wie ein Mensch mit dem andern, nur daß dem Vierfüßler die Sprache
fehlte. Wilfred hatte ihn einst als Junges nicht weit von hier durch
einen glücklichen Zufall erhascht, ihn mühsam mit unendlicher Geduld
gezähmt, ihn mit allerhand Atzung geködert und gekirrt, bis sich der
äußerst vorsichtig Witternde allmählich an seinen Wohltäter gewöhnte
und ihm endlich so anhänglich wurde, daß er dessen Flötenspiel, wenn
er es hörte, Folge leistete und sich hier auf dem Kirrplatz ohne
Scheu bei ihm einfand. Wilfred nannte ihn Füchslein, Reinecke oder
auch Schlitzohr, weil er vor Jahr und Tag in des Fuchses rechtem
Lauscher einen langen, nicht verheilten Schlitz entdeckt hatte, den der
streitbare Held wahrscheinlich im Kampfe mit einem seinesgleichen um
den Besitz einer schönen Füchsin davongetragen hatte.
Nun sprach er mit ihm ganz wie mit einem Freunde, wenn er auch
keine Antwort von ihm erhielt. »Haben uns lange nicht gesehen, mein
Füchslein,« begann er, »ich konnte nicht kommen, mußte immer schreiben,
schreiben und schreiben. Du weißt nicht, was das ist, schreiben?
ja, sei du froh, daß du nicht schreiben gelernt hast, mein munterer
Waldgesell! Das ist eine grausame Erfindung, eine Qual für uns arme,
sündhafte Menschen, mit der dein und mein Schöpfer euch unschuldige
Tiere in Gnaden verschont hat. Was macht denn die holde Frau Fähe?
und wieviel liebe Kinderchen habt ihr denn in eurem Bau? bringe sie
doch einmal mit und führe sie mir vor, ob sie auch sauber gewaschen
und artig erzogen sind. Aber halt! ich habe ja was für dich, hier!« Er
griff in die Tasche und gab seinem rothaarigen Liebling zwei Eier, die
er heut in aller Frühe aus dem Hühnerstall des Falkensteins gemaust
hatte. Der Fuchs verzehrte sie mit Begier, während ihm Wilfred den
glatten Sommerpelz kraute und sich seine dicke Lunte ein paarmal durch
die Hand gleiten ließ.
Nach diesem erquicklichen Imbiß lag der Fuchs in Wilfreds Armen und
schien sich da sehr wohl und gedocken zu fühlen. Manchmal reckte er
den Kopf, windete und spitzte die Lauscher, wenn sich im Gebüsch oder
in einem Baum etwas regte, das ihm vielleicht eine willkommene Beute
verhieß. Dann duckte ihn Wilfred jedesmal schnell nieder und sagte:
»Nichts da, Reinecke! Singvögelein sollst du nicht begehren, das habe
ich dir doch schon oft genug strengstens verboten. Halte dich an
Mäuse, Käfer, Schnecken und ähnliche schmackhafte Dinge, die für uns
Ungeziefer, für euch aber Leibgerichte sind, verstehst du?« Der Fuchs
lugte ihn an, leckte sich die Schnauze und machte ein Gesicht, als ob
er lachen wollte. Da packte ihn Wilfred beim Fell, drückte seinen Kopf
zärtlich an die eigene Wange, klopfte, hätschelte und hudelte ihn nach
Herzenslust, und Meister Reinecke ließ sich das alles mit dem größten
Behagen gefallen und hob manchmal spielerisch einen Vorderlauf, als
wollte er dabei mittun und das Gekose des ihm so wohlgewogenen Menschen
erwidern.
So hatten es die beiden schon unzählige Male hier getrieben, und wenn
sie sich trennen mußten und Wilfred den Heimweg antrat, trabte der
Fuchs eine Strecke lang hinter ihm her, blieb dann traurig stehen,
äugte ihm nach und lauschte seinen Schritten, bis sie in der Ferne
verhallten.
Auch heute war es für Wilfred Zeit zum Aufbruch, denn er hatte
versprochen, zum Abendtisch in der Dirnitz zurück zu sein. »Ich muß
fort, mein Schlitzohr,« sagte er, »gib mir's Pfötchen und gehab' dich
wohl bis auf baldig Wiedersehen.« Dann setzte er den Fuchs sanft und
zärtlich wie eine Mutter ihr Kind nieder, stand von seinem Wurzelthron
auf und schied von dem Busenfreunde.
