daß es sich hier doch um eine echte, große Liebe handelte, eine
Angelegenheit so verhängnisvoller Art, daß guter Rat dabei teuer
war. Sie zog die Weinende in ihre Arme und redete ihr tröstlich zu:
»Ruhig, Linde, ruhig! ihr werdet euch beide schon auf den richtigen
Fuß miteinander zu stellen wissen. Suche eine offene, trauliche
Aussprache mit dem Ritter, damit ihr eine Form des Umganges findet, an
dem ihr eure Freude haben könnt. Ich kann mir denken, was du dagegen
einzuwenden hast, aber jetzt nichts mehr davon! Du bist schon aufgeregt
genug. Komm hinaus ins Freie, laß dir vom frischen Herbstwind die
heißen Wangen kühlen und schöpfe Atem, gewinne Ruhe. Komm! wir gehen
auf den Altan.«
Das taten sie. Auf dem Altan sagte Gerlinde: »Hier war es, wo uns
Eike von Repgow zuerst Plan und Inhalt seines Buches offenbarte; nie
vergesse ich jenen Frühlingsabend.«
Dann standen sie an der Brüstung und schauten sinnend in das friedliche
Tal hinab. Was der Wind Gerlinde in die Ohren raunte, verriet sie nicht.
Statt Eike durch Folkmar zum Mittagessen rufen zu lassen, holten ihn
die beiden Grafen selber aus seinem Zimmer dazu ab.
Schon über diese ihm erwiesene Ehre war er hoch erfreut, noch weit mehr
aber über die ihm vom Grafen von Mansfeld zuteil werdende Anerkennung
seines unbeirrten Strebens, Rechtseinheit im Sachsenlande zu schaffen.
»Kann ich Euch bei Eurer schwierigen Arbeit einen Dienst oder irgend
welche Hilfe leisten, Herr von Repgow, so bitte ich, über mich zu
verfügen,« schloß Graf Burkhard seine Begrüßung, während er Eikes Hand
fest in der seinen hielt.
»Ich danke Euch, Herr Graf!« erwiderte Eike. »Euer Einverständnis mit
meinem Unternehmen ist mir eine große Genugtuung.«
Graf Hoyer aber sagte: »Welch eine Schicksalsgunst ist es für mich,
Eike, daß wir uns im Gasthaus am Scheideweg getroffen haben! du machst
den Falkenstein zu einem über das ganze Reich hin leuchtenden Gipfel
der Gerechtigkeit, wie sich mein Jugendfreund vorhin mir gegenüber so
ungefähr ausdrückte, und dabei weiß er noch gar nicht, wie sehr du
mir und meiner Frau das Leben durch deine Gegenwart verschönst und
erheiterst. Am liebsten ließe ich dich nie wieder fort von hier.«
Eike schwieg. Was hätte er auch auf diese Worte erwidern sollen?
Dann gingen sie zusammen nach dem Speisesaal, wo die beiden Frauen
ihrer bereits harrten.
Gräfin Irma unterzog den Burggast, der ihr nach Gerlindes Eröffnungen
kein gleichgültiger Fremder mehr war, einer scharfen Prüfung, deren
Befund wohl ein durchaus wohlgefälliger sein mußte, denn sie war sehr
freundlich zu dem ihr ritterlich begegnenden Mann. Bei Tische knüpfte
sie mehrmals ein Gespräch mit ihm an, aber zu einem längeren Austausch
kamen sie nicht, weil die Grafen immer wieder von dem Gesetzbuch
anfingen und die alten verworrenen Rechtsbräuche mit den neuen, von
Eike angebahnten verglichen, von denen er manche dem Mansfelder noch
näher erläutern mußte.
Unterdessen beobachtete Irma insgeheim ihre Freundin, deren Augen
beständig an Eikes Lippen hingen, die sich aber in ihrer nachwirkenden
Erregung an der allgemeinen Unterhaltung nur wenig beteiligte, obwohl
Irma sie durch geschickt eingestreute Scherze von ihrem Leid abzulenken
suchte.
Graf Hoyer wurde nicht müde, seinen jungen Freund zu rühmen und
seiner noch in der Zukunft ruhenden Verdienste wegen zu feiern,
wobei Graf Burkhard kräftig in dasselbe Horn stieß. Irma wechselte
einen flüchtigen Blick mit Gerlinde, der sie den inneren, kaum zu
bemeisternden Jubel vom erglühenden Gesichte las.
