noch eine List ein, die seine Absicht, auf immer davonzugehen, besser
verdeckte als gefälschte Worte. Er wollte außer seinem fertigen
Manuskript nebst Wilfreds Abschriften davon nur das einstecken,
dessen er zur Fortsetzung des Werkes noch bedurfte, alles übrige aber
zurücklassen, als ob er bald wiederkommen und hier weiter arbeiten
würde.
Das Einpacken war schnell besorgt, und nun war es Zeit, dem
Grafen seinen Entschluß mitzuteilen und die Veranlassung dazu
auseinanderzusetzen. Eike machte sich also auf den Weg, und das wurde
ihm ein sehr schwerer Gang.
Graf Hoyer nahm das ihm dringlich Vorgestellte als hinreichenden Grund
zu einer Heimfahrt gläubig hin, fragte jedoch: »Kann denn die dir
fehlenden Schriften nicht Sibold holen?«
»Nein, sie sind eingeschlossen, und ich muß auch selber wählen, um die
richtigen herauszufinden,« erklärte Eike.
»Nun, wenn du dieserhalb durchaus nach Reppechowe mußt, so reite in
Gottes Namen hin,« sagte der Graf, »ich reite mit.«
Eike erschrak nicht wenig, denn dieses gutgemeinte Anerbieten warf
seinen Plan völlig über den Haufen. Der Graf würde nicht ohne ihn
umkehren, sondern ihn mit einigen zum Schein zusammengerafften
Papieren sofort wieder nach dem Falkenstein entführen wollen. Dem mußte
er vorbeugen und dem alten Herrn das Mitreiten auszureden suchen.
»Herr Graf,« begann er in fürsorglichem Tone, »zur Elbe hin ist es ein
weiter Weg.«
»Bis an die Elbe will ich dich auch nicht bringen,« erwiderte Hoyer.
»Nur eine kleine Strecke will ich dich begleiten, muß einmal wieder in
den Sattel und fühle mich jetzt gesund und kräftig genug dazu. Wann
willst du abreiten?«
»In dieser Stunde noch, wenn es Euch genehm ist,« entgegnete Eike
erleichtert aufatmend. »Mein Mantelsack ist gepackt und mein Pferd
bestellt.«
»Und wann gedenkst du wiederzukommen?«
Diese verfängliche und doch so natürliche Frage trieb den eben erst
aus einer schlimmen Verlegenheit Entschlüpften aufs neue in die Enge.
»Wann ich wiederkomme, -- ja -- das -- das hängt von den Umständen ab,
das kann ich auch nicht annähernd bestimmen, muß zu Hause einen ganzen
Stapel von losen Blättern und Zetteln durchmustern, und das wird wohl
mehrere Tage in Anspruch nehmen,« gab er stockend zur Antwort.
»So so! hm!« machte der Graf kopfschüttelnd. »Na, dann also vorwärts!
ich werde mich zum Aufsitzen bereit machen.«
Als sie sich eine halbe Stunde später auf dem Burghof trafen, wo die
Pferde ihrer schon harrten, richtete der Graf dem sehr ernst gestimmten
Freunde aus: »Meine Frau läßt sich entschuldigen, weil sie noch in
ihrem schlichtesten Morgengewand ist. Ich habe ihr gesagt, daß und
warum du uns auf einige Tage verlassen müßtest. Sie wünscht dir mit
ihrem besten Reisesegen glückliche Fahrt.«
Dann schwangen sie sich in die Bügel, und Eike ritt mit dem Grafen ab,
weil er nicht zum Schelmen an ihm werden wollte.
Unten im Tale blickte er noch einmal zur Burg empor, aber kein
Schleier, kein Tuch winkte ihm von oben einen Abschiedsgruß zu.
Achtzehntes Kapitel.
Geräuschvoll hatte Eikes Gegenwart nie gewirkt. Er hatte tagaus, tagein
still in seinem Zimmer gesessen und geschrieben, immer geschrieben,
aber nun, nach seinem Abgange, schien es in der Burg noch stiller
geworden zu sein. Er fehlte allen, denn alle bis zum untersten Knecht
und zur jüngsten Magd hatten ihn lieb gewonnen und die wenigen Dienste,
deren der anspruchslose, leutselige Gelehrte bedurfte, gern geleistet.
