sie lachend sagte, die Niederlage wett zu machen, die er ihr einst
beigebracht hatte. Eike ging gern auf den Vorschlag ein, und diesmal
war er der Unaufmerksame, Zerstreute, denn er mußte fortwährend an das
Spiel auf dem Altan denken, das Gerlinde, in ihrer leidenschaftlichen
Erregtheit damals die Flucht ergreifend, kurzer Hand abgebrochen
hatte. Heute war sie ruhig, durchkreuzte die Züge nicht wieder mit
abschweifenden Fragen, nahm ihrem Gegner eine Hauptfigur nach der
andern und setzte ihn binnen einer halben Stunde matt. Sie hatte ihm
zeigen wollen, daß sie nicht nur Meister auf dem Schachbrett, sondern
jetzt auch Meister ihrer Gefühle sei.
Graf Hoyer hatte sich, als die beiden das Spiel begannen, in seine
Gemächer zurückgezogen, weil ihn das müßige Zuschauen nicht lockte und
eine Unterhaltung dabei nicht möglich war. Ihn beschäftigte in dieser
Zeit unausgesetzt Eikes allmählich der Vollendung entgegen reifendes
Werk, und mit Bedauern sah er den Tag von weitem herankommen, wo der
Unermüdliche sein ~Finis~ darunter schreiben und dann dem Falkenstein
für immer Valet sagen würde. Trotzdem empfand er die reinste, innigste
Freude über den baldigen Abschluß der großartigen Schöpfung und genoß
schon im voraus den Triumph, ringsumher rühmen zu können: »Und das ist
in meiner Burg, unter meinen Augen zustande gekommen!« --
Da traf eines Nachmittages unerwarteter Besuch ein. Es war Herr
Engelhard, der Abt des Klosters Gröningen an der Bode unweit
Halberstadt. Dieser pflegte jährlich einmal hier einzukehren, las
Messe, hörte Beichte und ließ es sich in der Burg ein paar Tage
wohl sein. Stets kam er in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten,
war auch heuer Anfang Mai schon hier gewesen, und sein nochmaliges
Erscheinen im Spätherbst wunderte den Grafen und die Gräfin. Er war ein
Mann in höheren Jahren, mit fast weißem Haar und klugen Äuglein im
vollwangigen Antlitz, der vergnügt plaudern und scherzen konnte, alle
kirchlichen Angelegenheiten aber sehr ernst nahm.
Mit dem Beweggrunde zu seiner zweiten Reise hierher rückte er
vorläufig nicht heraus, und als sich Eike zum Abendessen im Speisesaal
einstellte, war er keineswegs überrascht, schon einen Gast auf dem
Falkenstein vorzufinden. Die beiden Herren wurden miteinander bekannt
gemacht, wobei es Graf Hoyer indessen nicht für nötig hielt, den
Hochwürdigen in der schwarzen Ordenstracht der Benediktiner mit dem
goldenen Kreuz auf der Brust über den Grund der Anwesenheit seines
jungen Freundes aufzuklären. Die gegenseitige Begrüßung war eine
durchaus freundliche, und es entspann sich schnell ein lebhaftes
Tischgespräch. Manchmal sah der Abt den Ritter sinnend und prüfend
an, und zuweilen schien es, als wollte er ihm mit unverfänglichen,
leicht hingeworfenen Fragen über seine Ansichten von weltlichen
Dingen im allgemeinen ein wenig auf den Zahn fühlen. Zur Erörterung
von Gegenständen, über die sich hätte streiten lassen, kam es jedoch
nicht, und so verlief das Mahl von Anfang bis zu Ende einträchtig und
frohmütig.
Am Vormittag schlug der Abt, nachdem er in der Kapelle die Messe
gelesen hatte, der Gräfin bei dem schönen Herbstwetter einen Gang in
den Wald vor, den sie nicht ablehnen konnte.
Unter den Bäumen, deren entlaubte Zweige den noch wärmenden
Sonnenstrahlen freien Durchlaß gewährten, wandelten sie gemächlich
dahin und unterhielten sich über den Sommer und die Ernte, die
Familienverhältnisse der benachbarten Adelsgeschlechter und die
Botmäßigkeit der Lehns- und Dienstleute. Hier anknüpfend brachte
der geistliche Würdenträger die Rede auf Wilfred, dessen er sich
als einstigen Zöglings der Gröninger Klosterschule erinnerte, und
erkundigte sich nach dem gegenwärtigen sittlichen Verhalten des damals
leichtfertigen Burschen.
