gefallen. Eike wußte sich von Gerlinde geliebt mit der ganzen
Leidenschaftlichkeit ihres heißen, südlichen Blutes, und das gleiche
wußte sie auch von ihm. Beide waren mit dem nämlichen Vorhaben in den
Wald gegangen, die Gefühle des anderen zu ergründen ohne die eigenen
zu enthüllen, und doch war auch dieses geschehen. Zu Hause nun, in
seinem Zimmer, der Werkstatt seines Schaffens, erwachte in Eike der
Mann des Rechtes, der Verfasser und Verkünder strenger Gesetze, gegen
die er selber nicht einmal in Wünschen und Gedanken freveln durfte,
und er war der Gast von Gerlindes nichts ahnendem Gatten. Wie hatte
er das nur vergessen können, als er dort in der zauberumsponnenen
Wildnis am Heidenquell die in Lust und Leid Erzitternde in seinen Armen
hielt! Aber sollte er sie schroff und schnöde zurückstoßen, da er sie
doch liebte? Er hatte sie nicht an sich gerissen, hatte sie nicht
gelockt und gekirrt, nicht mit zärtlichem Gekose ihre Sinne betört.
Mit dem Bewußtsein, die Gebote der Pflicht und Ehre weder mit Wort
noch Tat verletzt zu haben, beruhigte er sein Gewissen, und bei dem
Entschlusse, auf alle Freuden, die ihm in erreichbarer Nähe winkten, zu
verzichten, wollte er bleiben, welche Kämpfe und Versuchungen er auch
im Bannkreise der inniggeliebten, verführerisch schönen Frau noch zu
bestehen haben mochte; sein Herz sollte schweigen und auch sein Mund. --
Andere Gefühle beseelten Gerlinde, als sie aus dem Walde zurückkam und
in ihrem Gemach allein war. Das erste, was sie dort tat, war, daß sie
an dem Betpult niederkniete, der heiligen Jungfrau für das namenlose
Glück, von Eike geliebt zu werden, dankte und sie anflehte, diese
Liebe zu segnen und zu schirmen, in ihrer Unschuld nicht bedenkend,
daß seine Liebe zu ihr wie ihre zu ihm eine sträfliche war, an der die
Himmelskönigin kein Wohlgefallen haben konnte. Dann betete sie für
das zeitliche und ewige Heil des Geliebten, daran die Bitte knüpfend,
ihm Kraft zur Vollendung seines Werkes zu verleihen und ihm dabei
die Wege zu führen, die den Frommen und Gläubigen, in Sonderheit der
hochwürdigen Geistlichkeit genehm wären.
Danach erhob sie sich freudig, nur noch mit der einen Sorge, ob es ihr
gelingen würde, ihre Liebe vor den Insassen der Burg und am meisten --
hier schrak sie auf -- vor ihrem Gemahl zu verbergen. An den hatte sie
noch gar nicht gedacht und daß sie an ihm einen Raub beging, wenn sie
ihr Herz einem anderen Manne schenkte. Einen Raub? sie entzog ihm ja
nichts von dem, was er von ihr fordern konnte. Sie schätzte und ehrte
ihn, hatte ihn auch auf ihre Weise lieb, aber glücklich und zufrieden
war sie an Hoyers Seite nicht. Trotzdem wollte sie nun doppelt
aufmerksam und freundlich gegen ihn sein, um ihn, soviel sie vermochte,
für das zu entschädigen, was sie in Hülle und Fülle dem andern weihte.
War denn aber ihre und Eikes Liebe unter der Bedingung schweigender
Entsagung ein so ungetrübtes Glück, daß sie es so recht aus dem Vollen
schwelgend genießen konnte? Nur tief verhohlen sollte diese Liebe ein
kümmerliches Dasein fristen, wie eingekerkert, in Banden geschlagen.
Niemals sollte die Darbende dem, was nach Befreiung in ihr rang und
lechzte, rückhaltlosen Ausdruck geben, niemals in den Armen dessen,
an dem ihre Seele hing, wonnetrunken aufjauchzen, sondern ihre Liebe
als schwer lastendes Leid durchs Leben tragen. Würde sie das vermögen?
würde nicht über kurz oder lang einmal die Stunde kommen, wo sie es
unwiderstehlich reizte, die Fesseln zu sprengen und sich an Eikes Brust
zu werfen? Sie konnte nicht dafür bürgen, sich allzeit fest in der
Gewalt zu haben.
