Allmählich gelang es ihnen jedoch, den Bann von sich abzuschütteln und

ein harmloses Gespräch mit einander zu führen, so daß sie in der Burg

mit fast fröhlichen Gesichtern erschienen. --

Am Abendtische saßen die drei in alter Traulichkeit einmütig beisammen,

und es war ihnen, als wäre Eike gar nicht von hier fort gewesen. Er

mußte von dem Aufenthalt in seiner Heimat und besonders von der

Förderung seiner Arbeit erzählen. Graf Hoyer war wieder mit allem Eifer

bei der Sache und ebenso Gräfin Gerlinde, die mit den Männern stritt,

scherzte und lachte. Hatte sie doch Eike wieder sich gegenüber, fing

ihm die Worte vom Munde und las ihm aus den Augen, daß er sie doch noch

liebte. Da versanken ihr die Erinnerungen an die qualvollen letzten

Tage wie ein nächtlicher Spuk in das Nichts der Vergessenheit.

Im Lauf des Mahles beim herzerfreuenden Wein sagte Eike nach einer

kleinen Stille: »Auf meinem Ritt nach Reppechowe habe ich eine ganz

besondere Genugtuung gehabt.«

Graf und Gräfin blickten ihn erwartungsvoll an.

»Wieder einen geflügelten Gruß von Eurem erhabenen Beschützer Kaiser

Friedrich?« fragte Gerlinde schalkhaft.

»Nein, so hoch hinaus nicht, aber etwas Ähnliches. Bald nachdem Ihr,

Herr Graf, von mir abgeschwenkt waret, traf ich mit den Grafen Johann

von Blankenburg und Günter von Regenstein zusammen. Sie kamen selbander

von einem Gastmahl beim Fürsten Heinrich von Anhalt und hatten dort

von meinem Gesetzbuch gehört. Der Fürst, bei dem ich, wie Ihr wißt,

eine Zeitlang als Knappe in Kriegsdiensten stand und der mich zum

Ritter geschlagen, hatte sich vor allen seinen Gästen über mich und

mein Bestreben, Rechtseinheit zu schaffen, das ganz und gar in seinem

Sinne wäre, außerordentlich günstig geäußert und mir den besten Erfolg

gewünscht, zu dem er alles, was er könnte, gern beitragen wollte. Graf

Burkhard von Mansfeld hatte ihn auf einem Jagdausfluge eingeweiht und

ihm eine warme Teilnahme an meinem Unternehmen eingeflößt.«

»Der wackere Mensch! aber das war von ihm zu erwarten,« warf Graf Hoyer

dazwischen.

»Ich konnte mit den beiden Grafen eine gute Strecke Weges reiten, und

da nahm ich die Gelegenheit wahr, mit den Herren mancherlei Gerechtsame

ausführlich zu besprechen.«

»Sehr gut, ausgezeichnet, Eike!« rief Graf Hoyer. »Der Blankenburger

und der Regensteiner und die übrigen, die mit bei dem Gastmahl gewesen

sind, werden das dort Vernommene nun noch weiter herumbringen, und du

wirst dir, ehe du deine Schrift fertig hast, schon eine Menge Anhänger

und Freunde im Lande erobert haben.«

»Jaja, aber an Gegnern wird es mir auch nicht fehlen,« wandte Eike ein.

»Neben dem Grafen von Regenstein hatte ein ritterlicher Lehnsmann des

Fürsten aus dem Hasgau gesessen, und der war anderer Meinung gewesen.

Er hatte aus dem Munde -- nun, wessen wohl?«

»Dowalds von Ascharien?«

»Dowalds von Ascharien scharf absprechende Urteile gehört und sie dem

Grafen Günter hinterbracht, ohne indessen bei diesem ein geneigtes Ohr

zu finden.«

»Der alte Esel, der Ascharier, der es uns nie verzeihen wird, daß

wir ihm damals so schnell heimgeleuchtet haben, wird mit seinen

hirnverbrannten, nur von schnödem Eigennutz eingegebenen Anschauungen

von Gerechtigkeit und Billigkeit nirgend Gehör finden,« brauste Graf

Hoyer auf.

