Falkenstein durchgesetzt, daß an Sonn- und Feiertagen keine anderen
Beschäftigungen in der Burg vorgenommen werden durften als die
notwendigen Verrichtungen im Haushalt. Selbst Eike fügte sich ihrer
freundlichen Bitte, dann zur Heiligung des Tages auch auf seine
völlig geräuschlose Schreibarbeit zu verzichten, was er ohne den ihm
ausgesprochenen Wunsch nicht getan haben würde. Daß er dem Gottesdienst
in der Kapelle beiwohnte, verstand sich von selbst, zumal Gerlinde
durch Harfenspiel und Gesang dabei mitwirkte.
Heute war Sonntag, und der Falkenstein stand, von der Morgensonne
beschienen, auf seiner Bergeshöhe wie ein einsames, verwunschenes
Schloß, in dem kein Leben war. Kein lautes Hantieren und Scharwerken,
kein Pferdegetrappel und Rüdengebell störte die Ruhe, nur daß einmal
die Kette des Ziehbrunnens klirrte, wenn sie in der Küche Wasser
brauchten. Die Dienstleute, die über den Hof gingen oder treppauf und
treppab stiegen, traten leise auf und sprachen mit gedämpfter Stimme.
Auch von innen heraus drang kein Ton durch die dicken Mauern, als wenn
die vielen, die in den Gebäuden ihren Pflichten obliegend hausten, den
Tag verschlafen wollten. Es herrschte von früh bis nach vollbrachtem
Gottesdienst, der ziemlich spät begann und gewöhnlich erst kurz vor
Mittag endete, eine fast unheimliche Stille, aber die Herrin wollte
es so haben, also ward es so gehalten, und niemand wagte, gegen den
eingeführten Brauch zu verstoßen.
Von Mittag an aber konnten alle, Mannen, Jäger, Knechte und Mägde,
tun und treiben, was ihnen beliebte; kein unduldsamer Befehl lähmte
ihre Belustigungen und verbot ihnen den Mund. Sie durften, falls
nicht besondere Verabredungen und Veranstaltungen vorlagen, dann auch
gehen, wohin sie wollten, wenn sie nur abends vor Toresschluß wieder
innerhalb der Ringmauern waren, und daß sie dies waren, dafür sorgte
des Torhüters unbestechliche Wachsamkeit. --
Wilfred genoß in den Kreisen des Burggesindes ein gewisses Ansehen,
das er weniger seinen persönlichen Eigenschaften als seiner Herkunft
und seiner Ausnahmestellung verdankte, denn er gehörte nicht zu den
Dienenden, wenn er auch mit ihnen lebte und ganz so wie sie unter der
Botmäßigkeit des Grafen stand. Er war der Sohn des verstorbenen Wild-
und Waffenmeisters, der nächst den Herrschaften der erste auf der
Burg gewesen war, kam in Ausübung seines Amtes als Schreiber häufiger
in unmittelbare Berührung mit dem Grafen und galt als ehemaliger
Klosterschüler bei den übrigen Untergebenen für einen Studierten, der
beinahe geistlich geworden wäre.
Daher spielte er in der Dirnitz, dem Versammlungs- und Aufenthaltsraum
der Dienerschaft, eine seiner Meinung nach große Rolle, die jedoch von
Neidern und Gegnern, an denen es ihm auch nicht gebrach, zuweilen
stark angefochten wurde. Er war nicht Jüngling mehr, aber auch noch
nicht zum Manne gereift, von schmeidiger, leichtbeweglicher Gestalt
und selbstbewußtem, meist seelensvergnügtem Gesichtsausdruck. Sein
lockiges, braunes Haar hing ihm ziemlich tief in die Stirn, und aus
seinen ebenfalls braunen Augen lugte eine lauernde Verschlagenheit. Die
anderen hörten ihn gern von seinen Vagantenfahrten und den Abenteuern,
die er in der Fremde erlebt haben wollte, berichten und hatten ihren
Spaß an den frechen Aufschneidereien, die er ihnen dabei unverfroren
auftischte. So erzählte er einmal, er wäre eines Tages gegen Abend
mit zweien seinesgleichen in ein Dorf gekommen, wo sie gebettelt
hätten, und weil man ihnen nichts geben und sie auch nicht herbergen
wollte, hätten sie die hartherzigen Geizhälse mit höllischen Flüchen
und kabbalistischen Beschwörungen überschüttet, um sie zu ängstigen.
