eingetreten, ihres Dienstes zu walten.
Es war nicht das erste Mal, daß die beiden allein miteinander speisten,
aber heute geschah es unter veränderten Umständen. Eike war im Besitz
eines Geheimnisses seiner Tischgenossin, wußte, daß sie von einer
ungestillten Sehnsucht erfüllt war, und konnte der Versuchung nicht
widerstehen, zu ermitteln, wer und wes Art derjenige war, dem diese
Sehnsucht galt.
Unauffällig lenkte er das Gespräch auf geselligen Verkehr im
allgemeinen und fragte dann so nebenbei, mit welchen schildbürtigen
Herren und Damen sie und ihr Gemahl hier Umgang pflegten, Gerlinde
erteilte ihm mit vollkommenem Gleichmut Auskunft, nannte einige
gräfliche Häuser und andere in der Umgegend ansässige Adelsgeschlechter
und schilderte ihm auch einzelne Angehörige dieser Familien ohne
sich für einen im geringsten zu erwärmen. Eike fand also mit diesem
ausgestreckten Fühler keinen Stützpunkt, von wo aus er dem von Gerlinde
Begünstigten hätte auf die Spur kommen können, und gab es auf, weiter
danach zu kundschaften, sich damit vertröstend, daß ihn vielleicht der
Zufall einmal auf die richtige Fährte brächte.
Gräfin Gerlinde machte bei Tische die aufmerksame Wirtin, ermunterte
Eike in Vertretung ihres Gatten zum Trinken, sprang in der Unterhaltung
von einem Gegenstand zum andern, fühlte dem Gaste auf den Zahn, ob
er dies und jenes wüßte und wie er über das eine oder das andere
dächte, und disputierte mit ihm nach Herzenslust. Plötzlich fing
sie an lateinisch zu sprechen. Sie wollte nicht etwa Eike gegenüber
damit prahlen, sagte auch nichts, was die ab- und zugehende Melissa
nicht hören durfte, sondern tat es lediglich in einem heiteren
Sichgehenlassen.
Eike blickte sie höchst verwundert an, worauf sie mit ihrem
berückendsten Schelmenlächeln fragte: »~Quidnam stuperes tu sophista?~«
Er antwortete: »~Admiror te dominam doctissimam dulce ridentem dulce
loquentem latine.~«
»Das ist kein Wunder,« belehrte sie ihn auf lateinisch. »In Franken,
Bayern und Schwaben sprechen alle ritterlichen Frauen und Fräulein
Latein, wenn auch gewiß nicht ein tadellos ciceronianisches.«
Sie fuhren nun auch fort, Latein zu reden, das ihnen beiden geläufig
von den Lippen floß.
Melissa, die natürlich kein Wort verstand, machte ein ganz
verschmitztes Gesicht dazu und nahm sich vor, niemand in der Burg etwas
davon zu sagen, auch Wilfred nicht, dachte sich aber ihr Teil dabei und
gönnte ihrer lieben Herrin das, was sie sich dachte.
Während des Mahles zog Gerlinde eine Blume aus dem Strauße und steckte
sie sich an die Brust. »Wißt Ihr, wie sie heißt?« fragte sie, jetzt
wieder auf deutsch. »Glockenblume nennt man sie.«
»Ich kenne sie wohl,« erwiderte Eike, »und habe sie gern ihrer schönen,
blauen Farbe und ihres zarten, schlanken Wuchses wegen. Ihr Name ist
sehr bezeichnend für die Form der Blüten; wenn ein Lufthauch sie
bewegt, gleichen sie wirklich schwingenden Glocken, nur daß sie leider
stumm sind. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »man hört manchmal
Glockenläuten und weiß nicht, von wannen es tönt.«
Gerlinde erschrak. Sollte das eine Anspielung sein? Hatte er doch ihr
Lied erlauscht und möchte nun wissen, woher, welchem Herzenserlebnis
entstammend die Klage der Sehnsucht kam und wohin, zu wem sie ging?