Die Gräfin konnte nur gute Auskunft geben, denn es war kein Tadel über
Wilfred verlautbart.
»Nun er zu seinen Jahren gekommen ist, wird er ja hoffentlich
vernünftig werden,« sprach der Abt. »Was tut und treibt er denn hier
auf dem Falkenstein?«
»Der Graf hat ihn nach seinen Vagantenirrfahrten wieder in Gnaden
aufgenommen, und jetzt versieht er das Amt eines Schreibers bei Herrn
von Repgow,« berichtete die Gräfin.
»Dann besorgt er also wohl die Niederschrift oder die Abschrift des
neuen Gesetzbuches, das der Ritter hier ausarbeitet?«
»Ihr wißt davon?« erstaunte Gerlinde.
»Man hat gelegentlich dies und jenes davon gehört,« gab der Abt
ausweichend zur Antwort. »Seid Ihr in den Geist und Inhalt einigermaßen
eingeweiht, Frau Gräfin?«
»Gewiß! ziemlich genau sogar,« erwiderte Gerlinde.
»Darf ich fragen, was für ein Urteil Ihr Euch darüber gebildet habt?«
»Das denkbar günstigste, hochwürdiger Herr!«
»Ei, ei! und ist dieses Lob ohne jede Einschränkung?«
»Das Werk ist von der höchsten Bedeutung und zeugt von einer
außerordentlichen Kenntnis unserer Rechtszustände, die Herr von Repgow
für einer gründlichen Besserung sehr bedürftig erklärt. Es behandelt
das Lehnrecht, das Land-, Stadt-, Hof-, Send- und Dingrecht, das Ehe-
und Erbrecht, das Weichbildrecht und das Gewohnheitsrecht,« zählte
Gerlinde der Reihe nach auf.
»Ihr habt das Kirchenrecht vergessen, Frau Gräfin,« betonte Herr
Engelhard. »Sollte das in dem Elaborat des Ritters nicht die ihm
gebührende Berücksichtigung finden?«
»Das Recht der Kirche und der ihr Geweihten fährt darin nicht so gut
wie alle die anderen Rechte,« gestand Gerlinde.
»Das wäre doch sehr zu beklagen. Dann ist es wohl gar in einem ganz
freidenkerischen Geiste geschrieben?« forschte der Benediktiner mit
einem lauernden Blick.
»Ja, das läßt sich leider nicht leugnen,« gab Gerlinde unumwunden zu.
»Das ist aber auch das einzige, woran ich Anstoß nehme.«
»Könnt Ihr auf den jungen Edeling, der mit seiner stattlichen
Erscheinung viel eher in den Sattel und in den Harnisch als an den
Schreibtisch des Gelehrten paßt, nicht einwirken, daß er Euch zu Liebe
dieser verderblichen Richtung absagt und der Kirche gegenüber andere,
ehrfürchtigere, wohlwollendere Saiten aufzieht? Ihr tätet damit ein
gutes, Gott wohlgefälliges Werk,« sprach der Abt.
Mir zu Liebe? dachte Gerlinde betroffen. Was will er damit sagen?
sollte er gemerkt haben, was es mit mir und Eike im geheimen für eine
Bewandtnis hat?
»Nein, hochwürdiger Herr! ich habe keinen Einfluß auf den
Ritter,« erwiderte sie. »Er ist in seinen Grundsätzen und in den
Schlußfolgerungen seiner Wissenschaft so selbständig und unabirrbar
fest, daß er Einrede und Widerspruch von einem Nichtfachmann und
vollends von einer Frau nicht dulden würde.«
»Schade, sehr schade!« meinte der mit seiner Zumutung Abgewiesene,
strich sich nachdenklich das glatte, runde Kinn und lenkte die
Unterhaltung in andere Bahnen.
Er hatte aus der ihm bereitwillig Rede stehenden Schloßherrin alles
herausgeholt, was sie ihm an wünschenswerten Nachrichten zu liefern
vermochte, und hatte außerdem noch eine zweite Quelle zu seiner
Verfügung, aus der er wahrscheinlich noch mehr ins einzelne Gehendes
schöpfen konnte.
In die Burg zurückgekehrt machte die Gräfin ihrem Gemahl ausführliche
Mitteilung von ihrem ernsten Gespräch mit dem Abte.
