6) Welche Minister sind nothwendig, und welche Stellung sollen sie zu
den Direktoren und zum Reichstage erhalten? u. s. w. u. s. w.
Ihr seht, des Stoffes ist genug zu Streit und zu Versuchen. Die
Woche wird wohl hingehen, bevor wir zu einer, hoffentlich nicht ganz
thörichten, Entscheidung kommen.
Die Sitzung dauerte heute von 9-½3 Uhr. Zuerst ein Bericht über die
böhmisch-tschechische Frage, wo man beschloß, eine große Proklamation
zu erlassen, während man die Deutschen in Prag todtschlägt.
Zu den alten 17 Anträgen über die neue vollziehende Gewalt, waren
34 neue gekommen, und 113 Redner meldeten sich. Der Vorschlag, daß
+Alle+ vor dem Schlusse gehört werden +müßten+, fiel Gottlob
durch, und eine allgemeine Untersuchung über die Nothwendigkeit der
Maßregel, ward für entbehrlich erklärt.
Die Linke war heute in den Erörterungen gewiß nicht die stärkere,
erfreute sich aber, wie natürlich, des Beifalls der Galerien. Ein Herr
-- ermüdete durch seine überlange und langweilige Rede, auch diese,
und einer meiner Nachbarn (ein wiener Advokat) schlief während der Zeit
wie eine Ratze. Nach einer verständigen Rede von Radowitz (an deren
voller Aufrichtigkeit jedoch Einige zweifeln) ließ sich ein Pfeifen,
oben, und vielleicht auch unten hören. Da verlor der Präsident Gagern
die Geduld und sprach von Ungezogenheiten und Bubenstücken; was das
Gesindel und die Schreivögel denn doch einschüchterte. Vortrefflich
redete Bassermann, sehr gut Dunker aus Halle; beide haben das
Verdienst, der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gegeben zu haben. Der
ächte Sieg war auf ihrer Seite. -- Auf den Inhalt näher einzugehen,
fehlt mir heute die Zeit. Es wird genügen, künftig etwas über die
letzten Ergebnisse zu sagen.
Nach beendigter Sitzung hoffte ich ruhig bei Hrn. Jouy zu essen; zu
dem Tische hatten sich aber einige Studenten oder studentenartige
Kreaturen eingefunden, welche Deutschland durchzogen hatten und vom
Sinne und der Stimmung seiner Bewohner Dinge verkündeten, über die
man bittere Thränen hätte weinen können! In unseren Tagen (lehrten
die neugebackenen Propheten) giebt die +Macht allein+ das +Recht+.
Die Fürsten müssen gerichtet und weggejagt werden, ein Bürgerkrieg
ist nothwendig und nützlich u. s. w. Und in demselben Augenblicke,
wo der Wahnsinnige mit eiskalter Gleichgültigkeit diese furchtbaren
Behauptungen ausspricht und meint, die Ereignisse hätten immer und
allein +Recht+, erzählt er achselzuckend: man habe einen Deutschen zu
Prag im Wirthshause mit Biergläsern und seine Frau in ihrer Wohnung
todt geschlagen, und einen Andern lebendig gekreuzigt!! -- Mit
solchen Leuten hilft kein Streiten, diese Pestbeulen lassen sich mit
gewöhnlichen Arzneimitteln nicht heilen. Auch sind sie an den Gedanken
terroristischen Guillotinirens vollkommen gewöhnt und untersuchen
nur, wo und wie der Anfang zu machen sei. Ich eilte aus dieser, an
die schlechtesten Zeiten der Revolution erinnernden Gesellschaft
fortzukommen. Ja, die Franzosen hatten weit mehr Veranlassung zu ihrer
Tollheit, und es war wenigstens Methode in derselben. Baboeuf und
Consorten sind genial und großartig gegen diese fluchwürdigen, sich und
Andere aushöhlenden, leeren Schwätzer, Phrasendrechsler und lächelnden
Meuterer.
Die heutige Sitzung (20.) begann um 9 Uhr und endete ½3 Uhr. Zuvörderst
große Begeisterung, vermöge welcher erklärt wurde: ein fremder Angriff
auf Triest gelte für eine Kriegserklärung. Muth und Ehrgefühl genug,
aber vor der Hand keine Mittel, den Beschluß geltend zu machen. Ich
hoffe, Karl Albert wird deshalb die deutschen Handelsschiffe im
mittelländischen Meere nicht aufbringen lassen. Am Schlusse der
Sitzung war man drauf und dran, mit verkehrter Eil, ein Heer nach Prag
zu senden, um die Deutschen zu schützen. Wohlgemeint; noch ist aber
nach Zeugnissen von Böhmen die ganze tschechische Bevölkerung auf dem
Lande ruhig, und ein solcher Heereszug der Deutschen könnte leicht
einen neuen Hussitenkrieg entzünden. Endlich ging es durch, die Sache
zu ruhiger Ueberlegung an den bereits hiefür bestehenden Ausschuß
abzugeben.
Den Inhalt der mehrstündigen Berathung über die zu errichtende,
vollziehende Gewalt kann ich nicht einmal im Auszuge hier wiedergeben.
Nur einige unbedeutende Nebenbemerkungen können Platz finden. Doch
ist es keine Nebenbemerkung, wenn ich behaupte, die +Zögerungen+ und
die +Nichtigkeit+ der Regierungen habe jene +wichtige+ Frage ganz in
die +Hände der Nationalversammlung+ gebracht, und diese werde gewiß
durchsetzen, was ihr gefällt. Der wohlgemeinte Vorschlag des Hrn.
Bürgermeister -- --: die vollziehende Gewalt in die Hände Preußens zu
legen, war bei der Stimmung der Versammlung unzeitig, und ward mit so
schwacher Stimme und so ohne rednerisches Talent entwickelt, daß er
völlig zu Boden fiel. Unter den Rednern der Linken ist Robert Blum bis
jetzt der bedeutendste. Er benutzte die Schwächen seiner Gegner sehr
geschickt, wußte mit sophistischer Gewandtheit seine Ansichten und
Grundsätze für die leicht begeisterten Unwissenden glänzend vorüber zu
führen, und erhielt natürlich den lauten Beifall seiner Freunde und
der, noch immer nicht zu bändigenden, Galerie. Höchst langweilig war
dagegen die im sächsischen Dialekte hersyllabirte Rede eines ähnlich
Gesinnten. Jeder, sagte er, ist gleich bei der Geburt ein Souverain;
welche erhabene Äußerung viel Heiterkeit erregte. Welker sprach mit
großer Lebendigkeit für seine, im Verhältniß zur äußersten Linken,
conservative Ansicht. Ähnlich ein Wiener, von Würth; -- Beckerath
ruhig, gemüthlich, überzeugend.
Ich begreife allmälig, daß König F. W. III. alle Abende ins Theater
ging, um seine Regierungssorgen los zu werden; mir bleibt fast auch
nur dies Mittel, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So sah
ich (19.) gestern einige Akte eines dramatisirten Volksmärchens von
Musäus, wo der verzauberte Barbier sich lustig genug ausnahm. Diese
Posse des Abends war gewiß besser und ergötzlicher, als der wilde Ernst
der veralteten, im Kopfe verwirrten, im Herzen angefrorenen Jugend,
des Mittags. -- Den 20. Nachmittags machte ich einen Spaziergang rings
um einen großen Theil der Stadt. Die Umgebungen sind, ich wiederhole
es, in ihrer Art höchst reizend; und ich kenne keine Stadt, welche in
dieser Beziehung Frankfurt gleich zu stellen wäre.
Funfzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.
Die gestrige Sitzung dauerte von 9-½3, die Versammlung im
völkerrechtlichen Ausschusse von 6-8; hiezu Lesen, Vorbereitungen,
Geschäftsbesuche u.s.w. Es ist ein Wunder, daß man leiblich und geistig
diese Anstrengungen aushält. Auch werden Manche schon matt wie die
Herbstfliegen, und noch gestern bewunderte ein jüngerer Mann meine
67jährige Rüstigkeit. Dank sei dem Himmel, und daß ich immer der Natur
gemäß gelebt habe: nirgends zu +viel+, oder zu +wenig+. Denn das letzte
taugt auch nicht, und macht alt vor der Zeit.
Die Sitzung begann mit einem Berichte über die böhmischen Verhältnisse,
der die argen Uebereilungen zurückwies, denen man sich vorgestern
in falscher Begeisterung hingeben wollte. Erst wenn Österreich es
verlangt, wird der Bund Mannschaft nach Böhmen senden.
Hierauf Fortsetzung der Berathung über die Bildung einer vollziehenden
Gewalt. Es fehlt nicht an halbwahren Vergleichen, schiefen Bildern,
rhetorischen Kunststücken und vor Allem an +Grobheiten+ gegen
Bundesversammlung, Fürsten und einzelne Gegner. -- -- -- Ein anderer
Hauptredner der Linken, Herr --, sagte: ihr seid allmächtig! Verkündet:
es soll Niemand mehr Zoll bezahlen, und es bezahlt Niemand mehr;
sagt den Bauern, ihre Abgaben sollen aufhören, und sie hören auf.
Derlei demagogischer Unsinn fand nebenbei seine Widerlegung, als die
Rede darauf kam: ob jene Allmacht sich auch bei neuen +Forderungen+
zeigen würde? -- Lächerlich war es, als er die +Genügsamkeit+ der
Linken rühmte; zur Ordnung rief man ihn, als er sagte: wenn +hier+ die
Mehrzahl nicht thut was wir wollen, so haben wir +draußen+ mächtigere
Hülfe u. s. w. -- Sehr geschickt rief der Präsident Gagern +nicht+ zur
Ordnung, sondern sagte: man lasse den Redner ausreden, denn es ist
gut, daß wir erfahren, welche Mittel jene Herren anwenden können und
wollen. Den Schreiern folgten nun mehre Redner, welche auf die Sache
selbst eingingen, und statt der Phrasen und flacher Rhetorik, ernste
und oft witzige Gründe vorlegten. So Auerswald und Beisler. Endlich
erwies Vincke sein altes Talent und sprach seine Ansichten mit Kühnheit
und Geistesgegenwart aus, ohne sich durch das Ach und Oh seiner Gegner
einschüchtern zu lassen.
Wie haben sich die Zeiten geändert! Im vergangenen Jahre, wollte ihn
der König nicht sehen, er war im Verrufe bei allen Schwachköpfen, er
sollte seiner Stelle entsetzt werden; und jetzt vertheidigt er Könige
und Fürsten wider maßlose Angriffe! Ging und geht es mir aber nicht
ebenso? -- Wiederum erblickt man hinter allem Lobe der Demokratie, die
Hinneigung zur Diktatur und zum Terrorismus.
Im Ausschusse führte ich und der Hamburger Herr Heckscher einen
lebhaften Streit gegen das Ansinnen: der Berichterstatter in einer
Sache solle Thatsachen, Gründe, Gegengründe u. s. w. u. s. w.
buchstäblich niederschreiben und vorlesen. Es war auf ein Corrigiren
wie der Quintanerexercitia abgesehen, würde unsäglich viel Mühe und
Zeit kosten, ein unerträgliches, schriftliches Verfahren, an die
Stelle mündlicher rascher Verhandlungen setzen und folgerecht auch
ein Ablesen der Reden herbeiführen. -- Beim Abstimmen fiel, in Folge
unseres nachdrücklichen Widerspruchs, die, allweise sich anstellende,
Pedanterie zu Boden.
Nachdem alle diese Kelche geleert waren, ging ich mit einem gescheiten
Baier Hrn. Gombart, spazieren bis Bockenheim und hatte neue
Veranlassung die Anmuth der Umgegend, die Schönheit der Gärten und die
Mannigfaltigkeit der Landhäuser zu bewundern.
Ich freue mich über M--s muthige Äußerungen. Er hat ganz Recht, daß so
große Umgestaltungen in der Weltgeschichte nicht ohne Wehen und Verlust
abgehen können. Wenn man den Muth nicht verliert, nicht verzweifelnd
die Hände in den Schoß legt, so wird man im kleineren, wie im größeren
Kreise nützlich wirken und zur Erhaltung oder Wiedergeburt nach Kräften
beitragen. Das bloße Lamentiren (wie --) hilft zu gar nichts, auch üben
gewöhnlich persönliche Vortheile, oder Nachtheile einen großen Einfluß.
Bevor man sich nicht über diese Rücksichten erhoben hat, kann man gar
nicht unbefangen einwirken.
Die Linke ist in B. so schwach, wie hier; wenn man nach ächter
Erkenntniß und Politik fragt. Allein Vorurtheil, Fanatismus und
Ehrgeiz überflügeln oft in ihrer gewaltsamen Bewegung, alle Wahrheit
und Einsicht. +Gut+, daß Sydow und Bauer +nicht+ ausgetreten sind.
-- Schutz des Volkes ist ein wohlklingendes, verständiges Wort; wenn
aber der, Gesetze übertretende, Pöbel sich Volk nennt, soll man nicht
schwatzen und liebäugeln; sondern mit Muth und Kraft entgegentreten und
handeln.
Sechzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 23. Junius 1848.
Ich dachte Euch heute endlich einmal einen recht fröhlichen Brief
zu schreiben, über den eingegangenen höchst wichtigen Bericht, die
Volksrechte betreffend. Nachdem wir hier so manches leere Stroh
gedroschen, handelt es sich von großen und wahren Fortschritten. --
Da langt die Nachricht von dem Abtreten des Ministeriums Camphausen
ein, welchem Ereignisse ich durchaus keine heitere, erfreuliche Seite
abgewinnen kann. Es fällt nämlich entweder durch eigene Schwäche
und Uneinigkeit, und das ist beklagenswerth. Oder es wird gestürzt
durch die steigende Macht der Linken; dann werden wir ein Ministerium
bekommen, wie das von Roland, Servan u. s. w. in Frankreich war, sich
stützend auf anarchische Massen, bis es in der allgemeinen Auflösung
mit hinweggeschwemmt wird. -- Oder das Ministerium zieht sich zurück
vor dem Könige, dem die Stellung eines constitutionellen Herrschers
nicht zusagt und der doch in der letzten Zeit nichts Erhebliches gethan
hat, seine wahren Freunde zu stützen und zu begeistern. Wer soll nun
der demokratisch-revolutionairen Klubs Herr werden, die in Berlin ihr
Nest aufschlagen wollen? Welch ein Mangel an wahren Männern, in Folge
einer Verwaltung, die allen Beamten die Flügel lähmte und den für
den besten hielt, der, wie ein begossenes Huhn, sich nicht über den
Boden erheben wollte und konnte! -- Suchen die Ultraroyalisten und
der König Hülfe bei den Russen, so trennt sich das übrige Deutschland
ohne Zweifel von den Preußen, und Vieles vom alten Sauerteige dürfte
in den neuen Brotteig gebacken werden. Beginnt man ohne fremde Hülfe
einen Bürgerkrieg, so ist der Ausgang sehr zweifelhaft: es könnte Reich
und Thron zusammenstürzen. Mit wahrem Muthe wäre jedoch Alles noch zu
retten. -- -- --
Es hatten verlangt über die vollziehende Gewalt zu sprechen,
189 Redner. Ein Zeichen parlamentarischer Ungeübtheit und
Plauderhaftigkeit. Ich steckte übrigens auch in jener Zahl, wußte
aber schon im Voraus, daß ich nicht an die Reihe kommen und der
Versammlung schon früher die Geduld ausgehen würde. Nun beschloß man
gestern: einigen vorhandenen, oder vorausgesetzten Parteien aufzugeben,
in +Privat+zusammenkünften je zwei Redner zu erwählen, die da noch
sprechen sollten. Ich schreibe deshalb heute dem Präsidenten: der
gestern gefaßte Beschluß, daß gewisse Personen in Privatzusammenkünften
eine Zahl Redner auswählen, alle übrigen aber schweigen sollen, mag für
den vorliegenden einzelnen Fall, als Nothbehelf zweckmäßig erscheinen;
sollte aber hierauf eine Regel gegründet werden, so müßte ich, mit
gleichgesinnten Freunden, dem Verfahren widersprechen, da es allen
parlamentarischen Gebräuchen zuwiderläuft. Denn alle Diejenigen würden
auf diesem Wege zu stetem Schweigen verurtheilt werden, welche für den
einzelnen Fall keiner bestimmten Partei beitreten; oder bei keiner
in Gunst stehen, oder (wie z. B. der edle Wilberforce und Andere in
England) es für ein Recht und eine Pflicht halten, ihre Unabhängigkeit
zu behaupten und die nicht blos scharfe Gegensätze erzeugen, sondern
für feste, positive, erreichbare Zwecke vermitteln möchten. Dem
Andrange einer Überzahl von Rednern, kann unseres Erachtens nur dadurch
abgeholfen werden, daß Mehre nach freundlicher Verabredung ihre Namen
ausstreichen lassen, wodurch die +Erwünschteren+ (aber in +anderer
Form+) an die Spitze kommen; oder daß die +volle+ Versammlung unter
den aufgeschriebenen Rednern aller verschiedenen Richtungen eine Wahl
trifft; oder daß sie die Berathung schließt, was parlamentarisch allen
Ansprüchen ein Ende macht.
Ich durfte so etwas sagen, da ich mich nie zum unnützen Reden
vordrängte und das eine Mal nur um wichtige Thatsachen vorzulegen.