Aber dem, was er ihr von seinem Horchen an ihrer Tür gesagt hatte, daß
es mäuschenstill in ihrem Gemach gewesen wäre, mußte sie doch Glauben
schenken, und seine ihr verfänglich klingenden Worte hatten auch wohl
gar keine Anspielung sein sollen. Nach kurzem Sinnen sprach sie: »Die
Glocken läuten den Lebendigen und den Toten. Die Toten hören sie nicht
mehr, und unter den Lebenden dringt ihre Stimme nur den Gläubigen ins
Gemüt.«
»Und Euch, Ritter, zähle ich nicht zu den Gläubigen. Nicht wahr,
Frau Gräfin? so würde der Schluß Eures Satzes lauten, wenn Ihr ihn
aussprechen wolltet,« fiel Eike lachend ein.
Da mußte sie mitlachen und sagte: »Wie gut Ihr doch raten könnt, Herr
Ritter von Repgow!«
Mit dem von Eike im rechten Augenblick herangezogenen Scherze über
seine ihm von der Gräfin schon öfter vorgeworfene Ungläubigkeit war der
kleine Zwischenfall erledigt, worüber er selber froh war, denn er hatte
ihn unvorsichtigerweise herbeigeführt. Die ihm achtlos entschlüpfte
Äußerung war in der Tat eine, wenn auch ungewollte, Anspielung auf
das zufällig vernommene Lied gewesen, die er sofort bereute, als er
Gerlindes Erschrecken darüber bemerkte. Diese schien sich indessen
beruhigt zu haben ohne zu argwöhnen, daß er ihr mit der Versicherung
lautloser Stille in ihrem Gemach nicht die Wahrheit gesagt hatte. Um
auch die letzte Spur des peinlichen Gefühls, ihm singend ihr Inneres
enthüllt zu haben, in ihr auszulöschen, fing er nun seinerseits an,
wieder lateinisch mit ihr zu reden, weil sie dabei schärfer aufpassen
mußte und sich nicht von Nebengedanken abziehen lassen durfte.
Sie ging mit Vergnügen darauf ein, zumal sie selten Gelegenheit
hatte, sich im Gebrauch der von ihr treulich gepflegten altrömischen
Weltsprache zu üben, der man sich hier im Sachsenlande nicht so häufig
bediente wie in Gerlindes fränkischer Heimat.
Das hatte sie ihm vorhin schon gesagt, als er sich über ihr
Lateinsprechen gewundert hatte, und hier knüpfte er nun an und bat sie,
ihm von ihrer Heimat, ihren Eltern und Geschwistern zu erzählen, doch
wieder in der Hoffnung, aus ihrer Jugendgeschichte vielleicht etwas zu
erfahren, was ihn über ihr Herzeleid einigermaßen aufklären konnte. Es
war jedoch nicht eitel Neugier, was ihn dazu bewog, vielmehr innige
Teilnahme für die ihm mit jedem Tage rätselhafter werdende Frau, die
in seiner Gesellschaft so sorglos und fröhlich war und sich in der
Einsamkeit einer, wie es schien, unbezwinglichen Schwermut ergab.
Gerlinde beschrieb ihm die väterliche Burg und deren Lage und
berichtete über ihr Jugendleben von Kindheit an bis zu ihrem Verlöbnis
mit dem Grafen von Falkenstein in aller Ausführlichkeit, aber ein
Ereignis, das möglicherweise auf ihre Zukunft hätte einwirken können,
oder die leiseste Hindeutung auf eine frühere, verstohlene Neigung von
ihr zu einem anderen kam dabei nicht heraus, und der Schleier, der über
ihrem Seelenzustande hing, war nach wie vor für Eike undurchdringlich.
Er hätte ihr so gern über ihre Trübsal hinweggeholfen, ihre Sehnsucht
mit ernsten, verständigen Gründen gedämpft und beschwichtigt, aber dann
hätte er ihr ja eingestehen müssen, daß und auf welche Weise er davon
Kenntnis erhalten hatte, und auf ihr sich ihm freiwillig erschließendes
Vertrauen hatte er keinen Anspruch. Hätte sie in seiner Gegenwart
einmal ein Zeichen von Niedergeschlagenheit gegeben, sei es mit einem
sich ihrer Brust entringenden Seufzer oder mit einem überquellenden,
schmerzbewegten Worte, so hätte er sie fragen können: was ist Euch? was
bedrückt Euch, Gräfin Gerlinde? Aber nichts dergleichen geschah, sie
hatte sich mit straffer Selbstbeherrschung in der Gewalt, und ihm blieb
nichts übrig, als sie im stillen weiter zu beobachten und die nächste
Gelegenheit, wenn sie sich doch einmal vergaß, wahrzunehmen, um ihrem
jungen, verzweifelnden Herzen mit liebevoller Tröstung beizuspringen.
