zu ihr sprach, hatte sie erwartet, daß er ihr diese Liebe noch in
anderer Weise als bloß mit Worten bezeugen würde.
Wie konnte sie das nur erwarten! Hatte sie denn vergessen, was sie
sich nach seiner Rückkehr von Reppechowe gelobt hatte den festen
Vorsatz, nichts mehr von ihm verlangen zu wollen? Brach doch wieder
die Sehnsucht nach seinen umfangenden Armen in ihr durch? Nicht um
diese Sehnsucht zu stillen, hatte sie ihn zu sich berufen, sondern nur
zu einer offenen Aussprache und aufrichtigen Versöhnung, die ja auch
schnell zustande gekommen war und deren es gar nicht bedurfte, weil er
der Reumütigen nicht im mindesten zürnte. Dabei war es ihnen beiden
heiß ums Herz geworden, und Eike, um -- wie sie deutlich erkannte --
die Versuchung seiner eigenen Erregtheit zu fliehen, war just so eilig
ihr entronnen wie sie damals ihm beim Schachspiel auf dem Altan.
Sie aber drängte es, dem schmerzlichen Vermissen dessen, was sie einen
Augenblick erhofft hatte, in Tönen Ausdruck zu geben, nahm die Harfe
zur Hand und sang:
Ich muß dich, Liebe, fragen:
Schaffst du mehr Lust, mehr Leid?
Sind Geben und Versagen
Dir wie ein wechselnd Kleid?
Bald läßt du Rosen mich brechen
Und bald von Dornen mich stechen.
Ich weiß, mit welchen Mächten
Die Herzen du gewinnst,
An Tagen und in Nächten
Sie zauberstark umspinnst.
Du lockst mit seligen Freuden,
Hast Schätze zu vergeuden.
Doch fährt auf hohen Wogen
Das Glück gradwegs daher,
Weicht mir aus im Bogen
Und grüßt mich nimmermehr.
Stets muß ich schweigend mich fügen,
Hoffnungen schmeicheln und trügen.
Glaubt' ich's zu guter Stunde
Schon fest an mich geknüpft,
Ist's meinem durst'gen Munde
Flugs wiederum entschlüpft.
Es ist ein Nahen und Schwinden,
Ein Suchen und doch kein Finden.
Nun saß sie, dachte nur an Eike von Repgow und sah ihn im Geiste,
wie er vor ihr gestanden hatte, wägend und mit sich kämpfend, was er
tun sollte. Um sich seine männliche Erscheinung noch deutlicher und
herrlicher vorzustellen, öffnete sie eine eichengeschnitzte Truhe,
nahm das nun fertige Kursît heraus und betrachtete es sinnend. Es
mußte ihn prächtig kleiden, aber die Ritter pflegten es über Brünne
und Halsberge zu tragen. Würde sie Eike jemals geharnischt im Sattel
sehen, wo doch, wie der Abt gemeint hatte und sie selber glaubte, weit
eher sein Platz war als am pergamentbeladenen Schreibtisch? Träumerisch
vergegenwärtigte sie sich sein Bild im Schmucke dieses blauseidenen
Wappenrockes, den sie ihm schenken wollte, wenn er auf immerdar von
dannen ritt. »Auf immerdar!« sprach sie traurig, den Wappenrock wieder
verschließend. »Möchtest du noch lange hier ruhen, Werk meiner Hände!«
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Auf Burg Falkenstein bewegte sich alles wieder in den gewohnten
Geleisen von Ruhe und Behaglichkeit, und der Besuch des Abtes hatte
keinerlei Nachwirkungen.
Graf Hoyer wurde ganz irr an dem vorwitzigen Prälaten, gegen dessen
Anschläge er bereits Vorsichtsmaßregeln angeordnet hatte und der nun
doch nichts Feindliches wider ihn oder Eike zu planen schien. Sollte er
dem ehrenwerten Gottesmann mit seinem Verdacht Unrecht getan haben? Das
wollte ihm nicht einleuchten, und in völlige Sicherheit ließ er sich
durch dessen vorläufige Untätigkeit noch nicht einwiegen, weil er dem
Frieden nicht traute.