»Nun, da hast du ja mit deinen Offenbarungen und Fingerzeigen dem
wißbegierigen Seelenhirten recht gründlich auf die Sprünge geholfen,«
sagte der Graf mißbilligend.
»Das habe ich nicht getan,« beteuerte sie gekränkt. »Er fragte mich
nach dem Gesetzbuch, dessen bald beendete Schöpfung ihm bekannt war.«
»Ihm bekannt war? Dann kommt das wieder von den verfluchten
Quertreibereien des Aschariers her,« fuhr der Graf wütend auf. »Wenn
ich doch dem Landstörzer, dem Dowald, an den Hals könnte! dem wollte
ich die Hölle heiß machen.«
»Die Grafen von Blankenburg und Regenstein wußten doch auch schon
davon, wie uns Eike sagte,« wandte Gerlinde ein.
»O die Grafen, das ist gut, aber die Pfaffen, das ist schlimm,«
rief der Graf, »und ein echter, ausbündiger Pfaff mit seiner klug
berechneten Geschmeidigkeit und salbungsvollen Verschmitztheit ist
der Gröninger auch. Ja, wenn es den heuchlerischen Kuttenträgern in
Wahrheit um den reinen, christlichen Glauben, um das Evangelium der
Liebe zu tun wäre! aber das dient ihnen nur zum Deckmantel ihrer
schändlichen Absichten. Unbeschränkte Macht, bedingsloser Einfluß nach
oben und nach unten und zu diesen Zwecken die Knechtung alles Denkens
und Fühlens im Volke ist es, was sie anstreben, und es zu erreichen
ist ihnen kein Mittel zu schlecht. Hat er von dir verlangt, ihm zu
beichten?«
»Nein.«
»Natürlich nicht!« lachte der Graf. »Das Beichtgeheimnis darf er
nicht verraten, aber Geständnisse außerhalb des Beichtstuhles sind
vogelfrei. Er ist ja doch nur dazu hergekommen, um hinterlistig das
auszukundschaften und demnächst kanonisch auszubeuten, was du in deiner
gottesfürchtigen Frömmigkeit die Güte hattest, ihm über Eikes Gesinnung
anzuvertrauen.«
Die Gräfin war bestürzt und bereute, sich zum Abte so offenherzig
ausgelassen zu haben.
Bei Tische zeigte sich der Benediktiner ganz anders gegen Eike als
gestern abend, zwar höflich, aber kühl und zurückhaltend, und es gab
eine etwas gedrückte Stimmung. Nur Graf und Gräfin durchschauten diesen
Wechsel in seinem Benehmen; Eike ahnte nichts, denn seines Werkes wurde
auch heute mittag mit keiner Silbe gedacht.
Nach dem Mahle, während Graf Hoyer der Ruhe pflegte, wollte Herr
Engelhard seine zweite Erkenntnisquelle sprudeln lassen und beschied
den ehemaligen Klosterschüler zu sich in sein Losament.
Da hatte die Stunde der Vergeltung für den getöteten Fuchs geschlagen,
und zur Ausführung des Planes, den sich Wilfred seit der Ankunft des
Abtes aufgebaut hatte, kam dieser ihm auf mehr als halbem Wege entgegen.
»Wilfred Bogner,« redete ihn der Prälat an, »ich denke, du weißt, daß
du die sehr gelinde Bestrafung deines abscheulichen Pudelstreiches in
Gröningen nur mir zu verdanken hast, nicht wahr?«
»Ja, das weiß ich und werde Euch Eure große Nachsicht mit meinem
Leichtsinn nie vergessen, hochwürdigster Herr,« erwiderte Wilfred
demütig.
»Gut! Du besorgst die Abschrift von dem Buche des Ritters von Repgow,
mußt also über den Inhalt unterrichtet sein.«
»~Prorsus et perfecte~, hochwürdigster Herr!«
»Dann frage ich dich: in welcher Weise werden die kirchlichen
Verhältnisse in diesen neuen Gesetzen behandelt?«
»In einer ganz unverantwortlichen Weise, hochwürdiger Herr!« erwiderte
Wilfred ohne Zögern. »Die Rechte unserer heiligen Kirche und die der
hochwürdigen Geistlichkeit werden über alle Maßen beschränkt und
geschädigt, geradezu mit Füßen getreten.«
»Was du sagst! erkläre dich näher!«
»Zum Beispiel ist die Erbfähigkeit der Geistlichen einschließlich der
Bischöfe und Äbte, sowie aller Klöster und Stifter gänzlich abgeschafft
und in Zukunft null und nichtig.«
»Wilfred! das ist doch nicht möglich.«
[Illustration: »Hochwürdiger Herr, es steht schwarz auf weiß von meiner
Hand geschrieben.«]
»Hochwürdiger Herr, es steht schwarz auf weiß von meiner Hand
geschrieben,« versicherte Wilfred.