Das Mittagsmahl war längst beendet, und Eike erhob sich, um an seine
Arbeit zu gehen, von der ihn Gerlinde nicht zurückhalten wollte.
Als er sich von seiner liebenswürdigen, aber gegen alle
Aufklärungsversuche hartnäckig verschlossenen Wirtin bis zum Abend
verabschiedete, sagte sie: »Seid Ihr damit einverstanden, edler Ritter
und ungläubiger Rechtsgelehrter, daß wir unser Abendbrot heut auf dem
Altan einnehmen?«
»Mit Freuden, Frau Gräfin!« erwiderte er, »es ist ja Euer
Lieblingsplatz und darum auch der meinige.«
»Just darum?« sprach sie mit einem sehr freundlichen Blick. »So kommt
nicht zu spät; ich zähle die Stunden und von der letzten die Minuten,
bis Ihr erscheint. Könnt Ihr Schachzabel spielen?«
»O ja, aber nur mangelhaft.«
»Desto besser für mich! dann schlage ich Euch, besiege Euch,
triumphiere über Euch, und für jedes verlorene Spiel müßt Ihr mir Buße
zahlen, Wedde nennt Ihr's ja wohl in Eurer vertrackten Rechtssprache.«
»Jawohl, das ist ungefähr dasselbe. Aber worin soll die Wedde
bestehen?« fragte er nicht ohne einige Spannung auf die Antwort.
»Das wartet in Demut ab,« lachte sie. »Heut abend spielen wir Schach;
jetzt macht, daß Ihr fortkommt!«
Eike ging. Draußen schüttelte er den Kopf und dachte: Wunderschön ist
sie, grundgescheit ist sie, kann seelenvergnügt sein, und heimlich
verzehrt sie sich in Gram und glühender Sehnsucht. Da werde ein Mensch
klug draus! --
Diesmal brauchte ihn Melissa nicht zu rufen. Eike fand sich sehr
frühzeitig auf dem Altan ein, wo die Gräfin seiner schon harrte und ihn
freudig mit den Worten empfing: »Mehr als pünktlich!«
»Ich wollte Euch beim Zählen der Minuten ein Viertelhundert ersparen,«
scherzte er. »Zählen ist ein langweiliger Zeitvertreib.«
»Und bei einem Stelldichein warten müssen ist eine Geduldprobe, die die
gute Laune verdirbt.«
»Habt Ihr Erfahrung darin?« lächelte er.
»Ei nun, warum sollte ich nicht?« meinte sie neckisch.
Es war alles bereit und sie setzten sich. Der einfache Imbiß war
schnell verzehrt, denn sie aßen beide wenig und sprachen auch wenig
dabei, als erwöge jeder schon seinen Angriffsplan für das bevorstehende
Turnier.
Als Melissa dann den Tisch abgeräumt hatte, brachte sie das große
Schachbrett mit den etwas massigen, aber kunstvoll geschnitzten
Elfenbeinfiguren geschleppt, und das Spiel konnte beginnen.
Nachdem sie gelost hatten, zog Gerlinde mit Weiß an und zeigte sich
anfangs ihrem Gegner entschieden überlegen, obwohl er sich tapfer
verteidigte und sich nirgend eine Blöße gab. Aber das änderte sich.
Die Gräfin ließ bald in der nötigen Aufmerksamkeit nach, spielte immer
langsamer und beging Fehler, auf die Eike sofort großmütig hinwies,
statt sie ungerügt zu seinem Vorteil auszunutzen. Das ärgerte die
Gräfin; sie wollte nicht von ihm geschont sein, aber vorsichtiger wurde
sie deshalb doch nicht.
