Dem ersten Anblick nach, ist Paris noch das alte; bei genauerer

Betrachtung sieht und hört man jedoch, wie sehr Verkehr und Geldumlauf

und Vertrauen abgenommen haben. So sind im Palais Royal viele Läden

geschlossen, die Zahl der Eßgäste bei Hallevant sank auf ein Fünftel,

die Preise der Miethen sind gefallen und viele Wohnungen stehen leer.

So leiden wir nicht allein, und wohl nicht am meisten. Von mehren

Seiten behauptet man: die Republik habe eigentlich fast gar keine

Anhänger und befinde sich im Belagerungszustande. Cavaignac übt eine

Macht wie seit Ludwig XIV sie kein König üben konnte, und auch keiner

der bourbonidischen Thronbewerber im Fall seiner Herstellung üben

dürfte; wie auszuüben man in Berlin hinsichtlich der Presse, der Klubs

und des Straßenunfugs nicht den Muth hat.

Im Vergleiche mit Paris erscheint mir Frankfurt wie eine Heimat:

es ist mir unbequem, mein kleinstes Thun oder Lassen geprüft und

wohl mißliebig beurtheilt zu sehen; ich fühle, wie ich mich hüten

muß, die seit so vielen Jahren gewahrte +völlige+ Freiheit und

Unabhängigkeit meiner Person, nicht preiszugeben. Das Wirken im Sinne

eines Andern, würde mir in meinen alten Tagen am wenigsten zusagen. So

lange also +meine+ Überzeugung mit der des +Andern+ stimmt,

~andiamo~; sonst links um, und ausgespannt. Indessen nicht aus

Faulheit, oder übler Laune halber, sondern nur, wenn Charakter, Pflicht

und Gewissen es gebieten.

Den 25. August.

Auf allen großen Plätzen sind Freiheitsbäume errichtet. Das heißt,

man fand eine abgeschälte Fichtenstange (dies kahlste und trockenste

aller Sinnbilder) doch zu unpassend, und +pflanzte+ deshalb

wirkliche Bäume. Aber diese langen, dünnen, fast zweig- und blattlosen,

bereits zum Theil vertrockneten, lombardischen Pappeln, gewähren einen

erbärmlichen Anblick. Im Frühjahr wird kaum eine am Leben bleiben, und

so ist man fast gezwungen, an die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit der

neuen Freiheit zu denken.

Zweiundfunfzigster Brief.

Paris, den 26. August 1848.

Überlege ich, was mir seit meiner Abreise von Berlin eigentlich Freude

gemacht hat, so ist es an Euch Briefe schreiben und von Euch Briefe

empfangen. Da liegt denn aber die Frage nahe: ob man das nicht daheim

bequemer haben könne? Wenn mir die Eitelkeit nicht auf die Füße hilft

(weil mir das Organ dazu fehlt), so hänge ich mir den vorwurfsdichten

Mantel der Pflichterfüllung um, und wende die Worte der -- an, welche

mir schreibt: „ich kann mir denken, daß Sie sich nur durch geistige

Anstrengung aufrecht erhalten, und daß Sie es thun, freut mich“ u. s. w.

Jetzt ists vier Uhr. Was habe ich gethan? Besuche machen wollen, aber

die Leute verfehlt; Besuche angenommen, etwas in einem Romane von Mery

gelesen, und Überröcke von weitem angesehen, aber noch keinen gekauft.

Muß ich nun nicht wie Kaiser Titus sagen: diesen Tag habe ich verloren?

-- Heute Abend kommt indessen vielleicht noch das Beste: ich soll bei

Lamartine durch Willisen eingeführt werden! Lamartine wird allgemein

betrachtet, wie ein politisch todter Mann. Besser freilich, als, wie

le Blanc und Caussidière, durch die härtesten Anklagen noch länger dem

Publikum zur Schau ausgestellt bleiben.

Im Jahre 1830 las ich Inschriften für die Helden des Julius, welche

die ältere Linie der Bourboniden verjagten; heute für die Helden des

Februar, welche die damals eingesetzten Orleaniden stürzten! Die da

Helden des Junius werden wollten, sind hingegen erschossen, oder

geschlossen aus Frankreich hinweggeführt. In St.-Cloud der alte Hof,

Direktorium, Brumaire, Napoleon, Charles X., Louis Philipp u. s. w.

Fast gehen mir die Gedanken aus, indem ich dies Alles durchdenken will!

-- Wende ich mich von Weltgeschicken zu meinem eigenen Schicksale,

so erscheint mir das letzte Lebensjahr wie ein offenbares und doch

unerklärtes Räthsel. Ich habe die Fäden nicht verflochten, nicht

gelöset, sondern nur daran herumgespielt, oder mit mir spielen lassen.

Verhehlen darf ich nicht, daß Nachrichten, welche mir nur allzu

glaublich erscheinen, mich +sehr+ befürchten lassen: die

Hoffnungen, welche man hinsichtlich meines hiesigen Empfanges erregte

(und die auch wohl meine Absendung beschleunigten), dürften +viel

zu günstig+ und zu +rosenfarben+ gewesen sein. Gewiß werden

die persönlichen Formen, nach französischer Sitte, sehr höflich

ausfallen; es scheint aber, Frankreich ist gesonnen, seine Verhältnisse

zu Deutschland erst in Uebereinstimmung mit den übrigen Mächten

aussprechen und feststellen zu wollen. Drängte man auf eine schnellere

Entscheidung, so will man (wie ich höre) Zweifel erheben über Umfang

und Gränzen des deutschen Reiches, über die Art, wie ältere Verträge

mit den neuen deutschen Einrichtungen in Übereinstimmung zu bringen

seien u. s. w.

Ich füge noch zwei Worte über hier umlaufende Ansichten hinzu. Manche

sagen: „die frankfurter Versammlung, oder doch die Centralgewalt, geht

darauf aus, ganz Deutschland für Österreich zu gewinnen und in Bewegung

zu setzen. Zu einer solchen Richtung kann Preußen nie die Hand bieten,

weshalb es zweifelhaft bleibt, ob Frankfurt übermächtig oder ohnmächtig

wird.“ -- Andere sprechen: „bei Österreich, Preußen, Baiern kann man

sich etwas Bestimmtes denken; was man sich aber bei einer deutschen

Centralgewalt denken könne oder solle -- ist und bleibt unbegreiflich.

Obgleich nun aber Frankfurt in der Luft schwebt, wie ein Chateau

d’Espagne, greift es doch händelsüchtig nach allen Seiten über die

rechten Gränzen hinaus und erregt Besorgnisse fremder Mächte, statt in

stiller Bewegung für die heimatliche Entwickelung zu sorgen.“

Den 27. August.

Soirée bei Lamartine ½10-½11. Stereotyp ebenso, wie ich deren so

viele besucht habe. Eine große Zahl Menschen, unter denen sich nur

wenige kennen, Sitze fast nur für die Damen, Stehplätze zu 2-3 Fuß.

Lamartine war freundlich und angenehm; Zeit und Sorgen haben ihn

jedoch sehr altern lassen. Melancholisch machte die hier, mehr als

irgendwo, immer wiederkehrende Betrachtung der schnellen Abnutzung

und Vergänglichkeit alles Menschlichen. Denn ziemlich laut sprach

man die Bemerkung aus: der Besuch des Salons sei unbedeutend im

Vergleiche zu Dem, was er vor einigen Monaten gewesen! Das Sprichwort:

„man wende sich zur aufgehenden Sonne,“ ist alt und wahr; hier aber

wenden sich die Gesichter unzählige Male hin und her, nach jeder neu

angesteckten Lampe oder Laterne. Denen, die da anstecken, folgen

schnell Diejenigen, welche auslöschen oder zerschlagen. -- Wäre ich

hier nur erst angezündet, -- an Auslöschen und Zurückziehen denke ich

jetzt schon selbst. -- Ich ward gestern einigen Herren (keiner Dame,

dazu bin ich zu alt) vorgestellt, z. B. einem Legitimisten, einem alten

Diplomaten, der mir erzählte: ich habe unter +Hardenberg+, Noten

an ihn erlassen u. s. w. Er verwechselte Hardenberg mit Haugwitz, und

mich mit dem alten Onkel. Ich ließ ihn aber, ohne Berichtigung, bei

seinem wohlgemeinten Glauben. Die Namen einiger anderen Herren wurden

nicht deutlich vorgesprochen, und so will ich sie nicht nachsprechen,

um ähnliche Verwirrungen zu vermeiden.

Mittags.

So eben komme ich von der ersten Audienz bei dem Minister Bastide

zurück. Man hatte ihn mir als einen rechtlichen, aber finstern und

schweigsamen Mann beschrieben; er war aber sehr offen, zutraulich,

mittheilend, höflich. So hoffe ich denn, die Dinge werden in eine gute

Bahn kommen, sobald die Frankfurter nur nicht im irrigen Glauben an

ihre +Allmacht+, Alles bruskiren wollen, anstatt die Zeit walten

zu lassen. Formelle Schwierigkeiten lassen sich heben, sobald man über

die Sachen selbst einig ist. Die Thürsteherexcellenz wird hinter der

Thür stehen müssen, und der lange Gesandtentitel sich vor der Hand, --

oder vielmehr für mich auf immer --, in Friedrich v. Raumer verwandeln.

Wo dieser Name nicht hilft -- nun u.s.w. -- -- -- Herr Bastide empfing

mich übrigens in demselben Zimmer, wo ich früher Guizot gesprochen

hatte. ~Sic transit gloria mundi.~

Von allen Seiten höre ich, daß der Kampf im Junius dringend nöthig

gewesen und das Land vor den größten Übeln geschützt habe. Des

Langredens sei man, auch in den Kammern überdrüssig, freue sich der

Kürze Cavaignac’s, der durch bestimmtes Handeln täglich an Ansehen

gewinne. Doch sind sehr viele Wahlen für landschaftliche Behörden in

antirepublikanischem Sinne ausgefallen und über die Lebensdauer der

Republik äußert man sich überhaupt sehr skeptisch und skoptisch.

Abends.

-- -- Noch einige Worte über die erste Unterhaltung mit Hrn. Minister

Bastide. Sie war wesentlich vertraulicher Art und eben dadurch

belehrender, als wenn wir uns in den alten, strengen Formen der

Diplomatie bewegt, oder vielmehr nicht bewegt hätten.

Hr. Bastide sagte im Wesentlichen: wir freuen uns über die neue

Entwickelung in Deutschland, wir wünschen enge, für immer dauernde,

freundliche Verbindungen; wir werden uns nie in die inneren

Angelegenheiten des Nachbarlandes einmischen; wir überlassen ihm,

seine Verfassung und Verwaltung nach Belieben einzurichten. -- Da

indessen die europäischen Staaten über ihr Verhältniß zu der neuen

Centralgewalt noch zu keiner gleichartigen Ansicht gekommen, und wir

durch mancherlei freundschaftliche Verträge mit den einzelnen deutschen

Staaten seit Jahrhunderten verpflichtet und gebunden sind, so wünschen

wir ein letztes, entscheidendes Wort erst dann auszusprechen, wenn wir

hierüber nähere Kunde eingezogen und uns in den Stand gesetzt haben,

desto unbefangener und bestimmter unsere theilnehmenden Ansichten an

den Tag zu legen.

Hr. Bastide bemerkte ferner: das an ihn gerichtete Schreiben veranlasse

einige Bedenken, über welche sich +schriftlich+ zu verbreiten

vielleicht Beiden unangenehm sein dürfte. Besser also, es in diesem

Augenblicke zur Seite zu lassen und zunächst sich +mündlich+ zu

verständigen. Den eigentlichen Anstoß mochte der Ausdruck: ~l’empire

germanique~ geben, welcher eine vollständige, augenblickliche

Anerkennung in sich zu schließen schien.

Hr. Bastide las hierauf das Schreiben Sr. kais. Hoheit, des

Reichsverwesers, fand es wohl abgefaßt und übernahm, dasselbe dem

Hrn. General Cavaignac vorzulegen, mir aber so schnell als möglich

dessen Entscheidung mitzutheilen. Als sich das Gespräch auf Schleswig

wandte, bemerkte Hr. Bastide: Frankreich würde sich am liebsten

von dem unglücklichen Streite fern gehalten haben. Eine dänische

Aufforderung, die Bürgschaft von 1720 zu vertreten, habe sich aber,

Ehren halber, nicht geradehin ablehnen lassen. Weitere Untersuchungen

hierüber ständen offen; vor Allem aber müsse man suchen, aus Gründen

der Gegenwart, den Krieg +baldmöglichst+ zu beenden. Über die

polnische Sache sagte Hr. Bastide nur wenige, keine erhebliche

Theilnahme zeigende Worte; sowie er auch ein näheres Eingehen in die

italienischen Angelegenheiten den nächsten Tagen vorbehielt.

Endlich erwähnte Hr. Bastide, zwar nicht als einen innerlich

gewichtigen, aber doch +unzeitigen+ und +unangenehmen+ Umstand, daß

in Deutschland Manche davon sprächen: Elsaß und Lothringen wieder

zu nehmen. -- Ich will nicht durch Niederschreiben meiner hierauf

ausgesprochenen Bemerkungen lästig fallen. Die Äußerung: daß sich

zahlreiche Versammlungen leicht zu weit fortreißen ließen, und dies

noch jetzt in Paris der Fall sei, gab mir Gelegenheit, auch für

Frankfurt einige Rücksicht zu verlangen.

Der Gesammteindruck des ganzen Gesprächs war durchaus angenehm. In

der Hauptsache: +Friede und Freundschaft+, zeigte sich die

vollkommenste Übereinstimmung mit Frankreich, und die Beseitigung

einiger unausbleiblicher Zweifel ward in nahe Aussicht gestellt; habe

doch die französische Republik auch Monate lang, ohne officielle

Gesandte, ihre Geschäfte nur durch in officiösen Verhältnissen stehende

Personen führen lassen. In Bezug auf meine Person drückte sich Hr.

Bastide weit schmeichelhafter aus, als ich es verdiene.

Den 28. August.

In Frankfurt drückte das Übermaß der Arbeiten; hier wird die

Faullenzerei und vielleicht die leere Geselligkeit lästig werden.

Dreiundfunfzigster Brief.

Paris, den 29. August 1848.

Gestern habe ich wieder viele Besuche abgestattet, oder doch Karten

abgegeben. B. Rothschild empfing mich sehr artig, und seine Frau fand

ich so einfach, liebenswürdig und verständig wie vor Jahren. Selbst ihr

einnehmendes Äußere hatte sich nicht verändert.

Mittags aß ich bei Spontini’s, die sich freuten mich wieder zu sehen.

Er ist sehr niedergeschlagen, da er, in Folge einer Erkältung, seit

Monaten schwer hört. Eine Verwandte der Spontini, Madame Bonnemaison,

welche mich früher sehr freundlich aufgenommen hatte, war gegenwärtig,

-- aber erblindet. So giebt es auch Leiden außerhalb der politischen

Kreise. Diese wurden denn natürlich im Gespräche berührt, welches ein

französischer Baron, ein wallonischer Abt und meine Wenigkeit lebhaft

genug führten. Daß nicht alle Franzosen mit den neuesten Veränderungen

zufrieden sind, wußte ich freilich schon vor pariser Mittagsmahlen.

Nachmittags.

Ich wollte heute, mit W., Arago besuchen. Er war unwohl. Drauf

zum ~jardin des plantes~, wo Hr. Prof. Valenciennes uns, mit

größter Dienstfertigkeit, alles Sehenswerthe an Pflanzen und Thieren

gezeigt hat. Ich sah Alles mit großem Interesse, habe nun aber einmal

eine Vorliebe für die Menschen, und finde die Pflanzen poetischer

als die Thiere. Viele der letzten erscheinen mir als Vorübungen,

~rudimenta~, eines des Schaffens noch nicht recht kundigen

Werkmeisters. Dann bleibt mir das große Geheimniß der Individualität,

der durch Jahrtausende fortgepflanzten Natur u. s. w.

Auf dem Platze der Bastille Spuren der Kugeln (eine neben der anderen)

aus den Junitagen. General C. hat zu W. gesagt: von Soldaten und

Volkswache wären 4000 geblieben! Kaum ist jemals eine solche Schlacht

in einer Stadt unter Stamm- und Bürgergenossen vorgefallen.

