Mit einem zufriedenen Lächeln antwortete Gräfin Gerlinde auf diese

begeisterten Äußerungen: »Nicht beeinträchtigen, sondern Eure Arbeit

fördern möge der freie Blick in diese schöne Natur, und ich wünsche

Euch Heil und Segen dazu hier unter unserem Dache.« Dann zog sie sich

zurück und ließ die beiden Männer allein.

Als sie den Fräuleingang wieder durchwandelte, flüsterte sie: »Wie ein

Gelehrter sieht er eigentlich nicht aus, aber ein Ritter ist er.« --

»Ich habe deine Verwunderung bemerkt, als du die Gräfin sahest,« begann

Graf Hoyer unter vier Augen mit Eike. »Sie ist meine zweite Frau, was

ich dir neulich mitzuteilen vergaß. Nachdem mir vor acht Jahren der Tod

meine liebe Bertrade entrissen hatte, ward es mir öd und einsiedlerisch

hier, denn ich war allein, meine Söhne waren damals schon auswärts. Da,

als ich zwei Jahre später auf einer Fahrt durch Franken einmal zu einem

mir befreundeten Ritter auf Burg Schwanenfeld kam, wurde mein Herz

von einer schnellen Neigung zu einer seiner fünf Töchter erfaßt. Ich

zauderte nicht und warb um sie. Auch das damals zweiundzwanzigjährige

Mädchen besann sich nicht lange und nahm meinen Antrag an, denn die

Familie lebte bei geringem Besitz einsam, wie abgeschieden von der

Welt, und die Freier blieben aus. Der Brautkauf mit dem Vater war bald

geschlossen, und sowohl der Muntschatz wie die Morgengabe und die

Leibzucht, die ich zu bestellen gelobte, waren reichlich bemessen. So

ward Gerlinde mein Weib, und mich hat es nicht gereut, denn mit ihr kam

wieder Sonnenschein und Leben auf den Falkenstein, obwohl wir keinen

regen Verkehr mit Standesgenossen haben und ich, der ich soviel älter

bin, der noch jungen Frau wenig bieten kann. Ob sich Gerlinde an meiner

Seite glücklich und zufrieden fühlt, weiß ich nicht. Dir wird es leicht

werden, dich gut mit ihr zu stellen, denn sie ist eine offenherzige,

zugängliche Natur und besitzt eine nicht gewöhnliche Geistesbildung.

Nimm dich ihrer, wenn du Lust und Zeit dazu hast, ein wenig an; sie und

ich werden es dir Dank wissen.«

»Ich werde mich nach besten Kräften um die Huld der Frau Gräfin

bemühen,« sprach Eike mit einem verlegenen Lächeln, »aber ich bin in

zartem Frauendienst nicht erfahren und geübt, Graf Hoyer, und die Frau

Gräfin wird viel Nachsicht mit mir haben müssen, bis ich mir ihre Gunst

und Gewogenheit errungen habe.«

»Auf das ~experimentum~ bin ich gespannt, Eike,« lachte der Graf.

»Jetzt ruhe dich aus, bis Folkmar dich zum Abendessen ruft; lange wird

es nicht mehr dauern. Du bleibst wie du da bist; meine Frau ist nicht

anspruchsvoll, und wir drei sind ja Gottlob! unter uns allein, worauf

ich mich unbändig freue. Auf Wiedersehen!« Damit ging er. --

»Seine zweite Frau und achtundzwanzig Jahre, wenn ich richtig rechne!«

sprach Eike, sich auf eine Ruhebank hinstreckend. »Daher auch die

fehlende Antwort, als ich ihm bei unserem Abschied unter der Eiche

einen Gruß an seine Gemahlin auftrug, nicht ahnend, daß Frau Bertrade

längst nicht mehr unter den Lebenden ist. -- Und er weiß nicht, ob sich

Frau Gerlinde an seiner Seite glücklich fühlt? Wie ist es nur möglich,

so etwas nicht zu wissen! Hat sie es ihm nie gezeigt, ihm niemals

unwillkürlich verraten? Da müßte sie ja ein sehr kühles Menschenkind

sein, und dagegen sprechen ihre glutsprühenden Augen. -- Um ihre Gunst

soll ich mich bewerben. Als ob ich nicht andere Dinge im Kopf hätte!

