»Nein, mich tätlich an ihm zu vergreifen hielt ich unter meiner

Ritterehre,« versetzte Dowald stolz. »Aber er mußte mir seinen Namen

nennen, und ich sagte ihm auch den meinigen mit dem Zusatz, ich wäre

Gerichtsherr in dem Gau und würde mir sein Malefizgesicht auf das

genaueste merken. Darob erschrak er gewaltig und flehte mich himmelhoch

an, Gnade zu üben und ihn laufen zu lassen. Das tat ich denn auch, die

Juden aber nahm ich mit, das heißt, ich ließ sie neben meinem Pferde

einhertrotten so lange, bis sie vor den vielleicht in der Nähe auf sie

lauernden Strichvögeln sicher sein konnten.«

»Und das geraubte Geld gabt Ihr den beiden Juden natürlich zurück,«

sagte der Graf.

»Zur Hälfte,« erwiderte Dowald, »die andere Hälfte behielt ich als

verdienten Lohn für die Lebensrettung.«

»Nur die Hälfte behieltet Ihr? wie großmütig!«

»O sie waren sehr erfreut, soviel wiederzubekommen.«

»Hatten gar nichts erwartet, nicht wahr?«

»Es schien mir in der Tat so,« gab Ritter Dowald zu ohne den Sinn

dieser fast beleidigenden Frage zu verstehen.

»Nun aber bitte ich Euch, Eurem Schreiber den jugendlichen

Schelmenstreich nicht nachzutragen,« schloß er.

»Deswegen könnt Ihr ruhig schlafen,« erwiderte der Graf. »Dieser

jugendliche Schelmenstreich, wie Ihr die Beraubung harmloser Wanderer

mit gewohnter Milde nennt, wird wohl nicht der einzige von ihm

verbrochene sein. Er hat aus seiner Vagantenzeit gewiß mehr solcher

Stücklein auf dem Kerbholz, von denen ich nichts weiß und nichts wissen

will.«

»Recht so, Graf Hoyer! wir sind doch auch einmal jung gewesen.«

»Ja freilich! und Ihr seid es beinahe noch, so tapfer und geschäftsklug

habt Ihr Euch bei dem Handel benommen,« sprach der Graf mit anzüglichem

Tone.

Dowald fühlte den ihm versetzten Stich und schwieg. Ihm ward durch

diese recht deutliche Anspielung doch allmählich klar, daß er sich mit

der Erzählung der abenteuerlichen Begebenheit in ein sehr ungünstiges

Licht gerückt hatte.

Auch die anderen saßen unter diesem Eindrucke eine Weile stumm da, bis

Gräfin Gerlinde das Gespräch wieder aufnahm mit der Frage: »Habt Ihr

bei Eurem unverhofften Wiedersehen mit dem ehemaligen Strichvogel die

Erinnerung an jenes erste Zusammentreffen aufgefrischt, Herr Ritter?«

»Nur ganz beiläufig erwähnten wir es unter uns, gnädigste Gräfin,«

erwiderte Dowald verlegen, nun auch noch in dem erwachenden

Bewußtsein seines Wilfred gegenüber begangenen Wortbruches, da er

doch Verschwiegenheit gelobt hatte. Um weiteren Erörterungen über den

heikelen Gegenstand vorzubeugen, wandte er sich schnell an Eike und

sagte: »Mit Eurem Gesetzbuche könntet Ihr übrigens ein gutes Werk tun,

Herr von Repgow.«

»Inwiefern, Herr von Ascharien?« fragte Eike wißbegierig.

»Ihr solltet Euch der armen fahrenden Ritter annehmen und in Eurem

Buche die Bestimmung festlegen, daß wir mit Sorgen und Nöten schwer

Beladenen überall nur die halbe Zeche, kein Wegegeld, keinen

Brückenzoll, keine Zinsen für Schulden und vor allem keine Steuern und

Beden zu bezahlen hätten.«

»Dowald! +Ihr+ Zeche und Zinsen bezahlen?« lachte der Graf frei heraus.

Auch Gräfin Gerlinde lächelte verstohlen und biß sich auf die Lippen,

um einen lauten Heiterkeitsausbruch zurückzuhalten.