Den 30. August.

Ich wiederhole, daß, allem Anscheine nach, Hr. Minister Bastide aus den

bereits mitgetheilten Gründen wünscht, daß ihm einige Zeit verbleibe,

bevor er über die bekannte Hauptsache eine bestimmte oder schriftliche

Erklärung abgebe.

In einem Gespräche mit dem englischen Botschafter, Lord Normanby,

erinnerte sich derselbe sehr freundlich, mich bei meinem früheren

Aufenthalte in England gekannt zu haben. Er sagte ferner: ich weiß

noch nicht, welchen schließlichen Entschluß meine Regierung in Bezug

auf den Hrn. Reichsverweser u. s. w. gefaßt hat; doch ist man in den

Sachen wesentlich einig, und es handelt sich nur um einige Formen.

Ich habe +hier+ bereits alles Mögliche für Sie gethan (beiläufig

einige Höflichkeiten für meine Person) und werde +fortfahren es zu

thun, aber übereilen, bruskiren Sie nichts, haben Sie Geduld+. Es

giebt Schwierigkeiten, welche die Zeit am sichersten und leichtesten

beseitigt; es giebt Rücksichten und herkömmliche Formen, welche sich

nicht kurzweg vernichten lassen. Alle wollen +ein+ Ziel und

man wird es erreichen: am leichtesten und sichersten, wenn +Sie

meinem Rathe folgen+. So das Wesentliche in der zutraulichsten und

freundlichsten Weise.

Ich komme so eben von Hrn. Minister Bastide. Er wiederholte, unter

den Versicherungen der größten Bereitwilligkeit, alles Das, was ich

bereits schrieb. Von General Cavaignac wären die erhobenen kleinen

Schwierigkeiten gar nicht ausgegangen, sondern von +ihm+, da ihm

obliege, gewisse Formen zu wahren. Man möge ihm nur einige Zeit lassen,

um die Sache zum Ziele zu führen; doch hoffe er, mich noch heute dem

General Cavaignac vorzustellen. -- -- -- Hr. Minister Bastide sagte

ferner: den neuesten Nachrichten zu Folge werde der dänische Streit

wahrscheinlich bald ein Ende nehmen; desto bedenklicher stehe es in

Italien, weil die Österreicher (obwohl sehr höflich) die Mediation

abgelehnt hätten. Frankreich habe einmal nun sich verpflichtet, die

italienische Nationalität aufrecht zu halten, und wenn dies im Wege

der Mediation nicht gelinge, solle eine +bewaffnete+ Intervention

eintreten, zu welcher England zwar keine Kriegshülfe bewilligen, wohl

aber sich ruhig verhalten werde. -- Auf meine Bemerkung: daß der

Begriff einer Aufrechterhaltung der Nationalität mehre Auslegungen

erlaube, fügte der Minister hinzu: die Bewilligung einer Verfassung

und Verwaltung (etwa nach ungarischer Weise) und eine Verbürgung

derselben unter österreichischer Souverainetät dürfte vielleicht am

besten weiterer Zerwürfniß vorbeugen. Leicht würden die Franzosen die

siegreichen Österreicher zurückdrängen, aber selbst +nach+ dem

Siege keine anderen Bedingungen stellen, als vor demselben. Österreich

möge sich nicht in Italien schwächen, Frankreich wolle dessen Macht gar

nicht verringern, sondern gerne erhöhen, +aber nach dem Osten+ hin.

Meine dringende Bitte, in dieser hochwichtigen Sache sich nicht zu

übereilen, nicht das Schwert zu ziehen, sondern einer friedlichen

Lösung der Fragen zu vertrauen, schien aufrichtig geneigtes Gehör zu

finden. -- Alles zu Allem gerechnet, wage ich zu behaupten: daß die

ganz allgemein gehaltenen Versprechungen der Österreicher, in Italien

das Angemessene zu bewilligen, nicht ausreichen werden. Sie müssen

eiligst inhaltsreiche Erklärungen abgeben, sonst dürften die Franzosen

schwerlich länger zurückzuhalten sein. Hr. Bastide erkannte feierlichst

Werth und Nothwendigkeit des Friedens an, erörterte aber nochmals die

Schwierigkeit der Stellung, welche Frankreich nun einmal eingenommen

habe. Er versprach ferner Mäßigung und blos +schriftliches+

Verfahren, so lange es irgend möglich sei. Das große Interesse

Deutschlands bei dieser Angelegenheit erkannte er willig an, sowie die

Natürlichkeit der Forderung, daß man es nicht (wie zur Zeit des alten

Bundestages) bei Seite lassen dürfe. -- Über die Gränzen und einzelnen

Bedingungen des italienischen Friedens scheint man noch nicht ganz

entschieden zu sein. -- Ohne mich ungebührlich vorzuwagen, machte ich

darauf aufmerksam, daß jetzt für Frankreich der günstige Augenblick da

sei, durch moralische Mittel die Gesinnung und Gefühle der Deutschen

für sich zu gewinnen u. s. w.

Vierundfunfzigster Brief.

Paris, den 31. August 1848.

Ich war gestern so beschäftigt, daß ich nicht zum Schreiben kommen

konnte. Heute versuche ich wenigstens Einiges nachzuholen. Bei einem

zweiten Besuche fand ich den geistreichen Letronne, der unter Anderem

erzählte, wie Guizot und Louis Philipp sich immer mehr in beschränkten

Kreisen und Umgebungen festgerannt, keinen Rath angenommen und die

täglich wachsenden Gefahren für unbedeutend gehalten hätten. Es sei

Alles nur Kaffeegeschwätz und Geklätsch. -- Über die spanische Heirath

denken jetzt Alle, so wie ich am ersten Tage und im Widerspruch mit

Eurer damaligen Sentimentalität. An das Aufgeben großer, sittlicher

Grundsätze, habe sich die täglich immer mehr wachsende, furchtbare

Verachtung des Königs angereiht. -- Mignet verfehlte ich. Er schrieb

der Gräfin Belgiojoso einen Brief über die italienischen Verhältnisse

und diese, welche (wie mir Letronne sagte) täglich ~plus folle et

plus maigre~ wird, läßt ihn in Mailand drucken. Der Inhalt stimmte

nicht mit den neuen Regierungsgrundsätzen, und in pariser Journalen

wird ein ungeheurer Lärm über den Direktor der Archive des auswärtigen

Departements erhoben. Hieran reiht sich ein Briefwechsel mit Bastide,

welcher damit endet, daß Mignet seine Entlassung einreicht.

Herrn Bastide übergeben den 31. Aug. 1848.

~Considérations

d’un vieux professeur d’histoire.~

~Le développement actuel de l’Allemagne est sans doute de la plus

haute importance non seulement pour ce pays même, mais pour l’Europe

entière. Il n’est donc point étonnant, que les gouvernements européens

pèsent mûrement leur position future vis-à-vis de l’Allemagne, tiennent

compte du passé et ne préjugent pas l’avenir. On doit espérer que les

délais inévitables qui peuvent s’en suivre, ne rencontreront pas trop

de susceptibilité à Francfort. Quelque ingrat que soit le métier de

prophète, on peut toutefois, sans crainte d’être démenti, prédire deux

choses: d’abord, que l’idée d’une unité plus grande de l’Allemagne ne

sera point abandonnée; puis, que tout en resserrant le lien fédératif,

les états, qui composent l’Allemagne, ne seront point annullés, mais

qu’il s’agira seulement de régler leurs rapports avec le pouvoir

central. Ce double mouvement n’a rien d’incompatible. Ces intérêts, en

apparence divergents, peuvent être conciliés.~

~Il n’en résulte aucun danger pour l’Etranger. -- Au contraire

l’étranger parait intéressé à contribuer en temps et lieu à la solution

pacifique de ce problème. A l’heure qu’il est, le refus de l’Autriche

d’accepter la médiation française et anglaise en Italie, donne lieu

à des considérations particulières. D’un côté la France a proclamé

le maintien de la nationalité italienne d’une manière si précise et

si enthousiaste, qu’elle peut difficilement l’abandonner aux chances

d’un tête-à-tête avec l’Autriche victorieuse; de l’autre côté une

intervention armée de la France dans les affaires de l’Italie conduit

indubitablement aux complications les plus regrettables non seulement

pour la France, l’Italie et l’Allemagne, mais encore pour l’Europe

entière.~

~Dans cet état des choses, il devient un devoir sacré de ne rien

précipiter et de faire valoir, avant de recourir aux armes, tout le

poids de conseils modérés, en demandant à l’Autriche des propositions

positives sur les garanties à donner à la nationalité italienne --

propositions propres à tranquilliser et à satisfaire à la fois, la

France, l’Italie et l’Allemagne.~

~La position de l’Allemagne vis-à-vis de l’Autriche offre

certainement bien des difficultés. Ce n’est pas ici le lieu de les

développer. Mais il importe de bien se pénétrer de la disposition des

esprits en Allemagne.~

~Le mot d’ordre, qui, à notre époque, agit sur les masses, c’est

l’indépendance des nations. Partant de ce point de vue, il y a bien des

Allemands, qui eussent désiré que l’Italie, _par sa propre force_, et

par l’influence _morale_ de ses alliés se soit émancipée de l’Autriche.

Mais il entrera dans les idées de bien peu de personnes en Allemagne,

-- et particulièrement dans l’assemblée de Francfort, -- qu’une telle

émancipation se fasse par les armes d’une nation étrangère, sans

prendre le caractère d’une _conquête_. Chaque victoire des armes

françaises en Italie réagira dans ce sens en Allemagne, et cimentera

le besoin de la concentration nationale plus que tous les discours de

l’assemblée de Francfort et tous les décrets du Ministère central.~

~On était convaincu à Francfort, que cette France, pour laquelle on

éprouvait de si vives sympathies, reconnaîtrait le pouvoir central

provisoire sans délai. On s’attendait plutôt a quelque difficulté de

la part de l’Angleterre, et surtout de la Russie. La confiance, avec

laquelle on tournait les yeux vers Paris, reposait peut-être sur des

suppositions erronées.~

~Toujours est-il, que les motifs d’une prolongation de rapports

seulement officieux entre Paris et Francfort seront difficilement

appréciés par l’opinion publique. Il est à prévoir que celle-ci subira

de notables changements, sur tout si d’autres puissances européennes

mettraient plus d’empressement à régler leurs relations internationales

avec l’Allemagne. Ce retour de l’opinion publique influerait

nécessairement la position de l’Allemagne et de son organe central au

sujet des affaires d’Italie. Et pour prévenir ce retour, ne serait-il

pas d’une bonne politique, d’écarter le plutôt possible les difficultés

formelles, qui, en d’autres circonstances, certes, seraient d’un poids

plus décisif? De cette manière les sympathies entre les deux pays

seraient maintenues et augmentées, une grande garantie de plus pour

un avenir pacifique serait consacrée, et les réserves exigées par les

obligations internationales envers les différens pays de l’Allemagne

ne seraient aucunement exclues.~

~Telle est l’opinion d’un vieux professeur d’histoire, qui de ses

longues études s’est formé la conviction que des rapports de sincère

amitié entre la France et l’Allemagne, sont le meilleur gage d’un

heureux avenir pour les deux pays et pour l’Europe.~

Fünfundfunfzigster Brief.

Paris, den 1. September 1848.

Lord Normanby bedauerte gestern Österreichs Ablehnen der Mediation,

gab indessen zu, daß sie höflich in den Formen und nur eine vorläufige

sei. Sehr müsse man wünschen, daß Österreich nun bald genauer angebe,

was es eigentlich in und für Italien zu thun gedenke. Hierauf folgten

Erörterungen über die Nothwendigkeit des Friedens, die Gefahr jedes

Krieges, die Ungewißheit des Ausganges, die Unsicherheit einer

neutralen Stellung Englands. Ich hob hiebei die Interessen und die

Stellung Deutschlands im Allgemeinen hervor, ohne über die Gränzen

der Vorsicht hinauszugehen. Lord Normanby räumte ein: daß die neuen

Ereignisse eine +baldige+ Entscheidung über den deutschen

Reichsverweser doppelt nothwendig machten. Auch habe er wiederholt

in diesem Sinne zu Hrn. Minister Bastide gesprochen und werde es

unverzüglich nochmals thun.

An die Bemerkung: daß die Getreide- und Kartoffelernte in England

wahrscheinlich nicht günstig ausfalle, reihte Lord Normanby die

Äußerung: man müsse schlechterdings den Frieden mit Dänemark sogleich

abschließen und den freien Seehandel herstellen. Er hoffe, daß

Frankfurt keine Hindernisse in den Weg legen werde. Ein anderes

langes Gespräch hatte ich mit dem österreichischen Geschäftsträger,

Hrn. von Thom, welcher mir sagte: er habe über Österreichs Absichten

hinsichtlich der Organisation Italiens bereits eine bestimmtere

Erklärung abgegeben, welche auf Hrn. Minister Bastide einen günstigen

Eindruck gemacht zu haben scheine.

Nach den Äußerungen des Hrn. -- wäre Lord Normanby (wenn das Wort mir

erlaubt ist) unbequemer für Österreich, als Hr. Minister Bastide.

Des Lords langer Aufenthalt in Italien möge ihn günstiger für dieses

Land stimmen; es bleibe aber zweifelhaft, ob er ganz im Sinne Lord

Palmerston’s und der englischen Regierung verfahre oder ein englisches

Ministerium sich halten könne, das den Franzosen den Eingang in Italien

verstatte.

Nachmittag 2 Uhr.

Ich komme so eben von Hrn. General Cavaignac, bei welchem mich Hr.

Minister Bastide einführte. Jener sprach seine höchste Achtung vor

der Person Sr. kaiserl. Hoheit des Erzherzogs Reichsverweser aus,

und versicherte wiederholt aufs Nachdrücklichste die Absicht der

französischen Regierung, mit Deutschland in Friede und Freundschaft

zu leben. Wenn jetzt eine kleine Zögerung beim Anknüpfen

+officieller+ Verhältnisse einträte (während die +officiösen+

angebahnt sind), so entstehe sie durchaus nicht wegen irgend einer

Abneigung, ja nicht einmal aus Gleichgültigkeit (~indifférence~),

sondern aus den und den Gründen. (Es waren dieselben, welche ich

bereits zufolge der Gespräche mit Hrn. Bastide vorgetragen habe.) Er

hege gar keinen Zweifel, daß jene Bedenken würden bald gehoben werden,

und einstweilen möge man die, für diplomatische Einleitungen u. s. w.

fast unentbehrliche, Zeit gönnen. Am Schlusse freute sich Hr. General

Cavaignac meine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bemerkte, daß

ich in der Heimat den guten Ruf eines gemäßigten Mannes habe. Ich bat

um Nachsicht sofern ich, als ein Neuling, gegen diplomatische Formen

fehlen sollte. -- Auch wir, antwortete der General, sind Neulinge; wir

wollen gegeneinander abrechnen.

Hrn. Minister Bastide machte ich noch darauf aufmerksam, daß die sehr

günstige Stimmung Deutschlands leiden dürfte, wenn die +förmliche+

Anerkennung des Reichsverwesers lange hinausgeschoben werde; -- und er

fand diesen Umstand wahr und gewichtig.

Hinsichtlich Italiens legte Hr. Bastide nochmals großen Nachdruck auf

nationale Einrichtungen. In der auch mir mitgetheilten Note verspricht

Österreich diese auf die liberalste Weise. Die (wie Hr. Minister

Bastide bemerkte) kriegerische Stimmung des Hrn. -- entstand auf die

Nachricht eines französischen Seezuges nach Venedig. Wenn Österreich

jene nationalen Einrichtungen gewähre, so wolle Frankreich (laut Hrn.

Bastide) sehr gern darauf eingehen. Aber ächte Verfassungen lassen sich

freilich nicht aus dem Stegreife fertigen.

Die Stärkung Deutschlands durch eine Centralgewalt wird von der

hiesigen Regierung gewünscht und gebilligt; eine Centralisirung mit

Vernichtung der einzelnen Staaten hält man für +ungerecht+,

+unklug+ und +gefährlich+.

Abends.

Das Schreiben vom 26. August über die Protestation, welche Frankreich

hinsichtlich Dänemarks an Preußen gerichtet hat, empfing ich den 31.

und habe Hrn. Minister Bastide den Inhalt vorgetragen. Die Denkschrift

konnte ich ihm indessen nicht übergeben, da sie bis jetzt noch nicht

bei mir eingegangen ist.