Da wären sie aber von ihnen ergriffen und alle drei in einen Teich
geworfen worden. Und was hätten +sie+ nun getan? sie hätten das
ganze Dorf in Brand gesteckt, um an dem Feuer ihre nassen Kleider zu
trocknen. Solcherlei Geschichten brachte er immer neue, eine immer
noch toller und verwegener als die andere, vor, und Mannen und Mägde
lohnten es ihm mit Beifall und fröhlichem Lachen. Manche von ihnen
trauten ihm aber nicht und meinten, er würde gewiß noch weit schlimmere
Stücklein auf der Seele haben, denn ihn scheuchte doch kein Strohwisch
von verbotenen Wegen, worauf Wilfred überlegen schmunzelte, was soviel
heißen sollte wie: na, wenn ich reden wollte!
Seine aufmerksamste Zuhörerin und zugleich treueste Anhängerin war
die rotblonde, sehr hübsche und aufgeweckte Zofe Melissa, die er
bei seinen gelegentlich ausgeführten Schwänken hier stets auf seiner
Seite hatte. Der Schalk saß ihr im Nacken, aus ihren spiegelhellen
Augen blitzte es wie Frühlingsgruß, und ihre schwellenden Lippen
konnten verführerisch lächeln, als spräche sie: trutz! wer darf mich
küssen? was Wilfred übrigens öfter tat und sie ihm selten wehrte.
Denn die beiden hatten ein heimliches Techtelmechtel miteinander, das
jedoch über lustige Neckereien und unverfängliche Liebkosungen nicht
hinausging.
Wie willig sie ihrem Günstling bei seinen Schelmenstreichen half,
bewies ein Vorfall, der nichts anderes als die von Wilfred ausgeheckte
Vergeltung für eine ihm vom Torwart Goswig zugefügte Unbill war.
Dieser hatte den Schreiber, als er einmal ein wenig zu spät von der
Talmühle heimkehrte, nicht mehr in die Burg eingelassen, trotz seinem
Bitten und Flehen das eben erst geschlossene Tor nicht wieder geöffnet
und ihm von innen höhnisch zugerufen: »Komm zur rechten Zeit, du
Nachtschwärmer! Dann findest du immer Einlaß; jetzt wünsch ich dir
angenehme Ruh draußen im Grünen.« Es war aber damals noch gar nicht
grün im Walde, denn das Laub der Sträucher und Bäume fing erst an, sich
zu entfalten und gewährte daher dem Ausgesperrten keinen Schutz vor dem
in der ganzen Nacht herabrieselnden Regen, der ihn bis auf die Haut
durchnäßte.
Gern hätte er dieses feuchte Nachtquartier verschwiegen, wenn er
nicht infolge der Erkältung, die er sich dabei zugezogen, am Morgen
stockheiser geworden und dies mehrere Tage lang geblieben wäre. Das
ließ sich natürlich nicht verheimlichen, und nach der Ursache davon
befragt, mußte er seine nächtliche Aussperrung eingestehen und hatte
nun neben dem Schaden auch noch den erbarmungslosen Spott sämtlicher
Burgbewohner zu tragen. Dafür wollte er sich an dem schändlichen Alten
mit einem empfindlichen Schabernack rächen.
Goswig trug Winters und Sommers eine Pelzkappe von Marderfell, die er
während der Mahlzeiten in der Dirnitz ab und bei Seite legte. Eines
Sonntags nun, wo der Abendtrunk für die Leute stets sehr reichlich
gespendet wurde, stahl sich Wilfred mit der Pelzkappe hinaus und
bestrich sie inwendig mit Vogelleim, den ihm Melissa zu dem Zwecke
bereitet hatte. Diese mußte dann den Torwart durch ihr Geplauder so
lange beim Becher festhalten, bis er mehr als genug hatte. Als er sich
dann die Kappe vor dem Abschiede, den Melissa möglichst zu verzögern
suchte, wieder aufstülpte, merkte er in seinem angeheiterten Zustande
nicht, was inzwischen damit geschehen war. Auf dem Wege zu seinem
Torstübchen war sie ihm nun schon so fest angeklebt, daß er sie nicht
vom Kopfe losbekommen konnte und sich mit ihr zu Bett legen mußte.