Die Gräfin aber war glücklich, daß nichts von dem geschah, womit ihr
der Graf nach ihrem Gespräch mit dem geistlichen Herrn bange gemacht
hatte, und glaubte an keine Gefahr mehr für Eike, zumal ihr dieser alle
Besorgnis so überzeugend ausgeredet hatte.
Der Meistbeteiligte, Eike, sah in dem Zwischenfall nur eines der
Hindernisse, die jeder nach einem hohen Ziel Strebende auf seinem Wege
zu überwinden hatte, und dachte nicht weiter daran.
Dagegen befand sich Wilfred in einer täglich wachsenden Aufregung
und konnte nicht begreifen, warum der Hochwürdige von den ihm
eingehändigten Auszügen noch immer keinen Gebrauch machte. Ihn
stachelte ungeduldige Rachsucht, die ja der Beweggrund zu seinem
schnöden Verrat gewesen war und deren für Eike verderbliche Folgen er
schadenfroh mit ansehen wollte.
Trotzdem war ihm unheimlich zumute, denn er verhehlte sich nicht, daß
von diesen Folgen einige auch ihn selber treffen konnten, wenn es sich
durch eine strenge Untersuchung herausstellte, daß er der hinterlistige
Unterstützer des gegen Eike einzuleitenden Verfahren gewesen war.
Er hatte seine Drohung, sich für den Schuß auf den Fuchs rächen zu
wollen, in Gegenwart Melissas ausgestoßen. Das Mädchen war ihm herzlich
zugetan und unbedingt ergeben, konnte aber, wenn es dazu gezwungen
wurde, zu einer ihn schwer belastenden Zeugin werden, deren fast
überführender Aussage gegenüber ihm kein Leugnen half.
Dann war er gerichtet und geächtet, mußte sein Bündel schnüren und
wieder als Vagant in die weite Welt hinaus wandern, was für ihn hieß:
ins Elend gehen.
Und der Winter war im Anzuge. Stürme, die den Wald durchbrausten und
die Äste der Eichen und Buchen knarren und knacken machten, auch wohl
ein herabwirbelndes Schneegestöber oder ein knatternder Graupelschauer
kündigten als Vorboten sein Nahen an. Wo sollte da ein mit Schimpf und
Schanden weggejagter Landstreicher ein schützendes Obdach finden und
womit auf den an allem Eßbaren und Verdaulichen leeren Feldern den
nagenden Hunger stillen?
Melissa las ihm die Unzufriedenheit und Verbitterung vom Gesicht,
und selbst ihrer liebenswürdigen Zärtlichkeit gelang es nicht, ihn
aufzumuntern oder dem Verstockten mit Fragen den Grund seiner üblen
Laune zu entlocken. --
Da trat ein Ereignis ein, das zwar an sich nicht groß verwunderlich
war, den Grafen jedoch veranlaßte, seine Gemahlin und Eike zu sich in
sein Zimmer zu entbieten, um sich mit ihnen darüber zu besprechen.
Sie kamen und fanden den Burgherrn mit gekrauster Stirn in seinem
bequemen Faltestuhl sitzen und -- wohl nicht zum erstenmal -- einen
soeben empfangenen Brief lesen.
»Ein reitender Bote hat mir aus dem Stift zu Quedlinburg ein Schreiben
überbracht, aus dem ich nicht klug werde,« begann er. »Die Kanonissin
Gertrud von Amfurt fordert mich namens der Äbtissin zum schleunigen
Besuch auf in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die keinen Aufschub
vertrüge und über die sie sich brieflich nicht äußern könnte. Was
haltet ihr davon?«
Eike hob ratlos die Schultern.
»Sollte der Palmsonntagstreit mit dem Bischof wieder aufflackern?«
meinte die Gräfin.