Wenn mich der erste, flüchtige Eindruck nicht täuscht, ist sie aller

Verehrung wert, und die will ich ihr auch gern darbringen, mehr aber

nicht, und mehr wird sie auch nicht von mir erwarten. Eine hochmütige

Tyrannin, die bedingungslose Unterwerfung fordert und gefallsüchtig

von früh bis spät umschmeichelt sein will, ist sie sicher nicht. Ihre

Augen freilich, die sind gefährlich, -- +mir+ gefährlich? ach, ich bin

gepanzert mit dreifachem Erz. Wenn aber nun --«

Es klopfte. »Seid Ihr es, Folkmar?«

»Jawohl, Herr Ritter! die Frau Gräfin läßt zu Tische bitten,« klang es

durch die Tür zurück.

»Ich komme sogleich.« --

Der Tisch stand im Speisesaale gedeckt, nur die Speisen und das Getränk

nebst den Trinkgeschirren fehlten noch darauf. Daher empfing Gräfin

Gerlinde den neuen Burgbewohner mit den Worten: »Ein wenig müssen wir

uns noch gedulden, Herr von Repgow, und ich will Euch unterdessen

mit unserer gewohnten Zeiteinteilung bekannt machen. Das Morgenbrot

wird Euch Melissa, meine Gürtelmagd, in Euer Gemach bringen zu jeder

Stunde, die Ihr bestimmen werdet. Zu Mittag essen wir, wann die Sonne

am höchsten steht, und abends so wie heute. Im übrigen seid Ihr völlig

frei und an nichts gebunden. Ist Euch das recht so?«

»Edle Frau, Ihr habt zu befehlen, ich bin mit allem zufrieden.

Jeglicher Ordnung, die in diesen Mauern herrscht, werde ich mich willig

fügen und mit Freuden Euren leisesten Winken gehorchen,« erwiderte Eike

sich ritterlich verneigend und der Gräfin die Hand küssend.

»Das heißt,« fiel Graf Hoyer ein, »wenn du in der Zwischenzeit einmal

Hunger verspürst, legst du ihn meiner Frau ans Herz, und sooft dich

Durst anwandelt, wendest du dich an mich, Eike; ich habe Verständnis

für dergleichen Gefühle.«

»Aber auch Ihr müßt das richtig verstehen, Herr Ritter,« fügte die

Gräfin schalkhaft hinzu. »+Euer+ Durst wird meinem Gemahl stets ebenso

willkommen sein wie sein eigener, schon der guten Gelegenheit wegen,

mittrinken zu können.«

»Sonst darf ich's nämlich nicht, denn sie erlaubt mir selten einen

biederen Trunk außer der Reihe,« lachte der Graf. »Wenn ich aber einen

Genossen dabei habe, dem ich mit dem Becher Bescheid tun muß, drückt

sie ein Auge zu.«

»Beide!« sprach die Gräfin nachdrücklich mit einem Seufzer, der etwas

Drolliges hatte. »Ah, da kommt unsere Mahlzeit,« rief sie gleich darauf

vergnügt, als sich die Tür öffnete.

Folkmar trat ein, aber mit leeren Händen.

»Folkmar, du bringst weniger als nichts, du bringst etwas Unangenehmes«

sagte der Graf stirnrunzelnd. »Was ist geschehen?«

»Herr Graf, der Ritter Dowald von Ascharien ist soeben angekommen,«

meldete der Diener mit einem Gesicht, so grämlich wie drei Tage

Regenwetter.

»Daß dich der Donner und Hagel erschlag!« brauste der Graf zornwütig

auf. »Ist denn die Zugbrücke noch nicht aufgezogen?«

»Goswig wollte es eben tun, da war aber der Ritter mit seinem Rosse

schon mitten darauf.«

»Was? zu Rosse ist er? aus wessen Stalle mag er sich das wohl

ge--liehen haben! denn geschenkt hat es ihm niemand und verkauft erst

recht nicht,« brummte der Graf. »Und heute just! daß er uns gerade heut

auf den Hals kommen muß! Wo steckt er denn nun?«

»Er bittet, sich erst umkleiden zu dürfen, ehe er vor den Herrschaften

erscheint, denn so wie er wäre, könnte er sich nicht zeigen,« erwiderte

Folkmar.