Hr. Bastide erwiderte: er habe auf den gerügten Ausdruck: ~la

violence qui a été faite~ u. s. w. gar kein Gewicht gelegt, sondern

nur dem Könige von Preußen eine Art von Höflichkeit oder Genugthuung

sagen wollen. Nachdem glücklicherweise der Waffenstillstand

abgeschlossen worden, dürfte sich Zeit zu weiteren Untersuchungen

und Erörterungen finden. Er setze keinen Zwiespalt zwischen der

Centralgewalt und den einzelnen Staaten voraus, und sei weit entfernt

ihn zu wünschen.

Sechsundfunfzigster Brief.

Paris, den 2. September 1848.

Eine Stunde lang freute ich mich gestern meiner pflichtmäßigen

Thätigkeit; kaum aber ist ein „+Schwark+“ zertheilt, so steigt

ein anderer drohend auf und die Tantalusarbeit beginnt von Neuem.

Eigentlich jedoch nicht für mich; aber das Dabeistehen und Zusehen,

ermüdet in gleicher Weise, und wo Kopf und Herz Theil nehmen, ist an

gleichgültige Ruhe nicht zu denken. In Frankfurt war ich etwa 1/480;

hier kann Niemand sein richtiges Gewicht finden und angeben, denn ganz

Europa legt sich in die eine oder die andere Wagschale, und je mehr

Antheil an der Entscheidung, desto mehr Sorge und Verantwortlichkeit.

Dieser wohlbegründete Stoßseufzer besagt aber keineswegs, daß mir

Faulheit lieber sei als Thätigkeit, kleinlicher Egoismus höher stehe

als edle Sorge, und ein Maulwurfsleben angemessener als rastloses

Streben. Wenn man sieht, wie selbst reichbegabte Männer sich fallen

lassen, zusammentrocknen, aller Theilnahme an Welt und Menschen

entsagen; so soll der Minderbegabte hieran ein warnendes Beispiel

nehmen und die Flügel regen, wenn er sich auch nicht hoch über den

Boden erheben kann.

Gestern sah ich den neuen Gutsherrn von Boyeldieu und die Hälfte der

Gesandtin von Auber. Diese leichtsinnige Heiterkeit der Musik ist mir

lieber als die dumme Überladung, welche maßlose Ansprüche macht, sie

aber nie erfüllt.

Es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie die allzu weit gehende humane,

oder socialistische Gesetzgebung des März, jetzt schon Rückschritte

macht. So z. B. hinsichtlich der Arbeitsstunden, der Verhaftung

Schulden halber u. s. w. Die letzte war abgeschafft, ist aber (da

Niemand mehr bezahlte) wieder eingeführt worden.

Die englische und französische Regierung haben vor zwei bis drei Tagen

eine +sehr dringende+ Note mit der Aufforderung nach Wien gesandt,

Venedig nicht anzugreifen oder gar zu bombardiren. Man solle den

Waffenstillstand auch für diese Stadt anerkennen.

Auf meine Bemerkung: man behaupte ja, daß bereits eine französische

Flottille nach Venedig bestimmt oder unterwegs sei; -- antwortete

-- +nein+, auf eine solche Weise beginnt und verfährt man

nicht sogleich mit einem Freunde. Sollte aber Österreich auf jene

Vorstellungen keine Rücksicht nehmen und Venedig mit Heeresmacht

angreifen oder gar einen Theil der Stadt zerstören, so habe ich die

+persönliche+ Überzeugung, daß Hr. General Cavaignac, trotz seiner

Friedensliebe, der öffentlichen Meinung wird nachgeben und bewaffnet

einschreiten müssen. Es wäre daher +sehr+ erwünscht, wenn man

+eiligst+ von Frankfurt aus jene Wünsche oder Forderungen Englands

und Frankreichs in Wien unterstützte.

Den 3. September.

Bei M. lebhafte Gespräche, meist über die neuen Zustände Frankreichs.

Das Sein oder Nichtsein der Republik hing an einem Haar; sie hat sehr

wenige aufrichtige Freunde, aber die meisten Franzosen (so sagt man)

sind von ihrer jetzigen Nothwendigkeit überzeugt. Ihr Sturz würde einen

Bürgerkrieg, ja, nach Spaltung der Gesinnungen, mehre Bürgerkriege

herbeiführen. In dieser Besorgniß liegt auch eine Bürgschaft des

Friedens. Die Schlachtentage des Junius sah Jeder als unausbleiblich

voraus. Die Aufrührer waren sehr gut organisirt und die Hoffnung sie

mit mildern und halben Mitteln zu verscheuchen, schlug fehl. Der Kampf

war blutiger und kostete mehr Leben, als man gewöhnlich sagt; von

+einem+ Regimente wurden z. B. 18 Officiere getödtet. Ein Sieg der

Aufrührer hätte (und zwar nicht blos für Paris) aller Civilisation und

allem Eigenthum ein Ende gemacht. Man muß ähnliche Versuche fürchten,

aber die Macht der Unzufriedenen und ihre Kriegsmittel sind sehr

geschwächt. Ein Heer von mehr als 50,000 Mann steht in und um Paris.

Über Louis Blanc und seine Gehülfen ist unter allen Verständigen nur

eine, und zwar verdammende Stimme. Die berliner Stadtverordneten werden

sich hoffentlich nun auch von der Heillosigkeit seiner Lehren überzeugt

haben.

Eine Hauptstadt wie Paris ist ein natürliches, aber nicht zu

bezweifelndes Unglück. Ich habe hier das Gefühl als könne sie zerfallen

wie einst Rom. Stehen doch schon jetzt ganze Reihen angefangener Häuser

verlassen da; und wenn sich auch gern Arbeiter fänden, so fehlt Credit

und Kapital. Man sieht fast keine herrschaftlichen Equipagen; fast

lauter Omnibus und Lohnwagen. -- Ähnlich ists wohl in Berlin, und der

neue Dom wird wohl so wenig fertig werden als der Kölner. Leider lernt

man zu derlei Erscheinungen jetzt das +Warum+ begreifen.

Der mit Dänemark abgeschlossene Waffenstillstand ist ein großes, hier

allgemein herbeigewünschtes Glück. Wären die, viel gefährlicheren,

italienischen Verhältnisse doch auch so weit gediehen! Sie lassen sich

nicht so zur Seite schieben, wie die, durch die Schuld der Polen,

wiederum ganz abgenutzte Polenfrage. Es fällt hier keinem Menschen ein

(wie die Linke in Frankfurt behauptete) ihrethalben einen Krieg zu

beginnen. Wenn vier Polen (sagte mir der Minister --), in einer Stube

zusammenkommen, so beschuldigt jeder Einzelne die drei anderen des

Hochverraths.

Es ist sehr bezeichnend, daß der Belagerungszustand für Paris, auch

während der Berathungen über die neue Verfassung fortdauern soll. Wie

einleuchtend muß das Bedürfniß sein, wenn sich 529 dafür und nur 140

Stimmen dagegen erklären. -- Die Frage über eine oder zwei Kammern,

wird von Neuem zur Sprache kommen. Die verlangten Gegensätze laufen

jedoch nur auf Das hinaus, was die Direktorialverfassung in dem Rathe

der Alten und der 500 darbot. Auf Gemeinen, Landschaften, Magisträte

nimmt man bei den Wahlen keine Rücksicht. Im ~Journal des débats~

steht heute ein verständiger Artikel über Italien. Er erinnert mit

Recht an die eigene Schuld der Italiener, ihre Uneinigkeit und

Leidenschaften, und schließt ganz in meinem Sinne: ~Il n’est pas de

puissance sur la terre capable de sauver malgré lui-même un peuple

qui emploie les dons les plus précieux de la nature et du génie à se

détruire par la main de ses enfans.~ -- Leider erinnert Italien

(trotz seiner großen Vorzüge und vieler Verschiedenheiten) doch in

mancher Beziehung an Polen, -- ob auch an Deutschland?

Siebenundfunfzigster Brief.

Paris, den 4. September 1848.

Abends ging ich mit W. in das ~Théâtre français~, jetzt Theater

der Republik genannt, und zwar (weil wir durch einen Zwirnsfaden

mit Kaisern und Königen zusammenhängen und fortgezogen werden) --

in ~stalles d’Orchestre~, wo man gut sitzt, sieht und hört. Das

letzte (so viel kommt auf die Aussprache an) jedoch nicht bei jedem

Schauspieler gleich gut. Die ~femmes savantes~ von Moliere wurden

recht brav gegeben, vom ~Bachelier~ sah ich indeß nur zwei Akte,

-- zusammen sieben; dann ging ich, um 10 Uhr, nach Hause. Auf die Dauer

möchte jenes Theater, trotz der Verluste großer Künstler, immer noch

mehr anziehen, als die kleineren; obwohl mich das nahe Wiederauftreten

der Dem. Rachel nicht so übermäßig anzieht, als die rhetorisirenden

Franzosen. Ihr Trauerspiel ist noch immer weit schwülstiger

aufgebauscht, als das unsere; im Lustspiel wird dagegen hier rascher,

einfacher und natürlicher gesprochen, als in Berlin. Selbst Frankfurt

erschien mir in dieser Beziehung auf besserem Wege.

Ich benehme mich hier mit größter Vorsicht, höre mehr als ich spreche,

oder spreche meistens nur wie ein alter Professor der Geschichte. --

Ich darf jedoch nicht verhehlen, daß man auf diesem Wege +keinen

Einfluß+ übt und gewinnt, und daß allgemein erwartet wird:

Deutschland werde +bald+ und +kräftig+ zum Besten Europas für

den +Frieden+ auftreten. Jede bewaffnete Einmischung Frankreichs,

so sprechen alle Unterrichtete, führt zu einem allgemeinen Kriege.

Deutschland kann und darf nicht Österreich fallen lassen, ohne die

größten Gefahren für sich selbst herbeizuziehen; wohl aber kann

und soll es in Wien dafür wirken, daß Italien (laut wiederholter

Versprechungen) nationale Einrichtungen erhalte.

Den 5. September.

Ich war heute auf dem Louvre und ging zuerst nach den sogenannten

assyrischen Denkmalen von Ninive. Sie erinnern so sehr an die

persepolitanischen Bildwerke (auch die Keilschrift), daß ich sie nicht

höher hinaufstellen möchte. Von griechischem Einflusse keine Spur;

wahrscheinlich fallen sie in die Zeit zwischen Cyrus und Xerxes.

Dann zu den Bildsäulen, endlich zu den Gemälden, die ganz umgehangen

und nach Schulen geordnet sind. In manchen Dingen kann ich meine

ketzerische Haut nicht mehr wandeln. So erkenne ich den lebendigen

Reichthum von Rubens gewiß an, fühle aber keine rechte Anziehung für

seine dicken Frauen, oder den Mischmasch der Marie Medici mit den alten

Göttern: Reifröcke und nackte Kerle! Auch das unbestimmt Verschwimmende

der Umrisse und der Farben im Morillo scheint mir eher ein Mangel zu

sein, als ein Verdienst; in der französischen Schule endlich fühle

ich Rhetorik vorherrschend, oder auch Langeweile, wie in den vielen

grauen und weißen Mönchsgestalten le Sueur’s. Hätten wir ganze Werke

der Griechen von Phidias, Apelles u. s. w., wie würden da ganze Massen

unschöner Kunstwerke neuerer Zeit in Nacht versinken.

Gestern ist bei dem österreichischen Geschäftsträger ein neues

Schreiben des Hrn. von Wessenberg eingelaufen, wonach nochmals

versprochen wird: für die +Nationalität+ der Italiener Sorge

zu tragen. Hr. Minister Bastide hat sich hierüber sehr erfreut und

hinzugefügt, ich habe heute viel größere Hoffnung für Erhaltung des

Friedens als vor einigen Tagen.

In allen amtlichen und nichtamtlichen Gesprächen tritt Frankreichs

Wunsch und Forderung, daß etwas für die Nationalität der Italiener

geschehe, in den Vordergrund. Man hält sich für verpflichtet,

Lamartine’s Worte als eine Erbschaft (obwohl +ungern+) anzunehmen;

auf die geographischen Gränzen, die Souverainetät, die dynastischen

Interessen (worüber nichts versprochen worden) scheint man weit weniger

Nachdruck zu legen.

Der jüngere A. -- klagt bitterlich daß Lamartine seinen Onkel mit

lauter Unwahrheiten hingehalten und bedient habe: es sei vorsätzlich,

oder aus Selbsttäuschung, oder weil er Vieles nicht gewußt habe.

Den 6. September.

Gestern Abend fuhr ich mit W. zum General Cavaignac. Die Zimmer waren

so mit Menschen überfüllt, daß man sich nicht regen und bewegen konnte.

So war es vor drei Monaten bei Lamartine, so -- wird es sein --? --?

Man klagt über Mangel an Freiheit, Preßbeschränkung, Klubauflösung,

militairische Tyrannei; -- und muß doch anerkennen, daß dies Alles

nothwendig, und die geringeren Uebel sind.

Uebrigens tragen die Leute, trotz des Republikanismus, gern Orden, wenn

sie sie haben.

Gestern lief eine Fliege an der Decke meines Wagens gar eifrig hin und

her; sie bildete sich wahrscheinlich ein, ihre Pflicht zu erfüllen

und zum Fortkommen des Wagens viel beizutragen. Bin ich nicht auch

eine Art diplomatischer, hin und herlaufender, redender, schreibender

Fliegen? -- Die Langeweile zieht schon langsam ein, und Mery’s schwache

Romane, und Dumas’ Monte Christo werden die eintretende Leere nicht

hinreichend ausfüllen. Zuletzt lese ich diese Bücher nur der Sprache

halber. Andererseits bin ich hier weniger geschoren und mit Geschäften

überhäuft, wie in Frankfurt, auch ist die Lebensart gesunder; endlich

muß ich eingestehen, daß ich keine Sehnsucht nach Fakultätssitzungen

und Hörsälen habe. So nützlich wie dort, bin ich hier und in Frankfurt

alle Tage.

Den 7. September.

Ein Herr wunderte sich gestern allzu viel über Das, was man in

Deutschland thue und bezwecke; worauf ich mir die Erlaubniß nahm,

über manches Französische mein Erstaunen auszudrücken, und so das

Gleichgewicht Europas herzustellen.

Viele gestehen: daß die Republik in Frankreich keineswegs allgemein

Beifall finde, den letzten Wahlen durch übereilte Begeisterung,

Einschüchterung, ja Gewalt, eine demokratische Richtung gegeben worden,

und neue Wahlen in anderem Sinne ausfallen dürften. Daher werde die

jetzige Versammlung ihre Auflösung so lange als möglich verhindern;

wenn sie aber die Gesinnung des Landes nicht mehr ausdrücke, ihr

Ansehen verlieren und gestürzt werden. -- Gestern kam noch zur Sprache:

daß Louis Philipp durch Ernennung unbedeutender und serviler Personen,

Ansehen und Macht der Pairskammer untergraben und dadurch mittelbar

eine Vorliebe für das Einkammersystem herbeigeführt habe.

Daß man nun doch die Vermittelung Frankreichs und Englands in Wien

angenommen, erfreute Hrn. Bastide sehr; die Zeitungsnachricht: „man

habe in Frankfurt den Waffenstillstand mit Dänemark verworfen,“

erzeugt dagegen überall den größten Unwillen. Man behauptet, dies sei

schlechterdings thöricht und unverständig, und es werde Frankfurt in

Mißcredit bringen, Streit und Unglück erzeugen -- u. s. w. Ich hoffe,

die ganze Nachricht ist unwahr. Gewiß würde Frankreich und England, --

auch wohl Preußen --, die Sache dauerhaft übel aufnehmen. Ich schreibe

dies in höchster Eile, um die Post nicht zu versäumen.

Achtundfunfzigster Brief.

Paris, den 8. September 1848.

Ich stellte gestern Hrn. Bastide vor:

1) Die Einwendungen über den Ausdruck: +Reich+ und die

+Neuheit+ der Centralgewalt seien jetzt vollständig widerlegt.

2) Verliere, nach dem Vorgange Englands, Belgiens, Sardiniens u. s. w.,

die Frage: „was andere Staaten thun würden“ alles Gewicht.

