sprach Eike nun: »Ich +war+ beim Kaiser, Frau Gräfin, und habe ihm
die wichtigsten Punkte meines Planes vorgetragen. Er hat mich in Huld
und Gnaden angehört, mir in allen Dingen zugestimmt und mir seinen
mächtigen Schutz und Schirm versprochen.«
Gräfin Gerlinde war zuerst sprachlos gegenüber dieser sie im höchsten
Maße überraschenden Kunde. Dann faßte sie sich und stellte den
Reppechower etwas von oben herab mit der herausfordernden Anzweiflung:
»Auch in +den+ Dingen zugestimmt, deren Spitze gegen die Kirche
gerichtet ist?«
»In denen am meisten,« triumphierte Eike.
»Echt hohenstaufisch!« höhnte die Gräfin in unverhohlenem Ärger.
»Echt hohenstaufisch!« wiederholte Eike mit Nachdruck, »das ist das
richtige Wort, Frau Gräfin. Durch alle Kämpfe des Kaisers mit den
Päpsten geht ein großartiger Zug entschiedenen Eintretens für die
Unabhängigkeit des Reiches, der Fürsten und des Volkes von geistlicher
Überhebung und Unterdrückung. Das Volk muß wissen, daß Kaiser und
Reich ihm Recht und Gesetz vorschreiben, nicht Papst und Kirche. Der
Herrschsucht des Klerus und seiner Anmaßung, sich die Seelen der
Menschen in ihrem Glauben und Denken bedingungslos zu unterwerfen, muß
ein Damm gesetzt werden. Das Recht muß über die Gewalt, Vernunft über
den Unsinn siegen. So sprach Kaiser Friedrich zu mir, als ich in jener
mir unvergeßlichen Stunde zu Cremona vor ihm stand.«
Wie Schlag auf Schlag trafen diese Worte die besiegte Gegnerin, und sie
wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. »Erzählt mir mehr von dem
vergötterten Freidenker Friedrich von Hohenstaufen,« bat sie dann, aber
es klang immer noch ein wenig spöttisch.
Das tat Eike gern und berichtete ihr von seinem Besuche beim Kaiser und
seiner Unterredung mit ihm so fesselnd und eindringlich, daß sie mit
unverwandten Augen an seinen Lippen hing und alles, was er vorbrachte,
mit wehendem Atem in sich einsog. --
Das Mahl auf dem Altan dehnte sich lange aus, denn die drei vergaßen
über dem lebhaften Sprechen und dem lernbegierigen Hören beinah das
Essen. Eike geriet mehr und mehr in Begeisterung, Gerlinde empfand das
Bestrickende seines Wesens und ward immer stärker davon angezogen,
und Graf Hoyer ward immer heiterer und zugleich stolzer auf seinen
rückhaltlos aus sich herausgehenden jungen Freund. Auch der edle Wein,
den einzuschenken mit stummer oder lauter Mahnung zum Trinken der Graf
+nicht+ vergaß, wirkte auf die Stimmung und erhöhte sie zu einmütiger
Fröhlichkeit.
Als der Graf wieder einmal den Becher Eikes gefüllt hatte, sagte
dieser: »Graf Hoyer, mich will fast bedünken, Ihr habt einen Fehltritt
vom Wege Rechtens zu büßen und wollt ihn mit freigebiger Spendung eines
reichlich bemessenen Trunkes sühnen.«
»Wie meinst du das?« fragte der Graf.
»Ja, es gab oder gibt vielleicht noch einen alten Brauch,
wahrscheinlich heidnischer Herkunft, nach dem verfallene Gerichtsbußen
und Pfänder lustig vertrunken wurden. Die Buße wurde dann so hoch
wie möglich veranschlagt und die Menge des von dem Sünder herbei zu
schaffenden Getränkes nach der Zahl der auf der Dingbank Sitzenden
berechnet. Da hieß es dann ›bei Strafe einer oder mehrerer Tonnen
eingebrauten Bieres‹, und man nannte das ›vom Vogtsstab zehren‹. Dem
das Urteil fällenden Richter aber gebührte der Antrunk.«
Sie lachten, und der Graf sagte: »Ich bin mir zwar keines Fehltrittes
bewußt, aber du wirst doch diese köstliche Verordnung hoffentlich in
den Artikel Strafrecht aufnehmen.«
»Selbstverständlich!« versprach Eike und grüßte den Burgherrn trunkfroh
mit dem vollen Pokal.