Eike aber erwiderte scheinbar ganz ernsthaft: »Kein übler Vorschlag von

Eurem Standpunkte aus. Aber was würden wohl die Wirte, die Gläubiger,

und die kaiserlichen Säckelmeister dazu sagen?«

»Die kaiserlichen Säckelmeister mögen sich die Steuern und Abgaben zu

des Reiches Nutz und Notdurft aus den Taschen des geringen Volkes, der

Handels- und Gewerbsleute, Handwerker und Pfahlbürger holen, aber nicht

der edlen Ritterschaft aufbürden, der man mit so etwas nicht kommen

darf, weil sie ihr Geld zu ihrem eigenen standesmäßigen Auftreten

braucht,« schnarrte der selbstsüchtige Ascharier.

»Was Ihr da verlangt, edler Ritter, wäre für die in meinem Gesetzbuch

angestrebte Rechtsgleichheit ein Schlag ins Gesicht,« entgegnete Eike

empört.

Auch Graf Hoyer fühlte sich in seiner echt vornehmen Denkungsart durch

das unerhörte Ansinnen tief verletzt, wollte sich aber auf einen Streit

darüber mit dem verbohrten Querkopf nicht einlassen und hielt es jetzt

für an der Zeit, mit dem verabredeten Plane zur Abschüttelung des

Überlästigen einzugreifen. Er begann: »Wir hatten uns vorgenommen, Euch

über Repgows Buch genauen Bericht zu erstatten, und nun ist uns Fred

damit zuvorgekommen. Aber es gibt ein Mittel, Euch gründlicher in das

Werk einzuführen als es die weitschweifigste Belehrung vermöchte. Ich

habe Euch nämlich einen dringenden Wunsch ans Herz zu legen, dessen

Erfüllung Ihr mir schwerlich versagen werdet, Dowald.«

»Ich kann mir keinen Wunsch denken, den ich Euch nicht mit Freuden

erfüllen würde, Graf Hoyer,« versicherte der Ritter mit einem Tone, der

auf bedingungslose Bereitwilligkeit zu allem schließen ließ.