Trotz aller, zum Theil gerechten Vorurtheile, die man gegen das
frühere Wirken von Radowitz hat, sprach er heute so verständig und
würdig, daß er (selbst für Abweichendes) Gehör fand. Desto mehr
phraseologirte Hr. Zitz, desto ungeschlachter und gröber ließ sich
Hr. -- vernehmen. Letzt soll er gesagt haben: damit es gut werden
könne, müsse man +Basser+männer und +Bieder+männer, und alle
ähnlichen +Männer+ köpfen. Mit ähnlichen Andeutungen, bedient
er die Fürsten und ein anliegender Antrag von Mareck zeigt, was man
amtlich zu fordern wagt! Als eine zweite Probe der Thorheit, lege ich
die erstaunenswürdigen Vorschläge des Eisenacher Studentenparlamentes
bei. Welche schöne Aussicht für die Professoren! Denn als Gegenstück
der Freiheit, keine Vorlesungen mehr zu hören, wird man doch den Satz
aufstellen: der Professor brauche keine mehr zu halten. Stoff zu
heiteren Lustspielen, den Raupach benutzen und ausarbeiten sollte. --
Bis jetzt glaubte ich, der Präsident Gagern stehe von Allen anerkannt,
ruhig und sicher auf der Tageshöhe; gestern Abend haben ihm aber
Souveraine von der Galerie und anderes Gesindel, eine Katzenmusik
gebracht. Einen Antrag Venedey’s hierüber eine Discussion zu eröffnen,
lehnte er mit Recht ab; da die Frankfurter sich nicht so nachtmützig
benommen haben, wie die Berliner. Sie schlugen drein, verhafteten
sogleich Mehre und einer der über eine Mauer entfliehen wollte,
brach (wie man erzählt) ein Bein. Man munkelt von Einwirkungen höher
gestellter Wühler. Ob derlei Leute mitschreien und mauzen, oder nicht,
gilt gleich; gewiß erregen ihre heillosen Reden zu Thaten solcher Art.
Hoffentlich schreckt der bewiesene Ernst der hiesigen Bürgerwehr von
Wiederholungen ab, und hätte man in Berlin nicht Alles mit weißer Salbe
bestrichen, hätte man den Spruch befolgt ~principiis obsta~,
würde man nicht ungestört im Zeughause plündern und hernach -- -- --
Siebzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 24. Junius 1848.
Ich könnte mich allmälig für einen großen Diplomaten halten; denn ob
ich gleich den Polen, und den Abgeordneten aus Trient und Roveredo
(Pretis, Vettorazzi, Marsilli und Prato) mit gewohnter Aufrichtigkeit
sagte, hinsichtlich welcher Hauptpunkte ich bestimmt +gegen sie+
stimmen würde, sahen die Letzten doch, wie bereit ich war, in
+möglichen+ Dingen ihre Wünsche zu unterstützen. Und so schieden wir
als die besten Freunde; auch versprachen sie mir die beste Aufnahme,
wenn ich je wieder in ihre Gegend kommen sollte.
Soeben sehe ich, zu einigem Troste, aus der spikerschen Zeitung vom
22. d. M., daß sich endlich kräftige Stimmen für Recht und Ordnung in
Berlin erhoben, damit die Schande des Benehmens nicht Alle treffe, und
die Rückkehr zum Besseren angebahnt werde.
Die heutige Sitzung war sehr lang (9-3 Uhr), aber doch nicht
langweilig, vielmehr ward überwiegend gut gesprochen, und man schien
sich einem erfreulichen Ziel zu nähern. R. Blum begann in seiner
gewöhnlichen, geschickten, aber allerdings mit Sophismen durchzogenen
Weise. Doch versprach er ohne Bitterkeit und Persönlichkeit zu reden,
und hielt auf löbliche Weise sein Wort. Ähnlich Lichnowsky, obgleich
von ganz entgegengesetztem Standpunkte ausgehend und ihm vollgewichtig
die Wage haltend. -- Vogt aus Gießen schwächer, in Phraseologie
verfallend, Zweifelhaftes als unläugbar, Vorausgesetztes als erwiesen
hinstellend u. s. w. Raveaux brachte durch eine vorsätzliche
Seitenwendung die Rede auf die bekannte freundliche Erklärung
Frankreichs gegen Deutschland. Mit allgemeiner Begeisterung ward diese
Freundlichkeit von allen Seiten erwidert, zu gleicher Zeit aber mit
nicht geringerem Beifalle hinzugesetzt: jeder Verletzung deutscher
Rechte und Gränzen werde man einig und mit aller Kraft entgegentreten.
Beides war +gut+ und +löblich+. -- Ich übergehe Personen und Inhalt
anderer Reden; erst die des Präsidenten Gagern war praktisch, erneute
die Aufmerksamkeit und +überraschte sehr+ in zweifacher Weise.
Erstens durch die (von der Linken mit lautestem Beifall aufgenommene)
Erklärung: die +Versammlung+ solle den Reichsverweser, +ohne+ weitere
Theilnahme der Regierungen, ernennen; aber derselbe solle (der Rechten
gelegen) kein Privatmann, sondern Fürst aus einem der ersten Häuser
sein. Die Wahrscheinlichkeit ist hiedurch sehr gewachsen, ~a)~ die
Versammlung werde allein wählen; ~b)~ der Erwählte werde ein Fürst,
~c)~ es werde der Erzherzog Johann von Österreich sein. -- Nach vielem
Hin- und Herüberlegen möchte dies, aus vielen Möglichkeiten, der
beste Ausweg sein; oder wenigstens praktisch weniger Schwierigkeiten
und Widersprüche herbeiführen, als irgend ein anderer Vorschlag.
Jeden Falls ist es sehr wünschenswerth, daß sich für den zu fassenden
Beschluß eine +sehr große+ Mehrzahl ausspreche, und demselben dadurch
ein unentbehrliches Gewicht gebe.
Mit wie erstaunlichem Nachdruck tritt das ganz für aufgelöset erachtete
Österreich in Böhmen und Croatien auf. In Prag dieselben Schüsse (wie
in Berlin, Paris u. s. w.), dasselbe Geschrei von Verrath; dann aber
eine Entschlossenheit, welche nicht blos daraus hervorging, daß man des
Fürsten W. Gemahlin mörderisch erschossen hatte.
Achtzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Junius 1848.
Ich freue mich jetzt auf den Sonntag, wie ein schwer belasteter
Tagelöhner, und danke dem Himmel, daß der Vorschlag, auch an diesem
Tage Sitzung zu halten, verworfen ward. Gestern dauerte diese von 9-3
Uhr, hierauf Ausschuß von 6-8, endlich im Weidenbusche (nach eiligem
Abendbrote) Berathung von ½9-10 Uhr, Summa 9½ Stunde Berathungen,
und in den kurzen Zwischenzeiten die Pflicht gar vielerlei zu lesen und
zu hören.
Von der gestrigen Sitzung berichtete ich schon; im Ausschusse
wurden deutsche und wälsche Abgeordnete Tirols, sowie Österreicher,
gehört (davon künftig); zur Versammlung im Weidenbusch mußte ich
diesmal, meiner Pflicht halber, hingehen. Ich setzte nämlich (gleich
den Meisten) voraus: Hr. von Gagern werde seinen +untrennlichen+
Vorschlag +ungetrennt+ zur Abstimmung bringen; das heißt: ~a)~ Wahl
eines +Fürsten+, ~b)~ durch die +Versammlung+. Denn wenn das letzte
mit Stimmenmehrheit angenommen, das erste aber verworfen würde, so
hätte man sich auf einen Weg verlocken lassen, den sehr Viele gar
nicht betreten wollen. Nun will aber Hr. v. Gagern über seinen,
spät eingebrachten Vorschlag, gar nicht abstimmen lassen; sodaß
seine Rede nur die Wirkung haben dürfte, Manchen für die Wahl durch
die Versammlung zu stimmen, ohne jene erste wichtige Hälfte irgend
zu berücksichtigen. Hiedurch ward es doppelt nothwendig, sich über
die bevorstehende Fragestellung zu einigen und den Forderungen der
Linken, die des Centrums und der Rechten gegenüber zu stellen. Dies
ist geschehen; der Ausfall der Abstimmung aber noch gar nicht mit
Sicherheit vorherzusehen. Der Ausschuß hat seine frühern Vorschläge
wesentlich verändert, und Viele hoffen auf ihre Annahme (weil sie
die Theilnahme der Regierungen nicht ganz ausschließen), während die
Linke die Entscheidung allein in die Hand der Versammlung legen, und
die völlige Auflösung des Bundestages sogleich beschließen will. In
so weit als dessen früherer Wirkungskreis durch die neuen Gesetze
aufgehoben wird, nimmt er gewiß ein Ende; es ist aber gar viel
nachzuweisen, zu überweisen, Rechnung abzulegen u. s. w.; auch wird
der künftige Präsident, oder Reichsverweser und seine Minister immer
Personen bedürfen, durch welche er sich mit den einzelnen Staaten in
Verbindung setzt und auf sie wirkt. Jeden Falls ist dies nur möglich,
wenn der unbekannte +Eine+ (der Vorschlag 3 an die Spitze zu stellen
wird schwerlich durchgehen) wirklich das allgemeine Vertrauen
genießt, wenn er zur Weisheit, Mäßigung gesellt, und die Einigkeit
Deutschlands mehr ist als ein leeres Wort. Übel blieb es, daß man sich
immer in ~abstracto~ über die +Eins+ und die +Drei+ stritt, über diese
unbenannten Zahlen und bloßen +Quantitäten+; während noch mehr auf die
+Qualitäten+ ankommt, und jene Zahlen erst durch scharfe Benennung
und Bezeichnung die rechte Bedeutung und das rechte Gewicht erlangen
können. Aber selbst durch diese Bezeichnung der Person und ihres
Wirkungskreises sind die Schwierigkeiten nicht gehoben, welche sich
Jahrhunderte lang durch die deutsche Geschichte hindurchziehen, über
das Verhältniß der Kaisergewalt zur Fürstengewalt, und des Reiches
zu den einzelnen Staaten. Das +eine deutsche+ Heer z. B., welches
mehr oder weniger vom Reichsstatthalter abhängen soll, wird immer +zu
gleicher Zeit+ ein preußisches, österreichisches u. s. w. bleiben;
und ein Befehl von Frankfurt aus schwerlich überall raschen Gehorsam
finden, sofern er nicht mit Dem übereinstimmt, was man in Wien, Berlin,
München u. s. w. will. Hätte +hier+ die Versammlung (ihre Befugniß
überschreitend) sich noch mehr Kriege auf den Hals geladen; soll der
Ungehorsam für Hochverrath an Deutschland gelten? So hat schon der
einseitige Beschluß, Schleswig in den deutschen Bund aufzunehmen, die
übelsten Folgen gehabt; und man war unfolgerecht drauf und dran, in
thörichter Begeisterung ganz Posen umgekehrt den Polen zu opfern.
Doch, ich will nicht blos verneinen; man +muß+ auf dieser Bahn mit
Hindernissen vorwärts, man kann das unglückliche Provisorische jetzt
nicht mehr ganz vermeiden, man wird durch Feststellung der Volksrechte
einen +löblichen+ Grund zu einer +neuen+, +wichtigen+ Entwickelung
legen. Welche Anarchie, oder Despotie uns auch noch bevorstehen mag;
gewisse +große+ Wahrheiten und Grundsätze lassen sich (wenn sie einmal
mächtig in die Weltgeschichte eingetreten sind), auf die Dauer nicht
wieder ausrotten. Von solchen +politischen+ Grundsätzen war beim Sinken
des römischen Reiches nicht die Rede, und dogmatische Spitzfindigkeiten
konnten ihren Mangel nicht ersetzen. Darum fehlt es der Behauptung
an zureichenden und nothwendigen Gründen und Beweisen: wir gingen
unausbleiblich einer byzantischen Auflösung entgegen. Geschieht es
dennoch, so ist es Schuld der Einzelnen und der Völker; die natürlichen
Verhältnisse stellen eine solche Krankheitsgeschichte und einen solchen
Tod noch nicht als +unausweichlich+ vor Augen.
Den 26. Junius.
Gestern waren zwei Versammlungen der Rechten und des Centrums im
Sarazin’schen Hause und im Weidenbusche, um sich über den hinsichtlich
der vollziehenden Gewalt einzuschlagenden Weg zu berathen. Dort fast
lauter Preußen, hier Abgeordnete aus allen Theilen Deutschlands.
Besonders in der letzten zeigte sich wieder ein großer Mangel an
parlamentarischer Zucht, und wie die angeblich Gleichgesinnten eben
nicht gleich gesinnt sind, es sei aus Mangel an Muth oder an Einsicht.
Während sich die Linke und das linke Centrum klüglich zu +einem+
Zwecke geeinigt haben und kleinere Verschiedenheiten fallen ließen,
fanden sich in dieser Beziehung in unseren Versammlungen die größten
Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten. Ich gebe Beispiele: Man muß
bei der Mangelhaftigkeit der bisherigen Beschlüsse und der vorgelegten
Fragstellung, neue zweckmäßige Anträge machen (Tellkampf). -- Man muß
an den bisher vertheidigten Grundsätzen für wesentliche Theilnahme der
Regierungen bei Ernennung der vollziehenden Gewalt festhalten, und sich
selbst um so weniger aufgeben, da Herr von Gagern für die alleinige
Wahl durch die Versammlung, keine neuen Gründe beigebracht hat, und
eine solche auch keineswegs überall in Deutschland Beifall finden würde
(Radowitz, Vincke). -- Es genügt zu sagen: die Versammlung wählt, unter
+Voraussetzung+ der Beistimmung aller Regierungen (Beckerath). --
Sie wählt im +Vertrauen+ auf eine solche Beistimmung (Duncker).
-- Hrn. von Gagern’s Rede hat so viel Eindruck gemacht, daß es
vergeblich ist, sich für eine Theilnahme der Regierungen auszusprechen.
Man muß ein Princip aufgeben um der guten Sache willen, um eine große
Mehrzahl für den zu fassenden Beschluß zu erhalten, und dadurch eine
willige Anerkenntniß und kräftige Wirksamkeit für die neu zu schaffende
Gewalt herbeizuführen (Saucken, Simson) u. s. w. u. s. w.
Ich that auch einmal (ausnahmsweise) den Mund auf, und mag im
Wesentlichen Folgendes gesagt haben: Herr Tellkampf’s Antrag dürfte an
sich der beste sein, da er aber den gefaßten Beschlüssen widerspricht,
würde er gewiß, nach fruchtlosem Streite, verworfen werden. Doch kann
ich nicht unbemerkt lassen, daß die Art und Weise, wie man die Redner
gewisser Parteien wählen ließ und +allein+ ihnen das Wort verstattete,
ganz unparlamentarisch ist, und gutentheils die jetzige üble Lage
herbeigeführt hat. (Siehe was ich hierüber bereits früher schrieb.) --
Die Besserungsvorschläge der Herren Beckerath und Duncker sind ganz
ungenügend und bloße Worte. Denn die äußerste Linke wird sehr gern
+voraussetzen+ oder das +Vertrauen haben+, daß die Regierungen sich
ihren Vorschlägen und Wahlen +unterwerfen+. Jene Fassung läßt den
Regierungen gar kein +Recht+ der Bestätigung oder Verwerfung. Früher
schlug der +Ausschuß+ vor, die Regierungen sollten bezeichnen oder
wählen, und die Versammlung bestätigen. Will man jetzt die Reihenfolge
umkehren, so muß den Regierungen das Bestätigungsrecht bleiben. Will
man sich (lang vertheidigte Ansichten aufgebend) den Vorschlägen des
Hrn. von Gagern unterwerfen; nun so muß man sie wenigstens nicht
halbiren, und sich dadurch eine vollständige Niederlage zuziehen.
Will man die Wahl +allein+ der Versammlung zugestehen, so soll
vorher und als Ausgleichung, Gagern’s zweiter Vorschlag von den
Gegnern ebenfalls angenommen werden: nämlich, daß die Wahl auf einen
+Fürsten+ und nicht auf einen +Privatmann+ fallen müsse. Praktisch
mögen die Formen unbedeutend sein: denn Versammlung und Regierungen
können unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Mann wählen oder
vorschlagen, der nicht der allgemeinsten Achtung genösse. Wie aber,
wenn dieser (etwa der Erzherzog Johann), der lästigen Bedingungen
halber, ablehnte; wenn dies ein Zweiter, ein Dritter thäte, so könnte
(beim Mangel aller gesetzlich regelnden Bestimmungen) Hr. Blum oder
Hr. Zitz zum Reichsverweser erwählt werden. Man sagt: um ein gutes
Ziel zu erreichen, muß man das Geringere, ein Princip, aufgeben.
Ist dies falsch, so versteht es sich von selbst, daß eigensinnige
Aufrechthaltung desselben nichts taugt; ist es aber richtig, so kann
dessen Vertheidigung der guten Sache nichts schaden. Nur eine schlechte
Sache verträgt sich nicht mit einem wahren Grundsatze. Auch handelt es
sich gar nicht um einen einzelnen Fall, um eine einzelne, sogenannte
gute Sache, sondern um einen folgereichen, allgemeinen Grundsatz.
Eine starke Minderzahl für denselben wirkt heilsamer, als eine durch
schwächliche Nachgiebigkeit erkaufte große Mehrzahl, hinter welcher
sich Irrthümer und die künftigen bösen Folgen nur zu leicht verbergen.
Geben wir zu: daß +eine Kammer+ überall ausreiche, daß sie +allmächtig+
sei, daß neben ihr in Deutschland +gar keine gesetzliche+ Gewalt mehr
bestehe, daß +alle+ Regierungen sich ihr +unbedingt+ unterwerfen
müssen; so ist es unnütz und thöricht, über irgend einen einzelnen
Punkt noch mit der Linken zu streiten. Sie hat obgesiegt, und wird uns
+aus+ allen unhaltbar gewordenen Stellungen vertreiben.