In vorgerückter Nachmittagstunde brach Graf Burkhard mit seiner
lustigen Schwiegertochter auf, und als Gerlinde dieser den Mantel um
die Schultern legte, fragte sie leise: »Nun? was sagst du?«
Irma flüsterte ihr eilig zu: »Du hast recht, er ist ein ganzer Mann
und deiner Liebe wert; darum bleibe ich dabei, daß du sobald wie
möglich eine Unterredung mit ihm herbeiführst. Ihr müßt euch über euer
Verhalten untereinander klar werden und einen Entschluß fassen; so
geht's nicht weiter.«
Von den Falkensteinern und Eike auf den Burghof begleitet
verabschiedeten sich die Mansfelder mit vielen Händeschütteln von ihren
Gastfreunden, stiegen zu Pferde und ritten ab.
Sechzehntes Kapitel.
Der Besuch des Grafen von Mansfeld hatte Eikes Mut zu seinem Werke
wesentlich gestärkt und ihn so mancher Sorgen, die ihn in letzter
Zeit beschwert hatten, enthoben. Graf Burkhard war der Sproß eines
der ältesten deutschen Grafengeschlechter und genoß landein, landaus
eines hohen Ansehens, so daß Eike wahrlich allen Grund hatte, sich des
rückhaltlos abgesprochenen Beifalls des welterfahrenen Mannes zu freuen
und auf seine Befürwortung und Unterstützung der von ihm geschriebenen
Gesetze zu hoffen.
Nun hätte er sich mit doppeltem Eifer seiner Arbeit widmen können,
hätte ihm nicht eines wie Feuer auf der Seele gebrannt, -- das
grenzenlose Vertrauen des Grafen Hoyer. Er betrachtete seine Liebe zu
Gerlinde als einen Verrat, einen Einbruch in die Unverletzbarkeit des
Gastrechtes, und unter diesen Umständen die Gunst und Güte des Grafen
immerfort hinzunehmen, von ihm zu hören, daß er ihn gar nicht wieder
fortlassen möchte, an einem Tisch mit ihm zu sitzen, ihm in die Augen
zu sehen, -- das alles wurde ihm von Tag zu Tag peinlicher. Unablässig
gemahnte er sich an seinen verantwortungsvollen Beruf als Vertreter
des Rechtes, aller Rechte, auch der durch einen Ehebund geheiligten.
Noch war ja nicht das geringste geschehen, was er zu bereuen hätte.
Noch nicht! aber war er sicher, daß nicht über kurz oder lang etwas
geschehen könnte, wofür es keine Entschuldigung und keine Verzeihung
gab? Auf Gerlindes Beschränkung war kein Verlaß. Die mit allen Fasern
und Fibern an ihm Hängende verlor immer mehr die Herrschaft ihrer
selbst; erst jüngst, in Anwesenheit der Mansfelder, hatte er mit
Schrecken wahrgenommen, wie aufgeregt sie gewesen war, wie sehnsüchtig
ihr Blick den seinen gesucht hatte. Daher schwebte er in beständiger
Furcht, die in ihrer Leidenschaftlichkeit Unberechenbare könnte sich,
von ihren Gefühlen hingerissen, einmal völlig vergessen und vor den
Augen und Ohren des Grafen oder eines vom Gesinde eine Torheit begehen,
die sie und ihn als Frevler an Zucht und Sitte brandmarkte.
Auch Gerlinde war ohne Ruh und Rast und wußte nicht, was tun und
was lassen. Du mußt ihn zur Rede stellen und vereint mit ihm einen
Entschluß fassen, wie ihr euren Verkehr hier gestalten wollt, so hatte
Irmas Rat gelautet. Sollte sie ihm folgen? allen Stolz hintansetzen und
nur dem ungestümen Drange ihres Herzens gehorchen? Ach, schon längst
trieb es sie, den Weg ihrer Wünsche zu gehen, wenn ihr der Geliebte nur
ein weniges entgegenkäme. Gern wollte sie sich von ihm führen lassen,
wohin es ihm gefiele, wie sie ihn durch die Wildnis geführt hatte zu
jener zauberumwobenen Stätte, wo ihrer beide Liebe aus ihren Herzen
hervorgebrochen war. Sie wollte, von seinen Armen umschlungen, aus
seinem Munde Worte der Liebe hören, nach denen sie dürstete wie eine
Verschmachtende nach einem rettenden Trunk.