Anderen Mittags behielt er sie gegen seine Gewohnheit bei Tische auf,
und darüber zur Rede gestellt stieß er ärgerlich heraus: »Ist mir über
Nacht angewachsen, ich kriege sie nicht ab; die alte Heidin Suffie, die
mir spinnefeinde Zaubersche, muß sie mir angehext haben.« Wilfred und
Melissa tauschten verstohlen einen Blick, und letztere sagte am Ende
des gemeinsamen Mahles: »Goswig, gegen Großmutter Suffies Hexerei bin
ich machtlos, aber versuchen will ich's doch, Euch davon zu befreien;
haltet mal still!« Nun machte sie sich über ihn her, um ihm die
angeleimte Pelzmütze vom Kopfe herunterzuziehen. Aber das ging nicht so
leicht vonstatten, trotzdem zwei andere Mädchen, die entweder den Spuk
durchschauten oder von Melissa eingeweiht waren, sie kichernd dabei
unterstützten. Mit warmem Wasser erweichten sie den hart gewordenen
Klebstoff und zupften und zerrten alle drei vorn, hinten und über den
Ohren an der Mütze herum, daß er vor Schmerzen jammerte und stöhnte.
Als er, von der Marter endlich erlöst, sich die Innenseite seiner
Pelzkappe betrachtete, schrie er auf: »Was? das ist keine Hexenkunst,
das ist ja Vogelleim! kein anderer als der Böswichtsbube der Fred
ist's gewesen, und du falsche Kammerkatze -- ich seh dir's an -- hast
deine Krallenpfoten, mit denen du mich so grausam am Kopfe gezwickt
und gezwackt hast, dabei im Spiele gehabt,« wandte er sich, die Faust
schüttelnd, zu Melissa. »Aber wartet, ihr hinterlistigen Satanskinder,
das will ich euch ankreiden und mit Zinsen heimzahlen!« Wutschnaubend
entwich er aus der Dirnitz, war noch tagelang muckig und einsilbig
und schnitt alles Gehänsel über den ihm angetanen Schimpf mit kurzen,
derben Worten ab.
Wilfred aber beruhigte die von Goswigs Drohungen eingeschüchterte
Melissa mit dem Hinweis, daß sie ja unter dem Schutz der Gräfin stünde,
und er selber wüßte nun, wie er mit dem alten Bärbeiß dran wäre und
würde, ohne ihn im geringsten zu fürchten, auf seiner Hut vor ihm
sein. Damit gab sie sich zufrieden und dankte ihrem Tröster in der
zärtlichsten Weise.
Melissa war gegen die Fehler und Untugenden ihres Freundes keineswegs
blind und hielt doch treulich zu ihm, obwohl sie keine Hoffnung auf
eine glückliche Zukunft an seiner Seite hatte. Was sie eigentlich zu
dem übermütigen Gesellen so stark hinzog, davon konnte sie sich selber
keine Rechenschaft geben. Es war nun einmal so, und sie machte sich
nicht viel Gedanken darüber.
Aus einer ihr sonniges Dasein etwas verdunkelnden Wolke aber fiel
zuweilen ein Tropfen Wermut in den Becher ihrer sprudelnden Lebenslust.