»Er soll mir nur noch einmal auf den Falkenstein kommen! da werde ich

einen rascheren Kehraus mit ihm machen als ihr es getan habt,« drohte

Gräfin Gerlinde in flammender Entrüstung.

»Allen Dank für Euer huldvolles Fürnehmen, Frau Gräfin!« lachte Eike.

»Aber der gekränkte Ehrenmann wird auf seinen rastlosen Stegreiffahrten

solche hämischen Anzettelungen überall unter denen ausstreuen, die

einen Strang mit ihm ziehen, wird sie gegen mich aufhetzen und mir

Feinde werben.«

»Die schlagen wir aus dem Felde,« tröstete ihn der Graf. »Es ist von

großem Werte, daß meine lieben Waffenbrüder, die Harzgrafen, jetzt

schon Kenntnis von deinen Bestrebungen erhalten. Von ihnen und ihrer

Gefolgschaft verbreitet wird die Kunde vom Aufkommen einer neuen

Rechtsordnung immer weitere Kreise ziehen und allerwegen freudig

begrüßt werden, denn das Verlangen danach ist im ganzen Volke

vorhanden. Heilo, Eike! stoß' an, -- unser Sachsenrecht!«

Drei Becher klangen aneinander, und sechs Augen blitzten sich an in

hochfliegender Hoffnung. --

Als Gerlinde zu später Nachtstunde ihre Gemächer betrat, nickte sie

mit einem glücklichen Lächeln ihrer Harfe zu und flüsterte: »Du! wir

bleiben noch zusammen, und morgen singen wir wieder.«

Einundzwanzigstes Kapitel.

»Ach, war das eine Nacht voll Schlaf! und ich lebe noch, sehe die Sonne

und den blauen Himmel, und Er ist wieder da, nur durch ein paar Wände

von mir getrennt. Heilige Mutter Gottes, ich danke dir!«

Mit diesem ihr aus voller Brust kommenden Ausruf reckte und streckte

Gerlinde morgens beim Erwachen behaglich die ausgeruhten Glieder, blieb

aber noch auf dem schwellenden Lager und fragte sich, Vergangenes und

Künftiges bedenkend, wie es nun mit ihr und Eike hier werden sollte. --

Alles so, wie es gewesen war, nur in einem Punkte anders. Von jetzt an

wollte sie sich schweigend mit dem Besitz seiner Liebe begnügen und ihn

in der heimlichsten Kammer ihres Herzens bewahren wie einen güldenen

Hort, den ihr keine Macht der Erde rauben oder verleiden sollte.

Sie überlegte nicht im einzelnen, wie sie ihr Benehmen gegen Eike

einrichten wollte, denn das würde sich in den Bahnen, die sie sich

unabweichbar vorgeschrieben hatte, von selber ergeben. Auch das

Alleinsein mit ihm scheute sie nicht, wünschte es vielmehr herbei, um

ihm zeigen zu können, daß er keine Torheit, keinen überschäumenden

Gefühlserguß mehr von ihr zu befürchten hatte.

So in ihrem Innern gefestigt, erhob sie sich und sah dem aufsteigenden

Tage mutig entgegen. --

Beim Frühmahl tauschten Graf und Gräfin ihre Wahrnehmungen über Eikes

Aussehen aus, das sie nicht rühmen konnten, denn beiden war er bleich

und abgearbeitet erschienen. Der Graf sagte: »Er will nun öfter einmal

pirschen gehen, und das wird ihm gut tun. Ob er ein trefflicher

Schütz ist, weiß ich nicht und traue ihm in dieser Beziehung nicht

viel zu; soll mich wundern, ob er Haar oder Feder heimbringen wird.

Das schleichende und streichende Raubzeug wird wohl vor seinen Bolzen

sicher sein.«

»Er wird zur Ausübung des Weidwerks wenig Zeit und Gelegenheit gehabt

haben,« meinte Gerlinde. »Der Wildmeister sollte ihn füglich dazu

anlernen.«

»O der wird gern dazu bereit sein,« erwiderte der Graf.