3) Desgleichen die, über Verträge u. s. w. mit deutschen Regierungen.

Alle hätten den Reichsverweser längst anerkannt, die Geschäftsträger

von Österreich, Preußen, Baiern wünschten die baldige Annahme des

Schreibens Sr. kaiserl. Hoheit; kein kleinerer deutscher Staat werde

oder dürfe widersprechen, oder doch Deutschland und Frankreich einen

solchen unzeitigen und unbedeutenden Widerspruch unberücksichtigt

lassen.

Wenn also bei diesen Verhältnissen da, wo man auf die freundlichste

Annahme gerechnet habe, die größten Schwierigkeiten erhoben würden,

wenn +ich allein+ dem mir gewordenen ehrenvollen Auftrage nicht

genüge, so würden das Publikum und die Behörden zunächst annehmen: der

Fehler liege +an mir+; mein Benehmen und Das, was ich gesagt oder

gethan, sei der eigentliche Grund des Mißlingens. Man werde sagen: ich

sei zu zaghaft und feige, oder zu ungeschickt und unhöflich gewesen,

man werde mich als Sündenträger verstoßen und opfern u. s. w. Da nun

aber in +Wahrheit+ große Angelegenheiten +nicht+ durch die

Persönlichkeit +untergeordneter+ Personen entschieden würden, so

dürfe man sich nicht wundern, wenn Besorgliche zu der Vermuthung kämen:

es müßten noch +andere+, +wichtigere+ Gründe mit im Spiele

sein u. s. w.

Hr. Minister Bastide erklärte hierauf wiederholt: er sei mit mir und

meinem Benehmen +vollkommen+ zufrieden und werde gern fernerhin

mit mir verhandeln. Er fragte ferner: ob ich nicht ein förmliches

Beglaubigungsschreiben als Gesandter mitgebracht habe. Ich erwiderte:

mein Auftrag sei ein besonderer und außerordentlicher, und erst wenn

derselbe erledigt sei, werde man in Frankfurt entscheiden, wer tauglich

sei, hier ferner die Geschäfte zu führen.

Aufs Feierlichste protestirte hierauf Hr. Minister Bastide: daß der

eingetretenen Zögerung durchaus keine Abneigung, üble Absicht oder eine

andere unbekannte, geheime Ursache zum Grunde liegt. Frankreich sei

den Deutschen und der deutschen Entwickelung in keiner Weise zuwider.

Er wolle sogleich von der jetzigen (veränderten) Lage der Dinge Hrn.

General Cavaignac Vortrag halten und werde mir +heute+ mündlich

oder schriftlich dessen Entscheidung melden.

Mittags 2 Uhr.

Ich habe bis jetzt von Hrn. Minister Bastide noch keine weitere

Nachricht erhalten und muß (gebe Gott mit Unrecht) fürchten, daß der in

der Paulskirche gefaßte Beschluß über den dänischen Waffenstillstand

der Angelegenheit eine neue, sehr +ungünstige+ Wendung geben

wird. -- „Unter dem Scheine eines unwichtigen und doch ehrenvollen

Amendements habe man verworfen, was ganz Europa dringend wünsche und

fordere. Preußen sei bloßgestellt und auf neue Verluste hingewiesen,

die gegebene Vollmacht mißgedeutet; der Glaube, es mit ganz Europa

aufnehmen zu können, für eine eben erst entstehende Macht ein

Aberglaube. Der Apfel der Zwietracht werde von Leichtsinnigen, schlecht

Unterrichteten oder Böswilligen hingeworfen, zur Freude aller Feinde

der Ordnung, der Ruhe und des Friedens. Dem Ministerium bleibe kein

anderer Ausweg, als zu seiner Ehre und zum Besten der Sache selbst vom

Schauplatze abzutreten. Bald werde sich alsdann ergeben, ob Andere

im Stande wären, auf anderem entgegengesetzten Wege die Sachen zum

Ziele zu führen.“ So in aller Kürze das Wesentliche Dessen, was ich

leider von allen Seiten höre. Möchten doch bald beruhigende Nachrichten

eintreffen!

Wenn --, wie der Dachs im Loche sitzt und sich um nichts bekümmert, was

rings um ihn vorgeht, so ist dies mindestens unpassend und kaum für

einen Dichter zu rechtfertigen. Ich würde im Käfig hin und herlaufen,

wenn mir kein weiterer Spielraum verstattet wäre. -- Du gehst, sagt

man vielleicht, wie der Esel in die Mühle. -- Nun, so gehe ich doch,

und liege nicht auf der faulen Eselshaut; ich sehe doch näher hin, wie

Geschichte gemacht wird, und Lamartine, Arago, Cavaignac, Bastide,

Thiers, Mignet, Toqueville, Rothschild u. s. w. sind doch anziehender

und merkwürdiger, als einige berliner, weltverbessernde Studenten, die

mich für einen reaktionairen Dummkopf halten.

Es ist auffallend, daß man über die Einleitung zur neuen französischen

Verfassung in ähnliche, weitläufige Berathungen geräth, wie 1789

über die Menschenrechte. Man möchte jetzt, wie damals, mathematisch

sichere Grundsätze für das Staatsrecht auffinden, und einen Regulator

hinstellen, an dem sich Alles und Jedes prüfen lasse, und der die

Wahrheit und das Recht unbezweifelbar ausscheide und bestätige. Man

könnte jetzt Mirabeau’s Rede über das Trügliche, oder doch Unnütze

solcher Bemühungen nochmals halten, oder abdrucken lassen. So ist der

Satz: ~la République reconnaît des droits et des dévoirs antérieurs

et supérieurs aux lois positives~, gewiß wohlgemeint und einer

richtigen Auslegung fähig. Andererseits aber giebt er Gelegenheit

zu den größten Mißdeutungen, und zu vielfacher Entschuldigung von

Ungehorsam und Aufruhr. Die Widerlegung von solcherlei schwankenden,

halbwahren Theorien und Praktiken ist dann ~l’état de siège~: der

Kanonendonner muß des Geschwätzes und der sich daran reihenden Thaten

Herr zu werden suchen.

Gestern war Hr. A. bei mir. Sonst ein überkräftiger Mann, jetzt durch

Anstrengungen aller Art sehr gealtert. Mit Lamartine’s neuester Schrift

über die dreimonatliche Regierung war er keineswegs ganz zufrieden,

und wird wahrscheinlich allerhand Berichtigungen ans Licht bringen.

Lamartine’s phrasenreiche Rede hat in der Kammer entschieden, daß der

Verfassung ein Präludium edler, ewiger Grundsätze vorangeschickt werde;

man hält ihn aber weit mehr für einen Dichter (ich möchte sagen für

einen einbildungsreichen Mann) als für einen Staatsmann. Preiswürdig

erscheint seine Friedensliebe; A. behauptet aber, sie beruhe mit

darauf, daß die neugeborene Republik nicht im Stande gewesen, mehr als

100,000 Mann ins Feld zu stellen. Auch habe Lamartine sich Gelüsten

nach Belgien und Savoyen hingegeben; und die Versuche ausgewanderter

Deutschen bewaffnet in Deutschland einzubrechen, habe +er+,

A., durch die schärfsten Befehle vereitelt. Gewehre dagegen, für die

Volkswache in Lille bestimmt, wären (kaum könne man sagen wie) in die

Hände der belgischen Aufrührer gekommen.

Den 9. September.

Als Hr. Minister Bastide mir gestern keine Nachricht oder Ladung

zukommen ließ, ging ich in seine Abendgesellschaft. In dem Gespräche,

welches er mit mir begann, legte er seine Mißbilligung der frankfurter

Beschlüsse über den Waffenstillstand höflich, aber unverholen an den

Tag. Ich ließ, unter Anführung von Gründen, die Hoffnung vorwalten,

daß die Feindseligkeiten dennoch nicht wieder beginnen würden, und die

Anerkennung des Reichsverwesers durch jenes Ereigniß nicht gestört

oder aufgehalten werde. Hr. Bastide trat der letzten Bemerkung bei,

fügte jedoch hinzu: Die Erklärung vom 31. August: eine Übertragung der

+Bundesgewalt+ auf die +Centralgewalt+ betreffend, genüge vollkommen;

allein die letzte werde in dem Schreiben des Reichsverwesers als eine

+neue+ bezeichnet, an welchen Ausdruck sich seine Zweifel anreihten.

Ich bemerkte hierauf: die +neue+, +authentische+ Erklärung hebe meines

Erachtens jene Zweifel vollkommen. Hrn. Minister Bastide schien

diese Auskunft und Wendung hinreichend; er setzte jedoch, trotz

meiner deutlich erklärten Wünsche, noch keinen Tag zum Empfang des

erzherzoglichen Schreibens fest, und ich trug Bedenken, in diesem

+ungünstigen+ Augenblicke die Sache auf die Spitze und vielleicht

zum Bruche zu treiben. Sowie beruhigende Nachrichten aus Frankfurt

eingehen, dürfte vielleicht das Ziel erreicht werden. -- Die Aufregung

und Unzufriedenheit über den frankfurter Beschluß ist allgemein und

unbeschreiblich. Gestern in der Abendgesellschaft bei Hrn. Minister

Bastide richteten Gesandte und Nichtgesandte, Bekannte und Unbekannte

(in einer sehr unerfreulichen Weise) ihre Aufmerksamkeit auf meine

Person, und ich konnte den Sturm nur dadurch beschwichtigen, daß ich

keineswegs den frankfurter Beschluß vertheidigte, wohl aber (als

wisse ich es) mit Zuversicht behauptete: es werde nicht zu neuen

Feindseligkeiten kommen. -- Heute Abend, wo ich bei Lord N. esse, steht

mir ohne Zweifel ein zweites Ungewitter bevor.

+Ringsum höre ich unverholen sagen+: wie kann Frankfurt im

Widerspruche mit den Wünschen und Forderungen von Dänemark, Schweden,

Rußland, England, Frankreich, Preußen, Händel beginnen, und anstatt

mit Weisheit und Mäßigung den Frieden anzubahnen, die Kriegsfahne

aufstecken? Wie, im Aberglauben an seine Allmacht, mit den Soldaten

aus Nassau, Baden, Hessen, -- Europa Gesetze vorschreiben wollen?

Bildet es sich ein, der König von Preußen werde die Maulschelle (~le

soufflet~) ruhig hinnehmen und sein halbes Reich den Grillen einer

Majorität von 15 schlecht unterrichteten und leichtsinnigen Männern

opfern? Wie unweise, jetzt (wo in Frankreich Alle den Frieden wollen,

und selbst Thiers und seine sonst kriegslustige Partei lebhaft dafür

sprechen) ohne alle Rücksicht auf die französische Protestation im

Norden neue Fehden beginnen! Wie thöricht, in einem Augenblicke, wo

selbst das siegende Österreich sich gemäßigt und nachgiebig zeigt, eine

solche ~querelle d’Allemand~ beginnen u. s. w. --

So, und noch Härteres ertönt von allen Seiten, und das Härteste kommt

nicht einmal zu meiner Kenntniß!!

Sie wissen: daß ich die pariser Sendung nicht aus Eitelkeit oder

aus anderen schlechten Gründen, sondern nur darum angenommen habe,

weil ich hoffte, meinem Vaterlande nützlich zu werden, und weil

meine Überzeugung mit den erklärten Grundsätzen des Reichsministerii

übereinstimmte. Hier fand ich leider die Ansichten und Verhältnisse

keineswegs so günstig, wie man sie +irrigerweise+ dargestellt

hatte. Indessen gelang es mir allmälig viele Irrthümer und Vorurtheile

über Frankfurt zu berichtigen. Jetzt ist das Alles, wie man sagt, in

den Brunnen gefallen und meine Stellung sorgenvoller als je.

Niemals in meinem Leben habe ich etwas gegen meine Überzeugungen

vertheidigt; ich habe mich wohlbefunden bei diesem Grundsatze und

bin nicht gesonnen, ihn in meinen alten Tagen zu verläugnen. Sollte

also in Frankfurt ein +neues+ Ministerium gebildet werden und

+andere gewaltsame+ Bahnen einschlagen wollen, so muß ich an einem

+europäischen+ Erfolge +sehr+ zweifeln und mich für ein

untaugliches Werkzeug erklären, in +dieser+ Richtung mitzuwirken.

Neunundfunfzigster Brief.

Paris, den 10. September 1848.

Ihr Schreiben über die +Abdankung+ des gesammten Reichsministerii

erhalte ich in dem Augenblicke, wo alle gegen den Zweck meiner Sendung

erhobenen Schwierigkeiten so gut wie beseitigt waren. Ich muß darin

(so weit meine Kenntniß reicht) nicht blos einen Wechsel der Personen,

sondern auch des Systems und der künftigen Handlungsweise erblicken.

Da ich nun der Überzeugung lebe, daß die frankfurter Beschlüsse über

den Waffenstillstand mit Dänemark die innere Einigkeit Deutschlands

leider stören und die unangenehmsten Verwickelungen mit den übrigen

europäischen Staaten herbeiführen, so kann und will ich in dieser

Richtung nicht mitwirken, sondern lege hiemit das mir anvertraute Amt

in die Hände Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers nieder. Ich

werde jedoch (wie sich von selbst versteht) bis auf weitere Befehle in

Paris verweilen, obgleich, bei der großen Unzufriedenheit der hiesigen

Regierung über jene Beschlüsse, für jetzt wenig oder +nichts+ wird

zu Stande gebracht werden. Erst nach Rücknahme derselben kann von der

so sehr gewünschten Verständigung und Einigung zwischen Frankreich und

Deutschland wieder die Rede sein.

Den 11. September.

Gestern Nachmittag fuhr ich mit W. und dem wieder hergestellten B.

zum Hippodrome. Reiterkünste auf schönen Pferden, Wettrennen von

Affen auf kleinen Ponys, Wettrennen von vier Amazonen mit glänzender

Kühnheit, Schule meisterhaft geritten vom alten Frankoni. Dies hatte

ich ähnlicher Weise schon gesehen. Zum Schluß aber kam der Sonnenwagen,

~le char du soleil~. Der Nacht folgend, stürzte eine Schar

schöner, mannigfach gekleideter Mädchen auf muthigen Rossen in die

Rennbahn, als Horen, Auroren, oder wie man sie sonst bezeichnen will.

Hierauf der Sonnenwagen, hoch in der Mitte Apollon mit einem Fuße auf

der sich drehenden Erdkugel stehend, die Arme ausgebreitet, auf den

Seiten des Wagens andere Mädchen in den schönsten Stellungen, endlich

hinter den Schultern Apollons zwei Mädchen wagerecht in der Luft

schwebend, freundlich mit ihren Schleiern spielend und sich bewegend.

Das Ganze wahrhaft zauberisch, wie ein Wunder aus der alten Fabelwelt

in größter Schnelligkeit vorüberstürmend. Unerklärlich und noch ein

Geheimniß ist es, wie dieses freie Schweben, diese Schönheit und

Kühnheit möglich wird, ohne daß man einen Stützpunkt sieht, der doch

ohne Zweifel da sein muß. -- Nur ein Gedankenschatten fiel in diese

Zauberwelt: was wird aus diesen schönen, heiteren, vorüberschwebenden

Nymphen und Horen -- wenn das Alter sie beschleicht? -- Andere Freuden

und Sorgen auf dem großen Mittagsmahle bei Lord N. General Changarnier,

welcher neben mir saß (Alle in bürgerlicher Tracht), ist Befehlshaber

der pariser Nationalgarde und gilt für einen der besten französischen

Generale. Ich unterhielt mich mit ihm meist über Algier und Afrika.

Nachdem die Beduinen besiegt sind, fehlt nur Holz und Wasser, um

das Land emporzubringen. Trotz der Nähe bleiben neue Ansiedlungen

kostspielig, auch ist das Klima für Europäer nicht günstig. Doch stehen

wesentliche Fortschritte in Aussicht.

General Lamoricière, der jetzige Kriegsminister, erzählte von der

großen Gefahr in den Junitagen, von der Furchtbarkeit des Kampfes, und

daß an 250,000 Gewehre auf beiden Theilen in Bewegung gewesen wären!