Stunden wie diese waren Wilfreds glücklichste. Auf der Burg hatte
er keinen, der ihm so traute und dem er so trauen konnte wie diesem
freien Sohn der Wildnis. Der schalt ihn nicht, demütigte und kränkte
ihn nicht, sah ihn nicht scheel und mißgünstig oder über die Achsel
an wie seine menschlichen Lebensgefährten, denen er nichts galt, die
seine Fähigkeiten und sein Wissen nicht schätzten und das Gute, das
neben manchem Verwahrlosten doch auch in ihm steckte, nicht anerkennen
wollten. Kein Wunder, daß er sich vor ihnen verschloß, ihnen ihre
Nichtachtung in gleicher Münze herausgab und sich für das, was er von
ihnen zu leiden hatte, mit kleinen Bosheiten und hinterrücks gespielten
Possen rächte. Dadurch kam in das Wesen des zu Leichtsinn und Übermut
Veranlagten ein mißfälliger Zug. Hier aber bei seinem Fuchse war er ein
Naturkind wie dieser, da fand er Zuflucht und Erholung wie anderswo
nimmer.
In viel froherer Stimmung als vorher wanderte er jetzt in der Stille
des Waldes dahin, durch dessen Gezweig schräge Sonnenstrahlen blitzten
und um silbergraue Buchenstämme schlüpften. Das muffige Betragen der
Müllerstochter schlug er sich aus dem Sinn und nahm sich vor, heut
abend zu Melissa, der immer heiteren und einzigen ihm zugetanen, recht
freundlich zu sein. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß er zu Luitgard
gegangen war, und damit hatte er ihr Kummer bereitet, für den er sie
entschädigen wollte.
Als er dem Falkenstein schon so nahe war, daß man sein Blasen dort wohl
hören könnte, setzte er die Waldflöte an die Lippen und schickte der
Getreuen einen schmetternden Gruß nach dem andern als seine Rückkehr
ankündende Boten voraus. Aber nicht lange währte es, da sah er Melissa
unter den Bäumen daherkommen. Sie war ihm, ihn um diese Zeit erwartend,
auf dem Wege zu Tal ein Stückchen entgegengegangen, hatte aber dann,
sein Blasen vernehmend, flugs die Richtung eingeschlagen, aus der die
Klänge lockten, nun genau wissend, von wannen er kam. Sobald sie seiner
ansichtig wurde, lief und sprang sie über Stock und Stein auf ihn zu,
und er fing sie in seinen Armen auf. »Du warst bei deinem Füchslein,«
jubelte sie, denn ihr allein war diese heimliche Waldfreundschaft
bekannt, »ich dachte, du wärest ...«
Sie konnte nicht ausreden, Wilfreds Kuß verschloß ihr den Mund.
Neuntes Kapitel.
Der Sonnwendtag war äußerlich von anderen Tagen durch nichts
unterschieden vorübergegangen, und nur die Kundigen wußten, daß in
der Nacht auf schwer zugänglichen Bergkuppen und kleinen, versteckten
Waldblößen die Feuer unter fast tausendjährigen Eichen gebrannt hatten
und von den verschwiegenen Bekennern des Wodanglaubens mit uralten
Bräuchen und Beschwörungen umwandelt und umtanzt worden waren. Auch
ein paar der ältesten Burgmannen des Falkensteins hatten an der
Feier teilgenommen, und Goswig hatte ihnen die Brücke nieder und das
Pförtchen im Tor offen gelassen, damit sie im Morgengrauen unbemerkt
einschlüpfen konnten. Das war von jeher so gehalten worden und dem
Grafen keineswegs unbekannt. Seine Vorfahren hatten es einer dem andern
überliefert und dem Nachfolger geraten, darüber ein Auge zuzudrücken,
wenn die schlechten Christen sonst gute Menschen und zuverlässige
Vasallen wären. Nur die Gräfin durfte nichts davon erfahren, denn
nimmermehr hätte sie Heidenleute im Gesinde geduldet.