»Wenn Ihr mehr so ergötzliche Stücklein wißt und der Nachwelt
aufbewahren wollt, könnte auch ich mich vielleicht mit Eurem Buche
noch aussöhnen, Herr von Repgow,« sprach die Gräfin mit einem
huldvollen Lächeln.
»Wirklich, Frau Gräfin? Das würde mich sehr freuen,« erwiderte Eike.
»Ich habe in der Tat auf meinen Streifereien manche närrischen und
auch manche tief bedeutsamen Dinge erfahren. Da gab es zum Beispiel
einen spaßhaften Brauch, wie man einen ertappten Übeltäter behandelte,
über dessen Vergehen man gern ein Auge zudrücken und den man deshalb,
so man ihn nicht im eigenen Gau aburteilen mußte, entschlüpfen lassen
wollte. Dann führte man ihn an die Grenze des zuständigen Bezirkes,
lieferte ihn aber nicht dem Fronboten aus, sondern band ihn mit einem
Zwirnsfaden an den Grenzpfahl und überließ ihn dort seinem Schicksal,
das ja nun die in der Hand hatten, deren Gerichtsbarkeit er damit
übergeben war. Sobald sich aber die Häscher entfernt hatten, löste der
Angebundene mit Leichtigkeit seine dünnen Fesseln und entsprang, aller
Strafe frei und ledig, und kein Hahn krähte danach.«
»Das gehört in das Fremdlingsrecht, Eike,« bemerkte der Graf.
»Werde mich hüten, einer solchen Art von Rechtspflege irgend welchen
Vorschub zu leisten,« versetzte Eike. »Aber hört von einem anderen
Brauche, der für die tief eingewurzelte Heiligkeit des Hausfriedens ein
beredtes Zeugnis gibt. Ehemals war es in Dörfern und einsamen Gehöften
allgemeine Sitte, nachts die Haustür auszuhängen und den Eingang für
jeden, den es danach gelüsten sollte, frei und offen zu lassen. Niemand
wagte es, die Schwelle zu überschreiten, so hoch und unverbrüchlich
ehrte man dieses blinde Vertrauen.«
»Ein schöner Zug deutschen Volkslebens,« sagte der Graf, »aber ich
lasse mein Außentor lieber nicht offen stehen, obwohl ich gegenwärtig
keinen bösen Feind zu fürchten habe.«
»Des Ritters Dowald von Ascharien wegen, denkst du. Ja, der könnte
vielleicht einmal bei Nacht und Nebel einreiten,« lachte die Gräfin.
»Richtig! der brächte das fertig, wenn er wüßte, daß die Brücke nicht
aufgezogen ist.« --
Es war spät geworden und beinahe dunkel. Aber sie wollten auf dem
Altan weder Fackeln noch Kerzen haben; die silbernen Trinkgeräte
blinkten noch sichtbar genug, und der Becher fand auch ohne Beleuchtung
unfehlbar den Weg zum Munde. Trotzdem und obgleich es windstill und
auch noch warm war, riet die Gräfin bald zum Aufbruch um ihres Gatten
willen, dessen Herzen ein noch längeres Trinken schädlich werden konnte.
»Schon?« meinte der Graf, »es sitzt sich so wohlig hier, und ich bin in
Eurem scharfen Geplänkel kaum zu Worte gekommen. Auch ist uns Eike noch
manches Wichtige schuldig geblieben; vom Lehnsrecht, vom Land-, Stadt-
und Weichbildrecht hat er uns bis jetzt noch gar nichts gesagt.«
»Das kann er ein andermal nachholen,« erwiderte die Gräfin, »heute hat
er uns aus seinem reichen Wissen schon die Hülle und Fülle geboten.
