Das Mahl ließ sich indessen ganz behaglich an. Graf Hoyer war in der

besten Laune und die Gräfin so heiter und gesprächig, als laste nicht

der geringste Druck auf ihr. Da fand auch Eike schnell den rechten

Ton in der Unterhaltung, und die drei tafelten wieder so traulich

miteinander wie vorher, ehe der Graf ausgeritten war. Die gefürchtete

Frage: was habt ihr beiden denn während meiner Abwesenheit hier

angefangen? stellte er glücklicherweise nicht, sondern gab ihnen

nun über seinen Aufenthalt in Quedlinburg eingehende Auskunft, die

er durch eingeschaltete Bemerkungen noch des näheren erläuterte und

vervollständigte.

Es handelte sich dort um den alten Streit über die Palmsonntagfeier,

den die jetzt regierende Äbtissin Osterlindis von ihren Vorgängerinnen

Bertradis und Kunigunde geerbt hatte. Seit einer langen Reihe von

Jahren war es Brauch, daß der Bischof von Halberstadt mit dem gesamten

Domkapitel und einer erklecklichen Zahl noch anderer Prälaten und

Kleriker am Palmsonntag nach Quedlinburg kam und von der Äbtissin in

ihrem Schlosse festlich bewirtet wurde. Für die Einwohner der Stadt

war das ein sehr anziehendes Schauspiel, und es gab stets einen großen

Andrang neugierigen Volkes, das den Einzug der kirchlichen Würdenträger

in ihren reichgeschmückten Pontifikalgewändern sehen und womöglich auch

dem prunkhaften Gottesdienst in der herrlichen Basilika der ehemaligen

Kaiserpfalz beiwohnen wollte.

Diese Bewirtungen hatten jedoch einen immer ausgedehnteren Umfang

angenommen. Der Bischof rückte mit einem Gefolge von mehr als hundert

Pferden an, und die geistlichen Herren, die nach überstandener

Fastenzeit einen sehr regen Appetit auf ein auserlesenes Gastmahl

mitbrachten, schmausten und schwelgten in einer Weise, die dem Stifte

fast unerschwingliche Kosten verursachte. Das noch ferner geduldig

über sich ergehen zu lassen hatten sich schon frühere Äbtissinnen

geweigert und sich wegen dieses unablösbaren Servituts, wofür es

die Bischöfe erklärten, mit Beschwerden an den Papst gewandt, durch

die aber keine Abstellung des Unfugs erreicht wurde. Nun hatte auch

Äbtissin Osterlindis den Papst um einen Machtspruch gebeten, und Gregor

IX. hatte den Abt von Walkenried zum bevollmächtigten Schiedsrichter

ernannt, während der Bischof von Halberstadt, Graf Friedrich von

Kirchberg, den Domherrn Konrad von Alvensleben als seinen Vertreter

abgeordnet und die Äbtissin den Schirmvogt des Stiftes, Grafen Hoyer

von Falkenstein, zu ihrem Beistande angerufen hatte. Diese drei Herren

sollten den Hader schlichten.

Nun entspannen sich in Gegenwart der Äbtissin hartnäckige

Auseinandersetzungen zwischen dem Domherrn und dem Grafen, bis keiner

von beiden noch etwas Neues vorzubringen wußte. Der Abt von Walkenried,

ein würdiger und kluger Prälat, der den Frieden liebte und das

Ungebührliche der bischöflichen Ansprüche wohl einsehen mochte, hatte

die Verfechter der widerstrebenden Meinungen ruhig ausreden lassen und

dann den Streit dahin entschieden, daß die Bewirtung des Bischofs nebst

Gefolge nicht mehr stattfinden und die Äbtissin als Entschädigung dafür

eine nur mäßige jährliche Abgabe an das Domkapitel leisten sollte. Die

Domina war über den endgültigen Austrag des Zwistes zu ihren Gunsten

hoch erfreut und ihrem Vetter Hoyer für die tapfere und wirksame

Geltendmachung ihres Standpunktes sehr dankbar.

Nach dem ausführlichen Berichte des Grafen verharrten Eike und Gerlinde

in Schweigen, so daß er fragte: »Nun? was sagt ihr denn dazu?«

»Daß der Abt von Walkenried ein weises und gerechtes Urteil gefällt

hat,« sprach Eike.

