Herberge in Stadt oder Dorf oder an offener Landstraße mit seiner
Einkehr tags oder nachts beehrt, hat sich der Wirt mit abgenommener
Kopfbedeckung dem fürnehmen Gaste ~devotissime~ zu nähern und ihn
nach seinen Befehlen zu fragen. Jedwedem Wunsch und Wink des Herrn
nach Speis' und Trank hat der Wirt schleunig zu gehorchen und das
Beste aufzutischen, was er in Küche und Keller hat. Bei Berechnung der
Zeche darf er höchstens die Hälfte des Selbstkostenpreises erbitten,
und für den seltenen, aber doch möglichen Fall, daß der ritterliche
Herr ausnahmsweise kein Geld in seinem Säckel hat, soll der Wirt
die aufgelaufene Zeche ins Kerbholz schneiden oder in sein Büchlein
schreiben -- »Oder auch in den Schornstein,« flocht Dowald lachend ein
-- und soll sich bei der gnädigen Verabschiedung des Gastes mit tiefer
Verneigung für die ihm erwiesene große Ehre seines Besuches geziemend
bedanken.
Paragraph zwei. So ein edler, schildbürtiger Herr sich herabläßt, von
einem Bürger oder Bauer ein bares Darlehen zu nehmen, soll er von
jeglicher Zinszahlung frei sein, und niemals darf er von dem Verleiher
daran erinnert und an die Rückgabe des Geldes gemahnt werden. Auch
darf der Gläubiger von des Ritters liegender oder fahrender Habe, Haus
und Heim, von seinem Heergerät, Gewett und Gerade niemals irgend etwas
fordern oder pfänden lassen. Allsobald sieben Jahre und drei Tage nach
Abschluß des Leihgeschäftes ohne Rückzahlung des Betrages vergangen
sind, ist der Schuldschein für Leiher und Verleiher wie für ihre
beiderseitigen Erben verfallen, und damit ist die Sache für alle Zeiten
von Rechts wegen abgetan und erledigt.
»Genügt Euch das, Herr Ritter?« schloß Wilfred seinen Vortrag.
»Vollkommen! Du scheinst bei dem Reppechower in der Kunst des
Gesetzemachens etwas gelernt zu haben,« erwiderte Dowald. »Aber wird er
das alles so Wort für Wort in sein Buch aufnehmen?«
»Um das durchzusetzen müßt Ihr Euch hinter die Frau Gräfin stecken,«
sagte Wilfred. »Die vermag alles über den ihr jederzeit willfährigen
Ritter von Repgow und kann von ihm verlangen, was sie will.«
Bis hierher hatte Eike die ungeheuerlichen Verrücktheiten, die der
Ascharier schon bei seinem unwillkommenen Besuch hier in übermeßlichen
Wünschen zum besten gegeben hatte, regungslos mit angehört. Als aber
der unverschämte Schreiber es wagte, Gerlinde in so beleidigender
Weise bei der Durchführung der ihm von dem alten Abenteurer
eingetrichterten Maßregeln heranzuziehen, geriet er in kochende Wut,
sprang herzu, packte den Steinkrug, ihn dem nichtswürdigen Gesellen an
den Kopf zu werfen und -- erwachte aus seinem wüsten Traum. Er hatte
sich bei der heftigen Bewegung des Ausholens zum Wurfe mit der Hand an
den Bettpfosten gestoßen, und der ihm dadurch verursachte Schmerz hatte
ihn geweckt. --
Der Morgen graute, und so dunkel es noch in Eikes Schlafzimmer
war, wo er die darin befindlichen Gegenstände noch nicht mal recht
unterscheiden konnte, so düster und dunstig war es auch in seinem
Kopfe. Ob er überhaupt das alles in seinem Traume genau wörtlich
so gehört hatte, wie er es sich einbildete, oder ob die Erinnerung
an Dowalds damals geäußertes Verlangen nach einem so beschaffenen
ritterlichen Schenken- und Schuldenrecht dabei stark nachhalf, wußte er
selber nicht, dachte auch nicht weiter darüber nach.