»Das freut mich, und ich habe auch nichts anderes von Euch erwartet,«

fuhr der Graf fort. »Seht mal, wir beide, Repgow und ich, haben mit dem

Gesetzbuch alle Hände voll zu tun und wissen gar nicht, wie wir allein

damit fertig werden sollen, denn die Sache drängt zur größten Eile. Wie

wäre es nun, wenn Ihr uns einige Wochen lang beim Schreiben fleißig

hülfet?«

Dem Ascharier blieb vor Schreck der Bissen im Munde stecken. Er legte

das Messer nieder und starrte den Grafen sprachlos an. Dann ermannte er

sich und brachte nun stotternd vor: »O wie gerne, wie sehr gerne tät

ich das, lieber Graf! aber -- jammerschade! leider, leider muß ich heut

nachmittag fort nach der Heimburg, wo man mich bestimmt und ungeduldig

erwartet, denn ich habe dem zweitgeborenen Regensteiner, der dort

oben auf dem Kegel horstet, meinen Besuch hoch und heilig versprechen

müssen.«

Graf Hoyer wiegte das Haupt hin und her wie mit dem tiefsten Bedauern

und in der bittersten Enttäuschung. »Das trifft sich schlecht,« sprach

er, sich mühsam beherrschend, »ich hatte schon meine Hoffnung auf

Euch gesetzt. Daß Ihr des Schreibens kundig seid, weiß ich, und es

braucht ja nicht so schön zu werden wie eine kunstvoll gedrechselte

Mönchschrift. Könnt Ihr uns nicht wenigstens heute nachmittag noch ein

paar Stunden helfen?«

»Nein, nein! es geht nicht, es geht nicht,« beteuerte Dowald,

Angstschweiß auf der Stirn. »Es ist ein weiter Ritt nach der Heimburg

und schon die höchste Zeit zum Aufbruch, ich sollte längst in den

Bügeln sein. -- Folkmar,« rief er dem Diener zu, »laß mir mein Roß

satteln, aber schnell! -- Mit diesem Abschiedstrunke dank ich Euch,

Graf Hoyer, und Euch, Gräfin Gerlinde. Ich wäre so gern noch geblieben

und weiß, ihr hättet mich gern hier behalten, aber diesmal geht's

nicht, ich komme bald einmal wieder und dann will ich bleiben so lange

wie ihr wollt; heute geht's nicht, ich muß fort, muß gleich fort.« --

Als kaum ein Viertelstündchen später Ritter Dowald aus der Burg hinaus

war, jubelte Eike: »Der Streich wäre gelungen, Graf Hoyer! nun heraus

mit der Fahne am Bergfried!«

»-- Nein!« entschied der Graf, »ich ärgere mich.«

»Worüber?«

»Daß der alte Schwätzer durch Freds alberne Prahlerei von deinem Buche

weiß.«

»Ja, den berühmten Kodex konnten wir ihm danach freilich nicht

aufbinden.«

»Ach, das ist Nebensache, aber der Ascharier kann's Maul nicht

halten,« stieß Graf Hoyer grimmig hervor. »Er wird es allenthalben

herumträtschen, daß hier auf dem Falkenstein ein neues Gesetzbuch

geschrieben wird, und nun werden sie uns von allen Seiten mit törichten

Fragen und aufdringlichen Ratschlägen kommen.«

»Mögen sie kommen!« sprach Eike, »dagegen bin ich gefeit, und den

unbequemen Einlieger sind wir glücklich los.«

»Fein eingefädelt habt ihr euer boshaftes Fürnehmen gegen ihn,«

bemerkte die Gräfin.

»Bedanke dich bei Eike!« bedeutete sie der Graf, »der hat's ausgeheckt.«

»Ein Meisterstück, Herr von Repgow! aber hartherzig und grausam.«

»Schmerzt Euch sein Scheiden?«

»Durchaus nicht! aber der arme Mensch dauert mich. Ihr habt ihn verjagt

und vertrieben durch eure schändliche List, indem ihr ihn bei seiner

schwachen Seite faßtet. Wo soll er nun hin, der nicht Heim, nicht Herd,

kein Obdach und keinen Gastfreund hat, dem er willkommen wäre?«

»Du hast recht, Gerlinde,« sprach der Graf. »Ein armer, bedauernswerter

Mensch ist, wer keinen Freund, keinen wahren Herzensfreund hat.

Innerlich einsam geht er durchs Leben, ob er auch hundert Gesellen hat,

die mit ihm bechern und bankettieren, ihn umschwärmen und umschwänzeln,

ihn aber nicht lieben und achten.«

Fünftes Kapitel.

Von dem kleinen Garten innerhalb der Burgumwallung führten Stufen

zu einem geräumigen Altan empor, der mit einer gemauerten Brustwehr

umgürtet war. Aus dieser erhoben sich in gleichmäßigen Abständen

steinerne Säulen, ein Gitterwerk von Latten tragend, das den ganzen

Altan mit einem luftig durchbrochenen Dach überspannte. Denn sowohl

die Säulen als auch das wagerechte Spalier waren mit Efeu und

anderen Schlinggewächsen berankt, deren Blätter zwar hier und da den

Sonnenstrahlen einen Durchschlupf erlaubten, aber den größten Teil der

Plattform beschatteten. Nur wenn sich die Sonne am Spätnachmittage

tiefer senkte, konnte sie ungehindert eindringen, jedoch befanden sich

zwischen den Säulen leinene Vorhänge, die zugezogen werden konnten und

dann vor Blendung schützten.

Hier von der Hochwacht hatte man einen herrlichen Blick in das Tal

und auf den dichten, krausen Wald, dessen Laub vom hellsten bis zum

dunkelsten Grün in wohltuendem Gemisch und Wechsel üppig prangte. Weit

umfassend war die Aussicht nicht, weil sie durch die Krümmungen des

Tales und die sich voreinander schiebenden Berge beschränkt war. Fern

im Westen aber zeigte sich bei klarem Wetter der Gipfel des Brockens,

mit seiner stolz geschwungenen Linie die nahen Berge hoch überragend.

Außer unermüdlichen Vogelstimmen jeglicher Art, rufend und flötend,

lockend und girrend, tönte kein Laut von unten herauf. Nur in den

vom Winde geschaukelten Wipfeln und Zweigen der Bäume regte sich

zuweilen ein Brausen und Rauschen oder ein Lispeln und Säuseln wie

Liebesgeflüster oder wie geheimnisvolles Raunen von alten Mären und

Sagen. Wer das deuten und verstehen wollte, hörte bald ein Grollen und

Drohen, bald ein heißes Sehnen und leises Klagen heraus, oder legte der

Lauschende das alles selber hinein, wie es in den von Gefühlen bewegten

Saiten seines eigenen Herzens erklang? --

Gräfin Gerlinde stand an der Brüstung, und ihre schlanke Gestalt in

hellem Gewande hob sich von dem satten Waldesgrün drüben wirkungsvoll

ab.