Als sie wieder einmal über die Maßen zögerte, ehe sie eine Figur
anrührte, und er sich auf einen besonders schlauen Zug von ihr gefaßt
machte, überraschte sie ihn statt dessen mit der Frage: »Wie lange ist
es her, daß Ihr in Bologna waret?«
Mitten im Spiel schweifte sie ab auf ein so fernliegendes Gebiet! Kurz
gemessen lautete sein Bescheid: »Fünf Jahre sind es her, daß ich von
Bologna nach Cremona zum Kaiser Friedrich ritt und dann heimkehrte.«
»Gab es in Bologna viel schöne Frauen und Mädchen?« forschte sie weiter.
»Das festzustellen gehörte nicht zu meinem Studium. Nach Frauen und
Mädchen habe ich mich dort wenig umgesehen.«
»Wer Euch das glauben soll!« lachte sie. »Habt Ihr denn ein Herz von
Stein?«
»Das möchte ich nicht behaupten,« erwiderte Eike, den dieses ausholende
Verhör nachgerade belustigte. »Aber wenn auch,« fuhr er mutwillig fort,
»aus dem härtesten Stein kann man Funken schlagen.«
»Wirklich? kann Euer Herz Funken sprühen, lichterlohe Funken? Hat es
auch schon einmal Feuer gefangen?«
»Nein, es ist nicht leicht entzündbar.«
»Das --« weiß ich, wollte sie sagen, hielt aber an sich und sagte:
»Das lob' ich. Und dann die Rechtseinheit, das Sachsenrecht und die
fürchterlichen Gesetze! die nehmen es wohl völlig in Anspruch?«
»Nun ja!« entgegnete er, »auch der Gesetzgeber und Richter muß ein
Mensch sein, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und es bei der
Entscheidung jedes einzelnen Falles mitreden läßt. Übrigens, wollen wir
nicht weiter spielen? Ihr seid am Zuge.«
»Ich? ich bin am Zuge?« schrak sie auf, und ohne Besinnen zog sie.
»Aber Gräfin!« rief er, auf das Schachbrett zeigend, »seht doch hier!
soll ich Euch denn Euren Rochen wegstibitzen? Flugs schiebt den
Elefanten zur Seite, sonst wird er erbarmungslos abgeführt.«
Sie biß sich auf die Lippen, nahm den Zug zurück und tat einen andern,
der auch wieder falsch war und infolgedessen ihr Eike, diesmal ohne sie
zu warnen, einen Läufer raubte.
»O weh! wie dumm!« sagte sie. »Ihr seid mir über, ich unterliege.«
»Eure Schuld, nicht mein Verdienst.«
»Und aufrichtig seid Ihr auch,« lachte sie, »aber noch habt Ihr nicht
gewonnen.«
Sie war und blieb zerstreut, mit ihren Gedanken ganz wo anders, so daß
Eike ihrem König und mehrmals ihrer Königin Schach bieten konnte. Da
nahm sie sich zusammen, besser Acht zu geben, und der Kampf zwischen
den Schwarzen und den Weißen spann sich langsam weiter.
Bald aber fing sie von neuem an: »Wann werdet Ihr wieder einmal auf die
Berge steigen?«
»Wenn mir wieder einmal der Kopf brummt und ich nicht mehr aus und ein
weiß.«
»Laßt mich Euch helfen bei Eurer Arbeit!« Es klang so bittend.
Dankbar blickte er sie an, schüttelte aber lächelnd das Haupt und
sprach: »Unmöglich! das könnt Ihr nicht.«
»Stolzer Mann, Ihr denkt zu gering von mir,« schmollte sie.
»Zu gering? ach! viel größer als Ihr -- zu wissen braucht, Gräfin
Gerlinde!« schoß es ihm aus dem Grunde seines Herzens heraus.
Da leuchteten ihr die Augen in einem freudigen Glanz, und ihre Brust
wogte auf und nieder.
