Ein Dolchstoß ins Herz würde sich als eigene Tat offenbaren und

schonungslose Fragen nach dem Beweggrunde zur Folge haben. Es gab steil

abfallende Felsen hier in der Umgegend, und ein Fehltritt würde den

Absturz erklären, aber das war ihr nicht sicher genug; dabei könnte

sie sich, statt die Vernichtung zu finden, vielleicht nur eine mäßige

Verletzung zuziehen, mit der ihr nicht gedient war. Sie dachte an die

ägyptische Königin Kleopatra, die sich eine Schlange an den Busen

setzte, aber die Schlangen waren ihr ein zu widerwärtiges Gezücht, und

es gab ja noch andere Gifte als Schlangengift. Ha! jetzt hatte sies.

Großmutter Suffie, die das Gras wachsen hörte, die Sprache der Vögel

verstand, die Säfte aller Pflanzen kannte und damit Menschen gesund und

krank machen konnte, die sollte ihr raten und helfen. Ohne Säumen trat

sie den Weg zur Talmühle an. --

Die Gräfin und die uralte Müllerin waren seit Jahren schon gute

Nachbarn und Gefreunde. Gerlinde hatte die in vielen Dingen

Wohlbewanderte öfter besucht, sich an ihrer abergläubischen

Spruchweisheit ergötzt und ihre nützlichen Winke über Landesbrauch

und Gewohnheit, Hausarzneien und Heilmittel nicht zu ihrem Schaden

befolgt. Suffie hatte ihr immer willig des langen und breiten Auskunft

gegeben, und zu diesen Unterredungen ließen sämtliche Beutlings nach

ehrfürchtiger Begrüßung der Herrin die zwei stets unter sich allein in

der Stube.

Suffies faltenreiches Gesicht glänzte in Freuden auf beim Erscheinen

der Gräfin, und kaum daß diese Platz genommen hatte, wurde sie von der

Geschwätzigen mit einem Schwall von Fragen überschüttet, wie sie den

Sommer verlebt, ob sie fleißig gestickt, täglich Harfe gespielt und

gesungen und was sie sonst noch getan und getrieben, da sie sich seit

undenklicher Zeit nicht in der Mühle hätte blicken lassen. »Freilich,«

fügte sie, ohne auf die Antwort zu hören, hinzu, »Ihr habt einen Gast

im Schlosse, einen vornehmen, jungen Ritter, der Euch geflissentlich

mit minniger Kortasie aufwarten wird. Da ist es nicht zu verlangen, daß

Ihr Euch auf eine alte, verschrumpelte Unke besinnt wie ich bin.«

»Unkenhaft schaut Ihr nicht aus, Großmutter,« versicherte die Gräfin.

»Schon das lustige Gefunkel Eurer Augen straft Eure Worte Lügen.«

»Die Augen, ja, die tun noch allweg ihren Dienst,« versetzte Suffie.

»Ich erkenne noch genau, wohin die Wetterfahne oben auf Eurem Dache

zeigt.«

Auch vom Grafen Hoyer, von Wilfred, von Melissa und noch mehreren ihres

Hofstaates mußte Gerlinde erzählen, denn die neuigkeitsüchtige Alte

wollte über alle Burgbewohner auf dem laufenden erhalten sein.

Die Gräfin saß wie auf Kohlen vor Ungeduld, die eigenartige

Veranlassung ihres Besuches anbringen zu können. Endlich gelang ihr

dies. »Großmutter Suffie,« begann sie mit erregt hastender Stimme,

»ich komme, Euch einmal wieder um einen guten Rat zu bitten. Ihr wißt

ja mit allerlei Ziefer und Zauber Bescheid; nun sagt mir, wie wir uns

der abscheulichen Ratten erwehren sollen, die auf dem Falkenstein in

erschreckender Weise überhand nehmen. In die aufgestellten Fallen

gehen sie nicht mehr, und die Hunde werden auch nicht Herr über die

entsetzliche Plage. Was sollen wir dagegen tun?«

»Da müßt Ihr den Biestern Gift legen, gnädigste Frau Gräfin!« erklärte

Suffie ohne Bedenken.

»Ja, Gift, -- das wird schwer zu haben sein,« meinte die Burgfrau

vorsichtig, Suffies Anerbieten erwartend, es ihr beschaffen zu wollen.

