In den letzten Wochen haben sich allerdings die Verhältnisse in mancher

Beziehung gebessert, und die Macht der Anarchisten hat abgenommen; aber

sie ist noch keineswegs gebrochen, und eine große, unthätige Masse

wird von einer kleinern, aber thätig bewegten, leicht überflügelt. Wo

stände Preußen, wenn die Machthaber ihre Zeit verstanden und nicht

jeden günstigen Zeitpunkt versäumt hätten; ganz Deutschland würde sie

anbeten, während jetzt wohlgesinnte Preußen sich fast freuen +müssen+,

daß ein Erzherzog von Österreich an die Spitze ihres großen, deutschen

Vaterlandes gestellt ist!! -- Welch ein unseliges Zögern bis zum

18. März! Und gleich nachher der Traum, wie aus Tausend und einer

Nacht, von einem glanzreichen deutschen Königthume. Dann, nachdem

man darüber ungerecht und grausam geschmäht, eine matte Erläuterung,

-- -- --; -- endlich seitdem tiefe Stille, kein Wort des Muthes, der

Theilnahme, der Begeisterung; -- --; König und Königthum leider immer

mehr sich zurückziehend; Freude an unbedeutenden Kleinigkeiten als

Hülfsmitteln für eine rückläufige Bewegung, Zorn ohne Wirkung über das

Unvermeidliche! Besser als diese stete Qual, im Ardennerwalde (wie es

euch gefällt) ein phantastisch-poetisches Leben führen.

Man schilt hier: daß der Graf Brandenburg in Breslau nur von der

Einigkeit Preußens und Österreichs sprach, Deutschland aber gar nicht

nannte, und Reichstag und Reichstagsabgeordnete (diese Geburtshelfer

des Reichsverwesers) gleichsam als nicht vorhanden betrachtete. Der

Erzherzog berichtigte auf der Stelle diesen Mangel. Man schilt, daß

kein preußischer Prinz sich, etwa nach Halle, bemühte, um den Erzherzog

zu begrüßen; während alle andere deutsche Fürsten sich überboten, im

Bezeigen ihrer Theilnahme, ihrer Zustimmung und ihrer Hoffnungen. War

es in Potsdam Lässigkeit, Versäumniß des rechten Augenblicks, üble

Laune, Vorsatz oder was sonst? Während -- --, werden die hiesigen

preußischen Abgeordneten bitter getadelt, daß sie (von Allen verlassen,

ringsum mit Recht oder Unrecht angegriffen) das Preußenthum nicht auf

ihren schwachen Schultern zum Himmel emporhoben!

In der heutigen Sitzung ward verhandelt von Ansiedlung, Bürgerrecht,

Zünften, Handelsfreiheit, Armenpflege u. s. w., -- verständig und

unverständig, lehrreich und trivial, in bunter Abwechslung.

Den 14. Julius.

Daß die Aufführung des Cäsar im Ganzen gelungen, freut mich sehr; ein

Glück, wenn Kunst und Wissenschaft einmal aus dem Meere politischen

Raisonnirens und Deraisonnirens auftaucht.

Wenn in der hiesigen Reichsversammlung täglich 10, wöchentlich 40

reden, so käme die Reihe zu sprechen binnen etwa 4 Monaten nur einmal

an jeden Einzelnen. Ich habe also trotz des Scheins der Faulheit

bereits bis zum November mein Pensum abgethan, mit einer Rede und

drei Berichtserstattungen. In der That ist aber die Arbeit in den

Ausschüssen nützlicher, als das viele Gerede in der Hauptversammlung.

Eitelkeit treibt hier sehr Viele auf die Rednerbühne, und die

Stichwörter von Volksrechten, Volkssouverainetät, Fürstenknechtschaft,

Revolutionsboden u. s. w., werden, zur Langenweile der Vernünftigen,

und zur theilnehmenden Bewunderung der Galerien, noch immer armsdick

hervorgesprudelt. Ein Begeisterter, welcher, sowie er die Rednerbühne

besteigt, Arm, Hand und Zeigefinger, so steif und weit als irgend

möglich, gegen die Versammlung ausstreckt, hat dafür die Würde eines

Reichsobermeilenzeigeraufsehers erhalten. -- Da man aus den ersten

Perioden in der Regel ganz richtig auf die Länge und Langeweile einer

Rede schließen kann, so weiß man in der Regel, wenn es Zeit ist das

Frühstück zu sich zu nehmen.

Neunundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 15. Julius 1848.

In der gestrigen Sitzung ward fast nichts von Dem verhandelt, was auf

der Tagesordnung stand. Denn wie vor acht Tagen der Waffenstillstand

mit Dänemark, fiel diesmal das anliegende Schreiben des hannöverschen

Ministeriums und die Erklärung der hannöverschen Abgeordneten wie eine

Bombe in die Versammlung, die allgemeinste Aufregung erzeugend. Ja,

Hr. Zitz (der Ankläger der preußischen Soldaten in Mainz), Hr. Simon

aus Trier und ähnliche Radikale, forderten: daß der König von Hannover

sogleich abdanke, ganz Hannover der neuen Centralgewalt überwiesen,

und das Volk aufgefordert werde, sich eine neue Regierung auszusuchen.

-- Dieser wilde Antrag fiel natürlich durch; doch zeigt er deutlich

genug, was jene Partei bezweckt. Ein zweiter Antrag: der König von

Hannover solle sogleich erklären: ob er die neue vollziehende Gewalt,

mit allen ihr zugewiesenen Rechten, anerkennen wolle, ging dagegen

durch: und ein dritter, milderer Vorschlag, für den ich mich erklären

wollte, kam deshalb gar nicht zur Abstimmung. -- Ich fürchte: jene

bestimmte Herausforderung wird zu bestimmtern Antworten führen, und

Streit erzeugen zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen

Regierungen. Denn es läßt sich nicht läugnen, daß jene (trotz einzelner

schönen Worte) auf die letzten nicht die geringste Rücksicht nimmt

und unbedingten Gehorsam fordert, ohne bestimmt auszusprechen, welche

Rechte und Thätigkeiten den einzelnen Regierungen und Volksstämmen

verbleiben sollen. Ob der König von Hannover in diesem oder jenem

Falle abdanken will, geht uns nichts an, und ist eher als ein

nachgiebiger Rückzug, denn als eine anmaßliche Drohung zu betrachten.

Gar eigenthümlich ist die Schlußfolge: wenn der König das Fortregieren

für unverträglich mit seiner Ehre hält, so verlieren sein Sohn und alle

sonstigen Erbberechtigten ihre Ansprüche: -- da sie nicht weniger auf

ihre Ehre halten müssen, als der abdankende König!

Trotz des lauten Geschreies über jene hannöversche Erklärung, läßt sich

ihr Inhalt, mit Rücksicht auf alles früher Bestehende, fast durchweg

vertheidigen; sie wird nur verwerflich, wenn ich der Reichsversammlung

ganz unbedingte Rechte beilege; dergestalt, daß Bedenken und Zweifel

gegen ihre Ansichten und Beschlüsse schon als Verbrechen dargestellt

werden. Allerdings aber behandelt man den König von Hannover jetzt

gerade so, wie er früher die hannöversche Verfassung behandelte: die

Nemesis ergreift auch ihn. -- Sehr zweifelhaft bleibt es indeß, ob in

seinem Lande, ob in Preußen, das Einigkeitsgefühl für Deutschland so

stark ist, daß man alle eigenthümlichen Interessen, alle selbstständige

Wirksamkeit aufgeben will, um sich von Frankfurt aus unbedingt regieren

zu lassen. Die Österreicher werden, seitdem ein Erzherzog an die Spitze

gestellt ist, weit geneigter sein, der Centralgewalt Rechte zuzuweisen,

als wenn ein Anderer zum Reichsverweser erwählt wäre. Ich rechne aber

darauf, daß er (schon aus Klugheitsgründen) sich gemäßigt benehmen,

und z. B. nicht auf den Gedanken eingehen wird, die Reichsversammlung

nach Wien zu verlegen. Umgekehrt werden die preußischen Abgeordneten

besorglicher, und müssen sich jetzt schon von Denen schmähen lassen,

welchen die hiesigen Verhältnisse unbekannt sind, und die das Mögliche

nicht vom Unmöglichen unterscheiden. Es war nun einmal kein preußischer

Prinz da, der die Stimmen mit Sicherheit gewonnen hätte, und der

Prinz von Preußen, der ausgezeichnetste unter ihnen, welcher täglich

mehr Boden gewinnen konnte, hat sich aus brüderlicher Liebe -- --

-- zurückgezogen. Die Behauptung: man hätte gar keine vollziehende

Gewalt aufstellen sollen, ist leicht ausgesprochen; hier aber war

man fast ganz allgemein von ihrer Nothwendigkeit überzeugt; auch

wird sie hoffentlich als Ableiter dienen gegen die selbstgefälligen

Uebereilungen Derer, die da irrig meinen: nur Könige könnten ihre

Allgewalt mißbrauchen, nicht aber Nationalversammlungen, Parlamente u.

s. w.

Die Uebelstände, welche aus dem Mangel an Einheit für Deutschland

hervorgehen, sind nicht etwa erst in unsern Tagen entdeckt worden; man

kennt sie seit Jahrhunderten, und Friedrich I, Karl V, Ferdinand II. u.

A. strebten dahin sie fortzuschaffen, und eine stärkere Centralgewalt

zu begründen. Aber alle Bemühen scheiterten, die Mittel (bessere, wie

schlechtere) führten nicht zum Ziele, die Mannigfaltigkeit überflügelte

immer die Einheit, und die Landeshoheit besiegte die Kaisergewalt. Möge

man jetzt eine glücklichere, richtige Mitte finden.

Wie übereilt und einseitig Manche hier gesetzgebern wollen, ohne

Rücksicht auf Örtliches und Bestehendes, auf Einnahmen und Ausgaben,

zeigt hinsichtlich des Zollwesens das anliegende Blatt (man möchte

sagen der Wisch), welchen Eisenstuck u. Comp. der Versammlung vorlegten

und augenblickliche Annahme verlangten. Diese ward zurückgewiesen

und die Prüfung des Vorschlags dem Ausschusse für Volkswirthschaft

überwiesen, wo man ihn schon mürbe machen wird. Theilt Dieterici das

Blatt mit, damit er sehe, daß Vorsicht, Einsicht, Wissenschaft und

Erfahrung überflüssige Dinge sind, und er seine Vorlesungen füglich

(gleich wie ich) einstellen kann.

Gestern Abend brachte ich wieder an drei Stunden im völkerrechtlichen

Ausschusse zu. Die posener Angelegenheit war der Hauptgegenstand

einer letzten Berathung. In den Vorschlägen zu den +Beschlüssen+

der Reichsversammlung war von einer völligen Herstellung Polens

viel bestimmter die Rede, als im englischen Parlamente oder

den französischen Kammern. Es war eine Art von Autorisation,

sich gegen Rußland fort und fort aufzulehnen. Ich behauptete:

der Berichterstatter, ja der Ausschuß, möge in Betrachtungen

und Beweggründen sich theilnehmend über die Polen aussprechen;

aber Aeußerungen jener Art gehörten nicht in einen staats- und

völkerrechtlichen Beschluß. Im Fall wir nur die Hälfte von dem gegen

Frankreich gethan hätten, was wir gegen Rußland uns erlaubten, würde

es uns schon den Krieg erklärt haben. Wenn man +diesen+ wolle, müßten

andere Gründe vorliegen und andere Mittel zur Hand sein u. s. w.

So ward denn das Sentimentale aus den Beschlüssen hinweg, in die

redensartlichen Betrachtungen gewiesen. Zweifel, ob die Polen je ein

geordnetes Volk und Reich werden könnten, ob sie je eine befreundete

Vormauer Deutschlands abgeben dürften, -- blieben mit Recht unerwähnt.

Die Organisation des polnischen Theils von Posen geht uns nicht an; für

die Begränzung des gemischten Theils lassen sich blos billige Wünsche

aussprechen; die Hauptsache bleibt der Antrag: die Abgeordneten des

deutschen Theiles schließlich in unsere Versammlung aufzunehmen. Trotz

aller polnischen Sympathien wird die Linke zwar sehr viel reden, aber

doch nicht jenen Antrag zurückweisen können, ohne alle Theilnahme für

die entschlossene, deutsche Bevölkerung aufzugeben.

Der zweite Gegenstand der gestrigen Berathung im völkerrechtlichen

Ausschusse war das dänische Embargo und die Entschädigung für die

großen Handelsverluste. Sehr natürlich fordert man diese zunächst von

Dänemark; wenn sie aber, unüberwindlicher Gegengründe halber, nicht zu

erlangen ist: so werden Schäden mancherlei Art, ausbleibender Gewinn

u. s. w. natürlich von den Einzelnen, ohne Ersatz getragen. Aber es

giebt auch gewisse Opfer und Verluste, welche in einem +deutschen+

Kriege von +Deutschland+ müssen übertragen und ausgeglichen

werden. Ich habe mich nach Kräften für Preußen und unsere Mitbürger

verwendet, die Thür für die Zukunft wenigstens offen gehalten.

Im Oberon hat gestern der Reichsverweser in seiner einfach natürlichen

Weise unter großem Beifall gesprochen. Als er sagte: ich werde in

Bälde wiederkehren und dann Frau und Kind mitbringen, hat sich die

Begeisterung verdoppelt, sodaß Manche Thränen der Freude und Theilnahme

vergossen.

Die Bildung eines Reichsministeriums ist hier noch schwieriger, als

in Berlin: denn es fehlt an einem festen, sichern Boden, an früherem

Herkommen, und unbestreitbaren Gesetzen. Die Männer werden wie in der

Luft schweben und der Gegenstand unzähliger Einreden sein, bis sie

verdrießlich und ermüdet abtreten. Nur große Charaktere können obsiegen

oder doch das rechte Maß finden.

Dreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 15. Julius 1848.

Bei dunkelem Wetter beruhigt sich der Reisende nicht mit der

allgemeinen Gewißheit, daß sich der Himmel zuletzt gewiß aufhellen

werde; sondern er beobachtet theilnehmend, ob die Wolken irgendwo

zerreißen, und sich ein Stücklein blauen Himmels zeigt. So beobachte

ich aus der Ferne Euern berliner Horizont, und erfreute mich an der

großen Mehrzahl, mit welcher Jacobi’s unnütz aufregender Antrag

verworfen ward. Mag diese Mehrzahl auch daher entstehen, daß sich,

sonst entgegenstehende, Parteien vereinigten (nämlich die Gegner einer

demokratischen Verantwortlichkeit des Reichsverwesers, und einer

unbegränzten Allmacht der hiesigen Reichsversammlung); immer geht

daraus hervor, daß die Umtriebe der Linken noch nicht von Allen für den

rechten politischen Weihrauch gehalten werden, daß sich noch nicht Alle

bei der Nase herumführen lassen.

Lieb ist es mir ferner, daß die Stadtverordneten, hinsichtlich der

Brottaxen nicht von ihrem alten, wohlüberlegten Beschlusse abgegangen

sind. Endlich will ich gern in dem Steigen der Papiere eine Rückkehr

des unentbehrlichen Vertrauens sehen. Sehr zweifelhaft bleibt es mir

dagegen, ob die Minister muthig und staatsklug handelten, indem sie

bei jenen wichtigen Verhandlungen ganz still schwiegen und den Ausgang

unthätig erwarteten. Mochten sie dessen gewiß sein, so war es doch

keine Windstille, wo der Steuermann schlafen durfte. Hiemit steht

in Verbindung, daß die preußische Regierung sehr mit Unrecht keinem

einzigen der hiesigen Abgeordneten vertraulich einen Fingerzeig über

Zustände, Wünsche, Zwecke zukommen läßt, der Vielen zur Richtschnur,

oder doch zur Aufklärung dienen könnte. Bei umgekehrtem, jedoch

vorsichtigen Verfahren, würden weniger Zweifel, Spaltungen und

Unsicherheiten eintreten.

Es ist sehr natürlich, daß in dem Maße als die Dinge hier in Frankfurt

eine gewisse Festigkeit zu gewinnen scheinen, auch Forderungen und

Wünsche mancherlei Art hervortreten. So sind Gesuche und Beweise

eingegangen: das Reichsgericht sei nicht in Nürnberg zu errichten,

sondern wieder nach Wetzlar zu verlegen. Die Reichsversammlung müsse

man nach dem sichern, besser und mehr in der Mitte Deutschlands

liegenden Erfurt übersiedeln, und Stadt und Bezirk für unabhängiges

Reichsgebiet erklären. Auch Leipzig, auch Regensburg regen sich;

während Frankfurt allen Angriffen nachdrücklichst zu widerstehen sucht.