Aber ihr fehlte noch immer der Mut zum ersten Schritt, und doch sagte
sie sich: du mußt dich entscheiden, zagen und zaudern wäre jämmerliche
Schwäche. Da beschloß sie nach kurzem Kampfe, die Wallfahrt nach
dem Glücke, dem einzigen Glücke, das sie begehrte, auf eigene Faust
anzutreten; der Zufall und die Gelegenheit sollten ihr die Pfade ebnen
und die Brücken bauen.
Eine Woche lang mußte sie sich indessen noch gedulden, ehe die Stunde
zum Handeln schlug, mußte jeden Mittag und jeden Abend willig oder
unwillig mit anhören, wie die beiden Männer über das Gesetzbuch
sprachen und stritten. Seit sie ihn auf der Waldwanderung ihrer
freudigen Zustimmung zu dem Werke versichert hatte, war Eike auch
in ihrer Gegenwart mit seinen Mitteilungen darüber freigebiger, und
manchmal griff sie selber mit klugen, oft den Nagel auf den Kopf
treffenden Bemerkungen in das Wortgefecht ein. Meist aber gingen die
gründlichen Erörterungen über ihren Gesichtskreis hinaus, zumal wenn
sich Eike umständlich über das friesische Recht, das der Engern und
Westfalen oder über das bayrische und alemannische und gar über das
Volksrecht der Angelsachsen ausließ, die er alle unter einen Hut
bringen wollte. Das war die Welt, in der er lebte und webte und die
von der, in welcher sie mit ihrem Sehnen und Hoffen die Tage kommen
und schwinden sah, sternenweit getrennt war. Was kümmerten sie die
Volksrechte der Angelsachsen! Auf die Rechte des Herzens, die sie an
ihn hatte, schien er sich nicht zu besinnen.
Endlich nahte eine Gelegenheit, die ihr, wenn sie sich in ihren
Berechnungen nicht täuschte, ein Alleinsein mit dem schwer Zugänglichen
ermöglichen konnte.
Allherbstlich wurde ein Gedenktag in der Geschichte des
Falkensteinschen Grafenhauses auf der Burg gefeiert zur Erinnerung an
die vor fast zweihundert Jahren erfolgte Belehnung des Ahnherrn mit der
Gaugrafschaft. Früher hatte dabei ein üppiges Gastmahl im Schlosse mit
den Familien des benachbarten Adels stattgefunden. Das hatte Graf Hoyer
längst abgestellt, aber dem Burggesinde sollte der altherkömmliche
Brauch und seine Bedeutung erhalten bleiben und deshalb wurde ihm an
dem Abend in der Dirnitz ein vergnüglicher Schmaus angerichtet, zu
dem auch stets der Talmüller, Meister Beutling mit Frau und Kindern,
geladen wurde; Großmutter Suffie konnte ihres hohen Alters wegen den
Berg nicht mehr erklimmen.
Heute war dieser Abend, und die gewölbte Halle war zu dem Bankett hell
erleuchtet und festlich geschmückt. Gewinde von Tannenreisern und von
Eichen- und Buchenlaub schlangen sich kreuzweis hinüber und herüber,
und aus den Rüstkammern hatte man Schwerter und Spieße, zerschrotene
Helme, zerbeulte Schilde und verblichene Fahnen geholt und an den
Wänden in malerischer Anordnung aufgehängt.
Graf Hoyer hielt in friedlichen Zeiten keine starke Besatzung in der
Burg, und doch war die Versammlung eine zahlreiche. Der Wild- und
Waffenmeister, Reisige, Jäger, Stellmacher und Schmied, Torwart und
Türmer, Diener und Knechte, der Kellermeister und der Koch mit den
Küchenfrauen, Zofen und Mägde saßen in ihren besten Kleidern an der
langen, in der Mitte des Raumes befindlichen Tafel und ließen es sich
bei den reichlich aufgetragenen Speisen und Getränken wohl sein,
scherzten und neckten sich, lachten und sangen.
