»Nein, Herr Graf! Der übel verlaufene Rechtshandel meines Va

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Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des

Buches.

Julius Wolff

Der Sachsenspiegel

Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

Mit 8 Vollbildern von

F. Schwormstädt

[Illustration]

Verlag von Paul List in Leipzig

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung in andere Sprachen

vorbehalten.

~Copyright 1912 by Paul List, Leipzig~

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Erstes Kapitel.

Etwa drei Pfeilschüsse vom Waldessaum entfernt lag ein einsames Gehöft

an der Kreuzung zweier Landstraßen, deren befahrenste mäßig ansteigend

in das Harzgebirge hineinführte. Viele von denen, die wegemüd

daherkamen, Kärrner und Handelsleute, Reiter und Fußgänger, machten

hier halt, um sich und ihren Pferden einige Rast und Stärkung zu gönnen

oder auch um für die Nacht Herberge zu nehmen. Denn über dem Eingange

zu dem zweistöckigen Hauptgebäude aus Holzfachwerk mit vorspringendem

Strohdach hing an einem ausgestreckten, schmiedeeisernen Arm ein

Faßreif mit einer darin stehenden verrosteten Blechkanne zum Zeichen,

daß dies Haus ein Gasthaus sei. Den gepflasterten Hof dahinter umgaben

in weitem Viereck Speicher, Schuppen und Stallungen, und daran schloß

sich ein großer, mit einem Lattenzaun umhegter Garten, in welchem

unzählige Apfel- und Birnbäume jetzt mit ihrer vollen Blüte prangten.

Von dieser umfangreichen Hofstatt aus hatte man einen freien Blick in

die Landschaft, auf eine vieltürmige Stadt mit ragender Kaiserpfalz,

auf Dörfer, grüne Getreidefluren und gelbe Rapsfelder und auf Höhen

und Hügel mit vereinzelten Warten. Rechts und links zogen sich

zackige Klippen in meilenlang ausgedehnter, aber durch Zwischenräume

unterbrochener Kette durch die wellige Ebene dahin, und in bläulich

dämmernder Ferne erhob der gewaltige Blocksberg seinen sagenumwobenen

Gipfel.

In dem Baumgarten befanden sich fest eingerammte Tische und Bänke,

in deren Platten und Bohlen mancherlei Figuren geritzt waren,

gotischen Runen oder alten sächsischen Hausmarken ähnlich, und etliche

Schreibkundige hatten ihren Namen oder nur seine Anfangslettern eckig

und ungestalt eingeschnitten. Das war das Fremdenbuch des »Gasthauses

am Scheidewege«.

Unter den hunderten von Bäumen fiel ein großer Apfelbaum besonders

auf, an dessen rundum breit ausladenden Zweigen sich Blüte dicht an

Blüte drängte, einzeln, in Sträußchen und Büscheln, weiß und blaßrot

von wunderbarer Zartheit und Schönheit, daß es eine wahre Pracht und

Augenweide war. Dort boten, abseits von den andern, ein kleinerer

Tisch und zwei Schemel mit bunt bemalten Rücklehnen einen bevorzugten

Ruheplatz für vornehmeren Besuch als die Fuhrleute, Viehtreiber und

Krämer waren, die auf den tannenen Bänken beim Biere schwatzten und

lärmten.

An diesem Tische saß bei schon sinkender Sonne ein bespornter,

hochgewachsener Mann, dem man trotz seiner schlichten Reisetracht den

ritterbürtigen Herrn deutlich genug ansah. Er mochte ungefähr in der

Mitte der dreißiger Jahre sein, und seine ernsten, ausdrucksvollen

Züge mit der schön gemeißelten Stirn zeigten die Spuren angestrengter

Geistesarbeit. Den Ellenbogen aufgestemmt, das Haupt mit der Hand

gestützt, starrte er träumerisch vor sich hin und regte zuweilen die

Lippen wie in unhörbar geflüstertem Selbstgespräch. Vor ihm auf dem

Tische standen ein Steinkrug und zwei Zinnbecher, und abwechselnd tat

er einen Trunk bald aus dem einen, bald aus dem andern, vorher mit

beiden leise anklingend.

So hatte er lange in fern schweifenden Gedanken gesessen, als er

plötzlich, darin gestört, den Kopf zur Seite wandte und horchte. Er

hatte auf der Straße herannahendes Getrappel von acht eisenbeschlagenen

Pferdehufen vernommen, das vor der Tür des Gasthauses anhielt, sich

bald darauf dem Hofe zubewegte und allmählich verhallte. Es mußten

also zwei Reiter gekommen und abgestiegen sein. Das war nichts

Ungewöhnliches an diesem belebten Kreuzwege und hatte auch für den

Einsamen keine Bedeutung, denn er erwartete keinen Gefährten hier.

Dennoch hob ein tiefer Atemzug seine Brust, und wehmütig blickte er auf

den leeren Platz sich gegenüber.

Nach einer kleinen Weile erschien ein neuer Gast in dem Baumgarten, sah

sich nach einem bequemen Sitz um, stutzte und schritt dann schnell auf

den Zweibechermann zu, ihn mit den Worten begrüßend: »Täusche ich mich,

oder bist du es wirklich, Eike von Repgow?«

[Illustration: »Täusche ich mich, oder bist du es wirklich, Eike von

Repgow?«]

»Graf Hoyer von Falkenstein!« rief der andere aufspringend und dem

Ankömmlinge beide Hände entgegenstreckend. »O wie freue ich mich dieses

unverhofften Wiedersehens!«

»Du hast Gesellschaft,« sagte der Graf, auf den zweiten Becher weisend.

»Nein, ich bin allein,« gab der Befragte zur Antwort.

»Allein? ja, was tust du denn hier?«

»Trinken und träumen, Herr Graf! weiter nichts. Der Stuhl ist frei, der

Becher aber nicht.«

Verwundert schaute Graf Hoyer den Jüngeren an und ließ sich, ohne eine

Erklärung der ihm unverständlichen Rede zu fordern, auf dem unbesetzten

Schemel nieder.

Er war ein Mann von mittelgroßer Gestalt mit grauem Haar und mochte

wohl sechzig Jahre oder mehr auf seinen breiten Schultern tragen. Aus

seinem durchfurchten Gesicht mit buschigen Brauen über den herrisch

blickenden Augen sprach befehlerische Willenskraft.

Die Wirtin brachte einen dritten Becher, den Eike sofort mit Wein aus

dem irdenen Kruge füllte, worauf die beiden Herren sich freundlich

zutranken.

»Haben uns lange nicht gesehen, Eike!« begann der Ältere.

»Seit etwa zehn Jahren nicht, Herr Graf!« erwiderte der Jüngere.