»Ist dir die Abschrift zugänglich, so daß du mich Einsicht darin nehmen
lassen könntest?«
»Ich habe sie oben in meinem Turmstübchen, aber hochwürdiger Herr, --
wenn Ihr mir die große Ehre erweisen wolltet, mich dort zu besuchen,
oder wenn ich mit dem Aktenstoß zu Euch herunterkäme und es sähe
jemand, so würde das sehr auffallen und einen unliebsamen Verdacht
erregen,« stellte Wilfred dem Abte vor.
»Da hast du recht, aber ich möchte mich doch gern mit eigenen Augen von
dem überzeugen, was du mir zu meinem Entsetzen aufgedeckt hast.«
»Wie wäre es denn, hochwürdiger Herr, wenn ich Euch kurze Auszüge
von einigen der verwerflichsten Stellen des Buches machte, die
Ihr einstecken und mitnehmen könntet?« erbot sich der schamlose
Ränkeschmied.
»Ein vortrefflicher Vorschlag, Wilfred!« rief der Prälat frohlockend.
»Ich müßte sie freilich bis morgen früh haben, weil ich dann abreisen
will.«
»Heut abend noch, hochwürdiger Herr! aber wo und wie soll ich sie Euch
ohne Zeugen einhändigen?«
»Hm! weißt du was?« flüsterte der Abt. »Wenn ich heut abend mit den
gräflichen Herrschaften bei Tisch sitze, schleichst du dich hier ein
und legst mir das Schriftstück in mein Bett unter den Pfühl zu Häupten.
Verstehst du?«
»~Optime~, hochwürdiger Herr! so werd' ich's machen,« versprach Wilfred.
»Habe Dank, Wilfred!« schloß der Abt die Unterredung, dem schändlichen
Zwischenträger die Hand reichend, »und wenn du einmal eine Bitte hast,
die ich erfüllen kann, so wende dich an mich, sollst ein offenes Ohr
bei mir finden.«
Wilfred ging ab und lachte sich draußen ins Fäustchen: »Das wird eine
Wirkung tun, von der sich der gelehrte Ritter nichts träumen läßt, und
damit wird mein armes Füchslein gerächt.« --
Abends war der geistliche Herr wieder in der heitersten Laune und
unterhielt mit dem Vorbringen mancherlei drolliger Erlebnisse seine
Tischgenossen aufs angenehmste.
Er konnte wohl aufgeräumt sein, hatte er doch zur Bekämpfung und
Unterwerfung des unkirchlichen Freidenkers eine scharf geschliffene
Waffe schon so gut wie in der Tasche.
Gräfin Gerlinde aber getröstete sich aus der besonderen Freundlichkeit,
die er Eike erwies, der Hoffnung, daß er nichts Arges gegen diesen im
Schilde führe.
Vor Aufhebung der Tafel kündigte er seine Absicht an, morgen wieder
abzureiten, und da konnte sich Graf Hoyer doch nicht enthalten, ihn
nach dem Zwecke seiner Herbstreise zu fragen.
Der Abt zog die Augenbrauen hoch und legte den Zeigefinger auf den
gespitzten Mund. »~Secretum coenubii~, Herr Graf!« sagte er dann. »Ich
hatte hier in der Gegend wichtiges zu ordnen und habe den kleinen
Abstecher hierher nur gemacht, um Euch, meinen langjährigen Freund und
Gönner, und Euer huldvolles Ehgemahl wiederzusehen.«
Der Graf lächelte nur zu dieser wohlfeilen Ausrede, die ihn in dem
bestärkte, was er über den unzeitigen Besuch des Benediktiners zur
Gräfin geäußert hatte.