Am schmerzlichsten vermißte ihn Gräfin Gerlinde, obwohl seine
Abwesenheit, nach der Andeutung des Grafen, nur von kurzer Dauer sein
sollte. Sie vermied es, ihren Gemahl zu fragen, ob Eike unterwegs etwas
über den mutmaßlichen Tag seiner Rückkehr geäußert hätte, so sehr sie
auch darauf brannte, dies zu erfahren, um ihm einen festlichen Empfang
bereiten zu können. Dem Türmer hatte sie schon anbefohlen, einen laut
schmetternden Ruf zu blasen, sobald er den Gast im Tale heranreiten
sähe.
Als sie einmal sein Zimmer mit einer Andacht, als wäre es ein
Heiligtum, betrat, sah sie dort, welch eine Menge von Schriftstücken
er zurückgelassen hatte, die er alle noch bearbeiten wollte; also
wiederkommen mußte er.
Auch sie selber war, als er abritt, mit ihrer Stickerei für ihn noch
nicht fertig, an der sie, des Entfernten gedenkend, emsig weiter
wirkte. Dennoch waren es trübe Stunden, die sie am Rahmen verbrachte,
von keinem Sonnenstrahl freundlich erhellt, denn der Himmel hatte sich
in Dunst und Wolken gehüllt, und der Wind summte eine schwermütige
Weise um die Zinnen der Burg, zu der die Wetterfahne mißtönig knarrte.
Sonst hatte sich Gerlinde mit fleißigen Fingern allmählig an die
Mittags- und Abendmahlzeit herangestichelt in der frohen Gewißheit,
den Geliebten sich dann gegenüber zu haben. Wenn Melissa sie jetzt zu
Tische rief, schnellte sie nicht wie der Vogel vom Ast flink vom Stuhl
empor, sondern erhob sich lässig und unlustig, blickte nicht in ihren
silbernen Handspiegel, sich das wellige Haar an Stirn und Schläfen zu
ordnen, und eilte nicht beflügelten Schrittes zum Speisesaal.
Auch Graf Hoyer war in keiner erbaulichen Verfassung. Der Ritt in Eikes
Begleitung, den er weiter ausgedehnt als er sich vorgenommen, hatte ihm
nicht gut getan. Dazu kam, daß er jetzt etwas entbehren mußte, was ihm
zu einem seelischen Bedürfnis geworden war, die Besprechungen mit Eike
über dessen Werk. Diese empfindliche Lücke in seinem täglichen Leben
machte ihn oft übellaunig, worunter auch Gräfin Gerlinde zu leiden
hatte.
Der einzige, der Eikes Verschwinden nicht bedauerte, war Wilfred, weil
er nun von aller Last und Plage befreit war und seine Zeit verwenden
oder vielmehr totschlagen konnte, wie es ihm gefiel. Er besuchte sein
liebes Füchslein draußen im Walde, lungerte in den Ställen bei Rossen
und Rüden herum, störte mit Geschwätz und läppischen Flausen das
Burggesinde bei der Arbeit, begegnete aber allen neugierigen Fragen
nach der Ursache und der Dauer von des Ritters Abwesenheit mit der
geheimniskrämerischen Ausrede, daß er als Eingeweihter zum Schweigen
verpflichtet sei und nichts verraten dürfe.
Eike hatte sich unter demselben Vorwande von ihm verabschiedet, den
er dem Grafen Hoyer gegenüber gebraucht hatte. Wilfred aber glaubte
nicht recht an das Herbeiholen noch anderen schriftlichen Stoffes,
sondern sah darin nur einen ziemlich fadenscheinigen Deckmantel für die
unbegreifliche Flucht, die ihm einen etwas verdächtigen Anstrich hatte.
Einen Zwist zwischen der Herrschaft und dem Gaste konnte es nicht
gegeben haben; sonst hätte der Graf ihn nicht begleitet. Da mußten
also andere, schwerwiegende Gründe vorliegen, die er noch nicht zu
durchschauen vermochte. Er wußte nur, daß Eike nicht alle Aktenbündel
mit sich genommen hatte, und es stachelte ihn, herauszukriegen, welche
Papiere er hier zurückgelassen hatte. Zu dem Zwecke stahl er sich in
des Ritters Zimmer, durchstöberte die dort noch lagernden Schriftstücke
und fand, daß nur die in dem Gesetzbuche bereits verarbeiteten
hiergeblieben waren, die anderen, ihrer Benutzung noch harrenden aber
in dem Regal fehlten. Daraus folgerte er, daß der von hier Ausgerückte
sein langweiliges Buch in Reppechowe fertig schreiben, also nicht
wiederkommen wollte, eine Entdeckung, die ihn überaus fröhlich stimmte,
die er jedoch für sich zu behalten beschloß, weil er sie vielleicht
irgendwie zu seinem Vorteil verwerten konnte.