»Das will ich ihm unbesehen glauben; es wird mit seiner Ausstaffierung

schäbig genug bestellt sein,« höhnte der Graf. »Schaff' ihn in das

kleine Turmgemach und hilf ihm, brauchst dich aber damit nicht zu

beeilen. Melissa mag uns inzwischen bedienen, denn warten werden wir

auf den alten Schmarutzer nicht, und sie soll nun die gewöhnlichen,

zinnernen Becher aufsetzen.«

Des Grafen Freude war zerstört, seine gute Laune dahin. »Dieser Dowald

von Ascharien,« wandte er sich zu Eike, der das alles staunend mit

angehört hatte, »ist ein fahrender Ritter, ein edles Blut, das wenig

hat und viel vertut. Er nennt sich einen Vetter des Fürsten von Anhalt,

mit dem er aber nur sehr weitläufig versippt ist und vor dem er sich

seines verworfenen Umhertreibens wegen nicht blicken lassen darf.

Er besaß früher einen kleinen Hof bei Aschersleben, der ihm jedoch

längst abgepfändet worden ist, hat nicht Hind, nicht Kind, ist ein

unleidlicher Schwätzer, bis über die Ohren verschuldet und kriegt

nirgend mehr einen Heller geborgt. Nun brandschatzt er alle Burgen

im weitesten Umkreise, pokuliert und prahlt mit den unglaublichsten

Abenteuern, in denen er selbst stets den siegreichen Helden spielt.

Daneben behauptet er, überall eingeladen zu sein, aber wer sein Nahen

wittert, läßt schnell die Brücke aufziehen und verleugnet sich vor ihm,

denn wo er sich einmal zu Labe und Ruhestatt eingenistet hat, da wird

man ihn sobald nicht wieder los.«

Graf Hoyer wäre in dieser wenig schmeichelhaften Schilderung noch

fortgefahren, wenn der so übel Beleumundete jetzt nicht geräuschvoll

in den Speisesaal eingetreten wäre, wo sich die drei bereits zu Tische

gesetzt hatten. Während er fast stürmisch die Gräfin überfiel, die

seinen sprudelnden Wortschwall sehr gelassen hinnahm, flüsterte der

Graf, mit einem tadelnden Seitenblick auf den achselzuckenden Diener,

Eike zu: »Das nennt er sich umkleiden! einen Rock von +mir+ hat er

angezogen, den ich nun niemals wiedersehe.« Dem Grafen schüttelte

Ritter Dowald die Hand, als ob er sie gar nicht wieder loslassen

wollte, und als er mit Eike die unumgängliche Begrüßung tauschte,

betrachtete er diesen mit mißfälliger Miene wie einen hier sehr

Überflüssigen.

Er war fast kahlköpfig mit einem roten, gedunsenen Gesicht, rechts und

links lang starrendem, grauweißem Schnurrbart und von vierschrötigem

Gliederbau. Ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, ließ er sich an

dem inzwischen für ihn gedeckten Platze nieder und griff sofort nach

allem gierig zu, was an Speise und Trank aufgetragen war. Dabei sprach

er so viel, daß niemand ein Wort dazwischen reden konnte, berichtete,

von wannen er käme und daß man dort vergeblich alles aufgeboten, ihn

noch länger zu halten; aber eine unbezwingliche Sehnsucht nach seinem

lieben alten Freunde Hoyer hätte ihn hergetrieben, wozu der Graf ein

sauersüßes Gesicht machte und die Gräfin ein spöttisches Lächeln nicht

unterdrücken konnte.

Auf diese ungemütliche Weise wurde den anderen der Abend verdorben, und

ihr trauliches Beisammensein, auf das sie sich so gefreut hatten, ging

ihnen durch die aufdringliche Schwatzhaftigkeit des ungebetenen Gastes,

der stets seine eigenen, oft ziemlich gewagten Späße wiehernd belachte,

verloren.