Nun brütete der Sommer mit seiner stärksten Glut über Wald und Flur,
um Körner und Früchte zu reifen, obwohl jetzt jeder Tag schon um einen
Hahnenschritt kürzer wurde als der gestrige. Das Laub war noch frisch
und saftig, von häufigen Gewitterregen vor zu frühem Welken bewahrt,
und die Waldblumen blühten üppig im Grün der Kräuter und Gräser.
Die Insassen der Burg lagen ihren täglichen Pflichten ob, gingen in den
leichtesten Kleidern einher und hatten von der Hitze wenig zu leiden,
da es innerhalb der dicken Mauern fast noch kühler war als im Schatten
des dicht bestandenen Hochwaldes. Sie waren alle froh und zufrieden mit
Ausnahme von zweien, und diese waren Wilfred und Eike von Repgow.
Wilfred seufzte unter der Fron seines handwerksmäßigen
Schreiberdienstes und klagte Melissa, daß ihm von seinem jetzt manchmal
recht borstigen Herrn und Meister eine allzu scharfe Rüge erteilt
worden wäre, weil er sich in einem Kapitel über Bannleihe, Fahnen- und
Zepterlehen einige Auslassungen und Fehler im Texte hätte zuschulden
kommen lassen, und nun sollte er die Abschrift des ganzen Kapitels am
nächsten Sonntag aufs neue anfertigen und könnte dann nicht zu seinem
lieben Fuchse gehen.
Auf Melissas Frage, was das wäre, Bannleihe und Fahnenlehen, hatte
er ihr erklärt: »Bannleihe ist die königliche Bestallung für die
Träger der gräflichen Gerichtsbarkeit. Fahnenlehen bezeichnet und
unterscheidet in der Heerschildordnung die Schöffenbarfreien, die unter
Königsbann, und die bei ihren eigenen Hulden dingen. Wahrzeichen der
königlichen Gerichtshoheit ist die Gerichtsfahne. Wahrzeichen für die
Edelinge auf den Schöffenstühlen sind Kreuz, Schwert, Strohwisch, Hut
und eiserne Hand. Das habe ich verwechselt und durcheinander gebracht;
irren ist menschlich.«
Gegen Melissas Meinung, daß ihm dann ganz recht geschähe, wenn er die
Arbeit noch einmal machen müsse, hatte er eingewandt, Sonntagsarbeit
wäre wider die Hausordnung und von der Frau Gräfin verboten, und sollte
ihm dergleichen noch einmal zugemutet werden, würde er sich über seinen
Peiniger beschweren. Darauf hatte ihm Melissa geantwortet: »So! und was
würde die Folge davon sein? dann ließe dich der Ritter die ganze Nacht
am Tische sitzen, um die verpfuschte Abschrift genau und ordentlich
zu liefern.« Diese Möglichkeit hatte dem eine unverkürzte Nachtruhe
Liebenden schreckhaft eingeleuchtet, und knirschend über sein hartes
Los hatte er sich von der treuen Warnerin getrennt. --
Auch Eike war unzufrieden, nicht bloß mit Wilfred, sondern auch mit
sich selber. Er war in der Ausdrucksweise einzelner Stellen seines
Konzeptes, das er doch so volkstümlich wie möglich gestalten wollte,
auf unvorhergesehene Schwierigkeiten gestoßen, die ihm tagelang
zu schaffen machten. Er wählte und verwarf sprachliche Formen und
Satzgefüge, bis er sich zur Klärung und völligen Beherrschung des
widerspenstigen Stoffes durchgekämpft hatte.
In solche ihm bisher gänzlich fremde, die Arbeit hemmende
Verlegenheiten war er letzterzeit mehrmals geraten und so auch heute
wieder, wo er sich abmühte, die Machtbereiche und Amtsbefugnisse
der weltlichen und der geistlichen Gerichte gegeneinander abzuwägen
und miteinander zu vereinbaren. ›Weltliches Gericht und geistliches
sollen miteinander gehen‹ lautete eine seiner Aufzeichnungen zu
diesem Kapitel. Aber wie war das in die Wege zu leiten und mit
unbestreitbarem Erfolge durchzuführen? Sodann kam die Frage, ob bei
einem Zwiespalt in derselben Sache das weltliche oder das geistliche
Urteil das ausschlaggebende, obsiegende sein sollte, und ferner, ob
der vom Papst ausgesprochene Bann, der das Heil der Seele schädigte,
oder die vom Kaiser verhängte Reichsacht, die den Betroffenen an Leib
und Leben bedrohte, als die härtere Strafe zu betrachten sei. Bei so
grundsätzlichen, in Gemüt und Gewissen der Menschen eingreifenden
Entscheidungen mußte auf Gewohnheitsrecht und die althergebrachten,
tief eingewurzelten Anschauungen des Volkes Rücksicht genommen werden.