Sie vertieften sich wieder in das Spiel, und es verging geraume
Zeit, ohne daß ein einziges Wort zwischen ihnen fiel. Als aber Eike
wieder einmal lange auf einen Zug der Gräfin warten mußte und endlich
ungeduldig zu ihr aufsah, begegnete er dem Blicke Gerlindes, der
traumverloren auf ihm ruhte. Purpurglut übergoß ihr Antlitz; verwirrt
und beschämt, bei ihrer Versunkenheit in seinem Anblick von ihm
betroffen zu sein, wandte sie sich ab. Dann sich fassend brachte sie,
noch zitternd vor Erregung, hastig hervor: »Verzeiht! ich betrachtete
Eure Gesichtszüge, weil sie mich an eine altrömische Gemme meiner
Mutter erinnern, einen kostbaren Sardonyx mit einem schönen, überaus
feingeschnittenen männlichen Kopf, dem Ihr so ähnlich seht, als hättet
Ihr selber dem Bildner dazu gesessen.«
»Auch diese Figuren sind geschnitzt wie von Künstlerhand, zumal die
zwei Königinnen. Aber wenn ich sie mit Euch vergleiche,« fügte er
höflich hinzu, -- »keine von beiden ist so schön wie Ihr, Gräfin
Gerlinde!«
»Schmeichler!«
»Ich schmeichle nicht, Ihr seid eine geborene Königin.«
»Der Ihr einmal über das andere trutzig Schach bietet.«
»Möge die Königin sich schützen und hüten vor ihrem untertänigen
Verfolger, der sie offen anfeindet und heimlich verehrt.«
»Sich schützen und hüten!« wiederholte Gerlinde leise. »Dazu ist sie zu
schwach gegen -- gegen die Übermacht, die sie bedrängt und bezwingt,
und -- und -- --« Sie brach ab und sprang von ihrem Sitz empor. »Ich
gebe das Spiel auf, ich kann nicht mehr,« hauchte sie bebend. »Geht,
geht, Eike von Repgow! ich brauche Ruhe.«
Er ging nicht; da tat sie es. Ihn und das Schachbrett im Stich lassend
schritt sie die Stufen des Altans hinab und eilte wie gescheucht durch
den Garten in die Burg.
Verwundert blickte Eike der Flüchtenden nach. Was -- was ist das?
Elftes Kapitel.
Eike hatte eine fast schlaflose Nacht. Aufregende Gedanken wirbelten
ihm im Kopf herum, hielten ihn wach und verschleierten ihm wie wallende
Nebel die Tragweite seiner heutigen Erlebnisse. Auf seiner stillen
Morgenwanderung durch den Wald hatte er frische Kraft und Sammlung zur
Arbeit gesucht und gefunden, und hier im Schlosse war ihm die draußen
gewonnene Ruhe wieder verloren gegangen. Zwar sträubte er sich dagegen,
eine vermeintliche Entdeckung als unumstößliche Gewißheit hinzunehmen.
Wenn er aber die beiden zeitlich getrennten Vorgänge des Tages,
Gerlindes leidenschaftliches Lied und ihre Verwirrung beim Schach,
aneinander reihte und in ursächlichen Zusammenhang brachte, mußte er
auf die Vermutung kommen, daß +ihm+ ihre ungestillte Sehnsucht galt.
Wie ein Schlag aus dem Dunkeln traf es ihn. Was um Gottes willen
sollte daraus werden, wenn das Wahrheit und Wirklichkeit wäre? Ein
Schrecken überfiel Eike bei der Vorstellung von sich daraus ergebenden
Möglichkeiten, die zu schicksalsschweren Ereignissen führen konnten,
und zum erstenmal in seinem Leben wünschte er sich zu irren, sich ganz
und gar gründlich zu irren.
Heute mittag bei Tische hatte er sich noch durch scheinbar harmlose
Fragen und auf Schleichwegen vergeblich bemüht, den zu ermitteln, an
den das Lied der Sehnsucht gerichtet war; nur an sich selber hatte er
dabei nicht gedacht, und nun waren ihm plötzlich die Schuppen von den
Augen gefallen.
Rückschauend ließ er die ganze Zeit seines Hierseins an sich
vorüberziehen, um die Spur zu finden, die ihn zur Erkenntnis von
Gerlindes Seelenzustand leiten konnte. Aber kein ihn ermutigende
Entgegenkommen, nicht das kleinste Zeichen einer unerlaubten, die
Grenzen gern erwiesener Gastfreundlichkeit überschreitenden Huld und
auch kein übereiltes Sichvergessen der jugendlich lebhaften Frau
tauchte in seiner Erinnerung auf.
Und wie war es denn mit +seinem+ Herzen bestellt? Von Anfang an war er
von der natürlichen Anmut der Gräfin angezogen, bestrickt, bezaubert
worden, und bald hatten ihre vielseitige, der seinigen ebenbürtige
Bildung, ihre schnelle Auffassung und Verarbeitung alles dessen, was
Geist und Gemüt anging, ihm erst eine aufrichtige Verehrung für sie und
endlich eine tiefe Neigung zu ihr eingeflößt.