Nach Verlauf von zwei langsam schleichenden Stunden hob Gräfin Gerlinde

die Tafel auf, auch Graf Hoyer entschuldigte sich, und Eike schützte

Müdigkeit von seinem Reiseritt vor, so daß dem Ascharier nichts übrig

blieb, als für heute auf einen weiteren fleißigen Becherschwung zu

verzichten und sich innerlich grollend in sein Turmzimmer hinauf zu

begeben. Die drei wünschten ihm laut gute Nacht, heimlich aber etwas

ganz Anderes.

Viertes Kapitel.

Am nächsten Morgen machte sich Eike an das Auspacken seines großen

Mantelsackes, und Wilfred, der ihm dabei helfen mußte, staunte über

die Menge umschnürter und mit Aufschriften versehener Bündel, die nach

ihrem Inhalte reihenweise geordnet und in das Büchergestell gelegt

wurden, damit man Gewünschtes ohne langes Suchen mit dem ersten Griffe

herausfand. Das Staunen des Schreibers wurde aber noch überwogen von

seinem Unbehagen angesichts der Fülle von Schriften und der Stöße von

Papier und Pergament, die ihm ein bedrohliches Maß von zu leistender

Arbeit weissagten. Dazu kam die seine Sorge noch verstärkende Frage

Eikes, ob er auch wohl einen reichlichen Vorrat von Schreibsaft in

Bereitschaft hätte.

»Jawohl!« versicherte Wilfred mit leisem Stöhnen, »eine ganze

Kruke voll, aus Galläpfeln, Wasser und Vitriol zusammengequirlt,

kohlpechrabenschwarz wie der Teufel, vergilbt nicht, verlischt nicht,

jedes Wort damit wie für die Ewigkeit geschrieben. Auch roten für die

Initialen und Majuskeln. Tinte mischen und Eselshaut zu Pergament

glätten habe ich in der Klosterschule gelernt.«

»Und Pudeln eine Platte scheren auch, nicht wahr?«

Wilfred, durch diese Erinnerung an seine Gröninger Freveltat gereizt,

gab keck zur Antwort: »Allerdings, und wenn Ihr einmal Bischof werdet,

Herr, empfehle ich mich Euch als Tonsor; unterm Krummstab lebt sich's

lustig.«

Ein frecher Bursche! dachte Eike und forschte weiter, ob er auch Federn

geschnitten hätte.

»Auch das,« erwiderte der Schreiber ungeduldig, »Gänsefedern und

Rabenfedern, spitze und breite, je nach Bedarf, und Pinsel hab' ich

auch nebst Farben und Goldpigment, alles fix und fertig.«

»Schön!« sprach Eike, »hier hast du Papier. Nun setze dich und

schreibe, was ich dir vorsage; ich möchte deine Handschrift sehen.«

Der Schreiber nahm Platz, und Eike diktierte: »Zwei Schwerter ließ Gott

auf Erden, zu beschirmen die Christenheit. Dem Papste ist gesetzt das

geistliche, dem Kaiser das weltliche. Dem Papste ist auch gesetzt, zu

beschiedener Zeit auf einem weißen Rosse zu reiten, und der Kaiser soll

ihm den Stegreif halten, auf daß der Sattel sich nicht wende.«

»Ei, dann möchte ich lieber Papst als Kaiser sein,« meinte Wilfred, als

er die Zeilen beendet hatte.

»Hüte dich, daß du nicht einmal rückwärts auf einem Esel reiten mußt,

statt des Zaumes den Schwanz des Bruder Langohr in der Hand,« duckte

Eike den Vorlauten, während er das Geschriebene betrachtete.

Wilfred schwieg, kaute an der Feder und dachte: Hoppla! der gelehrte

Ritter dünkt sich wohl im kurulischen Sessel zu fahren; da wird es noch

Tänze geben zwischen uns.

»Mit deiner Schrift bin ich zufrieden, sie ist gut,« lobte Eike.

»Das Papier ist aber auch gut,« erklärte Wilfred.

»Hat ein großes Handelshaus in Lübeck für mich aus Burgund bezogen,«

berichtete Eike.

»Aus Burgund? Da war ich auch einmal auf meinen Wanderfahrten. Der

Wein dort ist köstlich und billig, wenn man ihn nicht bezahlt,« lachte

Wilfred, dem das übermütige Vagantenblut noch in den Adern prickelte.