»Aber ich kenne dich schon aus der Zeit her, da du die Kinderschuhe

noch nicht ausgezogen hattest und mir mit dem Scheitel kaum an die

Hüfte reichtest,« bemerkte Graf Hoyer. »Das war, als ich meinen lieben

Freund, deinen Vater -- Gott hab' ihn selig! einmal in Reppechowe

besuchte. Da hab' ich dich auf meinen Knien reiten lassen. Das rechte

war dein Schlachtroß, das galoppieren mußte, weil du mir das Schienbein

weidlich mit den Hacken sporntest, und das linke war dein Reisegaul,

auf dem du hin und her schwanktest, weil er, wie ich dir weismachte,

einen sehr holprigen Feldweg trotten mußte. Erinnerst du dich?«

»Gewiß!« bejahte Eike die Frage. »Und nicht lange danach war ich

einmal bei Euch auf dem Falkenstein, wohin mein Vater mich mitgenommen

hatte. Da zeigtet Ihr mir auf dem Burghofe den Ziehbrunnen mit dem

Haspel und dem Eimer an einer eisernen Kette und sagtet mir, daß er

über zweihundert Fuß tief wäre und da unten ein Neck hauste, den man

zu Zeiten lustig plätschern und singen hörte, was dann immer als

Ankündigung von etwas Erfreulichem aufgefaßt würde. Manchmal aber

rumorte er auch unwirsch, und dann wäre stets ein Unheil im Anzuge.

Ihr warntet mich auch, einen Stein in den Brunnen zu werfen, denn das

erboste den Neck, und dann würde er tückisch.«

»Stimmt alles,« sagte der Graf, »nur daß ich den Neck niemals singen

oder rumoren gehört habe. Es ist ein Märlein, wie so viele hier im Harz

erzählt werden. Vor allem künde mir eines, Eike!« fuhr er dann fort,

»hast du daheim ein liebes Weib?«

»Nein, ich bin Junggesell, Herr Graf. Habe zum Werben und Freien noch

keine Zeit gehabt und, offen gestanden, auch wenig Neigung dazu.«

»Schade! solltest dir doch bald eine Herrin in deinen Burgstall führen.

Nun, so berichte mir jetzt von deines Lebens einspänniger Fahrt.«

»Gern, doch erst müssen wir wieder Wein haben, denn in dem Kruge ist

kein Tropfen mehr,« sprach Eike und winkte der im Garten waltenden

Schenkin.

»Und einen kräftigen Imbiß soll sie uns auch bringen,« fügte Graf Hoyer

hinzu. »Mich hat auf dem langen Ritt nicht bloß Durst, sondern auch ein

grimmiger Hunger überfallen.«

»Woher kommt Ihr?« fragte Eike.

»Von Wernigerode, wo ich einen Enkel des Grafen Christian über die

Taufe gehalten habe. Da wurde wacker gebügelt gestern, denn es waren

viel ritterliche Herren aus der Umgegend mit trinkfesten Kehlen dort.«

Nachdem das blitzsaubere Mädchen den frisch gefüllten Krug und ein

einfach ländliches Abendbrot aufgetischt hatte, hub Eike von Repgow an:

»Daß ich eine Reihe von Jahren erst als Edelknabe und dann als Knappe

beim Markgrafen Dietrich von Meißen war, wo ich höfischen Brauch,

Waffenhandwerk und nebenbei noch mancherlei anderes, mehr als mich

verlangte, aus dicken Büchern und aus dem Munde umständlich dozierender

Magister und Mönche lernen sollte, wißt Ihr wohl.«

»Von deinem Aufenthalt dort weiß ich, und das übrige kann ich mir

denken,« lachte der Graf. »Ging wohl hoch her bei dem künstlerisch

angehauchten Markgrafen, dem ehrgeizigen Gönner fahrender Sänger und

Spielleute?«

»Hoch ging es nicht her, sondern manchmal sogar ziemlich dürftig. Man

nannte ihn nicht umsonst Dietrich den Bedrängten, weil er von seinen

nächsten Verwandten viel Anfechtung und Drangsal auszustehen hatte,

aber wir junges Volk waren allweg guter Dinge, und ich denke gern an

jene Zeit zurück.«

»Na, und dann?«

»Dann blieb ich zu Hause in Reppechowe, wo ich doch wieder die Nase in

Bücher und Schriften steckte, die ich mir oft von weither verschaffte,

denn mir war in Meißen ein schulfüchsiger Wissensdrang angeflogen, der

mir keine Ruhe mehr ließ. Diese Bücherschnüffelei trieb ich so lange,

bis mich mein Vater auf meinen dringenden Wunsch nach Bologna schickte.«

»Nach Bologna? was hattest du denn in Bologna zu suchen?«

»Die Rechte zu studieren. Und das kam so. Mein Vater hatte einen

Rechtsstreit anhängig gemacht, bei dem er ins Unrecht gesetzt wurde,

weil in Reppechowe, das jenseits der Elbe liegt, ein anderes Recht

gilt als diesseits, wo der Gegner heimisch war, und doch wohnten beide,

Kläger und Beklagter in Anhalt, nur wenige Wegstunden voneinander.

Damit uns nun solche Unbill nicht noch einmal widerfahre, wollte ich

mich des Studiums der Rechte befleißigen. Außerdem hoffte ich auch,

dermaleinst den Schöffenstuhl meines Vaters in Salbke einnehmen zu

können, und wollte mich darauf gründlich vorbereiten, um später einmal

ein guter Urteilsfinder zu sein.«

»Soso! das muß ich loben,« sagte der Graf. »Gefiel dir's in Bologna?«

»Es war die weitaus glücklichste Zeit meines Lebens. Auf der hohen

Schule dort waren zu tausenden die Söhne aus aller Herren Ländern. Man

sprach deshalb immer lateinisch, und die hochgelahrten Herren ~doctores

juris~, die ~judices~, wie sie sich nannten, hielten auch die Kollegia

in Latein, das ich wie meine Muttersprache beherrschte. Wir schwärmten,

zechten, fochten --«

»Und liebten, -- nicht zu vergessen! nicht wahr?«

»Ich nicht, ich nahm es ernst mit der Arbeit, so wenig mir auch das

dort ausschließlich behandelte römische Recht behagte, an Stelle dessen

ich ein allgemeines deutsches Recht für unser Volk ersehnte und ...«

Eike brach jählings ab, obwohl ihm offenbar noch etwas auf der Zunge

schwebte, was er verschwieg.

Graf Hoyer wartete vergeblich auf den Schluß des Satzes. Dann fragte

er: »Und als du von Bologna heimkehrtest, was tatest du da?«

Eike zögerte auch jetzt mit der Antwort und sagte dann etwas

verlegen: »Ich -- ich lernte zu Hause fleißig weiter und gab mir,

viel im Lande umherreitend, alle Mühe, mich mit den alten sächsischen

Gewohnheitsrechten bekannt zu machen, immer im Hinblick auf den mir

von ferne winkenden Schöffenstuhl.«

»Nun, Schöffe bist du ja geworden, soviel ich weiß,« sprach der Graf.