So ungefähr mein Stoßseufzer. Ich verließ, des Lärmens müde, die
Versammlung im Weidenbusche vor dem Schlusse; hoffe jedoch, die größere
Zahl wird sich dafür geeinigt haben: die Wahl +müsse+ auf einen
Fürsten fallen und die Bestätigung der Regierungen eingeholt werden.
Darohne mag der Reichsverweser viel befehlen, aber er wird wenig
Gehorsam finden, und seiner Stellung bald überdrüssig werden. Man hätte
die Zeit der weitläufigen Verhandlungen über ein kurzes Provisorium
lieber auf die eilige Entwerfung der Verfassung wenden, und wo möglich
ein Definitivum zu Stande bringen sollen.
Es mag wahr sein, daß die Regierungen lieber bestätigen, als
vorschlagen, um dadurch bevorstehenden Vorwürfen leichter zu entgehen;
ja manche sagen: wählt nach den Wünschen der Linken, um diese zu
beruhigen. Wird denn aber der Erwählte nebst seinen Gehülfen wirklich
in Ruhe verbleiben? Wird nicht der Lärm, nebst den Uebergriffen,
in höherem Wirkungskreise noch weit gefährlicher? Und zeigen nicht
abschreckende Erfahrungen, daß erwählte Parteihäupter schnell Anhang
und Einfluß verlieren, und denen Platz machen müssen, die sie wild
überbieten? Uebergeben Einzelne nicht schon jetzt der Versammlung
Vorschläge, alle Fürsten wegzujagen; das heißt, einen unabsehlichen,
entsetzlichen Bürgerkrieg zu beginnen? Bei dem Systeme, überall feige
Concessionen, Zugeständnisse zu machen, wird es auch +dahin+
kommen, und bei einer Volksversammlung in Höchst haben Einzelne gestern
gesagt: wenn die Reichsversammlung in der Paulskirche heute nicht so
stimme, wie man es fordere, werde sie gar nicht mehr stimmen. Einem
hierüber Erschrockenen und Furchtsamen entgegnete ich: es sei noch gar
nicht davon die Rede, auf curulischen Stühlen zu sterben, sondern etwa
Eindringende hinauszuwerfen und sie ledergar zu prügeln. Dazu seien 600
+unverletzliche+ Reichstagsabgeordnete stark genug; -- die höchst
entschlossene, muthige Bürgerschaft Frankfurts ungerechnet. So, um Muth
zu machen!
Ich komme aus der Vormittagssitzung (9-2 Uhr), welche recht deutlich
zeigte, wie üble Folgen scheinbar unbestrittene, aber verkehrte
Beschlüsse haben. Die Art, wie man Vielen das Wort versagte, und nur
einer willkürlichen Zahl von Parteimännern das Recht zu sprechen gab,
+schien+ übermäßige Weitläufigkeiten abzuschneiden und rasch zum
Ziele zu führen. Aber es +schien+ nur so; und es traten seitdem
allmälig alle die Uebelstände ein, welche ich vielen Abgeordneten
-- vergebens -- weissagte, und die ich in meinem Schreiben an den
Präsidenten wenigstens zum Theil bezeichnete. Viele Punkte wurden
nämlich gar nicht oder einseitig erörtert, und nachdem man darüber zur
Besinnung kam, wuchsen Einwendungen hervor, welche (seitdem man sich
einmal auf einen falschen Weg begeben hatte) keine gute Statt finden
konnten. Heute kamen also (gegen meinen Rath) von einigen Gliedern der
rechten Seite Verbesserungsvorschläge (Amendements) zum Vorschein,
denen die Linke, wie vorherzusehen, mit der Einrede entgegentrat:
daß dies, zufolge der Geschäftsordnung, nach dem Schlusse der
Berathung, nicht mehr erlaubt sei. Man erwiderte: ein solcher Schluß
sei noch nicht vorhanden, und nach +einer+ Abweichung von der
Geschäftsordnung sei es natürlich und nothwendig, deren +mehre+
zu gestatten. Meine Behauptung: die Linke werde, wenn man sich auf
diesen Boden begebe, Stimmen gewinnen und obsiegen, bestätigte sich so
sehr, daß selbst Radowitz und Vincke ihren Einwendungen beistimmten!!!
So die Einigkeit und Weisheit der Antirevolutionairen!! -- Hiezu kam
der innere Mangel der Verbesserungsvorschläge selbst. So schlugen Hr.
Bassermann und von Auerswald vor: „Die provisorische Centralgewalt wird
einem +nicht regierenden+ Mitgliede eines deutschen Regentenhauses
als Reichsverweser übertragen. Die Nationalversammlung wählt denselben
im +Vertrauen+ auf die Zustimmung der deutschen Regierungen.“
Hiegegen konnte man (selbst vom Centrum aus) fragen: warum sollen alle
+regierenden+ Fürsten ausgeschlossen werden? Man konnte (wie ich
schon oben) behaupten: die Redensart von Vertrauen sei inhaltslos und
führe zu gar nichts. Der Mangel an Entschlossenheit und Sicherheit
hinsichtlich der Ansichten und Zwecke offenbarte sich überdies von
Neuem, als Hr. Bassermann den Vorschlag +zurücknahm+, Hr. von
Auerswald aber daran festhielt. So blieben nicht einmal die Urheber
des Antrags eines und desselben Sinnes! Nun trat aber, nach ertheilter
Erlaubniß, auch die Linke mit neuen Behauptungen und Anträgen hervor:
„man habe keinen Grund, den Regierungen zu vertrauen, man müsse alle
Fürsten bestimmt von der Wahl ausschließen u. s. w.“ So ward denn die
fünfstündige Schlacht verloren, und in der auf heute Nachmittag 5 Uhr
anberaumten Sitzung werden höchst wahrscheinlich alle Vorschläge der
Rechten zurückgenommen, um wenigstens die +neuen+ Batterien der
Linken zu entwaffnen.
Den 27. Junius.
Das war ein Jammer! Hr. Heckscher hatte zu dem Verbesserungsvorschlage
des Hrn. v. Auerswald einen anderen gestellt, des Inhalts: „Die
provisorische Centralgewalt wird einem Reichsverweser übertragen,
welchen die Nationalversammlung im +Vertrauen+ auf die Zustimmung
der deutschen Regierungen wählt.“ Man widersprach nun von der Linken
dem Anbringen jedes neuen Vorschlags, und insbesondere den letzten
Worten desselben. Mir schien es überhaupt unnöthig über diese
nichtssagende Formel großen Streit zu erheben; wenn man die Hauptsachen
(Vorschlags-, Ernennungs- oder Bestätigungsrecht der Regierungen)
aufgab. Hr. Heckscher weigerte sich seinen Vorschlag zurückzunehmen
(wonach man, der Billigkeit gemäß, auch der Linken das Recht einräumen
mußte neue Vorschläge zu machen), und sagte bei dieser Gelegenheit und
in Bezug auf eine Thatsache: die Galerie zolle den Vorschlägen der
Linken schon Beifall, bevor der Inhalt derselben bekannt geworden. Die
Linke sah hierin eine Verdächtigung, oder Beleidigung und verlangte daß
der Vorsitzende, v. Soiron, den Redner zur Ordnung verweise. Als Soiron
diese Forderung nicht begründet fand, erhob sich auf der Linken und
den Galerien ein solcher Lärm, daß die Sitzung erst unterbrochen, dann
aufgehoben werden mußte. Ich habe das Meer brausen, ich habe Ochsen
brüllen hören, ich habe mich entsetzt vor dem Chore, das Löwen und
Tiger in den Surreygardens im Wettgesange anstimmten; aber dies Alles
ward weit überboten von dem Schreien und Wüthen der Linken und der
Galerien, -- zum Beweise der neuen Einigkeit Deutschlands!!
Mochte Heckscher und der Präsident Unrecht haben, so gab es doch
ruhige, gesetzliche Mittel dasselbe abzustellen; jenes bestiale
Verfahren läßt sich in gar keiner Weise rechtfertigen, und macht (bei
Allen die nicht näher unterscheiden) die Versammlung verächtlich.
Ich tadele mich bisweilen, daß ich mich nicht hervordränge und
mitspreche. Es reden aber ohnehin schon zu Viele, und wie wenig man
damit ausrichtet, habe ich ja vorgestern selbst erfahren, wo meine
+warnenden+ Worte, selbst unter Gleichgesinnten, gar keine
Wirkung hatten, und man den ganz dummen Angriffsplan annahm, welcher
nothwendig zur Niederlage führen mußte. -- Im Weidenbusche machte
ich aufmerksam auf gefährliche Zweideutigkeiten, die Ernennung der
Feldherrn und den Oberbefehl über alle Heere betreffend. Man nahm, als
sei es unwichtig, darauf keine Rücksicht, hat aber bis 2 Uhr in der
Nacht geredet über Worte und Redensarten wie: +voraussetzen+,
+Vertrauen haben+ u. dgl. mehr. Jetzt, nach der Niederlage,
wundern sich Viele, daß das geschehen ist, was man ohne Weissagungsgabe
vorhersehen konnte. Bei der Weise, wie man täglich, ja stündlich,
Boden verloren, oder aufgegeben hat, wird höchst wahrscheinlich alle
wirksame Theilnahme der Regierungen bei der Wahl des Reichsverwesers
ausgeschlossen: sie +müssen+ vorschlagen bis die Versammlung
beistimmt, oder deren Wahl bestätigen, -- oder sie werden +gar
nicht+ gefragt. Das mag, hinsichtlich des letzten Ergebnisses, für
diesen +einzelnen+ Fall wenig bedeuten (denn die Mehrzahl der
Versammlung wird übereinstimmend mit den Wünschen der Regierungen
wählen); aber die +Allmacht+ der Versammlung zur Regel und zum
Gesetz erhoben, kann (der Form nach) zu den großen Übeln führen, die
in ähnlichen Verhältnissen fast nie ausgeblieben sind. Alle diese
Betrachtungen und Klagen sind jedoch jetzt völlig unnütz. Wie die
Sachen stehen und liegen, kommt es nicht mehr darauf an, sich auf
völlig unhaltbar gewordenem Boden unnütz abzumühen.
Nochmals von der Gagernschen Katzenmusik. Sobald die Wachen und die
Bürgerwehr Nachricht von dem Vorhaben erhielten, besetzten sie eiligst
die Straße von beiden Seiten, rückten in voller Breite derselben und
in geschlossenen Reihen vor, und nun gabs Prügel, blutige Köpfe und
Verhaftungen, mehr als die ganze berliner Bürgerwehr jemals ausgetheilt
oder zu Stande gebracht hat. Die Katzen sollen sich seitdem als heiser
haben melden und entschuldigen lassen.
Erst heute habe ich eine freie Stunde gefunden, das hiesige Museum zu
besuchen, und mich an seinen Schätzen zu erfreuen. Darunter manche
alte Bekannte, Huß, Ezelin u. s. w. Wie unendlich verschieden die
Auffassung des Schönen bei den Griechen war, lehrt jeder Blick auf die
Werke ihrer Bildnerei. Die Form steht ihnen höher, als das, was wir
wohl Bedeutung nennen. Je älter ich werde, desto mehr erbaue ich mich
(trotz aller Splitterrichter) an der Form; und werde gleichgültiger
gegen die angeblich tiefsinnigere Bedeutung; wenn sie nicht (wie bei
Michel Angelo) durch die Erhabenheit, oder (wie bei Raphael) durch
die Schönheit getragen und verklärt wird. So viel man auch über die
mediceische Venus kritisiren mag, ihre Formen sind die reinsten.
Man muß, wie es heißt, die Revolution acceptiren, sich den neuen
Verhältnissen anschließen, unter verschiedenen Übeln das kleinere
wählen, und erforschen in welcher Richtung etwas Gutes erreichbar
bleibt. In anderen Worten: man kann für kein Heer kämpfen, oder ihm
vertrauen, sobald alle Disciplin aufhört, sobald es sich in bloße
Tirailleurs auflöset, welche ~enfans perdus~ sind. Es paßt das
Wort: wie Schafe gehn, gehn wir zerstreut, und es hilft nicht sich
haupt- und willenlos von Wölfen fressen lassen. Was die sogenannte
Rechte, nach wochenlangem Schwadroniren, ihren Gegnern gegenüberstellt,
und in die Reihe der zu beantwortenden Fragen hat aufnehmen lassen,
ist beispiellos unbestimmt, nicht kalt, nicht warm, oder (unter den
unläugbar vorliegenden Verhältnissen) ganz unmöglich. Schon deshalb
wird sie hinsichtlich aller Hauptpunkte in der Minderzahl bleiben, es
werden Viele gegen diese Halbheiten stimmen, und sich dahin stellen
müssen, wo der Boden unter den Füßen nicht völlig untergraben ist.
Ja, es läßt sich (wenn nur Frevel außerhalb der Versammlung vermieden
werden) eher etwas ausrichten mit Leuten die da wissen, was sie wollen,
als mit solchen die hunderterlei, also eigentlich nichts wollen und
deshalb auch nichts zu Stande bringen. Ich sehe immer mehr ein wie
Recht ich hatte, mich keiner Partei, keinem sogenannten Programm zu
verschreiben; werde aber dem gewöhnlichen Vorwurfe nicht entgehen: ich
sei schwankend, charakter- und willenlos, abtrünnig an der guten Sache
u. s. w. u. s. w. Gewiß aber werden viele +ehrenwerthe+ Männer
denken und handeln, wie ich heute denken und in den nächsten Tagen
handeln muß.
--’s Gedanke, +ich+ hätte nach Amerika gehen und mir dort (als ein
beliebter Mann) ein bequemes, sorgenfreies Leben bereiten sollen, --
versetzt mich in lebhaften Zorn! Wie, ich soll mein Vaterland, dem
ich mit Leib und Seele angehöre, dem ich so viel verdanke, wie ein
feiger, egoistischer Schuft, in dem Augenblicke verlassen, wo es an
schwerer Krankheit daniederliegt? Ich soll mir schändlich einreden, ich
könne irgendwo ein bequemes, sorgenfreies Leben führen, während meine
Mitbürger furchtbar leiden? Der Kelch ist auch +mir+ bereitet, und ich
will einen Theil davon austrinken ohne Zagen. Ich überschätze meine
Wirksamkeit gewiß nicht, sei sie aber auch so gewichtlos wie Spreu,
so will ich lieber in Folge übergroßer Anstrengungen niedersinken und
sterben, als erbärmlicherweise nur an mich denkend ein unwürdiges, und
darum mit Recht unglückliches, Leben führen.
Den 28. Junius.
Obgleich Ihr von der gestrigen wichtigen Sitzung (sie dauerte von 9 bis
½6 Uhr) in den Zeitungen umständliche Berichte lesen werdet, will ich
doch (nach meiner Weise) auch davon erzählen und Randglossen beifügen.
Alle schämten sich des gestrigen Herganges, Gagern ermahnte zum Frieden
und selbst R. Blum erklärte sich mit Verstand und Nachdruck gegen das
Benehmen, hauptsächlich seiner Partei. Und wenn man das Gestrige nicht
ungeschehen machen könne, solle man doch eine Wiederholung ähnlicher
Scenen vermeiden. So fehlte es dann zwar nicht an Geschrei; aber
es kam doch nicht zum Äußersten, und man rückte in den Hauptsachen
wesentlich vorwärts. In der Voraussetzung: man werde nochmals in lange
Erörterungen über die Besserungsvorschläge gerathen, hatte auch ich um
das Wort gebeten; gottlob zogen endlich alle Parteien ihre Neuheiten
zurück; darunter einen, aus der Linken hervorgehenden Vorschlag: man
solle (unter Zuziehung und Anhörung von Hofleuten) Lebensbeschreibungen
aller deutschen Prinzen entwerfen lassen!
Der von Dahlmann entworfene und dann geänderte Bericht des Ausschusses,
über die zu errichtende vollziehende Gewalt, schien hauptsächlich den
Zweck zu haben, durch Zweideutigkeit und Unbestimmtheit der Ausdrücke,
alle Abgeordneten und alle Parteien zu befriedigen; aber eben deshalb
befriedigte er keine: täglich verlor er Anhänger, und ward endlich von
den Urhebern selbst großentheils aufgegeben und zur Seite geworfen.
Zuerst kam, aus mehren Gründen, Vincke’s Vorschlag zur Abstimmung: „die
Nationalversammlung beschließt, vorbehaltlich des Einverständnisses
mit den deutschen Regierungen, daß eine vollziehende Regierungsgewalt
&c. -- bestellt werde. Der Reichsverweser soll von den deutschen
Regierungen ernannt werden“ &c. -- +Für+ diesen Antrag stimmten 31,
dagegen 577. Die nächste Frage war: soll der Reichsverweser (dieser
Name ward später statt des Präsidenten angenommen) die Beschlüsse der
Nationalversammlung verkündigen und vollziehen. Ja 261; Nein 277.
Hier offenbarte sich wieder die Unvollständigkeit der Berathung und
Fassung. Wenn man dem Reichsverweser jenes Recht, jenes Geschäft nicht
zuweiset, wer soll es denn übernehmen? Zwar hieß es: man sagt +Nein+,
damit er nicht ein bloßer Beamter der Versammlung werde. -- Aber dann
hätte man ihm vielmehr die Befugniß zu Einreden, man hätte ihm irgend
eine Art von aufschiebendem Veto zugestehen sollen. Dieses ~noli me
tangere~ wagte aber Keiner ernstlich zu berühren. Diese Kohle wollte
Keiner aus dem Feuer holen.