Für die später zu erwartende Herrschaft war seitwärts von der großen
Tafel ein besonderer Tisch gedeckt, und beim Eintritt des Grafen und
der Gräfin mit Eike von Repgow blies der Türmer auf seinem Horn einen
fröhlichen Willkomm, wobei sich alle erhoben und stehen blieben,
bis jene dort Platz genommen hatten. Dann durfte jedoch, nach dem
ausdrücklichen Willen des Grafen, keineswegs eine verschüchterte Stille
walten, sondern die Unterhaltung mußte ihren zwanglosen Verlauf weiter
nehmen.
Nachdem der Burgherr eine Zeit lang dem lustigen Treiben mit Behagen
zugeschaut hatte, ging er zu diesem und jenem seiner Leute und hatte
für jeden ein gnädiges Wort. Auch Gräfin Gerlinde besuchte mehrere der
an der Tafel sitzenden Frauen zu einer kurzen Begrüßung. Eike, den alle
hoch achteten, weil sie wußten, was er mit seiner Feder hier tat, auch
für sie tat, um ihnen und ihresgleichen im Lande ein besseres Hof- und
Dienstmannenrecht zu schaffen. Eike wandelte, den Becher in der Hand,
umher und ehrte die ihm Bekanntesten mit einem freundlichen Zutrunk, so
den Wildmeister, die über diese Auszeichnung errötende Melissa, seinen
Schreiber Wilfred und sogar den treuen Pfleger seines Rosses, den
biedern Sibold.
Der Wildmeister brachte an: »Herr von Repgow, wenn Ihr bei Eurer Arbeit
an das Wildbannrecht kommt, hätte ich ein paar bescheidene Wünsche.«
»Und die wären?« fragte Eike.
»Ja, die muß ich Euch allein vortragen, wenn Ihr einmal die Armbrust
auf die Schulter nehmt und wir auf die Pirsch gehen. Übrigens nichts
für ungut, Herr Ritter! Weidmanns Heil!«
»Ich kann Euch leider nicht Weidmanns Dank sagen, Wildmeister, denn
ich bin kein hirschgerechter Jäger,« erwiderte Eike.
»Du hast ganz recht, Scharruhn,« fiel der Graf ein, der sich zufällig
in der Nähe befand, »ich liege dem Ritter schon lange damit in den
Ohren. Nimm ihn nur einmal mit und stelle ihn gut an, wo ein Zwölfender
wechselt.«
»Das will ich gern tun, Herr Graf,« versetzte der graubärtige
Waldläufer. »Sie röhren noch, und ich würde mich freuen, wenn ich Herrn
von Repgows Kappe mit einem Eichenbruche zieren könnte.«
Eike lächelte und schüttelte ungläubig sein ausdrucksvolles Denkerhaupt.
Noch eine Viertelstunde bewegte sich der Graf unter seinem ihm
anhänglich ergebenen Gesinde; dann hatte er genug von dem Tumult und
verließ bei schon herabgesunkener Nacht ohne Aufsehen, nur von Folkmar
zu seiner Bedienung begleitet, die geräuschvoll zechende Gesellschaft.
Damit hatte Gerlinde gerechnet, und als bei Hoyers Verabschiedung von
ihnen auch Eike Miene machte zu gehen, flüsterte sie ihm zu: »Ich bitte
Euch, bleibt noch!«
Er stutzte vor dem eigentümlichen Ton, mit dem sie das gesagt hatte,
blieb aber, dieser Aufforderung nachgebend, bei ihr.
Sie war nun, mit Eike allein an dem kleinen Tische, von einer
fieberhaften Unruhe, zerstreut, geistesabwesend, und bald nach Folkmars
Rückkehr in die Halle sprach sie entschlossen: »Jetzt ist es Zeit,
kommt!«
Sie erhoben sich, und sofort war Melissa zur Verfügung der Herrin, die
ihr hastig befahl: »Geh voraus, mache Licht im Schlafzimmer und erwarte
mich oben.«
Stumm schritten die zwei über den vom Monde beschienenen Burghof an dem
Brunnen vorüber, dessen von vier Pfeilern getragenes, seltsam geformtes
Dach einen unheimlichen Schatten auf den stillen Platz warf.