»Daran habe ich auch schon gedacht,« sprach der Graf, »aber der Streit
ist endgültig entschieden und beigelegt, und daraus würden sie auch
kein Hehl machen. Wenn es überhaupt etwas wäre, das meine Schirmvogtei
betrifft, würden sie es doch wenigstens angedeutet haben. Das Traurige
ist, daß ich nicht imstande bin, aufs Pferd zu steigen und nach
Quedlinburg zu reiten. Also mußt du hin, Eike!«
Gerlinde machte eine erschrockene Bewegung, weil plötzlich eine Ahnung
in ihr auftauchte, die sie in die Worte faßte: »Es wird doch keine
Falle sein?«
»Eine Falle?«
»Ja, eine vom Gröninger Abt gestellte Falle. Kennst du die Handschrift
der Kanonissin?«
»Nein.«
»Warum schreibt Osterlindis nicht selbst? Der Brief könnte gefälscht
sein. Man weiß vielleicht, daß du nicht reiten kannst und baut darauf,
daß Herr von Repgow --«
»Ah, jetzt verstehe ich dich,« unterbrach sie der Graf. »Du fürchtest,
daß sie Eike einen Hinterhalt legen wollen. Tod und Teufel! das wäre
doch ein Schelmenstück sondergleichen.«
Eike schüttelte den Kopf und sagte ruhig: »Darauf lass' ich's ankommen;
ich reite morgen früh nach Quedlinburg, wenn Ihr glaubt, Herr Graf,
daß mir die Äbtissin soviel Vertrauen schenkt, mich anstandslos in die
vorliegenden Dinge einzuweihen.«
»Das wird sie gewiß,« erwiderte der Graf, »ich werde dir ein
paar Zeilen an sie mitgeben. Sie ist meine Verwandte von der
Schwertmagensippe, eine Gräfin Falkenstein, und hat als Äbtissin des
freiweltlichen Stiftes den Rang einer reichsunmittelbaren Fürstin.
Also niemand außer dem Kaiser hat ihr dreinzureden, was sie tun oder
lassen will. Du nimmst Sibold mit und hast auch noch den Reitenden
hinter dir, der das Schreiben gebracht hat. Wenn du morgen frühzeitig
satteln läßt, kannst du gegen Abend wieder hier sein. Bist du aber bis
übermorgen mittag nicht zurück, so schicke ich dir den Wildmeister mit
einem Fähnlein gewappneter Reisiger nach. Einer von ihnen wird ja wohl
lebendig wiederkommen und melden können, was aus dir geworden ist,«
fügte er lachend hinzu.
Eike lachte mit, aber Gerlinde war still und nachdenklich, denn ihr
bangte ernstlich um Eikes Sicherheit.
Es blieb bei der getroffenen Verabredung und sowohl an Sibold wie an
den stiftischen Boten erging der Befehl, morgen früh mit dem Ritter von
Repgow zu reiten.
Nach der Beratung verließen Gerlinde und Eike den Grafen, und jeden
der drei beschäftigte die mit solcher Dringlichkeit und Heimlichkeit
betriebene Angelegenheit insbesondere.
Graf Hoyer wollte den Verdacht seiner Gemahlin, daß die Aufforderung
zu dem Besuch eine vom Abt gestellte Falle sein könnte, nicht ganz von
der Hand weisen. Gerade dieser, nicht die Äbtissin, wußte, daß ihm
das Reiten schon zu beschwerlich war, und da lag es sehr nahe, daß er
den Gastfreund als seinen Vertreter nach Quedlinburg entsenden würde,
woraus sich die Möglichkeit ergab, sich Eikes aus einem Hinterhalt zu
bemächtigen.
Allein bei Licht besehen wäre es doch eine gar zu große Kühnheit,
ja Frechheit seitens des Abtes, Eike unterwegs gewaltsam aufheben
zu lassen und ihn als Gefangenen in eine Gröninger Klosterzelle zu
sperren, um dort seine gesetzgeberische Arbeit zu überwachen und ganz
im Sinne des herrschsüchtigen Klerus zu leiten. Das wäre ein völlig
aussichtsloser Versuch, denn eher machte der Rhein in seinem Laufe
Kehrt und flösse bergauf von Köln nach Konstanz, als daß sich Eike nur
einen Strohhalm breit beugen ließ.