»Wie stehst du denn in der Heerschildordnung? Hast du nicht irgendwo

die Schwertleite erhalten?«

»O ja. Um den mir angeborenen Schild auch durch eine Waffentat in

Panzer und Sturmhut zu erwerben, nahm ich als Knappe Kriegsdienst beim

Fürsten Heinrich von Anhalt und kämpfte unter ihm und für ihn in seiner

blutigen Fehde gegen die aufrührerischen Lehnsleute im Hasgau, nach

deren endlicher Besiegung er mich zum Ritter schlug. Ich dachte, er

würde mich nun zu seinem Kanzler oder Justitiarius machen, aber daraus

wurde nichts, nur als Schöffen hat er mich nach meines Vaters Tode mit

Brief und Siegel bestallt.«

Graf Hoyer hob den Becher, trank seinem schöffenbaren jungen Freunde zu

und sagte: »Heil dir, Ritter Eike von Repgow! Aber jetzt erkläre mir:

was hat es zu bedeuten, daß du hier einsam und allein aus zwei Bechern

trinkst?«

Über Eikes Gesicht flog ein Schatten, und mit schwerem Ton kam es von

seinen Lippen: »Ich trinke hier mit einem Abgeschiedenen, einem Toten.«

»Was?!« rief der Graf, »gibst du dir hier ein Stelldichein mit einem

Zechbruder aus jener Welt? Den möcht' ich sehen, Eike! Kannst du

ihn nicht beschwören, daß er erscheint? mich gelüstet's, einmal mit

einem ritterlichen Spukgespenst nicht die Klingen, aber die Becher zu

kreuzen.«

»Er würde meiner Beschwörung nicht Folge leisten,« erwiderte Eike. »In

die Wirklichkeit kehrt er niemals wieder, nur in meiner Einbildung

sitzt er dort an der Stelle, wo Ihr jetzt sitzt und wo ich früher

manche Stunde fröhlich mit ihm becherte.«

»Heraus mit der Geschichte! ich werde nicht lachen und spotten.«

»Gut, so höret! Kurz nach meiner Ankunft in Bologna lernte ich dort

einen Altersgenossen kennen, der gleich mir dem Studium der Rechte an

der hohen Schule oblag und mit dem ich bald innige Freundschaft schloß.

Er hieß Hinrik Warendorp, entstammte einem alten Geschlecht der nunmehr

freien Reichsstadt Lübeck und war der Sohn eines hochangesehenen Rats-

und Handelsherren. Wir trieben unser Fach fortan gemeinsam, verließen

nach dreijährigem Aufenthalt die Hochschule auch an demselben Tage und

zogen zusammen nach Deutschland zurück bis hierher, zum Gasthaus am

Scheidewege. Dann trennten sich unsere Pfade; er ritt nordwärts zur

Trave, ich ostwärts zur Elbe, nachdem wir ausgemacht hatten, uns jedes

Jahr zur Apfelblütezeit hier zu treffen und ein paar Tage lang unsere

köstlichen Erinnerungen zu pflegen. Dreimal glückte das, dann blieb er

aus. Auf einer Fahrt nach Wisby war sein Schiff in einen furchtbaren

Sturm geraten. Eine gewaltige Sturzsee hatte ihn über Bord gerissen,

und unrettbar war er in den tobenden Wellen versunken. Und diese

Botschaft erhielt ich hier an diesem Tische, an dem ich, nichts ahnend,

seiner Ankunft harrte.«

Der Erzähler hielt inne, um erst seines Schmerzes Herr zu werden, ehe

er weiter sprechen konnte: »Nun komme ich alljährlich einmal allein her

zum Gedächtnis meines lieben Trautgesellen, sehe ihn hier leibhaftig

vor mir, rede mit ihm, stoße mit meinem Becher an den seinigen, als

schwänge seine Hand ihn mir zu, und trinke aus beiden.«

Graf Hoyer von Falkenstein saß regungslos still. Dann sagte er:

»Jetzt stoße ich mit dir an zu Ehren des Toten, dem du eine so treue

Freundschaft bewahrst. Deine Erzählung hat mich gepackt,« fuhr er

nach dem Trunke fort, »und auch ich habe eine Kunde, die dich nicht

unberührt lassen wird. Du feierst hier das Angedenken eines, der deinem

Herzen nahe stand, aber ganz Germanien hat jetzt einen Größeren zu

betrauern.«

»Wen?« fragte Eike schnell, »doch nicht etwa Kaiser Friedrich den

Hohenstaufen?«

»Nein, -- Herrn Walter von der Vogelweide.«

»Walter von der Vogelweide ist tot?« rief Eike in jähem Schrecken aus

und griff sich an die Stirn, als könnt' er's nicht fassen.

»In vergangener Woche ist er aus dieser Zeitlichkeit geschieden, und im

Kreuzgang des Neumünsters zu Würzburg haben sie ihn begraben.«

»O mein Gott! mein Gott! und ich Narr, ich blöder Tor habe Jahr auf

Jahr die Fahrt zu ihm verschoben, den ich aufsuchen wollte, um mir

bei ihm Mut und Rat für ein großes Werk zu holen. Und nun ist es zu

spät, nun ist sein weiser, weithin tönender Liedermund, der dem Kaiser

und dem Papste die Wahrheit sagte und an dem unser ganzes Volk mit

freudiger Bewunderung hing, auf ewig verstummt. -- Ich kannte ihn, Graf

Hoyer, und er war mir hold und gewogen, der ritterliche Minnesänger.«

»Du hast ihn gekannt?«

»Ja freilich! er war mondelang in Meißen der hochwillkommene Gast des

Markgrafen Dietrich, während ich dort nicht mehr Edelknabe, sondern

schon Knappe war. Ich habe sein Antlitz geschaut mit den strahlenden

Augen, habe seine Stimme gehört, und meine Hand hat oft in der seinen

gelegen. Und wie hab' ich ihm gelauscht, wenn er von Wien berichtete

und dem Herzog Leopoldus gloriosus oder von dem glänzenden Hofe des

Landgrafen Hermann von Thüringen und dem großen Sängerkrieg auf der

Wartburg!«

»Ich könnte dich darum beneiden, Eike, daß du diesen gottbegnadeten

Mann gekannt hast,« sagte der Graf.

Mittlerweile war die Dämmerung immer stärker geworden, in der die

vielen Tausende von weißen Blüten an den Fruchtbäumen noch hell

schimmerten wie kleine, in die Kronen gehängte Lämpchen. Am Himmelszelt

blinkten schon einzelne Sterne, zu denen sich allmählich mehr und

mehr gesellten. Ein Knecht des Gasthauses steckte in die Ringe der im

Garten aufgestellten Pfähle lange brennende Kienspäne, die im nächsten

Umkreise eine spärliche Beleuchtung spendeten. An den Biertafeln war es

stiller geworden, denn einer nach dem andern der vorher so lauten Gäste

hatte sich sacht davongeschlichen zu dem Strohlager, das ihnen für

mehrere gemeinsam in den Schuppen bereitet war.

Eike blickte zu den Sternen empor und sprach: »Es ist klarer Himmel,

wir werden morgen einen guten Tag haben zu unserer Weiterreise.«

»Wie sagtest du?« fragte der Graf mit einem halb unterdrückten Gähnen.

»Es war nur eine Bemerkung über das Wetter,« erwiderte Eike. »Ihr seid

müde, Herr Graf; wollt Ihr nicht zur Ruhe gehen? ich trinke den Krug

hier noch aus.«

»Hast recht, Eike; ich bin müde,« mußte der Graf zugeben. »Es ist

gestern spät geworden bei dem Taufschmause. Der Halberstädter Domherr

Konrad von Alvensleben fand, als wir Männer unter uns waren, bis tief

in die Nacht hinein kein Ende mit seinen lustigen Geschichten und

Schwänken. Nur eines möchte ich noch wissen, ehe ich schlafen gehe.