Doch auch diesmal gelang es ihm, die Schwierigkeiten zu überwinden, und
als er endlich das, was ihm das Rechte dünkte, gefunden, und es von der
Feder schwarz auf weiß festgehalten vor sich hatte, lehnte er sich in
seinen Sessel zurück und atmete erleichtert auf.
»Eike, dieser Artikel deines Gesetzbuches wird bei allen Geschorenen
und Kuttenträgern vom stolzesten Bischof bis zum erbärmlichsten
Bettelmönch böses Blut machen,« murmelte er vor sich hin. »Hättest du
dabei Gräfin Gerlinde zu Rate gezogen, würde sie anders entschieden
haben. Selbstverständlich, hätte sie gesagt, ist das geistliche Gericht
das höchste, das geistliche Urteil das ausschlaggebende und der
Bannfluch seiner Heiligkeit des Papstes die schwerste Strafe, die einen
sündhaften Christenmenschen für Zeit und Ewigkeit treffen kann.«
Er versank in tiefes Sinnen, schloß die Augen und malte sich aus,
wie sie mit Glaubenseifer und frommen Überzeugungen gewappnet, ihn
angegriffen, ihre Meinung verfochten und ihn mit Vorstellungen und
Bitten zu beeinflussen gesucht hätte. Und sich mehr und mehr in seinen
Träumen von ihr einspinnend sah er sie im Geiste leibhaftig an seinem
Schreibtische sich gegenüberstehen in all ihrer strahlenden Schönheit.
Er sah ihre herrliche Gestalt im fließenden, schmiegsamen Gewande, ihr
Antlitz, ihren bezaubernden Blick, ihr sonniges Lächeln. Da weckte ihn
ein Geräusch aus seinem Dämmerzustande und brachte ihn zum Bewußtsein
der Wirklichkeit zurück, die ihm ein anderes Gesicht zeigte als das
schnell zerronnene, verführerische Traumbild.
Schon in manchen Stunden waren ihm Zweifel gekommen, wie er im Grunde
mit Gräfin Gerlinde daran war, denn ihr Benehmen gegen ihn war von
einer Unbeständigkeit, die er sich nicht zu erklären vermochte. Sie
konnte herb und verschlossen sein und dann wieder verbindlich und
mitteilsam. Was hatten diese, durch äußere Vorgänge nicht veranlaßten
Wechsel in ihrer Stimmung zu bedeuten? Verzieh sie ihm seine
weltliche Gesinnung nicht? Oder wurde ihr sein Verbleiben hier auf
die Dauer lästig, daß sie ihm dies zu erkennen geben und dann ihre
ablehnende Haltung, sie am nächsten Tage bereuend, durch verdoppelte
Freundlichkeit wett machen wollte? In keinem von beiden konnte
er die eigentliche Ursache ihres unsteten, zwischen zutraulichem
Entgegenkommen und sprödem Zurückweichen schwankenden Wesens erblicken,
und Launen, unberechenbare, unbegreifliche Launen hatte er niemals
an ihr wahrgenommen. Sie war ihm ein Rätsel, aber gerade +dieses+
Rätsel holdester Weiblichkeit zu lösen und in seinen dunkelsten Tiefen
hellsehend zu werden, reizte ihn.
Heute, nach ihrer wundersamen Erscheinung vor seinem inneren Auge,
konnte er seine zerstreuten Gedanken nicht mehr sammeln. Eine fiebernde
Unrast befiel ihn, daß er sich in seinem Gemache wie in einem Gefängnis
fühlte, dem er entfliehen wollte. Er mußte hinweg aus diesen Mauern,
in den Wald hinein, unter brausende Wipfel und segelnde Wolken, um
seinen benommenen Kopf von Dumpfheit und Wirrsal frei zu machen und
frische Kraft zur Arbeit zu gewinnen.