Aber jetzt schon aufstehen? bewahre! Er hatte noch lange nicht
ausgeschlafen; das wollte er nachholen, und wenn auch die helle Sonne
ihn noch auf dem Pfühl bescheinen sollte. Seine von anstrengender
Arbeit überreizten Nerven bedurften der Schonung, und die wollte er
ihnen angedeihen lassen. Er reckte und streckte sich wohlig im Bette,
schloß die Augen, um von dem mit jeder Minute mehr eindringenden
Tageslichte nicht gestört zu werden und entschlummerte noch einmal.
Zwölftes Kapitel.
Früher als er gewollt war Eike auf den Beinen, und nicht der Burg
und Berg überflutende Sonnenschein war es, der ihn vom Lager lockte,
sondern die innere Unruhe, die ihm seit gestern im Blute gärte, hatte
ihn aufgerüttelt, daß es ihn nicht mehr im Bette litt. Ein strahlender
Morgen begrüßte ihn. Kaum halb bekleidet riß er ein Fenster auf und
sog mit durstigen Zügen die jetzt noch kühle Luft ein, die ihn wie
ein spülendes Bad erfrischte. Das Tal lag zum Teil noch im Schatten,
aber hier auf der Höhe flimmerte und funkelte es um die Stämme und im
Gebüsch wie züngelnde Flammen. Die Blätter in den Wipfeln der Bäume
wurden von einem leichten Winde bewegt und blinkten noch feucht vom
Tau, der ihrem spätsommerlichen Grün einen frühlingsartigen Glanz
verlieh.
Eike begab sich in sein schon ganz durchleuchtetes Arbeitszimmer
nebenan, und da, beim Anblick seiner vielen Schriftstücke auf dem
Tisch und im Büchergestell schüttelte er die dumpfen Träume der Nacht
vollends von sich ab. Die Träume, ja! aber leider nicht zugleich die
Gedanken und Zweifel, die ihn +vor+ den Träumen bedrängt hatten.
Es war doch immerhin möglich, daß ihn seine Wahrnehmungen täuschten.
Gerlindes Zerstreutheit beim Schachspiel und ihre überstürzte Flucht
konnten andere Ursachen haben als seine sie erregende und verwirrende
Nähe, und ihrem Liede konnte sie einen anderen, weit in die Ferne
gehenden Weg gewiesen haben als den zu ihm.
Was sollte er nun glauben und was nicht? Über Schein oder Wirklichkeit
von Gerlindes Liebe mußte er sich unter allen Umständen Gewißheit
verschaffen, und dazu mußte er wieder mit ihr zusammen sein, draußen
unter freiem Himmel auf versteckten Pfaden, wo kein Mensch sie sehen
und hören konnte.
Ihm fiel ein, daß sie ihn beim Schachspiel gefragt hatte, wann er
einmal wieder auf die Berge stiege. Den Wunsch, ihn dann begleiten zu
dürfen, hatte sie zwar nicht hinzugefügt, aber doch wohl im stillen
gehegt. Heute schon wollte er ihn ihr erfüllen, obgleich er dann wieder
kostbare Stunden verlor wie gestern, wo er den ganzen Vormittag müßig
im Walde umhergestrichen war. An arbeiten war ja doch nicht zu denken,
solange er von Zweifeln hin und her geworfen wurde wie ein steuerloses
Schiff auf sturmbewegtem Meere. Wie aber, wenn sich Gerlinde weigerte,
ihm in die Einsamkeit zu folgen? Nun, dann wußte er genug, dann
getraute sie sich nicht mehr, mit ihm allein zu sein, weil sie sich
vor ihm und wohl noch mehr vor sich selber, vor ihrer Schwachheit ihm
gegenüber fürchtete.
Als Melissa kam und ihm sein Frühstück brachte, erkundigte er sich nach
dem Befinden ihrer Herrin.
»Ich kann es nicht loben,« gestand Melissa mit bekümmerter Miene. »Die
Frau Gräfin sieht blaß und angegriffen aus wie nach einer schlaflosen
Nacht, was ich gar nicht an ihr kenne. Sie ist überhaupt seit einiger
Zeit anders als sonst, oft so schwermütig, als trüge sie ein heimliches
Leid mit sich herum.« Dabei blickte das kluge Mädchen Eike forschend
an, der wohl merkte, daß Melissa mehr wußte als sie sagen wollte.