Gewiß ist dessen Lage die schönste und der Aufenthalt am angenehmsten.

Wenn einst diese Fragen entschieden werden, -- bin ich wahrscheinlich

auch schon versetzt, ohne mitzustimmen, -- oder auch nur davon zu hören!

Den 16. Julius.

Die gestrige Sitzung war im Ganzen anziehend und wichtig; denn sie

betraf die Kriegsverfassung Deutschlands, und neben flachen und

langweiligen Reden wurden auch gründliche und zweckmäßige gehalten, z.

B. von Lichnowsky und Radowitz. Der Letzte hält vorzugsweise an Dem

fest, was er versteht, und stellt sich auf den Boden der Gegenwart,

ohne viel zu untersuchen, wie sich derselbe zu dem Boden seiner

Vergangenheit verhält.

Daß Deutschland verhältnißmäßig schlechter gerüstet sei, als Rußland

und Frankreich, konnte Niemand bestreiten; dessenungeachtet sprachen

Viele, aus verschiedenen Gründen, gegen den Antrag des Ausschusses.

Dieser ging nämlich dahin: die Zahl der kriegerisch Eingeübten, bis

zu zwei Procent der Bevölkerung zu vermehren, und hiebei nicht die

Volkszählung von 1815, sondern die neueste zum Grunde zu legen.

Man entgegnete: 1) die stehenden Heere sollen vermindert, nicht

vermehrt werden. -- Antwort: Hievon ist nicht die Rede, sondern von

einem schnellern Wechsel der Einzuübenden, wodurch die Zahl der

Krieger mittelbar vermehrt wird. -- 2) Die Kosten sind unerschwinglich

und zur Hebung der Gewerbe, Beschäftigung der Arbeiter u. dgl. zu

verwenden. -- Antwort: In noch ungünstigern, ärmern Zeiten (z. B.

1813) hat man größere Anstrengungen nicht gescheut. Auch werden die

Kosten, bei zweckmäßiger Beurlaubung, nicht sehr groß sein. Wenn

aber manche, besonders kleinere Staaten hiebei hinter ihrer, bereits

bestehenden, Pflicht zurückgeblieben sind, so ist dies ihre Schuld,

und kein Grund vorhanden, eine solche Nachlässigkeit länger zu dulden.

-- 3) Volksbewaffnung und Bürgerwehr reichen aus, ohne die Zahl der

stehenden Heere zu vermehren. -- Antwort: Die gesammte Kriegsgeschichte

widerlegt die Behauptung, und aus einzelnen, meist durch Oertlichkeit

(z. B. in der Schweiz) bedingten Beispielen, läßt sich das Gegentheil

nicht erweisen. In Spanien schlossen sich die Guerillas an das

vortreffliche englische Heer an. Eine Volksbewaffnung verursacht

endlich noch größere Ausgaben, als die von uns vorgeschlagene Maßregel.

-- 4) Von Rußland ist kein Krieg zu befürchten. -- Antwort: Sonderbar

daß Diejenigen, welche die Gefahr, ja die Nothwendigkeit eines

russischen Krieges hervorhoben, jetzt plötzlich (wiederum ohne Beweis)

das Gegentheil beweisen, und nicht berücksichtigen, was sich an der

untern Donau vorbereitet. -- 5) Frankreich reicht uns die Bruderhand,

und von da hat Deutschland nichts mehr zu befürchten. -- Antwort:

Alle Parteien, unter allen Regierungsformen, trachten nach dem linken

Rheinufer, und französischer Beistand ist nie ohne Eigennutz geleistet

worden u. s. w. u. s. w.

Etwa zwei Drittel stimmten für, etwa ein Drittel gegen den Vorschlag

des Ausschusses. Ich gehörte zu jenen, und die namentliche (von der

Linken verlangte, von Allen ohne Widerspruch angenommene) Abstimmung

scheint diesmal Keinen eingeschüchtert zu haben. Die Gegner des

Vorschlages sprachen nicht alle Gründe rücksichtlos aus; so nicht den,

daß sie sich dadurch bei den sorglosen, nur ihrer Bequemlichkeit

nachtrachtenden, Massen beliebt machen wollten. Nebenbei Complimente

über Bürgerwehr und Volksbewaffnung, Schelten auf die verknechteten

Soldaten u. s. w. Vor Allen aber stimmten die Abgeordneten der

kleinen Staaten wider einen Beschluß, der sie zur Erfüllung ihrer

vernachlässigten Pflichten anhalten sollte. Für Preußen, welches

zeither immer mehr gethan, als jener gesetzliche Buchstabe vorschreibt,

entsteht durchaus keine neue Last. Aber die kleinen Kläffer, welche

Preußen immer anbellen und verläumden, welche vorzugsweise immer

herrschen wollen, ohne etwas zu thun, suchen Vorwände aller Art jetzt,

nach wie vor, hinter ihrer Schuldigkeit zurückzubleiben.

Gestern Abend sah ich „Stadt und Land“ von der Birch-Pfeiffer zum

ersten Male. Obgleich ich Auerbach’s Erzählung nicht kannte, fühlt man

doch, daß die Grundlage epischer Art ist, und Vieles sich dramatisch

nicht abrunden will. Auch giebt der Schluß keine rechte Beruhigung und

Bürgschaft für die Zukunft. Ich ließ indeß, nach meiner Weise (bei dem

Zwecke, meinen Abend angenehm zuzubringen), alle verdrießliche Kritik

ganz zur Seite, und dies um so mehr, da in der That die Hauptpersonen

ausgezeichnet spielten: z. B. die Lindner als Bärbele, Dem. Hausmann

als Lorle, der Vater Hr. Meck; Ida Dem. Janauschek. --

Wie hat nur -- so sinken können, daß selbst seine alten Freunde hier

nichts mehr von ihm wissen wollen. Zuletzt hängt es mit dem Wahne

zusammen, daß Kraft und Wahrheit allein im Aeußersten, in den Extremen

zu finden sei, und doch hat schon Aristoteles erwiesen: die Tapferkeit

sei die rechte, lebendige Mitte, zwischen Feigheit und Tollkühnheit u.

s. w. -- Ich wünsche, daß Hrn. Pultes poetische Begeisterung, nach 50

Jahren, anerkannte prosaisches Wahrheit sei, und man die Sorgen der

jetzigen Tage völlig vergessen habe. Der Himmel fällt niemals auf die

Erde; die Unterwelt kann sich aber auch nie dauernd da auferbauen, wo

von Natur die Sonne herrscht.

Einunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 17. Julius 1848.

Die preußischen und österreichischen Abgeordneten haben sich zeither

gut vertragen, und die letzten anerkennen müssen daß der Erzherzog

(es war kein anderer Ausweg möglich) seine Wahl der uneigennützigen

Beistimmung der ersten verdankt. Aus diesem Gelingen scheint den

Österreichern die Hoffnung zu erwachsen, das, zeither fast allgemein

zurückgewiesene, Kaiserthum in die Verfassungsurkunde hineinzubringen

und dasselbe für Österreich zu erobern. Wenigstens zeigen sich Spuren,

daß sie das Monarchische +nunmehr+ in einer Weise überall zu verstärken

suchen, welche (wenn ein preußischer Prinz erwählt wäre) ihren Beifall

gewiß nicht gehabt hätte. Leicht könnte sich daran ein Zerwürfniß

zwischen den österreichischen und preußischen Abgeordneten, oder (noch

allgemeiner) zwischen dem Interesse des Gesammtreiches und der Staaten

anknüpfen. So verlangen z. B. Mehre: es solle in Deutschland nicht blos

ein gleicher Münzfuß herrschen, sondern nur +eine+ Reichsmünzstätte

und +ein+ Gepräge sein. Werden es sich aber die Preußen und andere

Staaten gefallen lassen, ihren Herrscher oder ihr Stadtzeichen

nicht mehr auf den Münzen zu sehen? Andere wollen das Finanzwesen

der einzelnen Staaten und auch das Heerwesen auseinandersprengen,

die Regimenter durch ganz Deutschland fortzählen, ja wohl auch ein

buntes Fortrücken durch das eine +ganze Heer+ eintreten lassen. Die

hiesige Versammlung könnte (wenn sie sich mit scheinbarer Allmacht

in dieser Richtung zu weit verlocken läßt) leicht ihre moralische

Hauptgrundlage und Theilnahme einbüßen; es könnten (was die Meisten

mit zu großer Zuversicht für unmöglich halten) die Völkerstämme und

die Regierungen sich einigen und dieser französirenden, charakter- und

physiognomielosen Einerleiheit und Centralisation widersetzen. Schon

spricht sich hier neben dem zahlreichern Chorus der Gleichmacher,

manche einzelne Stimme gegen derlei Übereilungen aus, und wenn die

Österreicher sich von den Preußen trennen sollten, werden zunächst die

Baiern und dann wohl noch Andere abfallen und selbst in der Linken neue

Parteiungen entstehen. Die Gefahr wird jedoch dadurch geringer, daß man

sie von Weitem schon erkennt, und, das rechte Ziel ins Auge fassend,

zwischen der Scylla und Charybdis hindurchzusegeln sucht. Sehr viel

hängt davon ab, wie der preußische Landtag sich benimmt, und ob unser

besonderes Vaterland bald sein altes materielles und geistiges Gewicht

wieder gewinnt. Dann wird man mit Preußen nicht so von oben herab

umspringen können, wie man es jetzt mit Hannover versucht. Zunächst

ist wenigstens der Gedanke durchgefallen, von hier aus das preußische

Ministerium zu hofmeistern.

Die heutige Sitzung begann mit Ankündigung mehrer Fragen (zu deutsch

Interpellationen) an die kaum geborenen Minister, sodaß Jordan von

Berlin (der sich jetzt überhaupt mäßigt) mit Recht sagte: nach dem

Antragsfieber würden wir wohl das Interpellationsfieber bekommen. Der

Ausschuß für die Geschäftsordnung soll ein Gutachten abgeben, wie dem

drohenden Übel abzuhelfen sei.

Die Berathung über den ersten Abschnitt der Grundrechte dauert bereits

mehre Sitzungen hindurch, und manches Langweilige und Verkehrte ist

gesprochen worden; aber der Gegenstand ist auch von der höchsten

Wichtigkeit, und die Ansichten und Grundsätze sind allmälig geläutert

und berichtigt worden. Ich gebe, um Euch nicht zu ermüden, nur ein

Paar ganz kurze Andeutungen. Es handelt sich von dem Rechte der

Niederlassung, des Gewerbebetriebes, des Bürgerthums, des Armenrechtes;

von dem Verhältnisse des Gemeine-, Staaten- und Reichsbürgerrechtes.

Es fragt sich: ob man mit jenem ersten oder mit diesem beginne, und ob

das mittlere noch eigenthümliche Bedeutung behalte? Die Einen dringen

auf umfassende Begründung eines Reichsbürgerrechtes, welches dann schon

das Staats- und Gemeinebürgerthum, oder doch ein Anrecht auf dasselbe

gebe; sonst werde die Mannigfaltigkeit der Forderungen und Bedingungen

kein allgemeines Deutschthum aufkommen lassen, und die gegenseitige

Behandlung von Deutschen, als wären sie Ausländer, fortdauern. In

Preußen z. B. genüge es, gesunde Arme und Beine zu haben, um sich

anzusiedeln; in anderen deutschen Staaten mache man dagegen sehr

schwere, ja oft unerfüllbare Anforderungen u. s. w. -- Denen, welche

eine allgemeine, bestimmte, gleich anzuwendende Regel wollen, stehen

Andere gegenüber, welche die Erhaltung von Verschiedenheiten natürlich

finden, und behaupten, eine plötzliche Aufhebung derselben verletze

Herkommen und Eigenthum; so, wo zeither ein geschlossenes Bürgerthum,

Geldansprüche, Gemeinegüter vorherrschten oder vorhanden wären. Wolle

man auch dem sich meldenden Deutschen die Ansiedlung nicht verwehren,

so folge doch daraus nicht die Theilnahme an allen Gemeinerechten u. s.

w. -- Man fühlt: daß hier jedes einzelne Verhältniß ins Auge zu fassen

und mit dem im Allgemeinen unabweisbaren Fortschritt zu versöhnen; daß,

um Mißdeutungen oder thätliche Widersprüche zu vermeiden, jedes Wort

genau zu prüfen ist. Manches Einseitige, Übereilte, zu Allgemeine oder

zu Specielle ward schon verworfen, und wir kommen einer zweckmäßigen

Fassung täglich näher, -- wenn sie gleich vielfachem Tadel nicht

entgehen kann. Der Eine wird sagen, es sei zu viel, der Andere, es

sei zu wenig geändert und geneuert worden. -- Überall blickt die

Hauptfrage, das Haupträthsel hindurch: wie das +eine deutsche Reich

in ein richtiges Verhältniß zu den vielen deutschen Staaten zu bringen

sei+. -- Weit leichter sind die berliner Aufgaben, und doch bleibt

man dort hinter unseren Versuchen und Beschlüssen zurück.

Den 18. Julius.

Man kann so wenig einen Staat, als sich selbst plötzlich ganz neu

machen. Es muß dem Veränderten etwas Beharrliches zu Grunde liegen,

und das Beharrliche kann (so lange es Leben in sich trägt) von dem

Verändern nicht ganz unberührt bleiben. Zwischen Sein und Nichtsein

liegt das Werden. Trunken von Begeisterung für das noch nicht ins

Dasein getretene, verschmähen jetzt Viele alles Frühere, sprechen mit

Hohn und Verachtung von der tausendjährigen deutschen Geschichte, und

vergeuden alle Errungenschaften um der künftig unausbleiblichen Schätze

willen. Sie vergessen: daß, wenn sie ihre Vorfahren nicht achten,

Kinder und Kindeskinder dereinst mit ihnen ähnlicherweise verfahren und

ihre neue, unerprobte Weisheit zur Seite werfen. -- Ists nöthig, die

Gegenfüßler dieser Sturmschreiter, dieser Siebenmeilenspringer oder

Radschläger näher zu bezeichnen? Es sind die zu Salzsäulen gewordenen

Maulwürfe und Faulthiere, welche in der Vergangenheit keine Bewegung

erkennen, denen die Gegenwart nur ein vereinzelter, götzendienerisch

verehrter Augenblick ist, und die an keine Zukunft glauben, auf keine

hoffen. -- Zeigt sich denn (wie das gemeine Geschrei behauptet) die

ächte Wahrheit und Kraft in diesen beiden Äußersten? Leben ihre

Bekenner nicht in dem äußersten, verbrannten oder erfrorenen Thule?

Vegetiren oder zappeln und strampeln sie nicht in der Sonnenferne von

dem belebenden Herzschlage der rechten Mitte?

Die heutige Sitzung begann mit dem ersten Anfalle des

Interpellationsfiebers; hierauf Zweifel, ob die Versammlung bei

Urlaubsgesuchen strenger verfahren solle; Berichte über thörichte

Gesuche (z. B. eines alten Schullehrers über Wiederanstellung!!);

Frage, ob namentliche Abstimmung abzuschaffen? (Nein! Damit, wenigstens

in wichtigen Fällen, die Wähler erfahren, wie jeder Abgeordnete

gestimmt habe; auch Keiner sich scheue, seine Überzeugung muthig

darzulegen.) In der Voraussetzung, daß Viele sich für jene Abschaffung

erklären würden, verlangten Einige diesmal namentlichen Aufruf, bis

sich beim Aufstehen ergab, fast Alle seien einig für die Beibehaltung.

-- Antrag, wiederum wöchentlich sechs Sitzungen zu halten. Aus früheren

Gründen (besonders der Arbeiten in den Ausschüssen halber) verworfen.

-- Antrag: die Sitzungen statt um 9 Uhr um 12 Uhr zu beginnen; von

Lichnowsky unterstützt, von mir bestritten.

Da zu verwickelten Arbeiten und schwerer Leserei die Fassung und

Gemüthsruhe fehlt, so werde ich mich in die Jugendzeit der Geschichte

versetzen und die Ilias und Odyssee wieder einmal griechisch lesen.