Aber nicht in das Schloß führte Gerlinde den ihr verwundert Folgenden
so schnell, daß er Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten, sondern in
den Burggarten und dann die Stufen empor auf den Altan.
Dort trat sie geisterbleich, zitternd vor ihn hin, keines Wortes
mächtig. Sie hatte sich alles sorglich ausgedacht, was sie ihm sagen
wollte, und nun war sie unfähig, es vorzubringen.
»Gerlinde! was ist Euch? was ist geschehen?« fragte er bestürzt.
»Ich -- ich kann nicht mehr leben so,« stieß sie aus gewaltig
arbeitender Brust heraus.
»Um Gottes willen, redet! was ist geschehen?«
»Wie könnt Ihr noch fragen! Ahnt Ihr, ratet Ihr nicht, was mich in
Verzweiflung treibt?« stöhnte sie. »Denkt an den Heidenquell!«
Da wußte er auf einmal alles. Die Leidenschaft ging mit ihr durch, zum
rasenden Sturm entfesselt.
»Gerlinde!« sprach er ernst mit warnend erhobenem Finger, »dann
denkt auch Ihr an das, was ich Euch dort gesagt habe. Wir müssen uns
überwinden, dürfen nicht pflichtvergessen die Schranken durchbrechen,
die uns unverrückbar gezogen sind.«
»Uns überwinden!« wiederholte sie bitteren Tones. »Wenn Ihr es könnt,
-- ich kann es nicht.«
»Glaubt Ihr, daß es mir leicht wird? Was Euch im Innersten bewegt, das
schlägt auch hier seine schütternden Wellen, und doch müssen wir es
niederringen, und sollten wir darüber zugrunde gehen.«
»Ich bin schon nahe daran,« flüsterte sie. Dann fuhr sie immer erregter
werdend fort: »Das eine Wort, das unauslöschlich in unseren Herzen
geschrieben steht, ist niemals zwischen uns gesprochen worden; jetzt
spreche ich es aus: Liebe -- Liebe läßt sich nicht niederringen, Eike
von Repgow!«
Mit einem schmerzlichen Lächeln entgegnete er: »Man lernt im Leben
manches, was einem erst unmöglich däuchte. Das Schicksal ist stärker
als wir, Gerlinde.«
»Der Starke schafft sich sein Schicksal selbst.«
»Ein Glück, auf Unrecht und Schuld erbaut, ist kein wahres Glück,
ist ein unseliges Los, ein Fluch, dem wir nie und nirgend auf Erden
entrinnen könnten.«
»Er falle auf +mein+ Haupt! ich werde ihn tragen,« rief sie
herausfordernd, hoch aufgereckt.
Eike schwieg, denn mit Worten waren Gerlindes heiß überquellende
Gefühle nicht zu widerlegen. Aber er mußte seine ganze Mannheit
aufbieten, der Liebeatmenden, Liebeverlangenden gegenüber fest zu
bleiben. In verführerischer Schönheit stand sie vor ihm; er brauchte
nur die Arme auszustrecken, sie an sich zu reißen, und sie war sein.
Ihm bebte das Herz, ihm siedete das Blut in den Adern; er war auch ein
Mensch. Was sollte er beginnen, sich und die Geliebte aus der sie beide
umgarnenden Gefahr zu befreien? Dazu gab es nur ein einziges Mittel,
und schnell faßte er in diesen schwersten Augenblicken seines Lebens
den Entschluß, der dem Kampf ein Ende machte. Mild und doch mit aller
Bestimmtheit sprach er: »Gerlinde, wir müssen scheiden.«
Fragend, verständnislos blickte sie ihn an.
»Ich meine, es ist ratsam, nein, nötig, daß wir uns auf eine Weile
trennen,« erklärte er schonend, ihre Hand mit seinen beiden umfassend.
»Seht Ihr das ein, Gerlinde?«
Da sank ihr wie geknickt das Haupt auf die Brust, aber kein Laut kam
mehr von ihren Lippen. Sie entzog ihm ihre Hand und ging still davon.
»Lebt wohl, Gerlinde!« rief er ihr nach, »ich reite morgen heim nach
Reppechowe.«
Sie erwiderte nichts, wandte sich nicht nach ihm um, schritt langsam
die Stufen vollends hinab und verschwand in der dämmrigen Nacht.