Sie hatte erfahren, daß Wilfred sich um die Gunst einer anderen
bemühte, und wenn dies auch nicht aus Liebe geschah, so war sie doch
stets betrübt und gekränkt, wenn er sich zu jener hinschlich, zu
einer, die zum Arbeiten zu faul und zum Denken zu dumm war. Es war die
Tochter des Talmüllers, ein noch nicht mal hübsches, verzogenes und
launenhaftes Ding, das aber ein nicht unbeträchtliches väterliches Erbe
zu erwarten hatte. Nach diesem Goldfisch angelte Wilfred, scharwenzelte
um die Begehrenswerte herum und führte seine gerissensten Künste ins
Treffen, sie sich gewogen zu machen. Luitgard -- so hieß sie -- nahm
seine Huldigungen einmal entgegenkommend, ein andermal nachlässig hin,
wies ihn schnippisch ab oder ermunterte ihn, wenn sie gerade keinen
anderen Anbeter am Bändel hatte. Sie besaß nämlich ihres Geldes wegen
deren mehrere in der Umgegend, die sie mit gefallsüchtigem Betragen
anlockte und mit halben Verheißungen hinhielt und denen sie dann
wieder, je nach Laune, hochnäsig und schroff den Rücken zukehrte. So
trieb sie auch mit Wilfred ihr leichtfertiges und schnödes Spiel,
wollte es jedoch mit ihm ebensowenig wie mit den anderen verderben,
weil sie das Schmeicheln und Schöntun junger Männer nicht entbehren
konnte. Dem »armseligen Federklauber, dem flattrigen Habenichts,
der sich als verlumpter Vagant Gott weiß wie und wo in der Welt
herumgetrieben,« die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen, fiel ihr im
Traume nicht ein. »Er hat vielleicht einmal einen Tisch und nichts
darauf, eine Kanne und nichts darin, einen Spieß am Feuer und nichts
daran,« hatte sie einmal von ihm gehöhnt.
Heute, am Sonntagnachmittag, eilte er seit langer Zeit zum ersten Male
wieder zu ihr, und das war der eine von den zwei Besuchen, nach denen
er sich schon lange gesehnt hatte.
Achtes Kapitel.
Die Talmühle, ein dem Grafen eigenes Erblehen, lag nahe dem Fuße
des Bergkegels, der Schloß Falkenstein trug, an der vielgewundenen
Selke, die mit alten Weidenbäumen und mit Erlengesträuch umsäumt
war und an deren Ufern dichtes Röhricht mit violetten Federbüschen
und großblättriger Huflattich wuchs. Durch ihre glitzernden Wellen
schossen rotgesprenkelte Forellen hin und her, und über ihrem
Spiegel tanzten Mückenschwärme. Auf den Strohdächern der niedrigen
Mühlengebäude wucherte Moos und kugelige Hauswurz mit mattrosigen
Blüten auf fleischigem Stengel. Das Wasserrad stand heute still, aber
wenn es sich rauschend und schaumsprühend drehte, einen durchsichtigen
Silberschleier über den Schaufeln, so gab das ein schönes, lebendiges
Bild, das Blick und Gedanken des vorüberkommenden Wanderers eine Weile
festhielt.
Wilfred traf bei seiner Ankunft dort die Bewohner zu Hause mit Ausnahme
des einzigen Sohnes, der als Mühlknappe dem Vater im Handwerk rüstig
beistand, sich aber heute nach Meisdorf beurlaubt hatte, wo er gute
Gesellen beim Sonntagsbier im Kruge zum braunen Hirsche sitzen wußte.
Groß willkommen in der Mühle hieß man ihn nicht und hätte ihn
wahrscheinlich noch kühler aufgenommen, wenn sein Vater nicht ein
alter, treuer Freund des Müllers und seiner Frau gewesen wäre, dessen
Andenken sie in Ehren hielten und um dessentwillen sie den Sohn
nachsichtig duldeten. Meister Beutling war ein ernster, arbeitsamer
Mann und seine Kathrin eine still schaltende Hausfrau, die beide nach
dem Besuche nichts fragten und sich auch nicht um ihn kümmerten, ihn
ihrer Tochter überlassend, die ihn schon bald genug wieder los werden
würde.
Kaum zwanzig Schritte von der Mühle stand eine alte Linde mit einer
Bank und einem Tisch unter ihren schattenden Zweigen, dessen Platte
ein ausgedienter Mühlstein war. Die Linde blühte jetzt und verbreitete
einen starken, fast berauschenden Duft um sich her, während in ihrer
mächtigen Krone das Gesumm der Bienen tönte, denn Meister Beutling
hielt sich eine Anzahl Bienenstöcke, mit deren Honig er auch das Schloß
versorgte.