Es war ein zum Wandern einladender Vormittag mit halbbedecktem Himmel
und mäßig wehendem Winde, und Eike verließ seine Schreibstube in der
Hoffnung, da draußen Ruhe und Erholung zu finden. Eilenden Fußes stieg
er die Treppe hinab.
Auf dem Burghof fand er Folkmar mit zwei gesattelten Pferden. »Wo soll
es hingehen, Folkmar?« fragte er verwundert.
»Nach Quedlinburg, Herr Ritter,« erwiderte der Diener. »In der Frühe
ist ein Bote eingetroffen, der den Herrn Grafen --«
Da trat Graf Hoyer schon aus der Tür und verständigte den Freund: »Ich
muß nach Quedlinburg zur Äbtissin Osterlindis. Sie ist eine Verwandte
von mir, eine Gräfin Falkenstein, und ich bin ihr Schirmvogt. Es
handelt sich um die Entscheidung eines verwickelten Rechtsstreites mit
dem Bischof von Halberstadt, und du solltest mitkommen, Eike, und als
schöffenbarer Mann von Fach mir helfen, das Urteil zu finden.«
»Gern tät' ichs, Herr Graf!« gab Eike zur Antwort, »aber ich muß mich
hier selber mit verzwickten Problemen herumschlagen.«
»Dann auf Wiedersehen hoffentlich morgen abend, und überarbeite dich
nicht, Eike!« sagte der Graf, schwang sich in den Sattel und ritt mit
Folkmar ab.
»Gottbefohlen und gutes Gedinge!« rief ihm Eike nach.
Der Graf bog in den Reitweg ein, während Eike auf dem schmalen und
kürzeren Fußpfade zu Tale strebte.
»Morgen abend -- hoffentlich -- also zwei Tage mit Gerlinde allein
hier,« sprach er nachdenklich zu sich selber. »Wie wird sie sich da
gehaben? wird sie nun den Schleier ein wenig lüften, mit dem sie
bis jetzt ihr Innerstes scheu verhüllte, oder wird sie auch unter
vier Augen das Buch mit sieben Siegeln bleiben? Gern träte ich ihr
näher, und sie sollte doch allmählich zu der Ansicht gelangt sein,
daß die Verehrung, die ich ihr unverhohlen entgegenbringe, keine
oberflächliche, gekünstelte Höflichkeit ist, sondern mir aus dem Herzen
kommt. Ich begehre nichts von ihr, was sie nicht gewähren darf, aber
etwas mehr bare Münze von ihrem geistigen und seelischen Eigentum
könnte sie mir wohl zufließen lassen; einzig mit anmutigem Getändel und
lächelnder Huld ist das nicht getan. Ich will so ernst von ihr genommen
werden wie ich sie selber nehme.«
So redete Eike im Bergabgehen krittelnd und mäkelnd in sich hinein und
ahnte nicht, was alles sich in Gerlinde hinter dem anmutigen Getändel
und der lächelnden Huld verschanzte.
Unten im Tale mit der weiten, entzückenden Aussicht auf Wiesen und
Wälder, die beruhigend auf ihn wirkte, entschlug er sich aber seiner
grilligen Betrachtungen, überschritt das Tal und stieg auf der anderen
Seite gemächlich wieder bergan.
Er ging ohne Weg und Steg, schweifte bald rechts, bald links ab, wenn
ihn eine daherleuchtende Blüte lockte oder ihn das Rascheln eines durch
Gestrüpp und Gerank flüchtenden Tieres aufmerken ließ. Aus den Buchen
und Eichenkronen erscholl ein wuchtiges Rauschen und bewegliches
Tuscheln, und ein leises Säuseln und Pfeifen schwirrte durch die Nadeln
der Fichten. Die Blumen wiegten sich auf ihren Stengeln, und die
wispernden Gräser neigten und nickten sich nachbarlich zu. Was mochten
sich die Kinder des Waldes erzählen, die Blätter und Halme und all das
Gewürm, das da kroch und krabbelte, burrte und surrte? Hatten auch
sie ihre Sorgen und ihre Freuden, ihre geflüsterten Liebeshändel und
Klatschgeschichten wie das Menschenvolk, das ihre Sprache wohl hörte,
aber nicht verstand? Eike wandelte still durch das vieltausendfältige
Naturleben, gab sich dem Genuß, es bis ins kleinste zu beobachten,
geflissentlich hin und dachte weder an weltliche noch an geistliche
Gerichtsbarkeit.