Wie wohl +er+ darüber dachte, ob er wohl willig und fähig war, auf
immer wunschlos zu entsagen? Es schien ihr so; schon auf dem Rückwege
hatte er damit angefangen, denn kein liebeatmendes Wort war seinem
Munde entflohen.
Als sie nach dem vorsichtigen Überschreiten der Schlucht bequem
nebeneinander gehen und dabei mehr auf alle die Vögel und Blumen rings
um sie her achten konnten, hatte Eike die Rede auf den berühmten
und begeisterten Freund dieser holden Geschöpfe, auf Walter von der
Vogelweide gebracht und Gerlinde von seiner Bekanntschaft mit ihm
am Hofe des Markgrafen von Meißen erzählt. Dabei hatte er öfter den
Dichter selber sprechen lassen von »der kleinen Vöglein Singen«
und von den »lichten Blumen, die aus dem grünen Grase lächeln, als
erhofften sie auch des Wanderers nickenden Gruß«, und noch manche
andere wohlklingende Verse des großen Meisters in die Unterhaltung
eingeflochten. Gerlinde, der Walters Lieder keineswegs fremd waren,
hatte ihm gern zu gehört und erwartet, daß ihn sein Gedenken des
Verherrlichers der hohen Minne, des unvergleichlichen Sängers von »des
Herzens Lehendienst«, auf seine Minne zu ihr hinleiten würden. Das war
jedoch nicht erfolgt; er hatte jede auf sich bezügliche Anknüpfung an
Walters Dichtungen vermieden.
Nun wollte sie sich seinem Verlangen völliger Enthaltung aller
Liebesbeweise unterordnen, wollte schweigen, wenn er schwieg und sein
Benehmen als Richtschnur ihres eigenen betrachten, wozu das nahe
bevorstehende Mittagsmahl eine gute Gelegenheit bot. --
Bald saßen sie sich am Tische gegenüber. Während Melissa sie bediente
und auch ohne nötige Handreichungen im Saale anwesend blieb, gab es
sich von selber, daß sie nur über gleichgültige Dinge plauderten.
Doch erwähnte Gerlinde der schlauen Gürtelmagd wegen absichtlich und
ausführlich ihrer vergnüglichen Wanderung im unbefangensten Tone,
als hätte sich in der unbelauschten Waldeinsamkeit durchaus nichts
Besondere zugetragen. Eike, der den Zweck, die neugierige Horcherin
zu täuschen, erkannte, ging sofort darauf ein, und erinnerte noch an
einzelne Naturschönheiten, die ihm auf ihrem Wege durch Berg und Tal
aufgefallen waren. Daß sie am Heidenquell gewesen, verschwiegen sie
wohlweislich.
Als Melissa einmal verschwunden war, erkundigte sich Gerlinde bei
ihrem Gaste nach dem Stande seiner Arbeit, mit der er ja einen
ganzen und einen halben Tag gefeiert hätte, und zwar zumeist ihr zu
Gefallen, wofür sie ihm sehr dankbar wäre. Er gab ihr zur Antwort,
daß er allerdings die versäumte Zeit, die er aber, weil in ihrer
Gesellschaft verbracht, durchaus nicht als eine verlorene bezeichnen
könnte, mit angestrengtem Fleiß wieder einholen müsse, und fügte
hinzu: »Ich brenne darauf, heute nachmittag da wieder anzufangen, wo
ich gestern morgen aufgehört habe, und hoffe auch, schnell wieder in
flotten Schwung und gutes Fahrwasser zu kommen, wenn mich auch manche
dringlichen Ausführungen noch hartes Kopfzerbrechen kosten werden.«
»O Ihr werdet auch das Schwierigste zwingen, wenn Ihr wollt,« sagte sie
aufmunternd. »Ich glaube an die alles besiegende Kraft Eures Geistes
wie an das Licht der Sonne.« Dann, als Melissa wieder eingetreten war,
fuhr sie auf lateinisch fort: »~Tu, dum tua navis in alto est, hoc
age.~«
Er erwiderte: »~Fata regunt homines, certa stant omnia lege, tu credula
pia!~«
Sie sprachen nun auch weiter Latein, obwohl sie ihr Geheimnis, von dem
nur die klugen Waldvöglein wußten, mit keiner Silbe berührten.