Sie gedachte der unwilligen Äußerungen ihres Gemahls heute mittag nach

dem Abzuge des Ritters Dowald von Ascharien und konnte sich seinen

Verdruß über dessen Mitwissen von dem Gesetzbuche nicht erklären.

Enthielt es denn etwas Verfängliches, Gefährliches, dessen

Bekanntwerden den Männern Sorgen schaffen konnte? Es war doch nach

seiner Vollendung für die weiteste Verbreitung im Sachsenlande

bestimmt, und jetzt wollte man es vor dem keineswegs scharfsinnigen

Ascharier wie ein Geheimnis hüten?

Allerdings, sie wußte so gut wie nichts davon. Der Graf hatte sie schon

bei seiner Ankündigung von Eikes Besuch vertröstet, daß sie alles, was

ihr von dem Inhalt zu wissen nötig oder wünschenswert wäre, aus des

Verfassers eigenem Munde hören sollte, und ihre verzeihliche Neugier

wäre gewiß schon gestern befriedigt worden, wenn das Hereinplatzen

jenes ungebetenen Gastes die offene Aussprache nicht unterdrückt hätte.

Heut abend jedoch und hier auf dem Altan stand ihr der Genuß bevor,

in das groß angelegte Werk, wie es ihr Gemahl genannt hatte,

eingeweiht zu werden. Der Genuß? wird es wirklich ein Genuß für sie

werden? fragte sie sich. Trockene Rechtsgelehrsamkeit zählte nicht

zu ihren Liebhabereien, und sie konnte dem Dozierenden keineswegs

ein aufmerksames Gehör versprechen. Indessen -- Repgows ritterliches

Wesen bürgte ihr einigermaßen dafür, daß er sie nicht mit geistlosen,

spitzfindigen Tüfteleien über verzwickte Rechtverhältnisse langweilen

würde.

Also wollte sie es darauf ankommen lassen, was sie von dem ihr bis

jetzt durchaus wohlgefälligen Manne für Weisheiten vernehmen würde,

und, falls er sie damit nicht zu fesseln vermochte, frühzeitig müde

werden und vor seinen weitläufigen Auseinandersetzungen die Flucht

ergreifen.

Die Schatten wurden länger und länger; im Tale herrschte tiefe Ruhe

und ein alles Lebende hold beschirmender Friede. Die Sonne ging in

Gold und Purpur zu Gnaden, und die Hitze des Tages wich allmählich

einer angenehmen, leis fächelnden Kühle, in der sich wonnig atmen ließ.

Auch aus dem ganzen Bereiche der Burg, dem Hochbau, den Wohnräumen der

Mannen und des Gesindes, dem Hof und den Ställen drang kein störendes

Geräusch zu der abgelegenen Empore, auf die sich die Herrin des

Schlosses wie auf eine umhegte Freistatt gern zurückzog, wenn sie mit

ihren Gedanken allein sein wollte.

Jetzt nahten Schritte und veranlaßten die Einsame, die sich inzwischen

einen Schemel an die Brustwehr gerückt hatte, umzuschauen. Folkmar

und Melissa kamen mit allerhand Gerät die Stufen herauf, um hier

den Tisch zum Abendessen zu decken. Folkmar stellte die selten in

Gebrauch genommenen silbernen Pokale auf, was sicherlich nicht ohne den

ausdrücklichen Befehl des Grafen geschah und seine Absicht verriet,

der kleinen Tafelrunde einen etwas prunkhaften Anstrich zu geben. Dann

brachte er auch eine hohe, silberne Weinkanne in einem kupfernen Kübel

mit kaltem Brunnenwasser. Die Gräfin lächelte zu diesen ungewöhnlichen

Vorbereitungen und dachte: ob Hoyer auch dem Koch heimlich Weisung

gegeben hat, ein Festmahl anzurichten vor Freude, daß er den Ascharier

so schnell wieder losgeworden ist? Nun, wenn die geistige Nahrung so

gut ausfällt, wie die leibliche Verpflegung zu werden verspricht, --

mir soll's recht sein.