»Nein, nein!« sprach Hoyer zu sich selbst, »zu so grob zutappenden
Übergriffen nimmt der vorsichtige Benediktiner seine Zuflucht nicht,
der spinnt feineres Garn für seine Netze und würde sich ohne höheren
Auftrag, auf eigene Verantwortung nimmer so weit vorwagen. Aber
welcher Höhere sollte ihm einen solchen Auftrag erteilen? der Bischof?
der bedient sich keines vorgeschobenen Handlangers, sondern packt
selber rasch zu, wo er einzuschreiten für nötig findet. Also abwarten!
Eike wird morgen kein Abenteuer zu bestehen haben, es sei denn ein
ritterlich gefälliges im Quedlinburger Schlosse, wo es sich vielleicht
nur um Rat und Rechtsbeistand handelt, ein umstrittenes Kunkellehen
für eine der Konventualinnen zu ergattern, welche ›sehr wichtige
Angelegenheit‹ die gute Osterlindis zu einer ~res divina~ aufbauscht.«
Gerlinde wurde nicht so schnell mit ihren Sorgen fertig, und daß auch
der Graf mit Gefahren für Eike rechnete, ging daraus hervor, daß er
ihm, falls er bis übermorgen mittag nicht zurück wäre, eine Schar
Reisige nachschicken wollte. Ja, übermorgen konnten die leicht zu spät
kommen, die sollte ihm Hoyer lieber gleich morgen zu Schutz und Geleit
mitgeben, aber ihn darum bitten mochte sie nicht, um nicht eine allzu
warme Teilnahme durchblicken zu lassen.
Einer freute sich auf den Ritt nach Quedlinburg, der berühmten
Heinrichsstadt, wo die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes oft
ihr Hoflager aufgeschlagen und manchen glänzenden Reichstag abgehalten
hatten. Das war Eike; noch niemals war er in der schön gelegenen Stadt
gewesen, hatte sie mit ihrem Schloß und dem ragenden Dom immer nur von
weitem gesehen, wenn er sich mit seinem Freunde Hinrik Warendorp ein
Stelldichein im Gasthaus am Scheideweg gegeben. Die Besprechung mit der
Domina würde hoffentlich nicht so lange währen, daß ihm nicht noch Zeit
genug übrig bliebe, sich in dem mauerumgürteten Quitilingeburg gehörig
umschauen zu können.
Als sie sich spät abends gute Nacht wünschten, fragte Gerlinde mit
innigstem Ton: »Werdet Ihr mir auch wiederkommen, Eike?« Und wie
berückend sah sie ihn dabei an mit ihren großen, dunklen Augen!
»Wenn sie mich nicht einfangen und in Ketten schließen, komme ich
wieder, Gerlinde; ich lasse Euch mein Herz als Geisel,« entgegnete er
lächelnd mit einem treufesten Händedruck und hätte sie so gern, so gern
dabei geküßt.
In der Morgenfrühe ritt er frohgemut ab und die zwei Knechte in
gebührendem Abstand hinter ihm. Er hatte Wetterglück; ein lauer Wind
wehte, und vom nur spärlich bewölkten Himmel schien die Sonne, was er
sich zum guten Zeichen nahm.
Wilfred hatte ihn abreiten sehen und sagte nachher zu Melissa: »Diesmal
brauchen wir nicht zu wetten, ob er wiederkommt; er hatte nicht den
Mantelsack voll Schriften hinter sich auf dem Pferde, und die Reise
geht nur bis Quedlinburg, wie ich von Sibold erfuhr. Was mag er da zu
schaffen haben?«
»Wohl eine Rechtssache bei der Äbtissin,« meinte Melissa. »Ich war mit
meiner Herrin einmal dort; o da oben auf dem Schloß ist's herrlich,
Fred! prächtiger als in unserer Burg hier. Schade, daß der Ritter dich
nicht als Schreiber mitgenommen hat; ich hätt' es dir gegönnt.«
»In Quedlinburg wird es auch schon Gerichtsschreiber geben.«
»Aber keinen so gescheiten und schmucken wie du, Fred!« sprach sie
schmeichelnd.