Melissa spitzte die Ohren, und als sie wieder hinausgegangen war,
spöttelte sie jenseits der Türe: »Jetzt nennen sie sich schon du; das
haben sie sicher da unten im versteckten Waldesgrunde zusammengeknotet
und denken, ich merke nichts, die blind Verliebten. Meinetwegen könnt
ihr deutsch reden, was ihr wollt; ich verrate euch nicht.«
Die beiden im Saale führten ihren Vorsatz, sich zu beherrschen, durch,
so schwer es ihnen auch wurde, und über ihre heimliche Liebe fiel weder
ein deutsches noch ein lateinisches Wort. Nur von Blick zu Blicke flog
es stumm hin und her: ~ego sum tu et tu es ego~.
Es war das letzte Mittagessen, das sie allein miteinander einnahmen,
denn heut abend konnten sie den Grafen von seinem Ritt nach Quedlinburg
zurück erwarten, und beiden war es recht, daß er wiederkam, denn an
seiner Gegenwart hatten sie einen noch festeren Halt und Schutz, sich
nicht zu vergessen und zu unerlaubtem Tun hinreißen zu lassen.
Eike begab sich nach Beendigung des Mahles in sein Zimmer und setzte
sich sogleich an seine Arbeit, in die er sich nach Möglichkeit
vertiefte, um keinen störenden, sinnberückenden Vorstellungen Einkehr
bei sich zu gestatten.
Gerlinde ging in ihr Gemach, streckte sich dort auf das Spannbrett,
eine nur zum Ausruhen am Tage dienende Polsterbank mit einer
Wolfsfelldecke, und versank bald in einen erquicklichen Schlummer.
Fast eine Stunde schlief sie, erwachte frisch und gestärkt davon und
überdachte, nun freier und unabhängiger von dem augenblicklichen
Eindruck des Geschehens, die Erlebnisse des heutigen Morgens. Die
Gefühle, die sich ihrer dabei bemächtigten, verlangten aber nach
Worten; schnell richtete sie sich auf, nahm die Harfe von der Wand und
hub an zu singen:
Seid mir gegrüßt, Gedanken,
Die ihr im Streite siegt
Und euch wie Efeuranken
Um meine Stirne schmiegt.
Wollt mild und freundlich walten
In meines Herzens Haus,
Gleich holden Traumgestalten
Schwebt leise ein und aus.
Das Zweifeln all und Bangen,
Wie liegt es nun so fern,
Derweil mir aufgegangen
Mein schöner Morgenstern.
Er wird mein Schicksal weben,
Mir weisen Weg und Zelt,
Hell strahlt er in mein Leben,
In meine stille Welt.
Und muß ich auch verschweigen,
Wovon die Brust mir schwillt,
Will mich in Demut neigen,
Das Sehnen ist gestillt.
Im Nachspiel ließ sie sanft ausklingen, was sie während der nur
halblaut vorgebrachten Strophen bewegt hatte. Dann saß sie lange in
Sinnen verloren, hatte die Harfe aufs Knie gestellt, auf deren Hals
die gefalteten Hände und auf die Hände das gedankenschwere Haupt
gelegt. Sie hatte nicht alles, was sie in sich trug, ausgesprochen,
hatte mit anderen Empfindungen, die ihr Inneres durchkreuzten, noch
zurückgehalten. Fragen, die sie gelöst, Zweifel, die sie überwunden
wähnte, tauchten noch einmal in ihr auf, und ihre Sehnsucht war von dem
Liede nicht in den Schlaf gesungen. Da griff sie wieder in die Saiten
und begann aufs neue:
Liebt +er+ mich in Treuen so wie ich ihn
Mit unverlöschlichen Gluten,
Und fühlt auch er durch die Seele ziehn
des Aufruhrs wogende Fluten?
Der Wissende, weiß er denn wohl genau,
Was Sehnsucht zischelt ins Ohr der Frau?
Wie Wanderer sich begegnen im Land,
So haben wir zwei uns gefunden
Und können uns kaum nur drücken die Hand
In kärglichen, flüchtigen Stunden,
Und ich, in des Liebsten Eigen und Lehn,
Möcht' immerfort ihm in die Augen sehn.
Doch soll es nicht sein, o bitteres Weh!