Die übrigen Punkte, den Geschäftskreis der vollziehenden Gewalt
betreffend, wurden durch Aufstehen mit großer Stimmenmehrheit
entschieden. Großer Streit erhob sich dagegen, hinsichtlich folgender
Fassung: „über Krieg und Frieden, und über Verträge mit auswärtigen
Mächten, beschließt der Reichsverweser im +Einverständniß mit der
Nationalversammlung+.“ -- Nein 143; Ja 408. -- Ich stimmte mit der
Mehrzahl, denn was für einen festen, wohlbegründeten König paßt, paßt
nicht für einen noch unbekannten, auf ein Paar Monate zu erwählenden
Reichsverweser.
„Soll das Oberhaupt der vollziehenden Gewalt Präsident heißen?“ Ja 171;
Nein 355. Ich stimmte mit der Mehrheit für Reichsverweser, weil mir das
fremde Wort und der republikanische Hintergrund mißfiel.
Nun die Hauptfrage: „der Reichsverweser wird von der
Nationalversammlung gewählt.“ -- Nein 135; Ja 403. Als diese
Entscheidung bekannt ward, entstand ein ungeheurer Jubel. Ich stimmte
mit der Mehrzahl, scheinbar +nicht+ folgerecht; allein es war ernstlich
zu bedenken:
1) Daß (wie die tägliche Erfahrung zeigte) die +große+ Gefahr
obwaltete, daß, bei auch nur geringer Verzögerung der Wahl, die
Versammlung sich zu +großen Übereilungen+, besonders hinsichtlich der
fremden Mächte, werde fortreißen lassen.
2) Daß in +diesem+ Augenblicke die Entscheidung der Wahl noch in den
Händen der +gemäßigten+ Mehrzahl ist; ein günstiger Umstand, der nach
kurzer Frist vielleicht nicht mehr obwaltet.
3) Die Regierungen kämen in noch üblere Lage, wenn die Versammlung
(schon um ihre Macht oder ihren Eigensinn zu zeigen) deren Vorschläge
verwürfe, oder doch, wie bestimmt verlangt wird, einer sehr bittern,
vielleicht skandalösen Kritik unterwürfe; wogegen die Versammlung
durch eine schlechte Wahl sich an den Pranger stellen und allen Credit
verlieren würde.
4) Lautete der Gegenvorschlag im Wesentlichen also: Es wird von den
deutschen Regierungen ein Reichsverweser +bezeichnet+, und von der
Versammlung +genehmigt+. -- Dieser Vorschlag ist aber nur ein halber,
unbestimmt, ungenügend, nicht zum Ziele führend. Was heißt z. B.
+bezeichnen+? Ich kann Jemandem zehn Gerichte bezeichnen zum Essen,
hundert Bücher vorschlagen zum Lesen; wenn er nun aber sagt: ich danke.
Wie wenn die Versammlung +nicht+ genehmigt. Solch schnöden Abweisungen
vorzubeugen, erklärte sich selbst Gagern für die Wahl durch die
Versammlung. Wie die Sachen nun einmal +wirklich+ stehen, würde hier
jeder von den Regierungen ausgehende, durch den +gehaßten+ Bundestag
vermittelte Vorschlag, mit Mißtrauen und Widerwillen aufgenommen
werden; er würde wahrscheinlich zu einem (vielleicht +gesuchten+)
Bruche führen; während man (~le meilleur l’ennemi du bien~) so im
Frieden über die nächsten gefährlichen Monate hinwegkommen dürfte.
Ich komme soeben aus der Sitzung und eile Euch zu melden, daß heute
die Abstimmung über die vollziehende Gewalt &c. zu Ende gebracht
ward. Was in der Anlage nicht ausgestrichen, oder geändert ist, ward
angenommen. Ihr werdet Euch hoffentlich herausfinden, nächstens einen
neuen, reinlichen Abdruck. Über den Hergang im Einzelnen, in Eil noch
Folgendes: bei ~No.~ 11: „der Reichsverweser ist unverantwortlich“
erhob sich Streit, wobei die Rechte mehr unanständigen Lärm erhob als
die Linke. Der Satz ward mit 373 gegen 175 Stimmen angenommen. Ich
stimmte +dafür+, weil die +Minister+ verantwortlich sind, und beiden,
dem Reichsverweser und den Ministern, nicht dieselbe Stellung zu geben
ist.
~No.~ 18: wonach der Bundestag ein Ende nimmt, mit 510 Stimmen bejaht,
und nur mit 35 verneint. Ich stimmte mit Ja: denn die gesetzgebende und
richterliche Gewalt hat er nicht mehr, und die vollziehende wird ihm
ja nun auch genommen. Dagegen weiset der nächste Absatz darauf hin, in
welcher Weise er wieder kann ins Leben gerufen werden. Die Abstimmung
zeigt, wie verhaßt die alte Einrichtung ist, und wie unmöglich es war
sie in der alten Form zu erhalten. Auch entstand ein großer Jubel
als das Ergebniß dieser Abstimmung verkündigt ward. Jetzt folgte die
Abstimmung über den +ganzen+ Entwurf: 450 dafür, 100 dagegen. Die
Verneinenden gehören zur Hälfte etwa der äußersten Rechten, zur Hälfte
der äußersten Linken. Jene wollen die ausdrückliche Beistimmung der
Regierungen, diese die Verantwortlichkeit des Reichsverwesers. -- Was
sollte nun aber wohl werden, wenn die +Nein+ überwogen und man das
Neuwerk begonnen hätte? -- Lichnowsky, Schmerling, Venedey gehörten
zu den Bejahenden; Vincke, Ruge, Jordan, Blum, Nauwerk, Itzstein,
Uhland zu den Verneinenden. Jene wollen die Souverainetät der Staaten,
diese die des Volkes erhalten wissen. Die abstrakten Grundsätze stehen
ihnen höher als das praktisch Rathsame. Morgen erfolgt die Wahl des
Reichsverwesers. Bis jetzt hat der Erzherzog Johann weit die meisten
Vermuthungen für sich. Es fragt sich aber ob er es annimmt. Ich kann
nicht glauben, daß Preußen irgend widersprechen würde.
Neunzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 29. Jun. 1848.
Wenn der Mensch scheinbar etwas zu Stande gebracht hat und es
betrachtet, so möchte er gern sagen: „+und es war gut+.“ Wenn man
es aber schon unserem Herr Gott verübelt, daß er ein so kühnes Wort
ausgesprochen, und läugnet daß seine erschaffene Welt die beste sei;
so erheben sich (trotz alles Widerstrebens) gegen Menschenwerk noch
schärfere Einreden.
Haben wir mit Aufstellung einer deutschen Centralgewalt wirklich ein
erhebliches Ziel erreicht? In gewissem Sinne ist zwar alles Menschliche
+provisorisch+; doch setzt man das hoffentlich Dauernde, Definitive,
darüber hinauf, und begnügt sich eben mit dem Vorläufigen, als einem
Mangelhaften. Es finden manche Leute aber gerade an dem Mangelhaften
Gefallen, schon weil sie glauben, damit willkürlich umgehen zu dürfen;
und Andere verwechseln es mit dem Vollkommneren, legen die Hände in den
Schoß, unbekümmert um das Dauerhaftere, welches sie anfangs bezweckten.
Für lange Zeit wird jenes „+Vorläufige+“ Deutschland nicht genügen;
ja, bevor es sich gestalten und in wahre Thätigkeit kommen wird,
könnte und sollte der Verfassungsentwurf fertig sein, den die hiesige
Versammlung vorlegen soll. Das Provisorium, wie es jetzt gefaßt
ist, wird aber, sobald es sich in Thätigkeit setzen will, Streit
und Zweifel hervorrufen und sich zeigen, daß man nicht satt wird,
wenn man, wie die Katze, um den heißen Brei blos herumgeht. Um die
Freiheit und Unabhängigkeit des Reichsverwesers zu erhalten, streicht
man den Satz: daß er die Beschlüsse der Versammlung verkünden und
vollziehen solle. Wenn nun aber die Versammlung, ohne allen Zweifel,
Beschlüsse fassen wird, wer soll sie denn verkünden und vollziehen?
Muthet man dies dem Reichsverweser zu, so hat er (mit Bezug auf die
gepflogenen Verhandlungen) ein doppeltes Recht zu widersprechen, und
man müßte (sehr thöricht) eine zweite vollziehende Behörde für jene
Beschlüsse erschaffen. Giebt er hingegen nach, so verfehlt man den
Zweck, weshalb jener Satz verworfen wurde. Diese Verwirrung ist dann
(wie ich vorhergesagt) die nothwendige Folge dessen, daß keiner der
Redner, welchen man ein Monopol zu sprechen gab, auf die wichtige Frage
von Einreden und Widersprüchen des Reichsverwesers eingehen wollte.
Wäre ich zum Worte gekommen, würde ich den wichtigen Punkt von einem
aufschiebenden oder schließlichen Veto ans Licht gezogen haben. Die
Linke that es nicht, weil sie ein solches Recht läugnet, sobald es
nicht ausdrücklich überwiesen wird; und die Rechte fürchtete sich in
der Minderzahl zu bleiben. Oder sie hofft, man werde nachträglich das
scheinbar Vergessene nachholen können. Ist der Reichsverweser stark,
so wird er (ohne Gesetz) seinen Willen durchsetzen; ist er schwach,
so wird sich ergeben, daß jene Unbestimmtheit und Zweideutigkeit
ihn nicht auf die Füße stellt. Ich wiederhole: diese Eigenschaften
des Ausschußentwurfes und das Drechseln an und mit leeren Worten
(Vertrauen, voraussetzen und dergl.) mußte dahin führen, wohin wir
gekommen sind. -- Nun, ich will mich damit trösten, daß die große
Mehrzahl Derer, welche das Gesetz annahmen, es auch künftig stützen
will und stützen wird. Doch zeigen sich schon Hindernisse auf der,
heute zu betretenden Bahn. In einer Nummer der Zeitung, welche die
äußerste Linke herausgiebt, sind gestern sehr bittere Sachen wider den
Erzherzog Johann, wider den Präsidenten Gagern und den General Radowitz
ausgesprochen worden. Der erste sei ein unbedeutender Mann, der in
seinem Leben nichts Erhebliches gethan, sich dem Metternich’schen
Systeme nie widersetzt habe und noch jetzt den ungerechten Krieg
gegen die Italiener befördere. Daran reihen sich Vorwürfe wider alle
deutschen Prinzen, unter denen leider kaum einer sei, auf den man wegen
seiner ausgezeichneten Persönlichkeit (abgesehen von Geburt und Macht)
hinzeigen könnte (~digito monstrarier~). -- Die Einreden wider Gagern’s
Grundsätze und seine Unparteilichkeit deuten darauf hin, daß die Linke
bei der in diesen Tagen zu erneuernden Präsidentenwahl einen Bewerber
aus ihrer Mitte aufstellen und die frühere allgemeine Zustimmung für
Gagern nicht mehr im ganzen Umfange stattfinden dürfte. Gegen Radowitz,
der sich durch Annahme des Neuen, oder gemäßigte Vertheidigung des
Alten, Bahn zu machen strebt, sind die früheren Lebensverhältnisse und
verfehlten Zwecke in einem scharfen Sonette vorübergeführt.
Geheimrath C. sagt mir: in Berlin widersprächen Alle der Wahl eines
österreichischen Prinzen zum Reichsverweser; sie forderten einen
preußischen. Hier habe ich einen solchen Einwand, eine solche Forderung
noch nicht gehört. Erlaubt man Candidaten aufzustellen und über ihre
Eigenschaften zu sprechen, so wird +eine+ Sitzung auf diesem
Moquirstuhle hinreichen, jeden für immer zurückzuschrecken. Und doch
hat eine Wahl ohne Vorschlag, Prüfung und Beglaubigung, auch ihre
Schattenseiten.
Sehe ich von Frankfurt nach Berlin, so sind die Berathungen auf dem
preußischen Reichstage oberflächlicher und schwächer als hier, und
die bürgerliche Ordnung wird in dieser freien Stadt viel ernster
vertreten, als in der Residenz des Königs von Preußen, wo die Klubs
schrankenlos die Empörung hervorrufen, und das neue Ministerium schon
in seiner Geburtsstunde chicanirenden Widerstand findet. Bleibt es so
farblos und schwach, wie das abgetretene Ministerium (besonders seit
der Plünderung des Zeughauses), so wird es auch nicht lange leben und
zu den Blutmitteln führen, welche jetzt in Paris furchtbarer, länger
und allgemeiner wüthen, als jemals während der Revolution seit 1789. --
Über die Weisheit dieses Jahres scheint Hr. Waldeck, der Vorsteher des
Verfassungsausschusses, nicht hinausgekommen zu sein, ja nicht einmal
zu wissen, was Mirabeau z. B. über das Veto gesagt hat. Siegen seine
Ansichten ob, so wird die neue Verfassung nicht länger dauern, als die
französische von 1791. Wer jetzt drittehalb Gedanken in trivialen,
abgedroschenen Phrasen überlaut und selbstgefällig ausschreit, wird von
den Maulaufsperrern für einen großen Staatsmann gehalten. Die angeblich
unwiderleglichen, augenscheinlichen, handgreiflichen Lehren jener
falschen Propheten, sind ebenso tiefsinnig begründet, als wenn jetzt
ein Astronom behaupten wollte, die Sonne laufe in 24 Stunden um die
Erde.
Den 29. Junius, 3 Uhr.
Die Kanonen donnern, alle Glocken läuten, überall die größte Aufregung
und Theilnahme! Vor einer Viertelstunde ist der +Erzherzog Johann+
zum Reichsverweser erwählt und unter höchstem, sechs Mal wiederholten,
Jubel und Lebehoch proklamirt worden. Er hatte 436 bejahende Stimmen,
der Präsident von Gagern 52, von Itzstein 32; des Abstimmens enthielten
sich 25. Über den nähern Hergang in größter Eile nur wenige Worte. Der
Vorschlag, durch Stimmzettel schweigend abzustimmen, hatte wohl die
Absicht, die Stimmen zu zersplittern, mehr Candidaten aufzustellen und
keine Rücksicht auf den, sehr beachtenswerthen, Willen der Mehrzahl
zu gestatten. Dieser Vorschlag fiel durch, und Jeder nannte bei
namentlichem Aufrufe laut den Namen seines Candidaten. Der irrige
Gedanke: man müsse ehrenhalber auch einen Preußen auf die Liste
bringen (und mit wenigen Stimmen durchfallen lassen), ward glücklich
ausgetrieben. Nirgends zeigte sich Eifersucht wider Österreich und
die Hoffnung steht fest, Johann werde zu allgemeinem Wohle die Wahl
annehmen und nicht die Nothwendigkeit einer zweiten, gefährlicheren
Wahl herbeiführen. Des Abstimmens enthielten sich Die, welche keinen
unverantwortlichen Reichsverweser wollten. Gagern nannten Etliche
seiner tüchtigen Eigenschaften halber, Andere wohl, weil sie keinen
Fürsten wollten. Für Itzstein stimmten +nicht Alle+, aber doch +nur+
Leute von der Linken, z. B. Jordan, Meyer aus Liegnitz, Tschucke aus
Meißen, Vogt aus Gießen, Wigard aus Dresden, Schaffrath, Nauwerk, Blum,
Simon aus Breslau, Eisenstuck aus Chemnitz und Andere. Ich stimmte
natürlich für den Erzherzog: denn seine Wahl beseitigt jede Besorgniß,
mit den Regierungen in Streit zu gerathen, zeigt daß die Versammlung
(trotz alles Geschreies der äußersten Linken und der Mißgriffe der
Rechten) noch nicht die Achtung vor der Vergangenheit und der Stellung
eines einflußreichen Fürsten ganz verloren hat. Auch Radowitz und
Lichnowsky stimmten für den Erzherzog; Vincke war abwesend.
Der unendlich wichtige Augenblick, die erste große That des ersten
deutschen Reichstages in dieser Form, die Nothwendigkeit und die
Schwierigkeit erheblicher Veränderungen, die Hoffnung, unser theures,
deutsches Vaterland werde feststehen wie ein Fels in Ungewittern und
neue, ungekannte Blüthen und Früchte treiben; -- dies und so vieles
Andere bewegten und erregten mir Kopf und Herz so, daß ich zugleich
Thränen der Freude und des Schmerzes vergießen mußte; -- und dies waren
keine Thränen dummer Sentimentalität oder lächerlicher Schwäche. Heute
also wieder einmal: ~nil desperandum~.
Gestern (28.) sah ich ¾ des Weltumseglers wider Willen. Hr. Hassel
spielte den Purzel ganz ergötzlich, obwohl Räder ihn noch übertraf.
Trotz aller Kunstmittel hatte er sich nicht dicker machen können,
als sein Ludwig (Fräulein Q.) von Natur war. Der Witz ist wohl schon
alt: es gäbe drei Zonen, die heiße, die kalte und die Amazone. Neu
war ein anderer Einfall: als man Purzeln bange machen will, was seine
Frau während seiner Abwesenheit daheim wohl thue? sagt er: o das weiß
ich, sie läuft (wie jetzt alle Weiber) ins Parlament. Dies fand großen
Beifall, und in der That wohnen viele Damen ausdauernd den Sitzungen
bei.
Zwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 30. Junius 1848.
Die Linke hat in den letzten Tagen so viel Fehler begangen als
zuvor die Rechte. Erstens nämlich, erscheint sie diesmal in ihren
Abstimmungen uneinig und gespalten. Zweitens, mißfällt allgemein die
Verwerfung des +ganzen+ Gesetzentwurfes über die vollziehende Gewalt.