Auch Melissa zerbrach sich den Kopf über Eikes plötzliche Abreise, doch
sollte ihr des Rätsels Lösung nicht lange zu schaffen machen. Nach
einigen Tagen fing die Gräfin aus freien Stücken an, davon zu sprechen
und das in wohlerwogener Absicht.
Gerlinde war überzeugt, daß ihre scharfsichtige, hellhörige Gürtelmagd
längst wußte oder wenigstens ahnte, wie sie mit Eike stand, wollte aber
nicht, daß sich Melissa über seine Entfernung eine falsche Meinung
bildete und eine ehrenrührige, seinem Rufe schadende Veranlassung dazu
vermutete. Darum sagte sie eines Morgens so beiläufig: »Nächstens
wird auch Herr von Repgow wiederkommen, Melissa; wir können ihn jetzt
fast jeden Augenblick erwarten. Er ist nach seinem Lehen an der Elbe
geritten, um sich noch einige ihm nötige Schriften für seine Arbeiten
zu holen.« Melissa äußerte, sich in die Seele der Gräfin versetzend,
ihre lebhafte Freude darüber und schob die ihr an der Gebieterin bisher
völlig fremde Unsicherheit und Befangenheit bei der Mitteilung auf
die Ungeduld des Hoffens und Harrens, die sie ihr seit dem Abzuge des
Ritters deutlich ansah.
Zum Teil hatte sie das Richtige damit getroffen, aber nicht ganz. Es
war nicht bloß Ungeduld, es war schon Zagen und Bangen, was sich der
Vereinsamten mehr und mehr bemächtigte.
Gerlinde hatte sich die Frist bis zu Eikes Wiederkehr so berechnet:
zwei Tage für den Hinweg nach Reppechowe, höchstens zwei für den
Aufenthalt dort zur Auswahl der Skripturen und zwei für den Rückweg,
also zusammen, reichlich bemessen, sechs Tage, und heute waren schon
acht nach seinem Wegritt verflossen. Das beunruhigte sie und weckte ihr
Zweifel, ob er überhaupt jemals wiederkommen würde.
Diese Sorge entging der treuen Dienerin nicht, und nun versuchte sie,
den sich mit jedem Tage steigernden Trübsinn ihrer lieben Herrin mit
bescheiden tröstlichem Zuspruch nach Möglichkeit zu vertreiben. Dazu
schüttelte Gerlinde nur traurig das Haupt, seufzte und schwieg.
Verdüstert und vergrämt saß sie endlos lange Stunden in ihrem Zimmer,
fand auch am Stickrahmen keine Linderung und Stillung ihres Schmerzes,
und ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem Geliebten sank und sank.
Da, in ihres Herzens bitterer Not, nahm sie ihre Zuflucht zur Harfe,
spielte erst eine sanft hinschwebende Melodie, schlug dann bewegtere
Töne an und sang dazu:
Ein Falke strich daher im Forst,
Und als er hier gebaut den Horst,
Da hab' ichs kommen sehen.
Ich spürte seiner Flügel Schlag
Wie Kosewind am Maientag
Mich wonniglich umwehen.
Ich hätt' ihn gerne mir gezähmt,
Vor seiner Augen Blick beschämt
Mußt' ich die Wimpern senken.
Ich habe seinem Wort gelauscht,
Mich aufgerichtet, mich berauscht
An seinem kühnen Denken.
Mit Geistes Kraft bezwang er mich,
Stolz, immer stolzer schwang er sich
Empor ob meinem Haupte.
Ich folgte seinem hohen Flug,
Weil Sehnsucht hin zu ihm mich trug,
Der meine Ruh mir raubte.
Nun aber über Berg und Tal
Ist er zu meines Herzens Qual
Von dannen doch gezogen.
Wann kehrest du zu mir zurück,
Wie weit, mitnehmend all mein Glück,
Hast, Falk, du dich verflogen?