Als ich Hrn. Bastide erzählte, was ich nach Frankfurt berichtet habe,

billigte er, daß ich seine Mißbilligung über die gefaßten Beschlüsse

ausgesprochen, und fügte in Bezug auf meine persönliche Stellung hinzu:

ich bin bereit, Ihnen schriftlich zu bezeugen, daß wir mit Ihrem

Benehmen durchaus zufrieden sind, daß kein Anderer mehr, ja nicht

einmal so viel wie Sie ausgerichtet haben würde. Denn Sie haben unser

Vertrauen gewonnen, und wir werden gewiß für die Sache und Sie thun

was irgend möglich ist und in England vor den frankfurter Beschlüssen

geschah u. s. w.

Sechzigster Brief.

Paris, den 12. September 1848.

Ich habe schon angezeigt: daß die gegen Annahme des Schreibens

Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers ausgesprochenen

Schwierigkeiten so gut wie gehoben waren, als die Nachricht von

Verwerfung des dänischen Waffenstillstandes, der gelungenen

Unterhandlung eine neue, durchaus ungünstige Wendung gab. Die hiesige

Regierung sah darin eine verletzende +Geringschätzung+ ihrer

Protestation, welche ihr um so unangenehmer ward, weil sie aus

vielen Gründen abgeneigt und verhindert war, sich in die dänischen

Angelegenheiten zu mischen. Sie wird es aber gewiß nicht unterlassen,

so weit Ehre und Verträge sie dazu zwingen.

Hiezu kommt, daß man hier ganz allgemein die Aufnahme Schleswigs in den

deutschen Bund als ein gegen Dänemark begangenes Unrecht und den Krieg

(wenigstens in +dieser+ Beziehung) als ungerecht betrachtet.

Auf Hrn. Minister Bastide’s ausgedrückten Wunsch: die Annahme des

erzherzoglichen Schreibens wenigstens so lange auszusetzen, bis man

aus Frankfurt neue Nachrichten erhalte, hätte ich eine bestimmte,

schroffe Forderung aussprechen können, allein ich mußte voraussetzen,

daß 1) hieraus (bei der augenblicklichen sehr großen Aufregung und

Unzufriedenheit) sogleich ein völliges Abbrechen aller Unterhandlungen

und auch wohl meine Abreise folgen würde. Einen solchen Ausgang hielt

ich aber für so unangenehm und gefährlich, daß ich ihn ohne die

+allerbestimmtesten+ Befehle herbeizuführen für pflichtwidrig

erachtete; 2) lebte ich der Hoffnung, daß man in Frankfurt (bei dem

Widerspruche aller Mächte) einen vermittelnden Ausweg auffinden werde

und auffinden müsse, -- wo dann die hiesige Unterhandlung auf die

frühere Stelle zurückkehren und vielleicht zum Ziele geführt werden

wird.

Überhaupt aber darf man nicht glauben, daß Lamartine’s in der

Paulskirche viel bewunderte Worte von „Brüderlichkeit und Nationalität“

auch das unbedingte Glaubensbekenntniß der jetzigen Machthaber in

Frankreich sind. Sie betrachten den Stand und Gang der europäischen

Angelegenheiten keineswegs allein nach bloßen Gefühlen und abstrakten

Grundsätzen; sie halten hingegen fest an den einfachen Lehren des

gesunden Menschenverstandes, sind weit mehr Praktiker als Theoretiker,

unterscheiden das Mögliche vom Unmöglichen, das Nützliche vom

Schädlichen, nennen Lamartine’s geflügelte Worte eine sehr unbequeme

Erbschaft, und legen gar kein Gewicht auf die Akklamationen in der

Paulskirche, sobald ebendaselbst der dänische Waffenstillstand

verworfen wird. Diejenigen also, welche für diese Verwerfung gestimmt

haben, legten dadurch der von ihnen gewünschten Einigung Frankreichs

und Deutschlands das größte Hinderniß in den Weg, und geben leider nur

zuviel Gelegenheit zu einer höchst gefährlichen Annäherung Rußlands an

Frankreich.

Den 13. September.

Gestern Abend aß ich beim --, wo von mehren Personen sehr harte

Urtheile über Lamartine ausgesprochen wurden. Man läugnete nicht

nur seine Fähigkeit, ein Staatsmann zu sein, sondern auch seine

Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Ja, Einer behauptete: -- -- -- Wie

soll da der Geschichtschreiber die Wahrheit entdecken? Uebrigens haben

während der provisorischen Regierung sich gewiß Viele eigennützig

gezeigt. Daß der jetzige Zustand in Frankreich der einer freien,

demokratischen Republik sei, wird Niemand behaupten; daß aber die

Regierung mehr Muth und Kraft besitze, als irgend eine in Deutschland,

hat keinen Zweifel. Auch zügelt die allgemeine Überzeugung von der

Nothwendigkeit die Ordnung streng aufrecht zu erhalten, alle Parteien,

und stellt um des höchsten allgemeinen Zweckes willen, die besonderen

in den Hintergrund. Diese besonderen Ansichten und Grundsätze (z. B.

Legitimität, Kriegsehre u. dergl.) werden ferner nicht von großen

Persönlichkeiten gestützt und getragen: Heinrich V und die Bonapartiden

sind an sich unbedeutende Leute, und mit bloßen Erinnerungen an Andere

regiert man heut zu Tage kein Land. Die Herzogin von Orleans genießt

großer Achtung, ist aber eine Fremde, ihre Kinder sind zu jung, und

Allen fehlt die eiserne Faust, mit welcher afrikanische Generale die

pariser Empörer erdrücken. Deren Sieg (man kann es nicht oft genug

wiederholen, um sich mit dem Gegenwärtigen zu versöhnen, oder noch

zu verständigen), deren Sieg hätte die bürgerliche Gesellschaft,

Sicherheit und Eigenthum ganz vernichtet. Und in Deutschland würden

diese Gräuel nur zu viel Anklang und Wiederhall gefunden haben!

Überall jedoch wird sich in Europa ergeben, daß in diesem Augenblicke

neben einer ganz unbeschränkten Presse und unbeschränkten Klubs, keine

Regierung bestehen kann. Wußte dies doch Jefferson selbst für Amerika;

wenigstens ist das französische und deutsche Klubwesen des letzten

Jahres dort gar nicht vorhanden. Wo eine wohlgeregelte Verfassung und

Regierung besteht, wird das Klubwesen freiwillig (oder durch Gewalt)

ein Ende nehmen. Die Einrichtungen für Staat, Landschaft, Städte und

plattes Land können und sollen hinreichen, Jeden in eine angemessene,

wahrhaft nützliche Thätigkeit zu setzen. Was daneben geht, oder darüber

hinausgeht, ist fast immer vom Uebel.

Ich komme so eben von einem Sicilianer, A-- den ich in Italien kennen

lernte, und der mir sein Werk über sicilische Geschichte zusandte. Er

ist im Auftrage der sicilianischen Regierung hier, um französischen

Beistand in Anspruch zu nehmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß

die Freiheit durch eigene Kraft gewonnen werden müsse. -- Ehe sich

die Sicilianer (erwiderte er) unter das neapolitanische Joch beugen,

lassen sie sich sämmtlich todtschlagen. -- Dies ist das alte Elend,

fügte ich hinzu, italienische Uneinigkeit, trotz aller sonstigen

Verschiedenheit an Polen erinnernd. -- Der Haß gegen Neapel ist wohl

begründet. -- Gewiß, aber doch ein trennendes Unglück, obgleich ich

an die Möglichkeit und den Nutzen einer centralisirten Einheit für

Italien nicht glaube. Solch eine Einheit würde das Schönste in Italien

ertödten; es bedarf, gleichwie Deutschland, der Mannigfaltigkeit und

einer föderativen Einheit. Fremde Einmischung ändert blos die Herren,

bringt aber keine Unabhängigkeit. Hüten Sie sich Franzosen oder

Engländer herbeizurufen: nur was Sie selbst zu Stande bringen, wird

Dauer gewinnen und gern von Europa anerkannt werden.

Sind wir Deutschen nicht in einer ähnlichen Lage wie die Italiener?

Streiten wir nicht mit Stammgenossen in Dänemark und Holland? Schimpfen

nicht die Deutschen, welche laut auf Deutschlands Einigkeit dringen, am

lebhaftesten auf Preußen?

Einundsechzigster Brief.

Paris, den 14. September 1848.

Ich hatte gestern mit Hrn. A-- ein drittes Gespräch über die

Angelegenheiten Siciliens und Neapels. Er behauptete: der Haß gegen den

König und seine Familie sei so groß, und diese so untauglich, daß keine

Aussöhnung oder Vermittelung möglich bleibe. Zwischen Sicilianern und

Neapolitanern finde sich dagegen gar keine Mißstimmung und sie würden

einig in einem größeren italienischen Bunde wirken. -- Jene Mißstimmung

ist aber in Wahrheit allerdings vorhanden, und die Einigkeit zwischen

einem +neuen+ König von Sicilien und dem +alten+ Könige

von Neapel kaum vorauszusetzen. Auch findet sich ja nicht allein

+dieser+ feindliche Gegensatz: das alte Elend der italienischen

+Uneinigkeit+ zeigt sich auch in Rom, Livorno, Genua, Turin u.

s. w. -- Abends traf A-- bei Thiers mit Mignet zusammen, der ihm

fast wörtlich wiederholte, was ich ihm schon des Morgens vorgehalten

hatte, nur noch schärfer und schroffer. Insbesondere behauptete er

(gegen A--), daß der König von Neapel unverständig und ungerecht von

den Demokraten sei +angegriffen+ worden, daß er sich +nur

vertheidigt+ und der Gesandte der französischen Republik die Hand

mit im Spiele gehabt habe. A-- berichtete: der Angriff auf Messina sei

mißlungen, während die telegraphische Nachricht eintraf, die Stadt

sei erobert; -- obgleich allerdings der Krieg in Sicilien damit noch

nicht entschieden ist. Beharren die Italiener auf diesen Wegen der

Zerwürfniß, so wird die Begeisterung für ihre Sache so sinken und

verschwinden, wie die Begeisterung für die Polen. Gleichwie diese,

reden auch jene schon überall von Verrath, wo sie nur sich selbst

anklagen sollten; so z. B. hinsichtlich der Unthätigkeit der Mailänder

und ihrem Instichlassen der Piemontesen.

Thiers theilte gestern Abend sehr lehrreiche Dinge mit, über die

Versuche eine sogenannte Organisation der Arbeit zu Stande zu bringen.

Sie begannen mit einer erzwungenen Erhöhung des Tagelohnes und einem

Verwerfen alles Arbeitens im Verdung (~à tâche~). Hierauf wurden

Aufseher und Präsidenten erwählt, berathende Sitzungen ausgeschrieben

u. s. w. Im Vertrauen auf den Mehrgewinn durch das erhöhte Lohn,

setzten die Arbeiter sehr häufig das Arbeiten aus, lasen Zeitungen,

gingen in die Klubs, hielten politische Berathungen und Aufzüge.

Die Fleißigen (deren Anstrengungen man nicht höher bezahlt), wurden

lässig, die Lässigen ganz faul, und am Ende war der tägliche Verdienst

im Durchschnitt um ein Drittel geringer, als vor dem Beginne aller

dieser närrischen Kunststücke. Die organisirte Association machte

bankerott und fiel auseinander. -- Thiers hielt gestern über „das Recht

auf Arbeit“ in der Kammer eine verständige Rede, welche, Gottlob,

großen Eindruck gemacht hat. Die verführten Massen kommen aber nur

allmälig und mit Gewalt wieder zu Verstande. Es herrscht ungeheure

Verwirrung in diesen Dingen. Wenn man blos bezweckt, die Hindernisse

hinwegzuräumen, welche den Fleißigen (z. B. durch Zunftmonopole) von

vorhandener und dargebotener Arbeit abhalten; so wird Jeder diesen

Zweck billigen. Daß aber der Staat (mit einer Vielregiererei, die Alles

überbietet, was zeither in dieser übeln Richtung dagewesen ist) alle

Gewerbe übernehmen, leiten, einkaufen, fabriciren, verkaufen soll, daß

alle Privatthätigkeit aufhören und die Gesammtheit für das Unmögliche

eintreten und Bürgschaft leisten soll: das ist in der That der höchste

Unsinn und die größte Tyrannei, welche jemals von Schwärmern und Thoren

aufgestellt oder gefordert ward! -- So einleuchtend dies auch ist,

nimmt doch das Gerede in der Versammlung darüber kein Ende.

Zum Schlusse eine Anekdote von Voltaire. Er bekommt Lust endlich einmal

einen vielgerühmten Sonnenaufgang zu sehen, wird mächtig ergriffen und

ruft: ~Dieu, je crois, je crois en Dieu.~ -- Dann aber setzt er

sogleich hinzu: ~mais quant à Monsieur votre fils, et Madame sa mère,

c’est autre chose!~

Zweiundsechzigster Brief.

Paris, den 15. September 1848.

Die Nachricht: daß Hr. Dahlmann kein kriegslustiges Ministerium hat

zu Stande bringen können, machte auf die hiesigen Machthaber den

günstigsten Eindruck und gab meinen Vorstellungen ein neues Gewicht.

So habe ich denn heute das Schreiben Sr. kaiserl. Hoheit, des Hrn.

Reichsverwesers, in der Art übergeben, wie dies, soviel ich weiß, in

London geschehen ist. Nachdem ich Hrn. General Cavaignac mit einigen

Worten angeredet, deren Inhalt Hr. Bastide vollkommen vorher gebilligt

hatte, antwortete jener in so freundlicher als bestimmter Weise: er

nehme das Schreiben, worin eine vollendete Thatsache angekündigt werde,

in dieser Beziehung gern an, und wiederholte, daß die französische

Republik sich in den inneren Entwickelungsgang Deutschlands nie

einmischen werde. Wie groß ihre Friedensliebe sei, gehe augenscheinlich

daraus hervor, daß sie ihre Gränzen nie überschritten; während dies

von vielen anderen Mächten, so von Schweden, Rußland, Preußen und

Österreich geschehen sei. Überall wirke sie für Aussöhnung und hoffe,

nie gezwungen zu werden, ihre Ehre, Rechte und Pflichten nachdrücklich

vertheidigen zu müssen.

Da die diplomatischen Verhältnisse der einzelnen deutschen Staaten und

der Centralgewalt zum Auslande noch nicht vollständig geordnet wären,

so dürfe Frankreich nicht voreilig entscheiden und etwa accreditirte

Gesandte wegweisen, bevor deren Regierungen ihre Wünsche und Beschlüsse

unmittelbar an den Tag gelegt hätten. Mit mir werde man indessen gern

weiter verhandeln und wünsche, daß ich dazu länger hier verweilen

möge. Es wäre unschicklich, auf das für mich schmeichelhaft Gesagte

umständlicher einzugehen, doch bemerke ich noch, daß die Hrn. Cavaignac

und Bastide äußerten: sie würden ihre Ansichten und Wünsche hierüber in

Frankfurt aussprechen lassen.

Der Himmel gebe, daß keine neuen Kriegsbeschlüsse von der

Reichsversammlung gefaßt werden, sie würden hier alle Zuneigung, ja --

alle Achtung vor der politischen Weisheit der Abgeordneten gänzlich

untergraben.

Mittags 12 Uhr.

Ich lese so eben im ~Journ. des débats~ einen strengen Tadel

der ~Times~ über die frankfurter Beschlüsse. Er schließt mit

den Worten: ~l’assemblée de Francfort n’est pas assez forte pour

ébranler la paix de l’Europe; mais elle peut très bien ruiner l’union

naissante de la Germanie, et, en s’attirant le mépris universel,

amener sa dissolution. Nous attendions mieux d’une assemblée composée

des meilleurs esprits de l’Allemagne; mais ses premiers pas dans une

question pratique de la politique européenne, nous montre combien elle

est au-dessous de la tâche qu’elle s’était imposé.~

Raumer’s Ansprache an Hrn. General Cavaignac.