Da prüfte er sich ernstlich, ob +er+ nicht seinerseits die gegenwärtige
Lage der Dinge verschuldet, ob er sich der Gräfin nicht zu sehr
genähert, nicht zu dreist um ihre Gunst geworben hätte. Nein, das
hatte er nicht getan, hatte nicht mit leichtfertig kosigem Minnedienst
nach ihrer Gnade getrachtet und brauchte sich keines Verstoßes gegen
höfische Sitte und mannhaft ehrbare Ritterlichkeit zu bezichtigen.
Heut abend auf dem Altan, als sie ihm vorwarf, daß er zu gering von
ihr dächte, hatte er sich zu einer fast schon zuvielsagenden Andeutung
hinreißen lassen, die er jetzt bereute. Nie wieder sollte dergleichen
über seine Lippen kommen, denn nun und nimmer durfte Gerlinde erfahren,
was sich für sie in ihm regte.
Sie aber hatte, wohl sehr gegen ihren Willen, ihm ihr Herzensgeheimnis
so offensichtlich enthüllt, daß er an ihren Gefühlen kaum noch zweifeln
konnte. Was wollte der ihn wie mit Armen umschlingende Blick, bei dem
er sie überraschte und für den sie die zwar geschickte, aber wenig
glaubhafte Ausrede von seiner Ähnlichkeit mit einer altrömischen Gemme
fand? Und was für eine Übermacht war es, der sie nicht standzuhalten
vermochte und vor der sie in Bangen und Beben die Flucht ergriff? doch
keine andere als die der Bezwingerin aller Menschenherzen.
Und von deren Einflüsterungen getrieben hatte ihm Gerlinde sogar
bei seiner Arbeit helfen wollen. Diese Hilfe, doch sicher auch in
der Hoffnung angeboten, seine Gesetzgebung dabei in ihrem Sinne
beeinflussen zu können, hatte er natürlich ablehnen müssen. Aber
wie unsäglich würde es ihn gefreut haben, wenn er sich wie über
so viele andere Dinge auch über das Werk seines Lebens in inniger
Übereinstimmung mit ihr befunden hätte! Das war jedoch leider nicht der
Fall, wie er sich erst kürzlich wieder einmal überzeugen mußte, als das
Gespräch, von der Gräfin darauf hingelenkt, auf sein Buch gekommen war.
Den Kopf voll mit einer von ihm geplanten Bestimmung gegen eine zu
Unrecht bestehende kirchliche Einrichtung, die auf das Rechtsgebiet
hinübergriff, hatte er einen scharfen Tadel darüber ausgesprochen. Er
hatte es eine von der Geistlichkeit beliebte falsche Auslegung und
mißbräuchliche Nutzanwendung dogmatischer Satzungen genannt und damit
die Gräfin in ihrer bedingungslosen Gläubigkeit verletzt. Da war sie
zornig aufgefahren: »Davon will ich nichts hören, das macht mit Euch
allein aus! Wenn Ihr bekrittelt und verspottet, was mir heilig ist, so
wird niemals Eintracht und Friede zwischen uns sein.« Danach hatte sie
ihm den Rücken gekehrt und ihn wie einen gescholtenen Knaben stehen
lassen.
In diesem klaffenden Zwiespalt war etwas, das Eike nicht begriff. Er
begriff nicht, wie das Abstoßende, das ihr aus seiner freigeistigen
Richtung so schroff entgegentrat, und das Anziehende, das sie an seine
Person und seinen Umgang fesselte, sich in ihrem Herzen zu dem Gefühl
aufrichtiger Zuneigung verschmelzen konnten. Über diesen Widerspruch
mochte er in der schon weit vorgeschrittenen Nacht nicht mehr brüten
und grübeln, denn jetzt siegte die Macht der Natur über den Ermüdeten
und versenkte ihn endlich in erlösenden Schlummer.
Aber kein ruhiger, erquicklicher Schlaf breitete seine sanften Fittiche
über ihn; unsinnige, zusammenhanglose Träume suchten ihn auf seinem
Lager heim und umgarnten ihn mit beklemmenden Vorstellungen.