Sie hatte des Wildmeisters erwähnt in der Erwartung, daß der Graf nun

dessen Sendung zu Eike mit dem Briefe zur Sprache bringen würde; das

geschah indessen nicht. Warum wohl nicht? dachte Gerlinde. Sie wollte

nicht davon anfangen, daß ihr Eike Mitteilung von dieser Botschaft

gemacht hatte, ohne die er gestern nicht wiedergekommen und sie heute

nicht mehr am Leben wäre. Das konnte sie ihrem Gatten freilich nicht

sagen, denn er durfte niemals erfahren, aus welcher furchtbaren Not

und Verzweiflung er durch sein Eingreifen ahnungslos zu ihrem Retter

geworden war. Aber das war wohl Gottes Wille gewesen, der mit seiner

unerforschlichen Weisheit ihr Schicksal so wunderbar gelenkt hatte. Von

diesem Glauben durchdrungen und gehoben vermochte sie jetzt nicht von

anderen, gleichgültigen Dingen zu reden, stand deshalb auf und begab

sich in ihr Zimmer.

Ihre Seele war des Dankes so voll gegen den Allbarmherzigen, daß sie

die Harfe nahm und mit halblauter Stimme sang:

Könnt' ich mit Engelszunge singen,

Ein Cherub in dem großen Heer

Der Himmlischen mit Schwert und Schwingen,

Im Halleluja sollte klingen

Mein Saitenspiel zu Gottes Ehr.

Er hielt mich, als ich fast verloren,

Mit seiner gnadenreichen Hand,

Und die ich mir den Tod erkoren,

Ich atme nun wie neugeboren,

Als schaut' ich das gelobte Land.

Mit Freundes Arm umfangt mich wieder

Des Daseins holde Wirklichkeit,

Und sanft, wie mit des Schwans Gefieder

Senkt Ruh und Friede sich hernieder

In meine Brust, von Schuld befreit.

Still will ich in des Lichtes Glanze

Einhergehn mit ergebnem Sinn

Und bei der Horen schnellem Tanze

Gleichwie geschmückt mit grünem Kranze

Ausblicken zu den Sternen hin.

Sie hatte das Lied stehend gesungen, setzte sich nun auf das Spannbett

und verharrte, wie durch ein dargebrachtes Opfer entsündigt, eine

Weile regungslos. Dann gingen ihre Gedanken andere Wege. Der gewaltige

Umschwung in ihrer Lage von gestern auf heute warf ihr eine Fülle von

Glück in den Schoß, und auch diesen Empfindungen mußte sie Worte und

Töne leihen. Erregter, schwärmerischer als das erste erklang das zweite

Lied:

Ich hab' es getragen und standhaft verhehlt,

Behutsam im Tiefsten verborgen,

Was mir wie leuchtende Sonne gefehlt

Am wolkenverschleierten Morgen.

Doch nun ist die Not und das Bangen vorbei,

Nun sing' ich und jubele Tandaradei!

Es ist mir, als käme der Frühling gebraust

Mit Stürmen, mit Wachsen und Werden,

Die Hölle hat mir in der Seele gehaust,

Jetzt hab' ich den Himmel auf Erden.

Die Welt hat verwandelt sich wohl über Nacht,

Sie schimmert und glänzt mir in zaubrischer Pracht.

Ihn habe ich wieder, den heiß ich ersehnt

Bei jeglichem Herzensschlage,

Mit übermenschlichem Glücke belehnt

Erfreu' ich mich nun meiner Tage,

Denn er, der mir alle die Seligkeit gibt,

Mein ist er und bleibt er, dieweil er mich liebt.

Damit hatte sie das, was sie am mächtigsten bewegte, laut und

lustig wie Lerchengeschmetter hervorgewirbelt und streckte sich nun

zufriedenen Herzens auf der Ruhebank aus.

Der, dem dieser Überschwang der Gefühle gegolten hatte, Eike von

Repgow, saß wieder auf seinem alten Platz und war fleißig an der

Arbeit. Er hatte diese Nacht, ehe er einschlief, die gestrigen

Ereignisse noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen lassen und war

nach reiflichem Nachdenken zu der Überzeugung gelangt, daß die Gefahr

für Gerlindes Leben nach seiner Rückkehr verschwunden war und sie den

Tod nicht noch einmal suchen würde, auch dann nicht, wenn er eines,

nicht mehr allzufernen Tages auf eine unberechenbar lange Zeit von ihr

Abschied nehmen mußte.