Wir werden stets mit Freuden seinen weiteren Mitteilungen lauschen und
dürfen darauf hoffen; nicht wahr, Herr von Repgow?«
»Gewiß, Frau Gräfin! ich bin jederzeit gern bereit dazu,« versicherte
Eike. »Nur möchte ich Euch nicht mit Aufdeckung zu vieler Einzelheiten
ermüden. Ich kann Euch doch nicht alle Kapitel meines Buches in
endloser Reihe vorführen mit den unzähligen verschiedenen Rechten, die
ich dazu gesammelt und den Anschauungen und Anforderungen der Gegenwart
gemäß bearbeitet und ausgebildet habe.«
»Ich füge mich, für heute sei es genug,« sagte der Graf und sträubte
sich nicht länger gegen den Vorschlag seiner Gemahlin, sich zur Ruhe zu
begeben. Unten im Garten wartete schon Folkmar mit einer Laterne, um
für die Herrschaften die Pfade zur Burg hinein genügend zu erhellen.
Sie erhoben sich vom Tisch, alle drei der Freude voll über diesen so
schön verlebten Abend, und traten, als könnten sie sich noch nicht
trennen, an die Brüstung, von wo aus jedoch nichts mehr zu sehen
war als die oberen Umrisse der Berge, wie sie sich matt vom Himmel
abzeichneten. Im Tal und über allen Wipfeln und Gipfeln träumte die von
Sternenglanz durchflimmerte Frühlingsnacht.
Sechstes Kapitel.
Die Tage auf der Burg zogen einer wie der andere gleichmäßig vorüber,
und zwischen den gräflichen Wirten und ihrem Gaste waltete fröhliche
Eintracht. Eike war rastlos an der Arbeit und diktierte Wilfred bald
aus dem Kopf in die Feder, bald ließ er ihn Abschrift machen von dem,
was er selber schon im Ausdruck fertig mit vielen Änderungen und
Verbesserungen zwischen den Zeilen zu Papier gebracht hatte.
Selten kam bei Tische die Rede wieder auf das Buch und dann nur mit
wenigen Worten, weil Eike erregte Auseinandersetzungen über strittige
Punkte aus Rücksicht auf die Gräfin vermeiden wollte, so gern er auch
ihre oft treffenden Bemerkungen anhörte, die sogar manchmal zu noch
größerer Klärung seiner eigenen Ausführungen beitrugen.
Ihre Einwände gegen Eikes Beurteilung mancher Dinge flossen aus
zwei verschiedenen Quellen. Einerseits aus der streng kirchlichen
Richtung, in der sie von klein auf erzogen war, und andernteils aus den
geschichtlichen Überlieferungen ihrer Vorfahren, denn ihre Mutter war
der Sprößling einer lombardischen Adelsfamilie. Die Lombarden aber
waren seit Menschenaltern die unversöhnlichen Gegner der Hohenstaufen
und daher voreingenommen und widerspenstig gegen alles, was die
deutschen Kaiser anordneten, begünstigten und beschützten. Diese auch
gegen Friedrich II. aufsässige Gesinnung hatte sich auf Gerlinde
vererbt.
Die südländische Abstammung verriet schon ihr Äußeres. Sie hatte
schwarzes Haar, dunkle, glutvolle Augen und eine ins Bräunliche
spielende Hautfarbe. Aber auch ihre lebhafte Art im Sprechen und
Sichgeben deutete auf Heißblütigkeit und Leidenschaftlichkeit
als angeborene Eigenschaften der italienischen Rasse. Sie konnte
die stolz gebietende Herrin herauskehren, aber auch von heiterer
Natürlichkeit und Herzensgüte sein gegen alle Insassen der Burg, die
mit nie wankender Treue an ihr hingen und jedem ihrer Befehle freudig
gehorchten.