Es giebt wenig sogenannte Heldengedichte, oder Epopeen, denen man im

Alter noch rechten Geschmack abgewinnen kann. Die Nibelungen? Ja! --

Ariost und Tasso? Schwierig. -- Milton, Klopstock, Henriade gar nicht,

-- und am wenigsten die endlosen indischen Gedichte. -- Müßte ich indeß

zur Ilias und Odyssee alle die bändestarken kritischen und ästhetischen

Noten der Philologen lesen, oder gar die Sandhaufen unbedeutender

Varianten durchmustern, -- so würde ich schon bei den ersten funfzig

Versen Lust und Liebe verlieren. Welch ein unermeßlicher Wust unnützer

und geschmackloser Gelehrsamkeit in diesen philologischen Palästen des

Augias! Daran ermüdet unsere Jugend und verekelt sich die Meisterwerke

des Alterthums! -- Wie sich diese philologischen Schulmeister auf

dem Boden der Tagsgeschichte geberden, dafür haben wir nur zu viele,

traurige Beispiele.

Zweiunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Julius 1848.

In der gestrigen Sitzung kam zunächst die limburgsche Angelegenheit

zur Berathung. Keine giebt so viel Veranlassung über den wiener

Congreß und den Bundestag zu zürnen, als diese. Die wahren Interessen

Deutschlands und Limburgs sind hiebei auf eine kaum zu begreifende,

dumme und nichtswürdige Weise vernachlässigt, ja man möchte sagen

verrathen; sodaß die Verwirrung kaum zu lösen ist und etwas Neues und

Besseres -- mit Güte oder Gewalt -- an die Stelle des ganz Unhaltbaren

gesetzt werden muß. Eine von Seiten der niederländischen Regierung

herausgegebene Schrift sucht mit diplomatischer Kunst das Verwickelte,

man möchte sagen als +unlöslich+ darzustellen, und von den frühern

Dummheiten und Zweideutigkeiten den vortheilhaftesten Gebrauch zu

machen. Der Bericht unseres Ausschusses läugnet die Dummheiten u. s.

w. nicht, widerlegt aber mancherlei Vorurtheile und Mißdeutungen, und

erweiset die Nothwendigkeit anderweiter Bestimmungen, welche indeß

von den zähen Holländern schwer zu erreichen sein werden. Für den

bloßen Liebhaber giebt die anliegende Schrift von Steifensand genügende

Auskunft. Ihr dürft nur die kleine, beigefügte Charte ansehen um

Euch zu überzeugen, auf wie heillose Weise man Deutschland und die

Uferbewohner, von ihrer Lebensader, der Maas ausgeschlossen, und

Limburg zu gleicher Zeit mit Deutschland und Holland verbunden hat.

Hiedurch entstehen doppelte, sich widersprechende Rechte, Pflichten

und Ansprüche; es beruhen darauf sehr gerechte Klagen Limburgs, und

der neu zu organisirende Bundesstaat ist mit den alten Einrichtungen

gar nicht in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb legt Holland die

alten Verträge so aus, als wäre es nur dem +ehemaligen+ deutschen

Bunde beigetreten, welche Deutung (wenn man sie jedem Mitgliede

desselben frei stellte) eine jede jetzt bezweckte Fortbildung unmöglich

machen würde. -- Die Anträge unseres Ausschusses sind fast einstimmig

angenommen, hiemit die Sache aber freilich erst begonnen, und nicht

schon zum Ziele gebracht.

Ihr habt gefürchtet ich würde hier zu viel reden, und findet nun ich

sei allzu schweigsam und setze mein Licht zu sehr unter den Scheffel.

Ich antworte: in diesen Tagen redete ein Redner darüber, daß das viele

Reden, Deklamiren, Phrasen drechseln u. s. w. nichts nütze, vielmehr

Zeit verderbe, und das Arbeiten in den Ausschüssen viel verdienstlicher

sei. Hier habe ich es nicht an einwirkendem Fleiße fehlen lassen; und

ebensowenig an Gesprächen mit Abgeordneten außerhalb der Versammlung

und am Abstimmen für das Rechte. Ferner habe ich mich bereits einige

Male zum Reden gemeldet, bin aber, da man in nicht unnatürlicher

Ungeduld die Berathung schloß, nicht zu Worte gekommen. Ja, wollte

+Jeder+ nur so viel sprechen, als ich bereits gesprochen habe,

würde frühstens im November wieder die Reihe an mich kommen. Ihr glaubt

nicht wie abgeneigt die Meisten den Lang- und Oftrednern werden; so

haben z. B. N-- und Z-- dadurch bereits allen Credit eingebüßt; sie

fallen mit ihren Anträgen fast jedesmal durch.

Laut des stenographischen Berichtes (welchen vor dem Druck durchzusehen

mir unnöthig erschien) habe ich gegen den Antrag die Sitzungen um 12

Uhr zu beginnen Folgendes gesagt: „Ich glaube, es liegt eine Täuschung

zum Grunde, wenn wir meinen durch die Verlegung des Anfangs der

Hauptsitzungen viel zu gewinnen. Zunächst gehen wir den Hundstagen

entgegen, und werden also wenn wir von 12-6 hier in schlechter und

heißer Luft zuhören sollen, sehr ermattet sein. Denn wenn Jemand von

Morgen bis Mittag in einem Ausschusse gesessen hat, muß er wahrlich

viel Kraft des Geistes und des Leibes besitzen, um dann noch von 12

bis etwa Abends 6 Uhr den Plenarversammlungen mit Aufmerksamkeit

zuzuhören. Es ist, nachdem wir die Verhandlungen in der Paulskirche

durchgemacht haben, viel leichter sich des Abends mit 15 oder höchstens

30 Männern zu verständigen, da dies mehr im Wege der Unterhaltung oder

gesprächsweise geschieht. Dagegen gehört hier viel mehr Aufmerksamkeit

dazu -- falls man nicht selbst oft die Tribüne besteigen will --

allen Rednern zu folgen; und es ist dies doppelt schwer, weil man an

manchen Orten dieses Raumes nicht gut hört, und Diejenigen welche

hinten sitzen, ihre Ohren ebenso anstrengen müssen, wie man beim

Lesen kleiner Schrift seine Augen anstrengt. Ich sehe deshalb nicht

ein, was damit gewonnen ist, wenn wir des Morgens Ausschußsitzungen

halten. Für die Ausschußsitzungen haben wir eher Kraft am Abend, als

für die Plenarsitzungen hier um 12 Uhr, wo man nicht weiß ob man vorher

frühstücken, oder zu Mittag essen soll. Will man etwas ändern, so mag

man die Hauptsitzungen statt um 9 um 8 Uhr anfangen, eine Stunde früher

schließen, und nach einem, den gewöhnlichen Bedürfnissen angemessenen

Mittagsessen, in den Ausschußsitzungen mit frischen Kräften

erscheinen.“ -- So mein Stoßseufzer. Die Langschläfer fürchteten

sich vor 8, die Frühaufsteher vor 12 Uhr, und so blieb es (zu großer

Zufriedenheit) bei der bisherigen Einrichtung.

Es ergab sich heute bei einer Abstimmung daß nur 397 Mitglieder

gegenwärtig waren, also der dritte Theil fehlte. Dies lenkte die

Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Beurlaubungen, und es ward bemerkt

daß noch Keiner von der Linken darum nachgesucht habe. Ich werde

nächstens fragen: was hieraus folge, für Gesundheit, Beschäftigung,

Eifer und Begeisterung der Abgeordneten?

Man beschloß heute fast einstimmig für eine Wohnung des Reichsverwesers

zu sorgen; eine Geldentschädigung, oder Gehalt hat er abgelehnt.

Der Hauptgegenstand der heutigen Verhandlung waren die Auswanderungen,

wobei die Gegenwärtigen kaum hinreichende Geduld hatten sich über die

Thatsachen belehren zu lassen; großen Redensarten und Stichworten aber

den herkömmlichen Beifall nicht versagten. Endlich kam man mit dem

ersten Abschnitte der Grundrechte so weit, daß morgen darüber kann

abgestimmt werden. Eine ganze Reihe von Verbesserungsvorschlägen zu den

Anträgen des Verfassungsausschusses ward (zur Warnung und Besserung)

verworfen. Mein Nachbar hatte auch einen gestellt, schlief aber als er

an die Reihe kam, worauf ein Anderer rief: wird zurückgenommen! und

damit fiel er wirklich zu Boden.

Lebhafter Streit entstand: weil die Polen nochmals Vorwände suchen

und aussprechen, um die posener Angelegenheit hinauszuschieben. Sie

erwarten vortheilhafte Beschlüsse in Berlin, Bündniß mit Frankreich,

Krieg mit Rußland. Diesmal wird man auch namentlich abstimmen müssen

um zu sehen, ob die Deutschen, Polen über Deutschland hinaufsetzen. --

Gewiß werden die Berathungen sehr leidenschaftlich werden, um so mehr

da viele Katholiken sich haben aufreden lassen, es sei hier von der

Religion die Rede. Radowitz wirkt mit Recht gegen diese Thorheit.

Dreiunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 21. Julius 1848.

Die heutige Sitzung war lang und anstrengend, doch sind wir auch mit

der Abstimmung über den ersten Abschnitt der wichtigen Grundrechte zu

Stande gekommen. Mit Vorbehalt einer zweiten Berathung, nach Erörterung

und Annahme des ganzen Gesetzes, lauten die vorläufigen Bestimmungen,

wie folgt:

1) Jeder Deutsche hat das Reichsbürgerrecht. Die ihm kraft desselben

zustehenden Rechte kann er in jedem deutschen Lande ausüben.

2) Jeder Deutsche hat das Recht an jedem Orte des Reichsgebiets

seinen Aufenthalt und Wohnsitz zu nehmen, Liegenschaften jeder Art zu

erwerben, und darüber zu verfügen, jeden Nahrungszweig zu betreiben und

das Gemeindebürgerrecht zu gewinnen.

Die Bedingungen für den Aufenthalt und Wohnsitz werden durch ein

Heimatsgesetz, jene für den Gewerbebetrieb durch eine Gewerbeordnung,

für ganz Deutschland von der Reichsgewalt festgesetzt.

Bis zur Erlassung der betreffenden Reichsgesetze, steht die Ausübung

der gedachten Rechte, jedem Deutschen in jedem einzelnen Staate

Deutschlands unter denselben Bedingungen wie den Angehörigen dieses

Staates zu. Kein deutscher Staat darf zwischen den ihm Angehörigen,

und den Angehörigen eines andern deutschen Staates zum Nachtheile

der letzten einen Unterschied machen hinsichtlich der bürgerlichen,

peinlichen und Prozeß-Gesetze.

3) Die Aufnahme in das Staatsbürgerthum eines deutschen Staates, darf

an keine anderen Bedingungen geknüpft werden, als welche sich auf die

Unbescholtenheit, und den genügenden Unterhalt des Aufzunehmenden, für

sich und seine Familie beziehen.

4) Die Strafe des bürgerlichen Todes soll nicht stattfinden, und da wo

sie bereits ausgesprochen ist, soll sie in ihren Wirkungen aufhören,

sofern nicht wohlerworbene Privatrechte dadurch verletzt werden.

5) Das Auswanderungsrecht ist von Staatswegen nicht beschränkt.

Abzugsgelder dürfen nicht erhoben werden. Die Auswanderung selbst steht

unter dem Schutze und der Fürsorge des Reiches.

Ihr seht wie viele große Schranken und Hemmungen innerhalb Deutschland

durch diese Bestimmungen zu Boden fallen. Für Preußen werden sie

jedoch insofern weniger neuern, als dasselbe auf dieser freisinnigen

Bahn schon viel weiter vorgerückt ist, als viele andere deutsche

Staaten. Dies wird noch weit mehr hervortreten, wenn +bald+ (wie

man beschlossen) ein neues Heimatsgesetz und eine neue Gewerbeordnung

für ganz Deutschland entworfen wird. Nur fürchte ich große

Unzufriedenheit, im Fall man örtliche und landschaftliche Gewohnheiten

und Wünsche gar nicht, oder doch zu wenig berücksichtigen sollte. Schon

jetzt zeigen sich oft Abstimmungen, wo die Rücksicht auf Staaten und

Volksstämme vorherrscht.

Die Sitzung schloß heute mit einem tragi-komischen Schauspiele. Anstatt

die Berathung über die Grundrechte nach der, innerlich in nothwendigem

Zusammenhange stehenden Folge, fortzusetzen, geschah der Vorschlag ganz

willkürlich diese und jene Sätze hervorzuheben und voranzustellen.

Insbesondere sprach Hr. M. aus -- gegen die neue Tyrannei der

Regierungen, für Preßfreiheit, Vereinsrecht, Briefgeheimniß, welche

Urrechte man jetzt schrecklicher Weise täglich verletze, obgleich sie

Jeder schon bei der Geburt +mit auf die Welt bringe+. Darauf

gegen die Centralgewalt, verrätherische Minister u. s. w.; -- all

das modige Wischi-Waschi des Tags. Er ward überlaut ausgelacht,

bezog dies aber nicht auf sich und seine lächerlichen Reden; sondern

beschuldigte die ihm nicht beifallende Versammlung: sie finde die

heiligen Volksrechte lächerlich. -- Der Präsident verwies ihn hierauf

zur Ordnung und auf der Linken hat man laut geäußert: man müsse ihn

von der Rednerbühne herunterziehen, denn sein Geschwätz blamire die

Linke. Nun Geschrei nach namentlicher Abstimmung, und als man bei der

gewöhnlichen Weise stehen blieb, erhoben sich nur ein Paar Abgeordnete

für jenen bombastisch ausposaunten Vorschlag: das deutsche Volk von der

dringenden Gefahr des Untergangs zu retten.

Den 22. Julius.

Der Absatz 44 des Gesetzentwurfs für die Grundrechte lautet:

„jedes Grundstück muß einem Gemeineverbande angehören.“ Ich hatte

vorgeschlagen ihn so zu fassen: „jedes Grundstück, und jede Person

die einen bestimmten Wohnsitz hat, muß (jedoch nach Maßgabe der

örtlichen Gesetzgebung) einem Gemeineverbande angehören.“ -- Hr.

Moritz Mohl machte den Antrag, zwischen dem Absatze 3 und 4 der

obigen Bestimmungen, einen andern einzuschieben, welcher Ähnliches

verlangte. -- Ich sagte deshalb in der Sitzung vom 19. Juli: „da die

Sache jetzt zur Sprache gekommen ist, so nehme ich mir die Erlaubniß

(meinem Vorschlage) noch Folgendes hinzuzufügen. Es ist gesagt worden

das Gesetz handele nur von +Rechten+, aber nicht von Pflichten.

Meine Herren! ich halte es für ein großes Recht, Bürger einer Gemeine

zu sein; obgleich damit auch Pflichten verbunden sind, denn beides geht

ohne Zweifel in einander über. Wir haben offenbar in Deutschland vier

Stufen. Jeder tüchtige Mensch soll nämlich Mitglied einer Familie,

einer Gemeine, eines Staates, und hoffentlich nun auch des gesammten

Reiches sein. Wie übel es geht, wo es viele Beisassen giebt, welche

keinen Theil am Bürgerthum haben, das sehen wir bei der, sonst so

trefflichen, Städteordnung in Preußen. Unsere Schutzverwandten schweben

zwischen Himmel und Erde, ohne festen Boden zu haben. Die Folge ist:

daß die ärmsten Leute, wenn sie nur irgend ein Gewerbe treiben das

ihnen kaum das Leben fristet, die Lasten des Bürgerrechtes übernehmen

müssen, welche in diesen Kreisen größer sind, als die hervortretenden

Rechte. Hingegen werden die reichen Leute begünstigt. Diese Leute,

unsere reichen Schutzverwandten in Berlin, sind so gleichgültig

gegen die Gemeineangelegenheiten, als ob Berlin im Monde läge. Das

Staatsbürgerrecht zu besitzen, ohne Gemeine- oder Stadtbürger zu

sein, erscheint unzureichend; womit aber keineswegs gemeint ist, die

Erlangung des Staats- und Reichsbürgerrechtes lediglich von der Willkür

der einzelnen Gemeinen abhängig zu machen, wodurch der Partikularismus

in schädlicher Weise befördert würde. Ich glaube daß Hr. Mohl die

Sache so wie ich aufgefaßt hat, und schließe mich daher seinem Antrage

vollkommen an“. -- Es ward beliebt die Sache erst zu entscheiden wenn

Absatz 44 in der gewöhnlichen Folge an die Reihe komme.