Eike saß wieder am Schachbrett, nicht auf dem Altan, sondern im
Gemach der Gräfin, doch nicht diese, sondern Graf Hoyer war sein
Widerpart, und das Gefecht war schon in voller Entwicklung. Eike
verriet von vornherein und mit jedem Zuge das Bestreben, die Königin
seines Gegners gefangen zu nehmen. Der Graf durchschaute diesen Plan,
richtete sein Spiel danach ein und ging aus tapferer Verteidigung der
unablässig Verfolgten zu scharfem Angriff über, so daß der Kampf ein
sehr erhitzter und erbitterter wurde. Gräfin Gerlinde saß abseits,
hielt die Harfe im Arm und ließ aus den Saiten die Melodie ihres
Sehnsuchtsliedes ertönen, Eike dabei unverwandt anblickend. Dieser
horchte danach hin und rief sich zu den leise rauschenden Klängen die
Worte des Liedes zurück, soviel ihm davon im Gedächtnis geblieben
war. Das lenkte seine Aufmerksamkeit vom Schachbrett ab und verwirrte
ihn. Es war ihm, als würden die Elfenbeinfiguren so klotzig schwer,
daß er sie kaum von der Stelle bewegen konnte. Sie rückten überhaupt
nicht dahin, wohin er sie haben wollte, entglitten seiner zitternden
Hand und wandelten unbotmäßig ihre eigenen Wege, wobei sie Fehler über
Fehler machten, Eike beträchtliche Verluste auf dem Schlachtfelde
erlitt und von seinem Ziele, sich die Königin zu erobern, immer weiter
abgedrängt wurde. Er schämte sich seiner unausbleiblichen Niederlage
unter den Augen der geliebten Frau, und es erboste ihn, wenn der Graf
mit grimmig drohender Stimme ihm Schach und aber Schach entgegenschrie.
Und doch konnte er keinen Laut des Unmutes aus seiner wie zugeschnürten
Kehle hervorbringen und konnte auch, als wäre er auf seinem Stuhle
festgenagelt, nicht aufspringen und davonlaufen, wie es Gerlinde heut
abend auf dem Altan getan hatte. Hilflos flehend sah er zu ihr hinüber,
aber sie rührte sich nicht vom Flecke, ihm beizustehen und ihn aus
seiner verzweifelten Lage zu retten, was sie, wenn sie gewollt hätte,
mit ihrer Meisterschaft auf dem Brette vielleicht noch gekonnt hätte.
Es schien ihm sogar, als zuckte eine Regung von Spott um ihren schönen
roten Mund. Bald war sein König unentrinnbar umstellt und damit das
Spiel für Eike verloren, weil Gerlinde ihn mit den Klängen ihres Liedes
berückt und aus der Fassung gebracht hatte. Unter dem schallenden
Hohngelächter des Grafen zerrann das grausame Traumbild.
Eike perlte der Schweiß auf der Stirn, und er lag, er wußte nicht
wie lange, wachend und schwer atmend im Bette. Als er aber wieder
eingeschlafen war, gaben ihn die äffenden Gesichte noch nicht frei;
nur der Schauplatz und die handelnden Personen wechselten.
Sein zweiter, mehr possenhafter als beängstigender Traum gestaltete
sich folgendermaßen.
Eike trat, von den Bergen kommend, in sein Arbeitszimmer, aber die
beiden, die er zu seinem Erstaunen dort antraf, hörten und sahen ihn
nicht, als wäre er ein luftiger, unkörperlicher Schemen, und ließen
sich in ihrem Tun nicht im mindesten stören. Wilfred und der allzeit
wegfertige Ritter Dowald von Ascharien waren es. Sie saßen sich
gegenüber am Schreibtisch und hatten einen irdenen Weinkrug und zwei
Becher zwischen sich stehen, deren einen der Ritter eben bis auf den
Grund leerte. Wilfred, sich in Eikes Lehnstuhl breit machend, hielt ein
Pergamentblatt in der Hand und begann, dem listig schmunzelnden Pracher
vorzulesen, was er darauf niedergeschrieben hatte.
Vom Zech- und Schenkenrecht und von ritterlichen Schulden.