»Natürlich! ~semper contra clerum~ ist Euer Grundsatz,« fuhr die Gräfin

mit einem vorwurfsvollen Blick auf, und sich zu ihrem Gemahl wendend

fügte sie hinzu: »Du wirst dir mit deiner heftigen Parteinahme für die

Äbtissin den Bischof zum unversöhnlichen Feinde gemacht haben, der sich

dafür an dir rächen wird.«

»Mag er's versuchen!« erwiderte der Graf, »ich fürchte seine Rache

nicht. Wir Harzgrafen stehen alle für einen und einer für alle gegen

den übermütigen Träger der Inful. Übrigens habe ich auch Freunde im

Domkapitel, zum Beispiel Konrad von Alvensleben, so scharf ich auch

mit ihm gestritten habe. Bei dem fröhlichen Mahle, daß die Äbtissin

in ihrer Freude uns dreien zu Ehren herrichten ließ, haben wir,

Alvensleben und ich, uns ganz vortrefflich miteinander vertragen,

und diese liebenswürdige Veranstaltung hat mich in Quedlinburg noch

zurückgehalten, sonst wäre ich gestern schon heimgekehrt.«

»Wir haben dich allerdings bestimmt erwartet,« sagte die Gräfin.

»Das glaube ich gern,« lachte der Graf. »Zur Besänftigung deines

Zornes über mein Ausbleiben hat mir Osterlindis ein Geschenk für dich

mitgegeben. Hier, diese zierliche Halskette mit der goldnen Kapsel

daran, die eine Reliquie, einen Backenzahn des heiligen Eleutherius,

enthält. Hast du von diesem Heiligen schon einmal gehört?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Der Name ist ein griechische Wort, das so viel wie freisinnig

bedeutet,« mischte sich Eike mit einem anzüglichen Lächeln ein.

»Dieser heilige Backenzahn besitzt nämlich Zauberkraft,« fuhr der Graf

fort. »Man soll ihn um den Hals tragen, wenn man vor einer besonders

schwierigen Entscheidung steht und einen harten Entschluß fassen muß;

es ist also, mit Verlaub zu sagen, ein Nußknackerzauber.«

»Abscheulich!« rief die Gräfin entrüstet und zugleich verlegen, wagte

aber nicht, Eike dabei anzusehen, weil sie sich von der unbewußten

und ungewollten Anspielung auf die schwere Entschließung, die ihr ja

in ihrem Verhältnis zu Eike früher oder später bevorstand, getroffen

fühlte.

Das Mittagsmahl endete jedoch in so guter Eintracht der drei, wie es

begonnen hatte. Nur in Gerlinde blieb eine kleine Verstimmung darüber

zurück, daß ein hoher Würdenträger der Kirche, ein Bischof, in dem

Streit um eine ihres Erachtens unzweifelhaft aufrecht zu haltende

Observanz den kürzeren gezogen hatte.

Fünfzehntes Kapitel.

Auf dem Falkenstein herrschte jetzt ein betriebsamer Zustand. Der Graf

hatte in seiner Kanzlei mit dringenden Verwaltungsangelegenheiten

zu tun, Eike saß an seinem Gesetzbuch, und Gerlinde am Stickrahmen.

Dieses Einsiedlerische der drei ritterlichen Burgbewohner war kein ganz

freiwilliges; sie wurden durch die Unwirtlichkeit des Wetters genötigt,

sich in ihren Gemächern zu halten, und blieben jeder für sich allein.

Der Sommer schien zu Rüste gehen zu wollen und kündigte dies den

Menschen hier oben in den Bergen frühzeitiger und empfindlicher an als

unten im Flachlande, wo er noch etwas länger zu verweilen gedachte.

Falbe Blätter wirbelten von den Zweigen herab, herbstliche Windstöße

fuhren durch den Wald, und Regenschauer prasselten aus tiefhängenden

Wolken hernieder. Die Vogelstimmen waren im Gebüsch verstummt, denn

die meisten der geflügelten Wanderer waren schon gen Süden gezogen.