Selbst die Galerie ist mit dem bloßen Verneinen unzufrieden und will
sich mit keinem ~da capo~ langer Berathungen langweilen. Drittens,
die Abstimmung für Itzstein zeigt die Schwäche dieser Partei in der
Versammlung. Und dies um so mehr, da etwa eine Hälfte unpraktisch
und hölzern an sogenannten Principien festhielt, +unbekümmert+,
daß aus der Wahl jenes Mannes unausbleiblich der größte Zwiespalt
hervorgegangen wäre. Die zweite Hälfte +wünscht+ dagegen einen
solchen Zwiespalt; er ist ihr Lebenselement. Beide Hälften sind in
Irrthum und Unrecht, und das: „ich wähle nicht, ich will keinen
Unverantwortlichen,“ -- machte nicht (wie Manche wohl erwarteten) einen
tiefen, erhabenen Eindruck, sondern ward, in verschiedenen Tonarten und
Betonungen ausgesprochen, fast lächerlich.
Gott gebe nur, daß zwischen der neuen Centralgewalt und den einzelnen
Regierungen kein Zwiespalt entstehe, jene weder zu mächtig noch zu
ohnmächtig werde und eine festere Verfassung bald zu Stande komme. Mag
auch das Ergebniß langer hiesiger Berathungen noch so viel gerechten
Einwendungen unterliegen, es hat doch, Gottlob, nicht den furchtbaren,
blutigen Boden, wie das französische ~pouvoir exécutif~, welches vor
der Hand die Republik wieder zur Seite geworfen hat. Hoffentlich wird
man in Berlin Cavaignac’s Maßregeln gegen Wühler und Klubisten nicht
unberücksichtigt lassen, und zu ihnen nicht +nach+, sondern +vor+ dem
Blutvergießen gerechte und heilsame Zuflucht nehmen.
Gagern ist wieder mit 399 Stimmen zum Präsidenten, Soiron mit 359
Stimmen zum Vicepräsidenten erwählt worden. Für die erste Stelle hatte
der bekannte Simon 68, für die zweite Blum 104 Stimmen.
Als man (so höre ich) den Prof. V. darauf aufmerksam machte, daß
das Bestreben der Linken durch die Anarchie hindurch zur Despotie
führe, soll er geantwortet haben: und glaubt ihr denn, daß ich nicht
Lust habe ein Despot zu sein? -- Das paßt für alle über das Gesetz
hinauswirkende, angebliche Helden der Freiheit.
Den 1. Julius.
Eine dreistündige Sitzung im völkerrechtlichen Ausschuß, die Abends
bis 9 Uhr dauerte und von Posen und Tirol handelte, machte mich (da
kaltes Regenwetter hinzutrat) körperlich todtmüde, und die Nachrichten
aus Paris, sowie der +Inhalt+ Eures und Waagen’s Brief vom 27. und
29. vermehrten meinen geistigen Kummer. Dort, in einer Zeit angeblich
höchster Brüderlichkeit, Scenen wie sie seit Marius und Sylla kaum
in der Weltgeschichte vorgekommen sind; im raschesten Wechsel, nach
lautem Preisen der Freiheit und Gleichheit, die einzige Rettung
durch militairischen Despotismus; die Nothwendigkeit langer Leiden,
furchtbaren Hasses, schrecklicher Armuth, und der blutige Ausgang noch
kein Zeugniß, keine Bürgschaft für zurückgekehrte Gesundheit. -- Dann
in Berlin: Regierung, Reichstag, Magistrat, Stadtverordnete, Bürger,
Arbeiter, täglich dem Abgrunde näher kommend, muthlos mit Aufrührern
capitulirend und liebäugelnd; Schwatzen und Schwadroniren ohne Ordnung,
Zusammenhang, Fortschritt; kein ausgezeichnetes Talent, kein großer
Charakter; das neue Ministerium ohne Vertrauen bei Andern oder zu sich
selbst, von Hause als krank (bald als todeswürdig) bezeichnet; der
König übermäßig zurücktretend, das Volk vom Königsthume immer mehr
entwöhnend; Berlin entvölkert, verarmt, papierne Geldpflaster auf die
Wunden legend; -- und dabei noch immer eitelem Hochmuthe hingegeben,
während man es von allen Seiten verächtlich behandelt!!
Muth und Unmuth wechseln ab, wie Tag und Nacht. Wenn ich mich durch die
größten Anstrengungen geistiger und leiblicher Art bis zur Ohnmacht
herabgedient habe, werfe ich mich auf den Boden des Vaterlandes nieder,
und wenn ich auch nicht aufstehe wie ein Antäus, dann doch mit +der+
Kraft, des Tages Last wieder zu tragen und mir, im Gefühle, daß ich
+Recht+ thue, muthig zu sagen: +Vorwärts!+
Heute beginnen die Verhandlungen über die Volksrechte. Ich hoffe, hier
soll im Ganzen Heilsames beschlossen werden; so scharf, ja +übereilt+,
auch wohl Manches in die noch bestehenden Verhältnisse eingreifen
wird. -- Alle Regierungen haben in die Wahl des Erzherzogs Johann
gewilligt und ihn davon durch den Bundestag eiligst benachrichtigt.
Er wird gewiß die Stelle annehmen; seine erste große Noth aber bei
Ernennung der Minister finden, wo jede Partei Männer ihrer Farbe an die
Spitze stellen und um jeden Preis durchbringen möchte. -- Republikaner
und Kriegslustige stören hier, wie in Berlin, und treiben zu Kriegen,
ohne irgend Kriegsmittel und Kriegskenntniß zu besitzen. General
Peuker hat hierüber eine sehr lehrreiche Schrift herausgegeben, welche
nur zu deutlich erweiset, wie sehr schlecht wir gegen die (besser
vorbereiteten) östlichen und westlichen Feinde gerüstet sind; wie man
ein stehendes Heer, Übung, Kenntniß u. s. w. nicht entbehren kann und
mit bloßen eilig zusammengebrachten, undisciplinirten Milizen und
Freischaaren kein wohlgeordnetes russisches oder französisches Heer
besiegen kann.
Einundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Julius 1848.
Gottlob, heute ist wieder Sonntag, obgleich kein Ruhetag; denn ich habe
eben einen Bericht über Tirol und Randglossen zu dem Entwurfe über
die Grundrechte des deutschen Volkes niedergeschrieben. Gestern war
aber ein schwerer Arbeitstag: Sitzung von 9-3 Uhr, 3-4 Berathung in
der vierten Abtheilung (zu welcher ich neu verlooset bin), 6-9 Sitzung
des völkerrechtlichen Ausschusses; Summa 10 Stunden Arbeit, davon 6
in heißer, verdorbener Luft. Es ist ein Wunder, daß ich es in meinen
alten Tagen aushalte, an jedem Tage bis 12 Stunden in steter Thätigkeit
zu sein, -- da Jüngere ausspannen, oder sich zu erleichtern wissen.
Mit großem Rechte ist deshalb gestern beschlossen worden: wöchentlich
nur vier große Sitzungen zu halten, Montags, Dienstags und Donnerstags
über das Verfassungswerk, Freitags über andere Gegenstände. Dann würden
die Sitzungen der Ausschüsse auf Mittwoch und Sonnabend fallen, und
wenigstens Abends einige Ruhe und Erholung möglich sein. Hierdurch
verlängert sich aber wahrscheinlich der hiesige Aufenthalt.
In jeder Abtheilung, deren 15 für alle Abgeordnete gebildet sind, ward
gestern Einer zu einem Ausschusse gewählt, welcher die Gültigkeit der
Wahlen Hecker’s und Peter’s untersuchen soll. +Vor+ der Wahl des
Ausschußmitgliedes kam es in Anregung: jeder möge aussprechen, wie er
über Hecker denke. Professor L-- erhob sich hierauf und sagte in sehr
scharfer Weise: Hecker sei ein Hochverräther und verdiene den Tod.
Dies Benehmen erregte (wie vorherzusehen war) Widerspruch und stimmte
Manchen zur Milde. Ich bemerkte (und ebenso Gleichgesinnte), wir wären
gar nicht berufen, von +vorn herein+ abzuurtheilen. Der Ausschuß
solle ja eben die Thatsachen untersuchen, die Akten lesen und Bericht
erstatten; dann erst könne und solle Jeder, aus genügenden Gründen,
nach seinem Gewissen entscheiden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird
Hecker +nicht+ aufgenommen (zweifelhafter steht es mit Peter),
aber die namentliche Abstimmung verlangt werden, um die Verneinenden
bei dem vornehmen und niedrigen Pöbel in Verruf zu bringen.
Im Ausschusse wurden zwei Polen (Graf P. und Prof. C.) über die posener
Angelegenheiten befragt. Kommen diese Begeisterten erst in den Trab,
dann geht es unaufhaltsam vorwärts, ihre Suade ist unerschöpflich
und unversieglich, und mit jeder Minute steigern und erweitern sich
Hoffnungen, Plane, Forderungen. Mich ermüdete das Alles gar sehr, da
ich es meist schon oft gehört hatte, und ich leider wieder bestätigt
sah, daß der +einzelne+ Pole wohl +Vernunft+ annimmt, daß sie sich
aber +untereinander hinaufschrauben+, bis sie Unmögliches für möglich
halten, durch das Unbegränzte ihrer Ansprüche sich selbst den größten
Schaden thun, und für Thatsachen und unläugbare Wahrheit keinen Sinn
behalten. Ein Beispiel statt vieler: der polnische Ausschuß behauptet:
das +ganze+ Herzogthum Posen müsse ganz polnisch organisirt werden,
die Deutschen würden sich dabei sehr wohl befinden und, mit Ausnahme
weniger Beamter, wünschten alle Deutsche unter polnische Herrschaft
zu kommen!! -- Und das glaubt die Mehrheit jener Eiferer, trotz der
unläugbaren Gewißheit, daß die Begeisterung für die Polen sich binnen
weniger Wochen in Haß und Bürgerkrieg verkehrte, und bei dem ersten
Versuche die Deutschen unter polnische Herrschaft zu stellen, der
blutige Streit sich erneuern würde.
Ich halte die Festsetzung der allgemeinen +Grundrechte+ der Deutschen
für einen äußerst wichtigen Theil unserer Arbeiten; auch wird er
uns wohl mehre Wochen beschäftigen. Die Hauptgefahr dabei ist: daß
man geneigt wird, aus Zorn über das frühere +Zuwenig+, jetzt ein
+Zuviel+ zu fordern und zu bewilligen; daß man im Andenken an zu
viele Verschiedenheiten innerhalb Deutschlands, jetzt Alles unter
ganz allgemeine Regeln bringen möchte, und die Schwierigkeiten
und Hindernisse zu gering anschlägt, welche daraus in den so
mannigfaltig eingerichteten, gebildeten oder ungebildeten deutschen
Staaten entstehen dürften. Ein anderer Irrthum ist der: die Freiheit
bedürfe gar keiner gesetzlichen Schranke, und könne (als ein reines,
unbedingtes Gut) gar nicht mißbraucht werden. Daher springt man aus
Preßzwang in Preßfrechheit, und die löblichen Vereine arten aus in
verdammliche Klubs. Nähmen doch deren Mitglieder, sowie die Behörden,
Das zu Herzen, was darüber der treffliche Jefferson sagt und, auf meine
Anregung, in Spiker’s Zeitung wieder abgedruckt ist. Viele reden von
Nordamerika und meinen, wenn sie nothdürftige Kenntniß einiger Formen
jenes Freistaates kennen gelernt haben, sie und ihre Städte und Länder
wären dann leicht in Republiken umzuwandeln. Wenn eine häßliche,
schiefe und bucklige Familie in das Museum geht und den Apollo, den
Antinous, die Artemis, die Aphrodite sehr genau, von hinten und von
vorn besieht: wird sie denn hiedurch schön, kommt sie verwandelt nach
Hause?
Unter Volkssouverainetät verstehen die Maul- und Fausthelden nichts
weiter, als daß ihr Belieben das höchste, täglich aufzustellende,
abzuändernde, wegzuwerfende Gesetz sei. Daher läugnen sie Schranke
und Maß; obwohl das Schrankenlose ganz gestaltlos, das Maßlose
ungemäßigt, und das Chaos letztes Ergebniß dieser Richtung ist. In
Amerika wird über die Abgeordneten viel raisonnirt und deraisonnirt;
aber es fällt Wahlmännern oder Urwählern nicht ein (im Widerspruch mit
den Gesetzen) neue Wahlen einzuleiten, weil ein Abgeordneter einmal
nicht so gestimmt hat, wie es ihnen behagt. Die sogenannte französische
Volkssouverainetät ist der vollkommene Gegensatz der amerikanischen;
oder das Volk entschied dort gar nichts, sondern Paris war der leitende
Hammel, oder der herrschende Tiger. Was bedeutet die Stürmung der
Bastille, der 12. Vendemiaire und Ähnliches, gegen die letzten, Tage
langen Schlachten mit ihren Grausamkeiten, Plünderungen, Minen &c.
Und doch hatten die Besiegten nicht +ganz+ Unrecht. Viele litten
bittere Noth in Folge der Ereignisse des Februar, in Allen hatte man
thörichte Hoffnungen erregt, Allen hatte man unsinnige Versprechungen
gegeben. Leute wie Louis Blanc sind die sündigen und verrückten Urheber
der Empörung. -- Wie rasch wechseln Dinge und Personen: Lamartine,
Rollin, Blanc u. A., wie verschieden! Darin aber Alle gleich, daß sie
verbraucht, ~usé~, sind und zur Seite geworfen werden. Welche
Warnungen gegen Ehrgeiz und Eitelkeit! Wem man heute eine Lorberkrone
aufsetzt, der kann mit Gewißheit darauf rechnen, daß sie ihm bald
nachher abgerissen und er angespien wird! Vincke, Camphausen, Sydow u.
A. geben selbst in unserem Vaterlande lehrreiche, bittere Beispiele,
-- Derer nicht zu gedenken, die sich selbst zu Grunde richteten, wie
E. und S. Doch überleben die Edelsten jede Ungerechtigkeit ihrer
Zeitgenossen, und gehen aus dem Fegefeuer der Geschichte unversehrt
hervor. Wäre dies aber auch nicht der Fall, so kann auch der Kleinste
und Geringste darüber ins Klare kommen, was zu thun seine Pflicht ist.
Also (trotz aller Belästigung) für mich, nicht die Hände in den Schoß
zu legen, nicht nach Amerika davonzulaufen, -- sondern hoffend muthig
auszuharren.
Die heutige Sitzung dauerte nur 4 Stunden; wir haben aber auch fast
nichts zu Stande gebracht, da mit (oft beklagter, jedoch noch nicht
abgestellter) deutscher Pedanterie eine Zahl von Fragen über die Form
des Berathens und Abstimmens, mit ermüdender unnützer Weitläufigkeit,
von einer langen Reihe von Rednern behandelt wurde. Und das geschieht
unter lauten Behauptungen: das lang geknechtete deutsche Volk erwarte
mit Schmerz seine Erlösung und wir dürften keinen Augenblick Zeit
verlieren! Endlich ward (ich übergehe das minder Wichtige) entschieden:
nach vollendeter Berathung über die Grundrechte, gehe Alles nochmals an
den Verfassungsausschuß zur Prüfung und Redaktion. Dann erfolge eine
zweite Berathung und Abstimmung über den berichtigten Gesetzentwurf.
Die Linke sprach gegen eine zweimalige Berathung, hauptsächlich weil
Jeder im Voraus wisse, wie er stimmen wolle, und (wie gesagt) keine
Zeit zu verlieren sei. Man entgegnete: wenn Niemand erhebliche neue
Gründe vorzubringen habe, werde er schweigen und die zweite Berathung
fast nur eine zweite Vorlesung sein. Wenn Neues, Wichtiges hervortrete,
sei der Gewinn für die Verbesserung eines so außerordentlich wichtigen
Gesetzes größer, als der geringe Verlust an Zeit. Überhaupt wollte
man, bei dem Mangel einer zweiten, wiederholt berathenden und
beschließenden Kammer, wenigstens ein Analogon, eine Hemmung auffinden
gegen das Überstürzen aus sogenannten unfehlbaren Grundsätzen, und das
Vernachlässigen des Landschaftlichen und der persönlichen Rechte. Die
Eiferer möchten, ungewarnt durch den Vorgang, einen Tag oder eine Nacht
des 4. August herbeiführen. Sie vergessen unter Anderem, daß in solch
einem Falle die Verwirrung in dem mannigfach gestalteten Deutschland
noch größer werden würde, als in dem damals gleichartigeren Frankreich.
Zweiundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 4. Julius 1848.
Der Ausschuß war gestern nicht so langweilig, wie ich voraussetzte.
Abgeordnete aus dem deutschen Theile Posens ergingen sich nicht in
Phantasien und Unmöglichkeiten, sondern hielten fest an Thatsachen und
widerlegten ausgesprochene Zweifel durch Beweise. So ist über allen
Zweifel hinaus erwiesen: daß die Deutschen sich um keinen Preis unter
die Herrschaft der Polen stellen lassen, und lieber den Krieg auf
ihre eigene Hand von Neuem beginnen. Wollte man jenes unfolgerecht
und schwach bewilligen, anordnen; das Bewilligte käme gewiß nicht
zur Vollziehung; und auf dem Wege übertriebener Forderungen, würden
die Hoffnungen der Polen -- wie schon so oft -- scheitern. Sie sind
tapfer, begeistert für ihr Vaterland, ermangeln aber aller Haltung,
Einigkeit und politischer Klugheit, und ziehen Diejenigen welche
ihnen nützen wollen oft mit ins Verderben. Die Ordnung, der Gehorsam
und Zusammenhang, welcher den Russen mag aufgezwungen sein, giebt
diesen eine solche Übermacht, daß Aufstände sie schwerlich aus Polen
verdrängen werden. Oder wenn es geschähe, würde dies Land (ohne
Umgestaltung des Nationalcharakters) schwerlich Festigkeit und
Einigkeit gewinnen. Doch wozu weissagen, was immer ein dummes Geschäft
ist; sofern die Ausleger nicht von vornherein entschlossen sind, Das zu
finden, was ihnen behagt.