Die Glocken läuten zum Scheiden,
In unseren Sommer fällt Reif und Schnee,
Wir sollen uns missen und meiden.
Ich gehe zugrunde vor zehrender Not
Und schwinde dahin wie das Abendrot.
Sie hatte sich in eine drangvolle Gemütsverfassung hineingesungen.
Nagender Schmerz peinigte sie, kühner Wagemut flammte in ihr auf und
kam in den Tönen zum Ausdruck, die sie jetzt den Saiten entriß. Ohne
Unterbrechung ging sie in ein immer stürmischer werdendes Vorspiel
über, bis sie die Melodie fand zu dem, was ihr nun aus dem übervollen
Herzen von den Lippen strömte:
Richter und Schöffen, ich komme zu klagen!
Dumpfes, erdrückendes Leid soll ich tragen,
Wo mir die Seele von Jubel erklingt
Und mit Gewalt der Erfüllung entgegen
Wachsende, treibende Wünsche sich regen
Wie sich die Rose der Knospe entringt.
Niemals hat mir meine Jugend geschäumet,
Habe nur immer gehofft und geträumet,
Wußte bis heute vom Glücke nicht viel.
Jetzo mein Erbteil davon zu begehren
Sollen mir Himmel und Hölle nicht wehren,
Gölt' es ein noch so gefährliches Spiel.
Ob es zum Guten, zum Bösen sich wende,
Mit der Geduld bin ich endlich am Ende,
Fester Entschluß ist des Handelns Beginn.
Trostlos entsagen und immer entsagen?
Lieber zu Trümmern gleich alles zerschlagen,
Was mir einst heilig -- es fahre dahin!
Kann ich nicht retten die sündige Seele,
Wer von den Sterblichen ist ohne Fehle?
Wo ist auf Erden vor Qualen ein Schutz?
Schuld im Gewissen ist's nicht, was ich scheue,
Mir graut nicht vor bohrender Reue,
Mit meiner Liebe biet' ich ihr Trutz.
Zu den letzten Worten des Liedes schlug sie die Harfe so übermäßig
stark, daß eine Saite mit schrillem Mißton zersprang. Erschrocken
starrte sie auf die beschädigte Vertraute ihrer Leiden und Freuden.
Ihr war warm geworden vom Singen, und sie trachtete hinaus ins Freie,
sich das erhitzte Blut zu kühlen. So ging sie zum Altan, zu der Stätte,
auf der sie schon manchmal Ruhe und Sammlung gesucht und gefunden
hatte. Da stand sie vorn an der Brüstung, wo der Wind durch die Bäume
rauschte, sie mit kräftigem Hauch anblies, rüttelte und schüttelte,
daß ihr gelöstes Haar sie in langen Strähnen umflatterte. Sie achtete
dessen nicht, horchte nur auf das Sausen und Brausen des Windes, als
hörte sie Stimmen darin, die verständlich zu ihr sprachen und ihr
zu Herzen gingen. Aus einer höheren, unbekannten Welt, in der die
Geschicke der Menschen von weisen Händen gewogen wurden, sang nun er
ihr ein Lied; -- klang es von harren und hoffen oder von scheiden und
meiden?
Vierzehntes Kapitel.
Da Graf Hoyer bis zum Abend noch nicht auf den Falkenstein
zurückgekehrt war, mußten Gerlinde und Eike wieder allein miteinander
speisen, und Gerlinde freute sich darauf. Sie hoffte, daß sich Eike
inzwischen besonnen haben und ihr nun wenigstens durch größere
Traulichkeit und Innigkeit im Verhalten einen stummen Beweis seiner
Liebe geben würde.
Als die Essenszeit schon erheblich überschritten war, sandte Gerlinde
ihre Zofe zu Eike, ihn herbeizurufen. Melissa überbrachte ihr jedoch
die Bestellung, Herr von Repgow ließe bitten, ihn bei Tische zu
entschuldigen, er säße so tief in der Arbeit, daß er nicht abbrechen
könnte und noch Stunden lang zu schreiben hätte. Frau Gräfin möchte die
Güte haben, ihm einen kleinen Imbiß auf sein Zimmer zu schicken.