»So! schlecht geschlafen,« sprach er, keineswegs überrascht von dieser
Kunde. »Nun, da würde ihr eine kleine Wanderung durch den Wald gewiß
gut tun. Bestelle ihr doch, ich ginge heute wieder auf die Berge, ob
die Frau Gräfin mich begleiten wollte und ich sie dazu abholen dürfte.
Und bringe mir Bescheid, Melissa!«
»Sofort, Herr!« erwiderte die gefällige Zofe, sichtlich froh über die
ihr aufgetragene Botschaft, mit der sie leichtfüßig entschlüpfte.
Eike setzte sich zu seinem Morgenimbiß, ohne darauf zu achten, was
und wie viel oder wie wenig er davon genoß, denn er war in zu großer
Spannung, was Gerlinde beschließen würde.
Bald kehrte Melissa zurück und meldete: »Die Frau Gräfin ist sehr
erfreut über den Vorschlag und erwartet den Herrn Ritter nach beendetem
Frühmahl oder zu jeder ihm beliebigen Stunde.«
»Gut! ich werde sie nicht lange warten lassen,« versprach er. --
In mindestens ebenso großer Erregung wie Eike befand sich Gerlinde
nach Empfang seines Vorschlages, mit ihm auf die Berge zu steigen.
Sie verhehlte sich nicht, daß sie sich ihm gegenüber auf dem Altan
vergessen hatte, und sorgte, daß er sie durchschaut und ihren
Gemütszustand richtig erkannt haben könnte. Zu welchem Zwecke wollte
er sie nun sprechen? Entweder um sie als strenger Sittenrichter in die
gebührlichen Schranken ihrer Pflicht zurückzuweisen oder, wenn das
Herz auch ihm voll war von dem, was das ihrige erfüllte, um ihr das
zu sagen und ihr seine Liebe zu gestehen. O Glück ohne Grenzen, wenn
er das täte! Wenn er es nun aber nicht tat, sondern schwieg? -- Mochte
er kommen! sie wollte ihn, wenn er nicht freiwillig beichtete, auf die
Probe stellen, um zu erfahren, ob es heiß oder kalt in ihm war, und sie
wußte auch schon, wo und wie sie das machen wollte.
Und Eike kam.
»Ein guter Gedanke, Herr von Repgow, mich auf Euren Waldgang
mitzunehmen!« Mit diesen Worten empfing ihn Gerlinde in der heitersten
Weise und bot ihm die Hand, als er eintrat, aber das Herz klopfte ihr
bei dem Wiedersehen nach dem gestrigen Abend.
»Ich konnte den Verführungskünsten dieses herrlichen Morgens nicht
widerstehen und wollte auch Euch gern zu seinem vollen Genuß im Freien
verhelfen,« erklärte er.
»Aber hat Euch denn Euer Studium Urlaub gegeben, Euch mir zu widmen,
der Ihr doch so haushälterisch mit Eurer Zeit umgeht?« fragte sie.
»Gerade zu meinem Studium finde ich da draußen die beste Kraft,«
erwiderte er.
»Ja, wenn Ihr allein geht und sinnt und grübelt; bei mir werdet Ihr
schwerlich Begeisterung dafür suchen.«
»Da seid Ihr im Irrtum, Frau Gräfin,« widersprach er. »Auch bei Euch
suche ich sie und verdanke Euch manche Stunde fördersamer Anregung.«
»Also helfe ich Euch doch ein wenig bei der Arbeit, auch ohne Euer
Verlangen danach,« lächelte sie.
»Willkommen sind mir Eure Einwürfe stets, denn sie schärfen mir die
Klarheit des Denkens,« versetzte er.