Von dem Ausschusse ging ich (dringend aufgefordert) in eine
Gesellschaft wohlgesinnter Männer im Hirschgraben, welche sich
untereinander vortrugen, was sie in der Hauptversammlung vortragen
wollen. Es mag löblich sein, daß Mancher sich so vorbereitet, aber
mir erscheinen alle Vorbeschlüsse und Weisungen bedenklich, sofern
sie die Unabhängigkeit mindern und fertige Abstimmungen schon in
die Sitzung mitbringen, anstatt daß diese erst das Ergebniß der
beendigten Berathung sein sollen. Ich könnte mich allerdings daselbst
breit machen, und oft das Wort ergreifen; müßte aber befürchten, daß
man mir dann, (wie manchem „+Vielgeschrei+“ unter den Abgeordneten)
ein neues hohes Reichsamt übertrüge. So hat man den Einen zum
Reichsgeschäftsordnungsbewahrer erhoben, weil er fast jeden Tag von
der Geschäftsordnung spricht; einen Zweiten zum Reichsantragsteller;
einen Dritten (~sit venia verbo~) zum Reichszweifel--! Das sind die
~entremets~ oder ~hors d’oeuvres~, unseres sehr ernsten Gastmahls.
Heute kommt der erste Absatz des Gesetzentwurfes über die Grundrechte
zur Berathung. Unzählige Redner haben sich bereits angemeldet, und
wir werden sehr viele unnütze Worte hören müssen. Indessen ist die
jetzige Fassung allerdings ungenügend. Es heißt: „jeder Deutsche
hat das allgemeine deutsche +Staats+bürgerrecht.“ -- Nun giebt es
ja aber unzählige Deutsche außerhalb Deutschlands (in Siebenbürgen,
Nordamerika u. s. w.) die es nicht haben und nicht haben können;
während Franzosen, Polen, Böhmen, Slaven, die innerhalb Deutschlands
angesiedelt sind, mit Recht die Zulassung verlangen werden. Der Thurm
läßt sich nicht von oben bauen. Die wahren Stufen in Deutschland
sind: Familie, Gemeine, einzelner deutscher Staat, deutsches Reich.
Selbstständige Familienglieder sollen in eine Gemeine treten (nicht
wie Schutzverwandte ganz daneben vegetiren, und doch schwadroniren);
der Gemeinebürger hat Anspruch auf das Bürgerrecht des einzelnen
deutschen Staates, und diesem soll auch das Reichsbürgerrecht gewährt
werden. Nicht aber dürfen Reichsbürger, ohne Ansiedlung und Heimat,
in Deutschland umher vagabondiren, und sich dann wie Heuschrecken
da niederlassen, wo sie für sich reichen Fraß zu finden glauben. --
Ebensowenig ist das Verhältniß des 3. Paragraphen zum zweiten klar; wie
ich auch in den von mir entworfenen, von Schubert (nach einigen kleinen
Zusätzen) angenommenen Vorschlägen, bemerkt habe. Man könnte über den
Gesetzentwurf ein dickes Buch schreiben; hier durfte ich nur Einzelnes
herausgreifen und +kurz+ berühren, -- sonst lieset es kein Mensch.
~Dixi et salvavi animam!~
Die heutige Sitzung giebt Veranlassung eine schrecklich lange Berathung
über die Grundrechte befürchten zu müssen; denn wir sind über die
ersten zwei Absätze nicht hinausgekommen. Auch kostete eine sehr
unnütze Frage (oder Interpellation) Blum’s leider viele Zeit. Da es
lange vorher weltkundig war, man werde wohl den Erzherzog Johann zum
Reichsverweser erwählen, hatten die Bundestagsgesandten (auf den
Grund ihrer Berichte) die willige Zustimmung aller ihrer Regierungen
erhalten, und +nach+ der Wahl dies freudig dem Erzherzoge
gemeldet, um ihm alle, nach dieser Seite hin, etwa obwaltende Zweifel
zu benehmen. Dies natürliche, verständige, abkürzende Verfahren,
stellten Blum und Consorten, als eine verrätherische heimliche
Verabredung dar, als einen furchtbaren, allgemeines Mißtrauen
erweckenden Eingriff der Fürsten in die Rechte der Reichsversammlung,
als eine Quelle der allgemeinsten Unzufriedenheit im Volke u. s.
w. -- Noch nie hat Blum auf unhaltbarerem Boden gestanden und so
schlecht gesprochen; auch ward er vom Bundespräsidenten von Schmerling
gehörig zurecht gewiesen. Alle Anstrengungen seiner Freunde blieben
umsonst (Einige entsagten sogar der Rede, was, ich glaube, noch
nie geschehen); und anstatt die Bundesgesandten zurechtzuweisen und
zur Verantwortung zu ziehen, ging man ganz einfach zur Tagesordnung
über. -- Lächerlich war es, daß ein Schreiben der nach Wien eilenden
Abgeordneten, den über die Wahl Johann’s allgemein ausbrechenden Jubel
(insbesondere zu Nürnberg und Fürth) begeistert verkündete; während
Blum seine Schornsteinmalereien auftischte!
Am Anfange der Sitzung mußte ich Namens des völkerrechtlichen
Ausschusses drei (sehr kurze, gewiß nicht zu lange) Berichte vorlesen,
oder vielmehr mit größter Anstrengung herschreien: über Istrien,
Trient und Roveredo, und den österreichisch-italienischen Krieg. Ich
hoffe ein gedrucktes Exemplar beilegen zu können. So hätte ich mich
einmal pflichtmäßig hören lassen, und (ein sehr seltener Fall) durch
den zweiten Bericht zwei entgegengesetzte Parteien so befriedigt, daß
sie mein Benehmen billigen und sich bei mir bedankten. Mit dem dritten
wird es nicht so gehen, und -- (von seinen kosmopolitischen Grillen
ausgehend) wahrscheinlich heftig gegen Österreich Partei nehmen. Indeß
schienen die Meisten mit meinen Anträgen einverstanden zu sein, wie
denn auch der ganze Ausschuß, Inhalt und Fassung billigte.
Dreiundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Julius 1848.
Noch immer giebt es Leute, die nach Krieg schreien und den unsinnigen
Glauben hegen: Freiheit und Ordnung würden am besten während eines
Krieges gegründet. Hiezu kommt daß, wenn man Peuker’s Buch lieset und
mit einem Berichte des Ausschusses für die Wehrverfassung vergleicht,
ohne Zweifel Rußland und Frankreich besser gerüstet sind, als das
zerstückte, zwischen beiden eingeklemmte Deutschland. Nur noch ein
Jahr Friede, und ich hoffe, trotz aller Wühlereien, werden doch Recht
und Ordnung sich wiederfinden; -- denn auf die Dauer sind sie ganz
unentbehrlich, und je ärger man sie verletzt, desto unausbleiblicher
ist der Rückschlag, und wäre er auch so furchtbar und blutig wie in
Paris.
Wenn die Unzahl eingegangener, zum Theil ganz unvernünftiger Anträge
und Petitionen, hier zur Berathung und Entscheidung kommen müßte,
so stürben die jüngsten Abgeordneten vor Beendigung der, meist ganz
unnützen, Arbeit. Es ließe sich aus jenen ein Quodlibet ergötzlicher
Narrheiten zusammensetzen; fehlte es unter den höchst ernsthaften
Geschäften nicht an Humor und Muße.
Ich benutzte die Muße des heutigen Feier- und Bummeltages um mich
zu baden, und dann wieder das städelsche Museum zu besuchen. Wäre
es meines Amtes, so könnte ich lange Kunstkritiken machen und z. B.
zu beweisen suchen, ein dortiger Rafael sei kein Rafael. Das haben
jedoch Andere wohl schon gründlicher gethan. In Overbeck’s großem
allegorischen Bilde ist die Musik zu kurz gekommen; auch bin ich ein
zu großer Verehrer der Frauen, um nicht zu rügen, daß sie ganz aus
dem Tempel hinausgetrieben sind. Der große Moreto erinnerte mich an
Bilder dieses Meisters in Verona. Das Manierirte und Unschöne so vieler
Gemälde stört den Eindruck in jeder zahlreichern Sammlung; wogegen die
Ausstellung der Rafaels im berliner Museum einen rein erfreulichen
Genuß gewährte, und aus der schweren Luft politischer Werkstätten in
reinere Regionen erhob.
Da ich so viel täglich muß deklamiren hören, nahm ich -- mehr des
ähnlichen Worts, als der inneren Aehnlichkeit halber --, Quintilian’s
Deklamationen zur Hand. Erzeugnisse kalten, künstlichen Scharfsinns,
ohne tiefere Wahrheit und Begeisterung. Wie viel anziehender und
lehrreicher wäre die Sammlung, wenn sie wirkliche Fälle und namhafte
Personen, mit scharfer Hinweisung und Erörterung römischer Gesetze
enthielte; wenn es ein Pitaval der Wahrheit wäre. Freilich zeigen die
Aufgaben eine krankhafte Zeit, aber viel zu unbestimmt und schwankend:
+ein+ wirklicher Fall im Tacitus giebt mehr Erleuchtung über die
damalige Ausartung, als diese ganze Sammlung. Wie konnte ein Mann, der
das geistreiche zehnte Buch seiner Institutionen schrieb, sich mit
diesen Schulexercitien begnügen?
Den 6. Julius.
Die preußischen Wahlen, „hervorgegangen aus der +breitesten+
Grundlage“, erweisen, daß der +Kopf+ bei ihnen nicht mitgesprochen
hat. So übel die Sachen auch standen, als das Wahlgesetz gegeben ward,
hätten die Minister doch nicht mit Siebenmeilenstiefeln selbst über
das amerikanische hinausschreiten, sondern wenigstens von jedem Wähler
fordern sollen: +Ansiedelung+ und +Steuerzahlung+.
Bei der Aussicht, allzu lange hier zu bleiben, möchten Etliche die
Reichsversammlung unterbrechen und etwa im Herbste nach Hause gehen.
Eine unvollendete Verfassung ist aber gar keine Verfassung, und für
Uebereilungen erhält man vielleicht noch eher eine Lossprechung,
als für lange Verschleppungen. Ein sehr zusammengedrängter, rasch
handelnder Bundestag an der Spitze, wäre am wenigsten abweichend von
dem Früheren; ein solcher Gedanke ist aber seiner Unbeliebtheit halber
völlig unausführbar: obgleich ich für den, am entgegengesetzten Ende
stehenden, Gedanken +eines mächtigen+ Kaisers in diesem Augenblicke
noch weniger Freunde sehe. Die französische ~assemblée constituante~
blieb so lange beisammen, daß +daher+ keine Wahrscheinlichkeit für
unser +rasches+ Beenden zu holen ist. Möge das deutsche Kind nur
länger leben als das französische, selbst von den Eltern verläugnete,
halb todtgeborne, und dann mit Schmach und Hohn öffentlich ermordete!
Ueberhaupt können, nach den Erfahrungen der letzten 60 Jahre, alle
Verfassungsfabrikanten keineswegs auf Ruhm und Dank rechnen. Auch läßt
man den alten Spruch: ~in magnis voluisse sat est~, nicht gelten; wie
er denn freilich kaum halbwahr ist.
Sehe ich nach diesen weitaussehenden und weithingreifenden,
weltgeschichtlichen Betrachtungen, auf mich selbst, so bleibt fest
stehen, daß ich ausharren muß und nicht übereilt meinen Platz abtreten
darf, ohne Rücksicht darauf, ob und was zu Stande kommt, und ob man
Dank oder Vorwürfe dafür einernten wird. Man thut eben seine Pflicht!
Wenn ich hier manche Weltverbesserer in ihren gesuchten, abweichenden
Trachten, mit aufgedrückten, schiefgerichteten Mützen, in schmuzigem
Putze, mit großen Knitteln bewaffnet, breitspurig wie Matrosen, Alles
um sich verachtend einhergehen sehe, so werde ich unwillkürlich an
die amerikanischen Wilden erinnert, und möchte eine wilde, aller
Ordnung und ächten Bildung widersprechende Zeit befürchten. Gewiß ist
in all diesen Leuten auch nicht eine Spur von christlicher Demuth, und
ebensowenig von der Besonnenheit und dem schönen Maße, der Sophrosyne,
der Griechen. -- Das äußerliche Gegenstück zu jenen geputzten und
zugleich ungewaschenen Helden des Tages, sind die eleganten Damen.
Denn ihr Anzug ist von der Natur und Schönheit der Griechen so weit
entfernt, wie eine eingeschnürte, schiefhüftige Frau von Lukas Kranach,
von der Venus von Melos. Käme aber diese selbst hieher, und hielte
Vorlesungen darüber, wie man sich kleiden müsse; es würde selbst auf
die Schönsten keinen Eindruck machen, wenn irgend eine Modehändlerin
widerspräche.
Hiebei die ganze Paulskirche, damit Ihr Euch in Gedanken herversetzen
könnt, wie die 600 Weisen Deutschlands auf der breitesten Grundlage
sitzen. -- Ferner, meine drei, +sehr kleinen+ Berichte, über +sehr
wichtige+ Gegenstände. Auf den Lakonismus im Schreiben und Sprechen
sollte man hier große Belohnungen aussetzen!!
Vierundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Julius 1848.
Heute habe ich zum ersten Male den Muth eines Mitgliedes des
britischen Unterhauses gehabt: das heißt, ich bin aus der Sitzung
davongelaufen, weil sie gar zu weitläufig und langweilig war. Zu
einem Satze werden 40-50 Verbesserungsvorschläge gestellt und über
jeden soll man abstimmen; zu jedem Satze haben sich an 60 Redner
gemeldet. Nach einer auf Thatsachen gegründeten und aus ihnen (wenn
es nicht anders wird) fortschließenden Berechnung würden wir im
April 1850 mit den Grundrechten fertig sein, und unsere Weisheit dem
theuern Vaterlande theuer zu stehen kommen, da ihm jede Minute der
Berathung angeblich sieben Thaler kostet. In dieser verzweifelten
Lage geschah der Vorschlag: nur ein von 20 Abgeordneten gebilligter
Antrag dürfe zur Sprache gebracht werden. So zweckdienlich dieser
Vorschlag beim ersten Anblicke auch erscheint, ward er doch (und ich
glaube mit Recht) verworfen: denn Parteileute finden leicht 20 ihres
Gleichen, Unparteiliche kommen nie zum Worte. Auch haben wir die übelen
Folgen einer ähnlichen Maßregel, schon bei der Berathung über die
Centralgewalt erfahren. -- Meine Herren (fragte ein Abgeordneter sehr
persönlich und anzüglich), wer von ihnen hat denn den heutigen Rednern
aufmerksam zugehört? -- und Alle schwiegen. -- Ich denke die Langeweile
und Ungeduld wird am besten zur Beschleunigung, ja vielleicht so sehr
wirken, daß man das Spätere übereilt. Schon jetzt wird +Bravo+
gerufen, wenn Einer auf das Wort verzichtet; ein Gleiches geschah
heute, weil Jemand sagte: ich nehme meinen Antrag zurück! Als er aber
hinzufügte: „ich stelle jedoch einen neuen“; hörte man tiefe Seufzer!
Zum Beweise für die Trefflichkeit des deutschen Familienlebens, steigt
mit jedem Tage der Ruf der Abgeordneten nach Frau und Kindern. Ich kann
(sagte Hr. v. Auerswald) meine aus neun Personen bestehende Familie
nicht aus eigenen Mitteln herschaffen, und Viele wollen (da sich der
Aufenthalt ganz ins Unbestimmte verlängert) darauf antragen, daß der
Staat ihnen Geldhülfe bewillige. Ich glaube nicht an eine Genehmigung
dieser Bitte: es wird aber allerdings mit jedem Tage (so lange noch
schöne Tage sind) nöthiger, daß die abwesenden Familienglieder mit sich
selbst ins Klare kommen, was sie thun und lassen wollen und -- können!
Heute hat man das Gerücht verbreitet, ja an den Straßenecken
angeschrieben: der Erzherzog Johann habe die Stellung als
Reichsverweser angenommen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er
+nicht+ unverantwortlich sei. Der österreichische Gesandte weiß nichts
davon, und die Lüge ist wahrscheinlich zu dem Zwecke erfunden, um
anfangs sagen zu können: sehet, die Linke hat Recht; -- und nachher:
sehet, das Volk ist wieder getäuscht worden! -- Der nächstbevorstehende
Hauptlärm entsteht ohne Zweifel bei der Frage: ob Hecker soll in die
Versammlung aufgenommen werden.
Den 7. Julius.
Die heutige Sitzung war (Gottlob!) nicht so langweilig, wie die
gestrige. Es kam zuerst der Vorschlag in Berathung: ob für die
Angelegenheiten der Kirche und Schule, ein Ausschuß, oder deren zwei
erwählt werden sollten. Dafür ward gesagt: daß beide Gegenstände von
der höchsten Wichtigkeit seien, und von der Reichsversammlung in
genauere Betrachtung müßten gezogen werden. Die wenigen allgemeinen
Sätze, welche man in die sogenannten Grundrechte aufgenommen habe,
reichten nicht aus, und bedürften einer weiteren Bearbeitung.