Sie schichteten und ordneten weiter, wobei Wilfred die Aufschriften

der Bündel las, Namen von Gesetzen und Rechten, Willküren, Weistümern

und Regesten, die er noch niemals in seinem Leben gehört hatte. Ihm

graute davor, sich in sie hineinfinden und mit ihnen vertraut machen

zu sollen. Das kann eine recht erbauliche Sache werden, sagte er sich,

wo bleibt da meine schöne Mußezeit? Und es war so hübsch ruhig und

friedlich hier auf der Burg, ehe dieser aus der Art geschlagene Ritter

auf den unglücklichen Gedanken kam, hier, ausgesucht hier auf dem

Falkenstein ein Gesetzbuch schreiben zu wollen.

Als sämtliche Schriftenbündel in dem Bücherrück übersichtlich

untergebracht waren, sprach Eike zu seinem Gehilfen: »Ich irre wohl

nicht, wenn ich annehme, daß dein dringendstes Arbeitsbedürfnis für

diesen Vormittag gestillt ist.«

»Ich bin jederzeit zu Euren Diensten, Herr,« erwiderte Wilfred

höflich und zugleich erfreut über die damit kundgegebene Absicht des

Gestrengen, die Kramerei einstellen und die Schreiberei noch nicht

beginnen zu wollen. Trotzdem fügte er mit erheucheltem Pflichteifer

hinzu: »Es ist aber noch lange nicht Mittag.«

»Weiß wohl,« sagte Eike, »aber zu dem, was ich jetzt zu tun habe, kann

ich deines Beistandes entraten. Ich muß mir die zunächst benötigten

Schriftstücke aussuchen und zurechtlegen, und dabei kann mir niemand

helfen. Du bist also vorläufig deines schätzbaren Dienstes ledig.«

Nach einer stummen Verbeugung verließ Wilfred das Zimmer mit einer

bemerkenswerten Geschwindigkeit.

Er wollte sich nach seinem im Turm befindlichen Kämmerlein

hinaufbegeben und tat dies ganz leise, denn er scheute die auf

dem Wege dahin leicht mögliche Begegnung mit einem, dem er lieber

auswiche. Der Ritter Dowald von Ascharien, von dessen überraschender

Ankunft gestern abend er gehört hatte, war derjenige, mit dem er ein

Wiedersehen vermeiden möchte, denn die beiden kannten sich von einem,

allerdings schon einige Zeit zurückliegenden, für Wilfred aber sehr

unrühmlichen Abenteuer her. Das sollte ihm nun freilich nicht gelingen.

Aufwärts schleichend vernahm er zu seinem Schrecken schon ganz nahe

die schweren, hallenden Schritte des noch höher im Turm Wohnenden die

Wendeltreppe herabkommen, und gleich darauf standen sie sich gegenüber.

Nun konnte er dem Gefürchteten nicht mehr entrinnen. Zum Umkehren

war es zu spät, das hätte wie feige Flucht ausgesehen, und an ein

schattenhaft stilles Vorbeihuschen war auch nicht zu denken, weil des

Ritters feiste Gestalt den engen Treppengang von Wand zu Wand ausfüllte.

Dowald erkannte den zufällig Gestellten sofort und rief höchst

verwundert aus: »Wen sehen meine Augen? Wie kommst denn du hierher, du

spitzbübischer Landstreicher?«

»Ich bin hier auf der Burg geboren, Herr Ritter, und bin der

Sekretarius des Herrn Grafen von Falkenstein,« erwiderte Wilfred, der

seine Unverfrorenheit schnell wieder gefunden hatte.