~Monsieur le Général!~

~J’ai l’honneur de Vous présenter une lettre de son Altesse

impériale, l’Archiduc Jean d’Autriche, Vicaire de l’Allemagne, qui

annonce les dispositions les plus amicales de ce pays envers la

France.~

~Cette France républicaine a déclaré que la conservation de la

paix sera dorénavant le but principal de sa politique; l’assemblée

de Francfort a applaudi a cette manifestation avec un enthousiasme

général, et la nation allemande a répondu d’une voix unanime cet élan

spontané de ses représentans.~

~Les difficultés qui pourront se présenter sur cette route aussi

glorieuse que nouvelle, seront certainement vaincues par la conviction

intime et la volonté puissante de deux gouvernements et de deux

peuples, dont la vocation est de contribuer d’un commun accord au

progrès de la civilisation.~

~Quant à moi, je considère ce jour comme le plus heureux de ma vie;

puisque (à la fin d’une longue carrière vouée à l’histoire) il m’est

accordé de voir naître pour deux grandes nations (malheureusement

souvent ennemies) une ère nouvelle d’amitié, de fraternité et d’union

pacifique!~

Dreiundsechzigster Brief.

Paris, den 16. September 1848.

Ich füge meinem gestrigen +eiligen+ Schreiben heute noch einige

einzelne Bemerkungen hinzu.

1) Hr. General Cavaignac bemerkte tadelnd, daß Mehre in Deutschland

den Grundsatz der Nationalität übertrieben und von Erwerbung des Elsaß

und Lothringens sprächen, wozu die eine und untheilbare Republik

Frankreich niemals die Hand bieten, sondern sich ernstlich widersetzen

werde. -- Ich erwiderte: es sei nicht zu hindern, daß Einzelne derlei

Reden führten, politisch hätten sie gar keine Bedeutung. Jener

Grundsatz der Nationalität werde thöricht, sobald man ihn +unbedingt+

in Deutschland, Frankreich, Österreich oder +Italien+ zur Anwendung

bringen wolle.

2) Hr. Minister Bastide sagte: er wolle +gern+ mit mir über +Italien+

sprechen, um so mehr, da ich schon wisse, wie +gemäßigt+ die Absichten

Frankreichs wären. Das Gespräch ward hier unterbrochen; ich sehe aber

voraus, daß die Rede nächstens auf denselben Gegenstand kommen wird.

Mit Bezug auf Hrn. Bastide’s +frühere Äußerungen+ und meine persönliche

Überzeugung bemerke ich Folgendes:

~a)~ Dem Wunsche Deutschlands, an den Verhandlungen über Italien

friedliebenden Antheil zu nehmen, wird man hier schwerlich etwas in den

Weg legen.

~b)~ Frankreich wird sich wahrscheinlich hinsichtlich der Gränzen und

der Souverainetät nachgiebiger zeigen, sobald nur (nach Lamartine’s

Worten) ernstlich +wahrhaft nationale+ Einrichtungen von Österreich

bewilligt und eingeführt werden.

~c)~ Die Zerwürfnisse und das bald feige, bald leidenschaftliche,

anarchische Treiben der Italiener machen hier den unangenehmsten

Eindruck, und wenn dasselbe noch lange ohne Besserung fortdauert, wird

man ihrer so überdrüßig werden, wie der Polen. Sagte doch schon Hr. B--

wie soll man einem Volke helfen, das gar nicht versteht sich selbst zu

helfen.

Wenn man in Frankfurt zu der Begeisterung nicht politische Klugheit

und Mäßigung gesellt, wird die Versammlung in der europäischen

Völkerfamilie bald ganz vereinzelt dastehen und nicht das Heil, sondern

die Zerwürfniß Deutschlands herbeiführen. -- So sprechen nicht blos die

französischen, sondern auch die englischen Machthaber.

Ich will meinem gestrigen Briefe -- -- über meine Audienz beim Hrn.

General Cavaignac heute noch Einiges zusetzen.

Hr. von Andrian schreibt mir in Bezug auf das ähnliche Ereigniß

Folgendes aus London: „Lord Palmerston stellte mich der Königin vor,

der +Oberceremonienmeister+ begleitete mich bis an den Wagen und

Alles erfolgte mit +großer Würde+ und +Feierlichkeit+.“ --

Mich wollte Hr. Minister Bastide abholen. Da er aber bereits den ganzen

Morgen bei Hrn. General Cavaignac beschäftigt war, bat er mich allein

zu fahren, und das geschah dann nicht (wie ehemals) mit großem Gefolge

und vielen sechsspännigen Wagen, sondern mit einem +Zwei+spänner

(sonst genügt mir ein Einspänner) und einem Bedienten, den ich (um 2

Fliegen mit einer Klappe zu schlagen) auch zu meinem Geheimen Sekretair

und Kanzellisten erhoben habe.

Auf meinen Wunsch, Hrn. Bastide noch vor der Audienz zu sprechen,

damit er meine Anrede an Hrn. General Cavaignac prüfe, kam er im

Überrock und eine Cigarre rauchend, sodaß ich mit weißer Halsbinde

und schönem Jabot fast wie ein allzu geputzter Pfau aussah. Jene

Vernachlässigung des Äußern sagt übrigens meiner bequemen Natur sehr

zu; sie wird durch offenes, ungezwungenes, vertrauensvolles Benehmen

in eine höhere Region gehoben, und ich kann mir kaum einen Minister

denken, mit dem angenehmer zu verhandeln wäre, als mit Hrn. Bastide.

Wenn Andere anders urtheilen, so liegt dies an ihnen selbst; ihre

veralteten, oberflächlichen, wahrheitslosen diplomatischen Kunststücke

sind ihm zuwider, und machen ihn verdrießlich und wortkarg, was er

gegen mich nie gewesen ist.

Ich erwartete, Hr. General Cavaignac werde mich doch mit einiger

Feierlichkeit empfangen und ich +ihm gegenüberstehend+ meinen Spruch

herdeklamiren müssen. -- Keineswegs, in Papieren kramend, sagte er:

~bon jour Mr. de Raumer, asseyez Vous.~ -- Das geschah dann auch, und

mein Spruch war (wie Ihr leset) für diesen Conversationston viel zu

feierlich. Er ging indeß etwas abgeändert schnell vorüber, und das

Gespräch ward nun zwischen dreien (Hr. Bastide saß am Tische neben

mir) in ganz natürlicher einfacher Weise fortgeführt. -- So war ich an

diesem Tage (ganz gegen meine sonstige Natur) der Feierlichste und

Aufgebauschteste. Doch kann ich mir darüber keine Vorwürfe machen:

denn nach so zahllosen ~précédents~, durfte ich Karnikel nicht in

allzugeringem Volkstone beginnen. -- Ähnliches könnten andere Gesandten

erzählen über den Wegfall aller Feierlichkeiten.

Die Berathungen über das +Recht zur Arbeit+ haben endlich ihr Ziel

in einer vermittelnden Formel erreicht: ~la République doit, par une

assistance fraternelle, assurer l’existence des citoyens nécessiteux.~

Hiedurch wird die unausführbare, unbedingte Rechtsfrage, meist in eine

bedingte Liebesfrage verwandelt, und die Narrheit des Hrn. Louis Blanc

muß der Weisheit Jesu Christi Platz machen.

Die Noth der unbeschäftigten und ungeduldigen Arbeiter drängt zur

Abführung von Kolonisten nach Algier. Wäre die Unternehmung im Großen

nur nicht so kostspielig, und hätten nicht Grillen von Association,

Theilung des gemeinsamen Ertrags u. dgl. noch immer täuschenden Einfluß.

Sehr viele Soldaten stehen in und um Paris noch im Zeltlager, was bei

einbrechendem Herbstwetter immer unbequemer wird. Noch mehr mißfällt

ihnen, daß man die ~garde mobile~ besser bezahlt, unter welche Leute

aufgenommen wurden, die im Junius zwar großen Muth zeigten, aber theils

sehr jung, theils roh, ja selbst, wie man behauptet, Verbrecher sind.

Die Soldaten wagt man noch nicht von Paris zu entfernen, und was die

~garde mobile~ thun wird, wenn man sie nicht mehr bezahlen kann, oder

will, das ist schwer zu sagen. Wenn nur nicht die platzende Bombe einen

großen Krieg herbeiführt. Die nächste Gefahr droht dann dem Könige von

Sardinien. Die Österreicher hassen ihn aufs Äußerste und nennen ihn

falsch, lügenhaft, wortbrüchig; als Sieger würden sie ihn aufs Härteste

behandeln. Dringen umgekehrt die Franzosen in sein Land ein, so werden

ihn seine Unterthanen wegjagen und eine Republik errichten; diese

aber läuft an der französischen Leine, -- bis (wie schon so oft) die

französische Herrschaft durch irgend einen Umschwung ein Ende nimmt.

Den 16. September Nachmittags.

Ich erfahre so eben aus guter Quelle, daß das frankfurter Verwerfen

des dänischen Waffenstillstandes und die dadurch angedrohte neue

Unterbrechung des Handels, den ernsten Gedanken hervorgetrieben hat,

sogleich einen Congreß von Abgeordneten zu berufen, um sowohl jenen

Waffenstillstand aufrecht zu halten, als den Frieden vorzubereiten.

Zuerst sollte London, dann (als dies Widerspruch fand) Hamburg

zum Sitze des Congresses gewählt werden, und man rechnete auf das

Erscheinen der Abgeordneten von England, Frankreich, Rußland, Schweden

und Preußen. Da die deutsche Centralgewalt noch nicht von allen diesen

Mächten anerkannt sei, werde sie nur +officiös+ vertreten werden

können. -- So der wesentliche Inhalt der mir zugekommenen Nachrichten.

Den 17. September.

Als ich hier ankam, war Cavaignac’s Ansehen noch im Steigen; jetzt sagt

man, es sinke bereits. Weil er und seine Freunde die Pariser retteten,

von der Plünderung, von Mord und Brand, fühlten sie sich lebhaft zum

Danke verpflichtet; jetzt vergessen Manche schon, welche Gefahr sie

bedrohte und wie diese noch fortdauert. Sie denken blos an die +Übel+,

nicht an die +Nothwendigkeit+ des Belagerungszustandes, und jeder

Raisonneur hält sich für fähig an Cavaignac’s Stelle zu treten. Man

vergißt, welches Unheil jede plötzliche Umgestaltung der Regierung fast

immer hat, und daß bei häufigem Wechsel der Personen und Grundsätze,

Achtung und Vertrauen entweicht, und nichts wahrhaft Nützliches und

Dauerndes zu Stande gebracht wird. Läugnen läßt sich nicht, daß

mancher Andere eben so viel als Cavaignac gethan zu haben behauptet

und in sofern mindestens gleiche Ansprüche macht, daß Cavaignac nicht

auf frühere Thaten so hinweisen kann, wie Bonaparte am 18. Brumaire;

allein Schickung, oder Zufall, oder die vollendete Thatsache, haben und

behalten ihre große Bedeutung. Die verneinende Kritik, welche, wie in

der Literatur, so auch in den öffentlichen Verhältnissen vorherrscht,

bringt nichts zu Stande, sondern wirkt verletzend und zerstörend.

Was man Begeisterung nennt, hat oft gar keinen positiven, belebenden

Ursprung; sie wächst empor aus dem Hasse gegen alles Bestehende, aus

Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, und ist gar oft versetzt mit einem

großen Bestandtheil ganz offenbarer Dummheit.

Oder wie soll man es nennen, wenn die Versammlung in Frankfurt (welche

kaum geboren ist und die Kinderkrankheiten noch nicht überstanden hat)

schon in der Wiege um sich schlägt, mit ganz Europa Händel anfängt,

und so überall Liebe und Vertrauen und Achtung verliert? Politische

Klugheit ist (wie ich in meiner Spreu sage) ganz abhanden und in Verruf

gekommen, und Jeder, der in die Paulskirche, oder die Singakademie

hingefallen ist, hält sich für einen neugebornen Staatsmann; -- obwohl

er in seinem ganzen Leben noch nicht an die hochwichtigen Aufgaben

gedacht hatte, über welche er nunmehr übereilt und anmaßend abspricht

und abstimmt.

Vierundsechzigster Brief.

Paris, den 18. September 1848.

Gestern war ich, nach B. und W. Abreise, zum ersten Male ganz allein

und fand den Tag sehr lang, und im Schauspiele Marion de Lorme sogar

langweilig. Länger beschäftigt mich Monte Christo von Dumas; aber

auch er ist viel zu lang, und man spürt, daß das bogenweise bezahlte

Honorar manche Drahtzieherei und Abschweifung herbeigeführt hat. Gewiß

besitzt Dumas ein Talent zu erfinden, Aufmerksamkeit und Theilnahme

zu erwecken und lebendig darzustellen. Andererseits sind in Monte

Christo viele Dinge ganz unglaublich, ohne uns auf den Boden des

Wunderbaren zu versetzen, wo man gern +Alles+ glaubt. Ferner wird fast

lauter Lumpengesindel (trotz des Reichthums Vieler) auf den Schauplatz

geführt, und trotz des Mitleids mit dem Helden, giebt doch ein

einziger Gedanke (der, der +Rache+) keinen hinreichenden Inhalt, kein

genügendes Lebensprincip für ein Kunstwerk. Während die Gesetzgeber

die Todesstrafe abschaffen, führen die schönwissenschaftlichen

Schriftsteller „Martern aller Arten,“ ein.

Paris war während der letzten Tage in lebhafter Aufregung über die Wahl

einiger neuen Abgeordneten. Die große Zahl der Bewerber läßt fürchten,

daß (wie gewöhnlich) die sogenannten Guten sich eigensinnig spalten,

und die Böswilligen sich besser einigen und verständigen werden.

Wahrscheinlich wird Ludwig Bonaparte unter den Erwählten sein, und

dann, wie man mit oder ohne Grund behauptet, seine Unfähigkeit bald an

den Tag legen.

Der Plan des Ministeriums, Abgeordnete aus der Versammlung in die

Landschaften zu schicken, um die Gesinnungen zu erforschen und zu

berichtigen, hat so allgemeinen Widerspruch gefunden, daß er höchst

wahrscheinlich nicht zur Ausführung kommen wird. Man sagt: hiezu sind

die verwaltenden Beamten und die Belehrungen der Presse hinreichend;

und Beauftragte jener Art (willkürlich aus der Versammlung gewählt)

entweder übermächtig, oder ohnmächtig. Jeden Falls zeigt jener Plan,

daß man nicht glaubt, ganz Frankreich sei mit der jetzigen Regierung

oder Regierungsweise zufrieden. Wie wäre dies auch möglich bei einer,

die so rasch, so unerwartet entstanden ist, und ihr größtes Verdienst

in der rücksichtslos angewandten Gewalt findet und finden muß! Wenn

lang begründete Herrschaft (die da Vorfahren hat, Ahnen, Verdienste),

einzelner wahrhafter, oder vorausgesetzter Mängel halber, jetzt den

Äquinoctialstürmen der Gleichmacherei unterliegt; wie soll eine,

aufgeschossen in der Eile und Hitze des Tages (bitterer, auf Lappen

gesäeter Kresse vergleichbar) tiefe Wurzeln treiben, und das tägliche

Harken, Eggen, Graben und Wühlen überstehen?

Die Zeiten, wo die Person nichts gilt, sondern von der guten oder

bösen Regel niedergestürzt wird, sind ohne Zweifel +vom Übel+;

aber ebensowenig taugen die, wo der Einzelne sich +nirgends

unterordnen+ will; woraus dann nothwendig der Krieg Aller gegen

Alle entsteht, und es keine Helden mehr giebt, als die auf Barrikaden

einherreiten. Wie viel tiefsinniger ist des alten Aristoteles so

oft geschmähte richtige Mitte, als diese Lehre des Tages, welche in

fieberhaften Paroxysmen die rechte Gesundheit, in dem Zappeln der

äußersten Glieder den Mittelpunkt des Lebens, in der Karikatur die

wahre Schönheit und das richtige Maß erblickt.

Wie jeder Mensch, so hat auch jede Stadt, jedes Volk, jeder Staat

einen höchsten Punkt des Daseins, wo er culminirt, und von wo ab er

nicht mehr steigt, sondern sinkt. Ich will nicht ein Unglücksprophet

sein, aber wer kann (umherblickend) sich der Sorge enthalten! Wiederum

sind noch so viel Lebenselemente vorhanden, und es bedürfte z. B.

für Preußen nur rechten Muthes, um der Thorheiten und Bosheiten des

vergangenen und des jetzigen Jahres gleichmäßig Herr zu werden und

wahre Fortschritte anzubahnen. Thäte nur Jeder das Seine, nicht mehr

und nicht weniger!