Diese Zuversicht schöpfte er hauptsächlich aus seiner Beobachtung ihres

teils ruhigen, teils sehr heiteren Gebarens gestern abend bei Tisch,

das nicht die leiseste Nachwirkung ihres düsteren Vorhabens verraten

hatte. Darum hoffte er auch, daß sie sich nunmehr in ihrem Verkehr

miteinander als ebenso maßvoll und willensstark erweisen würde wie er.

Seine Liebe gab der ihrigen nichts nach, nur daß er sie zu zügeln

wußte, so unsäglich schwer ihm dies auch manchmal wurde. Ihm wollte

das Herz überwallen und auf die Zunge springen, wenn er ihre schöne,

schlanke Gestalt vor sich hatte, ihr in die dunklen Augen sah und ihrer

klang- und seelenvollen Stimme lauschte. Dann kostete es ihn die größte

Überwindung, sie nicht rasch in die Arme zu schließen und fest an seine

Brust zu drücken. Doch er wollte seinem Vorsatz, bei der bisher geübten

Zurückhaltung zu beharren, bis zur letzten Stunde seines Hierseins treu

bleiben, und die Vertiefung in seine Arbeit sollte ihm sicheren Schutz

gewähren gegen aufrührerische Gedanken und begehrliche Wünsche.

Er arbeitete jetzt stets allein, wie er es in Reppechowe gemußt

und dadurch sich angewöhnt hatte. Wilfred ließ er oben in seinem

Turmstübchen Abschriften machen, und weil der jetzt fleißige und flinke

Gehilfe damit gut vorwärts kam, ließ er ihn von dem bereits Erledigten

noch eine zweite Abschrift anfertigen.

Da begegnete ihm eines Morgens etwas ganz Merkwürdiges. Es klopfte an

der Tür, und auf sein Herein! traten Wilfred und Melissa zu ihm ins

Gemach, wo jeder dem andern überließ, zuerst das Wort zu ergreifen.

Erstaunt fragte Eike: »Nun? was habt ihr zwei auf dem Herzen? ihr seht

mir aus, als hättet ihr euch gezankt und ich sollte einen Sühneversuch

mit euch anstellen; redet!«

Mit einer Schüchternheit, die ihrem hübschen Gesicht höchst anmutig

stand, begann Melissa: »Es ist so, wie Ihr sagt, Herr von Repgow. Wir

wollten Euch züchtig und bescheiden bitten, als Rechtsgelehrter einen

Streit zwischen uns zu schlichten, in dem wir uns nicht einigen können.«

»Da bin ich aber neugierig,« versetzte Eike. »Trage mir euren Handel

vor, Melissa! ich werde, wenn ich das Urteil finde, den Spruch fällen.«

»Es geht um eine Wette,« berichtete sie. »Wir haben gewettet, ob Ihr

von Reppechowe nach dem Falkenstein zurückkehren würdet oder nicht.

Fred schwur Stein und Bein, Ihr kämet nicht wieder, ich dagegen hielt

Euch die Stange und behauptete, Ihr kämet wieder, und nun seid Ihr da,

und ich habe die Wette gewonnen.«

»Das ist klar wie die Sonne, du hast die Wette gewonnen, Melissa,«

bestätigte Eike. »Will Fred etwa die Buße nicht zahlen?«

»Gewiß will ich sie zahlen,« fiel Wilfred ein, »aber Melissa will sie

nicht nehmen.«

»Will sie nicht nehmen? ach! -- Wie hoch beläuft sich der Preis? um was

habt ihr gewettet?«

Da wollte keiner mit der Sprache heraus.

»Melissa, ihr habt mich als Schiedsrichter angerufen, und ich bin ein

schöffenbarer Mann, dem du die Wahrheit sagen mußt, denn ich kann dir

den Eid staben, wenn ich will,« vermahnte sie Eike. »Um was habt ihr

gewettet?«

»Um -- um sieben Küsse,« flüsterte sie errötend.

»Um sieben Küsse?« lachte Eike hell auf und schnellte vom Sitz empor.