Die Behauptung: Preußen werde nach Annahme obiger Sätze der Grundrechte

aus allen Theilen Deutschlands mit Bettelvolk überschwemmt werden, ist

irrig. Denn abgesehen davon daß auch Wohlhabende (angezogen durch die

freiere Gesetzgebung) einwanderten, ist diese Einwanderung zum Abweisen

der Armen ja durch Absatz 3 erschwert, wonach Jeder nachweisen soll, er

habe für sich und seine Familie genügenden Unterhalt. -- Gesunde Arme

und Beine galten bis jetzt als hinreichender Beweis; das neue Gesetz

läßt sich hingegen strenger deuten.

Vierunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Julius 1848.

Heute war der Bericht des völkerrechtlichen Ausschusses an der

Tagesordnung, über das Verhältniß Deutschlands zu fremden Staaten,

insbesondere zu Frankreich und Rußland. Im Ganzen ward die Berathung

(selbst von Ruge und Vogt) gemäßigt geführt und zuletzt im Wesentlichen

das vom Ausschusse Vorgeschlagene gebilligt. Also: Unsere auswärtige

Politik setzt die Ehre und das Recht Deutschlands über jede andere

Rücksicht. Deutschland wird keinen fremden Staat in der selbstständigen

Entwickelung seiner inneren Angelegenheiten irgendwie hindern, oder

je die Hand zu einem Kampfe um verschiedene Principien bieten. (Der

Gedanke, solche Principienfehden und Propaganden zu billigen, ward

zurückgewiesen; ein Vorschlag hingegen angenommen, welcher eine

künftige, allgemeine Verminderung der stehenden Heere zu bewirken

wünscht.) -- Die Centralgewalt soll die Verhältnisse Deutschlands zu

Rußland ins Auge fassen, damit eine hinreichende Macht der russischen

entgegengestellt werde. Die Nationalversammlung geht über die Anträge

auf Schutz- und Trutzbündnisse mit anderen Staaten zur motivirten

Tagesordnung über. Die Republik Frankreich wird anerkannt und ein

deutscher Gesandter nach Paris geschickt.

Ihr seht, daß Übereilungen und Übertreibungen +für+ Frankreich,

und +gegen+ Rußland zurückgewiesen sind, und man sich für eine

+friedliche+, aber +selbstständige+, Politik Deutschlands

erklärt hat. Das ist vor der Hand hinreichend. -- Mit Recht wurden

heftige Anklagen gegen England abgelehnt, und übermäßige Lobreden

auf Frankreich zum rechten Maße zurückgeführt. Ich hatte gewünscht

auch einmal meinen Mund aufzuthun, die Berathung ward aber wieder

geschlossen ehe ich an die Reihe kam, und so habe ich wenigstens den

Trost, mich gewiß mit meinem Reden nicht „blamirt“ zu haben!

Gestern sah ich ein +Glas+ Wasser. Ich habe mich gefreut daß der

Verfasser die mit 15 Kindern gesegnete Königin Anna so rasch in eine

verliebte Jungfrau verwandelt, und die stolze Herzogin von Marlborough,

sowie endlich die Abigail nicht minder verliebt gemacht hat in einen

und denselben ganz unbedeutenden Lieutenant. Gott, und einem jetzigen

dramatischen Schriftsteller, ist nichts unmöglich.

Fünfunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 24. Julius 1848.

Von 9 bis ½3 Uhr habe ich heute geduldig der Berathung über die

posenschen, oder polnischen Angelegenheiten zugehört; dann ging ich

nach Hause und entbehre so, was Hr. V. des Breiteren darüber noch

beigebracht hat. Wenn ich bedenke wie viel Zeit ich in meinem Leben

auf Polen verwandte, wie viel Vorwürfe es mir zugezogen, wie viel Geld

es (das Rektorat) gekostet hat, wie viel Bücher und Handschriften ich

habe lesen, wie viel Sitzungen beiwohnen, wie viel Gespräche anhören

müssen; -- so erscheine ich wie ein wahrer Kreuzträger, den man wohl

entschuldigen kann, wenn er nach 5½ Stunde +Amen+ ruft. Und nicht

einmal +die+ Genugthuung wird mir für meine Anstrengungen zu

Theil, auch einmal ein Wort über eine Sache zu sagen, worüber ich fast

die wichtigsten Nachrichten aus den Archiven zu Tage gefördert. Denn

erst hieß es: ich sei der 13. der eingeschriebenen Redner, nun bin ich

plötzlich der 37. unter 65 (!!) -- das heißt -- schweige still. Um nun

nicht an Redesehnsucht zu sterben, werde ich ein kurzes Argumentum

niederschreiben und Euch schicken.

Ernsthaft gesprochen, muß ich behaupten oder einräumen, daß die heutige

Verhandlung im Vergleich zu den berlinern, bewundernswerth war, und

ich gewiß +nicht so gut+ gesprochen hätte, als es von einigen

Rednern geschah. Weit das Übergewicht der Gründe, des Inhalts, der

Beredtsamkeit, war auf Seiten Derjenigen, welche wider den falschen

Polenenthusiasmus und für die Deutschen sprachen. So gehörte eine Rede

des Abgeordneten Goeden aus Krotoszyn zu den besten die ich in der

Versammlung gehört. Noch mehr überraschte eine zweite +Jordan’s+.

Sonst zur äußersten Linken gehörig, hat er sie heute mit der größten

Geschicklichkeit bekämpft, ja bis jetzt aus dem Felde geschlagen. Er

legte alle Mißbräuche des alten Polenthums kühn zu Tage, wies nach

wie die Theilung möglich, ja nothwendig geworden, ein herrschender

Adel kein Volk bilde, sentimentale Träume keine Politik wären, und

das deutsche Vaterland und die Deutschen nicht, um der Polen willen,

preiszugeben und zu verrathen seien. -- Die Linke war überrascht, ich

möchte sagen verdutzt; und was Blum und Vogt beibrachten, waren dagegen

nur Worte über das polnische Himmelblau ins Blaue hinein gesprochen. --

Ich glaube nicht, daß wir morgen schon zur Abstimmung kommen, obwohl

gewiß das Wichtigste bereits gesagt ist. -- So zieht sich hier Alles

in die Länge, während meine Lebensdauer sich immer mehr verkürzt, und

meine hiesige Wirksamkeit mir täglich unbedeutender erscheint. Meine

+Spreu+, so überleicht sie ist, hat doch noch mehr Gewicht und ist

noch eher ein Zeichen eigenthümlichen Lebens, als all mein hiesiges

Laufen und Sitzen, Lesen, Reden und Schreiben!

Der Reichsverweser hat nicht daran gedacht sich selbst zum

Oberbefehlshaber der deutschen Heere zu ernennen; vielmehr glaubt

man bis jetzt: es sei am besten diese Stelle im Frieden unbesetzt zu

lassen. Erst beim Ausbruch eines Krieges könne man wissen, wer in

+dem+ Augenblicke der tauglichste sei. Doch wird die Art von

anerkennender Huldigung, welche der Reichsverweser von allen deutschen

Heeren verlangt, in vielen Staaten schon große Unzufriedenheit

erregen, wenn Form, Inhalt und Bedeutung nicht sehr geschickt erwählt

und erklärt wird. -- Noch mehr, und gerechten Anstoß, würde ein

neuer Abschnitt des Verfassungsentwurfes geben, wie ihn Theoretiker

entworfen haben. General Peuker (welcher jetzt nach seinem Wunsche

den Berathungen des Verfassungsausschusses beiwohnt) hat das Verdienst

darauf aufmerksam zu machen: Preußen werde sich in der bezweckten Weise

nicht mediatisiren lassen, und das Ziel auf dem eingeschlagenen Wege

nicht erreicht werden.

Gestern ward in der Reichsversammlung (trotz der langen und unnützen

Vorberathungen) von den deutsch-posener Abgeordneten, eine große

strategische Thorheit begangen. Die Meisten erklärten: sie wollten

in dieser +persönlichen+ Angelegenheit nicht mitstimmen; und

doch war von ihren +Personen+ gar nicht die Rede, sondern von

dem +Schicksale ihres Landes+, welches zu vertreten sie doppelt

verpflichtet waren. Sie gewannen durch diese falsche Großmuth auch

nicht eine Stimme; sondern veranlaßten, daß sich die Mehrzahl der

Versammlung gegen ihr Stimmrecht erklärte und vielleicht eine höchst

unglückliche, folgenreiche Niederlage des deutschen Interesses

herbeigeführt wird. Man wird dabei zu Muthe, als wenn ein Feldherr

den Theil seines Heeres davonlaufen sieht, auf den er glaubte sich am

meisten verlassen zu können!

Sechsunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 26. Julius 1848.

Trotz früherer Beschlüsse haben wir heute, Mittwochs (gleich wie

in voriger Woche), die dritte Polensitzung. Ihr glaubt nicht, wie

matt und müde es Leib und Seele macht, 5-6 Stunden lang in der

Paulskirchenatmosphäre hundertmal Gelesenes und Gehörtes, noch

hundertmal wiederkäuen und wieder schreien zu hören. Man muß den Kelch

bis zum letzten Tropfen, das heißt bis zur Abstimmung, austrinken, und

weiß nicht einmal im Voraus, ob diese ihn zum zweiten Male anfüllen

wird.

Nebenher die gerechte Furcht: daß die am Himmel umherziehenden

„+Schwärke+“ sich zu einem furchtbaren Ungewitter zusammenziehen

und unsere ganze Ernte zerstören werden. Geht die Versammlung ein auf

die Vorschläge einiger unpraktischen Doktrinaire, so werden nicht

blos die kleineren Fürsten mediatisirt, sondern vor Allen -- Preußen.

Es geräth nachgebend in die Knechtschaft eines unbekannten Obern;

oder muß widersprechen und sich dazu ganz anders auf die eigenen Füße

stellen, als das schwache Ministerium und der babylonische Landtag es

vermögen. Die traurigsten Aussichten! weil so Viele die +Einheit+

Deutschlands nur in ertödtender Centralisation sehen, und die

Mannigfaltigkeit jedes höheren physischen und politischen Lebens nicht

begreifen. Alle Zeichen dieser Lebenskraft werden unter dem Namen

Sonderinteressen jetzt so in Verruf gethan, wie zuvor der Gedanke an

ein einiges Deutschland in Krieg und Frieden, Handel und Wandel.

Ich bin heute (mit Ausnahme weniger Minuten) von ½9 bis 3¼ in der

Paulskirche gewesen und ~rien que~ -- Posen! Ruge begann mit

aufgebauschten Redensarten (~sesquipedalia verba~) und einer aus

halbverstandener Philosophie hervorgehenden, neuen Weltschöpfung.

Hierauf sprach er unter Anderem den Wunsch aus: daß die Deutschen

möchten in Italien geschlagen werden. -- Deshalb erhob sich ein

gewaltiger Lärm und als sich der Präsident endlich konnte verständlich

machen, sagte er ungefähr: Die Äußerungen des Redners schließen einen

halben Verrath in sich; doch bin ich außer Stande ihn wegen seiner

bekannten Weltanschauung zur Ordnung zu rufen. Hierin sah der größte

Theil der Versammlung eine Erklärung: Hr. Ruge sei unzurechnungsfähig.

-- Als man des endlosen Geredes überdrüßig: zum Schluß rief; sagte

er: ich will so lange reden, bis sie sich zu meiner Überzeugung

bekehren, -- worüber große Heiterkeit entstand und sich Aussichten in

die Ewigkeit eröffneten. -- Spätere, mehr praktische Reden, brachten

sehr schlagend ans Tageslicht, daß die Polen sich nicht scheuen,

Unwahrheiten für ihre Wünsche auszusprechen, und Hrn. V--s stundenlange

Drahtzieherei steigerte die Ungeduld so, daß die Berathung durch

Stimmenmehrzahl geschlossen ward, und morgen abgestimmt wird. So bin

ich der Gefahr entgangen schlecht zu sprechen, oder doch hinter den

ausgezeichneten Rednern weit zurückzubleiben.

Als gestern ein polnisch Gesinnter anfing zu sprechen, verließ ein

baierscher Abgeordneter den Saal, badete im Main, aß hierauf zu Mittag

und mußte (in die Paulskirche zurückkehrend) hierauf den Redner noch 25

Minuten anhören. -- Überhaupt werden die Reden nicht kürzer, sondern

immer länger und Nestor ist ein Spartaner im Vergleiche mit dem

jetzigen +kürzesten+ Sprecher.

Diesmal ist von Seiten der Rechten auf namentliche Abstimmung

angetragen worden. Man will wissen, wer von der Linken und von

ultramontanen Katholiken, für die Aristokratie des polnischen Adels

und für die Polen, gegen die Deutschen stimmt. Neben dem Beweise:

Frankreich, das die Bruderhand darreiche, könne und werde die Deutschen

nie bekriegen, geht ungestört der Beweis her: es werde sogleich Krieg

erheben, wenn man die posener Deutschen (nach ihrem Wunsche und unter

Zustimmung des Königs, des Bundestages und des Reichstages) in den

deutschen Bund aufnehme, oder vielmehr die bereits erfolgte Aufnahme

bestätige. Wie auf einer Schaukel wird Deutschland den Rednern einer

Partei bald übermächtig, bald ohnmächtig, bald tollkühn, bald feige.

Ich sehe täglich, wie viel leichter es ist, halbwahre allgemeine

Grundsätze zuzustutzen, und durch leere bombastische Redensarten

Eindruck zu machen, als eine Sache praktisch anzugreifen und einer Rede

wahren, positiven Inhalt zu geben. Es ist eine wahre Wohlthat wenn man

aus jener Dunst- und Wolkenregion, aus dieser Schaukelei und Bammelei

zwischen Himmel und Erde, endlich einmal wieder festen Boden erreicht.

Jeder Narreneinfall gilt den Narren mehr als die wahren Verhältnisse

der Gegenwart und die ganze Geschichte der Vergangenheit. Jeder Schüler

dieser Schule hält sich für einen begeisterten Propheten; und Wahres,

Halbwahres, Irriges, Unmögliches, Gerechtes, Ungerechtes, Weises,

Dummes wird so durcheinander gequirlt, daß Einem Hören und Sehen

vergehen möchte: bis man den Muth faßt dreinzuschlagen und zu rufen: da

liegt der Quark!

Den 27. Julius.

Über die Entstehung der gelben Reichscanarienwürde (dessen Inhaber ich

in bildlicher Ähnlichkeit übersandte) sind mir zwei verschiedene,

mythische oder geschichtliche, Berichte mitgetheilt worden. Nach dem

ersten sahen sich die Wähler genöthigt ihrem Erwählten einen vollen

Anzug machen zu lassen, und wählten dazu (der Ersparniß halber) ein

Stück Zeug gleicher Farbe. Nach dem zweiten Berichte, muß von der

Linken aus der Galerie ein Zeichen gegeben werden, wenn sie klatschen

oder zischen soll. Dies Zeichen ward, von dunkeln Gestalten ausgehend,

oft übersehen; deshalb gründete man die hellgelbe Reichscanarienwürde,

und Mißverständnisse sind nicht mehr möglich.

Ich eile über die heutige, sehr wichtige sechsstündige Sitzung, kurzen

Bericht zu erstatten. Zuvörderst erschrak ich als mir ein, von der

äußersten Linken ausgehender Antrag in die Hände kam, wonach ein

Ausschuß wegen Abschaffung des Cölibats sollte erwählt werden. In einem

Augenblicke wo es von höchster Wichtigkeit ist, keine confessionelle

Brandfackel zwischen die Parteien zu werfen, keine Sache in Anregung zu

bringen zu deren Ausführung wir weder berufen, noch ermächtigt, noch im

Stande sind, ließen sich selbst Männer zur Beistimmung verlocken, wie

-- u. s. w. Dieser Mißgriff ward auf der Stelle ausgebeutet um mehre

Katholiken hinsichtlich der posener Angelegenheit umzustimmen, und

Keiner konnte vorhersehen, daß die Gegner noch größere Fehler begehen,

und dadurch die Sache ~in integrum~ herstellen würden. Um nicht

über die Hauptfrage: die schließliche Aufnahme der deutsch-posener

Abgeordneten mitzustimmen, erklärte die Linke bescheiden: die Sache

sei nicht hinreichend aufgeklärt. Jeder sah aber den letzten Zweck

ein, die +dringend nothwendige+ Entscheidung ~ad calendas

graecas~ zu verschieben. Als nur 139 für, und 333 gegen den Antrag

stimmten, erklärte die Linke mit vermeintlich großem Rechte und großer

Würde, sie werde über jene Hauptfrage nicht mitstimmen, sondern sich

entfernen. Dieser Donnerschlag war aber ein kalter, und verblüffte

Niemand. Diese Escapade, dieser Hinterthürrückzug befriedigte weder

Polen noch Deutsche. Die Abstimmung entschied mit 342 gegen 31 Stimmen

für die Aufnahme des deutsch-posener Antheils in den deutschen Bund,

und die Zulassung seiner Abgeordneten. Der Sieg war entscheidend und

als die linken Abgeordneten zurückkehrten (über ihren großen Mißgriff

wohl zur verdrießlichen Klarheit gekommen) erhoben sie, ohne alle

weitere Veranlassung, ein bestiales Geschrei (ich möchte glauben sie

hätten sich in der Zwischenzeit betrunken). Man verstand kein Wort

in dem Tumulte, und erst nach langem Gebrüll, hörte man, daß der

Präsident ihr Betragen mit größtem Rechte als unwürdig bezeichnete.