Als sie Gräfin von Falkenstein geworden war, hatte sie das Schloß
ausgerüstet mit allem, was das Leben angenehm und genußreich machen
konnte, vorgefunden, hatte aber auch das Ihrige getan, diesen Zustand
zu erhalten, und der Ausschmückung der Wohnräume noch manches
ergänzende und verschönernde Gerät hinzugefügt. Das größte Gemach in
der Burg hieß der Speisesaal, weil die Herrschaften dort zu speisen
pflegten, aber die Bezeichnung Saal verdiente es kaum, denn es war
nur von mäßigem Umfang, doch immerhin größer als alle anderen. Man
hatte bereits Glasfenster auf dem Falkenstein, auch farbige und mit
gemusterten Vorhängen versehene. Die Wände der Gemächer waren entweder
bemalt mit figürlichen Darstellungen aus der heiligen Legende und
dem sächsischen Sagenkreise oder mit kostbaren Geweben, sogenannten
›heidnischen Teppichen‹ aus dem Morgenlande bedeckt. Auch die auf
Kragsteinen oder Säulen ruhenden Rauchmäntel der Kamine, in denen beim
flackernden Feuer mit Thymian und Wacholder geräuchert wurde, waren
mit Malereien oder breiten, bestickten Borten verziert, und von den
Gewölben schwebten hölzerne Kronleuchter, auf deren Stacheln dicke
Kerzen gespießt waren. Über die schweren Tische und die geschnitzten
Truhen waren bunte Tücher gebreitet und Rückelaken über die Lehnen der
Sessel, zumeist Gerlindes eigenhändige Arbeit, weil sie sich viel und
gern mit kunstfertigen Stickereien beschäftigte.
Aber auch in ihrer persönlichen Erscheinung bewies Gräfin Gerlinde
erlesenen Geschmack und Schönheitssinn und verstand es, sich gut zu
kleiden. Ihre hochgebaute Gestalt mit den herrlichen Gliedern war meist
in ein hell schimmerndes Gewand gehüllt, das von einem mit blitzenden
Steinen besetzten, vorn lang niederhängenden Gürtel umschlossen war und
in weichen Falten zu den Füßen hinabfloß. Das Haar trug sie gewöhnlich
aufgelöst, daß es ihr in seiner üppigen Fülle frei über Nacken und
Rücken wallte, um die Stirn aber ein Schapel, ein einfaches Band oder
einen schmalen Goldreif, im Sommer auch wohl einen Kranz von Blumen
oder frischem Laub.
Zu ihrem liebsten Zeitvertreib gehörten außer der Stickerei vornehmlich
Gesang und Harfenspiel, die nicht nur ihr selber Freude machten,
sondern auch dem Gottesdienst in der Kapelle zustatten kamen. Graf
Hoyer duldete nämlich seit Jahren keinen Burgkaplan mehr auf dem
Falkenstein, weil er mit dem zuletzt angestellten eine schlimme
Erfahrung machen mußte, die ihn zur sofortigen Entlassung des
Pflichtvergessenen bewogen und ihm dieses allgemein übliche Hofamt
verleidet hatte. Seitdem hielt er die sonntäglichen Andachten in der
Kapelle selber ab.
Auf einem schönen Kissen von Brokat, in den Blumenranken mit darin
sitzenden Vögeln eingewebt waren, kniete er vor dem Altar und betete
seiner kleinen Burggemeinde das ~Pater noster~, das Ave Maria und
die Litanei vor, wozu die Versammelten die Responsorien murmelten.
Bisweilen kam ein Mönch aus dem Kloster Hagenrode, nahe bei Harzgerode,
und las die Messe. Dann saß die Gräfin auf einer Empore, spielte eine
fromme Weise auf ihrer Harfe und sang ein ernstes Lied mit einer
wohllautenden, etwas tief liegenden Stimme.
Wenn dann die Sonne durch die gemalten Fenster schien und die
Kapelle mit farbigem Licht erfüllte, so schwebte durch den Raum eine
weihevolle, die Gemüter erhebende Gottesnähe. --
Schon waren der Gräfin sechs Jahre an der Seite ihres viel älteren
Gemahls ohne irgendein denkwürdiges Ereignis langsam dahingegangen. Nur
selten hatte sie den Falkenstein zu einem Ausflug in eine benachbarte
Grafschaft verlassen und nur dann und wann den kurzen Besuch
befreundeter Standesgenossen empfangen. Und nun hatte sie auf einmal
und auf die voraussichtliche Dauer von mindestens sechs Monaten einen
Gast in der Burg, der ihr, ehe sie ihn kannte, wenig willkommen gewesen
war.