»Eine Wette um sieben Küsse! etwas Närrischeres gibt's doch in der

Welt nicht, und das hab' ich auch noch nicht erlebt, daß der Schuldner

seine Schuld bezahlen und der Gläubiger sie nicht nehmen will.«

»Habt Ihr darüber nichts in Eurem Rechtsbuch, Herr Ritter?« fragte

Melissa.

»Bis jetzt noch nicht,« lachte Eike wieder. »Aber das könnte allerdings

ein feines Stückchen werden, ein Kapitel über das Kußrecht; das fehlt

noch zwischen all den anderen Rechten. Hast du schon einmal von dem

großen Minnesänger Walter von der Vogelweide gehört, Melissa?«

»Ei ja! Unter der Linden auf der Heide --«

»Richtig! so fängt eins seiner schönsten Lieder an. Er sagt auch:

Küsse sind der Minne Rosen. Und ein anderer, genannt der tugendhafte

Schreiber, singt: Minne ist Mannes Mund an Weibes Munde.«

Melissa schlug hold verschämt die Augen nieder und schielte dann

verstohlen zu Wilfred hin.

»Dichter sind kluge Leute und kennen sich in den höchsten und süßesten

Freuden des Herzens gründlich aus,« fügte Eike hinzu. »Warum willst du

dir denn die Küsse von Wilfred nicht gefallen lassen?«

»Weil er mich geärgert hat,« stieß sie störrisch hervor. »Luitgard, die

heimtückische Müllerstochter, steckt dahinter, doch das gehört nicht

hierher.«

»Nein, das geht mich nichts an,« stimmte Eike zu. »Aber jeder von

euch hat hier sowohl ein Recht wie eine Pflicht, und denen muß Genüge

geschehen. Wilfred hat die Pflicht, die Buße für die verlorene Wette

bar und blank zu erlegen, und das Recht, zu verlangen, daß du sie von

ihm annimmst, es sei denn, daß ihr einen Vergleich schlösset, der euch

über das eine und das andere hinweg hilft. Wie steht es damit?«

»Ich bin bereit dazu und will mich mit der Hälfte zufrieden geben,«

erklärte Wilfred.

»Das soll heißen: Du wünschest, daß dir Melissa die Hälfte deiner

Schuld erläßt, -- in Ansehung des Objektes ein sonderbarer Wunsch.«

»Die ganze erlasse ich ihm, verzichte auf alles,« rief Melissa ziemlich

erregt.

»Das darfst du nicht, ich will durch Annahme der Buße von meiner Schuld

befreit werden,« begehrte Wilfred auf.

»Wenn dich die Schuld drückt, geh doch wieder zu Luitgard, die erlöst

dich gern davon,« höhnte Melissa.

»Mit der hab' ich nicht gewettet,« entgegnete Wilfred brummig. »Auf

weniger als die Hälfte lasse ich mich nicht herunterdrücken, und

wenn mir mein Recht nicht freiwillig gewährt wird, so nehme ich's

mir.« Dabei machte er eine Bewegung gegen Melissa, als wollte er sie

überfallen, so daß sie erschrocken einen Schritt von ihm zurückwich.

»Halt!« lachte Eike, »das verbiet' ich, das wäre Mundraub im

wörtlichsten Sinne, und der ist strafbar. Übrigens, wie denkt ihr euch

denn die Teilung der Buße in zwei Hälften? Die Hälfte von sieben Küssen

sind drei und ein halber. Worin sich aber ein halber Kuß von einem

ganzen unterscheiden soll, kann ich mir nicht vorstellen, mit einem

halben wüßte ich, weder als Schöffe auf dem Stuhl noch als Mensch im

Leben etwas anzufangen.«

So eine verwünschte Wette! woher mag der Windhund, der Wilfred, die

Witterung haben, daß ich nicht wiederkommen wollte? dachte er, fand

aber den Schlüssel zu diesem Geheimnis nicht.

Dann hub er wieder an: »Ja, wenn es sich um gemünztes Geld handelte!

Den Hof- und Pachtzins oder den Zehnten kann man dem Zinsherrn auf die

Schwelle legen, an den Zaun oder an die Türklinke binden, daß er ihn

dort findet, steht in meinem Gesetzbuch. Aber beim Küssen ist diese

Art von Schuldentilgung nicht anwendbar. Ein ganz verzwickter ~casus~!