»Nichts leichter als das!« lachte die Alte. »Tollkirsche ist das Beste,

zu dem ich Euch raten kann; das räumt im Umsehen unter dem garstigen

Viehzeug auf, denn es wächst nichts Giftigeres im ganzen Gebirge.«

»Wächst es auch hier?« fragte Gerlinde begierig.

»Am Heidenquell wuchert es, Frau Gräfin! Kennt Ihr den?«

Am Heidenquell! wie ihr der Name ins Herz griff! »Ob ich ihn kenne,

Großmutter Suffie!« sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln. »Ihr selber

habt mich ja einst zu dem der Frau Holle geweihten wundertätigen Born

hingewiesen.«

»Hab' ich? ach ja, ich erinnere mich,« bestätigte die alte Heidin.

»Wenn man über die neunzig Jahre hinauskommt, wird das Gedächtnis immer

schwächer; das werdet Ihr an Euch auch noch einmal erfahren, liebe,

junge Gräfin. Wie alt seid Ihr denn?«

»Achtundzwanzig.«

»O da habt Ihr ja noch ein ganzes, langes Leben voll Glück und Freuden

vor Euch.«

Gerlinde schwieg und blickte verlegen zu Boden. Dann bat sie, ihr das

Aussehen der Tollkirschen zu schildern, und lauschte der Beschreibung

mit größter Aufmerksamkeit.

Suffie belehrte sie: »Es ist ein krautartiger Strauch, etwa eine Elle

hoch, mit länglichen, zugespitzten Blättern und glänzend schwarzen

Beeren. Den müßt Ihr mitsamt den Wurzeln ausgraben, denn die Wurzeln

und die Blätter sind das Giftigste an ihm, nicht die Beeren. Also nur

die Wurzeln und die Blätter müßt Ihr in Wasser zu einem dicken Brei

einkochen und etwas Speck dazutun. Wenn davon so ein liebes Tierchen

nur ein Fingerhütlein voll nascht, dauert es keine Stunde, und es

streckt alle Viere von sich.«

»So rasch wirkt es?«

»So rasch geht es, so stark ist das Gift,« nickte die Sachverständige.

»Ihr müßt deshalb mit aller Fürsichtigkeit dabei zu Werke gehen und

Euch dann gleich die Hände waschen, denn wenn Ihr nachher beim Sticken

an den Finger leckt, um die Seide in das Nadelöhr zu fädeln, könnte

es leicht um Euch geschehen sein. Aber Ihr werdet ja das Kochen nicht

selbst besorgen.«

»Doch, ich möchte keinen meiner Leute einer solchen Gefahr aussetzen,«

fiel Gerlinde geängstigt ein. »Ich habe in meinem Schlafgemach eine

kleine Weingeistlampe, auf der ich mir zuweilen ein Tränklein gegen

Heiserkeit beim Singen braue.«

»Gut, desto besser! dann bleibt das feine Mittelchen unter uns. Sagt's

niemand, daß ich es Euch angeraten habe,« raunte Suffie.