Dabei war er, kaum wissend wie, auf dem Bergesrücken angekommen und
hatte nun den Falkenstein in gleicher Höhe jenseits des Tales vor sich.
Da hielt er an und schaute lange hinüber. Die steingraue Burg ragte nur
mit dem Obergeschoß und dem Turm über das Laub der Bäume hinaus und hob
sich in scharfkantigen Umrissen von dem weißen Gewölk malerisch ab.
Eike erkannte die Fenster seiner Wohnstätte, wo er, über ungezählte
Papiere gebeugt, sich Tag für Tag angestrengt mühte, und sah auch den
Altan, auf dem er am zweiten Abend nach seiner Ankunft mit dem Grafen
und der Gräfin bis in die Nacht hinein gesessen und ihnen Vortrag
gehalten hatte. Doch, wo war das kleine, trauliche Gemach Gerlindes?
-- das herauszufinden war ihm nicht möglich. Wie aber wäre es, wenn er
sich jetzt dahin versetzen und wie sie an seinem Schreibtisch plötzlich
an ihrem Stickrahmen leibhaftig vor ihr erscheinen könnte? Er mußte
lachen über den tollen Einfall, ihr einen spukhaften Gegenbesuch zu
machen, und wollte den Heimweg antreten, denn das Blinken seiner
Fenster da drüben erinnerte ihn an die Arbeit, die seiner dort harrte
und bei der ihn in den letzten anderthalb Wochen oft Unsicherheit und
Zagen bedrückt hatten. Aber da hemmte seinen Fuß und fesselte seinen
Blick einer, der das besaß, was ihm fehlte, -- himmelantragende,
raumdurchmessende Flügel.
Von Süden her kam ein Adler geflogen, kam näher und beschrieb, ohne
die mächtigen Schwingen zu regen, hoch über ihm schwebend immer den
gleichen Kreis. Dieses Schauspiel ließ Eike nicht los, und er folgte
mit den Augen dem Zuge des stolzen Fliegers. Vogelflug hatte im alten
Rom eine prophetische Bedeutung, und den unverwandt Hinaufspähenden
durchzuckte ein seltsamer Gedanke. Sollte das eine Botschaft an ihn
aus weiter Ferne sein? Sandte den Beherrscher der Lüfte, den König der
gefiederten Welt ihm ein anderer Herrscher, ein wirklicher König zu,
Kaiser Friedrich der Hohenstaufe, mit Wink und Mahnung, allen Kleinmut
aus seiner Seele zu verbannen und sich mit den Schwingen des Geistes
zu freier Schaffenskraft zu erheben, sein Werk freudig zu fördern und
glücklich zu vollenden? Ja! so war es, so sollte es sein, so nahm es
Eike hin und winkte dem kaiserlichen Sendboten dort oben seinen Dank
dafür zu, daß er ihm wieder Vertrauen und Zuversicht zu seiner Arbeit
eingeflößt hatte.
Nun ging er fröhlich und leicht wie selber von Fittichen getragen
bergab und pflückte unterwegs eine Handvoll Waldblumen, die er zu einem
Strauße für Gräfin Gerlinde band.
Zeitig genug vor Mittag durchschritt er das Burgtor, eilte treppauf
und begab sich zu der Kemenate der Gräfin. Ehe er jedoch ganz heran
war, vernahm er Saitenklänge darin, näherte sich behutsam der Tür und
horchte. Es war nur ein lebhaft bewegtes Vorspiel gewesen, denn jetzt
begann Gerlinde zu singen und Wort für Wort verstand der Lauschende den
Text ihres Liedes.
Von den Saiten soll es brausen,
Was am hellen Tag mit Macht
Mich bestürmt, mit leisem Grausen
Mich beschleicht in dunkler Nacht.
Nicht mit Worten kann ichs sagen,
Was mich treibt ohn' Ruh und Rast,
Und in Schweigen sie zu tragen
Ist zu schwer die süße Last.