-- ~non liquet, non liquet!~« murrte er und rannte, die Hände auf dem

Rücken, im Zimmer hin und her.

»Ihr seid doch nun einmal Rechtsgelehrter, Herr Ritter, und müßt

unseren Streit zum Austrag bringen können,« erinnerte ihn Melissa.

Da blieb er vor ihnen stehen und sagte entschlossen: »Ja! will ich

auch. Und wenn ihr mit eurer Sache zur höchsten Dingstatt unter

Königsbann ginget, würdet ihr auch keinen anderen Spruch erhalten als

den, den ich euch jetzt verkündigen werde. Also höret, wie von Rechts

wegen erkannt wird. Du, Wilfred, hast die Wette verloren und mußt

die Buße unweigerlich zahlen. Du, Melissa, hast die Wette gewonnen,

kannst die Zahlung fordern, mußt sie aber auch ebenso unweigerlich

einstecken. Von Teilung kann keine Rede sein, sieben Küsse habt ihr

euch zu versetzen, keinen mehr und keinen weniger, dabei bleibt es.

Wenn binnen heut und drei Tagen das gesprochene Recht ~in optima forma~

erfüllt ist, dann ist die Sache damit abgetan und erledigt. Wenn aber

nicht, dann kann der Unbefriedigte wieder hier vor meinen Stuhl kommen

und gegen den Widerspenstigen das Gerüfte schreien, das heißt die Klage

erheben und dann auch die Zwangsvollstreckung beantragen. Fürsprecher,

Bürgen und Eideshelfer braucht ihr nicht, denn ihr seid beide eures

Paktes geständig. Geht! ~actum est.~«

»Wir bedanken uns schön für den gnädigen und weisen Spruch, Herr

Ritter,« sagte Wilfred vergnügt mit einer tiefen Verbeugung.

»Mit dir wette ich in meinem Leben nicht wieder,« schmollte Melissa,

als sie mit Wilfred hinaus ging.

Eike blickte ihnen kopfschüttelnd nach und lachte, sich selbst

verspottend: »Und das nennst du Urteil finden, schöffenbarer Mann?« --

Draußen auf dem einsamen Flur sprach Wilfred: »Der Ritter hat zu meinen

Gunsten entschieden, Melissa. Nun will ich dir auch sagen, daß ich gar

nicht in der Talmühle gewesen bin; nicht von Luitgard, sondern von

meinem lieben Füchslein kam ich, als du mich neulich im Walde sahest.«

»Ist das wahr?« fragte sie, halb noch zweifelnd, halb in zitternder

Freude.

»Ich schwöre es dir bei deinem seidenweichen Blondhaar, deinen

liebestrahlenden Augen und deinem purpurroten Munde. Glaubst du's nun?«

»Ja!« jauchzte sie auf und umschlang ihn mit beiden Armen.

Da küßte er sie, bis ihr der Atem verging.

»Hör' auf!« keuchte sie, »jetzt sind es schon zehn.«

»Macht nichts, zehn ist auch eine heilige Zahl. Denk' an die zehn

Gebote, und in keinem heißt es: Du sollst nicht küssen.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Zwietracht zwischen Wilfred und Melissa war durch seine

Versicherung, daß er gar nicht in der Talmühle gewesen wäre,

vollständig gehoben, und nach dem endgültigen Austrag ihrer Wette

waltete wieder Friede und Freundschaft zwischen ihnen. Auf Melissas

Frage, warum er das nicht vor Anrufung des Ritters gesagt hätte,

erwiderte er, es hätte ihm Spaß gemacht, sich an ihrer Eifersucht zu

weiden, worauf sie ihn einen abgefeimten Bösewicht schalt.

Dem Wortlaut nach hatte Wilfred nicht gelogen, als er schwur, daß er

an dem Tage, da sie ihn hätte aus dem Walde kommen sehen, nicht bei

Luitgard, sondern bei seinem Fuchse gewesen wäre. Daß er aber einige

Tage vorher einen wenig erfreulichen Besuch in der Talmühle gemacht

hatte, verschwieg er, und diese Tatsache bestimmte ihn auch, nicht gar

zu frech die gekränkte Unschuld zu spielen. Nachdem er nun aus dem

Streit um die sieben Küsse als Sieger hervorgegangen war, wollte er das

ihm treu anhängliche Mädchen, das er viel lieber hatte als die trotzige

Kratzbürste da unten im Tale, beruhigen und versöhnen, was er ja auch

›~in optima forma~‹, wie es in dem Schiedsspruch ausbedungen war,

schicklich und glimpflich besorgt hatte.