»Ach nein! ich werde -- stumm sein,« gab ihr Gerlinde ernst zur

Antwort. »Laßt auch Ihr niemals verlauten, daß ich Euch danach gefragt

habe, niemals!« Sie erhob sich, drückte der Alten die knöcherne Hand

und sprach: »Habt Dank, Großmutter Suffie, und -- lebt wohl!«

»Ich freue mich immer, wenn ich Euch zu Willen und Gefallen sein kann,«

erwiderte Suffie und geleitete, auf ihren Krückstock gestützt, die

Gräfin zum Zaun des Mühlengehöftes. Dort blickte sie der Scheidenden

nach und murmelte, das greise Haupt schüttelnd: »Ratten? und darum

kommt sie selbst? wunderlich, sehr wunderlich! Sie war so seltsam

unruhig wie sonst nie, sah auch schlecht aus, blaß und abgezehrt, und

ihre Augen flackerten unstet wie bei einer, die nicht Frieden im Herzen

hat. Sie wird doch mit den Tollkirschen nichts Arglistiges im Sinn

haben? Wem anders aber als Ratten sollte sie Gift mischen wollen? doch

nicht etwan ...? ach, schäme dich, altes, dummes Weib!« Mit gebeugtem

Nacken humpelte sie nach dem Hause zurück. --

Gerlinde, den Burgberg hinansteigend, gedachte Eikes. Was würde er

sagen, wenn er ihr plötzliches Hinsterben erfuhr? würde er glauben, daß

sie eines natürlichen Todes verblichen war? Gewiß nicht! er, er allein,

würde sofort die volle Wahrheit erfassen, aber auch unverbrüchlich

schweigen. Nur peinigte es sie, daß er auf den Gedanken kommen könnte,

an ihrem Tode schuld zu sein! Das mußte sie durchaus verhüten und ihn

vor dieser Angst bewahren. Sollte sie ihm zum Zeichen, daß sie ihm

nicht grolle, noch einen letzten Gruß senden? nein! das wäre für den

Überbringer wie für jeden, dem das Gerücht von solchem auffälligen

Scheidegruß zu Ohren drang, der deutliche Beweis ihres vorsätzlichen

Handelns.

Aufrichtiges Mitleid fühlte sie mit dem Grafen, ihrem Gemahl, der

in den sechs Jahren ihrer Ehe stets liebevoll und freundlich gegen

sie gewesen war und der mit ihr nun auch die zweite Gattin verlor

und wieder zum Witwer wurde. Und nicht einmal Abschied nehmen durfte

sie von ihm; hinterrücks mußte sie von ihm gehen, nachdem sie jede

erkennbare Spur ihrer grausigen Tat getilgt und verwischt haben würde,

mit welchem Schrecken er dann auch, das Ungeheure nicht begreifend, vor

ihrer entseelten Hülle stehen würde. Den ihm damit zugefügten großen

Schmerz bat sie ihm jetzt schon im stillen ab und wollte, ehe sie den

Löffel mit dem Gift zum Munde führte, an ihrem Betpult auch die heilige

Jungfrau um Vergebung dieser Sünde inbrünstig anflehen.

Oben im Schlosse muteten sie die gewohnten Räume fremd an, als

gehörte sie nicht mehr hierher, schon einer anderen Welt verschrieben

und verfallen, und doch mußte sie bis morgen nachmittag hier noch

ausharren, weil es heute für den Gang nach dem Heidenquell zu spät

geworden war.

Von allem, was sie besaß, hätte sie nur ihre kleine Harfe und ihren

Rosenkranz, ein altes Erbstück ihrer Mutter, mit großen, schön

geschliffenen Bergkristall- und Bernsteinkugeln, gern mit ins Grab

genommen, aber sie durfte ja keine Bestimmungen treffen, die als

Vorbereitungen zum Sterben angesehen werden könnten.

In der Nacht schlief sie wenig, und die Zeit von früh bis Mittag wurde

ihr sehr lang. --

Endlich war sie wieder inmitten der einsamen Wildnis, durch die sie

sich im Sommer mit Eike Bahn gebrochen hatte, und da kamen ihr die

Erinnerungen an jenen seligen Morgen wie grüßende Wanderer entgegen.

Jedes ihrer damaligen Gespräche über die Schönheit des Waldes in den

wechselnden Jahreszeiten, über die Gesetze der Natur und der Menschen,

über Eikes Rechtsbuch und Walters Minnesang hallte traumhaft in ihr

wider.

Die zerklüftete Schlucht mußte sie diesmal allein überwinden

und vollbrachte es ohne Anwandlung von Schwachheit mit dem

unerschütterlichen Willen, ihr Ziel zu erreichen.

Bald hatte sie es erreicht und stand nun nahe der Klippe, aus der

das als wundertätig gepriesene Wasser unter dem Denkstein mit der

verwitterten Runenschrift hervorquoll, auf derselben Stelle, wo sie

Eike von Repgow schluchzend an die Brust gesunken war.

Jetzt stand sie erhobenen Hauptes und ließ den Blick in die Runde

schweifen, um den geheimnisvollen Waldeszauber noch einmal, zum letzten

Male, zu genießen.

Dann wandte sie sich langsam den schon entdeckten Stauden mit den

spitzen Blättern und den schwarzen Beeren zu, kniete bei der einen und

der andern nieder, grub sie, ihre zarten Hände nicht schonend, mitsamt

den Wurzeln aus und legte sie in das dazu mitgebrachte Tuch, das sie an

den vier Zipfeln verknüpfte.