Dorthin begaben sich Luitgard und Wilfred, und er begann das Gespräch
mit der Bitte um Entschuldigung, daß er so lange nicht hier gewesen
wäre, worauf ihm Luitgard, die ihn gar nicht vermißt hatte, mit
geschürzter Lippe erwiderte, o wenn er keine Zeit hätte, brauchte er
sich um ihretwillen die Schuhsohlen nicht abzulaufen. Als ihr Wilfred
nun erklärte, womit er alle seine Zeit hätte hinbringen, was und wie
angestrengt er hätte arbeiten müssen, zeigte sie geringe Teilnahme an
der Art seiner Beschäftigung und schien an den bedeutenden Einfluß,
dessen er sich bei der gemeinschaftlich mit dem Ritter Eike von Repgow
betriebenen Abfassung eines großartigen Werkes rühmte, nicht zu
glauben. Es war überhaupt heute nichts Rechtes mit ihr anzufangen,
sie war wieder einmal nicht gut aufgelegt, wortkarg und mürrisch.
So unermüdlich auch Wilfred Redegabe, Witz und Scharfsinn aufbot,
es gelang ihm nicht, die gegen alles Gleichgültige zugänglicher und
freundlicher zu stimmen. Die Unterhaltung geriet mehr und mehr ins
Stocken und wäre vielleicht ganz versiegt, wenn sich jetzt nicht ein
drittes Menschenkind zu den beiden unter der Linde gesellt hätte.
Suffie, Großmutter Suffie, wie sie ringsumher genannt wurde,
eine uralte Greisin, kam vom Hause an einem Krückstocke langsam
herangeschritten. Sie mußte einst von hochragender Gestalt gewesen
sein; jetzt war sie von der Last der Jahre gebeugt, aber nicht
gebrochen, denn in dem hinfälligen Körper wohnte noch immer eine die
Ihrigen oft überraschende Geistes- und Willenskraft. Weiß war ihr Haar,
ihr lederfarbenes Gesicht von unzähligen Runzeln durchfurcht, und ihre
großen Eulenaugen funkelten hell und scharfblickend. Sie hatte hier
in der Talmühle, wo sie geboren war, Kinder und Enkel ins Grab sinken
sehen und erwartete nun bei ihrem letzten Enkel, dem jetzigen Müller,
den Tod, der sie aber vergessen zu haben schien. So wandelte sie, eine
Erscheinung aus der Vorzeit, selber schier unveränderlich, durch die
immer wechselnde Gegenwart und wußte nicht, wie alt sie war.
Ihre Erinnerungen reichten bis in ihre Jugend, viele bis in ihre
Kindheit zurück, und wenn die Müllersleute abends um sie versammelt am
Herdfeuer saßen, gab sie den Hochaufhorchenden manche davon zum besten.
Ihre stolzeste war, daß sie einmal als halbwüchsiges Mädchen Herzog
Heinrich den Löwen gesehen hatte, als er mit einem großen Gefolge von
Rittern und Reisigen über den Harz nach dem Kyffhäuser gezogen war,
um sich von Kaiser Friedrich dem Rotbart mit dem Herzogtum Bayern
belehnen zu lassen. Durch das Selketal war er zwar nicht gekommen, aber
tausende waren von nah und fern herbeigeströmt, um den mächtigsten Mann
im Reiche von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Daraus konnten die
Nachgeborenen berechnen, daß sie über hundert Jahre alt sein mußte.
Eine Christin war sie nicht und wollte es nicht sein, sondern hielt
mit finsterer Zähigkeit an dem Heidentum fest, das in den Bergen
und Wäldern des Harzes noch Jahrhunderte lang nach den blutigen
Sachsenkriegen Kaiser Karls des Großen im Verborgenen fortlebte.
Wegen ihrer Kenntnis von längst abgekommenen Sitten und Bräuchen,
von heilkräftigen Kräutern und Wurzeln, ihres Bewandertseins in
Zaubersprüchen, Wundsegen, Blutstillen und anderen Heimlichkeiten
erfreute sie sich eines so weit verbreiteten Rufes, daß manch einer
und eine kam, sie in Körperleiden und Herzensnöten um Rat und Hilfe
anzugehen. In der Familie genoß sie die größte Verehrung, und über ihre
Urenkelin Luitgard hatte sie mehr Gewalt als Vater und Mutter, denn
selbst das eigensinnige, schwer zu bändigende Mädchen fügte sich der
das ganze Hauswesen beherrschenden Ahnin.