»Ist die Möglichkeit! Der Sekretarius des Herrn Grafen. Gibt es denn

hier soviel Tintenkleckserei zu besorgen?«

»Augenblicklich bin ich der Amanuensis des Herrn Ritters Eike von

Repgow.«

»Ah, das ist der Fremde, den ich gestern abend hier antraf. Was tut

denn +der+ hier?«

»Wir schreiben hier ein neues Gesetzbuch,« brüstete sich Wilfred, »ein

großes Hauptwerk über die sonderbarsten Rechte.«

»Wir? wer sind +wir+?«

»Na, ich und der Ritter Eike von Repgow.«

»So! Du und der Ritter. Was du sagst! also ihr schreibt hier ein neues

Gesetzbuch. Das ist ja sehr merkwürdig.«

»Ich weiß nicht, ob ich Euch das anvertrauen darf, und, Herr Ritter,

ich hab' eine Bitte an Euch,« sprach Wilfred jetzt demütig und

bescheiden. »Verratet nichts von der Judengeschichte damals am

Kattenbach. Erinnert Ihr Euch?«

»Ganz genau, hab' ein gutes Gedächtnis, Wilfred Bogner. Aber ich bin

verschwiegen, werde nichts verraten, weder von dem neuen Gesetzbuch

noch von der Judengeschichte. Jetzt laß mich vorbei, ich will in den

Stall, nach meinem Rosse zu schauen.«

Wilfred mußte umkehren und die Stufen hinabgehen bis zu einem

Treppenabsatz, der soviel Raum bot, daß die beiden einander ausbiegen

konnten.

»Ein Unglück kommt selten allein,« knurrte Wilfred, als er wieder

treppauf stieg. »Erst der Reppechower, für den ich mir die Finger krumm

und lahm schreiben soll, und dann der Ascharier, der den verflixten

Vagantenstreich von mir weiß. Aber er will ja schweigen, hat er

versprochen.« --

Kurze Zeit nach dieser für Wilfred peinlichen Begegnung trat Graf

Hoyer in Eikes Gemach, um sich bei seinem lieben Gaste umzusehen und

ihn zu fragen, ob ihm nicht irgend etwas fehle, worauf ihm Eike die

Versicherung gab, daß er sich hier vollkommen wohl und behaglich fühle

und ihm nichts zu wünschen übrig bleibe.

Danach begann der Graf unvermittelt: »Eike, mir geht etwas im Kopf

herum. Wie werden wir den dickfelligen Ascharier wieder los?«

»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, Herr Graf,« erwiderte Eike,

»und mir ist ein Einfall gekommen, der freilich, wenn seine Ausführung

mißglückte, in das Gegenteil des erstrebten Zweckes umschlagen könnte.«

»Laß hören!« sagte der Graf gespannt.

Eike fuhr fort: »Ritter Dowald sieht mir nicht danach aus, als ob er

sich viel aus schriftlicher Arbeit machte.«

»Der? nein!«, bestätigte der Graf lachend. »Auf einem Sitz hält er nur

aus im Sattel oder beim vollen Humpen. Er schlägt eine gute Klinge und

führt auch die Lanze tadellos, aber der Gänsekiel taugt nicht für seine

Eisenfaust. Worauf willst du denn damit hinaus?«

»Auf eine List, Graf Hoyer. Sagt ihm, wir könnten uns hier nicht um ihn

kümmern, hätten Tag für Tag von früh bis spät mit der Abschrift eines

seltenen und berühmten Kodex zu tun, ein äußerst mühseliges Geschäft,

weil die alte Handschrift sehr schwer zu entziffern wäre. Was das für

ein Kodex ist, braucht er ja nicht zu wissen, darf überhaupt von dem

Gesetzbuche nichts erfahren.«

»Hm! und du glaubst, damit würden wir ihn los, daß wir uns nicht um ihn

kümmern? Du kennst ihn nicht, Eike! Der setzt sich hier wochenlang fest

und vertreibt sich die Zeit mit Essen und Trinken. Ob wir dabei mittun

oder nicht, danach fragt er so wenig wie das Kamel nach dem Purpur.«

»Aber er soll bei +unserem+ Zeitvertreib mittun; abschreiben soll er

uns helfen!« rief Eike.

»Uns abschreiben helfen? Das ist ein köstlicher Gedanke,« lachte der

Graf.

»Nur unter dieser Bedingung dürfte er hier bleiben, müßt Ihr ihm sagen,

wir brauchten notwendig noch eine fleißige Schreibhand. Haltet Ihr es

für möglich, daß er darauf eingeht?«

»Nun und nimmermehr! ja, wenn es sich um einen gewagten Heckenritt

handelt, so einen beuteverheißenden Schnapphahnzug, -- da steht er

seinen Mann, aber vor Geschreibsel in Klausur nimmt er Reißaus und läßt

uns seines Rosses Eisen sehen.«

»Und dann haben wir gewonnen Spiel,« lachte nun auch Eike aus frohem

Herzen.