Die hiesige Nationalversammlung, minder eilig als die frankfurter, hat

den Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe verworfen. Was vor Zeiten,

wo Hunderte zum Tode verurtheilt wurden, höchst wichtig war, verliert

sein Gewicht, seitdem jene Strafe nur einzelne der ärgsten Verbrecher

trifft. Robespierre war der größte Gegner der Todes+strafe+, aber als

~mésure politique~ hielt er sie für natürlich und gerechtfertigt.

Diese Ansicht wagt Gottlob Keiner mehr zu rechtfertigen. -- In wie

platter, anarchischer Weise hat B--s in Berlin den Begriff der

Volkssouverainetät aufgefaßt; noch unausführbarer und atomistischer

als die französische Verfassung von 1793. Eine Verfassung, im ächten

Sinne, ist nach jener Lehre ganz unmöglich, da das augenblickliche

Belieben des großen Haufens, für das höchste Gesetz gilt. -- Ist

Jeder nur ein +Einer+ unter Millionen von +Einern+, wie läßt sich die

Obrigkeit begründen, welche die augenblickliche Willkür der +Einzelnen+

zügeln soll; wie kann etwas da Dauer gewinnen, wo man allen Werth

des Dauerhaften läugnet, und ihn ausschließlich im Verändern und im

Veränderlichen sucht? Eins gehört zum Andern, sowie zum Genießen das

Entsagen, zur Thätigkeit die Ruhe.

Den 19. September.

Die gestern Nachmittag über Straßburg angekommene telegraphische

Nachricht: daß die Reichsversammlung nunmehr den Waffenstillstand

angenommen habe, erregt nicht blos in den diplomatischen Kreisen,

sondern bei Allen, welche den Frieden wünschen, die größte Freude.

Das entgegengesetzte Verfahren hätte +hier+ das Ansehen der

Versammlung ohne Zweifel ganz untergraben, und in den Versuchen

deutscher Einigung nur Versuche für größere Zerwürfniß erblicken lassen.

Man nimmt hier an: das alte Ministerium werde hergestellt oder doch an

den gemäßigten und friedlichen Grundsätzen nichts geändert werden.

Fünfundsechzigster Brief.

Paris, den 20. September 1848.

Die Wahlen für Paris werden heute bekannt gemacht. Man klagt, daß bei

dem allgemeinen Stimmrechte, wenige Personen die Übrigen führen und

verführen. Ludwig Bonaparte ist unter den Gewählten; ein Mittelpunkt

und Werkzeug für Andere. Leider sieht man im Allgemeinen, daß es

jetzt an großen Männern fehlt und überall die Mittelmäßigkeit sich

breit macht und herrscht, obgleich sie noch nicht einmal das ABC

des Staatsrechts und der Staatsklugheit versteht. -- Ein anderer

Erwählter soll Raspail sein, der vorläufig seiner Großthaten halber

im Gefängnisse sitzt. -- Zwar entscheiden wenige Wahlen der Art noch

nichts; sie sind aber den jetzigen Machthabern natürlich unwillkommen

und zeigen an, in welcher Richtung Gefahren obwalten. Doch herrscht

(Alles zu Allem gerechnet) jetzt in Frankreich eine mächtigere,

gleichartigere Überzeugung von der Nothwendigkeit der +Ordnung+,

als in Deutschland; wo die Hauptmaul- und Knüppelhelden meinen: aus

dem Mistbeete der Fäulniß und Unordnung werde unser Vaterland erneut

emporwachsen.

Den 21. September.

Gestern in einer Abendgesellschaft beim sardinischen Botschafter

von Brignole nahm ich (als Privatmann und in vertraulicher Weise)

Gelegenheit ihn zu fragen, was er und sein Hof wohl dazu sagen werde,

wenn man von Frankfurt aus wünschen oder verlangen sollte, daß (aus

den und den bekannten Gründen) Deutschland an den Verhandlungen über

Italien Theil nehme. -- Er erwiderte: eine amtliche Antwort (die ich

auch gar nicht gefordert hatte) könne er hierauf allerdings nicht

geben. Für seine Person finde er jedoch die für Deutschlands Theilnahme

angeführten Gründe gewichtig und dessen Zulassung zu den Verhandlungen

natürlich; -- vorausgesetzt jedoch, daß es nicht als ein offener

Gegner Italiens auftreten wolle. -- Hierüber konnte ich ihm beruhigend

antworten.

Ich komme soeben von Hrn. Minister Bastide, mit dem zu verhandeln

eine Freude ist. Er spricht sich nämlich über alle Dinge (wenigstens

gegen mich) so offen, einfach und klar aus, daß man ohne Halbheiten,

Verschweigungen, Horchen und Verstecken sogleich weiß, wie man mit ihm

daran ist und was er will. Das Wesentliche Dessen, was er mir sagte,

ist Folgendes:

Wir sind bereit, bei der Centralgewalt einen Gesandten zu accreditiren

und einen solchen hier accreditiren zu lassen; wir sind auch geneigt,

die Mitwirkung Deutschlands eintreten zu lassen, vorausgesetzt, daß

Deutschland nicht mit Österreich ganz gleichbedeutend sei, aber

hiedurch zwei Stimmen für eine in diese Wagschale gelegt werden.

Vor Allem aber hängt unsere Stellung zu Deutschland davon ab, wie sich

die Dinge weiter in Frankfurt gestalten. Eine kriegslustige Partei

hat, im Widerspruche mit ganz Europa, und alle Klugheit bei Seite

setzend, auf einige Tage obgesiegt. Es sind ferner, nach berichtigender

Aufhebung des irrigen Beschlusses, große Ungebührlichkeiten in

Frankfurt vorgefallen, welche eine Auflösung aller Ordnung und

einen furchtsamen Rückfall in die alten Übel wenigstens als möglich

erscheinen lassen. Daher muß Frankreich bestimmtere Erklärungen

in diesem Augenblicke noch aussetzen. Sobald das alte Ministerium

hergestellt oder ein neues gebildet und in sichere Thätigkeit

gesetzt ist; sobald dies die Grundsätze anerkennt, welche uns als

Glaubensbekenntniß und Leitfaden deutscher Politik durch Sie übergeben

wurden, werden wir mit größerer Sicherheit und vollkommnerem Vertrauen

die Hand bieten. Ohne zu wissen, welche +Grundsätze+ dauernd in

Frankfurt obsiegen, welche Personen als +Minister+ angestellt, als

+Gesandte+ hieher geschickt werden, lassen sich Verhandlungen über

wichtige Gegenstände nicht mit Erfolg zum Ziele führen. Ordnung

aufrecht zu halten, muß in Deutschland wie Frankreich Hauptzweck sein;

dafür muß man im Inlande und in Beziehung auf das Ausland hinwirken,

und weder durch Kriegsmacht noch durch Propaganda die bürgerliche

Gesellschaft aufzulösen trachten u. s. w.

So hängt also der weitere Erfolg ganz von den in Frankfurt zu fassenden

Beschlüssen ab. --

Den 22. September.

Mit Bezug auf frühere Mittheilungen muß ich wiederholen, daß Hr.

Bastide aufs Deutlichste erklärte: er wolle mit einem Ministerium

„~à la Dahlmann~“ nichts zu thun haben, und überhaupt erst

weiter in die Sachen eingehen, wenn in Frankfurt ein +festes+

und +gemäßigtes+ Ministerium gebildet sei. -- Ein Mann Ihres

Sinnes (fügte er verbindlich hinzu) würde uns bei Behandlung der

italienischen Angelegenheiten willkommen sein: -- wie aber, wenn

man Sie morgen abruft, und einen die Lehre von den Nationalitäten

thöricht übertreibenden Mann aus der Linken herschickt? Welche

Unannehmlichkeiten und Hindernisse würde uns ein solcher bereiten!

Daß nicht blos Hr. Dahlmann, sondern auch Hr. Hermann kein Ministerium

zu Stande bringen konnte, fand bei der hiesigen Regierung großen

Beifall; die blutigen Unruhen haben aber Theilnahme und Vertrauen zu

Frankfurt und zur Centralgewalt für den Augenblick +ganz vernichtet+.

Vergebens erinnert man an pariser Zustände. -- „Wir haben (so lauten

die Antworten) seitens der Regierung die Ansichten und Grundsätze der

Anarchisten und Communisten aufs Nachdrücklichste mißbilligt, wir haben

sie mit Waffen bekämpft und zu Boden geworfen.“ -- Dies ist, fiel ich

ein, so viel man weiß, auch in Frankfurt geschehen. -- „Man hat (fahren

jene Ankläger fort) geduldet, daß Mitglieder der Reichsversammlung vor

zusammengelaufenen oder zusammengerufenen Volkshaufen ihre gemäßigten,

verständigen, friedliebenden Collegen für Verräther erklärt haben;

man hat jene nicht zur Untersuchung gezogen, nicht gestraft. Unter

dem Vorwande, für die Einheit und Einigkeit Deutschlands zu wirken,

geschehen in allen Landschaften und Städten ähnliche Frevel! -- und die

Centralgewalt, deren heiligste Pflicht wäre, aufs Lauteste und mit dem

größten Nachdrucke dagegen aufzutreten (wie es ähnlicher Weise hier

geschehen ist), legt die Hände in den Schoß, und die Reichsversammlung

berathet in pedantischer Weise über Grundrechte, während sie Alles

zu Grunde gehen läßt. So rathschlagte einst die französische

Nationalversammlung über Artikel des peinlichen Rechtes und die

Bekleidung des Heeres, während die Gironde den Thron und der Berg die

Girondisten stürzte. Muß man nicht auf den Gedanken kommen: man freue

sich in Frankfurt auf die anarchische Ungebühr, und die Auflösung und

Untergrabung der gesetzlichen Regierungen in den einzelnen Staaten,

weil man thöricht wähnt, auf diesem Wege die Centralgewalt zu stärken.

Wenn der Ekel über die Thorheiten und die blutige Leidenschaft der

rothen Republikaner ungestört überhand nimmt, so wird die Centralgewalt

nebst der Reichsversammlung vom Boden Deutschlands verschwinden, und

aus eurem zur erschreckenden Wüste gewordenen Vaterlande eine Tyrannei

emporwachsen, furchtbarer als sie vielleicht je in einem Volke gewüthet

hat. Trotz eurer gerühmten Weisheit und Philosophie seid ihr einem

dreißigjährigen Kriege näher, als die Schwachen, Dummen und Feigen

jetzt glauben. Wir können zur Centralgewalt und zu einem frankfurter

Ministerium erst Vertrauen fassen und Achtung vor ihm haben, wenn es

offen und muthig alle anarchischen Bestrebungen und Unternehmungen

bekämpft und besiegt.

Leider geben die hiesigen Zustände auch zu traurigen Betrachtungen

Veranlassung. Die sogenannten wohlgesinnten Leute haben sich über die

Candidaten nicht geeinigt, sie haben die Hände in den Schoß gelegt,

während ihre Gegner wohlorganisirt und thätig vorwärts gingen -- und

obsiegten. Bonaparte’s Wahl (sagte mir ein Franzose) erfolgte zur

Schmach Cavaignac’s, Fould’s Wahl zur Schmach der Republik, Raspail’s

zur Schmach der Nationalversammlung. Diese drückt nicht mehr die

Gesinnung des Volkes aus, und wer sich auf sie stützt, wird bald zu

Falle kommen. Noch mehr Fehler, als die Versammlung, läßt sich das

Ministerium zu Schulden kommen, und Cavaignac geht dem allgemeinen

Schicksale entgegen: -- er wird bald verbraucht, ~usé~, sein!

Sollte die jetzige Regierung, welche Ordnung und Frieden will, gestürzt

werden und eine rothe Republik oder ein Kriegsfürst hervortreten, so

müssen daraus auch für Deutschland die übelsten Folgen erwachsen. Wenn

dagegen die Centralgewalt in diesem dringenden, letzten, entscheidenden

Augenblicke (ehe es +zu spät+ ist) den deutschen Anarchisten +offene

Fehde+ ankündigt, wird sie (hoffentlich!!) unser Vaterland noch

erretten und auch auf Frankreich nützlich zurückwirken.

Sechsundsechzigster Brief.

Paris, den 23. September 1848.

Lord N. äußerte: es sei von Bildung eines europäischen Congresses

über die italienischen Angelegenheiten eigentlich nicht die Rede,

sondern nur, daß zwei befreundete Mächte, zwei sich bekriegende Mächte

versöhnen wollten. Andere, hiezu nicht aufgeforderte Reiche (z. B.

Rußland) würden dadurch nicht verletzt; -- oder Alle würden sonst

gleiche Rechte und Pflichten in Anspruch nehmen können. Ich setzte

hierauf auseinander, in welcher näheren Beziehung Deutschland zu den

obschwebenden Fragen stehe, und wie um so weniger Grund vorhanden sei,

es auszuschließen, da Österreich und Sardinien nichts gegen seine

Theilnahme einwendeten, ja sich damit einverstanden erklärten. Was

würde man sagen (fragte Lord N.), wenn Preußen zugezogen würde? Ich

erwiderte: für diesen Fall wäre eine Zurückweisung des Reichsverwesers

und der Centralgewalt doppelt unbegründet und nicht zu rechtfertigen.

Zuletzt fand Lord N. die Forderung, als mitinteressirter Theil

aufzutreten und mitzuwirken, billig und natürlich, kam aber, wie Hr.

Minister Bastide, auf die unerläßliche Vorbedingung zurück: daß in

Frankfurt ein +gemäßigtes+ und zugleich +kräftiges+ Reichsministerium

gebildet werde, welches die +Anarchisten zügele+ und nicht darauf

ausgehe, die einzelnen deutschen Staaten zu vernichten. Ganz in

ähnlichem Sinne sprach Hr. Bastide von der Nothwendigkeit, Preußen

mächtig zu erhalten und die rebellischen Versuche dasselbe zu

schwächen, mit Nachdruck zu vereiteln.

Die hier soeben eingegangenen Nachrichten, daß das Reichsministerium

keineswegs +schwächlich+ den Aufrührern in Frankfurt nachgegeben,

sondern sie in =höchst preiswürdiger= Weise bekämpft und besiegt

hat, macht hier bei allen Freunden der Ordnung und Gesetzlichkeit den

+größten+ und +erfreulichsten+ Eindruck. Man hofft, daß sich

dieselben auch in der Reichsversammlung fester einigen und für einen

Mann stehen werden.

Was mein persönliches Verhältniß zu Hrn. General Cavaignac und zu Hrn.

Minister Bastide anbetrifft, so kann es gar nicht angenehmer sein.

Alles klar, offen, bestimmt, wohlbegründet; Alles hat (wie man sagt)

Hand und Fuß. Meinerseits habe ich fast in Jeglichem das +Gegentheil+

Dessen gethan, was sogenannte routinirte und überängstliche Diplomaten

mir riethen; -- und sie müssen jetzt eingestehen, meine ehrliche,

aufrichtige, vertrauliche Weise habe -- ihnen unerwartet -- Vertrauen

erworben und Beifall hervorgerufen. Die HH. Cavaignac und Bastide

haben mir dies nicht blos mehre Male, sondern auch Anderen gesagt,

ihre Zufriedenheit mit meinem Benehmen amtlich in Frankfurt zu

erkennen gegeben und den Wunsch ausgesprochen, daß ich hier +länger+

in Thätigkeit bleibe -- Hr. v. Schmerling (welcher einstweilen in

Frankfurt das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten übernommen)

schreibt mir: „ich hoffe, daß Sie in dem jetzigen schwierigen

Zeitpunkte, +da Ihre Dienste unentbehrlich+ sind, es gut finden werden,

wenn eine Verfügung auf Ihr Entlassungsgesuch unterbleibt, bis Sie sich

zu einer späteren Wiederholung desselben an das künftige definitive

Ministerium -- +wider Verhoffen+ -- veranlaßt sehen sollten.“ -- Ich

antwortete gestern: „Eure Exc. Wiederübernahme der Geschäfte betrachte

ich als eine Bürgschaft, daß bald ein zugleich gemäßigtes und kräftiges

Ministerium zu Stande kommen werde. Und so will ich denn (bei dem mir

hier und in Frankfurt gütigst geschenkten Vertrauen) gern mit meinen

geringen Kräften für mein Vaterland fernerhin zu wirken versuchen.“

Mithin werde ich, nachdem ich so viele Jahre meines Lebens unzählige

diplomatische Berichte gelesen habe, nun noch eine Zeit lang etwelche

schreiben müssen!