Du erwähntest vorhin ein großes Werk, über das du Walter von der

Vogelweide hättest um Rat bitten wollen. Was planst du denn für ein

Werk?«

»Herr Graf, heute nichts mehr davon!« entgegnete Eike. »Wir sehen uns

wohl morgen noch, bevor wir voneinander scheiden.«

»Doch, sag' es mir! sonst grübele ich darüber und schlafe trotz aller

Müdigkeit nicht ein.«

»Nun denn, -- ich plane ein neues, einheitliches Gesetzbuch für ganz

Sachsenland.«

»Eike! Eike! ein einheitliches Gesetzbuch für ganz Sachsenland?! Wie

meinst du denn das?«

»Morgen, Herr Graf, will ich Euch Rede stehen.« Damit lehnte Eike jede

weitere Auskunft heut abend entschieden ab. Sie erhoben sich beide und

schüttelten sich die Hände zur guten Nacht. Der Graf begab sich in das

Haus und murmelte vor sich hin: »Ein Gesetzbuch für ganz Sachsenland!

ein verwegener Gedanke!« --

Eike von Repgow saß wieder allein am Tische unter dem blühenden

Apfelbaum und trank den Krug langsam aus.

Es reute ihn fast, seinen Plan dem Falkensteiner verraten zu haben, und

er erteilte sich selber, nur leider zu spät, die kluge Mahnung: »Von

einem wichtigen Fürnehmen soll man nicht vorher sagen: ich +will+ das

tun, sondern nach dem Vollbringen: ich +habe+ es getan. Denkst du nicht

auch so, Hinrik Warendorp?«

Zweites Kapitel.

Als sich in der Frühe Graf Hoyer und Eike zum Morgenbrot trafen, das

sie wieder im Garten an demselben Tisch einnahmen, an dem sie gestern

abend gesessen hatten, und Eike den Falkensteiner fragte, wie er geruht

hätte, erwiderte dieser: »In der ersten Hälfte der Nacht ganz gut, aber

nachher hat mich dein Gesetzbuch doch ein paar Stunden Schlaf gekostet,

denn es lag mir schwer wie ein Alp auf der Brust, und ich mußte fort

und fort daran denken.«

»Nun, ein großer, dickleibiger Foliant wie das ~corpus juris~

Justinians wird es nicht werden, Herr Graf,« lächelte Eike. »Ich werde

mich kurz fassen, daß es handlich ist und Schöffe, Schultheiß und

Fronbote es in der Tasche mitnehmen können, wenn sie sich zur Dingstatt

begeben.«

»Ich bin sehr neugierig darauf,« gestand der Graf, »und schlage vor,

daß wir uns hier beim Frühmahl nicht lange versitzen, sondern bald

aufbrechen und du mich ein Stück Weges begleitest. Das Gescheiteste

wäre, wenn wir selbander langsam zu Fuß wanderten, wobei du mir

dein sonderbares Vorhaben in aller Gemächlichkeit auseinandersetzen

könntest. Ich schicke meinen Leibknecht mit den Pferden voran, und dein

Roß kann sich derweilen noch ausruhen, denn du hast heute noch einen

weiteren Ritt zu deiner Nachtherberge als ich nach dem Selketal und zur

Burg hinauf.«

Diesem Vorschlage stimmte Eike gern zu, und als sie ihr Frühstück, bei

dem sie von dem Buche nicht sprachen, beendet hatten, machten sich die

Herren zu ihrem Gange bereit und traten ihn wohlgemut an.

Alsobald sie auf der Landstraße sanft ansteigend den Saum des Waldes

erreicht hatten, blieben sie stehen, wandten sich um und schauten

noch einmal zurück. Da lag in geringer Entfernung das große Gehöft

des Gasthauses am Scheideweg in der Maienpracht seiner Blütenbäume so

malerisch vor und unter ihnen, daß sie sich von dem fesselnden Anblick

kaum trennen konnten. Aus einem Schornstein wirbelte blauer Rauch

kerzengerade in die Höhe, denn es regte sich kein Lüftchen, und die

Flügel der Windmühle auf dem Hügel da rechts harrten vergeblich der

treibenden Kraft. Auf dem Hofe, den man von hier aus übersehen konnte,

spannten die Fuhrleute ihre Gäule an die Wagen, und ihr Reden und Rufen

hallte durch die Stille deutlich zu den Rastenden herauf. Von den

Dörfern in der Umgegend führten die Hirten ihre Herden auf die Weide,

und über die lachenden Fluren streckte sich weit und breit der Friede

eines gesegneten Wohlstandes.

»Vorwärts!« gebot der Graf, und sie schritten wieder fürbaß und in den

frühlingsduftigen, taufunkelnden Wald hinein, wo das junge Laub der

Sträucher und Bäume, von den Sonnenstrahlen hell durchleuchtet, mit dem

frischesten, saftigsten Grün alle Wipfel und Zweige füllte, daß unten

auf Gras und Moos scharf begrenzte Lichter und Schatten wechselten.

Und nicht lautlos war es in Geäst und Gebüsch. Muntere Vogelstimmen

erklangen ringsum. Amseln flöteten, Pirol und Kuckuck riefen, Finken

schlugen, und Grasmücken sangen lockende, werbende Liebeslieder.

Nachdem die Wanderer, mit vollen Zügen die wonnesame Waldluft atmend,

eine Zeitlang schweigend nebeneinander hergegangen waren, begann Graf

Hoyer: »Nun sprich, Eike! aber fang von vorn an, wie der Plan des neuen

Gesetzbuches in deinem Kopf allmählich gereift ist. Entstanden ist er

also, wie du gestern sagtest, infolge des Ungerichtes, das dein Vater

einst über sich ergehen lassen mußte.«

»Nein, Herr Graf! Der übel verlaufene Rechtshandel meines Vaters

war nur der Anstoß zu meinem Besuche der hohen Schule in Bologna,«

entgegnete Eike. »Dort erst, je mehr ich mich in das Studium vertiefte,

sah ich ein, daß das römische Recht nun und nimmer unserem Volke

frommen kann. Aber ich war damals schon alt und gewitzt genug, um auch

die großen Schäden und Mängel unserer eigenen Rechtverhältnisse zu

erkennen und daß sie einer gründlichen Wandlung dringend bedürften.

›Gewalt fährt auf der Straße, und Fried und Recht sind sehre wund,‹

singt Walter von der Vogelweide. Und er hat wahrhaftig recht; die

widerspruchvollsten Satzungen zur Entscheidung über Schuld und Unschuld

laufen bei uns durcheinander und gegeneinander wie die kribbelnden

Tierlein in einem Ameisenhaufen. Was ist das für ein jämmerlicher

Zustand, daß hinter jedem Grenzstein, in jedem Gau und jeder Stadt

ein anderes Recht gilt, ja, daß zwischen Mann und Frau, die ehelich

zusammen hausen, oft weit voneinander abweichende Bestimmungen zur

Anwendung kommen, wenn die beiden aus zwei verschiedenen, noch so nahe

belegenen Ortschaften gebürtig sind! Unsere Rechtspflege, das Verfahren

vor dem Schöffenstuhl auf der Dingstatt, Gerüfte und Klage, Eidstabung,

Verfestung und Urteilsspruch liegen im Argen und müssen geändert

werden. Dem Volke muß das natürliche Rechtsgefühl und damit auch die

Rechtssicherheit wiedergegeben werden in einheitlichen und einfältigen

Gesetzen, die sich aus den Erscheinungen und Ereignissen des täglichen

Lebens selber entwickeln, statt in verknöcherten Institutionen, starren

Paragraphen und verzwickten Kautelen, die dem gemeinen Sinn unfaßbar

und dunkel sind.«

Der Graf hatte dem erregt Sprechenden aufmerksam zugehört, nickte

beifällig und fragte nun: »Und welche Rechtsgebiete hast du dir zur

Verbesserung ausersehen?«

»Alle, mit denen Herr und Knecht, Bürger und Bauer in Berührung kommen

und die dem Höchsten wie dem Geringsten im Reich an Leib oder Seele

gehen,« gab Eike stolz zur Antwort. »Land- und Lehnrecht, Hof- und

Erbrecht und was sonst noch mit diesen Gruppen irgendwie zusammenhängt.«

»Ein weites Feld, eine gewaltige Aufgabe!« sagte der Graf, »wirst du

sie lösen können?«

»Ich hoffe es zuversichtlich, denn ich bin gut gerüstet mit allem für

meinen Zweck Wissenswerten.«

Graf Hoyer schwieg nachdenklich. Dann kam aus seinem Munde die Frage:

»Hast du deinen Plan außer mit mir noch mit einem andern Menschen

besprochen?«

»Jawohl, mit meinem getreuen Kumpan Hinrik Warendorp, und er hat

mir mannigfach dabei geholfen, hat mir, so lange er lebte, eigene

Wahrnehmungen und Erfahrungen über alte Volks- und Gewohnheitsrechte in

seiner Vaterstadt Lübeck und in Stormarn und Holstein mitgeteilt und

mir schriftliche Auszüge aus Urkunden, Handfesten und Verbriefungen

gesandt, wie ich mir solche auch selber aus allen Teilen Altsachsens in

Menge herbeigeschleppt habe.«

»Und sonst hast du niemand eingeweiht?«

»Doch! noch einen,« erwiderte Eike noch stolzer als vorher, »aber Ihr

werdet nicht raten, +wen+.«

»Nun?«

»Kaiser Friedrich den Hohenstaufen.«

»Mensch! Das hast du gewagt?« rief der Graf erschrocken aus, »dem

Kaiser hast du's offenbart? Du selbst ihm selber?«

»Auge in Auge! und ich bin froh, daß ich's getan habe, denn der gewagte

Schritt war kein verlorener.«

»Wie bist du nur an ihn herangekommen? was sagte er zu deinem kühnen

Unterfangen? wie nahm er's auf?«

»Über alles Erwarten huldvoll und gnädig,« versicherte Eike. »Laßt Euch

erzählen. Während meines letzten Studienjahres in Bologna hatte der

Kaiser einen Reichstag nach Cremona einberufen, um die sich trutzig

gegen ihn auflehnenden Städte des lombardischen Bundes gefügig und

unterwürfig zu machen und auch um den Kreuzzug endlich in die Wege zu

leiten, den er dem Papste Honorius bei Strafe des Bannes hatte geloben

müssen. Da nahm ich die günstige Gelegenheit wahr, ritt von Bologna

nach Cremona und trug dem großdenkenden Hohenstaufen meinen schon

fest aufgebauten Plan freimütig und ausführlich vor. Er schenkte mir

geduldiges Gehör und gab mir unverhohlen seine Zustimmung zu erkennen.

Ich sehe ihn noch, wie er ernst und hoheitsvoll mir gegenüberstand und,

so lange ich redete, den durchdringenden Blick nicht von mir abließ. Du

willst, hub er an, als ich geendet hatte, mit deinem Buche den Sachsen

einen Spiegel des Rechtes vorhalten, eines einheitlichen Rechtes, nach

welchem alle Lebenden auf sächsischer Erde ohne Ansehung des Standes

und der Geburt mit gleichem Maße gemessen und gerichtet werden sollen.

Das gefällt mir, Eike von Repgow! Ich selber habe schon mehr als

einmal zu einer solchen Gesetzgebung, wie sie dir im Sinn liegt, den

Anlauf genommen, aber bei meinen unaufhörlichen Streitigkeiten mit den

Päpsten und den harten Kämpfen hier in der Lombardei und in Apulien

gebricht es mir an Zeit zu einer so umfassenden Arbeit. Jetzt hetzen

sie von Rom zum Kreuzzuge, um mich aus Italien loszuwerden und nach

Belieben hier schalten und walten zu können. Nun schaffe du, was ich

als deutscher Kaiser und König nicht vermag. Doch Schutz und Schirm

will ich dir gewähren und, soweit mein weltlicher Arm reicht, die

Hand über dir halten. Wenn ich dein Buch, wie ich hoffe, gutheißen

kann, will ich ihm allen Vorschub leisten und ihm Kraft und Geltung

verleihen in Herzogtümern und Grafschaften, in Stadt und Land. Also

Gott befohlen, Eike von Repgow! geh mutig und getrost ans Werk, laß

dich durch nichts beirren und berufe dich auf mich. -- So, Graf Hoyer,«

schloß Eike seinen Bericht, »so sprach der hochsinnige Kaiser zu mir;

all mein Lebtag werd' ich's nicht vergessen.«

Graf Hoyer war immer langsamer gegangen und hatte seinen

Wandergenossen, von dem Gehörten ganz erfüllt, oft prüfend und wägend

angeschaut. Jetzt sprach er: »Den Friedrich von Hohenstaufen gesehen

und gesprochen zu haben ist für jedermann ein Glück und eine Ehre.

Möge dir seine gnädige Verheißung von Nutzen sein! Meine beiden Söhne,

Otto und Arnulf, auch längst zu Rittern geschlagen, stehen bei des

Kaisers Heer in Apulien und haben ihn vielleicht auch schon zu Gesicht

bekommen. Aber jetzt laß uns ein wenig ruhen, Eike,« fügte er im tiefen

Walde stehen bleibend und sich verschnaufend hinzu. Damit streckte er

sich auf Gras und Kraut in den Schatten einer mächtigen Eiche, und sein

junger Gefährte tat das gleiche.