»Eike, wenn das glückt,« sagte der Graf, »laß ich hoch oben am

Bergfried als Abschiedsgruß für den fahrenden Ritter eine Fahne

heraushängen. Heute mittag bei Tische werd' ich's ihm beibringen, und

dann paß einmal auf, wie schleunig er Fersengeld gibt. Und sobald

er zum Tore hinaus ist, lasse ich die Brücke aufziehen, damit er

sich draußen nicht etwa eines anderen besinnt, umkehrt und wieder

hereinkommt. Und dann, heut abend, da trinken wir eins auf seinen Ritt

ins Blaue, denn wo er zu Nacht Unterschlupf suchen soll, weiß er gewiß

selber nicht; er findet ja nirgend eine offene Tür.« --

Die Mittagsstunde kam heran und sollte für den Grafen und Eike zunächst

eine unliebsame Überraschung bringen, auf die sie nicht gefaßt sein

konnten und die in ihrem Angriffsplan eine kleine Verschiebung

verursachte.

Kaum hatten sich die drei Herren mit der Gräfin zu Tische gesetzt,

als Ritter Dowald anfing: »Euer Sekretarius Wilfred Bogner hat mir

die seltsam lautende Mitteilung gemacht, Graf Hoyer, daß er mit dem

hier gegenwärtigen Herrn ein neues Gesetzbuch über höchst sonderbare

Rechte ausarbeitet. Was soll denn das, wenn ich fragen darf, für ein

Gesetzbuch werden, Herr von Repgow?«

Die beiden Männer stutzten erst und krausten unwillig die Stirnen,

brachen aber dann in ein schallendes Gelächter aus, in das auch Gräfin

Gerlinde belustigt mit einstimmte.

»Der Fred ist wohl verrückt geworden,« schäumte danach Graf Hoyer

auf, »der und an einem Gesetzbuche mitarbeiten! Der Schreibknecht

meines gelehrten jungen Freundes ist er, und für ihn abschreiben

soll er, weiter nichts. Aber wie seid Ihr denn mit dem Windbeutel

zusammengekommen?«

»O, wir sind gute Bekannte,« erwiderte Dowald, »ich traf ihn einmal

weit von hier, auf einsamen Wegen, abseits von der Landstraße, die ich,

einer unabweislichen Einladung folgend, dahinritt. Da hörte ich aus

geringer Entfernung plötzlich ein fürchterliches Zetermordiogeschrei

und sprengte schnurstracks darauf los, um vielleicht schwer Bedrängten,

von Räubern Angefallenen zu Hilfe zu kommen. Es war auch so, wie ich

vermutete. Eine Bande nichtsnutzigen Gesindels hatte zwei wandernde

Juden ausgeplündert, ihnen ihre ganze Barschaft abgenommen, sie dann

Rücken an Rücken mit Stricken zusammengebunden und war eben im Begriff,

die vor Todesangst Zitternden in den vorüberfließenden Bach zu werfen.

Ich, wie der Blitz aus den Bügeln, packte den Rädelsführer, Euren

Wilfred, am Kragen und zwang ihm mit gezogenem Schwerte das geraubte

Geld, ein rundes, nicht zu verachtendes Sümmchen, wieder ab, während

das übrige Gelichter sich eilig aus dem Staube machte. Dann band ich

die beiden Juden los, die nicht wußten, wie sie mir danken sollten und

allen Segen des Gottes Israels auf mein Haupt herabbeschworen.«

Die Tischgenossen hatten dem Erzähler aufmerksam zugehört und harrten

nun des noch Fehlenden, denn dies konnte unmöglich das Ende der

Geschichte sein, und daß der hier als preislicher Held auftretende

Ritter damit zurückhielt, kam ihnen verdächtig vor. Sie wollten darum

alles wissen, und um von dem Ruhmredigen den Austrag des Überfalles

zu erfahren, richtete zuerst Eike die Frage an ihn: »Habt Ihr denn

den Rädelsführer nicht weidlich durchgeprügelt oder ihm sonst einen

unvergeßlichen Denkzettel erteilt?«

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 2 / 20 段