Mit so vorläufigen, ihre wahre Absicht verhüllenden Reden trachteten
beide, über die Verlegenheit der ersten Minuten hinwegzukommen, konnten
jedoch ihrer Befangenheit noch nicht ganz Herr werden, und schon als
sie die Treppe hinab und über den Burghof schritten, war das Gespräch
verstummt. Gerlinde aber war froh, daß Eike nicht gefragt hatte, warum
sie vor Beendigung des Schachspieles plötzlich aufgesprungen und
davongelaufen war.
Eine kurze Strecke hielten sie sich auf dem Fußsteig zu Tale; dann bog
die Gräfin links ab in den dichten Wald hinein, wo es keinen Weg mehr
gab. Eike folgte ihr, und sie erwartete nun, daß er beginnen würde,
ihre Gefühle zu dämpfen oder ihr die seinigen, gleichgearteten zu
offenbaren. Er machte aber keine Anstalten dazu, weder zu dem einen
noch zu dem andern. Weshalb zaudert er wohl? dachte Gerlinde.
Sie wollte ihm zu Hilfe kommen, ihn anregen, ihn in eine gehobene
Stimmung versetzen.
Auf einer kleinen Lichtung blieb sie stehen, schaute zu den Bäumen
empor und sprach: »Wann ist der deutsche Wald am schönsten? Im
Frühling, wenn die Knospen brechen und ihre zarten Fähnlein entfalten,
alles blüht und duftet und schmetternde Stimmen aus hundert Vogelkehlen
erschallen? Im Sommer, wenn alle diese mächtigen Kronen voll belaubt
sind und es in ihnen schwingt und wogt, flüstert und rauscht? Oder was
meint Ihr zum Herbste, wenn der Wald von Sturmesodem durchfaucht, sich
schüttelt und braust und wieder, von Sonnenschein überflossen, in allen
Farben, in Grün und Gold, in Purpur und Violett schillert und prunkt?
Und habt Ihr ihn schon einmal im tiefen Winter gesehen in seinem
starren, überwältigenden Todesschweigen, wenn die Tannen wie Gespenster
in weißen Mänteln stehen und ihre Zweige sich senken unter der Last des
Schnees, der glimmert und glitzert wie mit Diamantsplittern übersät?«
Eike blickte sie erstaunt an und sagte lächelnd: »Ihr seid eine
Dichterin, Gräfin Gerlinde!«
»Eine Dichterin! habt Ihr kein anderes Empfinden dafür als
achselzuckenden Spott, nüchterner Schriftgelehrter?« ereiferte sie
sich. »Ist es nicht ein unermeßliches Wunder, dieses durch die
Jahrtausende sich gleichbleibende Blühen und Welken und wieder
Erblühen? Es geschieht auch nach Gesetzen, aber nach unwandelbaren,
ewigen, nicht nach solchen, wie die eurer Doktorenzunft, an denen
beständig herumgeflickt und gebastelt wird und die, was gestern noch
als Recht galt, morgen zum Unrecht stempeln.«
»Weil die Natur selber in ihrem Werden und Wirken unwandelbar ist,
müssen es auch ihre Gesetze sein,« entgegnete er. »Und weil die
Menschheit sich in einem unaufhaltsamen sittlichen und wirtschaftlichen
Fortschritt bewegt, müssen auch menschliches Recht und Gesetz stetig
fortschreiten und in lebendigem Flusse bleiben. Begreift Ihr das?«
Nun sah Gerlinde ihn verdutzt an, und wie verletzt von seiner Frage
erwiderte sie fast unmutig: »Ja! so dumm bin ich nicht, das nicht zu
verstehen.«
»Ist auch schon ein Fortschritt,« lachte er.
»Wollt Ihr dann nicht auch gleich ein neues Gesetz dafür machen?«
»O ich wüßte schon eines.«
»Nun?«
»Wenn eine Frau einen Mann gut und recht versteht, so soll sie ihm
ihr Herz erschließen und ihm in allen Dingen Glauben und Vertrauen
schenken.«
Da hatte sie's!
Das also war es, was er von ihr wollte; sie sollte ihm rückhaltlos ihr
Innerstes eröffnen. Dazu trieb es sie ja längst mit einem kaum noch zu
bändigenden Drange, aber erst dann wollte sie es tun, wenn sie über
+ihn+ im Reinen war und er sich +ihr+ erschlossen hatte. Nur Zug um Zug
konnte das geschehen.
Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, was sie ihm antworten sollte, ging
sie schnell weiter und eilte auf einen Trupp blaßroten Wegerich zu,
der abseiten im Gebüsch stand und von dessen wohlriechenden Blüten sie
wählerisch einige pflückte.
Eike blieb nicht zurück und war bald wieder an ihrer Seite. Da knüpfte
sie den abgerissenen Faden an: »Ich glaube und vertraue Euch, Eike von
Repgow! und wenn ich von Gesetzen sprach, die immer wieder geändert
werden müßten und im Handumdrehen aus Recht Unrecht machten, so bezog
sich das nicht auf die Gesetze, die +Ihr+ schreibt, denn ich habe eine
sehr hohe Meinung von Eurem Werke. Ihr habt mit Eurer Arbeit etwas
in mein Leben getragen, an das ich bisher nie gedacht habe und das
mir nie wieder verloren gehen kann. Immer deutlicher erkenne ich die
Kühnheit und Großartigkeit Eures Planes, eine allgemeine Rechtseinheit
herzustellen, und vor allem bewundere ich Eure hingebende Liebe zu
Eurer Heimat und Eurem Volke, die wie ein breiter, wellenschlagender
Strom, Fruchtkeime und Goldkörner mit sich führend, durch Euer
hochherziges Schaffen fließt. Über manche Einzelheiten werden wir uns
nie verständigen, aber ich achte Eure Anschauungen über göttliche und
menschliche Dinge, weil sie auf Überzeugung beruhen. So ist es doch
Euer Gesetzbuch, was uns einander nahe gebracht hat und uns niemals
voneinander scheiden soll.«
»Gräfin Gerlinde! Dank für diese Worte!« rief er, ihre Hand zu festem
Druck erfassend. »O könntet Ihr ermessen, wie unaussprechlich glücklich
Ihr mich damit macht! Ihr und Kaiser Friedrich seid die zwei, die mich
fort und fort auf dem Wege meiner Gedanken begleiten.«
»Was soll der Kaiser dabei?« fragte sie mit leicht gekräuselter Stirn.
»Er hat mir gestern einen Gruß gesandt. Verzeiht,« unterbrach er sich,
»das ist nicht wörtlich zu nehmen. Als ich gestern morgen da drüben
auf dem Berge war, verstimmt, bedrückt, zweifelnd an meiner Kraft zur
Vollendung des Werkes, da kam von Süden her ein Adler geflogen und zog
seine Kreise in den Lüften gerade über meinem Haupte wie mich schirmend
und begnadend mit seinen mächtig gebreiteten Schwingen. Der Flug des
königlichen Vogels war mir wie ein Zeichen, eine Botschaft des Kaisers
aus Italien, daß ich nicht verzagen sollte. Da faßte ich wieder Mut,
und als ich heimkam, war ich getrost und sicher, das vollbringen zu
können, was ich begonnen, und jetzt habe ich auch Euren Segen dazu. Nun
fliegt meine Hoffnung hoch, höher als der Adler, bis zu den Sternen
empor.«
Als ihn Gerlinde so voll Begeisterung und Freude sah, trieb es sie, ihm
eine Frage vorzulegen, die sie in der Unsicherheit ihrer Beziehungen zu
Eike Tag und Nacht beschäftigte.
»Sagt mir,« begann sie, »Ihr, die Ihr alle menschlichen Rechte kennt,
darüber viel nachgedacht habt und für alt und jung, für reich und arm
Gesetze schafft, sagt mir: welches Recht ist größer und stärker, das
Recht der Vernunft oder das des Herzens? habt Ihr ein Gesetz, das in
dem Streite zwischen Pflicht und Neigung unfehlbar entscheidet?«
Da merkte Eike, daß Gerlinde selber mitten in dem Kampfe zwischen
Pflicht und Neigung stand, wollte es jedoch ihr allein überlassen, ihn
durchzufechten, um an der Weise, wie sie dies tun würde, den Grad ihrer
Liebe zu bemessen, an der er nun nicht mehr zweifelte.