Gerlinde mußte sich beim Anhören dieser Meldung sehr zusammennehmen, um
ihren Unmut darüber vor Melissa zu verbergen. Sie wandte sich ab und
sprach: »So bring ihm, was er begehrt, und sag' ihm, ich wünschte ihm
eine geruhsame Nacht.«
Nun war ihr die Freude verdorben. Enttäuscht und sorgenvoll spürte sie
nach dem Grunde von Eikes nichtiger Ausrede, denn sie glaubte nicht an
die Unaufschiebbarkeit seiner Arbeit, deren Vollendung doch wahrlich
nicht an Tage gebunden war; er konnte ja morgen ausführen, was er
heute nicht fertig schaffte. Nein, nein! er machte bitteren Ernst mit
seiner Entsagung und wollte dem Alleinsein mit ihr aus dem Wege gehen.
War das aber wirklich nur übertrieben gewissenhafte Entsagung? oder
war es Mangel an Liebe? Gegen diese niederschmetternde Deutung seiner
Weigerung, mit ihr zu essen, sträubte sie sich heftig, und es stieg ihr
ein tröstlicher, beglückender Gedanke auf. Vielleicht geschah es gerade
aus Liebe zu ihr, daß er es nach dem Vorgang am Heidenquell vermeiden
wollte, ohne Zeugen mit ihr zu sein. Diese feinfühlige Rücksichtnahme
auf sie und -- einen anderen mußte sie anerkennen und ehren, wenn ihr
auch etwas weniger Selbstbeherrschung seinerseits nicht unwillkommen
gewesen wäre.
Als Melissa mit Eikes Dank zurückkehrte, berichtete sie, der Ritter
säße gar nicht an seinem Schreibtische, sondern wandelte rastlos von
einem Ende des Zimmers zum andern. Plötzlich wäre er vor ihr stehen
geblieben, hätte sie nachdenklich angeschaut und eine Handbewegung nach
dem aufgetragenen Abendbrot hin gemacht, als hätte er sagen wollen:
Nimm's wieder mit! ich komme. Aber dann hätte er den Kopf geschüttelt
und leise vor sich hinbrummend sein unstetes Umherrennen wieder
aufgenommen.
Gerlinde lächelte beseligt, denn nun wußte sie, was es mit der
angeblichen Arbeit auf sich hatte und daß Eike nur darum ihrer
Einladung widerstand, weil er ebenso wie sie mit leidenschaftsvollen
Empfindungen rang, denen er nicht ungezügelten Lauf lassen wollte.
Melissa dagegen dachte in ihres Herzens Einfalt: Jetzt haben sie sich
zum ersten Male gezankt, und nun stolziert er in seinem Bücherkäfig
wie ein knurrender Löwe umher, muckt mit seiner Löwin und will in
seinem Ingrimm nicht einmal das Futter mit ihr teilen. Schadet nichts!
so'n kleiner Liebesstreit hat auch sein Gutes, und je bissiger er
war, je rührender und süßer ist danach die zärtliche Versöhnung. Wenn
es sich der Herr Graf nur noch ein paar Tage bei der hochwürdigsten
Äbtissin in Quedlinburg gefallen lassen wollte, damit sich die beiden
hier ungestört einander widmen können. Ich werde wachen, daß er sie
nicht einmal unvermutet überrascht; das wäre eine schöne Geschichte!
Während Melissa die Gräfin bei Tische versorgte und sah, wie trefflich
es ihrer lieben Herrin mundete, folgerte sie: Na, den Appetit hat ihr
des tapferen Ritters Halsstarrigkeit wenigstens nicht beeinträchtigt.
Ob ihm der kalte Wildschweinsrücken auch so schmeckt?
Eine Stunde blieb Gerlinde nach dem Abendessen noch auf und grübelte
fort und fort über Eikes Absage, die ihr nicht aus dem Sinn wollte.
Dann begab sie sich, zeitiger als es ihre Gewohnheit war, in ihr
fürstlich ausgestattetes Schlafgemach, das außer ihr und Melissa
niemand betreten durfte, und ließ sich von der Jungfer entkleiden.
»Höre, wie der Wind braust!« sprach sie. »Ob ein Gewitter im Anzug ist?
mir ist so schwer in den Gliedern.«
Und noch schwerer im Herzen, dachte Melissa. Zur Antwort gab sie: »Ich
glaube nicht, Frau Gräfin, es ist nicht schwül draußen.«
»Doch, doch! mir klang es eben schon wie ferner Donner,« behauptete
Gerlinde. »Da wird der Graf eine üble Nacht haben.«
»Wird der gnädige Herr morgen heimkehren?« fragte Melissa.