Nur eine Schar von Dohlen umkreiste, sobald es sich einmal ein wenig

aufklärte, mit hellem jack jack den Bergfried, um den der Wind lauter

pfiff und fauchte als unten in dem vor seinen wuchtigsten Schlägen

geschützten Tale. Die Sonntage zeigten ein noch grämlicheres Gesicht

als die auch schon recht verdrießlichen Werktage und wurden aus den

geöffneten Schleusen des Himmels reichlich mit Wasser überschüttet. Im

Walde war es überall so patschnaß, daß sich Wilfred nicht zu seinem

Fuchse stehlen und auch nicht den längst geplanten Besuch bei Luitgard

in der Mühle abstatten konnte. Da war es nicht zu verwundern, daß in

den Mauern der Burg eine allgemeine, ansteckende Niedergeschlagenheit

Platz griff.

Außer dem dunkeln Gewölk, das sich langsam über das Gebirge

dahinwälzte, stiegen aber auch noch andere, bedrohlichere Schatten

herauf.

Graf Hoyer hatte in Quedlinburg von der Äbtissin und vom Domherrn von

Alvensleben, zu denen Nachrichten aus der Ferne schneller gelangten als

zu dem einsam im Harze gelegenen Falkenstein, mancherlei erfahren, was

dazu angetan war, allerorten Beunruhigung und Mißmut hervorzurufen.

Kaiser Friedrich hatte in Italien neue Kämpfe zu bestehen, die weniger

mit den Waffen als mit langwierigen Verhandlungen ausgefochten

werden mußten. Der dem Papste unter Mitwirkung der deutschen Fürsten

aufgezwungene Friede von San Germano, wo Gregor den Kaiser auch von dem

noch auf ihm lastenden Banne lösen mußte, hatte zwar den kriegerischen

Unternehmungen Einhalt geboten, aber die Spannung zwischen den beiden

Herren der Welt keineswegs beseitigt. Diese dauerte im geheimen fort,

und jetzt fand der Kaiser wider Erwarten sogar Unterstützung bei der

Geistlichkeit, die dem Papste grollte, weil er von ihren Gütern Zehnten

zur Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen den stolzen Ghibellinen

einzog. Der nur äußerlich geschlossene Friede stand also auf schwachen

Füßen. Der unbeugsame Hohenstaufe hatte jedoch zwei tüchtige Männer zu

Beratern: seinen aus der Gelehrtenschule zu Bologna hervorgegangenen

Hofrichter Petrus de Vinea und den Großmeister des deutschen Ordens

Hermann von Salza. Ihren klugen und tatkräftigen Bemühungen gelang

es, eine ehrenvolle und allem Anschein nach aufrichtige Versöhnung

der beiden Widersacher in Anagni zuwege zu bringen, bei der kein

Kardinal zugegen, sondern Hermann von Salza der einzige Zeuge sein

durfte. Nun hielten es nicht nur die deutschen Fürsten für an der

Zeit, ausgedehntere Territorialrechte für sich zu fordern, sondern

auch die Bürgerschaften begehrten mehr Freiheit und Selbständigkeit in

ihrem städtischen Regiment, wogegen sich der Kaiser nach den mit den

lombardischen Städten gemachten bitteren Erfahrungen durchaus ablehnend

verhielt.

So ließ man den mächtigen Lenker des Reiches nicht zu Atem kommen,

sondern trieb ihn aus einer Bedrängnis in die andere, und Eike

fürchtete, daß unter diesen schwierigen Verhältnissen auch in den

deutschen Herzogtümern und Grafschaften Unruhen und Verwicklungen

entstehen würden, die der Einführung und Verbreitung seines

Gesetzbuches hinderlich werden könnten.

Aber das nicht allein. Erst kürzlich hatte Friedrich eine von Petrus

de Vinea herrührende Verordnung bestätigt, die ein neues bürgerliches

und öffentliches Recht begründen sollte und in welcher unter anderem

die Unterwerfung der Geistlichen unter die weltliche Obrigkeit

ausgesprochen war. Dies war ja ganz in Eikes Sinne gedacht und getan,

aber nun befiel ihn die Angst, Vineas Buch könnte seinem Sachsenrecht,

das er noch unter der Feder hatte, zuvorkommen, ihm den Rang ablaufen

und es in das Hintertreffen verweisen.