-- Glänzend wie ein Sieger, stürzte Schaffrath auf die Rednerbühne

und forderte: daß die Nationalversammlung erkläre, Polens Theilung sei

eine Schmach, und seine Herstellung die heiligste Pflicht Deutschlands.

Einen Augenblick lang waren nicht Wenige bedenklich, wie sie stimmen

sollten; rasch aber liefen Erklärungen umher des Inhaltes: die

Versammlung sei nicht berufen, über längst vergangene geschichtliche

Thatsachen kritische Urtheile abzugeben, und für eine ungewisse

Zukunft Versprechungen und staatsrechtliche Erklärungen zu ertheilen.

Die namentliche Abstimmung, welche die Linke verlangte, ward (da dem

ganzen Angriff die Spitze abgebrochen war) unweigerlich angenommen.

331 sagten muthig: +Nein+, und 101 Ja. -- Nunmehr, ruft die

Linke, ist die Versammlung todt und vor ganz Europa an den Pranger

gestellt. Unbefangene werden dagegen einsehen: daß sie unbekümmert

um sentimentale Regungen und poetische Wünsche, lediglich an ihrem

jetzigen, staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Berufe festgehalten

hat. Es ist ein Sieg der guten Sache, über wohlwollende oder böswillige

Thorheiten.

Siebenunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 28. Julius 1848.

Je mehr ich an die +gestrigen+ Ereignisse denke, desto

unverständiger erscheint mir der schon erzählte Kriegsplan der

Linken. Sie hat Niemand getäuscht, Keinen befriedigt, sich

unanständig betragen und für ihre angeblichen Freunde, die Polen,

eine Niederlage herbeigeführt, die so bald nicht wird zu verwinden

sein. Die leidenschaftlich-kurzsichtige Berechnung: man wolle alle

Gegner dadurch blamiren, daß sie die Theilung Polens billigten; oder

sie dahin bringen, durch Verurtheilung derselben ihre Inconsequenz

an den Tag zu legen; mußte sich als ganz irrig erweisen, sobald die

Herausgeforderten sich nicht verblüffen ließen, und die Finte kühn

durchhieben. Alles jetzt erhobene Geschrei wird nicht verbergen wer

aus dem Felde geschlagen sei. Auch der von jener Partei ersehnte Krieg

gegen Rußland, ist durch +die+ Erklärung der Reichsversammlung

weit hinausgeschoben worden, daß Deutschland eine Herstellung Polens

nicht für seine erste, dringendste Pflicht halte. Es ist endlich gegen

alle Pietät nur immer von dem schmachvollen Benehmen Preußens und

Österreichs zu reden, die große Schuld der Polen selbst aber ganz in

den Hintergrund zu stellen.

Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß, nach der Aufnahme des

deutschen +Theils+ von Posen in den deutschen Bund, die Polen

selbst Anträge machen das +Ganze+ aufzunehmen. Doch will ich nicht

über Möglichkeiten für und gegen sprechen. -- Zum +Vorwande+ wird

vielleicht Frankreich dereinst Polen nehmen, Krieg aber gewiß nur im

+eigenen+ Interesse beginnen.

Hansemann’s Finanzplane finden zum Theil ihre Entschuldigung in der

vorhandenen Noth; Anderes ist übereilt und wahrscheinlich unausführbar;

so die +neue+ Grundsteuer, welche als +Kapitalsteuer+ nur

den +augenblicklichen+ Grundeigenthümer trifft, und in der Regel

zu Grunde richtet. Pitt ordnete umgekehrt an: daß +vorhandene+

Grundsteuern durch eine mäßige Kapitalzahlung abzulösen seien.

Den 29. Julius.

Gestern Nachmittag machte ich einen weiten Spaziergang, den Main

aufwärts, dann (zum Theil auf ungebahnten Wegen) über Felder und

Wiesen. Überall fruchtbar, gut bebaut, zum Theil schon abgeerntet.

Daran knüpfte der einsam Wandelnde natürliche Betrachtungen über

das rasche Dahinfließen der Zeit, und wie dem Rosenmonde bei meiner

Ankunft in Frankfurt, nun schon die Herrschaft der Sichel gefolgt

ist, und gelbe Blätter zwischen den grünen hervorleuchten. -- Bei

der Einsamkeit wird es hier für mich wohl verbleiben. Verabredungen

mit Abgeordneten zu gemeinsamer Erholung haben ihre Schwierigkeiten,

durch verschiedene Beschäftigungen, Ausschüsse, Eßzeit, entfernte

Wohnungen u. s. w. Hiezu kommt, daß Manche ihr ~dolce far niente~

da suchen, wo ich es nicht finden kann, und wohin ich meiner Natur

nach nicht mitwandern mag. Die Kneiperei, wo Kaffeetassen, Biergläser

und Tabackspfeifen die Souverainetät des Volkes erweisen, behagte

mir niemals, und jetzt um so weniger, da in der Gesellschaft von

Abgeordneten das Wiederkäuen der Paulskirchenspeise niemals ausbleibt.

Also ~sustine et abstine~!

Heute ist Gottlob keine Sitzung, keine Qual der Beredtsamkeit, kein

Stolz des Völkerbeglückens, kein Zanken und Schreien, keine neuen

Weltanschauungen, kein Glockengebimmel und Gebrumme, von Bundestag,

30jähriger Knechtschaft, Revolutions- und Rechtsboden, keine Anträge,

Berichte und Interpellationen, kein Gemetzel unter Privilegien; sondern

das eine neue Privilegium, trotz der Abgeordnetenwürde nichts zu thun,

nichts zu reden, nichts zu schreiben, -- nichts zu denken, -- und nur

die Pflicht Montag 9 Uhr, die Uhr wieder aufzuziehen um die Grundrechte

zu ergründen.

Die großen Sorgen über die künftige Stellung Preußens entstehen

weniger aus den von hier ausgehenden Angriffen und Beschlüssen; als

aus dem schwachen und schwankenden Benehmen der Regierung und der

Sinnesverwirrung im Volke. Dies braucht immer +Personen+ zu seiner

Führung und Begeisterung; es wird durch abstracte, allgemeine Lehrsätze

nur in Zweifel gestürzt, oder es vertraut abergläubig den Maulhelden,

welche dieselben verkünden. Die hiesigen preußischen Abgeordneten

befinden sich in der übelsten Lage. Sie werden von allen Seiten, und

am lebhaftesten von Denen angegriffen, welche gar nichts davon wissen,

wie sich die Dinge hier allmälig gestaltet haben; die nicht wissen,

daß man den schweren Kampf gegen anarchische Republikaner kämpfen

mußte, daß deren erfolgte Bezähmung ein großer Gewinn ist, und der

Beschluß über Polen eine Bürgschaft (wenigstens nach einer Seite hin)

für Frieden und Ordnung. Warum giebt die preußische Regierung auch

nicht den geringsten Fingerzeig, oder vielmehr warum hat sie nicht den

Muth sich in dem Sinne von 9/10 des Volkes auszusprechen? Was denkt,

was will sie hinsichtlich der Centralgewalt, des dänischen Krieges,

der Heere u. s. w.? War es nicht ganz thöricht, daß man sich hier auf

den Grund zweideutiger und unwahrer Zeitungsartikel einen ganzen Tag

lang über Sein und Nichtsein eines Waffenstillstandes mit Dänemark

herumzankte und Preußen verlästerte, während ein muthiges amtliches

(verkehrterweise aber nicht ausgesprochenes) Wort, alles Geschwätz und

alle Einreden zu Boden geschlagen hätte. Und doch wird die Noth der

Ostseeküste +zwingen+, das rechte Wort dann auszusprechen, wenn

die Gegner sich gestärkt haben. Da bin ich an meinem Feiersamstage

doch in den alten Butterfrauentrab verfallen. -- Welch ein Sprung

von der Paulskirche zur Ilias. Ist das dieselbe Erde, dasselbe

Menschengeschlecht? Blum und Agamemnon, Zitz und Ajax, Schaffrath

und Ulysses! Des herrlichen, beneidenswerthen Umgangs mit Athene und

Aphrodite nicht zu gedenken! -- Gut daß das Papier zu Ende geht; ich

könnte sonst in Ketzereien für den Alles belebenden und vergötternden

Polytheismus gerathen, und an Dryaden und Najaden, Musen und Grazien

mehr Gefallen finden, als an theologischen Fakultäten, welche ja die

allweisen Studenten auch aufheben wollen.

Am Grabe eines bekannten Abgeordneten Wirth, hat Blum eine so

feindselige, empörerische Rede gehalten, daß Alle, die ich bis jetzt

sprach, sie mit diesem Beinamen belegen. Es scheint, er will, nach

kurzer Mäßigung, sich wieder an die Spitze der äußersten Linken

stellen. Seine letzten Reden in der Kammer waren reich an Phrasen, arm

an Inhalt.

Achtunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Julius 1848.

Heute Nacht habe ich vor Aufregung wenig geschlafen. Ihr wißt, daß ich

seit meinem Hiersein den Prinzen und die Prinzessin von Preußen mit

größtem Eifer überall gegen nichtswürdige Verläumdungen vertheidigt

habe; anfangs mit nur mäßigem, dann mit größerem Erfolge.

Trotz dessen war ich gestern erstaunt zu hören, daß jetzt (mit Ausnahme

der äußersten Linken) fast alle Parteien sich aufs Lebhafteste für die

Ernennung des Prinzen zum Oberfeldherrn aussprechen. Ich habe behindern

müssen, daß -- -- --. Stände die Wahl der hiesigen Versammlung zu, der

Prinz erhielte zum Oberfeldherrn so viel Stimmen, wie der Erzherzog zum

Reichsverweser.

Neununddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 31. Julius 1848.

So wie man sonst wohl Königen und Prinzen schmeichelte, so jetzt öfter

den Demagogen und Volksrednern; Begeisterung und aufrichtige Theilnahme

ist indeß keine Schmeichelei. Da Sie indeß nur eine ganz einfache

Aufzählung von Thatsachen fordern, so schreibe ich Ihnen aus bester

Quelle Folgendes.

Es wird vielerlei für und wider den +Prinzen von Preußen+ in Wort,

Schrift und That unternommen; vom Standpunkte der Wahrheit läßt sich

nur Folgendes als richtig bezeichnen. Er hat in dem Winter von 1847 zu

1848 zu Maßregeln gerathen, welche, als zeitgemäß, wahrscheinlich viel

Unglück würden abgewendet haben. Er war ferner Mitunterzeichner der

wichtigen Proklamation vom 18. März, und zeigte sich stets bereit für

das Wohl des Vaterlandes zu wirken; allerdings aber auch, als Vertreter

der gesetzlichen Ordnung, dieselbe zu schützen.

Das Kommando am Rhein, welches ihm anvertraut worden war, veranlaßte

schon in der Woche +vor+ den Märztagen die Niederlegung seines

Amtes als Chef des Gardecorps. Die Abreise nach Köln wurde, der

unruhigen Auftritte in Berlin wegen, von Tag zu Tag verzögert: -- und

so fügte es sich, daß der Prinz Zeuge der verhängnißvollen Scenen

werden mußte, deren gründliche Erörterung dem gerechten Urtheile einer

späteren Zeit vorbehalten bleibt.

Am Spätabende des 19. März erhielt der Prinz auf dem königlichen

Schlosse, wo er sich mit seiner Gemahlin befand, Nachricht von der sich

gegen ihn kund gebenden Aufregung. Der König bat ihn Berlin auf einige

Tage zu verlassen, um der Stimmung Zeit zu gewähren sich zu beruhigen.

Ungern fügte sich der Prinz diesem Wunsche und weilte in der Nähe

Potsdams, bis ihm am 22. März der Auftrag ertheilt wurde, sofort

nach England zu reisen. Dies erfolgte in der Voraussetzung dort dem

Vaterlande nützlicher sein zu können, als während der Aufregung in

Berlin oder anderswo.

Seine Aufnahme in England war geeignet die trüben Eindrücke der

berliner Nachrichten zu mildern. Der Umschwung der öffentlichen

Meinung, welcher sich in den zahlreichen Adressen und in seiner Wahl

für die Nationalversammlung kund gab, verwischte bald die Erinnerung

an die ungerechte Verfolgung innerhalb der eigenen Vaterstadt; und

so kehrte der Prinz zurück um, der constitutionellen Sitte gemäß,

unbetheiligt an Regierungsgeschäften, im Kreise der Seinen zu leben.

Die Prinzessin von Preußen verließ ihren Gemahl erst im Augenblicke

der Abreise nach England und blieb, während die Stürme tobten, mit

ihren beiden Kindern in Potsdam, getreu ihren Pflichten als Gattin und

Mutter.

Vierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 1. August 1848.

Ich muß fürchten, daß Ihr findet, ich habe über dem ~to print or

not to print~, meiner nicht gehaltenen sechs Reden die Tramontane

verloren; wer konnte aber auch auf die raschen Veränderungen und

Umstellungen gefaßt sein? Lob Preußens, Namens der Süddeutschen,

in der Paulskirche, Rückzug der Urheber des zweiten Abschnittes

jenes beleidigenden Verfassungsentwurfes; hierauf, in der gestrigen

Versammlung preußischer Abgeordneten, lebhafte Vertheidigung des

preußischen Heeres durch einen Rheinländer! Endlich, in einer

Zeitung, welche niemals Preußen freundlich behandelte, es nie lobte,

steht unerwartet heute, am 1. August: „Am wenigsten hat das endlich

geeinte Deutschland ein Interesse daran, das gerechte Hochgefühl des

preußischen Heeres, das eben jetzt für die deutsche Sache glorreich

gekämpft hat und wieder kämpfen wird, zu verletzen, sich den Geist

dieses Heeres zu entfremden, welches, wie kein anderes in Deutschland,

ein Volksheer ist; es wird zu stolz sein, um sich durch unwürdige

Äußerungen, welche gewisse Personen in der Paulskirche zur eigenen

Schande zu machen die Stirn haben, irgendwie beirren zu lassen; es

wird wissen, daß wir mit ihm und es mit uns dieselbe Sache vertritt,

dieselben Gegner bekämpft, dasselbe Ziel erstrebt: das der Freiheit,

Einheit und Hoheit des deutschen Vaterlandes, dasselbe Ziel, für

welches 1813 die Jugend Preußens die Waffen ergriff. Vor Allem sei

Preußen eingedenk, wie eben jetzt in Wien das deutsche Österreich

dem slavischen zu erliegen in Gefahr ist, und daß Deutschland in den

Gefahren, die ihm drohen von Osten und Westen, sich auf die Kraft

Preußens stützen muß; sei es gewiß, daß das dankbare Vaterland wissen

wird, welche Stelle dem Staate von 16 Millionen, der unsere Marken im

Osten und Westen zu hüten hat, in dem künftigen Reiche gebührt.“

Was will man mehr? So hat der ferne Donner die Böswilligen und

Leichtsinnigen erschreckt und die Wetterfahnen umgestellt. Mögen

die Preußen nun auch ihrerseits nicht zu weit gehen und den sich

hervordrängenden Verdacht: man bezwecke eine Rückkehr zum alten

Systeme, zurückweisen.

Einundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 1. August 1848.