Darauf trat sie festen Schrittes den Heimweg an und schaute nicht mehr

zurück nach der Stätte, wo das Glück einst dicht an ihr vorbei geflogen

war.

Zwanzigstes Kapitel.

Die liebe Nachmittagssonne bestrahlte Giebel, Dächer und Zinnen des

Falkensteins mit einem behäbigen Lächeln und schien alles, was da

fleucht und kreucht, in den Schlaf gezwinkert zu haben, denn nichts

regte sich innerhalb der Umwallung, kein Ton, kein Tritt klang durch

die friedliche Stille. An den Wänden gähnte eine wahrhaft feiertägliche

Langeweile, und war doch gar kein Feiertag heute, nicht einmal der

Namenstag des kleinsten Kalenderheiligen, mit dem man es aus irgend

einem Grunde doch auch nicht gern verderben will.

Diese beschauliche Ruhe verwandelte sich indessen schnell in das

Gegenteil, als vom Turm ein dröhnender Hornruf erscholl, der in eine

lockende Jagdweise überging. Da ward es lebendig in der Burg. Von

allen Seiten, über alle Treppen und aus allen Türen kamen die Insassen

zusammengelaufen, als wäre Feuerlärm geblasen worden. Aber alle zeigten

fröhliche Gesichter, denn sie wußten, was das zu bedeuten hatte. Der

Ritter Eike von Repgow mußte im Anzuge sein, und nun standen sie in

dichten Haufen auf dem Burghof, ihn zu erwarten.

Auch Graf Hoyer war herbeigeeilt, ihn an der Spitze seines vollzählig

versammelten Gesindes zu begrüßen. Nach seiner Gemahlin spähte er

jedoch vergebens aus. »Wo ist die Gräfin?« fragte er verwundert.

Melissa gab Antwort: »Die Frau Gräfin hat vor kaum einer Stunde das

Schloß verlassen, wohl zu einer Wanderung in den Wald.«

»Was hat sie denn jetzt allein im Walde zu suchen? das ist doch sonst

nicht ihre Gewohnheit,« sprach der Graf, ungehalten, daß sie bei der

Wiederkehr des Freundes nicht zur Stelle war.

Da kam Eike schon mit dem Wildmeister durch das innere Tor eingeritten,

und auf seinen Zügen glänzte die Freude, sich so allgemein

bewillkommnet zu sehen. Er sprang vom Pferde und schritt auf den Grafen

zu, der ihn in seine Arme schloß und frohgemut ausrief: »Eike! haben

wir dich endlich wieder? Den Wild- und Waffenmeister mußte ich dir

also erst auf den Hals schicken, um dich in Haft und Gewahrsam nehmen

zu lassen, du trotzköpfiger Ausreißer! Komm hinauf! oben sollst du mir

beichten, warum du so lange ausgeblieben bist, kannst mir dabei den

größten Bären aufbinden, der im Harzwald herumzottelt, ich will alles

auf Treu und Glauben hinnehmen, was menschenmöglich ist.«

Ehe die Herren in das Schloß eintraten, wandte sich Eike zu den

Umstehenden und nickte und winkte ihnen seinen Dank zu für den

freundlichen Empfang. Dem Schreiber reichte er die Hand und sagte: »Ich

bringe viel Arbeit mit, Wilfred!«

Melissa schabte dem verblüfft Dreinschauenden lachend mit den

Zeigefingern Rübchen in ihrem Triumph, recht behalten und ihre Wette

gewonnen zu haben.

Graf Hoyer geleitete seinen lieben, wieder eingebrachten Gefangenen in

dessen früheres Losier und blieb dort bei ihm.

»Nun sag's kurz, Eike! was hast du zu deiner Entschuldigung

anzuführen?« begann er.

»Nichts, Herr Graf!« gestand Eike verlegen und kleinlaut.