»Gerlinde,« sprach er, »es gibt Dinge im menschlichen Leben, die sich
durch Recht und Gesetz nicht regeln lassen. Ein fein empfindendes
und tapferes Herz trifft, vor eine schwere Wahl gestellt, auch ohne
gesetzlichen Zwang das Richtige.«
Mit dieser kurzen Antwort, die weder ein Urteil noch einen Rat
enthielt, mußte sich Gerlinde wohl oder übel begnügen, und sie
wanderten eine Weile stumm nebeneinander dahin, wobei es Eike so
schien, als ob Gerlinde jetzt noch entschlossener und schneller
vorwärts schritte. Als sie aber immer tiefer in die pfadlose Wildnis
gerieten, fragte er: »Findet Ihr Euch hier im Walde überall zurecht?«
»Eine Stunde im Umkreise der Burg wohl, darüber hinaus jedoch nicht,«
erwiderte sie. »Hier führe ich Euch einen verbotenen Weg.«
»Ich sehe keinen,« versetzte er.
»Ist auch nicht nötig, wenn ich ihn nur weiß zu dem, was ich Euch
zeigen will. Also folgt mir oder bleibt mir zur Seite.«
Er fügte sich ihrem Willen, und bald kamen sie zu einer
dunkelschattigen, schier grausigen Schlucht, in der ein murmelndes
Bächlein zu Tale rann. Diese mußten sie durchschreiten, aber
abschüssiges, zerklüftetes Gestein und sperriges Gestrüpp erschwerten
den Übergang, und Eike bot seiner unerschrockenen Gefährtin jede
mögliche Hilfe. Ihn durchschauerte es wonnig, wie sie sich bei der
Kletterei auf seine Schulter stützte, sich an ihn schmiegte, während
sie mit der freien Hand das Kleid raffte, so daß er die schmalen Füße
sah, wie sie achtsam sicheren Halt für jeden ihrer Tritte suchte.
Auf der anderen Seite der Schlucht mußten sie nun wieder hinauf, aber
das wurde ihnen leichter als bergab, und drüben hatten sie nicht viel
mehr zu steigen.
Ungetüme Eichen und Buchen reckten ihre Riesenstämme und ihre
gewaltigen Äste in die Höhe und Breite, üppig wucherndes Farrenkraut,
mannigfaltige Sträucher und Stauden mit Blüten und Früchten, Pilze
mit roten und gelben Hüten wuchsen da und eine Menge in allen Farben
schillernder Blumen. Vom Himmel war wenig zu sehen, so dicht verzweigte
sich das Laub der Baumkronen, durch dessen dunkelgrüne Schatten Vögel
schwirrten, auch wohl einmal ein Eichhörnchen sprang oder ein Marder
huschte. Unten am Boden raschelte kleineres Getier durch knorriges
Wurzelgeflecht und niederes Gekräutig dahin und daher. Es war ringsum
eine lebensvolle, kraft- und saftstrotzende, ganz märchenhafte
Waldeinsamkeit, deren sinnbestrickendem Bann sich die zwei Menschen
wortlos hingaben.
Endlich gelangten sie zu dem von der Gräfin erstrebten Ziel. Es war
die aus einem Klippenspalt hervorrieselnde, kristallklare Quelle des
Bächleins, das seinen geschlängelten Lauf durch die düstere Schlucht
nahm. Sie war beckenartig von einem niedrigen, grünbemoosten, stark
zerfallenen Gemäuer eingefaßt, von dem hie und da wie durch gewaltsame
Zerstörung verstreute Trümmer umherlagen. Über dem Sprudel, nur ein
wenig seitwärts von der Klippe, erhob sich der halbmannshohe Rest
eines vierkantig aus einem Stück gehauenen Denksteins, auf dem noch die
verwitterten Spuren einer eingemeißelten Runenschrift erkennbar waren.
Mit Staunen betrachtete Eike diesen verborgenen Schauplatz einer fernen
Vergangenheit.