Als die Alte herangekommen war, stand Wilfred auf und begrüßte sie mit
der Frage: »Wie geht's, Großmutter Suffie?«
»Schlecht, mein Junge! Das siehst du doch,« ächzte sie, auf der Bank
schwerfällig Platz nehmend. »Die Gicht im rechten Bein läßt mich nicht
los. Alle Morcheln, die ich mir da hinten aus dem trocknen Kiefernboden
gebrochen habe, wollen nicht helfen gegen das Gebreste, es ist ein
Elend. Ich kann nicht mehr auf die Berge klettern, mich nicht mal
mehr zum Sonnwendfeuer schleppen, und das frißt mir am Herzen. Es ist
jetzt schon das dritte Mal, daß ich dabei fehlen muß, seit mich mein
Vater als Siebenjährige zuerst mit hinaufgenommen hat, wo sie -- du
wirst es ja wissen und darüber schweigen -- wo die, die noch getreulich
dem großen Wode und der Frau Holle anhängen, sich zusammenfinden, die
alten heiligen Gebete raunen, Lose werfen und Hand in Hand durchs
Feuer springen. Hab's als schmucke Maid auch getan mit manchem jungen
Burschen, der schon lange nicht mehr springt. Seit Jahren war ich immer
die Älteste dabei und wußte mehr als alle.«
Wenn Suffie ins Reden kam, wurde sie geschwätzig und hörte so bald
nicht wieder auf. »Großmutter,« begann Wilfred, »Ihr habt doch meinem
Vater selig so manchen guten Rat gegeben und --«
»Freilich, Fred, freilich!« unterbrach sie ihn sofort wieder, »gegen
Tollwut mußte er ein Wolfsauge bei sich tragen und um den Hals eine
Schnur von Krebsscheren gegen das Gewehr des groben Keilers, aber gegen
Bärenpranken ist kein Kraut gewachsen; mit so 'nem Untier durfte er
ohne ein paar starke Hetzrüden nicht anbinden.«
»Ich wollte nur sagen,« fuhr Wilfred fort, als er wieder zu Worte kam,
»wißt Ihr denn kein Mittel zu Eurem eigenen Gesunden, daß Ihr wieder
springen lernt?«
»Nichts, mein Junge, nichts,« erwiderte sie, das greise Haupt
schüttelnd, »ich muß stillhalten, bis das alte Gerippe mit seiner Sense
kommt und mich abmäht. Ein Menschenleben geht hin wie der Rauch, das
ist so, seit die Welt im Wasser unterging.«
»Na, vorher wird's auch wohl nicht anders gewesen sein,« mischte sich
Luitgard naseweis ein, »und Ihr seht doch unsern Schornstein schon
recht lange rauchen, Großmutter.«
»Dir etwan schon zu lange, Luit?« begehrte Suffie auf. »Was weißt du
dummes Balg von leben und sterben? In den zwölf Julnächten vorigen
Winter hab' ich's einmal grausig hier durchs Tal toben und heulen
hören, da muß Wode mit seinem wütenden Heer dicht über uns hingezogen
sein, hat mir wohl einen Wink geben wollen, mich fertig zu machen.