»Du hast dich in die zu Hause noch vorgefundenen Papiere wie ein Dachs

eingegraben und dich dann aus deinem vollgestopften Bau nicht wieder

herauswühlen können, nicht wahr?«

»Ja, so ist es.«

»Na, mach' nur nicht so ein jämmerliche Armsündergesicht, als hättest

du Wunder was verbrochen!« beruhigte ihn der Graf in seiner heiter

biderben Weise, »nun du wieder hier bist, soll dir alles verziehen

sein. Wir haben dich, wie ich dir schrieb, hier schwer vermißt, auch

meine Frau; ich hab's ihr angemerkt, wie sie sich um dich härmte, wäre

fast eifersüchtig auf dich geworden,« fügte er launig hinzu. »Sie

ist in den Wald gegangen, konnte ja Tag und Stunde deiner Ankunft

so wenig wissen wie ich. Gesteh mal aufrichtig: wärest du auch ohne

den Wildmeister und meinen Brief gekommen?« Eike zuckte die Achseln;

ihm war schwül zumute. »Vielleicht nicht so schnell,« erwiderte er

ausweichend. »Aber Eure dringende Aufforderung zur Rückkehr war mir

eine große Freude, und ich danke Euch von Herzen dafür, Graf Hoyer!«

»Also ein kluger Gedanke von mir,« belobte sich der Graf. »Hat dir

Scharruhn denn nun seine Wünsche in bezug auf den Wildbann vorgetragen,

von denen er an dem Abend in der Dirnitz sprach?«

»Jawohl, es betraf einige Fragen des Jagdrechts,« versetzte Eike. »Er

verlangte für die Bannforsten des Harzes größeren Schutz gegen jeden,

der sie betritt. Die Armbrust müßte abgespannt, der Köcher geschlossen,

die Bracken angekoppelt und allen Tieren dort Friede gewirkt sein

außer Bären, Wölfen und Füchsen. Ferner forderte er höhere Bußen für

getötete singende und krimmende Vögel, womit er die Beizfalken meinte.

Die Weiber dürften nur soviel Reisig auflesen wie die Krähe vom Baume

tritt, und wenn einem Bauer etwas an seinem Wagen zerbricht, dürfte er

sich soviel Holz aus dem Walde hauen wie zur Ausbesserung des Schadens

nötig ist, mehr nicht. In alledem konnte ich ihm beipflichten und

werde das in den Artikeln des Jagd- und Forstrechts berücksichtigen.

Dagegen verweigerte ich ihm die Aufhebung des Verbotes, die Saaten

auf dem Felde durch Jagen und Hetzen niederzutreten, sobald das

Korn schon Knoten und Gelenke an den Halmen angesetzt hat. Sich

empfindlichen Jagd- und Wildschaden gefallen zu lassen ist den Bauern

nicht zuzumuten. Aber da predigte ich tauben Weidmannsohren. Er vergalt

mir meine vergebliche Belehrung mit der Erzählung einiger köstlichen

Jagdgeschichten, die meine Gläubigkeit mehrmals auf eine harte Probe

stellten. Ich hinwiederum mußte ihm bei Sankt Huberten mein Wort darauf

geben, jetzt mit ihm oder ohne ihn zuweilen auf die Pirsch zu gehen.

Das will ich auch tun, habe eure frische, kräftige Harzluft blutnötig

nach dem langen Stubensitzen.«

»Man sieht dir's an, also Weidmanns Heil!« sprach der Graf und erhob

sich. »Jetzt wirst du deine Schriften auspacken und ordnen wollen, und

dabei will ich dich nicht stören.«

»Ich möchte lieber den Spuren der Frau Gräfin folgen,« erwiderte Eike.

»Vielleicht begegne ich ihr im Forste.«

»Tu das, Eike!« sagte der Graf. »Wird die eine Freude haben, wenn du

unverhofft und plötzlich wie ein Waldschrat vor ihr auftauchst! Das

möcht' ich mit ansehen, aber ich kann nicht mit. Auf Wiedersehen bei

Tisch!« Damit ließ er den Freund allein. --

Nun war Eike doch wieder da, wohin niemals zurückzukehren er sich fest

vorgenommen hatte, und es war ihm lieb, daß er wieder hier war. Auch

ihm hatte in seiner stillen Behausung zu Reppechowe vieles von dem

gefehlt, was ihm auf dem Falkenstein zur freundlichen Gepflogenheit

geworden war. Besonders trug er an der Trennung von Gerlinde, je

länger sie währte, je schwerer, und er hatte sich nach der angebeteten

Frau gesehnt. Jetzt, vor dem Wiederbeisammensein mit ihr konnte er

sich des ernsten Bedenkens nicht entschlagen, ob sie die dazu nötige

Selbstbeherrschung ihm gegenüber betätigen würde. Die nächste Stunde

mußte ihn darüber aufklären.