Als sich der gefährliche Gast zur Ruhe begab, fand er unter seinem
Kopfkissen versteckt die ihm von Wilfred verheißenen Beweisstücke, und
seine Neugier war so groß, daß er sie beim Schein der Lampe sofort
zu lesen begann. Es waren vielleicht acht oder zehn zusammenhanglose
gesetzliche Bestimmungen, die seinen höchsten Unwillen erregten und ihn
öfter zu heftigem Kopfschütteln und Ausrufen des Zornes brachten, bis
er mit einem empörten »~Anathema esto!~« seine Prüfung abschloß. »Aber
welche meisterliche Handschrift hat sich der nichtsnutzige Schlingel
der Wilfred angeeignet!« murmelte er dann, »fast wie in unsern besten
Brevieren; solchen Schönschreiber haben wir im Kloster nicht.«
Bedächtig stieg er ins Bett und schlief den Schlaf des Gerechten.
Anderen Morgens kletterte er auf seinen gut genährten, alten Gaul,
verabschiedete sich im Burghof von Hoyer und Eike und ritt von dannen.
Die beiden Zurückbleibenden gingen hinauf zur Gräfin und überbrachten
ihr den Gruß und Segen des mit seiner erlisteten Beute vergnügt
abziehenden Mönches.
»Eike, du hast da unten auf dem Burghof einem bösen Feinde von dir die
Hand gedrückt,« sprach der Graf.
»Glaubt Ihr?«
»Ja! und ich habe triftige Gründe zu dieser Vermutung.
Er kennt den Geist deines Gesetzbuches und wird dir einen derben Strick
daraus drehen.«
Daß Gerlinde dem Abt diese Erkenntnis vermittelt hatte, verschwieg er.
Sie aber war sich dessen reumütig bewußt und ängstigte sich nun erst
recht um das durch ihre Schuld bedrohte Schicksal Eikes und seines
Buches.
»Auf Feinde muß ich gefaßt sein, Herr Graf,« erwiderte Eike. »Aber das
soll mich nicht anfechten, und wenn sie mir mit Bann und Scheiterhaufen
drohen, ich widerrufe nichts.«
»Nimm es nicht auf die leichte Achsel,« warnte der Graf. »Sie werden
dir, wenn sie können, mit einem bösen ~judicium~ über den Hals kommen.«
»Ich fürchte mich nicht, Graf Hoyer, und werde mich meiner Haut zu
wehren wissen,« gab ihm Eike zur Antwort. »Hab' ich doch den Kaiser auf
meiner Seite,« fügte er vertrauensvoll hinzu.
»Auf die Hilfe des Kaisers poche nicht allzu kühn; der ist zu fern
vom deutschen Reich, um entschieden für dich eintreten zu können. Aber
du hast ja noch andere mächtige Freunde zu deinem Schutz, die dich
nicht im Stich lassen werden, und vorläufig bist und bleibst du hier in
Sicherheit und kommst so bald nicht von uns los.«
»Wenn mein Buch fertig ist, muß ich scheiden,« sprach Eike, hütete sich
aber, Gerlinde dabei anzusehen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Graf Hoyer trug schwerer an den jüngst zu Gerlinde und Eike geäußerten
Sorgen, als er die beiden wissen lassen wollte und überlegte, wie er
den Folgen des Engelhardschen Besuches abwehrend begegnen könnte.
War er auch gewöhnt, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, wollte er
sich doch von keiner unvorbereitet überraschen lassen und traf
seine Vorkehrungen, wenn er vermutete, daß und aus welcher Richtung
ein Unheil gegen ihn heranzog. Dem Abte von Gröningen, dem Eikes
Gesetzbuch, seit er nähere Kenntnis davon hatte, ein Dorn im Auge war,
traute er nicht über den Weg und hielt ihn eines irgendwie ausführbaren
Handstreiches, sich in den Besitz der schriftlichen Ausarbeitung zu
setzen, für ebenso fähig wie willig. Deshalb beauftragte er den Wild-
und Waffenmeister, dem Türmer und dem Torwart die größte Wachsamkeit
einzuschärfen, daß sich nicht verdächtiges Gesindel in die Burg
einschleiche.