Hätt' er sich sparen können, der große Schimmelreiter, ich bin fertig.«
»Das eilt wohl nicht, Großmutter,« lächelte Wilfred. »Es hat
schon manche um Lichtmeß gedacht, sie hätte ihr letztes Süpplein
ausgelöffelt, und ist doch noch zu Walpurgis mit auf den Blocksberg
geritten.«
»Zähme deine Zunge!« fuhr die Alte auf ihn los, richtete sich steif in
die Höhe und maß den Kecken mit einem bösen Blicke. »Eine Besenhexe bin
ich nicht.«
»Euch hab' ich damit nicht gemeint, es war nur ein Gleichnis,«
beruhigte er die Beleidigte. »Es gibt Jüngere, die mit dem Teufel einen
Tanz wagen, wenn die Engel nichts von ihnen wissen wollen.«
»Ach so!« lachte Luitgard, »nun, du hast ja oben auf dem Falkenstein
einen blonden Engel, der gewiß nicht spröde ist und dir bei Tag und
Nacht keinen Tanz versagt.«
»Darum kümmre dich nicht!« wies sie Wilfred scharf ab. »Die du im Sinn
hast, zeigt mir ein holderes Gesicht als du.«
»Richtig, Falkenstein!« fiel Suffie ein. »Ihr habt ja schon seit Wochen
einen fürnehmen Gast; was tut denn der so lange bei euch? harft und
singt wohl mit der schönen, jungen Gräfin?«
»Nein, er arbeitet mit mir.«
»Arbeitet mit dir?«
»Ja, sie kritzeln ein Buch zusammen,« spottete Luitgard. »Denkt Euch,
Großmutter, ein Buch, ein Gesetzbuch!«
»Davon verstehe ich nichts,« sagte die Alte. »Schreiberei ist
verfluchtes Satanswerk und schafft nur Unheil.«
»Sagt das nicht, Großmutter! Das Mühlen- und Wasserrecht kommt auch
in unserem Buche vor,« belehrte sie Wilfred, »höret ein Exemplum. Vor
jedem Mühlengerinne muß ein Merkpfahl eingerammt sein, der anzeigt, wie
hoch der Müller das Wasser in seinem Graben halten darf, nämlich nur
so hoch, daß eine Biene mit aufgereckten Ohren auf dem Pfahle sitzen
kann und sich dabei die Füße, aber nicht den Leib benetzt. Nun liegt es
in meiner Hand, statt eine Biene mit ausgereckten Ohren zu schreiben
ein Frosch mit hervorstehenden Glotzaugen. Das macht einen großen
Unterschied aus, denn dann kann der Müller das Wasser viel höher stauen
und seinem Rade mehr Kraft geben. Begreift Ihr das?«
»Ei wohl, schreibe so, Fred, und hole dir von Luit den Dank dafür.«
»Mir läuft unser Wasserrad schnell genug,« kam es verächtlich von des
Mädchens Lippen. »Meinetwegen kann sich Fred selber auf den Merkpfahl
setzen, von mir hat er keinen Dank zu verlangen.«
Der ihm von der Übellaunigen heute wieder zuteil werdenden schlechten
Behandlung endlich überdrüssig, erhob sich Wilfred nach dieser
wegwerfenden Äußerung und ging, sich nur von Suffie verabschiedend,
mißmutig davon.
Aber statt sich von hier aus geradwegs auf den Falkenstein
zurückzubegeben, bog er nach rechts ab und schlug sich bergan steigend
in das Dickicht, in dem er spurlos verschwand.
Er wollte noch den anderen der zwei Besuche abstatten, die er sich
für diesen Sonntag vorgenommen hatte, und da, wohin es ihn jetzt zog,
war er einer freundlicheren Aufnahme sicher. Denn dort wußte er einen
trauten Kumpan, der ihn gewiß schon seit langem sehnlichst erwartete.
In schnurgerader Richtung querwaldein dringend gelangte er zu einer
alten Buche, deren gewaltige Wurzeln in großen, schlangenartigen
Windungen und Krümmungen aus der Erde hervorragten. In einer ihrer
Gabelungen dicht am Stamme ließ sich Wilfred nieder und saß da,
auch im Rücken gestützt, so bequem wie zwischen den Armlehnen eines
moosgepolsterten Sessels. Nun holte er seine Rohrflöte hervor, die dem
Ritter Eike von Repgow bei der Ankunft auf dem Falkenstein den ersten
Willkomm zugetrillert hatte, und fing an darauf zu blasen. Nach einem
Weilchen hielt er inne und horchte. Alles still, nichts regte sich. Er
hub von neuem zu blasen an und diesmal stärker, wonach er wieder wie
ein Vogelsteller bewegungslos lauschte. Endlich vernahm er ein leises
Geräusch, nur ein paar Pulsschläge lang, dann verstummte es. Bald
erklang es wieder, immer noch leise, aber schon näher. Es war, als wenn
etwas Lebendiges behutsam heranschlich oder kroch, und jetzt sah er im
niedrigen Unterholz zwei fest auf ihn gespannte Lichter glänzen. Gleich
darauf raschelte es durch Laub und Kraut, und husch! sprang ihm mit
flinkem Satz ein Fuchs auf den Schoß.
»Schlitzohr, bist du da?« rief er und umfing das Tier, das sich ihm wie
ein treuer Hund anschmiegte und schlau blinzelnd zu ihm aufäugte.