Er hatte in Reppechowe fleißig an seinem Buche geschaffen und brachte

ein zwei Finger dickes Heft von dort geleisteter Arbeit mit, aber

nichts von neuen Aufzeichnungen, sondern nur die alten, von hier

entführten und sein ganzes, bis zum jetzigen Stande der Entwickelung

gediehenes Manuskript nebst Wilfreds Abschriften.

Mit dem Auspacken und Ordnen seiner Papiere hatte es keine Eile; jetzt

lag ihm wichtigeres am Herzen, das Wiedersehen mit Gerlinde.

Aber wo sie finden im weiten Walde? Er mußte es aufs Geratewohl

versuchen und schritt ohne Säumen fürbaß.

Als er schon etwas entfernt von der Burg unter den hohen Eichen und

Buchen war, erinnerte er sich, von ihr einmal gehört zu haben, daß sie

auf ihren einsamen Streifereien die urwüchsige Wildnis in der Gegend

des Heidenquells allen anderen Gebieten der Umgebung vorziehe. Einen

Pfad dahin gab es nicht, aber die Richtung wußte er, und die schlug er

nun in herzklopfender Spannung ein.

Oftmals blieb er bei seinem Vordringen stehen, lugte und lauschte nach

rechts und links, damit Gerlinde nicht etwa seitwärts unbemerkt von ihm

vorüberwandelte. Sollte er mit weithin schallender Stimme ihren Namen

rufen? Das könnte sie, wenn sie den Ruf vernähme, befürchten lassen,

daß auf der Burg ein Unglück geschehen wäre, dessentwegen man Boten

nach ihr ausgesandt hätte. Deshalb unterließ er es.

[Illustration: Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich

belaubten Busch, um Gerlinde beobachten zu können.]

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles durch die Bäume und

Sträucher schimmern, was sich bewegte und sich näherte. Das mußte sie

sein. Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten

Busch, um sie beobachten zu können, ehe sie ihn entdeckte.

Es war Gerlinde. Mit einem kleinen Bündel kam sie gesenkten Hauptes

langsam daher.

Als sie heran war, trat er vor, streckte ihr beide Hände entgegen und

sagte ruhig: »Gerlinde!«

Erschrocken blickte sie auf und stand wie angedonnert, zitternd und

sprachlos da. Dann ließ sie das Tuch, in dem die eingesammelten

Pflanzen steckten, zur Erde gleiten und legte in Eikes Hände die

ihrigen, die er fest umschloß und an seine Lippen drückte.

In dem nämlichen ruhigen Tone fuhr er fort: »Da bin ich wieder,

Gerlinde. Ich bin Euch nachgegangen, weil ich Euch auf diesem Wege zu

finden hoffte.«

Während ihre Hände noch in den seinen lagen, atmete sie hoch auf, und

ihn wie eine überirdische Erscheinung betrachtend, stammelte sie: »Sagt

mir, -- ist dies kein Traum? seid Ihr es wirklich, Eike von Repgow?«

»Wirklich und leibhaftig, Gerlinde!« lächelte er. »Ich bin

zurückgekehrt, um mein Buch hier zu vollenden. Ist Euch das recht?«

»Ach! -- was fragt Ihr? seid mir willkommen viel tausendmal!« klang es

ihm jubelnd entgegen.

Da küßte er noch einmal ihre Hände und sprach: »Ich danke Euch,

Gerlinde! Kommt schnell zur Burg; der Graf erwartet uns, denn ich habe

ihm gesagt, daß ich Euch im Walde suchen wollte.«

Er hob das Bündel vom Boden auf, um es ihr zu tragen. Dabei löste sich

der zu leicht geschlungene Knoten, und die Tollkirschen fielen heraus.

Sofort erkannte Eike das todbringende Gift; ein fürchterlicher Verdacht

packte ihn und wurde ihm zur Gewißheit, als er Gerlindes angststarrende

Augen und ihre zuckenden Lippen sah.

Nun weiß er alles! war nach fassungsloser Verwirrung ihr erster

greifbarer Gedanke, und eine Blutwelle schoß ihr bis zur Stirn hinauf.