»Danke, mein Liebchen!« lachte er, doch es klang ein wenig gezwungen. --
Gerlinde wurde der Tag unendlich lang, sie zählte die Stunden, und als
der Abend niedersank und es zu dunkeln begann, ward ihr bang und immer
bänger.
Sie mußte sich mit ihrem Gemahl allein zu Tisch setzen, aber als sie
einsilbig und gedankenvoll eben Platz genommen hatten, tat sich die
Tür auf, und Eike trat in den Speisesaal.
»Eike!!« scholl es wie +ein+ Freudenschrei aus beider Munde, und viel
fehlte nicht, daß Gerlinde von ihrem Stuhl auf und dem Ersehnten in die
Arme gesprungen wäre.
»Also nicht gefangen und eingesperrt!« rief der Graf. »Komm her, setze
dich und erzähle! ich kann es kaum erwarten, alles von dir zu hören. So
sprich doch, Mensch!«
»Erst einen Trunk!« bat Eike, »dieser trockene Herbstwind dörrt einem
die Kehle schauderhaft aus.«
Gerlinde schenkte ihm geschwind ein, und nach einem tüchtigen Zug aus
dem Becher hub er an: »Na, -- Seine Hochwürden, der Abt von Gröningen
läßt grüßen.«
»Was? Du hast ihn gesprochen?«
»Das nicht, aber seine Fußstapfen, will sagen sein Machwerk hab' ich
deutlich erkannt.«
»Weiter, weiter!«
»Am Tage von Mariä Opfer kommt der Halberstädter Domdechant Herr Anno
von Drondorf mit Vollmacht des Bischofs hierher auf den Falkenstein, um
wegen meines Buches mit mir ins Gericht zu gehen.«
Starres Schweigen folgte dieser wie ein Blitz einschlagenden Nachricht.
Gerlinde saß tief erschrocken da. Das war die Wirkung ihrer
Geständnisse zum Abte, der dadurch den Bischof gegen Eike aufgehetzt
hatte! Sie machte sich wieder die bittersten Vorwürfe.
Der Graf war sehr ernst, aber vollkommen ruhig. »Hast du das von der
Äbtissin selbst?« fragte er.
»Ja!«
»Erzähle der Reihe nach.«
»Die Kapellanin Fräulein Adelheid von Hakeborn meldete mich der
Domina an, und es dauerte eine Weile, bis sie mich zu empfangen
geneigt war. Sie war erstaunt und, wie mir schien, wenig zufrieden,
statt Eurer einen ihr völlig Fremden vor sich zu sehen. Als ich ihr
aber Euer Brieflein dargereicht und sie es gelesen hatte, sagte sie
verbindlich: Mein lieber Vetter Hoyer schreibt mir, er könnte leider
nicht nach Quedlinburg reiten, ich möchte Euch das gleiche Vertrauen
schenken wie ihm selber, und das will ich auf die gute Empfehlung hin
auch tun. Darauf eröffnete sie mir unter der Bedingung strengster
Verschwiegenheit, der Domherr Konrad von Alvensleben, der ihr und
ebenso Euch befreundet sei, habe ihr den Wink zukommen lassen, daß der
Domdechant an dem genannten Tage hier erscheinen werde. Das habe sie
Euch mündlich mitteilen wollen, weil ihr eine briefliche Preisgebung
des Geheimnisses zu bedenklich gewesen wäre. Näheres wisse sie nicht,
als daß unzweifelhaft eine feindselige Absicht dahinter stecke. Ihr
aber würdet schon verstehen, was dieser Schritt zu bedeuten habe.«
»O ja, ich verstehe es,« versetzte der Graf mit dem Tone beißenden
Spottes.