Das hatte sich von dem Tage seines Eintreffens an geändert. Eike von
Repgow war ihr ein werter und lieber Gesell geworden, dessen Gegenwart
sie erfreute und dessen ritterliches Wesen sie in hohem Grade anmutete.
Mit seinen weit ausgreifenden gesetzgeberischen Plänen konnte sie
freilich nicht gleichen Schritt halten, ihre Ansichten und Meinungen
mit den seinigen nicht immer in Einklang bringen und seine entschiedene
Abneigung gegen Kirche und Geistlichkeit nur tief bedauern. Seiner
Unkirchlichkeit wegen machte sie sich sogar ernste Sorgen um ihn und
überlegte schon, wie sie ihn sacht und allmählich zu einer anderen,
der ihrigen mehr entsprechenden Auffassung bekehren könnte, freilich
mit nur schwacher Hoffnung, soviel Einfluß auf den in sich gefesteten
Denker und Gelehrten zu gewinnen.
Dennoch erfüllte sie sein kühnes Werk, sein Mut und sein Wille,
Rechtseinheit in ganz Sachsenland einzuführen, mit der größten
Hochachtung. »Das Recht schaffen und die Gerechtigkeit auf den Schild
heben,« hatte er gesagt. Klang das nicht wie ein Wahlspruch für sein
ganzes Leben und Streben?
Durchdrungen von der Anerkennung seiner vaterländischen Gesinnung
bewunderte sie zugleich sein umfassendes Wissen und seine hinreißende
Beredsamkeit, womit er sie gefangen nahm und wie mit Zauberbanden
fesselte.
Jener Abend auf dem Altan haftete, obwohl er schon Wochen zurücklag,
unauslöschlich eingeprägt in ihrer Erinnerung, und ihr klopfte das
Herz, wenn sie sich vergegenwärtigte, wie Eike ihr dort gegenüber
gesessen und das, was ihn im Innersten bewegte, ihr und dem Grafen
offenbart hatte. Sie sah ihn noch in der jugendlichen Vollkraft seiner
Jahre mit den edel geformten Zügen und den flammenden Augen, hörte
noch seine vor Erregung manchmal leis bebende Stimme und empfand noch
einmal die heimlichen Schauer, die sie bei seinem packenden Vortrage
durchrieselt hatten. Und so sah sie ihn nun tagtäglich, und auch
dann, wenn er körperlich nicht zur Stelle war, stand doch sein Bild,
wie sie es sich von ihm schuf, lebendig vor ihr und ließ sich nicht
verscheuchen. Wohl versuchte sie, dagegen anzukämpfen und sich von dem
bestrickenden Banne frei zu machen mit dem ihr strenggläubiges Gewissen
aufrüttelnden Bedenken: er ist doch ein halber, wenn nicht ein ganzer
Ketzer, mit dem man Mitleid haben, dem man aber nicht uneingeschränkte
Verehrung zollen kann. Was half es ihr? Eike von Repgow war in ihr
Leben getreten wie ein Stern, der jetzt erst am Himmel aufgegangen war
und mächtig in ihr Schicksal einzugreifen drohte. In träumerischer
Bangnis fragte sie sich: wird er dir Glück oder Unglück bringen?