Bald hörte sie die beiden Herren in lebhaftem Gespräch durch den Garten

daherkommen, erhob sich und winkte ihnen freundlich zu. Ein dickes

Aktenbündel bringt der Herr Magister wenigstens zu seinem Vortrage

nicht mit, sagte sie sich mit einem Gefühl der Erleichterung.

»Haben wir warten lassen, Gerlinde?« fragte der Graf von unten herauf

in offenbar fröhlicher Stimmung.

»Es ist alles bereit,« erwiderte sie, »aber ich wußte meine Ungeduld zu

zügeln, so gespannt ich auch auf die Geheimnisse bin, die uns Herr von

Repgow enthüllen wird.«

»Geheimnisse sind es nicht, gnädigste Gräfin, was ich Euch und dem

Grafen von den Dingen, die mich beschäftigen, mitteilen kann, falls Ihr

überhaupt etwas davon zu wissen begehrt,« versetzte Eike.

»Doch, Eike!« rief der Graf vergnügt, »ein noch ungeschriebenes

und noch ungelesenes Buch ist immer ein Geheimnis für jedermann,

ausgenommen den Autor.«

»Und ich bin in der Tat begierig, soviel davon zu erfahren, wie Ihr mir

anvertrauen wollt und ich begreifen kann,« fügte die Gräfin hinzu.

»Letzteres wird nicht allzuviel werden,« lächelte der Graf. »Du mußt

dich auf die gelehrtesten Erörterungen gefaßt machen.«

»Ich werde mich bemühen, so gelehrig wie möglich zu sein, gestrenger

Herr Ehgemahl,« gab sie ihm mit einer schelmischen Verneigung zurück.

Sie gingen zu Tisch und nahmen Platz. Die Gräfin legte dem Gaste vor,

und der Graf füllte aus der Kanne die silbernen Pokale. Dann erhob er

den seinigen und sprach fast feierlich: »Dies ist der erste Trunk,

Eike, den ich dir auf das gute Gelingen deines Werkes zubringe. Möge es

dir zum Ruhme und unserem Sachsenvolke zum Heil und Segen gereichen.«

Die drei Becher klangen aneinander, und die Blicke begegneten sich.

Darauf trat ein längeres Schweigen ein, aber nicht bloß von der

Tätigkeit des Essens geboten, sondern mehr noch in der zurückhaltenden

Erwartung jedes der drei, daß einer von ihnen mit der Behandlung des

Gegenstandes beginnen würde, auf den es ihnen heute einzig und allein

ankam.

Gerlinde war es, die den Bann endlich brach mit einer Aufforderung

zum Reden an Eike, die so klang, als wäre die Besprechung schon im

besten Gange. »Sagt mir zuvörderst, Herr von Repgow,« hub sie an, »wie

seid Ihr auf den kühnen Gedanken gekommen, ein neues Gesetzbuch zu

schreiben?«

»Aus Entrüstung über unsern unerträglichen Rechtswirrwarr, aus Mitleid

mit unserem armen Volke und aus dem unwiderstehlichen Drange, hier

helfend und bessernd einzugreifen soviel ich, alle Kraft daran

setzend, vermag,« gab ihr Eike zum Bescheide.

»Rechtswirrwarr sagt Ihr? ist denn der so groß?«

»Zum Himmel schreiend, Frau Gräfin! Kein Mensch in ganz Sachsen weiß,

woran er ist und an was er sich halten soll. Wenn ein Bauer die Grenzen

seiner Dorfmark überschreitet, wenn ein Bürger einen Freund in einer

benachbarten Stadt besucht, ein Lehnsmann zu Fuß oder zu Pferd den

nächsten Gau betritt, so steht er sofort unter anderen Gesetzen als zu

Hause und wird für sein Tun oder Lassen nach Rechten zur Verantwortung

gezogen, die er nicht kennt, die seinen heimatlichen oft in der

unverständlichsten Weise widersprechen, ihn Unrecht und Unbill dünken

und ihn in unbewußte Schuld verstricken. Soviel Grafschaften, Städte

und Dörfer wir haben, fast soviel grundverschiedene Rechte haben wir

auch.«

»Das wußte ich nicht und kann es mir auch gar nicht vorstellen.«

»Es ist auch schier unglaublich,« sprach Eike. »Ein Beispiel wie es mir

gerade so einfällt. Mann und Weib haben kein gezweiet Gut bei ihrem

Leib, lautet der alte Satz. Der Mann nimmt das ganze Vermögen der Frau

in seine Gewere zu rechter Vormundschaft, und Frauengut soll weder

wachsen noch schwinden. Aber nicht überall wird das so gehandhabt. In

einer Stadt an der Weser lebte ein Ehepaar im innigsten Einvernehmen.