Der Graf schob sich beide Hände unter den Kopf und dehnte mit Behagen

die müden Glieder. »Wie gut liegt sich's hier!« sagte er. »Unter

dieser Eiche hat in den sieben Jahrhunderten, auf die ich ihr Alter

schätze, gewiß mancher Weidmann bei seinem Pirschgange gerastet, hat

den Eschenspeer und den Eibenbogen an den Stamm gelehnt, aus der

Dachsfelltasche den spärlichen Imbiß hervorgeholt und ihn mit seinem

treuen Stöberhunde redlich geteilt. Und nun liegen wir hier, und auch

uns zu Häupten rauscht die Eiche und raunt von längst verklungenen

Zeiten, da die Frankenkönige und die Sachsenherzöge das Land

durchritten, in allen Gauen selber zu Gericht saßen und mit eigenem

Munde über männiglich, über Freie und Hörige Recht sprachen ohne

geschriebene Gesetze.« Er hielt sinnend ein Weilchen inne und fuhr dann

fort: »Wenn ich dich recht verstanden habe, so hast du alles, was du an

Schriften und Aufzeichnungen zu deinem Werke gebrauchst, schon hübsch

beieinander und kannst nun die Feder ansetzen, um das, was sich als

Stoff und Inhalt des Buches drängend und treibend in dir angehäuft hat,

zu Papiere zu bringen. Ist es nicht so?«

»Ja, so ist es,« erwiderte Eike, »dies war meine letzte Reise, auf

der ich mir noch etwas Fehlendes heranzuschaffen hatte. Jetzt kann's

losgehen mit der Schreiberei.«

»Gut!« sprach der Graf, »und wenn du mir nun eine Freude machen willst,

Eike, eine große Freude, so komm schnurstracks zu mir und schreibe dein

Gesetzbuch bei mir auf Burg Falkenstein!«

»Graf Hoyer!« rief Eike und schnellte aus seiner liegenden Stellung

empor, so daß er nun aufrecht saß. »Das ist ein sehr freundliches

Anerbieten von Euch, aber mit allem Danke muß ich die Einladung

ablehnen, um Eures Burgfriedens willen.«

»Was schert dich denn mein Burgfriede? für den laß mich sorgen!«

»Ich würde Euch Unrast und Ungelegenheiten schaffen mit allerlei

Rücksichten, die Ihr in Eurer Güte meinetwegen vielleicht nehmen zu

müssen glaubtet, und mein Einlager würde von langer Dauer sein, wenn

ich mein Buch von Anfang bis zu Ende bei Euch --«

»Bleibe so lange du willst und rede nicht von Ungelegenheiten,«

unterbrach ihn der Graf. »Davon wirst du nichts spüren, wirst dich wohl

fühlen in unsern Bergen und Wäldern, wohler und frischer als in dem

staubigen Flachland an der Elbe.«

»Daran zweifle ich nicht, aber es geht nicht.«

»Warum denn nicht? Dein festes Haus in Reppechowe werden sie dir nicht

wegtragen, auch wenn du's nicht selber bewachst.«

»Ach, abkömmlich wäre ich schon; ich habe einen tüchtigen Meier, der

mir mein kleines Lehngut bestens verwaltet und in Ordnung hält.«

»Nun also!«

»Es wird mir sehr schwer, nein zu sagen, Herr Graf, aber --«

»So sage doch ja!« lachte der Graf, »wozu denn die Ausflüchte?«

Eike schaute den so herzlich auf ihn Eindringenden überlegsam an. Dann

hellten sich seine Züge auf wie nach einem gefaßten Entschluß, und

völlig überwunden erklärte er: »Nun denn, -- in Gottes Namen, ja! ich

komme.«

»Abgemacht!« rief der Graf, und Hand schlug fest in Hand. »Du wirst

auf der Burg vollkommene Ruhe zur Arbeit haben, kannst auch, wenn du

Lust hast, pirschen gehen und dich überhaupt mit deiner Zeit ganz nach

deinem Gefallen einrichten. Die Gräfin und ich werden dir alles zu

Liebe tun, was wir wissen und können, sollst Feuer ohne Rauch, ein

krachendes Bett und einen immer gefüllten Becher finden, aus dem du so

lange trinken kannst, bis du eine Taube auf dem Dache für zwei Krähen

ansiehst. Bei der Arbeit sollst du nie gestört werden; vielleicht kann

ich dir aber hier und da mit Wink und Weisung an die Hand gehen, denn

als Gerichtsherr der Grafschaft bin auch ich des Sachsenrechtes nicht

ganz unkundig.«

»Rat und Hilfe werde ich dankbar von Euch annehmen, Herr Graf.«

»Zur Hilfe bei deiner Schreiberei stelle ich dir meinen Sekretarius

zur Verfügung, einen jungen Menschen aus dem Burggesinde, für den ich

ohnehin zu wenig Beschäftigung habe. Geschickt und brauchbar ist er.«

»Auch sicher und zuverlässig?«

»Wenn man ihn kurz und unter strenger Fuchtel hält, ist mit ihm

anzukommen, denn er hat nicht zu verachtende Fähigkeiten, aber auch den

Kopf voll Schnurren und Flausen,« versetzte der Graf. »Wilfred Bogner

heißt er und ist der Sohn meines verstorbenen Wild- und Waffenmeisters,

der im Kampfe mit einem von ihm angeschossenen Bären sein Leben

einbüßte. Ich nahm mich des gänzlich verwaisten Jungen an und schickte

ihn auf die Klosterschule zu Gröningen bei Halberstadt, weil ich den

Abt des Benediktinerstiftes kenne. Einige Jahre lang tat der Wilfred

dort gut, lernte leicht und fleißig, und es wäre vielleicht noch einmal

etwas Ordentliches aus ihm geworden, wenn sie ihn nicht eines dummen

Streiches wegen weggejagt hätten.«

»Was hat er denn ausgefressen?«

»Sie hatten im Kloster einen schwarzen Pudel; den hat sich der Bengel

aus reinem Übermut eines Tages vorgenommen und ihm heimlich eine

regelrechte, kreisrunde Tonsur von einem Ohre zum andern geschoren,

kahl bis auf den Schädel. Die Patres waren natürlich empört über dieses

Sakrileg, das nicht ungerochen hingehen durfte.«

»Aber wie wurde denn der Verbrecher entdeckt?«

»Durch den Pudel selber. Dieser war zu allen im Kloster, Mönchen

und Schülern, freundlich und zutulich. Von Stund an aber benahm er

sich gegen Wilfred äußerst feindselig und bissig und ließ sich nicht

mehr von ihm anfassen. Das fiel auf, und in ein gründliches Verhör

genommen, mußte der Bösewicht nach hartnäckigem Leugnen seinen

Frevel endlich eingestehen. Da wurde er erst so lange in den Karzer

gesteckt, bis dem armen Pudel seine geschorene Platte wieder dicht

und krauswollig zugewachsen war, und dann von der Klosterschule

relegiert. Darauf hat er sich, ich weiß nicht wie lange, als Vagant in

der Welt umhergetrieben, bis er plötzlich abgerissen und verlottert

auf dem Falkenstein erschien und um Aufnahme bettelte. Ich ließ mich

erweichen und nahm den windschaffenen Gesellen in Erinnerung an die

treuen Dienste seines Vaters in Gnaden wieder auf, und seitdem hat er

sich während der ganzen Zeit hier nichts zuschulden kommen lassen. Den

sollst du zum Schreiber haben, Eike, aber paß ihm auf die Finger, rat'

ich dir. Wann wirst du dich einfinden?«

»Ich denke, in einigen Tagen, Herr Graf,« versprach Eike. »Ich muß

zuvörderst mein Haus bestellen und meine Schriften ordnen. Dann komme

ich mit Sack und Pack bei Euch eingeritten.«

»Bist allstunds willkommen, aber jetzt muß ich weiter. Hilf mir auf!«

Eike unterstützte den Grafen mit seiner jungen Kraft. Als dieser aber

auf den Füßen stand, drückte er die Hand aufs Herz und sagte: »Ich

kann nicht länger gehen, ich muß in den Sattel. Vor vierzehn Jahren

traf mich auf einem Turnier in Frankfurt ein Lanzenstoß, der das Herz

streifte und die Lunge berührte. Davon ist mir eine Herzschwäche

zurückgeblieben, die sich mit dem zunehmenden Alter immer häufiger und

stärker fühlbar macht. Lange Zeit hat sie mich verschont gelassen,

aber heut ist sie wieder im Anzuge, wahrscheinlich veranlaßt durch das

andauernde Trinkgelage in Wernigerode. -- Ich habe mein Hifthorn nicht

bei mir; kannst du auf dem Finger pfeifen, Eike?«

»Versteht sich, Herr Graf!«

Ein gellender Pfiff Eikes durchdrang die Stille des Waldes, und sofort

ertönte von fern auch die Antwort in derselben Weise. »Das ist Folkmar,

der auf uns wartet,« sprach der Graf.