Bei dem einen Liede blieb es nicht. Sie behielt die Harfe im Arm,
drückte sie an ihre wogende Brust und starrte, auf der Wolfsbank
sitzend, mit feucht schimmernden Augen ins Leere. Dann hub sie wieder
an:
Vergebens in die Ferne
Tauch' ich den müden Blick,
Umsonst frag' ich die Sterne:
Wie lenkt ihr mein Geschick?
O laßt dies Leben enden
Und schiebt den Riegel vor,
Nichts hat mehr zu verschwenden,
Wer alles schon verlor.
Ich wandelte auf Wegen,
Beglänzt von Sonnenschein,
Jetzt möcht' ich still mich legen
Ins dunkle Kämmerlein.
Mir blühten ringsum Rosen
In funkelhellem Tau,
Jetzt ist in Sturmes Tosen
Der Himmel wolkengrau.
Und aus den Saitensträngen
Kein Lied mehr davon schallt,
Was mir mit Wunderklängen
Im Traum nur widerhallt.
Auch damit hatte sie noch nicht genug; es lag ihr zu vieles auf der
Seele, was herunter mußte, und noch einmal begann sie in ihrer Gefühle
wehmutvollem Drang:
Blätter fallen nieder,
Blumen welken auch,
Doch sie kommen wieder
Mit des Frühlings Hauch.
Ist das Herz gebrochen,
Blüht es nimmer neu,
In den Wind gesprochen
Waren Lieb und Treu.
Was man nie besessen,
Läßt man leicht zurück,
Schwer ist zu vergessen
Ein verlornes Glück.
Mein kann ich nicht nennen,
Was so lockend gleißt,
Daß man soll erkennen,
Was entsagen heißt.
Ach, ich will entsagen,
Aller Hoffnung bloß,
Schweigend will ich tragen
Mein verzweifelt Los.
Dürft darum nicht wähnen,
Daß mein Herz versteint,
Saht ja nicht die Tränen,
Die ich Nachts geweint.
Ganz leise nur waren die Worte ihren Lippen entflohen, und es war
ihr, als hätte nicht sie mit dem Spiel ihrer Finger die Töne aus den
schwirrenden Saiten hervorgebracht, sondern als wäre die Harfe wie
eine andere, teilnehmende Sängerin mit eigener, lebendiger Stimme zur
Begleitung eingefallen. Danach erhob sie sich langsam, hängte die Harfe
wieder an die Wand und sprach schmerzbewegt: »Verstumme nun, du traute
Genossin meines Leides! Dies wird das letzte Lied gewesen sein, das wir
zwei miteinander gesungen haben.« --
Die Fanfare des Türmers erklang noch immer nicht, so sehr auch alles,
was Ohren hatte in der Burg, darauf wartete und horchte. Denn der
Wächter auf der Plattform des Bergfrieds hatte es allen gesagt: »Wenn
ihr mich jetzt einmal recht laut und lustig tuten hört, so bedeutet
das: unser Ritter kommt wieder. Die Gräfin hat's befohlen, ich soll ihn
in alle vier Winde ankündigen, daß die Füchse im Bau und die Ratten in
ihren Löchern die Lauscher spitzen.«
»Da könnt ihr lange warten!« hatte Wilfred dazu listig in sich
hineingekeckert. »Den bläst hier kein Hornstoß wieder an.« Seit er
unbeschränkte Freiheit hatte, war der Leichtfuß voll Übermut und lief,
wann und wo es nur anging, Melissa nach, bei der er jetzt mehr denn je
in Gunst stand, weil er zu ihrer Freude in der Dirnitz öfter mit ihr
getanzt hatte als mit der ihr verhaßten Müllerstochter. Nun hatte er
sie aber jüngst einmal belauert, wie sie aus dem obersten Ausguck des
Schlosses nach der Stelle hinlugte, wo die Landstraße um die Berge in
das Tal einbog. Das verdroß ihn, und als sie auf den Burghof herabkam,
warf er ihr vor: »Ich habe dich gesehen, wie du dir da oben den Hals
ausrecktest nach einem, in den du verliebt bist, du falsche Katze!
aber das nützt dir nichts, er kommt nicht wieder, der versessene
Rechtsklitterer.«
»Erstens, Fred, bin ich keine falsche Katze, zweitens bin ich nicht
verliebt in den Ritter, und drittens kommt er allerdings wieder; er
holt sich nur neue Schriftstücke von seinem Lehngute,« erwiderte
Melissa.