Wenigstens müßten schon jetzt die Materialien für die künftige genauere
Gesetzgebung gesammelt und vorbereitet werden. -- Gegen den Antrag
ward behauptet: es gehöre durchaus nicht für den Geschäftskreis
des verfassunggebenden Reichstages, Kirchen- und Schulordnungen zu
entwerfen. Statt rasch dem Ziele entgegenzugehen, belade man sich
mit unzähligen, lästigen Nebengeschäften, erschöpfe die Kräfte und
vergeude die Zeit. Wenige, allgemein anerkannte Grundsätze, möge man
in den Grundrechten aussprechen, alles Uebrige aber der späteren,
gesetzgebenden Reichsversammlung überweisen und sich nicht einbilden,
es ließen sich (bei der größten Mannigfaltigkeit der ländlichen und
örtlichen Verhältnisse) für alle deutschen Staaten passende Kirchen-
und Schulgesetze in Frankfurt entwerfen. Insbesondere müsse man
jeder einzelnen kirchlichen Genossenschaft überlassen, ihre eigenen
Angelegenheiten zu ordnen; man müsse da nichts vorschreiben wollen, wo
man durch Zwang noch nie zu einem Ziele gekommen sei. -- So, in aller
Kürze, die Hauptgründe dafür und dagegen. Man kam zu dem Beschlusse:
es solle ein Ausschuß für die Schule, nicht aber für die kirchlichen
Angelegenheiten erwählt werden.
Der zweite Hauptgegenstand der Berathung betraf die deutsche
Wehrverfassung. Aus einem Berichte des dafür ernannten Ausschusses und
einer sachverständigen Rede des Generals v. Radowitz ging hervor: daß
Deutschland seinen beiden mächtigen Nachbarn gegenüber, verhältnißmäßig
keineswegs genügend gerüstet und eine Vermehrung der schlagfertigen
Macht (nach Maßgabe der sehr gestiegenen Bevölkerung) nothwendig sei.
Mit sogenannter Volksbewaffnung könne man regelmäßig geordneten
Heeren nicht widerstehen; und die Kosten würden bei zweckmäßiger
Verbindung der Linie, der Landwehr und Bürgerwehr, nicht sehr steigen.
-- Hiegegen wurden (besonders von der Linken) die bekannten Klagen
über stehende Heere wiederholt, und behauptet: eine Volksbewaffnung
sei um so eher ausreichend, da kein Krieg drohe (obwohl sie immer
wider Rußland aufreizt) und man nur die brüderlichen Anerbieten der
Franzosen annehmen und entgegnen dürfe, um in tiefster Ruhe alle Kräfte
nützlicher auf die innere Entwickelung zu verwenden. -- Die Abstimmung
ward auf nächsten Freitag angesetzt.
Niemand hob hervor, daß ein fortgesetztes, stetes Steigern der
+bewaffneten+ Macht, von Seiten +aller+ Staaten, sie immer schneller
dem (mindestens finanziellen) Abgrunde entgegenführt. Deutschland muß
sich so rüsten, daß es vollgewichtig mitsprechen kann; dann aber darauf
dringen, daß +alle+ Landmächte verhältnißmäßig und Zug um Zug jenen
auszehrenden Kriegszustand während des Friedens ermäßigen.
Den 8. Julius.
Gestern hatten wir hier (oder vielmehr in Sachsenhausen) auch einen
Krawall ganz nach gewöhnlichem Zuschnitte, Pflasteraufreißen, den
Bäckern (angeblich zu kleinen Brotes halber) die Fenster einwerfen,
Verhaftungen, Versuche des souverainen Pöbels die Eingesperrten zu
befreien, steigende Widersetzlichkeit bis zum Schießen. Die frankfurter
Soldaten und Bürger waren sogleich zur Hand, ernsthaftes Eingreifen,
Blöken und Brüllen der Lumpen, die Hecker leben ließen, Herstellung
der Ordnung und heute früh um 5 Uhr zur Aufrechthaltung derselben alle
Mannschaft schon wieder zur Hand: -- hoffentlich mit gutem Erfolge.
-- Einem Kellner im Schwan, der das Gesindel auch gern zu Helden
umgeschmort hätte, sagte ich: da einige Preise auf dem Speisezettel
erhöht wären, würde ich Sorge tragen, daß die Fenster im Schwane
auch eingeschlagen würden. Dies ~argumentum ad hominem~ machte ihn
stutzig, und als ich eine Strafpredigt ohne Ironie folgen ließ, ging er
eiligst seinen Geschäften nach. -- Im Buchladen fand ich gestern eine
Republikanerin aus Offenbach, welche klagte, daß sie die einzige dieses
Glaubens in ihrer Familie sei. -- Das Papier reicht nicht hin über
unsere angenehmen Discurse Bericht zu erstatten, welche meinerseits
zugleich höflich und grob waren. -- Sie: Der Prinz von Preußen hat u.
s. w. -- Ich: Gelogen! -- Sie: Der russische Kaiser hat die Plünderung
des berliner Zeughauses durch Geldspenden herbeigeführt. -- Ich: Er hat
auch einigen Demoisellen, welche mitplünderten, auf seine Kosten Hosen
machen lassen.
Fünfundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Julius 1848.
S. ein Ungar, von Paris kommend, erzählte, wie man daselbst allgemein
von der Regierung +strenge+ Maßregeln wider die Unordnung fordere.
-- Ungarn und benachbarte Slaven hätten seit Jahrhunderten friedlich
nebeneinander gewohnt. Der ganz neue Zwist habe einen doppelten Grund:
1) Ränke und heimliche Umtriebe der Russen. 2) Bascule, Schaukelsystem
des gestürzten österreichischen Ministeriums, welches den mächtiger
auftretenden Ungarn gesucht habe, Slaven entgegenzustellen. Hoffentlich
sei der jetzige Zustand ein vorübergehender. Erzherzog Stephan werde
in Ungarn sehr geehrt und geliebt. -- Ein starkes Ungarn sei durchaus
nothwendig gegen die immer mehr hervortretenden Übergriffe der Russen;
auch würden die siebenbürger Deutschen durch einen engern Anschluß an
Ungarn besser wegkommen, als wenn sie von der Mehrzahl von Slaven und
Walachen abhängig würden.
Gestern habe ich mir zur Gemüthsergötzung Bulwer’s Pelham aus der
Lesebibliothek geholt; ergötze mich aber nicht daran und fühle mich
außer Stande das Buch buchstäblich zu lesen. Geschicklichkeit der
Auffassung und Darstellung -- aber welcher Personen und Gegenstände.
Die entschlossenen Teufelskerle und kräftigen Liederjans in Fielding’s
Romanen interessiren, und strecken doch ab und zu die Hand aus nach
poetischen Lebenselementen; aber Hr. Pelham ist ein inhaltsloser,
kenntnißloser, gedankenloser, gemüthloser, blasirter Fat und Dandy.
Sagt man: das soll er ja eben sein, so ist er dann wenigstens kein
Gegenstand, oder keine Person für ein Kunstwerk. Oder kommt das Beste
etwa hinten auf den letzten Seiten, zu denen ich wohl nicht vordringen
werde? Die erbärmlichste, beleckte, mit Schminkpflästerchen belegte
Frivolität des oberflächlichen Lebens; was soll ich mich in diese
elendeste Gesellschaft begeben? Lieber lege ich mich entschlossen zu
den Schweinen und rufe: mir ist so kannibalisch wohl u. s. w. Auch
die unerschöpfliche Liederlichkeit des Chevalier Faublas ist noch
anziehender; -- aber freilich nicht, wenn er Prügel bekommt, oder in
der Noth moralisch wird und ruft: ~o ma tendre Sophie!~ Moralische
Schwanzperücken, die man Büchern der Art anhängt, wachsen damit nie
zusammen und Feigenblätter helfen nicht gegen die Sünde. Zierereien,
erstes Häufchen.
Pelham erinnerte mich an die Sybille der Gräfin Hahn. Beide lieben
+nicht+, sie lieben vielleicht +nichts+; aber welch ein Unterschied.
Jener ist und bleibt innerlichst und für jeden Boden eine taube Nuß;
diese ist mir anziehender als ein ganzes Schock Mädchen und Frauen,
welche singen: bei Männern welche Liebe fühlen! Die Meisten bringen
es dabei nicht über eine physische, oder moralische Nothdurft hinaus;
die Noth werden sie dabei nie los. Der Diamant brennt auch; aber ich
kann ihn nicht mit einem Schwefelhölzchen, oder Lappenzunder entzünden.
Das erfährt Sybille. Lessing sagt: das Streben nach Wahrheit stehe
ihm höher als die Wahrheit. Alles ächte Leben beruht auf jener steten
Thätigkeit, ununterbrochenen Bewegung. Die Erde wirbelt seit der
Erschaffung und kommt nie an; ist ihr Streben, ihre Thätigkeit deshalb
nichts? Welcher Mensch kann sagen: er sei am Ziele angelangt? Das sagt
der Faule, oder der Erschöpfte. Beides ist freilich sehr menschlich und
natürlich! -- Übrigens widerrufe ich Alles, was ich gegen Pelham gesagt
habe; schon um des vollgewichtigen Einwandes halber: Sie haben das Buch
nicht durchgelesen!
Den 9. Julius.
Gestern Abend hatten wir eine lange, ziemlich fruchtlose Sitzung im
völkerrechtlichen Ausschusse: Über die Noth deutscher Auswanderer in
Havre, welche sich ohne Geld und Vorsicht dahin begeben hatten. Gewiß
müssen künftig die deutschen Regierungen (oder die Bundesregierung)
mehr thun, um die Auswanderer zu belehren, gegen Betrug zu schützen,
ihnen eine sichere Aufnahme zu bereiten u. s. w.; wogegen ich erstens
nicht glaube, daß jemals durch Auswanderungen die Überbevölkerung
hinweggeschafft wird. Es werden (wie Irland zeigt) mehr Kinder neu in
die Welt gesetzt, als Erwachsene davongehen. Zweitens: Auswanderungen
auf Kosten des Staates zu betreiben, führt nicht zu übersehende
Ausgaben herbei und wird eine höchst drückende Armensteuer. Selbst
das reiche England hat sich nie darauf einlassen wollen. Drittens ist
es sehr irrig, hiebei etwa nur die Kosten der Überfahrt in Rechnung
zu stellen; die Kosten der Ansiedlung sind eben so nöthig und viel
größer; weshalb die Amerikaner auch untersuchen, ob der Ankömmling Geld
mitbringt, bevor sie ihn ans Land lassen.
Wie angeblich kluge Leute doch ganz thörichte Vorschläge machen können,
erfuhren wir gestern im Ausschusse. Ein Mann behauptete: Preußen habe
bei den Verhandlungen mit Dänemark die Interessen seiner eigenen
Unterthanen leichtsinnig, oder pflichtwidrig vernachlässigt, und sei
anzuweisen, sogleich Jütland zu besetzen und es zu behalten, bis die
Dänen in Alles einwilligten, was man verlange. Auf Machtverhältnisse,
auf die Einwirkung Schwedens, Englands und Rußlands, nahm der Mann
nicht die geringste Rücksicht; er wollte mit einem frankfurter
Maultrompetenstoß alle Hindernisse zu Boden stürzen und den Preußen
beibringen, -- was sie längst besser wissen.
Was heißt das: ich liebe König und Königin u. s. w., nenne aber das
jetzige Preußen nicht mein Vaterland. Es ist keine Kunst, in guten
Zeiten ein großes Gehalt zu beziehen, Diners geben und besuchen; wenn
sich dies aber ändert, Klaglieder Jeremiä vorzubemmeln. Ein Mann in
--s Jahren muß noch Hand anlegen, und je kränker ein Kind ist, desto
größer Liebe und Sorgfalt des Vaters und der Mutter. Wie oft hätten die
Preußen sonst verzweifeln müssen! Im Dreißigjährigen und Siebenjährigen
Kriege, im Jahre 1813 und -- jetzt! Dennoch: ~plus ultra~, Vorwärts,
Drauf!! -- Ruhe, Ordnung und Gesetz wird nicht dadurch im Vaterlande
hergestellt, daß man es verläßt. Beamte jener Art haben dem Sturze
nicht vorbeugen können, und werden den Aufbau nicht zu Stande bringen.
Ruhe, Ordnung und Gesetz geht mir auch über Alles; erst aber muß man
Hand anlegen, ehe es erlaubt ist zu sagen: ich wasche meine Hände in
Unschuld. -- Ich bin freilich nur ein Heupferd, aber ich sitze doch auf
dem Wagen, der da fährt, und komme mit vorwärts; wenigstens eher als
wenn ich auf einem vertrockneten Grashalm säße und einen und denselben
Singsang von Morgen bis zum Abend faullenzend ertönen ließe.
Die Leichtgläubigkeit ist überall gleich groß: bei den berliner
Bürgern und den Demoisellen in Offenbach. Zu gestern war hier wieder
ein Krawall angesagt, weil man einen Haupträdelsführer verhaftet und
nach Mainz geschickt hat. Es blieb jedoch Alles ruhig, vielleicht aus
einem löblichen Rechtsgefühle, oder aus Besorgniß vor den muthigen
Gegenanstalten.
Sechsundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. Julius 1848.
Gestern Nachmittag machte ich einen langen Spaziergang, nach einer mir
noch ganz unbekannten Gegend. Auch hier fand ich eine Überzahl schöner
Landhäuser, reich geschmückter Gärten, großer gesunder Bäume; dann
fruchtbare, wohlangebaute Felder. Alles vereinte sich zum angenehmsten,
heitersten Eindruck; obgleich mit der begonnenen Roggenernte und dem
Verschwinden der Rosenblüthe sich der Spätsommer bereits ankündigt.
Weiter und weiter gehend, kam ich unerwartet zu einem Orte, von dem
man mir gesagt: er sei zu entfernt, als daß man ihn zu Fuße erreichen
könne. Jeder erreicht ihn indeß zu Fuße, zu Pferde, zu Wagen; ja,
selbst dann, wenn er zu Hause bleibt. Auch mir wird daselbst bald
eine freie Wohnung angewiesen werden. Der +Friedhof+ gehört zu den
anmuthigern in Deutschland, obwohl er keine Kunstdenkmale zeigt. An
der einen langen Seite des, mit Mauern umschlossenen Gartens läuft
ein Bogengang, an dessen hinterer Wand die Namen der Familien und
ihrer Begräbnisse verzeichnet sind. Im Freien stehen einzelne kleine
Denksteine gleichsam in der Einsamkeit; an anderer Stelle drängen sich
die weißen, mit Namen bezeichneten Kreuze. Diese hölzernen Kreuze
verlängern das Andenken, wenigstens auf einige Zeit. Bald aber ergreift
der Tod auch sie; etwas später die steinernen Denkmale; bis man
dereinst an ausgegrabene Schädel die Vermuthung knüpft: hier sei ein
Friedhof -- oder ein Schlachtfeld gewesen! Beides zeugt für dasselbe,
für die Hinfälligkeit und Veränderlichkeit alles Irdischen!
Es steht geschrieben: ihre Werke folgen ihnen nach. Heißt das: sie
sind vorgeübt für ein neu beginnendes höheres Dasein, und kommen
deshalb in eine höhere Klasse? Oder muß ein Schriftsteller den
Spruch so deuten: seine gedruckten Werke werden sogleich, oder bald
nachher auch begraben? Unzählige Blumen und Kränze bezeugten die
herzliche Theilnahme der Überlebenden: aber die Blumen vertrocknen
und die spätern Geschlechter wissen nichts mehr von früherer Liebe,
Theilnahme, Schmerzen, Hoffnungen. -- Mit ernsten, wehmüthigen Gedanken
wanderte ich durch Seitenwege, über Felder und Gärten zurück, und ging
(so schnell wechseln Handlungen und Stimmungen) ins Schauspiel.
Oberon war plötzlich heiser geworden, deshalb gab man Stadt und Land;
nicht von der Birch-Pfeiffer, sondern ein wiener Stück, mit der
dortigen Gutmüthigkeit, Heiterkeit und lustigen Witzen ausgestattet.
Daß das Land den sittlichern Gegensatz zur verbildeten Stadt bietet,
versteht sich von selbst. Der verschmähte Bruder Ochsenhändler fällt
in die Kreise seines vornehm gewordenen Bruders nieder und verursacht
Jammer und Noth, bis er diesen zuletzt aus der Noth rettet. Des
Vornehmen kränkliche Tochter ist auf dem Lande bei ihrem Oheime
leiblich und geistig gesund geworden; des Ochsenhändlers Tochter in
der Stadt eitel und herzlos -- und wie die Gegensätze weiter lauten.
Keiner spielte schlecht; der Ochsenhändler (Hr. Merk) und ein, seinen
Herrn (wegen der ihm bekannten Herkunft desselben) beherrschender,
hochmüthiger, faul geldgieriger Bedienter (Hr. Hassel) zeichneten sich
aus, sodaß ich mich sehr gut amusirte und Gottlob (Staat und Kirche
vergessend) von Herzen lachte!
In der heutigen Sitzung ward ein Schreiben der nach Wien gesandten
Abgeordneten verlesen, worin sie Bericht erstatten, mit welcher
Theilnahme, mit welchem Jubel man sie, ihrer Botschaft halber, in
allen Orten (besonders in Regensburg, Linz und Wien) empfangen habe,
wie sie dem Erzherzog Johann vorgestellt worden, was er geantwortet u.
s. w. Auch in der Paulskirche erhob sich theilnehmender Beifallsruf;
nur die Linke blieb schweigend sitzen. Sehr überraschte die Nachricht,
der Erzherzog werde bereits morgen hier anlangen, sodaß die großen
Festlichkeiten, welche Frankfurt bezweckte, gutentheils wohl
unterbleiben müssen.