Bald hörten sie Hufschlag und sahen den Reitenden mit den Pferden nahen.

Als er bei ihnen anhielt und abgestiegen war, schwang sich Graf Hoyer

in die Bügel, was trotz seiner Atemnot ganz leidlich vonstatten ging.

»Also auf Wiedersehen auf dem Falkenstein!« rief er, Eike vom Sattel

aus die Hand reichend.

»Auf Wiedersehen! und ich bitte, der Frau Gräfin meinen ehrerbietigen

Gruß zu bestellen.«

Der Graf nickte, gab aber keine Antwort darauf und ritt mit seinem

Dienstmannen langsam davon.

Eike von Repgow blickte den Reitern sinnend nach, solange er sie sehen

konnte. »Auf dem Falkenstein, der waldumrauschten Bergfeste, soll ich

mein Buch schreiben; einen herrlicheren Schreibsitz kann ich mir nicht

wünschen«, sprach er zu sich selber. »Nun mit aller Kraft freudig ans

Werk, und Schaffenslust soll mir die Gedanken beflügeln!«

Drittes Kapitel.

In einem unbeschwerlichen Ritt, meist auf schattigen Waldwegen, langte

Graf Hoyer nach mehrtägiger Abwesenheit spät nachmittags auf seiner

einen hohen Berg krönenden, alle Wipfel überragenden Burg Falkenstein

an. Von seiner Gemahlin begrüßt und nach seinen Erlebnissen befragt

berichtete er ihr, so wie er vom Pferde gestiegen war, zunächst von

der Taufe in Wernigerode, welche anderen Gäste er dort getroffen und

welchen Verlauf das glänzende Fest genommen hatte.

Dann erzählte er ihr von seiner zufälligen Begegnung mit dem Sohn eines

lieben, alten Freundes, dem Ritter Eike von Repgow, den er in einem

einsamen Gasthause beim Weine sitzend vorgefunden hätte. Da hätten

sie ein freudiges Wiedersehen gefeiert, auch beide in der Herberge

genächtigt und heute morgen eine sehr erfrischende Fußwanderung durch

den Wald miteinander gemacht so weit ihn sein junger Gefährte, den

er von Kindesbeinen an kennte, hätte begleiten können. Dann rückte

er damit heraus, daß er den Anhaltiner, der in der Gegend von Aken,

aber jenseits der Elbe, auf seinem Lehngute hauste, zu einem längeren

Besuch auf dem Falkenstein eingeladen hätte, damit der Gast ein von

ihm geplantes, groß angelegtes Werk, ein neues Gesetzbuch über das

Sachsenrecht, schriebe.

»Ein Gesetzbuch?« sprach die Gräfin verwundert. »Ist er denn ein

Rechtsgelehrter? Du nanntest ihn doch Ritter.«

»Er ist beides,« bestätigte der Graf, »hat auf der hohen Schule zu

Bologna die Rechte studiert und fühlt nun als schöffenbar freier

Mann den unüberwindlichen Drang, seine erworbenen Kenntnisse zum

Wohle unseres Sachsenvolkes zu verwerten, dessen sehr verwickelte

Rechtszustände nach seiner und meiner Ansicht einer durchgreifenden

Änderung bedürfen. Aber du magst das alles aus seinem eigenen Munde

hören, denn in einigen Tagen wird er hier eintreffen.«

Die Gräfin schwieg, und ihrem unfrohen Gesichtsausdrucke nach

schien ihr die Ankündigung wenig Freude zu bereiten. Ein trockener,

langweiliger Gelehrter, dachte sie, der, statt als Ritter mit Schwert

und Lanze kampfliche Abenteuer zu bestehen, sich als Gesetzgeber

aufspielen will und sich dünkelhaft vermißt, nach seinen verschrobenen

Begriffen das Volk zu beglücken und die Welt zu verbessern.

»Ist er verheiratet und bringt er seine Frau etwa mit?« fragte sie

spitz.

»Nein,« entgegnete der Graf, »er ist noch ledig. Du darfst dir also

seine Huldigungen ruhig gefallen lassen.«

»Mich verlangt nicht nach seinen Huldigungen.«

»O er weiß, was sich edlen Frauen gegenüber schickt und ihnen nach

höfischer Sitte gebührt, Gerlinde!«

»Wo sollte er denn das gelernt haben? etwa in Bologna?«

»Nein, aber beim Markgrafen Dietrich von Meißen und beim Fürsten

Heinrich von Anhalt, der ihn für rühmliche Waffentaten zum Ritter

geschlagen hat,« bedeutete sie der Graf in verweisendem Tone.

Darauf gab Gräfin Gerlinde keine Antwort. Sie war verstimmt in der ihr

unliebsamen Aussicht auf die dauernde Gesellschaft eines ihr völlig

Unbekannten, zu dessen Art und Wesen sie nach der erhaltenen Mitteilung

kein rechtes Vertrauen zu fassen vermochte. Eine dunkle Ahnung stieg

in ihr auf, daß der Besuch allerhand Störungen und Mißhelligkeiten

veranlassen könnte, und sie nahm sich vor, sehr zurückhaltend zu sein

gegen diesen halb Ritter, halb Gelehrten, den ihr Gemahl von der

Landstraße aufgelesen und flugs zu sich eingeladen hatte, nur weil

er der Sohn eines alten Freundes war, dessen der Graf ihr gegenüber

niemals Erwähnung getan hatte.

Schweigend hörte sie auch sein Ersuchen an, für den Gast ein

behagliches Zimmer mit einem großen Schreibtisch und mit

Büchergestellen sowie ein bequemes Schlafgemach herrichten zu lassen,

aber bei der Ausführung dieses Auftrages, die sie selbst leitete, kamen

ihr andere Gedanken.

Der Besuch, auf den sie schon neugierig zu werden anfing, war doch

immerhin eine Abwechselung in der Eintönigkeit ihres Lebens, und

möglicherweise war der Herr -- wie hieß er? Eike von Repgow, Eike,

ein merkwürdiger Name! -- ein Mensch, an dessen Gegenwart man sich

gewöhnen konnte, zumal wenn man mußte. »So mag er denn kommen, der

Weltverbesserer! die Burgfrau wird dem gelehrten Gaste eine sorgliche

Wirtin sein, und die Dame wird sich auch mit dem verschrobensten Ritter

leidlich abzufinden wissen.« --

Beinah eine Woche später als Graf Hoyer ritt Eike von Repgow das

Selketal entlang und hatte seine Freude an dem herrlichen Eichen- und

Buchenwalde, der nirgends im Harze schöner und üppiger zu sehen ist

als an den Berghalden zu beiden Seiten dieses Tales, das jetzt schon

zum größten Teil im Schatten lag, während der Rücken des Höhenzuges

und seine hie und da aufragenden Kuppen noch von der Sonne beschienen

wurden. Der Wald reichte bis unmittelbar an die Umwallung des

Falkensteins heran, dessen trutziger Bergfried dem Nahenden in rosig

schimmernder Beleuchtung winkte und in ihm die Erinnerung an seine

Reise hierher als Knabe mit dem Vater weckte.