Zur Befestigung des wieder hergestellten herzlichen Einvernehmen trug

bald darauf ein mißliches Ereignis bei, das Wilfred einen großen

Schmerz bereitete und Melissas inniges Mitgefühl erregte.

Eike wollte sich jetzt dann und wann eine Ausspannung von seiner

anstrengenden Arbeit gönnen und, wie er sich vorgenommen, ein wenig

des edlen Weidwerks pflegen. Er ließ also den Wild- und Waffenmeister

um eine Armbrust und einen Köcher voll scharfer Bolzen bitten und zog

hoffnungsvoll damit zu Holze.

Als er nun von solchem Pirschgang einmal mit einer Beute auf der

Schulter heimkehrte, fand er zufällig Wilfred und Melissa auf dem

Burghof plaudernd am Brunnen stehen und warf Wilfred das erlegte Stück

Wild im Schwunge zu mit den Worten: »Da hast du Reinhart den Voß und

kannst dir aus dem Balg einen schönen Pelzkragen für dein Winterwams

machen lassen.«

Wilfred fing das Tier mit den Armen auf und erkannte an dem Schlitz im

Ohr seinen Fuchs, den Eike erschossen hatte. Er konnte vor Wut keinen

Ton hervorbringen, drückte sein liebes Füchslein an sein Gesicht und

wischte sich mit der dicken Lunte die ihm feucht werdenden Augen.

Eike hatte dessen nicht acht und begab sich ohne weiteres in die

Burg. Melissa, die sofort begriff, welcher Tort Wilfred damit angetan

war, wollte ihm ihr herzliches Bedauern aussprechen. Er aber hob die

geballte Faust und drohte dem Schützen nach: »Den Schuß wirst du noch

einmal bereuen, Ritter von Repgow!«

Sie erschrak vor dem Ausdruck grimmigen Hasses und wilder Rachgier in

Wilfreds Zügen und hielt ihm zu seiner Besänftigung vor, daß es doch

nicht des Ritters Absicht gewesen wäre, ausgesucht +diesen+ Fuchs,

seinen zutraulichen Waldgesellen, zu töten, von dessen Zähmung Eike

nichts wußte. Wilfred unterbrach sie jedoch schluchzend: »Meinen

besten, einzigen Freund, den ich auf der Welt hatte!«

Seinen besten, einzigen Freund! wiederholte sich Melissa bitter und

traurig. Und ich? bin ich ihm nichts? nicht einmal soviel wie der Fuchs

ihm war? »Laß ihn von einem Jäger abbalgen,« sagte sie gutmütig. »Ich

will dir den Pelzkragen anfertigen zum Andenken an deinen Liebling

--« und an mich, hätte sie beinah hinzugefügt, verschluckte diesen

heimlichen Wunsch jedoch. --

Mit dem bisher guten Verhältnis zwischen Eike und seinem Gehilfen war

es nun vorbei. Wilfred sprach mit jenem fortan kein Wort mehr als er

durchaus mußte, tat die ihm aufgebürdete Arbeit verdrossener denn je

und wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, dem Mörder seines lieben

Schlitzohrs einen recht bösen Possen spielen zu können.

Dem nun öfter, doch ohne jeglichen Erfolg die Wildbahn besuchenden

Gelehrten fiel das veränderte Benehmen des Schreibers nicht auf. Ihm

waren Kopf und Herz voll von seiner Arbeit und von seiner Liebe zu

Gerlinde, deren gemessenes, aber stets fröhliches Wesen ihn wahrhaft

beglückte. Da durfte auch er sich zwanglos geben, und weil er sich

seinen Wirten jetzt mehr widmen konnte, dehnten sich die Mahlzeiten

länger aus und wurden noch heiterer als bisher.

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 14 / 20 段