Es war heute gar langweilig in der Sitzung. All das hundert Mal Gehörte

wider +Adel+ und +Orden+ ward aufs Breiteste wiederholt und

durcheinander gerührt. Das Wahre war nicht neu, und das Neue nicht

wahr. In einer Minute kann man das stundenlang Auseinandergezogene

aussprechen und niederschreiben: nämlich, des Adels unhaltbar gewordene

Vorrechte hören auf; um alles Andere (in Wahrheit Unschädliche und

Unerreichbare) hat man sich dagegen nicht zu bekümmern. Auch der

Reichscanarienvogel hofirte zwitschernd in schlechtem Witze auf den

Adel; G. belehrte uns: +von+ sei eine Präposition, die den Dativ

regiere, also -- u.s.w. Mir erschien es ungebührliche Zeittödtung

zuzuhören, wenn man bestimmt weiß, wie man stimmen soll und muß; so

ging ich denn vor dem Schlusse ohne Gewissensbisse hinweg, um an Euch

zu denken und an Euch zu schreiben.

Unterhaltender als die Reden sind die anliegenden Karikaturen,

alle sprechend ähnlich, trotz der hieher gehörigen Übertreibungen.

1) +Robert Blum+, der Herausgeber der Reichstagszeitung, mit

Bezug auf eine daselbst befindliche Äußerung. 2) L. (zubenannt das

Wiesel, weil er geneigt ist, so rasch wie dies Thierchen auf die

Rednerbühne hinaufzuschlüpfen). Diesmal fuhr Gagern aus seiner Höhe

mit der glockenbewaffneten Riesenhand so ungeduldig und gewaltig

dazwischen, daß sich das Wiesel, wie zu schauen, auf die Flucht begab.

-- 3) +Ruge+, der Allesverachtende, mit Hegel’schen Redensarten

Genudelte, der Weltenschöpfer und Weltenanschauer, hängt seinem

Berufe nach oder krümmt sich unter ihm, in einer noch nie gesehenen

Michelangelo’schen Stellung.

Ich schrieb Euch, daß davon die Rede war, eine Deputation nach

Berlin zu schicken, um gerechte Klagen zu mildern, Mißverständnisse

zu beseitigen u. s. w. Bald aber traten Zweifel hervor; an wen denn

eigentlich jene Abgesendeten sich wenden, in welcher Art sie wirken

sollten. Vor Allem ward klar, daß nicht +zugleich+ Schlöffel,

Nauwerk, Vincke, Lichnowsky u. s. w. konnten vertreten werden; daß gar

nicht Alle dasselbe wünschten und bezweckten.

Den 2. August.

Diejenigen preußischen Abgeordneten, welche von jeher der Meinung

waren: man müsse den süddeutschen und anderen Angriffen nur Geduld und

süße Redensarten entgegensetzen, schreien gewaltig über die Grobheit

und aufregende Leidenschaftlichkeit der Schrift Griesheim’s. Nun ja!

sie ist grob und leidenschaftlich; aber wie man in den Wald ruft, so

tönt es zurück. Auch streitet Griesheim nur gegen grobe Personen, oder

noch weit mehr gegen die Grobheit der Sachen; und daß er in dieser

letzten Hinsicht Unrecht habe, ist noch von Keinem behauptet worden.

Die Entrüstung der Preußen hat ihnen und ihrem Rechte in wenigen Tagen

weiter geholfen, als die weichliche Schafsgeduld, gegen die ich mich

seit meiner Ankunft erklärte und worüber ich mich immerdar ärgerte. Die

wahre Einheit Deutschlands ist mit der festen Größe Preußens besser

gefördert, als wenn ich mich hergebe seinen dummen oder böswilligen

Feinden die Hände oder gar den H.-- zu küssen.

In der heutigen Sitzung ward über den Adel weiter verhandelt und

dann abgestimmt. Fast Alle erklärten sich für die Abschaffung der

Adels+vorrechte+; die Abschaffung des Adels bis auf Namen,

Bezeichnung, Titel, Wappen (nach revolutionairer Weise) ward aber mit

einer Stimmenmehrheit von 115 verworfen. Wozu solche polizeiliche,

bedeutungslose, unausführbare Vorschriften unter die Grundrechte des

deutschen Volkes aufnehmen? Auch der Sturm gegen alle Orden mißlang;

wogegen es durchging, jeden nicht mit einem bestimmten Amte verbundenen

Titel aufzuheben! Endlich stimmte die Linke dafür: daß jeder Mensch

berechtigt sei, sich irgend einen Adelstitel beizulegen; -- worüber

große Heiterkeit entstand. Man rief: Graf Blum, Baron Canarienvogel u.

s. w.

Die angenommenen Sätze lauten: Alle Deutsche sind gleich vor dem

Gesetze. Standesprivilegien finden nicht statt. Titel, die nicht mit

einem Amte verbunden sind, werden aufgehoben und dürfen nicht wieder

eingeführt werden. Die öffentlichen Ämter sind für alle dazu Befähigten

gleich zugänglich. Das Waffenrecht und die Wehrpflicht ist für Alle

gleich; Stellvertretung bei letzterer findet nicht statt. -- Vergeblich

machte man darauf aufmerksam, daß man den Proletariern nicht Waffen in

die Hände geben solle. Bei der Ausführung wird der Beschluß Übelstände

in Menge herbeiführen, oder vielmehr nicht ausgeführt werden.

Die ganze Berathung hatte sehr wenig Erfreuliches. Insbesondere

konnte der Präsident mit Worten und Klingeln die Leidenschaft und das

Dreinreden der Linken kaum bändigen. Sie hofft, daß in Berlin und

Wien ihre Ansichten obsiegen werden. Leicht möglich, wenn die Klubs

ungestört ihre revolutionairen Umtriebe fortsetzen dürfen.

Ich holte aus der Lesebibliothek: Der +Rechte+ von der Gräfin

Hahn. Sie hat (eine seltene Eigenschaft bei schriftstellernden,

meist rückläufigen Frauen) sehr große Fortschritte gemacht, und mir

erscheint das Buch wie eine Vorstudie zu der ohne Zweifel vollkommneren

Sybille.

Ich habe eine Abneigung gegen breitgetretene, kränkliche

Liebesgeschichten, vor denen alle Gesundheit verschwindet oder als das

Geringere verächtlich behandelt wird. Mattherziges, faules, unthätiges,

unmännliches Gesindel, füttert und päppelt sich mit dem blähenden Kohle

hohler Redensarten von unerhörter, ungesehener, überpoetischer Liebe;

und wenn man das aufgeputzte, geschminkte, verhätschelte Götzenbild mit

dem Zauberstabe ächter Wahrheit und Schönheit berührt, so stürzt es

zusammen und es bleibt nichts übrig als ein wenig Unrath.

Zweiundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 4. August 1848.

Gestern ist der Erzherzog unter ungeheurem Zulaufe des Volkes wieder

eingezogen. Diesmal waren denn auch mehre Hundert weiße Mädchen mit

Eichenkränzen zur Hand, von Kindern an bis zu sehr breiten Jungfrauen.

Nach Berlin ist Johann wohl der eingetretenen Mißstimmung halber nicht

gegangen. Heute erwartet man die Ernennung der übrigen Minister, wo

die kleinen Staaten gewiß wieder stärker vertreten werden, als Preußen.

Überhaupt muß sich dies selbst geltend machen, und nicht auf den

Reichsverweser und die hiesigen preußischen Abgeordneten allzu viel

bauen.

Den 5. August.

Bevor ich zu sachlichem Berichte komme, muß ich persönlich tiefe

Seufzer ausstoßen, um dadurch mein Gemüth etwas zu erleichtern. Die

gestrige sechsstündige Sitzung (in welcher sehr viele Reden über die

Todesstrafe abgeschrien wurden und die Linke eine so starke Begleitung

übernahm, daß der Präsident sie mit dem Glockenspiele zu übertönen

suchte, aber die Glocke zerschlug, sodaß sie nur sehr heisere Töne

von sich gab) griff mich so an, daß mir fast die Sinne vergingen.

Beim Frühstück klagten Abgeordnete, daß von Tage zu Tage ihr Appetit

abnehme. Ich aß, sagte einer, erst drei, dann zwei Portionen; jetzt ist

mir eine fast zuwider. Ganz mein Fall.

Hierauf wandte sich (ganz in der Regel) meine Melancholie wider mich

selbst und meinen hiesigen Aufenthalt. Ich erschien mir völlig unnütz,

ein Tropfen im Meere. Es erschien mir verkehrt, in dieser Einsamkeit

auszuharren (denn 500 Menschen in der Paulskirche geben keine

Gesellschaft) und meine wenigen Lebenstage für etwas einzusetzen, was

viele Andere besser vollbringen könnten. Keineswegs verzweifele ich

an der Sache, keineswegs halte ich die großen Aufgaben für gering und

unlösbar, keineswegs jammere ich wie ein Trauerweib über Alles, was

mich in der Nähe umgiebt und was ich aus der Ferne höre. Ich sehe nur

+mich+ an, lege mich auf die Wage und finde mich allzu leicht.

Ich sehe mich an und finde, daß ich in +einem+ Tage hier an Seele

und Leib um mindestens zwei Tage älter werde, und ganz decrepit (ich

brauche ein fremdes Wort für eine üble Sache) zurückkommen, und dann

zum Troste keineswegs auf Lorberen ruhen werde, sondern hart liegen auf

dem Bewußtsein meiner Entbehrlichkeit und Nichtigkeit.

Auf einem Spaziergange mit einem Abgeordneten, Martens aus Danzig,

suchte mich dieser von meiner hiesigen, nützlichen Einwirkung zu

überzeugen; dies war aber wohlwollende Höflichkeit und führte nur zu

der noch verdrießlicheren Untersuchung, ob meine Verzagtheit wirklich

auf rechter Demuth beruhe. -- Endlich schnitt die Müdigkeit alle, in

der That ganz fruchtlosen Betrachtungen ab; und ein langer Schlaf

stellte die Kräfte so weit her, daß ich Euch diese Jeremiade schreiben

konnte. Jetzt zu den Sachen!

Der Hauptinhalt der gestrigen Berathung war also die Abschaffung

der Todesstrafe. Viele sprachen dafür, Wenige dagegen; so bringt es

die Stimmung des Tages mit sich. Mir scheint die Frage in unseren

Tagen (wo nicht mehr, wie sonst, Unzählige, sondern zu Folge der

veränderten Gesetze nur sehr Wenige zum Tode verurtheilt werden)

ungemein an Wichtigkeit verloren zu haben. Neben der Betrachtung

über eine wissenschaftliche Rechtfertigung der Todesstrafe, geht

aber (obwohl mehr oder weniger verdeckt) die Neigung her, sich nach

jetziger Humanität mehr der Schuldigen als der Unschuldigen anzunehmen,

mehr für den Einzelnen als für die bürgerliche Gesellschaft zu

sorgen. Ich hatte schon Lust den Vorschlag zu machen: man möge die

Todesstrafe abschaffen, dem Verbrecher aber die Wahl freistellen, ob

er sich lieber wolle köpfen lassen oder lebenslang in die angeblich

philosophisch-humanen, in Wahrheit fürchterlich grausamen, einsamen

Gefängnisse einsperren lassen. Diese sind eine Tortur neuer Art;

wenigstens schminkte sich die alte nicht mit süßen, sentimentalen

Reden, sondern anerkannte ihre Barbarei, -- angeblich auch für das

Beste der bürgerlichen Gesellschaft. Ihr erlaßt mir die Mittheilung

der für und gegen die Todesstrafe aufgezählten Gründe. Nur ein Paar

Curiositäten. M. behauptete: in den Vereinigten Staaten erfolge die

Hinrichtung nicht öffentlich, +weil+ die Regierung sich derselben

+schäme+; und ein Anderer führte für die Todesstrafe an, daß ohne

Christi Kreuzigung das Christenthum nicht in die Welt gekommen wäre!

Dreiundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. August 1848.

Gestern Abend ging ich nach einsamem Spaziergange in das Theater, um

„Brandmarkung, Pranger und Prügel aller Art“, wovon in der Paulskirche

die Rede war, aus den Gliedern los zu werden. In dem Heirathsantrage

auf Helgoland spielte Hr. Reger den alten Oberbootsmann vortrefflich,

und Mozart’s Kapellmeister ließ die Paulskirche vergessen. Obgleich er

selbst steif und hölzern dargestellt wurde, ergötzte ich mich an Hrn.

Theaterdirektor Schikaneder; auch sangen die beiden Frauen recht brav.

Indessen blieben wehmüthige Erinnerungen auch hier nicht aus. Es setzte

sich nämlich ein etwa 16jähriges Mädchen neben mich, welche der Malvina

Eimbeck (als sie ebenso alt) außerordentlich ähnlich war, und gar

manche Fäden früherer Zeiten hervorrief, die ja (wie alles Vergangene)

nicht den Charakter des Sonnenaufganges, sondern des Sonnenunterganges

tragen und tragen müssen.

Wenn mir auf den Spaziergängen schon Blätter vor die Füße fallen, ich

den Mähern und Harkern zuschaue oder durch Stoppeln wandere, finden

sich auch ganz +natürlich+ andere Gedanken ein, als wenn ich im

Mai unter Rosen und Blumen aller Art mich ergötzte und verjüngte.

Von hier aus würde ich sogleich wieder in den Butterfrauentrab der

Paulskirchenpolitik verfallen, wenn nicht jetzt eben alle Glocken so

entsetzlich läuteten, daß mir alle Gedanken vergehen und ich deshalb

lieber abbreche.

Den 6. August.

Das war heute eine so aufregende Sitzung, daß man ein Nervenfieber

davontragen könnte.

Bei Erörterung der Berichte über die Amnestie politischer Verbrecher,

und über Hecker’s Aufnahme, mußte man Reden anhören, die allen

Grundsätzen der Sittlichkeit Hohn sprachen und dem Verbrechen Altäre

bauten. Ich konnte diese Gräuel nicht länger aushalten, ging ins

Freie; hörte aber bei der Rückkehr schon draußen einen fürchterlichen

Lärm. Ein Abgeordneter, Brentano, hatte, dem Sinne nach, gesagt: wie

man den badener Verfolgten eine Amnestie verweigern könne, da man sie

dem Prinzen von Preußen bewilligt habe? Hecker und der Prinz wurden

also gleichgestellt. Vor 6 Wochen befürchtete ich schon eine solche

Explosion, und erbat mir für solch einen Fall das Wort.

Den Preußen ging diesmal die Geduld aus, um so mehr, da die Galerien

Beifall brüllten. -- Es war nahe daran, den höhnisch fortlachenden

Brentano von der Rednerbühne herabzuwerfen und mit einer großen

Prügelei zu enden. Der Präsident außer Stande, Ruhe herzustellen,

mußte die Sitzung aufheben; die preußischen Abgeordneten und viele

Nichtpreußen begaben sich ins Casino, waren eines Sinnes über jene

Unwürdigkeiten und versammelten sich um 5 Uhr im österreichischen

Locale zu weiteren Beschlüssen. Niemand weiß, was geschehen wird; aber

nochmals hat sich erwiesen, daß wir, wie ich immer behauptete, mit

Lammessanftmuth nichts ausrichten, sondern ~à la~ Griesheim die

Zähne weisen müssen.

Vierundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 7. August 1848.

Heute um 5 Uhr versammelten sich etwa 250 Abgeordnete im Saale, wo die

Österreicher in der Regel zusammenkommen; die Überzahl Preußen, dann

Österreicher, Baiern, Hannoveraner u. s. w., aus allen Stämmen. Alle

erklärten einstimmig: Brentano’s unwürdige Rede habe nicht blos die

Preußen, sondern alle Deutsche beleidigt. Und so hat die Flegelei

nur die Folge bestimmteren Anschließens. Die Frage war: was soll man

beantragen, was thun? Der erste Vorschlag: Brentano’s Ausschließung

zu verlangen, ward sogleich abgelehnt, weil hiezu keine genügenden,

förmlichen und sachlichen Gründe vorlagen. Der zweite Antrag: ihn durch

den Präsidenten zur Ordnung anweisen zu lassen, hatte den Vorzug, daß

er alle weiteren Erörterungen abschnitt; allein er schien für das

ungewöhnliche Vergehen zu gelinde. Und wenn er auch für die Versammlung

genügte, so war mit Bestimmtheit vorauszusehen, daß man außerhalb

derselben und in ganz Preußen sagen würde: die preußischen Abgeordneten

hätten wieder wie Feiglinge und Nachtmützen geschwiegen, und nur der

Präsident einige Theilnahme und Ehrgefühl gezeigt. Deshalb ward der

dritte Vorschlag fast einstimmig angenommen: die +Versammlung+

solle ihre Mißbilligung aussprechen, daß Brentano einen deutschen

Volksstamm gröblich beleidigt habe. -- Möglich, daß sich daran neuer

Lärm anreihe, oder Viele nicht beistimmten: die Forderung sei indeß

gerecht, der Lärm nicht zu fürchten und nöthigenfalls namentliche

Abstimmung zu verlangen. Der Prinz ward nicht genannt, um jeden neuen

Angriff nach dieser Seite hin zurückweisen zu können. Der Gedanke,

dies Alles in geheimer Sitzung abzumachen und die Galerien heute zu

schließen, ward verworfen; denn wie die Beleidigung öffentlich war,

müsse es die Genugthuung sein und keine Furcht vor den Galerien gezeigt

werden. Erhöben sie wieder Lärm, müsse man sie räumen lassen und für

die Zukunft ein allgemeines, zügelndes Gesetz geben.