»Nun will ich Euch künden, wohin ich Euch geführt habe,« hub Gerlinde
schwer atmend an. »Dies hier nennt man den Heidenquell, denn es war
einst ein der heidnischen Göttin Holda geweihtes Heiligtum, dessen
Besuch und Anbetung die hierher entsandten Männer mit Kreuz und
Skapulier unter Androhung furchtbarer Höllenstrafen verboten und
verfluchten. Sein Wasser war wundertätig und ist es heute noch, wie
Großmutter Suffie in der Talmühle behauptet.«
»Und was für Wunder wirkt es? heilt es Krankheiten und Gebrechen?«
»Es macht Blinde sehend, wenn sie es in der richtigen Weise anwenden.
In alten Zeiten mußten sie dazu einen tiefsinnigen Beschwörungsspruch
raunen, den mir Suffie aber nicht mitteilen konnte,« sprach Gerlinde,
immer unruhiger und erregter werdend.
»Nun, wir beide sind ja, Gott sei Dank, nicht blind, brauchen also das
Wasser an uns nicht zu erproben,« lächelte er.
»Doch, Eike von Repgow, laßt es uns erproben!« bat sie inständig.
»Ja, ist es denn so wohlschmeckend oder vielleicht so
gesundheitstärkend, daß es sich eines Trunkes verlohnt? Ich trinke
alles, was +Ihr+ mir kredenzt; habt Ihr ein Becherlein in der Tasche?«
»Trinken wollen wir nicht; der Zauber vollzieht sich in anderer Art,«
erwiderte sie. »Taucht den Finger in die Quelle und benetzt mir die
Augen mit dem wundertätigen Naß; ich werde Euch den gleichen Dienst
erweisen. Dann werden wir sehend und können beide einer in des anderen
Herzen lesen.«
Er erschrak bei diesem seltsamen Begehren, das ihm die Augen auch ohne
Benetzung zu einem Einblick in ihr Herz vollends öffnete. »Ihr, eine
christgläubige Frau, wollt einem alten Heidenbrauche frönen?« hielt
er ihr vor, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, an dessen Wirkung
er zwar nicht glaubte, das ihn aber zwang, zu sagen, was er gern
verschwiegen hätte.
Es half ihm nichts. Mit den Worten: »Nicht in dem heidnischen Brauch,
in dem Wasser selber steckt die geheimnisvolle Kraft, von Gott
hineingelegt,« schritt sie dem Rande des Beckens zu.
[Illustration: »Halt, Gräfin! Dieses Orakel versuche ich nicht,«
erklärte er.]
Da vertrat er ihr den Weg. »Halt, Gräfin! dieses Orakel versuche ich
nicht,« erklärte er.
»Warum nicht? wollt Ihr nicht wissend +werden+, weil Ihr schon wissend
+seid+?« fragte sie mit vor Freude erglühendem Antlitz.
»Ich +bin+ wissend, Gerlinde!« sprach er ernst, »und ich weiß auch den
Beschwörungsspruch, der uns beiden einzig frommt. Er lautet: entsagen
und schweigen!«
Bis ins Mark getroffen starrte sie ihn an. Sie hatte verstanden.
Tränen rollten ihr über die Wangen und schluchzend sank sie ihm an die
Brust. --
Lange, lange hielt er sie fest umschlungen, bis sie ruhiger wurde und
sich sanft von ihm löste.
»Komm!« mahnte er, »das Wunder ist geschehen, unsere Herzen haben sich
erschlossen, wie der Born dort aus dem Felsgestein bricht, aber kein
Quellenzauber befreit uns von dem Leid, das wir, du und ich, durch
unser Leben tragen müssen.«
»Wir werden es tragen, Eike, da wir nun beide selig, ach nein! unselig
wissend sind. ~Ego sum tu et es ego~,« sprach sie gefaßt und ergriff
seine Hand, die sie leise drückte.
Schweigend traten sie den Rückweg zur Burg an, doch nach zehn Schritten
wandte sich Gerlinde um und blickte noch einmal nach der Stelle hin, wo
sie in selbstvergessener Umarmung einander gefunden hatten.
Dreizehntes Kapitel.