»Jawohl! das hat er mir auch aufgebunden, nichts als eitel Flunkerei!«
höhnte Wilfred. »Ich sage dir, er kehrt nicht auf den Falkenstein
zurück.«
»Warum sollte er denn nicht zurückkehren?« fragte Melissa. »Er ist ja
in Fried und Freundschaft von hier geschieden.«
»Er wird schon wissen warum.«
»Ach was, dummes Zeug, eine rein aus der Luft gegriffene törichte
Einbildung von dir!«
»Wollen wir wetten, daß er nicht wiederkommt?«
»Ja! um was?«
»Um sieben Küsse.«
»Gleich sieben auf einmal?«
»Auf einmal! einen nach dem andern natürlich.«
»Aber warum just sieben? einer wäre wohl auch genug,« meinte Melissa.
»Weil sieben eine heilige Zahl ist. Sieben Sakramente gibt es, sieben
Todsünden, sieben Planeten, sieben Weltwunder und sieben freie Künste.
Sieben Tage hat die Woche und sieben Heerschilde das Lehnrecht,«
dozierte er großartig.
»Der gut abgerichtete Klosterschüler spukt dir noch im Kopfe, Fred,
aber von dem Rechtsklitterer scheinst du doch auch was gelernt zu
haben,« hänselte ihn Melissa.
»Mehr als mich verlangte,« lachte er. »Also gilt's? sieben Küsse! Wenn
er von heute binnen zweimal sieben Nächten nicht hier ist, hab ich die
Wette gewonnen.«
»Meinetwegen!«
»Topp!« sagte Wilfred, »er kommt nicht.«
»Topp! er kommt,« behauptete die Streitlustige.
Er hielt ihr die Hand hin, und Melissa schlug ein.
»Was habt ihr euch denn so feierlich gelobt?« fragte herzutretend
Goswig, der, hinter einer Säule des Brunnens verborgen, die miteinander
Tuschelnden heimlich beobachtet hatte. »Wollt ihr freien? Du hast
nichts, und sie hat auch nichts als ihr hübsches Lärvchen und ihr
schnippisches Schleckermäulchen.«
»Aber viel mehr Verstand als unter einer gewissen Marderpelzmütze zu
finden ist,« trumpfte Melissa den sich ungerufen Einmischenden ab, der
von der Wette und ihrem Preise glücklicherweise nichts gehört hatte.
»Wir haben gewettet,« fügte Wilfred hinzu, »ob einer, den wir kennen,
abends nach dem vierten oder fünften Kruge Bier noch Mann und Weib
voneinander unterscheiden kann.«
»Laßt's doch einmal drauf ankommen, ihr beiden!« knurrte der Alte und
zog sich beleidigt in seinen Schmollwinkel, das Torstübchen, zurück. --
Dem Grafen Hoyer wurde Eikes Abwesenheit, je länger sie währte,
je unverständlicher, denn er konnte sie auf keine Weise mit der
ihm dargelegten Absicht des Freundes in Einklang bringen. Nun ließ
es ihm keine Ruhe mehr; er wollte wissen, was dahinter steckte.
Vielleicht konnte ihm Wilfred Auskunft geben. Sofort beschickte er den
Schreibgehilfen seines beurlaubten Gastes, um aus ihm eine Deutung von
Eikes Verschwinden herauszupressen.
Wilfred, der immer ein gebrochen Schwert und nie ein ganz reines
Gewissen hatte, erschien mit ängstlich klopfendem Hasenherzen vor dem
gestrengen Burgherrn und war auf manches gefaßt, nur nicht auf etwas
Erfreuliches.
Der Graf stellte jedoch in einem fast gnädigen Ton die Frage an
ihn: »Wilfred, hat dir Herr von Repgow Näheres über die Zeit seiner
Wiederkehr gesagt?«
»Nein, Herr Graf! er wollte sich nur noch einige Schriftstücke für sein
herrliches Gesetzbuch holen,« entgegnete Wilfred.