»Wird nach Euren Befehlen geschehen, Herr Graf,« erwiderte der
Wildmeister. »Goswig darf nicht schlafen; er soll die untere Spitze
seines Spießes auf seinen Fuß und die obere unter sein Kinn stellen,
damit er nicht einnickt.« --
Eike kamen solche Gedanken nicht in den Sinn, obschon es auch ihm
unerwünscht war, daß die Klerisei von seiner Neugestaltung des
deutschen Rechtswesens vorzeitig Kunde erhalten hatte und ihn nun
mit allerhand anmaßlichen Einreden, Verwahrungen und Bestreitungen
belästigen und in seiner noch unvollendeten Arbeit stören konnte. Die
Angriffe von jener Seite her erwartete er erst dann, wenn sein Buch in
die Welt hinausgegangen, im ganzen Reiche verbreitet und nichts mehr
daran zu bessern, d. h. zu verderben war.
Dagegen drängten sich ihm Betrachtungen anderer Art auf und stellten
ihn vor Fragen, die er sich nicht beantworten konnte.
Schon in den ersten Tagen nach der Abreise des kirchlichen
Würdenträgers war es ihm aufgefallen, daß sich Gerlinde scheuer gegen
ihn benahm und ihm mehr auswich als bisher. Wie sollte er sich das
erklären?
Seit seiner Rückkehr von Reppechowe hatte sich ein so
freundschaftlicher, herzlicher Verkehr zwischen ihnen herausgebildet,
daß sie die frühere Zurückhaltung mehr und mehr abgestreift hatten,
und nun war plötzlich eine Abkühlung bei Gerlinde eingetreten. Sollte
auch hierbei der geistliche Herr seine Hand im Spiele haben? Hatte
sie ihm Beichte abgelegt und ihm ihre Liebe gestanden, worauf er als
Bedingung der Absolution von dieser Sünde die äußerste Beschränkung im
Umgang mit ihm, mit Eike, über sie verhängt hatte? Gerade jetzt, nicht
lange vor seinem Scheiden, empfand er den Wandel in ihrem Gebaren sehr
schmerzlich, denn je näher die Trennung rückte, desto größer ward in
ihm das Verlangen nach dem innigsten Einvernehmen mit ihr.
Die Ursache von Gerlindes scheuem Wesen sollte er jedoch bald auch ohne
Nachforschung erfahren.
Melissa erschien bei ihm mit der Bestellung, die Frau Gräfin ließe
Herrn von Repgow um eine Unterredung in ihrem Gemach bitten.
Das hatte sie noch niemals getan, da mußte etwas ganz Außerordentliches
vorgefallen sein. Von Unruhe getrieben begab sich Eike zur Kemenate der
Herrin.
»Ihr habt befohlen, Gräfin,« sprach er, als er eingetreten war.
»Befohlen, Eike! wie sollte ich Euch wohl jemals etwas befehlen!«
entgegnete sie mit sanftem Vorwurf. »Euch etwas Schändliches abzubitten
hab' ich.«
Verwundert über diese seltsame Einleitung schwieg er, des Kommenden
gewärtig.
Gerlinde zauderte noch mit ihrem Schuldbekenntnis und stieß dann heftig
hervor: »Ich habe Euch verraten, Eike!«
»Ihr mich verraten, Gerlinde?« erwiderte er nun erst recht betroffen,
»das glaub' ich Euch nicht.«
»Ich habe dem Abte den Inhalt Eures Buches verraten, -- da habt Ihr's
mit einem Worte.«
»Weiter nichts?« sagte er gelassen.
»Es bedeutet mehr und schlimmeres als Ihr denkt.«
»Habt Ihr ihm auch -- noch etwas Anderes gebeichtet?«
»Nein, nichts Anderes, und es war auch nicht im Beichtstuhl. Draußen im
Walde hat er mich zur Rede gestellt, und da hab' ich ihm ausgeplaudert,
was ich wußte und was ich hätte verschweigen sollen.«
»Was ist da noch groß zu verschweigen? die Sache ist längst kein
Geheimnis mehr im Sachsenlande,« suchte er sie zu beruhigen.
»Hoyer hat mich deswegen tüchtig ausgescholten, und wie ernst er
die Sache nimmt, habt Ihr aus seinem eigenen Munde gehört,« sprach
Gerlinde mit ängstlicher Hast.
»Und was habe ich ihm darauf geantwortet? daß ich mich durch den
Widerspruch des Klerus nicht im mindesten einschüchtern ließe,«
versetzte Eike. »Was habt Ihr denn dem Ketzerriecher graulich
Verbrecherisches von mir ausgeplaudert?« fragte er dann sorglos
scherzend.