Da galt es, alle Kräfte anspannen, damit er das rüstig fortschreitende

Werk so bald wie möglich seinem Volke darbringen könnte, also arbeiten,

immer nur arbeiten. Und hier in seiner stillen Klause suchte er sich

vor dem von weitem zu ihm dringenden welterschütternden Lärm kämpfender

Zwietracht unter den Gewalthabern oder nach Gewalt Strebenden soviel

wie möglich zu verschließen.

Graf Hoyer ließ den Freund in seiner angestrengten Tätigkeit

unbehelligt, weil er wußte, was diesen zu so rastlosem Fleiße spornte.

Eike hatte ihm gesagt, daß es sich jetzt für ihn um einen Wettstreit

mit Petrus de Vinea handele, und die Vorhaltung des Grafen, daß doch

sein Rechtsbuch ein bedeutenderes und viel umfassenderes sei als das

des kaiserlichen Hofrichters, konnte seine Sorgen nicht zerstreuen.

Gar nicht erbaut von Eikes Überstürzung seiner Arbeit war Gerlinde,

denn nun sah sie den allstunds Ersehnten noch weniger als bisher; kaum

bei Tische hielt er stand, war wortkarg und hatte den Kopf von anderen

Dingen voll als von dem Verlangen, ihr seine Liebe immer wieder aufs

neue zu erkennen zu geben. O dieses unselige Gesetzbuch! seufzte sie in

heller Verzweiflung.

Der scheidende Sommer wehrte sich noch gegen das Vordringen des

Herbstes, mußte aber seinem unablässigen Angreifer doch endlich

weichen und ihm das Feld räumen. Und nun, da er im Besitze war, zeigte

sich der Sieger von seiner freundlichsten Seite. Mit strahlendem

Sonnenschein hielt er seinen Einzug in das eroberte Gebiet, vergoldete

das Laub der Buchen, Eichen und Birken und färbte die Blättlein der

Heidelbeeren purpurn, die in breiten Ansiedlungen zwischen dunkelgrünen

Wachholderbüschen einen gar lieblichen Anblick boten, während rote

Vogelbeeren und Hagebutten nebst blauschwarzen Schlehen sich hie und

da in Baumwuchs und Strauchwerk mischten. Schneeweiße, vom Volke

Altweibersommer genannte Spinnfäden schwebten durch das Tal, blieben

hie und da an einem Strauche haften, bis sie sich wieder losringelten

und weiter flogen, um mit ihren mehr als klafterlangen Wimpeln anderswo

zu landen. Wohin ihre Reise ging, wußten die winzigen Segler, die in

dem luftigen Schifflein saßen, selber nicht, denn sie mußten sich

willenlos von jedem Hauche treiben lassen, weil sie kein Steuer an Bord

hatten.

An einem dieser sonnigen Herbsttage langten liebe Gäste auf dem

Falkenstein an. Graf Burkhard von Mansfeld und seine Schwiegertochter

Irma ritten ein und brachten mit ihrem unerwarteten Erscheinen eine

wohltuende Abwechselung in das Stilleben der Burg, von den Bewohnern

freudig bewillkommnet.

Die Grafen Burkhard und Hoyer waren gute Freunde und ehemalige

Waffenbrüder, und ein ebenso inniges Verhältnis bestand seit ihrer

fast gleichzeitigen Verheiratung auch zwischen den Gräfinnen Irma und

Gerlinde.

Gleich nach der Begrüßung fragte Graf Hoyer: »Warum hat euch dein Sohn

nicht begleitet?«

»Alwin ist mit zwei Waldhütern den Wilderern in unseren Forsten auf der

Fährte, und gerade heute hofft er sie fahen zu können,« erwiderte Graf

Burkhard. »Wie steht es denn bei dir mit dem edlen Waidwerk?«

»Schlecht; ich darf nicht mehr auf die Berge steigen.«

»Rumort das Herz wieder?«

Graf Hoyer nickte und winkte dem Freunde mit der Hand, davon zu

schweigen.

Burkhard forschte auch nicht weiter danach, sondern sagte nach einem

Weilchen: »Ich mußte dich einmal wiedersehen und wollte dir auch

danken für die unermeßliche Freude, die du mir bereitet hast.«

»Womit?« fragte der andere erstaunt.