Es war in ihrem kleinen, höchst behaglich eingerichteten Frauengemach,
wo sie sich solchen Erwägungen hingegeben hatte. Dort befand sich
unter allerlei kostbarem Hausrat ein schlichtes Betpult, ein altes
Erbstück ihrer Familie, das sie von Hause hierher mitgebracht hatte
und über dem an der Wand eine aus Elfenbein geschnitzte Mutter Gottes
mit dem Jesuskinde hing. Hier kniete jetzt Gräfin Gerlinde nieder und
betete zur heiligen Jungfrau für Eike von Repgows schwer gefährdetes
Seelenheil. --
Der tagsüber in seinen Schriften vergrabene Gast ahnte nicht, daß die
Herrin der Burg sich soviel mit ihm beschäftigte und mit welcherlei
Betrachtungen sie ihn unablässig umwob. Nur mittags und abends kam
er aus seiner Werkstatt in die Räume, die zum gemeinsamen Aufenthalt
dienten, und pflegte mit Graf und Gräfin eine alle drei erfrischende
Geselligkeit. Dort ruhten Gerlindes Augen oft sinnend auf seinem
Antlitz, als wollten sie eindringen in den tiefen Schacht, dem er
das Gold und das Eisen entnahm, woraus er in stiller Geistesarbeit
seinem Volke Gesetze schmiedete. Wenn sich dann sein und ihr Blick
zufällig begegneten, schlug sie geschwind die Augen nieder, und ein
rosiger Hauch glitt über ihre bräunlichen Wangen. O wie schön war sie
dann in ihrer rührenden Beschämung und Verwirrung! Eike fühlte sich
davon ergriffen, und ihm war, als müßte er sein Haupt neigen vor so
entzückender, unbewußter Anmut. Höher aber als ihre blühende Schönheit
schätzte er ihre geistigen Vorzüge, ihre schnelle Auffassungsgabe und
ihre stets bereite Empfänglichkeit für alles, was dem Leben inneren
Wert oder äußeren Schmuck verlieh. Während der Mahlzeiten plauderte er
gern mit ihr über Dinge, die ihnen beiden am Herzen lagen, und hörte
ihr ebenso begierig zu wie sie ihm. Nur über sein Buch sprach er fast
niemals, obwohl sie ihn bei Tische mehrmals darauf hindrängte, weil
sie in der Unterhaltung über seine fortschreitende Arbeit den Weg zu
gegenseitiger seelischer Annäherung und wachsendem Vertrauen sah.
Eike merkte wohl ihre Absicht, ihn auszuforschen, aber nicht den damit
verfolgten Zweck, sondern glaubte, daß sie nur Gelegenheit zu erneutem
Streiten suche, um sich in glänzenden Wortgefechten mit ihm zu messen.
Hätte er Gerlindes wahren Zweck erkannt, hätte er ihr mit Freuden jeden
Einblick in sein Werk gestattet, seiner und ihrer sicher, daß er mit
seinen Aufklärungen ihre Zweifel und Bedenken zerstreuen und sie ihm
zur Verständigung das weiteste Entgegenkommen zeigen würde. Nur ihr zu
Liebe hielt er ja, in seinem Irrtum befangen, mit seinen lehrhaften
Erläuterungen zurück, um sie nicht zum Widerspruch zu reizen, zu
verstimmen und dadurch das freundliche Verhältnis, das zwischen ihnen
waltete, zu trüben.
Darum blieb er bei seiner unausgesprochenen Weigerung, und ihre
deutlichen Winke, mehr von seinem Buche zu reden, prallten an
seiner hartnäckigen Verschlossenheit, deren Gründen sie vergeblich
nachspürte, machtlos ab. Aber ihr Verkehr miteinander litt unter dieser
Geheimtuerei, wie es die Gräfin nannte, durchaus nicht. Der war bei
regem Meinungsaustausch über allerhand sonstige, des Erwähnens werte
Gegenstände nach wie vor ein heiterer, harmloser, bald schalkhaft und
neckisch, bald ernst und sinnig, von Eikes Seite stets ehrerbietig, von
ihrer feinfühlig und ohne jede Zimperlichkeit.
Während er ihr nun in dem einen Punkte nicht nachgab, warb er bei
allen anderen Gelegenheiten des täglichen Umganges mit desto größerer
Beflissenheit um ihre Gunst, die sie ihm auch, holdselig dazu lächelnd,
reichlich zuteil werden ließ. Dabei wehrte er sich nicht gegen den
Eindruck, den ihre sinnberückende Erscheinung und ihr liebenswürdiges
Wesen allstunds auf ihn machte. Er folgte mit den Augen allen ihren
Bewegungen, zumal ihrem schwunghaften, federnden Schreiten, das in den
Gemächern wie im Freien etwas leicht Schwebendes und Hoheitliches hatte.