Unweit einer klappernden Mühle bog der Weg zur Burg von der Talstraße

ab, und Eike mußte der Steilheit wegen bald absitzen und sein Pferd am

Zügel führen, denn dieses hatte einen großen, mit Kleidern und noch

mehr mit Schriftstücken vollgepfropften Mantelsack zu tragen.

Es dauerte wohl eine Stunde, ehe er sein Ziel erreichte, doch eine

kleine Strecke vor dem Burggraben hielt er noch einmal an, weil er

hoch über sich in einer alten Buche, deren Äste bis tief hinab dem

mächtigen Stamm entwuchsen, Töne vernahm, wie aus einer Vogelkehle

herausgeschmettert. Aber ein Vogel konnte es nicht sein, denn zu so

weit vorgerückter Tageszeit sang kein Vogel mehr außer Nachtigall und

Amsel, und so süß berückend klang die Musika doch nicht. Es mußte ein

Mensch sein, der, dem Spähenden nicht sichtbar, im Gezweige des Baumes

hockte und auf einem Instrumente blies, von dem sich Eike keine klare

Vorstellung machen konnte.

»Heda! Du floitierender Buchfink,« rief er hinauf, »komm mal

heruntergeflattert aus deinem dichten Laubzelt, ich möchte den Schnabel

sehen, der so verlockend trillern kann.«

Da ward es still in der Buchenkrone. Dann hörte Eike, wie jemand an

Stamm und Zweigen herabrutschte, und bald sprang ein schlanker junger

Mensch ihm gerade vor die Füße, der ihm eine ungelenke Verbeugung

machte und ihn mit blinzelnden Augen dreist anstarrte. Zwischen den

Nesteln seines Wamses steckte ein mit Löchern zum Blasen versehener

Stengel Schilfrohr. Das war also die Schalmei, auf welcher der im

Grünen Versteckte gedudelt hatte.

»Hat man auf dem Falkenstein soviel freie Zeit, daß man wie ein Affe

auf die Bäume klettert und wie ein Starmatz zwitschert?« redete ihn

Eike an.

»O ich hätte nichts dagegen einzuwenden, Herr, wenn ich noch mehr

Freiheit hätte, um zu tun, was mir beliebt,« erwiderte der andere keck

und unverfroren.

»So bist du gewiß der Wilfred Bogner,« sagte Eike, worauf der richtig

Erkannte zustimmend nickte. »Nun, ich kann dir von deinem Überfluß an

Muße ein Erkleckliches abnehmen, ich habe Arbeit für dich.«

»Ach du lieber Gott! da seid Ihr wohl gar der Ritter Eike von Repgow?«

fragte der erst so Fürwitzige nun erschrocken.

»Du lieber Gott! ja, der bin ich, wenn du's mir zugute halten willst,«

sprach Eike belustigt.

»Darum hat auch der Neck im Ziehbrunnen vor drei Tagen so grausam

rumort, und nun ist --«

»Und nun ist das Unheil da, willst du sagen; danke für den freundlichen

~prospectus~!« lachte Eike. »Der Herr Graf hat mich wohl dem Herrn

Sekretarius schon angekündigt?«

»Ja freilich, Herr! ich weiß Bescheid, schreiben soll ich,« gab Wilfred

kleinlaut zur Antwort.

»Richtig! jetzt komm mit und geleite mich durch Umwallung und Tor zu

deinem gnädigen Burgherrn,« gebot Eike.

Er schwang sich in den Sattel, denn er wollte nicht wie ein Säumer mit

seinem Packtier, sondern ritterlich hoch zu Roß in die Burg einziehen.

Wilfred schlich de- und wehmütig wie ein geprügelter Hund hinter dem

Reiter her.

Sie mußten über die Zugbrücke und dann mehrere Tore durchschreiten.

Gleich hinter dem ersten enteilte einer der Burgmannen, wahrscheinlich,

um die Ankunft des Gastes zu melden.

Im Burghofe wies Eike zum Brunnen hin und sagte: »Nun horche mal hinab,

ob der Neck da unten nicht singt vor Freude, daß ich gekommen bin.«

Wilfred beugte sich über den Rand des Brunnengemäuers und tat so, als

ob er dem Befehle Folge leistete. »Ich höre nichts,« sprach er mit

einem boshaften Grinsen.

Eike sprang aus den Bügeln, ein Knecht nahm ihm das Pferd ab und

schnallte den Mantelsack los. Als Eike sich umwandte, trat ihm aus

einer Tür Graf Hoyer mit ausgestreckten Armen entgegen. »Bist du

endlich da, Eike?« rief er freudig, »mit welcher Ungeduld haben wir

deiner geharrt! Komm, die Gräfin erwartet dich oben.«

Als Eike sah, daß der Knecht sein Pferd in den Stall brachte, fragte

er: »Auf welche Weise kann ich den Braunen morgen nach Hause schicken?«

»Den laß nur hier,« erwiderte der Graf. »Er soll bis an den Bauch

im Stroh und bis über die Naslöcher im Hafer stehen. Ein tüchtiger

Reiseklepper!« fügte er hinzu, das starkknochige Tier musternd.

»Ich habe viele Meilen zwischen Rhein und Elbe mit ihm zurückgelegt,«

sprach Eike, »bin bei Schöffen, Schultheißen und Bauermeistern mit ihm

gewesen, und er hat bei mancher Unterredung aus dem Stegreif über Land-

und Lehnrecht die Ohren gespitzt.«

Sie stiegen eine steinerne Wendeltreppe hinan. Oben führte der Graf

den Freund in ein reich ausgestattetes Empfangsgemach, und Eike

stand, betroffen, sprachlos vor Staunen, einer schönen, +jungen+ Frau

gegenüber.

»Auch die Burgfrau heißt den Gast ihres Gatten willkommen,« sagte sie,

nicht steif und hoffärtig, aber doch etwas gemessen und sichtlich

selber überrascht über die stattliche, fast jugendliche Erscheinung des

Ankömmlings, den sie sich ganz anders gedacht hatte.

Eike konnte ihr nur mit einigen kurzen, verbindlichen Worten danken,

auf die sie erwiderte: »Ich möchte Euch, ehe Ihr hier Platz nehmt, Euer

Losament zeigen, Herr Ritter von Repgow. Bitte, folgt mir.«

Sie schritten alle drei, die Gräfin voran, durch einen langen,

schmalen, mittels zahlreicher Luken erhellten Gang, den Fräuleingang

geheißen, wie der Graf erklärte, zu dem nach seinen Angaben höchst

behaglich eingerichteten Zimmer. Die Gräfin öffnete die Tür und lud mit

einer Handbewegung den Gast zur Besitznahme ein.

Eike, sich darin umschauend und dann an eines der drei Fenster tretend,

rief aus: »Was? hier soll ich wohnen? das ist ja viel zu prächtig

für mich. Hier wird mir die Arbeit schwer werden, diese herrliche

Aussicht in das Tal vor Augen mit den Bergen und Wäldern und den grünen

Wiesen, durch die sich der erlenbekränzte Fluß in gefälligen Windungen

schlängelt. Da muß einem ja das Herz aufgehen vor Entzücken, aber die

Schreiberei wird dabei zu kurz kommen, gnädigste Gräfin!«

Der Sachsenspiegel: Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit · 第 1 / 20 段