»Damit, daß du mir den ehrenfesten Ritter Dowald von Ascharien

zugeschickt hast.«

»Burkhard! traust du mir das zu?«

»Bewahre! er behauptet aber, du hättest ihn an mich gewiesen, weil ich

einen guten Posten für ihn hätte.«

»Etwan als Kellermeister? Den alten verlotterten Säufer?«

»O er war ungewöhnlich gut ausstaffiert.«

»Das glaub' ich! mit meinem besten Rocke, den er mir ausgeführt

hat,« lachte Graf Hoyer. »Er wollte von hier auf die Heimburg zum

Regensteiner, der ihn dringend eingeladen hätte.«

»Eingeladen! als ob den ein vernünftiger Mensch zu sich einlüde! Drei

Tage lag er bei mir auf der Bärenhaut; damit hatte ich genug von ihm

und schob ihn sachte ab.«

»Wohin denn nun?«

»In die Gegend von Halberstadt und dann die Bode entlang wollte er

reiten, wie er vorgab. Dort hätte er vermögende Gönner und wackere

Gesellen.«

»Denen gönne ich ihn,« spottete Hoyer und fuhr dann fort: »Ich bin an

dem Überfall des Aschariers zwar unschuldig, möchte mich aber doch mit

einem ehrlichen Sühnetrunk vor dir reinigen. Komm mit mir zu einem

guten Tropfen in mein Kämmerlein; die beiden jungen Weibsen werden uns

zwei Alte nicht vermissen.«

Als sie in Hoyers Zimmer beim Weine saßen, begann der Mansfelder: »Ich

habe noch einen Pfeil im Köcher. Was ist das mit dem neuen Gesetzbuch,

das hier auf dem Falkenstein geschrieben wird?«

»Dacht' ich's doch!« rief Hoyer. »Dir hätt' ich heute auch ohne deine

Frage alles gesagt, aber dem Dowald wollt' ich's verschweigen. Das

glückte jedoch nicht; einer meiner Dienstleute, ehemals Klosterschüler

in Gröningen, der dem Rechtskundigen die Abschriften besorgt, hat es

dem alten Schnüffler verraten.«

»Dowald war auf den Ritter von Repgow schlecht zu sprechen.«

»Sehr begreiflich, denn mit der Aufforderung, uns abschreiben zu

helfen, haben wir den Faulpelz schon am ersten Tage nach seiner

Ankunft ausgeräuchert. Du wirst ja bei Tische die Bekanntschaft meines

gelehrten Freundes machen; jetzt darf ich ihn von seiner Arbeit nicht

aufstöbern. So höre denn!«

Nun erstattete Graf Hoyer seinem Besuche genauen Bericht, erzählte

ihm, wie er den Reppechower einst zufällig im Gasthaus am Scheideweg

getroffen, dieser ihm dort seine Absichten anvertraut und er ihn

darauf eingeladen hätte, sein Buch auf dem Falkenstein zu schreiben.

Hier hätte ihn Eike tiefer in seinen Plan eingeweiht, ihn von der

Notwendigkeit einer Verbesserung der deutschen Rechtsverhältnisse

überzeugt und ihm die Grundsätze, die ihn dabei leiteten, ausführlich

entwickelt, was alles Graf Hoyer nun seinerseits dem ihm gegenüber

Sitzenden klärlich darlegte.

Graf Burkhard folgte dem umständlichen Vortrage mit gespannter

Aufmerksamkeit, und nachdem er sich über einzelne Punkte nähere

Auskunft erbeten hatte, die durchaus zu seiner Befriedigung ausfiel,

stimmte der von dem Ascharier ganz falsch Unterrichtete dem kühnen

Plane, Rechtseinheit in ganz Sachsenland zu schaffen, freudig zu.

»Du bist also mit allem, was ich dir mitgeteilt habe, einverstanden?«

fragte Hoyer.