»Ich auch,« sagte die Gräfin. »Osterlindis ist dir für deine
Entscheidung des Palmsonntagstreites zu ihren Gunsten Dank schuldig,
den Bischof aber hast du dir damit, wie ich dir damals gleich
prophezeite, zum unversöhnlichen Feinde gemacht, und als dem Protektor
des Herrn von Repgow und seines Buches, das unter deinem Dache und mit
deiner Billigung geschrieben ist --«
»-- wird er nun auch mit mir den Zank vom Zaune brechen,« fiel der Graf
ein. »Darauf bin ich gefaßt, und der Domdechant Anno von Drondorf ist
ganz der Mann dazu, den Kampf aufzunehmen. Er ist aus anderem Holz
geschnitzt als der Abt von Gröningen, ist gelehrt, schlangenkundig und
doch zu stolz, um zu heucheln, und auch bei ihm kommt dreimal voran
alles Kirchliche und dann erst ganz nebensächlich das Irdische und
Menschliche. So ist er die zuverlässigste Stütze des Bischofs, der
sich eifersüchtig und trotzig auf seine geistlichen und weltlichen
Hoheitsrechte steift und großmächtig den Krummstab über seiner Diözese
schwingt. Wir haben es also mit nicht zu verachtenden Gegnern zu
tun, Eike, und da gilt es, der anrückenden Gewalt auch mit Gewalt zu
begegnen, die Hand am Schwertgriff und den Fuß fast schon im Bügel.« So
sprach der Graf, und die beiden andern sahen's und hörten's ihm an, daß
er zum äußersten Widerstand entschlossen war.
»Ich bedaure, Herr Graf, daß ich es bin, der Euch in diese leidigen
Zwistigkeiten verstrickt,« sagte Eike.
»Deine Sache ist meine Sache,« erwiderte der Graf, »und auch meine
wackeren Gesellen, die Harzgrafen, werden sie zu der ihrigen machen.
Ich werde sie zu einer gemeinschaftlichen Beratung einberufen und bin
überzeugt, daß wir alle eines Sinnes und Willens sein werden, uns den
Halberstädtern mit stahlharter Zähigkeit entgegen zu stemmen. Dein
Kodex ist hier im Harz entstanden, und wir Harzer werden ihn mit allem
Nachdruck vertreten und salvieren. Bis zu Mariä Opfer sind es von heut
an noch sechs Tage; die müssen ausgenutzt werden, damit die Grafen,
wenn der Domdechant eintrifft, hier versammelt sind.«
»Aber ich hoffe, Graf Hoyer, Ihr laßt mich an dem Scharmützel
teilnehmen.«
»Nicht nur teilnehmen, Eike! Du bist der Angegriffene und verteidigst
dich selber, wir wollen nur deine Schildhalter sein. Und nun trink und
erzähle uns noch etwas von Quedlinburg.«
»O, da habe ich viel Schönes und Merkwürdiges gesehen,« berichtete
Eike. »Vor dem Mittagsmahl hat mich Fräulein Adelheid von Hakeborn
herumgeführt und mir alles gezeigt und erklärt. Besonders erfreute
mich der herrliche Ausblick vom Schloß weit ins Land hinein, auf
das ganze lang gestreckte Gebirge von Ballenstedt an gen Westen auf
die Teufelsmauer, die Lauenburg, das Felsentor des Bodetales, nach
Blankenburg, dem schroff abstürzenden Regenstein und im Hintergrunde
zu dem alles beherrschenden Brocken, dessen Kuppe weiß beschneit
herüberleuchtete. Auch in die wundervolle Basilika hat mich die
junge Kapellanin geführt und zu den Grabstätten König Heinrichs des
Vogelstellers und seiner Gemahlin Mathilde. Es waren erhebende und
nachhaltige Eindrücke, die ich in der hochberühmten Stadt empfing, und
darüber vergaß ich alle meine Sorgen.«
»Recht so, Eike!« sprach Gerlinde. »Wie sagt Horaz? ›In bedrängter Zeit
bewahre dir ein Herz voll Gleichmut‹.«
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechs Briefe, freilich nur kurze und alle von gleichlautendem Inhalt,
hatte Graf Hoyer am nächsten Morgen zu schreiben, und drei Knechte
mußten satteln, um sie zu den Burgen der ihm befreundeten Grafen im
Harzgau, Schwabengau und Helmgau zu bringen.