Der Mann war in dieser Stadt geboren, die Frau aber in einer anderen,

nicht weit davon entfernten. Als der Vater der Frau starb, hinterließ

er ein Testament, in welchem er seine Tochter als Erbin seines

gesamten Nachlasses eingesetzt hatte. Der Gatte verlangte nun im

Namen seiner Frau die Auslieferung der Erbschaft, worauf er nach dem

Stadtrecht seines Wohnortes vollen Anspruch hatte. Aber die Übergabe

wurde ihm verweigert, weil in der Geburtsstadt der Frau letztwillige

Verfügungen unerlaubt und ungültig waren. Und weshalb? auf Betreiben

der Geistlichkeit, weil ihr damit sehr erhebliche Anteile an der

Hinterlassenschaft eines Verstorbenen entgingen, die ihr ohne Testament

unbestritten zufielen. -- Dem wollte der Vater der Frau dem Verbote zum

Trotz vorbeugen. Aber es nutzte nichts, seine Tochter erhielt das ihr

zugeschriebene Erbe erst nach einem sehr belangreichen Abzuge, den der

Prior eines Klosters einsackte. Wären alle drei, der Mann, die Frau und

deren Vater, in der Stadt gebürtig gewesen, wo Testamente Kraft und

Gültigkeit hatten, so hätte der Frau die Erbschaft nicht geschmälert

werden dürfen. So aber hatte jede dieser beiden Städte ihr besonderes

Erbrecht, und der Mann war anderen Gesetzen unterworfen als seine mit

ihm zusammenlebende Ehefrau.«

»Das ist allerdings höchst seltsam,« sagte die Gräfin.

»Und wie gedenkst du das Erbrecht zu behandeln?« fragte der Graf.

»Folgendermaßen. Alle, die gleich nahe zur Sippe stehen, erben

unbeschränkt zu gleichen Teilen und brauchen von dem fahrenden Gut

niemand etwas abzugeben. Kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder

Mönch, und kein Stift oder Kloster darf von einem Laien etwas erben;

nur bei Lebzeiten ihnen freiwillig gemachte Schenkungen dürfen sie

annehmen. Der älteste Sohn erhält als nächster Schwertmage vom

Heergeräte stets des Vaters Schwert, sein bestes Roß, gesattelt und

gezäumt, seinen besten Harnisch und einen Heerpfühl. Die verwitwete

Mutter ist Gast im Erbe des Sohnes, aber er muß ihr am Tisch und am

Herd den besten Platz einräumen.«

»Merke dir das, Gerlinde!« sprach der Graf mit einem eigentümlichen

Lächeln zu seiner Gemahlin.

Aber diese verstand den Wink in die Zukunft nicht oder wollte ihn nicht

verstehen. Sie war in ihren Gedanken noch mit dem beschäftigt, was Eike

über die Erbunfähigkeit der Geistlichen gesagt hatte, und wandte nun

dagegen ein: »Mit der unchristlichen Enterbung der Geistlichen und der

Klöster beeinträchtigt Ihr doch die Einkünfte der Kirche.«

[Illustration: »Frau Gräfin, ich schreibe mein Buch keineswegs mit dem

Vorsatze, die Kirche schädigen zu wollen.«]

Eike zuckte die Achseln und erwiderte: »Frau Gräfin, ich schreibe mein

Buch keineswegs mit dem Vorsatze, die Kirche schädigen zu wollen; ich

will nur das Recht schaffen und die Gerechtigkeit auf den Schild heben.«

»Und wie die Kirche dabei fährt, ist Euch gleichgültig!«

»Die Kirche ist schon +zu+ reich und +zu+ mächtig, und ihr Übergewicht

über die weltlichen Stände darf nicht durch ein diesen zugefügtes

Unrecht noch verstärkt werden.«

Gräfin Gerlinde schüttelte, in dem ihr anerzogenen streng kirchlichen

Sinne gekränkt, mißbilligend das Haupt und schwieg.