»Er wollte wissen, ob in Euren Gesetzen auch den Rechten der Kirche
und der Geistlichkeit die gebührende, ehrfurchtsvolle Berücksichtigung
zuteil würde.«
»Und das habt Ihr natürlich schlankweg verneint.«
»Ja!« gestand Gerlinde. »Ich habe zugegeben, daß ich in dieser
Beziehung nicht gleicher Meinung mit Euch wäre und an Eurer Behandlung
dieser Dinge erheblichen Anstoß nähme. Damit hab' ich auch Euch selbst
gegenüber niemals hinter dem Berge gehalten.«
»Zu meiner Freude, Gerlinde, habt Ihr das nicht getan,« versetzte er
treuherzig. »Aber was sagte der hochwürdige Herr dazu?«
»Er wünschte, daß ich meinen Einfluß auf Euch benutzen und Euch bewegen
sollte, die kirchenfeindlichen Stellen von Grund aus zu ändern.«
»Und Ihr?«
»Ich erklärte ihm, daß ich keinen Einfluß auf Euch besäße,« erwiderte
sie, die Wimpern senkend.
»Eine Ausrede, die zur Abwehr der unzarten Zumutung ganz an ihrem
Platze war,« sprach Eike. »Aber in Wahrheit trifft das nicht zu,
Gerlinde; Ihr vermögt viel, vermögt alles über mich. Nur«, fügte er
hinzu, »meine Überzeugung von dem, was recht ist, opfere ich auch --«
Er brach ab und beendete den Satz nicht.
»Nun?«
»-- auch aller meiner unwandelbaren Liebe zu Euch nicht.«
»+Meine+ Liebe wird die Eurige nicht auf diese harte Probe stellen,«
flüsterte sie, helle Glut auf den Wangen.
Es war wieder ein so gefährlicher Moment wie in jener Nacht auf dem
Altan. Eine einzige Bewegung jetzt von ihm zu ihr, und sie hätten sich
Brust an Brust gelegen.
Doch Eike behielt Gewalt über sich. Er stand auf, schritt ein paarmal
im Zimmer hin und her und fragte dann ruhig: »Habt Ihr dem Abte
wörtliches mitgeteilt?«
»Nein, nicht das mindeste,« versicherte sie.
»So weiß er ja gar nichts,« lachte Eike. »Was will er denn? Mag er doch
warten, bis er eine Abschrift vor sich hat und Grund zu Ärgernis darin
findet. Das wird er freilich wohl, und dann mag er meinetwegen Lärm
schlagen, mich soll's wenig kümmern.«
»Verzeiht Ihr mir meine Unbesonnenheit, Eike?« fing Gerlinde nach
kurzem Schweigen an.
»Gerlinde!« rief er mit herzinnigem Ton. »Ich bin ja unsagbar glücklich
über diese Lösung des Rätsels, denn Euer Wesen in letzter Zeit war mir
ein Rätsel, über das ich mir trübe Gedanken machte. Ich glaubte, Ihr
hättet --«
»-- Euch nicht mehr lieb?« fiel sie rasch ein.
»Nein, -- Ihr hättet dem Abte gelobt, mich zu meiden.«
»Das Gelübde hätte ich ihm nie getan, und wenn er Himmel und Hölle
dazu in Bewegung gesetzt hätte,« rief sie. »Ich schämte mich meiner
Angeberei und konnte Euch nur deshalb nicht mehr so unbefangen begegnen
wie sonst. Das ertrug ich nicht länger, und darum ließ ich Euch bitten,
zu mir zu kommen.«
»Das Beste, was Ihr tun konntet.«
»Ich wußte ja, daß Ihr mich freundlich anhören würdet. Und nun -- wie
soll ich Euch danken, Eike, daß Ihr diesen Druck jetzt von mir genommen
habt?« fuhr sie tief erregt fort, sah ihn mit feucht schimmernden Augen
an und reichte ihm die Hand, die er mit seinen beiden umfaßte und
inbrünstig küßte.
Dann stürmte er hinaus wie gescheucht von einer Macht, die stärker war
als er und die ihn übermannt hätte, wenn er noch geblieben wäre.
Mit geteilten Gefühlen blickte Gerlinde ihm nach.
Ihr war ein Stein von der Seele, daß Eike ihr den begangenen Fehler
verziehen hatte und sie nun wieder frank und frei mit ihm verkehren
konnte. Aber -- »ein Handkuß und mehr nicht!« seufzte sie.