Die Mägde mußten die Gastzimmer herrichten, der Koch hatte sich eine
Menge Mundvorrat, Fleisch, Geflügel und andere Lebensmittel aus
Ballenstedt zu beschaffen und der Wildmeister für Rot- und Schwarzwild
zu sorgen, denn die erwarteten Herren, die mehrere Tage zu bewirten
waren, kamen nicht allein, sondern brachten jeder einen Gefolgsmann mit.
Die Dienstleute wunderten sich nicht wenig über die umfassenden
Vorbereitungen, zu denen ihres Wissens kein Anlaß vorlag, auch kein
Namens- oder Gedenktag, und Mariä Opfer war nicht ein so hohes
Kirchenfest, daß man es sich üppige Gastereien kosten ließe.
Am meisten war Wilfred über die Entsendung gleich dreier reitenden
Boten erstaunt, denen noch dazu größte Eile und strengste
Verschwiegenheit anbefohlen war, so daß sie dem neugierigen Schreiber
jede Auskunft verweigerten, wo sie die ihnen auf die Seele gebundenen
Briefe abzuliefern hätten.
Was war da im Gange? eine überschwengliche Ehrung des Herrn von Repgow
zur Feier der Vollendung seines Werkes? aber so weit war es ja damit
noch gar nicht, wie er, der stetige Helfer daran, doch am besten
beurteilen konnte. Das wäre ein ausgezahlter Lohn vor getaner Arbeit,
also nicht als wahrscheinlich anzunehmen.
Dennoch blieb Wilfred dabei, daß diese geräuschvollen Veranstaltungen
in irgend welchem Zusammenhange mit dem Ritter stehen mußten, als gelte
es, ihm ein glänzendes Fest zu bereiten, zu dem vielleicht sogar die
Äbtissin von Quedlinburg, bei der er gestern gewesen war, die Anregung
gegeben hatte und zu dessen Verherrlichung der Graf nun noch andere
adlige Familien brieflich aufforderte.
Dann aber war die Mühe, die er sich mit den schriftlichen Auszügen
für den Abt von Gröningen gemacht hatte, umsonst gewesen. Statt
der dem Gelehrten rachsüchtig eingerührten Verlegenheiten und
Niederlagen sollte dieser nun eitel Lorbeeren ernten, weil der Abt
die ihm gelieferten Handhaben zur Demütigung des Feindes leider und
unbegreiflicherweise nicht benutzte.
Von Melissa war nichts herauszukriegen, denn die Gräfin hielt den Grund
der getroffenen Anordnungen auch vor ihrer getreuen Gürtelmagd geheim,
und da mußte sich Wilfred mit seinem schadhaften Gewissen zur Geduld
bequemen, bis die Tatsachen selber den Schleier lüfteten, der das
Nächstkünftige undurchdringlich verhüllte.
Um ihn nicht noch mehr zu beunruhigen, verschwieg ihm Melissa die
von ihr gemachte Beobachtung, daß ihre Herrin sichtlich verstimmt
und bedrückt sei, als wäre ihr der Empfang der zu beherbergenden
Gesellschaft lästig und die von ihrem Gemahl eingeladenen Gäste
unwillkommen.
Hierin täuschte sich die kleine Zofe jedoch. Die Gäste waren Gerlinde
sehr willkommen bis auf den einen ungebetenen, den Domdechanten von
Halberstadt. Sie wußte, was bei dieser Zusammenkunft für Eike von
Repgow auf dem Spiele stand, und konnte sich der festen Zuversicht
ihres Gemahls, die Gefahr mit Hilfe der anderen Harzgrafen zu
beschwören, nicht sorglos anschließen. Darum schwebte sie beständig
zwischen Angst und Hoffnung in der peinvollen Ungewißheit, welchen
Ausgang die bevorstehenden Verhandlungen nehmen würden.
In ihr wogte ein heißer Kampf der Gefühle. Mit ihrem gläubigen Sinn war
sie auf der Seite des Bischofs und des vornehmen Kapitulars, den er
als Richter hersandte, und mit ihrem liebenden Herzen hing sie an dem
Urheber des bedrohten Werkes und wünschte ihm in dem Streite mit seinen
Gegnern den Sieg.