Von Mittagsgesellschaften ist hier fast gar nicht mehr die Rede: ich

ward vor Jahren, als bloßer Professor, viel öfter eingeladen als

jetzt. Die Abendgesellschaften (welche ich zum Theil von Amtswegen

besuchen +muß+) sind hinsichtlich des Kommens und Gehens bequem; aber

bald überfüllt (so bei Cavaignac, Lamoricière u. A.), bald zu leer,

wie bei Anderen. Dann stecken zwei und zwei die Köpfe zusammen und

tuscheln, während man verlassen daneben steht und sich langweilt; oder

es gerathen Mehre in Eifer und sprechen dann so schnell, und recht

eigentlich in ihre großen Bärte hinein, daß ich oft nicht weiß, ob

sie französisch, oder chinesisch reden. Auch viele Frauen befleißigen

sich (vielleicht weil es zum guten Tone gehört) einer undeutlichen

Aussprache. Allerdings trifft die Schuld des +Nicht+verstehens auch

mich, des Hörens Ungeübten; aber keineswegs +allein+, denn Frau von

Rothschild, Hr. Mignet und Andere sprechen so schön und deutlich, daß

man, ohne alle Anstrengung und ohne ängstliches Rathen, jedes Wort

versteht. --

Wie schlecht durch Uneinigkeit und Nachlässigkeit der sogenannten

Wohlgesinnten die neuesten Wahlen hier ausgefallen sind, und wie

mangelhaft sich das allgemeine Stimmrecht noch immer erweiset, habe ich

wohl schon bemerkt, obwohl das frühere Geldmonopol auch nichts taugte.

Es regen sich rothe Republikaner (Plünderungslustige), Bonapartisten

(Kriegslustige), Orleanisten (Mitleidige), Legitimisten (Rückläufige);

was soll nun aus all diesen Mischungen hervorgehen, oder welche

einzelne Partei wird obsiegen? -- Schwerlich wird eine friedliebender,

oder auch nur ebenso friedliebend sein, wie die jetzige Regierung.

Freilich gewährt und bezeugt ein Belagerungszustand keine politische

Freiheit; er ist aber hier, wie in Frankfurt, das Rettungsmittel gegen

Mord und Brand.

Es macht einen sehr traurigen Eindruck überall zu bemerken, daß der

Begriff und das Gefühl der +Verehrung+ fast ganz abhanden gekommen

ist. Überall tritt Verneinung, Tadel, Geringschätzung, Verachtung

hervor, womit kein Einzelner ein rechtes Leben führen kann, und noch

weniger ein Staat sich regieren läßt. -- Fast wird es wie etwas

Unausbleibliches, Unausweichbares, wie ein mathematischer Grundsatz

bezeichnet und anerkannt, daß jeder Mensch (und deshalb zuletzt auch

jede Lehre, jede Regierung) +binnen sehr kurzer Frist+ verbraucht

(~usé~) sein +werde+ und sein +müsse+. Daher kein Widerstand,

kein Muth, kein Glaube, kein Vertrauen. -- So ist es aber auch in

Deutschland, von den Straßenjungen und Studenten aufwärts, bis zu den

berliner Reichstagsabgeordneten.

Überall werden jetzt die Minister durch unnütze Fragestellungen (zu

deutsch, Interpellationen) geschoren; hier jedoch weniger wie in Berlin

und Wien, und gestern hat eine solche in der Nationalversammlung dem

Generale Cavaignac einen neuen Beweis ihres allgemeinen Zutrauens

gebracht, dessen er zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther sehr

bedarf. Wie, trotz des übermäßigen politischen Schwatzens und Eiferns,

doch bei Vielen eine verdammliche Gleichgültigkeit vorherrscht, ergiebt

sich daraus, daß in dem Departement der Seine von 406,929 Wählern,

bei den Wahlen 159,687 nicht erschienen sind. -- In einem Artikel

des ~Journ. d. débats~ vom 18. Sept. steht (ganz übereinstimmend mit

meinen Ansichten) Folgendes über Deutschland. ~Nous continuerons à

soutenir le sentiment de l’unité allemande, et nous continuerons aussi

à en signaler les excès. -- La tentative de centraliser l’Allemagne

a l’instar de la France, est contraire à l’histoire et au génie

l’Allemagne. -- Si l’assemblée de Francfort ne tempère pas l’ardeur

de centralisation dont elle s’est prise, elle échouera dans la

constitution de l’unité allemande. Cette constitution est possible,

à condition de n’être point excessive. -- On passe ordinairement par

l’enthousiasme, pour arriver au bon sens etc.~

Siebenundsechzigster Brief.

Paris, den 25. September 1848.

Obwohl ich gesonnen bin, Euch vorzugsweise über hiesige Verhältnisse

Bericht zu erstatten, beherrscht mich Tag und Nacht die Sorge über die

deutschen Angelegenheiten. Der alte Ruhm, oder das alte Eigenlob, von

deutscher Bildung und Mäßigung, geht in dem angeblich ruhmvollsten

aller Jahre, 1848, verloren. Dagegen ist 1648 vorzuziehen: denn

in diesem Jahre kamen die Deutschen wieder zu Verstande; in jenem

scheinen sie ihn verloren zu haben. Solche Gräuel, wie sie der

+Anfang+ des neuen Bürgerkrieges in Frankfurt zeigt, sind erst in

der +späteren+ Zeit des Dreißigjährigen Krieges vorgekommen, und

die neuen Freiheitsproklamationen Struve’s beginnen mit der Einziehung

des Vermögens Aller, die ihm nicht feige und knechtisch gehorchen

wollen. Paris ist nicht mehr allein das große Babel: die deutsche,

überall emporwachsende Brut stellt sich schon in der Wiege ihm gleich,

oder wuchert darüber hinaus. -- Als gute Folge der frankfurter (von

den Anarchisten +übereilt+ herbeigeführten) Ereignisse betrachte

ich den daselbst gesteigerten Muth, sie zu bekämpfen, und eine Art

Versöhnung zwischen den Freunden der Einheit und der Mannigfaltigkeit

Deutschlands. Die Actien Frankfurts, welche hier äußerst gesunken

waren, steigen durch den bewiesenen, bisher siegreichen Ernst. Gott

gebe, daß die in Mittel- und Süddeutschland aufgestellte Heeresmacht

fernerhin Frieden und Ordnung erhalte.

Die +größte Gefahr+ ist in Berlin! Wenn die neuesten Versuche

mißlingen, die Klubs und den Wahnsinn der Versammlung zu zügeln, so

wird (wenigstens vor der Hand) die Monarchie zu Grabe getragen. Führt

umgekehrt ein Sieg zu alten Mißbräuchen zurück, so bleibt ein zweiter

18. März nicht lange aus. Scylla und Charybdis, durch welche nur ein

sehr geschickter Steuermann hindurchzusegeln fähig wäre. Wo ist ein

großer Charakter, ein Mann von Muth und Kraft, an den man glaubt,

der mit sich fortreißt? -- und die noch vorhanden sind, sucht und

will man nicht. Welche Männer, welche Einigkeit, welcher Lohn, welche

Auferstehung im Jahre 1813; -- und jetzt! Erst die volle Kenntniß der

vorhandenen Übel und Gefahren läßt die Mittel zu Kampf und Heilung

auffinden und anwenden. Wer zuletzt nur mit Seufzen und Händeringen

abschließt, ist ein gutes Klageweib, aber kein Arzt. Wäre ich in

Frankfurt geblieben, würde ich meinen (wenn gleich homöopathisch

kleinen) Antheil zu der Erkenntniß und den Heilmitteln abzuliefern

versucht haben. Von hier aus käme Alles zu spät, und ich besitze

Selbsterkenntniß und Bescheidenheit genug, mich auf den nächsten

Kreis der Pflichten zu beschränken, welche der Himmel mir +hier+

auferlegt hat, und die nicht unbedeutend sind.

* * * * *

Hr. Ledru-Rollin (terroristisches Mitglied des ~gouvernement

provisoire~) hat +bei+, oder vielmehr +nach+ einem Gastmahl eine Rede

gehalten, welche, wenn man sie von großen, Bravos hervorrufenden

Redensarten entkleidet, als anzustrebenden Inhalt der Zukunft

hinstellt: Steuern in stets wachsendem Verhältnisse, Papiergeld,

Propaganda und allgemeinen Krieg!! Diesem Vertheidiger des Convents

und seiner Maßregeln ruft das ~Journal de débats~ zu: ~Ce que le Roi

Frédéric-Guillaume a voulu faire pour le moyen âge, Mr. Ledru-Rollin

voudrait le faire pour la convention. On sait comme la chose a reussi

au delà du Rhin!~ Bastiat, der Verfasser des geistreichen Büchleins

wider die Hochschutzzöllner, hat die Frage: was ist der Staat?

ähnlicherweise behandelt. Hiebei zählt er auf, was man jetzt vom Staate

fordere, nämlich: Organisation der Arbeit und der Arbeiter, Ausrottung

der Eigenliebe, Unterdrückung der Anmaßung und Tyrannei des Kapitals,

Versuche über Mist und Eier, Gründung von Musterwirthschaften,

Gründung harmonischer Werkstätten, Kolonisirung von Afrika, Ammen für

neugeborne, Erziehung der anderen Kinder, Unterstützung für das Alter,

Wegschicken der städtischen Bewohner auf das platte Land, Feststellung

des Gewinnes von jedem Gewerbe, zinsfreie Darlehen an Alle welche sie

verlangen, Befreiung von Italien, Polen und Ungarn, Erziehung und

Vervollkommnung der Reitpferde, Begünstigung der Kunst, Bildung von

Sängerinnen und Tänzerinnen, Handelsverbote, Handelsflotten, Entdeckung

der Wahrheit. Der Staat soll die Seelen der Bürger aufklären,

entwickeln, vergrößern, stärken, vergeistigen und heiligen!

Meine Herren! ruft der trübselig aussehende Staat, ein wenig Geduld:

~Uno a la volta, per carità!~ u. s. w. u. s. w.

Alle jene Forderungen (und wohl noch mehr) sind wirklich aufgestellt

worden. Sie bezeichnen die babylonische Verwirrung und Unwissenheit

heutiger Staatsweisen, und müßten einen alten Professor des

Staatsrechtes in Verzweiflung bringen, hätte er nicht gerade Ferien

und wären nicht die Studenten schon mit Siebenmeilenstiefeln über ihn

hinwegspaziert. Dagegen sagt die Allgemeine Zeitung: Ich lebte hier in

thatenloser Verzweiflung und wickele mir (da ich den Minotaurus nicht

finden könne) den Faden um die Finger! -- Meinethalben!

Ich mache Euch nochmals auf Jerome Paturot von Reybaud aufmerksam: es

ist ein geistreiches, witziges, unterhaltendes Werk, aus dem man die

hiesigen Zustände, Bestrebungen, Eitelkeiten, Thorheiten u. s. w. sehr

gut kennen lernt.

Den 26. September.

Zweifelhaft liegt noch immer die italienische Frage. So wiederholte

heute --: man habe keinen europäischen Congreß bezweckt und besorge,

daß wenn Deutschland neben Österreich noch besonders vertreten werde,

insbesondere Rußland laute Einrede erheben dürfte. Ich erwiderte:

Deutschland sei bei den vorliegenden Fragen näher interessirt, als

irgend eine europäische Macht, und wenn Österreich, Neapel und

Sardinien nicht widersprächen, so schiene noch weniger Grund vorhanden

zu sein, daß England und Frankreich Besorgnisse zeigten. Der Kaiser

von Rußland habe seine feste mächtige Stellung in Europa; England und

Frankreich wüßten sehr wohl, was er wolle und bezwecke, und seine

Wünsche und Forderungen würden gewiß nicht unberücksichtigt bleiben.

Die deutsche Centralgewalt hingegen sei eine neue, deren Macht, Werth

und Einfluß noch keineswegs überall richtig gewürdigt und anerkannt

werde. Das Beiseitesetzen derselben erscheine also nicht (wie bei

Rußland) als eine bloße, fast gleichgültige Förmlichkeit, sondern

als eine bedeutungsvolle Thatsache. Überdies sei die Stimmung von

Deutschland hinsichtlich dieser Angelegenheit +so+, daß man sich

leicht sehr verletzt fühlen dürfte, und es erscheine nicht rathsam die

+Form+ als Entschuldigung voranzustellen, wo es sich um einen

+Inhalt+ handele. Die Besorgniß endlich, daß man einen Störefried

zum Congreß senden werde, habe nach Herstellung eines gemäßigten

Ministeriums keine Bedeutung mehr u. s. w.

Ich hoffe, die gründliche frankfurter Darlegung der Verhältnisse in

dem hier eingegangenen und mitgetheilten Schreiben wird endlich eine

günstige Entscheidung herbeiführen. -- bemerkte jedoch: es sei weder

eine leichte noch erfreuliche Aufgabe, Schwierigkeiten lösen und

Parteien versöhnen zu lassen, welche täglich schroffer entgegentreten.

Nachrichten aus Turin zu Folge wären die Italiener gereizter als je

(~plus montés~) und die Aussicht, daß Österreich in dem ruhigen

Besitze der Lombardei bleiben könne, habe sich in den letzten 14 Tagen

wiederum vermindert. Die Sieger hätten nicht verstanden die Gemüther

zu gewinnen, Auswanderungen dauerten fort und auch das Landvolk werde

unruhig und den Österreichern abgeneigt u. s. w. -- Diese läugnen

ihrerseits die Wahrheit dieser Anklagen und behaupten: sie beruhen auf

leidenschaftlichen Berichten entflohener Aufrührer u. s. w.

Mittags.

Gestern Abend war ich bei dem Präfekten der Seine, Hrn. Trouvé-Chauvel.

Das neue Gebäude der Mairie und die Wohnung des Präfekten ist höchst

prachtvoll und sehenswerth. Die Erleuchtung glänzend, alle Säle und

Stuben überfüllt von Nationalgardisten, unter denen einige schwarze

Würmer einzeln und mühsam umherkrochen, oder sich durchwanden. Von

Gesprächen oder Erfrischungen also natürlich nicht die Rede. Die Luft

(obgleich einige Fenster geöffnet waren und die Zimmer sehr hoch sind)

doch überhitzt und kaum athembar. -- Hr. Trouvé stand an der Thür und

war genöthigt, unzählige freundliche Bücklinge zu machen, und unzählige

Hände aller Art zu drücken. Seine Frau (Leidens- und Freudensgefährtin)

saß neben ihm allein, wie auf der Sellette. Macht das nun glücklich,

ist das Geselligkeit? Geselligkeit der höchsten, ausgebildetsten,

pariser Art? Ich kann mir wohl denken daß hungrige Proletarier, welche

dies sehen, oder davon hören, Lust bekommen drein zu schlagen und zu

plündern!

So lange Cavaignac und Bastide an der Spitze stehen, hat Deutschland

von Frankreich nichts zu fürchten, unsere Wühler haben nichts zu

hoffen. Daher verwandelt sich ihr früheres Lob der hiesigen Regierung

bereits in bitteren Tadel, und sollten sie einst mich und meine

Bestrebungen bemerken, werde auch ich ihren Schmähungen nicht entgehen.

Die eine finanzielle Hauptthorheit: „~L’impôt progressif~“, ist

gestern, Gott Lob! in der Nationalversammlung mit 644 Stimmen gegen

96 durchgefallen. Möge es mit dem Vorschlage nur einer Kammer ebenso

gehen. -- Wie in Deutschland, ist man auch hier über die frankfurter

Gräuel empört, und äußert sich bitter über die Unthätigkeit der dasigen

Bürgerwehr. In Bezug auf Struve’s neue Schilderhebung heißt es heute in

der „Presse“: ~Si l’Allemagne serait demain une république; tous ces

chefs sans talens et sans idées, s’entretueraient, les uns les autres;

ou pour échapper à la guerre civile, ils déclareraient la guerre

extérieure à l’Europe entière. La plupart des Démocrates unitaires ne

savent ce qu’ils veulent ni où ils tendent etc.~

Den 27. September.

Endlich ist er mir nach mehrfachem vergeblichen Bemühen gelungen, den

sehr beschäftigten und überlaufenen Hrn. Minister Bastide zu sprechen,

und zwar

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 13 / 15 题