»Ganz recht,« sprach der Graf, »aber davon könnte er doch längst wieder
hier sein.«
»Das hab' ich mir auch schon gedacht.«
»So! Du auch, -- und was denkst du dir sonst noch?«
Wilfred zuckte die Achseln und erwiderte: »Nichts, Herr Graf! mich hat
Herr von Repgow nicht ins Vertrauen gezogen.«
»Besinne dich wohl! es kommt mir viel darauf an,« ging ihm der Graf nun
schärfer zu Leibe.
»Ich habe keinerlei Vermutung über den Verbleib des Ritters,« log
Wilfred unsicher und eingeschüchtert.
»Du kannst mir also nicht den geringsten Anhalt über die Pläne und
Maßnahmen des Ritters geben?« fragte der Graf noch einmal dringlich den
vor ihm Zitternden.
»Ich glaube, Herr Graf --«
»Ach was, glauben! tu, was ich dir befohlen habe,« schnitt ihm der Graf
schnell das Wort ab und winkte ihm, zu gehen, denn in diesem Augenblick
war die Gräfin eingetreten, die von diesem Gespräch nichts wissen
sollte.
Wilfred, froh, daß das peinliche Verhör damit ein Ende hatte, machte
sich schleunig aus dem Staube.
Er war gerade auf dem Sprunge gewesen, seine Entdeckung in bezug
auf die von Eike mitgenommenen und von ihm hiergelassenen Papiere
einzugestehen. Wäre ihm dazu Zeit gelassen worden, so hätte der Graf
erfahren, daß Eike niemals wiederkommen wollte, und das hätte zu
Erörterungen im Schlosse führen können, von denen sich der diesmal
Unschuldige nichts Gutes versprach. Diese Gefahr war durch den Eintritt
der Gräfin abgewendet.
Gerlinde hatte mit ihrem Gemahl nur eine kurze Besprechung über eine
Wirtschaftsangelegenheit, in der sie seinen Rat zu hören wünschte und
nach deren Erledigung sie ihn wieder verließ.
Dem Grafen war es aufgefallen, wie bleich und bekümmert sie ausgesehen
hatte, und er brauchte nach der Ursache davon nicht zu suchen. »Eike
fehlt ihr ebenso wie mir,« sprach er zu sich, »sie härmt sich um
ihn, und das ist sehr begreiflich. Sie standen so freundschaftlich
miteinander, er unterhielt sie so gut, und sie redete so gern mit ihm
von seinem Werke, wie ich, ganz wie ich. Das soll nun alles mit einem
Male vorbei sein? nein! auch ich will ihn wiederhaben, und ihr bereite
ich eine Freude, wenn ich ihn wieder einfange und sie eines schönen
Tages mit seiner Rückkehr überrasche.«
Er erhob sich und schritt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf
und ab. »Wenn ich reiten könnte, holt' ich ihn mir selber. Aber
schreiben werd' ich ihm, einen geharnischten Brief, der ihm an Herz und
Nieren geht. Scharruhn muß damit hin zu ihm und mir den Abtrünnigen
heranschaffen.«
Er beschied den Wildmeister, auf den er sich unbedingt verlassen
konnte, zu sich und eröffnete ihm: »Scharruhn, du mußt morgen zu Herrn
von Repgow reiten nach Reppechowe, gegenüber von Aken an der Elbe,
darfst aber keiner Menschenseele sagen, wohin dein Weg geht, hörst du?
keiner Menschenseele, auch nicht der Gräfin und keinem vom Burggesinde.
Ich werde dir einen Brief mitgeben, und nicht Antwort sollst du mir
darauf bringen, sondern den Ritter selber, wie er geht und steht, und
läßt keine Ausrede, keine Entschuldigung von ihm gelten. Bist du im
klaren, Alter?«
»Wie ein Schweißhund auf frischer Fährte, Herr Graf!«
»Gut! dann sattle nach der Morgensuppe. In vier, spätestens fünf Tagen
erwarte ich dich mit dem Ritter zurück. Den Brief werde ich dir heute
noch hier in meinem Zimmer einhändigen, ehe du zum Abendtrunk in die
Dirnitz gehst.«
»Es wird alles so geschehen, wie Ihr befehlt, Herr Graf,« sprach der
Wildmeister, verneigte sich ehrerbietig und trat ab.
Abends stellte er sich wieder ein und nahm den Brief in Empfang, der
folgendermaßen lautete:
Eike von Repgow!