»Vollkommen.«

»Das ist mir viel wert, denn ich nehme Verbindlichkeit und Bürgschaft

für das Buch auf mich,« erklärte Hoyer, »und man kann nicht wissen, ob

man nach der Veröffentlichung so durchgreifender Änderung in unserem

Gerichtswesen, die vielleicht manchem Widerspruch im Lande begegnen

wird, nicht einmal einen starken Rückhalt gegen gehässige Angriffe

braucht.«

»Sie werden nicht ausbleiben,« versetzte Burkhard. »Auf mich kannst

du zählen, ich halte treu zu dir und dem mutigen Gesetzgeber. Hast du

schon mit Hohnstein darüber gesprochen?«

»Nein.«

»Oder mit dem Blankenburger?«

»Auch nicht.«

»Wie ich die beiden kenne, werden sie sich gewiß uns anschließen, und

von dem gesunden Sinn unserer anderen Standesgenossen in den Harzer

Grafschaften erwarte ich das gleiche. Du aber wirst einst stolz darauf

sein, Hoyer, daß diese patriotische Tat von deiner Burg Falkenstein

abgegangen ist.«

»Ich hoffe es, Burkhard!«

»Gott segne das Werk!« sagte der Mansfelder, und sie schüttelten sich

die Hände und tranken auf gutes Gelingen.

Den beiden Freundinnen war es ganz recht, daß die Herren sie allein

gelassen hatten, denn sie sahen sich selten und hatten nun den Wunsch,

sich wieder einmal gründlich untereinander auszusprechen.

Auch Gräfin Irma war ein hübsche Frau, schlank, mit blondem Haar,

graublauen, lustigen Augen und von zarter Gesichtsfarbe. Sie hatte,

obwohl Mutter von zwei Kindern, nicht die liebreizende Fülle wie

Gerlinde, die dennoch einen jugendlicheren Eindruck machte als die

um zwei Jahre Jüngere. Die Blonde und die Schwarze bildeten einen

anmutigen Gegensatz zwischen der norddeutschen und der südländischen

Rasse, und auch in ihrem Wesen zeigte sich ein beträchtlicher

Unterschied. Irma war leichtlebig, flink und beweglich, während

Gerlinde die äußerlich gelassenere, innerlich aber tiefer angelegte,

leidenschaftlichere Natur war.

Fröhlich plaudernd wandelten sie aus dem Empfangsraum nach dem Gemach

der Burgherrin. Hier aber, schon beim Öffnen der Tür, bekam Gerlinde

einen Schreck und wollte über die Schwelle vorauseilen, um in dem

Zimmer schnell etwas zu verdecken, was die Eintretende nicht sehen

sollte. Zu spät; Irma schritt sofort auf den Stickrahmen zu, der am

Fenster stand und von dem die gerade daran beschäftigt Gewesene bei

der Meldung des überraschenden Besuches aufgesprungen war ohne an die

Beseitigung der heimlichen Arbeit zu denken.

»Ei wie schön!« rief Irma, »was soll das werden? wohl ein Kursît? und

wie kunstvoll ist das beinah fertige Wappen, bei dessen Ausführung

ich dich gestört habe, denn die Nadel steckt noch darin. Aber das ist

nicht das gräflich Falkensteinsche; ist es das deines fränkischen

Geschlechts?«

»Nein, es ist das Wappen des Herrn von Repgow,« gab Gerlinde verlegen

zur Antwort.

»Ach, das ist euer Gast, der das Buch hier schreibt. Ja, reitet denn

der noch in die Schranken? ist er denn nicht ein Rechtsgelehrter, ein

alter Herr, bei dem von Turnier und Lanzenrennen keine Rede mehr sein

kann?«

»Da irrst du, es ist kein alter Herr,« lächelte Gerlinde. »Im

Gegenteil, er ist noch jung, ein stattlicher, streitbarer Ritter, der

zu Fuß und zu Pferd, mit dem Schwert und mit der Feder seinen Mann

steht. Sieh ihn nur erst und dann urteile selbst!«

Das in den Rahmen Gespannte war allerdings ein Kursît von blauer Seide,

d. h. ein kurzer, ärmelloser Wappenrock, wie ihn die Schildbürtigen bei

festlichen Aufzügen oder Turnieren über dem Harnisch zu tragen pflegten.