»Ich hoffe es, Melissa, aber ich weiß es nicht,« erwiderte die Gräfin.
Darauf schwieg die Neugierige, und nachdem sie ihren letzten Dienst
getan und die Herrin zu Bett gebracht hatte, löschte sie das Licht und
entschwand geräuschlos. Draußen sagte sie sich: »Ich hoffe es, -- das
soll so viel heißen wie: er wird doch nicht?!«
Auch Eike war, nachdem er den Imbiß kaum zur Hälfte verzehrt hatte, die
Einsamkeit heute schier unerträglich, und doch war er zufrieden mit
sich, daß er sich das Opfer auferlegt hatte und in seinem Entschlusse,
das abendliche Zusammensein mit Gerlinde zu vermeiden, fest geblieben
war. Die späte Stunde, die lautlose Stille in der Burg, das Halbdunkel
in den lauschigen Winkeln des Saales mit den zum Kosen einladenden
Sitzen, -- in dem allen lauerten Gefahren, denen er sich und die
Geliebte nicht aussetzen wollte.
Was nun anfangen mit der heißen Sehnsucht im Herzen? Natürlich
arbeiten! Aber wenn er einmal sinnend und suchend aufschaute, die
geschickteste Wendung zu finden für das, was er niederschreiben wollte,
würde ihm Gerlindes verlockende Gestalt erscheinen, die da drüben so
einsam saß wie er hier. Er bedurfte eines äußeren Zwanges, der ihm die
Pfade seines Denkens gebieterisch vorzeichnete.
Da kam ihm ein aus der Verlegenheit helfender, guter Gedanke, --
Wilfred mußte heran! Dem wollte er einen Teil von dem in die Feder
diktieren, was er heute nachmittag nur flüchtig auf das Papier
geworfen hatte. Dabei mußte er seine ganze Aufmerksamkeit auf den zu
behandelnden Stoff lenken und durfte sich durch nichts beirren lassen.
Er wußte, daß Wilfred jetzt in der Dirnitz war und dort das versammelte
Burggesinde mit seinen Schnurren und Schwänken unterhielt. Seiner
habhaft werden konnte er aber nur, wenn er ihn sich selber herausholte,
denn einen Boten hatte er nicht zu versenden. Ohne Säumen machte er
sich auf, doch ein glücklicher Zufall führte ihm schon auf der Treppe
den Knecht in den Weg, der sein hier im Geschirrbau eingestelltes Pferd
wartete und es auch, weil Eike dazu keine Zeit hatte, täglich bewegte,
damit es vom Stehen nicht steif und vom gräflichen Hafer nicht zu fett
wurde.
»Sibold,« sprach er ihn an, »geh in die Dirnitz und schicke mir den
Wilfred, ich hätte eilige Arbeit für ihn, er sollte gleich kommen.«
»Den Fred meint Ihr?« fragte der Knecht. »Ja, Herr, der wird da schwer
loszukriegen sein, aber ich schaffe ihn Euch, und wenn ich ihn an
Händen und Füßen gebunden bringen müßte.«
»Dann schnür' ihm die Hände nicht zu fest,« erwiderte lachend Eike,
»denn er soll noch schreiben bei mir, viel schreiben.«
Darauf machten sie beide Kehrt auf der Treppe. Eike stieg wieder zu
seinem Zimmer empor, und der Knecht trollte sich nach der Dirnitz.
Als Sibold hier dem Lustigsten im ganzen Kreise, der sich einer so
haarsträubenden Zumutung, jetzt, bei nachtschlafender Zeit noch
schreiben zu sollen, nicht im entferntesten gewärtigte, den Befehl des
Ritters vor aller Ohren laut verkündete, saß Wilfred vor Schreck starr
und versteinert da, während sämtliche Anwesenden in ein schallendes
Gelächter ausbrachen und den giftig Dreinschauenden mit dem foppenden
Singsang anjohlten: »Schreib, Schreiberlein, schreib! schreiben ist
Zeitvertreib.« Nur Melissa beteiligte sich nicht an dem Spotte, sondern
schenkte ihrem Günstling einen mitleidvollen Blick.