Diesmal war es mir, bei geringerem Andrange, in dieser

Privatversammlung gelungen, mich als den zweiten Redner einschreiben

zu lassen. Als ich meinen Spruch begann und der Vorsitzende (Graf S.)

bemerkte, daß ich vom Prinzen von Preußen reden würde, stand er auf und

gab mir zu verstehen: ich möge mich +nur+ darüber erklären, was

+jetzt+ hinsichtlich +Brentano’s+ zu thun sei? Ich ließ mich

aber durch diesen Hemmschuh gar nicht aufhalten, sondern behauptete:

nicht einmal die preußischen, viel weniger die gegenwärtigen

österreichischen, baierischen und die anderen deutschen Abgeordneten

wären von den Thatsachen, der Persönlichkeit, dem Benehmen des Prinzen

und der Prinzessin von Preußen genügend unterrichtet, und es sei mein

Recht und meine Pflicht, aus genauer Kenntniß der Verhältnisse, sie

gegen schändliche Lügen und Verläumdungen zu rechtfertigen. -- Jetzt

erscholl von allen Seiten des Saales der laute Ruf: Reden, Reden!!

Ohnehin schon übermäßig aufgeregt, warf ich nun alle Präsidentenzügel

zur Seite, stürmte darauf los und sagte, was ich nicht im Gedächtnisse

zusammensuchen kann, aber doch weiß, weil ich es immer im Kopfe und

Herzen getragen. Und auch Ihr wißt es, ohne ~da Capo~.

Am Schlusse: das lauteste Bravo und unermeßliches Händeklatschen; --

+nicht für mich, -- sondern für den Prinzen und die Prinzessin+.

Darum ist dieser Ausbruch der Theilnahme nicht ohne Wichtigkeit.

Den 8. August.

Ich schwebe in Sorgen über den Gang und Ausgang der heutigen Sitzung.

Es blieb aber nichts übrig, als den Kampf zu wagen. Traurig, daß auch

preußische Abgeordnete sogenannte politische Principien, über Vaterland

und Vaterlandsliebe hinaufsetzen; -- wie im Dreißigjährigen Kriege

dogmatische Principien. -- Der Weg zum Untergange Deutschlands!

Gestern Abend hat man Hrn. Brentano ein Vivat gebracht, wobei Itzstein

und ähnlich Gesinnte betheiligt waren und Reden hielten an das

Straßenvolk, wie man sagt, des Inhaltes: der Prinz von Preußen könne

es sich zur Ehre rechnen, mit Hecker verglichen zu werden; zu neuen

Barricaden würde man sich doch einfinden u.s.w.

Die heutige Sitzung (9-3½ Uhr) war nicht erfreulicher als die gestrige.

Zwei Anträge über die Zurechtweisung Brentano’s lagen dem Präsidium

vor, eine etwas milder abgefaßt, als die andere. Gagern hatte den

Vorsitz an Soiron übergeben, weil sein Bruder in dem Hecker’schen

Aufstande erschossen worden. Soiron glaubte, das Allermildeste zu

thun, wenn er Brentano zur Ordnung rufe und dadurch härtere Vorschläge

und längere Berathungen abschneide. Kaum aber hatte er die Weisung

zur Ordnung ausgesprochen, so nahm die Linke dies nicht dankbar an;

sondern erhob einen Lärm, daß man kein Wort verstehen konnte, und die

Galerie stimmte in den Ton ein mit Brüllen und Trampeln. Alle Weisungen

zur Ruhe, alle Drohungen, die Galerien räumen zu lassen, blieben ohne

Wirkung, sodaß die Sitzung einstweilen nach 10 Uhr unterbrochen und

der Wiederanfang auf 11 Uhr angesetzt wurde. Die meisten Abgeordneten

verließen hierauf den Saal, die Galerien blieben überfüllt und jeder

sah im Voraus, daß um 11 Uhr die Fortsetzung folgen werde. So geschah

es. Das Präsidium befahl die Galerien zu räumen; neuer Lärm und

Hohngelächter. Einzelne in Frankfurt sehr bekannte Abgeordnete gingen

hinauf; ihre Vorstellungen blieben ohne Wirkung. Jetzt folgte ihnen der

Präsident Gagern selbst; aber Kerle mit dem Hute auf dem Kopfe stellten

sich vor ihm hin, und haben gewiß nicht höflich gesprochen. Erst als

Bürgerwehr ankam, machten die Ungehorsamen Anstalt zum Abzug, und die

frechen oder neugierigen Weiber fast zuletzt.

Nun sollte nach geleerten Galerien die Berathung über die Amnestie

fortgesetzt werden. Ich füge ein: daß in vielen Eingaben zwar

von Menschlichkeit, Leiden der Väter, Mütter, Geschwister u. s.

w. die Rede war; aber auch nicht die geringste Spur von Reue und

Besserung. Vielmehr (ebenso wie von mehren Rednern des gestrigen

Tages) ein Läugnen aller sittlichen Grundsätze, und ein Verachten

aller gesetzlichen und bürgerlichen Ordnung. Und +alle+ diese

Angeklagten sollte die Reichsversammlung ohne Rücksicht auf das Maß

ihrer Verschuldung, ohne Rücksicht auf die Sicherheit der einzelnen

Regierungen plötzlich frei sprechen und aus dem Auslande wieder in

Deutschland hineinlassen, wo die Meisten eine Empörung als Recht,

Pflicht und Ehre bezeichneten.

Jetzt behauptete die Linke (um Zeit zu gewinnen und morgen unter

Begleitung der Galerien, das hieß ihnen: des souverainen Volkes, ihren

Willen durchzusetzen), mit der Räumung der Galerien sei nothwendig die

Sitzung geschlossen. Diese Behauptung ward verworfen. Sie verlangte

nunmehr: daß man das, eben hinausgewiesene, draußen schreiende Volk

wieder einlasse; sie forderte hierüber die, Zeit kostende, namentliche

Abstimmung. Ihre Forderung ward mit 380 gegen 91 Stimmen abgewiesen.

Nun erhielt (leider) Hr. Brentano wieder das Wort und behauptete: er

habe nichts Beleidigendes gesagt, wohl aber hätten viele Mitglieder der

Rechten wider ihn Lärm erhoben (das ist wahr), ihn thätlich angegriffen

(wird, da er es nicht beweisen kann, als Lüge bezeichnet, und er auf

Pistolen gefordert). Das letzte, sowie der ungebührliche Lärm läßt sich

nicht läugnen, aber dies Alles ereignete sich im Wesentlichen erst nach

Schließung der gestrigen Sitzung.

Endlich wird die Discussion über die Amnestiefrage geschlossen, und

nur der Berichterstatter, Hr. Widemann bekam (nach gesetzlicher

Weise) noch das Wort. Er widerlegte die Einreden, und erwies aus den

Originalprotokollen, daß Itzstein und Brentano, welche gestern Hecker

gern in einen Helden und Heiligen verwandeln wollten, damals ihn in

der badenschen Kammer als Verbrecher bezeichnet hatten. -- Nochmaliger

Antrag: nicht abzustimmen, weil die Sitzung eine geheime und „das

Volk“ nicht gegenwärtig sei. Abgeschlagen, worauf ein großer Theil

der Linken die Kirche verläßt. -- Deshalb, behaupten ihre bleibenden

Genossen, +müsse+ man die Sitzung schließen. -- Abgeschlagen, sie

möchten wiederkommen. -- Unterdessen hatte die Bürgerwehr kurzen Prozeß

mit dem Janhagel gemacht, den Platz geleert, die Straßen gesperrt. --

In lächerlicher Nachahmung Mirabeaus’s rief Hr. Wigard aus Dresden:

wir können nicht berathen und abstimmen unter dem +Schutze+

der Bajonnette. -- Der Präsident bemerkte, beruhigen Sie sich, sie

sind nicht wider die Versammlung gerichtet. Diese bestand darauf,

+heute+ die Sache zu Ende zu bringen, und bei der namentlichen

Abstimmung erklärten sich 90 für die Amnestie, 317 aber für den Antrag

des Ausschusses: daß die Reichsversammlung nicht entscheiden, sondern

der Weg Rechtens um so mehr betreten werden solle, weil die Regierungen

ohne Zweifel da zur Milde geneigt wären, wo es mit der Sicherheit

verträglich sei. -- So der heutige Tag der neuen Brüderlichkeit,

der gesetzlichen Ordnung, und der außerordentlichen Fähigkeit für

republikanische Einrichtungen. Doch haben die Vernünftigen gesiegt, und

gegen die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse wird man Maßregeln ergreifen.

Fünfundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 9. August 1848.

Nach der gestrigen, stürmischen, Leib und Seele angreifenden Sitzung

ging ich zur Erholung ins Schauspiel, und sah: „eine Familie“, von

der Birch-Pfeiffer. Trügt mich mein Gedächtniß nicht, so ziehe ich

die hiesige Darstellung der berliner im Ganzen vor: löblich war unter

Anderen Fräulein Janauschek, vor Allen aber spielte Fräulein Lindner,

die alte Madame Braun, in jeder Beziehung +meisterhaft+. Jedes

Wort, jede Bewegung war angemessen, charakteristisch, anziehend. Keine

Uebertreibung, nichts auf bloßen Effekt berechnet, und doch Alles von

heiterer, rührender, großer Wirkung. Man hätte ununterbrochen klatschen

müssen (auch habe ich es in meiner theilnehmenden Bewunderung nicht

daran fehlen lassen) und der Hervorruf nach dem einen Akte war mehr

verdient als tausend andere.

Wenn ich von der Sorge und dem Aerger der letzten Tage absehe, so liegt

in dem Tadelnswerthen, Erschreckenden, wiederum viel Gutes und Hoffnung

Erweckendes. So z. B.

1) war (obwohl ohne Theilnahme der Regierungen) die Wahl des Erzherzogs

zum Reichsverweser ein Glück und ein Sieg über die anarchischen Plane

einer Partei.

2) Endete die gewaltige Aufregung über die Polen mit einem Siege der

deutschen Sache, und einer einstweiligen Bestätigung des Friedens mit

Rußland.

3) Haben Mißgriffe das sich auflösende Preußen aufgeweckt und zum

Selbstbewußtsein gebracht.

4) Sieht man täglich mehr ein: der Gegensatz, Deutschland +oder+

Preußen, sei ein thörichter. Eins kann nicht bestehen ohne das Andere.

5) Hat die Linke, trotz alles Skandals, in der Amnestiefrage eine

völlige Niederlage erlitten, und wird sie bei der Frage über Hecker’s

Wahl morgen wieder erleiden.

6) Hat das ungezogene Benehmen der Galerien endlich die meisten

Abgeordneten überzeugt: man dürfe den souverainen Pöbel nicht länger

hätscheln und mit dem Volke verwechseln. Zum +geistigen+ und

+leiblichen+ Wohle der Versammlung werden, wie ich höre, schon

morgen an 800 Menschen weniger eingelassen und die gewonnenen Räume zu

nützlicheren Zwecken verwandt. Als gestern wohl 1500 bis 2000 Menschen

hinausgetrieben waren, konnte man erst wieder bessere Luft einathmen.

Vorher, zum Ohnmächtigwerden!

Sechsundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. August 1848.

Die Zeit hat mir nicht erlaubt zu meinen sechs gedruckten „in der

Paulskirche +nicht+ gehaltenen Reden,“ noch andere hinzuzufügen.

Ich hatte sonst Lust eine zu halten „+über die Abschaffung der

deutschen Geschichte+“, etwa folgenden Inhaltes: „Die pariser Tage

des Februar haben nicht blos den Franzosen, sondern auch den Deutschen

die Freiheit gebracht! Mit dem Jahre 1848 beginnt das Leben unseres

Volkes; was dahinter liegt, war Tyrannei der Könige, der Fürsten,

des Adels, der Patricier, der Zünfte, der Bischöfe, der Pfaffen;

ein unwürdiger, erbärmlicher Zustand, den zu achten Verrath, den zu

vergessen ein Glück, den zu verdammen eine Pflicht, mit welchem sich zu

beschäftigen, ein widerwärtiges, ekelhaftes Geschäft ist.

So ertönen mancherlei Stimmen mit solcher Sicherheit und Anmaßung, daß

ihnen zu widersprechen, Tollkühnheit und Thorheit zu sein scheint.

Und warum auch widersprechen? Die neue Lehre ist ja so bequem, der

Weg so kurz, das Ziel nahe und unfehlbar, und die neue Weisheit

leicht zu behalten. Zwar findet sich der Anfangspunkt des Deutschen

nicht in Deutschland, sondern in Paris; auch ist seine Lebensdauer

noch nicht so lang wie die eines Kindes, und es hat noch weniger

die Kinderkrankheiten überstanden. In seiner durch französische

Gevatterschaft geheiligten Geburtsstunde, liegt jedoch eine Bürgschaft

für die Ewigkeit und das Jahr 1848 wiegt tausend Jahre früherer

Geschichte auf. Hiemit, meine Herren, wäre denn freilich von Etlichen

die Abschaffung der deutschen Geschichte beschlossen, und diese

Abschaffung scheint noch weniger Anstoß zu geben, als die des Adels und

des Cölibats.

Soll ich, ein Lehrer der Geschichte, nun allein hierüber Klage erheben?

Soll ich mich nicht vielmehr freuen, daß alle historischen Aufgaben so

erleichtert und verkürzt, ja daß sie ganz bei Seite geworfen sind, weil

jetzt von Manchen allein diejenige Geschichte für würdig erklärt wird,

welche sie selbst machen.

Den größten Theil meines Lebens habe ich der Geschichte unseres

Vaterlandes gewidmet, mich für jene Zeiten großer Kaiser, gewaltiger

Päpste, edler Fürsten, kräftiger Städte begeistert! -- „Das Alles (höre

ich rufen) war Narrentheidung, lächerliche Verblendung, thörichter

Wahnsinn! Ihr Leben war ein gänzlich verlorenes Leben.“

Wie ich leben wollte und gelebt habe, das ist meine Sache; davon

handelt es sich nicht. Ich vertrete nicht meine Person, sondern

Deutschlands Geschichte; und so hoch ich die Versammlung in der

Paulskirche auch stelle, -- wenn aus ihren Grüften auf die Galerie

hinaufstiegen, Kaiser wie Friedrich I. und Friedrich II., Fürsten wie

Heinrich der Löwe und Friedrich der Weise, Adlige wie Hutten und Götz

von Berlichingen, Männer wie Luther und Melanchton; -- sie würde bei

aller Berufung auf ihre Allmacht nicht im Stande sein, die so besetzte

Galerie räumen zu lassen!

Wozu indeß mein Eifer? Es sind ja zuletzt nur Wenige (ich meine

außerhalb dieser Mauern), welche die Geschichte so hochmüthig

behandeln, Vorfahren lästern ohne zu erwägen, daß Nachkommen alsdann

dasselbe thun werden, Wurzeln des Daseins und Verbindungsfäden mit der

Vorzeit abschneiden, uneingedenk, daß alsdann auch das Werk des letzten

Tages abreißt und vertrocknet.

So fern Sie auch, meine Herren, von diesen Ansichten und Lehren

sind, liegt Ihnen doch die Gefahr keineswegs fern: viele durch

alle Jahrhunderte hindurchgehende Eigenschaften und Neigungen,

Leidenschaften und Vorurtheile, Vorzüge und Mängel unseres Volkes um

deswillen nicht unbefangen zu würdigen, weil die drückenden Mängel der

letzten Jahre sämmtlich nach +einer+ Seite hin lagen.