Irma hatte, die Stickerei betrachtend, Gerlindes Verlegenheit nicht

bemerkt. Jetzt horchte sie jedoch auf und fragte, nachdem beide auf der

Wolfsfellbank Platz genommen hatten: »Ist dieser Herr von Repgow dir

ein willkommener Gast?«

»Anfangs war er mir das nicht, und es wurde mir nicht leicht, mich mit

ihm zu vertragen,« erwiderte Gerlinde. »Er huldigt kirchenfeindlichen

Grundsätzen, die er auch in seinem Gesetzbuch zur Geltung bringt und

über die wir mehr als einmal hart aneinander geraten sind. Aber als ich

ihn allmählich näher kennen lernte, flößte er mir immer mehr Vertrauen,

immer größere Achtung ein, die sich bald zu dem Gefühl der Bewunderung

steigerte. Ich versichere dir, Irma, noch niemals ist mir ein Mann

begegnet, bei dem Ritterlichkeit und Gelehrsamkeit, ernster Sinn und

froher Lebensmut so herrlich vereint waren wie bei Herrn Eike von

Repgow.«

»Du singst sein Lob in hohen Tönen,« warf Irma ein.

»Muß ich auch,« rief Gerlinde, »und es reicht noch lange nicht an das

heran, was er wirklich ist. Wenn du ihn voll Begeisterung von seinem

umfassenden Werke reden hörtest, würde er dir als ein sieghafter Held

erscheinen, der sich mit seiner Willenskraft die halbe Welt erobern

könnte.«

Aus der Maßen erstaunt über die schwärmerischen Worte der Freundin

fragte Irma: »Ja, sage mir, Gerlinde, -- liebst du ihn denn?«

»Ja! ich liebe ihn,« bekannte Gerlinde errötend, doch frei und stolz.

»Weiß er das?«

»Ja!«

»Und -- liebt er dich wieder?«

»Ich glaube es, aber -- --«

»Nun? was aber? sprich weiter! weshalb der bange Seufzer?«

»Wir sollen unserem Glück entsagen, verlangt er,« gestand Gerlinde.

»Verlangt er, dein turnierfähiger Gast, der willensstarke Held?«

lachte Irma hell heraus. »Du, auf diesen geharnischten Büßer mit der

Dornenkrone der Entsagung in den Locken bin ich neugierig.«

»Seine Liebe ist eine so selbstlose, daß er mir um meiner Herzensruhe

willen das Opfer strenger Zurückhaltung bringt.«

»Ein seltsames Mittel, Herzensruhe zu schaffen und Sehnsucht zu

stillen,« spöttelte die Mansfelderin. »Von stummer Verehrung wird ein

hungriges Herz nicht satt. Hauche dem Marmorbilde warmes Leben ein, daß

es aus seiner Starrheit erwacht und von dem hohen Sockel unbeweglicher

Tugend mit offenen Armen herabsteigt. Frauen wie wir vermögen über die

Männer alles, was wir wollen.«

»Ich darf aber nichts wollen und wagen, was wider Gottes Gebot wäre.

Die heilige Jungfrau würde zürnend ihr Angesicht von mir abkehren, und

ich wäre eine Verlorene.«

»Du sollst dich nicht verlieren, sollst deinem Herrn Gemahl nicht Hals

über Kopf untreu werden,« sprach Irma. »Aber,« fuhr sie fort, »in eurem

trübseligen Eulennest hier, wo hinreichend dafür gesorgt ist, daß die

Bäume der Lustbarkeit nicht in den Himmel wachsen, darfst du dir wohl

einmal ein kurzweiliges Minnespiel erlauben, daß deiner unsterblichen

Seele keinen Schaden zufügen wird. Wenn dein nachsichtiger

Gewissenspfleger, der Abt von Gröningen, im blütenprangenden Wonnemond

wiederkommt, dir die Beichte abzunehmen, wird er dich für das Beten von

drei Rosenkränzen gern von dem fröhlichen Sündenfall absolvieren.«

»Irma!« begehrte Gerlinde empört gegen die Spötterin auf, »wenn du

das ein kurzweiliges Minnespiel nennen kannst, so begreifst du den

furchtbaren Ernst meiner Lage nicht, in der ich mich verzweifelnd

abquäle, in der ich mit mir ringe und kämpfe, daß es fast über meine

Kräfte geht. Ich ertrag' es nicht länger, und --« Stürzende Tränen

erstickten ihre Stimme.

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 10 / 20 段