Eike blieb auf dem Altan in tiefen Gedanken. Er hatte getan, was er als
ehrlicher, gewissenhafter Mensch und als Gast des Grafen tun mußte,
aber ihm war wund und wehe im Herzen. Einem Traumwandler gleich begab
er sich durch den Garten zum Schlosse.
Hell und heiter schien der zunehmende Mond vom Himmel, und von der
Dirnitz her scholl jauchzender Gesang.
Siebzehntes Kapitel.
Halb betäubt von dem Mißerfolg ihrer erregten Aussprache mit Eike
langte Gerlinde in ihrem Schlafgemach an, bemerkte aber trotzdem
den beobachtenden Blick Melissas, der mit einem schlauen Lächeln
über sie hinglitt. Das Lächeln wich jedoch schnell einem Ausdruck
des Erschreckens vor den verstörten Zügen der Gräfin. Auch das sah
Gerlinde noch. Melissa wußte also nicht allein, warum sie so lange
auf ihre Herrin hatte warten müssen und mit wem sich diese versäumt
hatte, sondern auch, daß die Zusammenkunft in nächtlicher Stunde keine
erfreuliche gewesen war.
Sie machte sich nichts daraus, mochte jene denken, was sie wollte, ihr
war jetzt alles gleichgültig. Die Erde hatte keine Blüten, der Himmel
keine Sterne mehr, da einer von ihr schied, ohne den ihr das Leben zu
einem jämmerlichen Schattenspiel wurde.
Kein Schlummer senkte sich lind und heilsam auf Gerlindes tränennasse
Augen und erlaubte ihr, von dem ihr versagten Glücke wenigstens zu
träumen, dessen Verwirklichung sie von der Allmacht der Liebe so
sehnlichst erhofft hatte. Mit grausamer Zähigkeit hielt sie der
Gedanke wach, daß Eike von Repgow sie morgen verlassen würde. Sie
sollte ihn nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr an seinem
Schaffen teilnehmen. Auch dieses Glück hatte sie sich mit ihrem
leidenschaftlichen Vorgehen verscherzt, und den, dem sie es verdankte,
vertrieb sie aus der ihm lieb gewordenen Stätte, von wo das Werk mit
dem aufsteigenden Ruhme seines Schöpfers in die staunende Welt hatte
hinauswandern sollen.
Und dabei mußte sie sich zu ihrer Beschämung noch gestehen, daß Eike
mit seiner Ablehnung ihres Verlangens nach innigerem Verkehr im Rechte
war und nicht anders handeln konnte, wenn er den Burgfrieden nicht
gefährden und den schönen Einklang fröhlicher Gastfreundschaft nicht
verstimmen wollte.
Aber über die Trennung von ihm konnte sie nicht hinwegkommen, konnte
sich kein Bild davon machen, was werden würde, wenn er nicht mehr hier
war. Sie wollte auch morgen nicht Abschied von ihm nehmen, weil sie
es nicht wagte, sich die Kraft nicht zutraute, ihm, ehe er zu Pferde
stieg, in Gegenwart ihres Gatten die Hand zu reichen und lachenden
Mundes zu sprechen: Auf Wiedersehen!
Wiedersehen? ja, wie war das denn? Eike hatte gesagt: »Wir müssen
uns eine Weile trennen.« Eine Weile! wie schätzte er denn die Zeit?
auf Tage oder auf Wochen? Darüber hatte er sich ihres Wissens nicht
geäußert, und sie schöpfte daraus die Hoffnung, daß er binnen kurzem
wiederkommen würde. Nur eines war ihr noch unerfindlich. Wie wollte
er dem Grafen gegenüber seine plötzliche Abreise begründen? denn die
Wahrheit, daß er ihretwegen ginge, durfte er ja nicht sagen. Dafür
einen glaubhaften Vorwand zu ersinnen mußte sie ihm überlassen, ihm
dabei helfen konnte und wollte sie nicht.
Noch lange floh sie der Schlaf. Endlich aber erbarmte er sich ihrer und
deckte den dicht gewobenen Schleier des Vergessens über sie.