Im Jahre 1648 glaubte man auch das Allerbeste für die Ewigkeit

gegründet zu haben und rühmte sich dessen über Maß; -- und doch war

es nur ein Nothbehelf, erwachsend auf dem Boden, nicht der höchsten

Wahrheit und Liebe, sondern auf dem zerrütteten Boden der endlich

ermatteten Leidenschaften.

Soll Ihr Werk gesunder, dauernder, segensvoller sein, so gründen Sie

es auf dem Inhalte tausendjähriger deutscher Geschichte, befreien Sie

den Baum unseres Lebens von trockenen, oder unfruchtbaren Zweigen; aber

hauen Sie ihn nicht nieder, um Stecklinge in einen Boden zu pflanzen,

in welchem sie nicht gedeihen können!

Siebenundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 11. August 1848.

Die heutige Sitzung begann damit: daß die Linke 17 Beschwerdepunkte

gegen den Vicepräsidenten von Soiron, in Bezug auf die letzten

stürmischen Sitzungen aufstellte. Ohne Zweifel haben sich +alle+

Theile und Parteien mancherlei zu Schulden kommen lassen; da es aber

wenig Anklang fand, die Sachen mit dem Mantel der Liebe zuzudecken,

die Thatsachen so wenig feststanden und die Aufregung noch so groß

war, daß man wahrscheinlich neue Ungebühr erlebt hätte, so wurden alle

Beschwerden und Anträge an den Ausschuß über die Geschäftsführung

verwiesen, um den Unrath genau zu untersuchen, und ihn uns dann mit

neuer Brühe versehen, aufzutischen.

Nun folgte die Berathung über Hecker’s Aufnahme, wobei viel Verkehrtes

und Sophistisches vorgebracht, am besten aber von Simson aus Königsberg

gesprochen wurde. Ihr kennt den Ausschußbericht und damit den

wesentlichen Inhalt der Sache. Von 466 stimmten 116 für, 350 gegen

Hecker’s Aufnahme; und so ist denn die widerwärtige Sache (wenigstens

innerhalb der Versammlung) abgethan; gebe der Himmel, daß sie sich

nicht außerhalb wiederhole. N. und andere preußische Radikale stimmten

für Hecker.

Den 12. August.

Gestern Abend saß ich mit mehren Personen an einem kleinen runden

Tische im Schwan. Der Eine, neben ihm seine Frau, wunderte sich,

daß die Preußen Brentano’s Schmähung auf den Prinzen von Preußen

so übel genommen hätten. -- Herr, erwiderte ich, wenn Jemand Ihre

Frau schmähte, würden Sie es ruhig dulden und sagen, was geht es

mich an? Wir sind in Preußen noch nicht auf der neuen modigen Höhe

des Tages angelangt, den König und das königliche Haus, welches wir

noch haben und noch haben wollen, ungerügt beleidigen zu lassen. Die

Anarchisten sollen durch unsere Erklärung, „das +preußische Volk+

sei beleidigt“, erfahren, daß sie es mit +diesem+, von seiner

Regierung nicht gelöseten, zu thun bekommen. -- --

-- -- -- Doch billige ich sehr, daß der König nach Köln geht; es

ist ein wesentlicher Schritt zu der, schlechterdings nothwendigen

Versöhnung. Hier erklärt die Linke: die Preußen hätten solchen Lärm

nur erhoben, weil sie den König absetzen und den Prinzen von Preußen

auf den Thron erheben wollten. Dies Gewäsch ist zu dumm, als daß es

Glauben finden könnte.

Gestern sah ich im Schauspiele: das Tagebuch und Hr. Hampelmann der

eine Wohnung sucht. In jenem spielten Alle gut und Fräulein Hausmann

ausgezeichnet; in diesem ruht das Ganze auf der Titelrolle des Hrn.

Hassel. Es war ungemein ergötzlich, obgleich ich dem frankfurter

Dialekte nicht überall folgen konnte.

Von der heutigen Sitzung ist nicht viel zu berichten. Bei der Frage:

über das künftige Gehalt des Präsidenten der Reichsversammlung,

stimmte die Linke (um sich als sparend beim Volke beliebt zu machen),

für monatlich 1000 hiesige Gulden (zu etwa 14 Groschen Courant); die

Übrigen bedachten 1) Posten und Gehalt sei nur auf Monate, nicht auf

Lebenszeit; 2) man bedürfe eines mit Ausgaben verknüpften Aufwandes,

als Bereinigungsmittels der Parteien, und stimmten daher für monatlich

2000 Gulden; dieser Antrag ward angenommen.

Hierauf die Frage über den dänischen Krieg, und insbesondere die

+Entschädigung+ für unverschuldeten Kriegsverlust. Die Mehrzahl

wollte +nicht+ aussprechen, daß ganz Deutschland dazu verpflichtet

sei; was man an der Ostsee sehr übel aufnehmen, und was von Neuem

gegen Frankfurt aufreizen wird. -- Als R. anfing zu sprechen, verließ

eine Schar von Abgeordneten den Saal, um frische Luft zu schöpfen,

oder zu frühstücken. -- Da kommt man natürlich auf den Gedanken: es

sei besser zu schweigen und auch zu frühstücken. Hiebei wiederum eine

Karikatur, bezüglich auf die stürmische Sitzung: Vincke, Rösler, Soiron

und Herrmann.

Achtundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 13. August 1848.

Ein höchst unerwartetes Intermezzo.

Der Reichsverweser und seine Räthe haben mich erwählt, um seine Wahl

u.s.w. -- zu notificiren -- in +Paris+!

Obs dabei bleibt, entscheidet sich +morgen Vormittag+. Dann

schreibe ich mehr. -- Höchstens dürfte meine Abwesenheit 14 Tage dauern.

Den 14. August.

Ich fand gestern Hrn. P. noch voller Begeisterung. Er kannte zufällig

meine Reden, war davon entzückt und sagte zuletzt: ich sei der

+Jefferson+ Deutschlands, oder müsse es eiligst werden. Da ich nun

J. für einen der größten Männer halte, die je auf Erden lebten, und

mich zusammengehutzeltes Gerstenkorn damit ~bonnement~ verglichen

sah, stand mir der Verstand völlig still, über P--s beispiellos

vergrößerndes Glas.

Der Antrag nach Paris zu gehen, ist ohne Zweifel und um so mehr eine

Auszeichnung, da ich mich überall (wie ihr wißt) nirgends vorgedrängt,

und noch weniger um ein Geschäft beworben habe, wo man sich so leicht

+blamiren+ kann. Indessen glaubte ich zuletzt im Stande zu sein,

einen Brief zu übergeben und einige Gespräche über die hiesigen

Verhältnisse zu führen.

Den 15. August.

Das Geschäft: ein Schreiben des Erzherzogs an den General Cavaignac

zu übergeben und dabei eine sehr kurze Rede zu halten, wäre einfach

und leicht genug. In der weiteren Instruktion kommen aber die

allerwichtigsten Fragen zur Sprache, über welche zu +unterhandeln+

mir eigentlich +nicht+ obliegt, über welche zu -- +plaudern+

aber schon viele Vorsicht, Kenntniß und -- viele Zeit kostet. Wenn ich

darauf dringe, daß +sehr bald+ ein Gesandter für Paris ernannt

werden müsse, erhalte ich keine Antwort; wahrscheinlich, weil man

nicht weiß, wen man senden soll. Ich habe aber gar keine Lust mir von

Posttag zu Posttag Galgenfristen setzen zu lassen, und mich in Sorgen

abzuquälen. Andererseits ist es lehrreich und vielleicht wichtiger in

Paris für Deutschland zu sprechen, -- als in der Paulskirche. So gehen

mir die Gedanken auf und ab. -- Nun, kommt Zeit, kommt Rath.

Neunundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 16. August 1848.

Daß ich nach Paris gehe, um die Wiedergeburt des deutschen Reiches,

Namens des von einem Volksparlamente erwählten Reichsverwesers,

der französischen Republik anzumelden, diplomatische Verbindungen

anzuknüpfen, deutsche Verhältnisse zu erläutern, deutsche Beschlüsse

zu rechtfertigen und (wo möglich) das Auftreten Deutschlands als

europäische Großmacht anzubahnen; -- das wäre kein Traum!? --

Helfe Gott, daß Alles ohne Dummheiten und Vorwürfe ablaufe. Das heißt,

sofern die Dinge mir können zugerechnet werden. Alles Andere steht in

höherer Hand. +Frieden+ ist das höchste Losungswort, das höchste

Ziel, nicht blos meines ganz kleinen untergeordneten Auftrages,

sondern aller Derer, die es mit ihrem Vaterlande und der Menschheit gut

meinen.

Den 19. August.

Der Erzherzog sagte mir: es sei Schade, daß ich so lange meinen

wissenschaftlichen Arbeiten entzogen werde. Hieraus folgte: daß +er

nicht+ der Meinung ist, mich auf längere Zeit in Paris festzuhalten;

-- woran vielleicht Andere für den Fall denken, daß ich auf der

dortigen Eisbahn nicht zu Falle komme. Als ein Zeichen (freilich nur

sehr geringes) diplomatischer Selbstbeherrschung kann ich anführen,

daß ich dem Erzherzoge nicht sagte, was ich sagen wollte: „in meinem

Alter bringe man überhaupt nichts mehr zu Stande.“ Er ist nämlich

fast meines Alters. -- Sonst befand ich ~homuncio~, mich dem

hohen Reichsverweser gegenüber so natürlich und bequem, daß es mir

kaum auffiel, als er mich „mein Freund“ nannte. Sein ganzes Wesen ist

einfach, verständig, bestimmt, und erinnerte mich lebhaft (auch sein

Äußeres) an meinen Vater.

Meine neue hohe Würde bringt mir von Thürstehern und Boten den Titel

Hr. Minister, auch wohl Excellenz. Nach einer Märchennacht bin ich

wieder Reichstagsabgeordneter, nach einer zweiten, Stadtverordneter,

nach einer dritten ein alter Professor den Niemand mehr hören will.

Und ist diese Sinecure nicht das beste Theil?

Gestern war ich wieder bei -- um mancherlei mit ihm zu besprechen;

damit insbesondere Preußisches und Deutsches nicht in Hader gerathe.

Die Zusammenkunft in Köln hat nützlich gewirkt; ebenso das kraftvolle

Benehmen der Preußen, nach dummem oder sentimentalem Dusel. Stände

nur der berliner Landtag nicht so weit hinter der außerhalb desselben

vorhandenen, höheren Bildung und Einsicht zurück, gäben nur Hansemann’s

husarische Finanzplane und seine Organisationen nach französischer

Weise, nicht so viel gerechten Anstoß.

Ich lese, daß in Preußen Viele noch immer zürnen, daß hier ein

Reichsverweser erwählt worden. In meinen Briefen hoffe ich dafür

hinreichende Gründe angegeben zu haben. Gewiß ist die demokratische

Richtung und die Neigung der Versammlung zur Vielregiererei dadurch

wesentlich gehemmt oder abgeleitet worden. Man muß derlei Dinge nicht

im Allgemeinen, ~in abstracto~ betrachten und beurtheilen; sondern

mit Rücksicht auf die vorliegenden Verhältnisse, das Mögliche oder

Unmögliche, das größere oder kleinere Übel u.s.w. Zudem war es ein

Glück, daß ein Mann wie der Erzherzog Johann vorhanden war, für den

sich die Stimmen so allgemein vereinigten, daß Die, welche Itzstein

vorzogen, sich und ihn lächerlich machten. Ob und wie dereinst eine

zweite Wahl heilsam und beifällig zu treffen sei, -- sind spätere

Sorgen. Jeder Tag hat seine eigene Plage.

Den 20. August.

Herr von Biegeleben lieh mir Martens’ Handbuch für Diplomaten. Die

ganze Weisheit läuft aber dergestalt auf Nichtssagen, Phrasendrechseln

und Strohdreschen hinaus, daß ich das Buch sogleich zurückgab, in

der Hoffnung, die neue Diplomatie, oder vielmehr Staatskunst, gehe

auf die Sachen und einen wahren Inhalt hinaus. Zudem habe ich mehr

Gesandtschaftsberichte gelesen, als vielleicht irgend ein Mensch

in Europa; und lege dies, den vergessenen Formeln gegenüber in die

Wagschale. Zuletzt: ~quel bruit pour une omelette~; um einer

Sendung willen, die, möglicherweise ganz unterbleibt oder 14 Tage

dauert.

Funfzigster Brief.

Brüssel, den 23. August 1848.

Die Frage, +ob+ ich nach Paris gehe, ist nunmehr freilich

entschieden; nicht aber die Frage nach dem Umfange und den Gränzen

meiner Geschäfte. Sie +können+ sehr einfach sein, aber auch

sehr verwickelt werden, und ich habe deshalb ernste Sorge über das

Gelingen oder Mißlingen meiner Sendung. Nur der Gedanke: daß ich nach

besten Kräften meine Pflicht erfüllen werde, und mich nicht füglich

zurückziehen konnte, hält mich aufrecht. In einer deutschen Zeitung

stand mit Recht: mir sei die +schwierigste+ Mission zu Theil

geworden, und im ~Journal des débats~ sagt ein wohlmeinender

Artikel: nach P. komme ~l’éminent Historien d. R.~

Neben allem Ernste habe ich Gelegenheit genug mich selbst zu parodiren

und meine 1001 Nachtstellung lächerlich zu finden: wenn Thürsteher und

Kellner (meine Sendung war ausgeplaudert) mich ~Mr. le Ministre~

nennen, ein Kerl vor mir (mit dem Hute in der Hand) herläuft, ein

anderer nachfolgt, ich im ersten Stock wohnen soll, und zwischen

den Schlafkammern für mich und B. eine Stube, genannt Salon, liegen

+muß+. Als ich gestern Abend hier ankam, bestellte ich Abendbrot

(da ich in Aachen nur gefrühstückt hatte) und aß sehr preislich,

während Engländer und Engländerinnen blos Thee tranken. Gleich

nachher fiel ich aber sehr aus meiner neuen Rolle: denn als ich eine

+halbe+ Bouteille Wein forderte, erhielt ich die Antwort: ~on ne

vend pas ici de +demi+ bouteilles!~

Ein Engländer fragte mich: ob ich mich nicht +fürchte+, nach Paris

zu gehen? er und seine Dame trügen Bedenken. -- Antwort: Man soll sich

nie fürchten, auch habe ich in Paris schon einmal Barrikaden erlebt u.

s. w.

Soviel als letztes Lebenszeichen aus Deutschland und dem ruhigen

Belgien. Hoffentlich ist in Paris kein neuer großer Skandal im Anzuge.

Wolken stehen freilich genug am babylonischen Himmel.

Lebt wohl und fleht den Himmel an, daß er mich auf rechtem Wege erhalte

und ich nichts begehe, was man als ~sottise~ und ~bêtise~

bezeichnen könnte. Händel kann freilich Jeder an Jedem suchen. Nun, so

werde ich mich wehren und auch die Zähne zeigen; -- wie die Preußen

nach Erschöpfung ihrer Geduld. Allen Grüße.

Einundfunfzigster Brief.

Paris, den 24. August 1848.

Gestern früh 9½ Uhr fuhr ich aus Brüssel ab, war Abends 8½ in Paris,

und saß 9½ in den Euch bekannten Zimmern im Hôtel d’Hollande. Willisen

wohnt ebendaselbst, und O--s Bedenken: daß meine +Feinde+ es

übel auslegen würden, wenn ich mit einem preußischen Abgeordneten in

demselben Hause wohne, wies ich muthig zurück. Ein Zufall habe dies

herbeigeführt und es sei besser Einigkeit als Zwiespalt zwischen

Deutschland und Preußen vorauszusetzen.

Nach glaubwürdigen Nachrichten hat man sich hier weder amtlich noch in

geselligen Verhältnissen viel über die Stellung Deutschlands zu Italien

geäußert, dagegen herrscht eine allgemeine Aufregung hinsichtlich des

dänischen Krieges. Man tadelt das Benehmen der frankfurter Versammlung

und behauptet, sie habe den Dänen, wenigstens in gewissen Punkten,

Unrecht gethan. -- -- --

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 12 / 15 题