Diesen Eindruck, der so stark war, daß Eike ihn nicht verhehlen konnte,
wurde Gerlinde bald gewahr, und, ob auch weit entfernt von kleinlicher
Eitelkeit und Gefallsucht, vergaß sie doch nie, auf sich zu achten und
sich ihm stets von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen.
So spannen sich von innen heraus und außen herum allmählich zarte,
geisterhafte Fäden zwischen ihr und ihm, die sich miteinander
verschlangen und verknüpften und zu einem dichten Gewebe der hinüber
und herüber gleitenden Gedanken und Gefühle wurden. --
Graf Hoyer hatte seine Freude an dem trauten Einvernehmen Eikes mit
Gerlinde und trug, was er konnte, dazu bei. Hatte er doch seinem
Gaste gleich bei dessen Ankunft den Wunsch ans Herz gelegt, sich mit
seiner jungen Gemahlin auf einen guten Fuß zu stellen und sich in
aufmunternder Weise soviel wie möglich mit ihr abzugeben; er und sie
würden es ihm Dank wissen. Und nun sah er zu seiner Genugtuung, wie
Gerlinde seit Eikes Anwesenheit förmlich auflebte und einen Frohsinn
entfaltete, den er noch gar nicht an ihr kannte.
Eikes wiederholte Ablehnung, zu Gerlinde von seinem Buche zu reden,
deutete er sich ganz richtig, daß er nur ihre leicht verletzte
Hinneigung zu kirchlichen Dingen, die er seinerseits nicht teilte,
rücksichtsvoll schonen wollte. Gegen ihn selbst, den Grafen, der ihn
zuweilen in seinem Arbeitsgemach aufsuchte, verhielt er sich keineswegs
so ablehnend, sondern besprach manche Einzelheiten mit ihm und holte
in wichtigen Fragen gern den Rat des erfahrenen und weltkundigen
Gerichtsherrn ein, wobei er dann oft »+unser+ Buch« statt mein Buch
sagte, eine für den Grafen schmeichelhafte, aber ehrlich gemeinte
Bezeichnung, die Hoyer als unverdient zurückwies. Manchmal kam es aber
auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden, die sie hitzig
miteinander durchfochten, bis einer den anderen überzeugte. Das gelang
indessen nicht immer, und wenn Eike bei dem blieb, was er geschrieben
hatte, mußte der Graf nachgeben, was übrigens ihrer Freundschaft keinen
Abbruch tat.
Von seiner Herzschwäche hatte der Graf jetzt wenig zu leiden, so daß er
ohne Beschwer im Forst umherwandern und auf die Berge steigen konnte.
Er ließ sich in stundenweiter Entfernung von der Burg ein Jagdhäuschen
errichten, um, mit dem nötigen Mundvorrat versehen, dort zu nächtigen
und im Morgengrauen auf den Anstand zu gehen.
Gewinn von des Grafen zeitweiliger Abwesenheit hatte nur Wilfred, weil
sein Plagegeist, der schreibwütige Ritter, der ihm und sich selber
wenig Muße gönnte, an solchen Tagen das Beisammensein mit der Gräfin
merklich ausdehnte und infolgedessen seinem schmählich Unterjochten
nicht beständig auf die Finger passen konnte. Das machte sich der auf
rastlose Arbeit gar nicht Erpichte natürlich zunutze, legte, falls er
überhaupt im Zimmer und auf seinem Schreibstuhl hocken blieb, die Feder
vergnügt bei Seite und streckte sich auch wohl auf der Ruhebank lang
aus, als wäre er nun der Herr in diesen schönen vier Wänden.
Er sehnte sich schon längst wieder nach einem freien Tage, um zwei
Besuche abzustatten, die er bisher aus mancherlei Gründen hatte
aufschieben müssen. Aber morgen war ja wieder Sonntag, da hoffte er
alle Hindernisse beseitigen und sein Vorhaben endlich ausführen zu
können.
Siebentes Kapitel.