»Ihr seid damit nicht einverstanden, edle Frau,« fuhr Eike fort, »aber

die Sache muß endlich einmal geregelt werden. In manchen Gegenden

nämlich begünstigt die Geistlichkeit die Errichtung von Testamenten

und hilft gern dabei, um erbschleichen und der Kirche möglichst viele

Vermächtnisse sichern zu können. Darum sollen Geistliche überhaupt

nichts von Laien erben, weder mit noch ohne Testament.«

»Wie wollt Ihr das ändern?« fragte die Gräfin. »Wie wollt Ihr das,

was dort als Recht gilt und anderswo als Unrecht empfunden wird, in

Übereinstimmung bringen?«

»Durch Rechtseinheit binnen ganz Sachsenland!« tönte es wie ein

Schlachtruf von des Ritters Munde. »Gleiches Recht für alle ohne

Unterschied des Standes, ohne Ansehen der Person. Das natürliche

Rechtsgefühl muß dem Volke erhalten bleiben oder wieder geweckt werden,

wo es eingeschlafen und ihm verloren gegangen ist, damit auch der

Ärmste weiß, was sein unanfechtbares Recht ist.«

»Darüber läßt das seit tausend Jahren bei uns eingeführte römische

Recht keinen Zweifel,« behauptete die Gräfin.

Eike staunte, wie bewandert die junge Frau in diesen schwierigen

Begriffen war, und entgegnete: »Hoch, sehr hoch schätze ich das

tief durchdachte, sorgfältig ausgearbeitete römische Recht, aber

unser Volk kennt es zu wenig, mag es nicht und wird sich nie mit ihm

befreunden. Darum will ich dem Volke das deutsche Recht wahren, das

mit ihm verwachsen ist und das es vom römischen nicht überwuchern und

verdrängen lassen will. Und nicht bloß im Wortlaut des geschriebenen

Gesetzes, sondern auch im gehandhabten Verfahren an der Dingstatt soll

es ihm lebendig bleiben. Sitzend findet man Urteil, stehend schilt man

Urteil unter Königsbann, heißt es da. Jedermann soll seine nothaftige

Klage vorbringen und das Gerüfte schreien, denn das Gerüfte ist der

Klage Beginn, und der verfestete Mann soll vor Schultheiß und Schöffen

seine Aussage bei den Heiligen bewähren, soll auch einen Fürsprech

haben, der aber kein Pfaffe sein darf. Kann er vor dem Gaugrafen im

Echtding nicht aufkommen, so soll er seinen Gegner übersiebenen durch

Eideshelfer oder dadurch, daß er ihn zum Kampfe grüßt, das heißt, daß

er zu sieben Mann mit andern sieben für seine Sache kämpft. Wer dann

siegt, der hat das Urteil behalten und ist im Rechte. Der andere wird

von der Schöffenbank abgewiesen und hat, je nach Befund, Wehrgeld,

Wedde und Buße zu zahlen. Der überführte Verbrecher aber soll, wenn

es ihm nicht gleich an Haut und Haar geht, nur da Frieden haben, wo

man ihn weder sieht noch hört. So ist deutsche Art seit erdenklichen

Zeiten.«

»Das Übersiebenen läuft auf Gottesurteil hinaus,« sagte der Graf.

»Willst du die Ordalien nicht abschaffen?«

»Nein, wenigstens nicht ganz,« erwiderte Eike. »Glühendes Eisen tragen,

über glühende Pflugscharen schreiten, in einen Kessel siedenden Wassers

greifen bis an den Ellenbogen soll dem Beklagten auch künftig zum

Beweise seiner Unschuld gestattet sein, wenn er sich anders keinen

Frieden wirken kann. Das Volk hängt von alters an diesen wundersamen

Entscheidungen, sieht in ihnen die Offenbarung des göttlichen Willens

und nennt sie darum Gottesurteile.«

Die Gräfin, die der letzten Erklärung Eikes nur mit halbem Ohre gefolgt

und in ein beharrliches Nachdenken versunken gewesen war, sagte jetzt:

»Ich kann mir nicht helfen, Herr von Repgow, aber ich hoffe, daß Ihr

mit dem, was Ihr uns hier von Eurem gesetzgeberischen Vorhaben so

mutvoll enthülltet, nicht durchdringt. Es gibt noch einen Kaiser im

Reiche als obersten Hüter alles Rechtes.«

Eike lächelte fein und blickte fragend den Grafen an, der ihm blinzelnd

zunickte: »Jaja, nur heraus damit!«

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 3 / 20 段