Mit geschwinder Geistesgegenwart bezwang Eike seine gewaltige

Erschütterung, und mit gemacht gleichmütigem Tone sprach er: »Ich

möchte Euch warnen, Gerlinde, diese Pflanzen wie einen Blumenstrauß in

Euer Zimmer zu stellen. Sie nehmen sich zwar äußerlich recht hübsch

aus, verbreiten aber eine Ausdünstung um sich her, die heftiges Kopfweh

erzeugt. Ihr erlaubt wohl, daß ich das Euch sicher nicht bekannte

Unkraut beseitige.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte er die

Tollkirschen mit dem Fuß ins Gebüsch und warf das Tuch hinterdrein.

Gerlinde sagte kein Wort, und eine Zeitlang gingen sie stumm

nebeneinander dahin, denn keiner mochte dem andern offenbaren, was

seine ganze Seele erfüllte. Eike hatte soeben mit Entsetzen erfahren,

zu welchem verzweifelten Schritt Gerlinde in ihrem Liebesleid fähig

war. Den Tod hatte sie sich seinetwegen geben wollen. Morgen wäre er zu

spät gekommen und hätte sie nicht mehr lebend angetroffen. Sie hatte

sich also die Ruhe völliger Entsagung noch nicht erkämpft. Würde ihr

das bei seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluß vielleicht besser

gelingen? Er hoffte es und beschloß, ihr mit kühler Besonnenheit dabei

behilflich zu sein. Denn er sah ein, daß er es, ohne ihr Leben aufs

Spiel zu setzen, nicht wagen durfte, wieder von ihr zu scheiden, ehe

nicht die Vollendung seines Werkes die wohlbegründete Veranlassung dazu

gab.

Um das beklemmende Schweigen nicht noch länger andauern zu lassen, fing

er an: »Ich bin im Burghof vom Grafen und von allen seinen Leuten sehr

herzlich empfangen worden.«

»Hättet Ihr uns Eure Rückkehr vorher angemeldet, hätte ich bei Eurer

Begrüßung wahrlich nicht gefehlt,« bedeutete ihn Gerlinde.

»Wie konnte ich denn? der Wildmeister hat mich doch wie ein Häscher

überfallen und geholt,« entgegnete er lustig.

»Der Wildmeister hat Euch geholt?« fragte sie höchst erstaunt.

»Freilich! der Wildmeister mit dem Briefe des Grafen.«

»Der Graf hat Euch geschrieben?«

»Jawohl! wißt Ihr das nicht?«

»Nein!«

O weh! da hatte er etwas ausgeplaudert, was er nicht hätte verraten

sollen; aber wie konnte er das ahnen!

Nicht freiwillig, nicht von seinem Herzen getrieben ist er

zurückgekommen, sondern dazu überredet und gezwungen, dachte Gerlinde

enttäuscht.

Ihre Niedergeschlagenheit bemerkend und verstehend suchte er seine

Übereilung gutzumachen, indem er nicht sehr geschickt einlenkte: »Ich

hätte den Abschnitt, den ich just unter der Feder hatte, gern erst

noch fertig geschafft, was nur einen kurzen Aufschub erfordert hätte,

aber der Wildmeister drängte so entschieden zur Eile, daß ich mitten

im Kapitel abbrechen und alles zusammenpacken mußte, um gleich mit ihm

zurückzureiten.«

Gerlinde war sich nun vollständig klar darüber, daß es Eike mit seiner

gänzlichen Trennung von ihr auf Nimmerwiederkehr bitterer Ernst gewesen

war, den er, wenn sie fortan nicht die größte Zurückhaltung bewahrte,

noch einmal und dann unwiderruflich gegen sie anwenden würde. Sie war

auch überzeugt, daß Eike nicht allein wußte, zu welchem Zwecke sie

die Tollkirschen gesammelt hatte, sondern auch, daß sie sein heutiges

Eintreffen auf dem Falkenstein einzig der Aufforderung des Grafen

zuschrieb und an seine geplante Rückkehr ohne diese Aufforderung nicht

glaubte.

So wußte jeder um das Geheimnis des anderen, aber beide schwiegen im

Weiterwandern, denn die Gedanken hielten die Zungen gebunden.

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 13 / 20 段