Ach, ich fühl' es jede Stunde,
Wie es in mir wühlt und nagt,
Was sich aus des Herzens Grunde
Doch nicht auf die Lippe wagt.
Aber ist's auch in der Stille
Strengen Pflichten untertan,
Ist es einmal Schicksal Wille,
Bricht sich auch Gebundnes Bahn.
Was sind Fesseln, was sind Schranken
Einem Wunsch, der nimmer ruht,
Dessen heimlichste Gedanken
Schnell verrät der Wangen Glut.
Angst und Leid sind zu besiegen,
Tränen werden weggelacht,
Alles läßt in Schlaf sich wiegen,
Nur die Sehnsucht wacht und wacht.
Dem in unverkennbarer Erregtheit gesungenen Liede folgte ein Nachspiel
auf der Harfe, das allmählich abschwellend in wehmütigen Akkorden
ausklang.
Eike, tief ergriffen von dem, was er gehört hatte, mochte jetzt nicht
eintreten, um der Gräfin seinen Blumenstrauß zu überreichen. Er legte
ihn auf der Türschwelle nieder und ging leise davon.
Zehntes Kapitel.
In seinem Zimmer angekommen, saß Eike vor sich hinstierend auf der
Ruhebank und sann. Was hatte Gerlindes Lied zu bedeuten? Trug sie eine
heimliche Liebe im Herzen, am Ende gar eine von dem Geliebten nicht
erkannte oder nicht erwiderte Liebe? Aber von einer Frau wie Gerlinde
geliebt zu werden und sie nicht wieder zu lieben, däuchte ihm ein Ding
der Unmöglichkeit. Oder sollte es eine unvergessene, unverwindliche
Jugendliebe sein, der sie aus irgendwelchen Gründen hatte entsagen
müssen? Arme Gräfin von Falkenstein, die alles zu ihrer Verfügung
hatte, was eines Wunsches wert war, nur nicht des Lebens höchstes Glück!
Es klopfte. Melissa kam und lud Eike gefällig knicksend zum
Mittagessen. Ungesäumt folgte er der Aufforderung. Im Speisesaal trat
ihm die Gräfin etwas beklommen entgegen und dankte ihm mit ein paar
schüchternen Worten für den schönen Waldblumenstrauß, den sie in einem
tönernen Ziergefäß mitten auf den Eßtisch gestellt hatte. In ihrem
unsicher forschenden Blicke las Eike die bange Frage: hast du mein Lied
gehört? Die Annahme, daß er es gehört hatte, lag sehr nahe, denn er
mußte zu der Zeit, da sie gesungen hatte, mit seinen Blumen an ihrer
Tür gewesen sein. Von diesem Drucke wollte er sie befreien.
Im unbefangensten Plauderton begann er: »Ich hatte mir heute morgen mit
kniffligen Erwägungen den Kopf warm gemacht und fühlte das Bedürfnis,
frische Luft zu schöpfen. Darum ging ich zu Tale und von Tale wieder
zu Berge, und da blühten im Walde so viel Blumen, daß ich etliche
pflückte, um sie Euch zu bringen. Damit heimgekehrt horchte ich an
Eurer Tür, aber es war und blieb innen alles mäuschenstill; Ihr waret
also gewiß nicht in dem Gemach, und da ich in Eurer Abwesenheit nicht
eindringen wollte, legte ich den Strauß auf Eure Schwelle. Es freut
mich, daß Ihr ihn gefunden habt und ihm solche Ehre erweist,« schloß er
mit einer Handbewegung nach dem lieblichen Tafelschmuck.
»Ich danke Euch nochmals für Euer freundliches meiner Gedenken, Herr
von Repgow,« sagte Gerlinde, nun fest überzeugt, daß er von dem Liede
nichts wußte, weil er wohl schon vorher dagewesen war, obgleich sie
seinen Schritt nicht vernommen hatte.
»O ich habe von da drüben auch nach Euren Fenstern gespäht, sie aber
nicht entdecken können,« sprach er.
»Dann werde ich künftig, sobald ich Euch auf den Bergen dort weiß, das
Fenster öffnen und Euch mit dem Tuche zuwinken.«
»Und ich werde Euch den Gruß erwidern, wenn ich ihn sehe.«
»Und mir wieder ein paar Blumen pflücken, gelt?«