Ingrimmig erhob sich der Gehänselte und stapfte zu der Folterkammer
hinauf, wie er Eikes Arbeitszimmer nannte, wenn er darin sitzen und
schreiben mußte.
Diesmal mußte er bis tief in die Nacht hinein aushalten, ehe der
erbarmungslose Gesetzgeber beim Schluß eines größeren Abschnittes
mit dem Diktieren endlich Schicht machte und seinen erbosten
Gehilfen entließ, der oben in seinem Turmlosier stöhnte: »O Jammer
und Elend! was wird mein liebes Füchslein sagen, wenn ich ihm diese
Niederträchtigkeit erzähle!«
Eike ging dann auch zur Ruhe und dachte, sich abgespannt die Stirne
streichend: Der Abend wäre also überstanden; hättest ihn angenehmer
verleben können.
[Illustration: Eike diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen
Wilfred die andere Hälfte.]
Am Morgen wurde die Schreibarbeit beizeiten wieder aufgenommen. Eike
diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen Wilfred die andere
Hälfte des nur in vorläufigen Aufzeichnungen Niedergelegten, und das
währte bis gegen Mittag, wo der schmetternde Hornruf des Türmers die
Ankunft des Burgherrn meldete. Eike, um ihn zu empfangen, eilte aus dem
Gemach, womit sich auch Wilfred als beurlaubt betrachtete, demgemäß er
schleunig entwischte.
Mit beklommener Brust schritt Eike die Treppe hinunter, da er jetzt
dem gegenüber treten sollte, mit dessen Gattin er das verhängnisvolle
Erlebnis am Heidenquell gehabt hatte. Denn obschon dies nicht von ihm
herbeigeführt war, fühlte er sich mit seiner verbotenen Liebe doch
nicht frei von Schuld.
Graf Hoyer rief ihm schon vom Sattel aus zu: »Horrido, Eike! da bin ich
wieder.«
Dann stieg er vom Pferde, und sie schüttelten sich die Hände. »Die
Sache hat länger gedauert als ich dachte, habe einen harten Strauß
mit durchfechten müssen,« begann der Graf und fügte gleich die Frage
hinzu: »Was hast du denn neulich auf der Pirsch geschossen?«
»Ich war nicht auf der Pirsch,« erwiderte Eike.
»Nicht? aber du hattest doch, als ich mich hier von dir verabschiedete,
die Armbrust auf dem Rücken, wie mir däuchte.«
»Nein, Herr Graf! da habt Ihr Euch getäuscht; ich wollte nur Luft
schöpfen.«
»Aha! Luft schöpfen, na ja! hast's auch nötig, siehst blaß genug
aus von dem ewigen Stubenhocken und Gesetzemachen,« schalt der Graf
freundschaftlich. »Wann wirst du denn dein Weidmannsheil endlich hier
versuchen? Die Jagdhütte da oben ist längst fertig und harrt immer noch
ihres ersten nächtlichen Einliegers. Du solltest sie einweihen, dann
würde ich sie auf deinen Namen taufen. Eike von Repgow-Hütte, klingt
das nicht hübsch?«
»Wenigstens mir sehr schmeichelhaft, Herr Graf,« versetzte Eike. »Aber
es wäre eine unverdiente Ehre, denn ich habe keine Zeit zum Pirschen.«
»Keine Zeit! nächstens werde ich dem Herrn Rechtsgelehrten einmal eine
Vorlesung über das Gastrecht halten, ich meine, über die Rechte, die
dir als Gast hier zustehen, auch auf der Wildbahn, Eike! denn Pflichten
hast du auf dem Falkenstein nicht, wie du weißt.«
Unter diesem Gespräch, zu dem das bei weitem meiste der Graf
beigetragen hatte, waren sie die Treppe hinaufgekommen und trennten
sich oben, der Graf mit den Worten: »Ich will erst meine Frau begrüßen
und mir's dann ein wenig bequem machen; bei Tische werde ich euch
berichten, was ich in Quedlinburg zu schaffen hatte.«
In seinem Zimmer sagte sich Eike: Ȇber das Gastrecht will er mich
belehren, und ich hätte hier keine Pflichten. Hab' ich nicht schon
beides verletzt, als ich Gerlinde in meinen Armen hielt? Ich konnte ihm
nichts darauf antworten, und wie wird +sie+ damit fertig werden ihm
gegenüber?«