Wo bleibst Du? warum kommst Du nicht wieder? was soll ich davon
denken? Du fehlst uns, mir und der Gräfin, an allen Ecken und
Enden, und wir wollen Dich wiederhaben. Wahrscheinlich hast Du
Dich dort in die gefundenen Schriften verbissen und vergißt uns
darüber statt mit ihnen zu uns zurückzukehren und hier weiter
zu arbeiten. Du hast Dein Buch manchmal +unser+ Buch genannt,
und nun willst Du mich der größten, der einzigen Freude meiner
letzten paar Jahre berauben, daran teilzunehmen? Das darfst Du
mir nicht antun, Eike! Ich beschwöre Dich: komm wieder! Der
Wildmeister hat gemessenen Befehl, Dich uns zurückzubringen,
und wir lassen ihn nicht über die Zugbrücke ohne Dich. ~Dixi.~
Auf Wiedersehen, mein Eike!
Hoyer von Falkenstein.
Am andern Morgen ritt der mit so dringender Botschaft Betraute in
seinem besten Jagdkoller, Weidmesser an der Hüfte, von der Burg ab. Am
Tore fragte ihn Goswig: »Wo hinaus hoch zu Rosse?«
»Ins Thüringerland zum Brautlauf,« gab ihm der im Sattel zur Antwort.
»Hab' da noch eine Feinsliebste sitzen; die will ich heimführen.«
»Da wird's aber Zeit mit dem Kränzlein,« lachte Goswig. »Wird wohl
schon eine recht ehrwürdige Jungfrau sein, oder ist's eine gut
erhaltene Wittib mit einem erklecklichen Sparpfennig zu unterst in der
Truhe?«
»Wart' es ab, alter Kettenhund, und belle sie nicht an, wenn ich mit
ihr meinen Einzug halte,« erwiderte der Weidmann.
»Na dann Heil und Segen zum fröhlichen Beilager, du übermütiger alter
Hagestolz!« rief ihm der Torhüter nach.
Neunzehntes Kapitel.
Trägen Ganges glitten inhaltleere Tage am Falkenstein vorüber; keiner
brachte den entflohenen Gast zurück, aber jeder belud das Herz der
Gräfin mit schwererem Leid. Nirgend hatte sie Ruhe, durchirrte die
Treppen und Flure des Schlosses, horchte auf jedes Geräusch draußen,
auf jeden Hufschlag im Burghof, und jeden ihr zufällig Begegnenden,
Mann wie Magd, sah sie erwartungsvoll an, ob er ihr nicht melden
wollte: der Ritter von Repgow ist wieder da. Auch von ihm selber kam
keine Botschaft, keine Entschuldigung seines langen Fernbleibens; er
hatte die hier um ihn Trauernde vergessen.
Ihr Andenken aus seiner Seele verbannt, ihre Liebe von ihm verschmäht,
ihr ganzes Dasein vor ihm versunken wie ein in bodenlose Tiefe
geschleuderter Stein, das war mehr als Gerlinde zu tragen vermochte.
»Gott im Himmel, gib ihn mir wieder!« betete sie mit gerungenen Händen.
»Ich gelobe, mich seinen strengsten Befehlen zu unterwerfen; kein
Wort, kein Blick und kein Seufzer soll ihm fürderhin etwas von der
verzehrenden Glut ungestillter Sehnsucht verraten, an der ich ohne ihn
elend zugrunde gehe.«
Ach, sie wußte wohl, daß Gebet und Gelübde umsonst waren; ihr blieb
kein Schimmer von Hoffnung auf sein Wiederkommen.
Schon mehrmals hatte sich ihr in der Abenddämmerung ihres einsamen
Zimmers ein aus dem Dunkel heranschleichendes Gespenst genaht, dessen
Geisterhauch sie mit kaltem Schauder spürte. Anfangs hatte sie die
Kraft besessen, den Dämon mit frommer Entrüstung von sich zu weisen,
doch er kehrte wieder, wich und wankte nicht und hängte sich an sie wie
ihr Schatten. Sie gewöhnte sich an ihn, befreundete sich mit ihm, und
bald erschien er ihr nicht mehr als Dämon, sondern als ein Erlöser aus
folternden Qualen. Es war der Gedanke, aus dem Leben zu scheiden, da
Eike von ihr geschieden war, und endlich reifte der Plan zum Entschluß,
über dessen Ausführung in einer unentdeckbaren Weise sie nun ernstlich
nachsann.