Auch für Eike war diese Nacht eine ruhelose. Nicht, daß er wieder
wankend wurde und sich noch einmal überlegte, was er tun oder lassen
sollte. O nein! sein Entschluß stand unerschütterlich fest in ihm.
Morgen wollte er Burg Falkenstein auf Nimmerwiederkehr verlassen; es
mußte sein. Gerlinde hatte den am Heidenquell eingegangenen Vertrag
gebrochen und damit sich und ihn in eine auf die Dauer unhaltbare Lage
gebracht. Was bis jetzt scheu und verborgen als beseligendes Geheimnis
zwischen ihnen gewaltet hatte, war gegen die Abrede schweigenden
Entsagens an das Licht gezogen worden und hatte, frank und frei
ausgesprochen, seinen zartesten Duft und Schmelz eingebüßt. Aber das
nicht allein. Nach der beiderseitigen Offenbarung ihrer Liebe würde die
bisher bewahrte Vorsicht in ihrem Benehmen zueinander mehr und mehr
schwinden und die Gefahr der Entdeckung ihres verpönten Herzensbundes
mit jedem Tage wachsen, wenn er jetzt noch hier bliebe.
Noch ahnte Graf Hoyer nichts und schenkte dem als Gast unter seinem
Dache Hausenden unbegrenztes, unbedingtes Vertrauen, das schändlich zu
mißbrauchen Eike ein entsetzlicher Gedanke war. Schlimm genug schon,
daß er dem edlen Manne den wahren Grund seines Abschieds zu verhüllen,
mit Lug und Trug unter die Augen treten mußte.
Das konnte er sich nun leider nicht ersparen und hatte auch schon eine
geschwinde Ausflucht bei der Hand. Er wollte sagen, er müsse stracks
nach Reppechowe reiten, um sich eine Anzahl von seinen dort noch
befindlichen Aufzeichnungen zu holen, die er früher als überflüssig
erachtet hätte, deren er jedoch, wie er sich jetzt überzeugt, durchaus
benötigt wäre. Forschte der Graf, wie zu erwarten war, nach der Ursache
seines langen, seines gänzlichen Ausbleibens, so würde sich später wohl
auch dafür eine annehmbare Erklärung finden lassen.
Das Gesetzbuch war zu drei Vierteln fertig; das letzte Viertel mußte
Eike nun zu Hause schreiben, eine ihn keineswegs lockende Aussicht.
Wilfreds Hilfe würde ihm gewiß manchmal dabei fehlen, aber das war das
wenigste. Was alles andere er dabei schmerzlich entbehren würde, --
daran mochte er gar nicht denken.
Früh morgens erhob er sich vom Lager. Sein letzter Tag auf dem
Falkenstein war angebrochen, und nun stand er vor einem Abschnitt, an
einer Wendung seines Lebens. Wie traurig würde er in ein paar Stunden
den Berg hinunter reiten, den er vor wenigen Monaten so freudig
heraufgeritten war! Von einem wehmütigen Gefühl durchschauert trat
er ans Fenster, um das fesselnde Bild, das sich ihm hier bot, noch
einmal tief in sich einzusaugen. Er schaute zu den Bergen hinüber, in
das breite Tal hinab und auf den herbstlich bunten Wald, den er in
sprossendem Frühlingsgrün gesehen hatte. Dort drüben hatte er einst
gerastet und mit spähenden Augen Gerlindes Kemenate gesucht, als von
Süden her der Adler geflogen kam, der ihm, wie er träumte, einen Gruß
vom Kaiser Friedrich brachte. Jetzt zogen, vom Westwind getrieben,
graue Wolken über das Tal hin, und kein Fleckchen blauen Himmels zeigte
sich ihm zu einem freundlichen Fahrewohl.
Er kehrte sich vom Fenster ab seinem Gemache zu und ließ sinnend
den Blick auf seinem Schreibtisch ruhen, wo er die langen Tage
gesessen und an seinem Gesetzbuch geschrieben hatte. Gerlinde und das
Sachsenrecht, das waren die festen Pole, um die sich sein Dasein hier
gedreht hatte. Das Buch nahm er mit sich, aber von der Geliebten mußte
er scheiden. Doch er wollte nicht weich werden, mußte sich zur Reise
rüsten, seinen Mantelsack packen und dann Abschied nehmen.