Hierauf begann eine stundenlange, ganz unnütze Rederei über
Zeitungsnachrichten, den in Holstein abgeschlossenen Waffenstillstand
betreffend. Einige Redner der Linken spielten hiebei Grobheiten gegen
den König von Dänemark und die Dänen aus, oder verläumdeten die
Preußen. Das allgemein bezeigte Mißfallen und der Ruf zur Ordnung
können Leute nicht einschüchtern, deren liebste Nahrung eben die
Unordnung ist. Brachte doch V. den Aberwitz vor: die Preußen föchten in
Holstein verrätherisch Krieg +für+ den König von Dänemark und +gegen+
Deutschland! Das Ende war der Beschluß: zur Tagesordnung überzugehen;
das hieß: nachdem man die Zeit und den Tag verloren hatte, nicht zur
Tagesordnung, sondern nach Hause zu gehen!
Den 11. Julius.
Gestern Abend drei Stunden lang im Ausschusse; diesmal zwar
nicht +mit+ den Polen, aber doch +über+ die Polen. Gemüthliche
Schwäche, sentimentale Theilnahme, Rechtsgefühl sind weit häufigere
Eigenschaften, als politischer Verstand und staatsmännische Weisheit.
So kamen bei den gestrigen Erörterungen sonderbare Ansichten zu
Tage, z. B. im Staatsrechte gebe es keine Verjährung, Abgezwungenes
(etwa durch nachtheilige Friedensschlüsse) werde nie ein rechtlicher
Besitz, sondern der rückfordernde Anspruch dauere bis in Ewigkeit;
die von König F. W. III. den Polen freiwillig versprochene Erhaltung
ihrer +Nationalität+, schließe die Errichtung einer selbstständigen
polnischen Herrschaft in sich; eben so sei das Wort +Organisation+
jetzt zu verstehen, und überlasse die posener Deutschen den Polen!
Ansichten so einseitiger, wunderlicher Art werden jedoch in der
hiesigen Versammlung schwerlich jemals das Übergewicht gewinnen.
Der heutige Tag ist kalt, dunkel und regnerisch, also sehr ungünstig
zum Empfange des Erzherzogs im Freien. Doch brachte man schon gestern
Abend ganze Fuhren von grünen Bäumen und Zweigen herbei, und befestigte
Fahnen und Kränze an den Häusern.
Die Commission, welche dafür ernannt war, machte über den Empfang des
Erzherzogs in seiner Wohnung, Einführung in die Reichsversammlung,
Anrede des Präsidenten u. s. w. verständige Vorschläge, deren einfache
Annahme, ohne Erörterung, man erwartete. Dennoch eilte Hr. Simon aus
Trier auf die Rednerbühne und behauptete: Niemand solle den Erzherzog
empfangen, er solle zu +uns+, den Vornehmern, kommen. Und Hr. Wesendonk
aus Düsseldorf verlangte, daß des Präsidenten zu sprechende Worte
vorher mitgetheilt und durchcorrigirt würden. Beide Anträge fanden aber
+fast gar keine+ Unterstützung; selbst die Galerie hatte Gefühl für
Schicklichkeit und Anstand -- --
Funfzig erloosete Mitglieder der Reichsversammlung werden den
Reichsverweser empfangen. Fahnen, Kränze, mit Eichenlaub geschmückte
Hüte, Soldaten, Bürgerwehr, Zünfte, Alles in höchstem Prunke, am Thore
eine geschmackvolle Ehrenpforte, Volk auf und ab wogend, alle Fenster
voll, meist von Frauen und Mädchen.
+7 Uhr.+ So eben habe ich den Erzherzog und den ganzen Zug, von einem
guten Straßenplatz auf der Zeile gesehen. Er hat den gutmüthigen
Ausdruck des österreichischen Hauses, und der Empfang war so
freundlich, die Theilnahme so groß und allgemein, als man zu seinem und
des Vaterlandes Wohle nur wünschen kann. Nach einigen Tagen (so höre
ich) und nach Errichtung der Ministerien will er Frankfurt verlassen,
in Wien den Reichstag eröffnen und bald zurückkehren. Niemand kennt
die Zukunft; doch muß ich es (wie ich wohl schon früher schrieb) für
einen großen Gewinn halten, daß ein Mann gewählt ward, der in der
Reichsversammlung eine so entscheidende Stimmenmehrheit hatte, und
für den sich alle Regierungen aufrichtig erklären. Die Anarchisten
sind dadurch sehr in ihren Planen gestört worden. Mögen sie nur in
Berlin nicht die Oberhand wieder gewinnen. Die letzten Sitzungen des
Landtages zeigen weder Inhalt, noch Haltung, noch Würde, und der
beginnende Zank zwischen der zeither allzuzahmen Stadtbehörde, und der
allzu anmaßenden Bürgerwehr, giebt schlechte Aussichten. Mit Recht
weiset Sydow den hochmüthigen Brief einiger Wahlmänner muthvoll zurück.
Eben so Schreckenstein die Einmischung einzelner Abgeordneten in die
Kriegsverwaltung. Mögen ihn nur seine Kollegen nicht im Stich lassen.
Siebenundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Julius 1848.
Heute, so ist die Voraussetzung, wird der Erzherzog in der
Reichsversammlung erscheinen. Der Andrang nach Eintrittskarten ist
so groß, daß man sie für hohen Geldpreis, oder Frauengunst, hätte
los werden können. Ich habe die meine, wie zeither immer, den lieben
Töchtern meiner Frau Wirthin überlassen.
Man bezeichnet diesen Tag, als höchst wichtig für die weitere
Entwickelung und Geschichte Deutschlands. Wer hätte vor Jahr und
Tag vorausgesagt: daß ein +so erwählter+ Reichstag, einen
österreichischen Erzherzog erwählen und jede Regierung dankbar
einwilligen würde! Die Wahl, die Form jenes Reichstags zeigt
eine Erhöhung der Volksgewalt und eine Minderung der fürstlichen
Macht, wie sie in der deutschen Geschichte so groß und rasch noch
nicht vorgekommen. Jahrhunderte lang kämpften die Fürsten gegen
den Kaiser, um die Landeshoheit zu erobern; jetzt bewegt sich der
Streit (nach Beseitigung des Kaisers) zwischen Fürsten und Volk mit
augenscheinlichem Übergewichte des Letzten; +so lange es sich
nicht zur Anarchie verlocken läßt, woraus die Fürstengewalt wieder
auferstehen würde+. Wenn gleich der hiesige Reichstag noch keine
Geld- und Kriegsmacht besitzt, dann doch eine große moralische
Kraft und eine sehr hohe Meinung von sich selbst. Die letzte kann
(Feigeren gegenüber) zum Siege, oder (Gewandteren gegenüber) zum
Sturze führen. Die Fürsten sind (schon ihrer Persönlichkeit wegen)
jetzt meist unbedeutend; vereinzelt werden sie keinen Boden gewinnen.
Wie aber, wenn der Reichstag (und dazu ist er sehr geneigt) für die
angepriesene Einheit Deutschlands zu viel thäte, zu viel von hier aus
vorschriebe, auf örtliche und landschaftliche Ansichten und Wünsche
keine Rücksicht nähme und das Allgemeine über alle noch lebendigen
Besonderheiten hinaufstellte? Dann könnte, ja würde sich Fehde erheben,
zwischen den ihr eigenthümliches Dasein vertheidigenden, deutschen
Volksstämmen und dem (nach französischer Weise) centralisirenden
Reichstage, und Reichsoberhaupt und Fürsten würden die eine, oder die
andere Richtung mit vertreten müssen. Die Gironde war außer Stande,
Frankreich in einen Bundesstaat zu zerfällen; Gedanke und Gewohnheit
der unbedingten Einheit war zu tief gewurzelt und der Wille von Paris
zu vorherrschend, als daß man in Erneuerung landschaftlichen Lebens
nicht mehr Verlust, als Gewinn gesehen hätte. Verfehlen Reichstag
und Reichsverweser das rechte Maß ihrer, meist vom guten Willen der
einzelnen Staaten abhängigen, Einwirkung; so könnte in Deutschland das
Umgekehrte eintreten. Die Art, wie verläumdungssüchtige Schreier hier
nur zu oft Preußen behandeln, schwächt selbst bei dessen Abgeordneten
die Begeisterung für die, blos dem Namen nach vorhandene Einheit und
Einigkeit Deutschlands, und erweckt den Zweifel: ob sie sich nicht
bei dem alten, abgeschlossenen Preußenthum besser befunden hätten
und auch künftig befinden würden? Wären unsere heimischen Zustände
nicht so beklagenswerth, zeigte sich im Landtage mehr Geist und
Charakter, hätten die Machthaber nur etwas von dem einfach verständigen
Regierungstalente Friedrich’s II. -- --, so -- aber!!! Man könne, trübe
gestimmt, ausrufen: ~quos Deus vult perdere, dementat!~
Dem Einzelnen ist ein +unvermeidliches+ Lebensziel gesetzt; alle
Weisheit und Tugend, alle Mäßigung und Besonnenheit, können es niemals
abwenden. Solch +nothwendiger+ Tod ist Völkern nicht vorbestimmt;
sie sind unsterblich, wenn sie das Rechte wollen und vollbringen. Ja,
sie können aus Todesgefahren (wie 1813) verjüngt hervorgehen; sie büßen
aber schnell die hergestellte Jugendkraft wieder ein, wenn sie dieselbe
nicht üben, oder mißbrauchen.
Sollten denn die Deutschen weniger Kraft besitzen von ihren politischen
und geselligen Krankheiten wieder zu erstehen, wie die Franzosen?
Sind die unseren etzt wirklich so groß, wie die französischen?
Freilich, wenn man sich zu den eigenen Krankheiten, die fremden
thöricht einimpft, oder sie für Gesundheitsmittel hält; -- dann ist
die Herstellung und Heilung doppelt schwer. Communismus, Socialismus,
Organisation der Arbeit, oder wie die Quacksalbereien politischer
Tollhäusler sonst heißen, sind jedoch durch pariser Blut wohl auch für
Deutschland fortgeschwemmt worden, und eine heilige Scheu eingetreten
sich aus Louis Blanc’s Sudelapotheke Arznei gegen die Leiden der
Menschheit zu holen. Der völlig mißlungene Versuch wird mit doppelter
Bestimmtheit auf die rechte Bahn hinweisen.
Gestern begegnete ich -- in Gesellschaft eines limburger Abgeordneten,
der seine Ansicht über die Angelegenheiten dieser Landschaft
für einleuchtend und unläugbar erklärte, den Widerspruch der
niederländischen Regierung nirgends berücksichtigen wollte und, mit
Zurücksetzung aller völkerrechtlichen Formen, vom Reichstage einen
augenblicklichen Beschluß verlangte, der Deutschland in einen Krieg
mit Holland (wie mit Dänemark) verwickeln müßte. Nachdem ich ohne
Erfolg höfliche Gründe ausgesprochen hatte und der Unfehlbare immer
schärfer auftrat, ließ ich meinen Gedanken und meiner Zunge auch
freiern Lauf, habe aber den Beifall des Eiferers gewiß nicht gewonnen;
-- worauf es indeß auch gar nicht abgesehen war. Gegen derlei bergab
stürzende Männer, wird der Reichsverweser und sein Ministerium doch als
nützlicher Hemmschuh wirken.
Die heutige Sitzung begann mit einem Berichte Heckscher’s (eines der
an den Reichsverweser geschickten Abgeordneten) über die Hinreise,
Aufnahme in Wien und die Rückreise. Er war höchst anziehend und
erfreulich. Ihr müßt ihn in den Zeitungen, oder den stenographischen
Berichten lesen, die ich an S. schicke. Überall dieselbe Theilnahme für
Deutschlands Wohl und Einigkeit, Jubel über die Wahl des Erzherzogs,
nirgends eine Spur rückläufiger Bestrebungen, überall Sinken, oder
Verschwinden der anarchischen Richtung, selbst in Breslau Vorherrschen,
in Leipzig voller Sieg der Gemäßigten. Thut endlich auch Berlin seine
Pflicht, so kann man sein Haupt ohne Scham wieder erheben; und nach den
Thorheiten der Absolutisten und Anarchisten, auf Gründung von Maß und
Ordnung hoffen.
Nach Anhörung des Heckscherschen Berichtes holten die 50 erlooseten
Abgeordneten den Reichsverweser in seiner Wohnung ab. Der Präsident
v. Gagern redete ihn in kurzer zweckmäßiger Weise an und das Gesetz
über die Centralgewalt ward verlesen. Der Reichsverweser antwortete
mit starker, fester Stimme, versprach das Gesetz zu halten und alle
Kräfte seinem neuen Berufe zu weihen; auch habe ihn der Kaiser (sobald
nur der Reichstag in Wien eröffnet worden) von allen weitern Pflichten
entbunden. Der Rede folgte lauter, anhaltender, allgemeiner Beifall. Ob
sich indeß Einige von der Linken ausgeschlossen haben, konnte ich nicht
sehen. Gewiß waren mache ihrer Plätze leer, und so drängten denn die
Damen in den, für die Abgeordneten bestimmten Raum und saßen in mancher
Gegend mit diesen vermischt, -- Folge ihrer Unwiderstehlichkeit, -- --
--. Der Erzherzog war in einfacher, schwarzer, bürgerlicher Kleidung,
hat die Figur meines Vaters; auch erinnert sein Gesicht an diesen,
wenn auch dessen Aehnlichkeit mit dem Vicekönige Rainer mir noch
auffallender erschien.
Euren Brief vom 10. habe ich heute früh erhalten, und trotz des
erhabenen Ernstes des heutigen Tages, mich an den mitgesandten berliner
Witzen ergötzt. Wozu Witze? sagte mir ein Abgeordneter; allerdings,
antwortete ich, ist ein Groschenbrot nöthiger und nützlicher. Ein
anderer Abgeordneter hatte sein Schnupftuch vergessen, holte einen
Haufen Papiere aus der Tasche und sagte: so muß ich mich in lauter
Amendements schneuzen! -- Für die meisten, der kürzeste Weg sie ihrer
Bestimmung zuzuführen.
Daß S. abwarten und Berlin nicht verlassen will, muß ich billigen;
soll aber das Briefschreiben eingestellt werden, bis es Rosen und
Lilien regnet, oder der Himmel voll Geigen hängt; so kann man alles
Briefpapier einstampfen und für die Straßenliteratur umarbeiten.
Achtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 13. Julius 1848.
Der Himmel hellte sich gestern gegen Abend auf, sodaß die Erleuchtung
der Stadt nicht durch Regen gestört ward. In den Hauptstraßen war kaum
ein Haus unerleuchtet; sehr wenige Fenster zeigten nur 2-4 Lichter
oder Lampen, viele 6-8, noch mehr 12 Lichter, oder ununterbrochene
Reihen. Die Wache, einige Kirchen, Brunnen und Thore, der Römer und
einzelne Privathäuser glänzten in heiterer Pracht. Hiezu ein solch
Gedränge der Menschen, als wäre man in Paris, oder London. Auch hatte
die ganze Nachbarschaft ihren Beitrag geliefert, und alle Gasthöfe
waren so überfüllt, daß die unzähligen Fremden kaum ein Unterkommen
fanden. Allgemeine Heiterkeit und Zufriedenheit, welche auch ich
theilte. Und doch erschien mir Alles wie ein Traum, und ich konnte
mir den Hergang und die lange Stufenfolge der Ereignisse, kaum im
Gedächtnisse, bis zu dem letzten Augenblicke vergegenwärtigen: -- von
dem ersten Gedanken eines deutschen Volksreichstags, bis zur Einführung
eines, durch denselben erwählten, Reichsverwesers. Selbst den Kühnern,
schien jener Gedanke, dem bestehenden Bundestage +der Fürsten
gegenüber+, für unausführbar; und nun hat gestern der Reichsverweser
der letzten Sitzung des Bundestages beigewohnt, und der österreichische
Bundestagsdirektorialgesandte Herr v. Schmerling, hat das vom
Volksreichstage ausgesprochene Todesurtheil, er hat diesen Wechsel
(auf Selbstvernichtung ausgestellt) -- bestens acceptirt, und alle
Mitglieder sind ohne Sang und Klang, und Leichenfeier ruhig nach Hause
gegangen, um als eine Art von Departementsräthe beim Reichsverweser und
dessen Ministerium wieder zu erstehen, oder fort zu vegetiren. -- Und
das Alles wäre kein Traum? Nicht wunderbarer und unglaublicher, als die
meisten Träume?
Welche Stufen des Schauspiels in dieser politischen Laterna magica!
Unbeschränkter Absolutismus, zum letzten Male angebetet von der
königlich preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin; bis zu dem
Götzendienste mit Hecker und Struve! Das Unterste zu oberst gekehrt
in wenig Wochen, und alles Mittlere so betäubt und verblüfft, daß nur
Wenige den Versuch wagen, sich wieder auf ihre eigenen Beine zu stellen.
Erst: keine Centralgewalt; dann eine Centralgewalt gebildet aus
+drei+ von den Regierungen ernannten Häuptern; -- +ein+ Haupt
von ihnen ernannt, vorgeschlagen oder bezeichnet. -- +Nicht+ von
ihnen ernannt, vorgeschlagen, oder bezeichnet. -- Erwählt im Vertrauen,
oder der Voraussetzung ihrer Zustimmung, ihres Beifalls. +Nichts+
von Vertrauen, Voraussetzungen, Zustimmung, oder Beifall; sondern
völlig unabhängige Wahl durch den Volksreichstag! -- Nach solchem
Aufgeben aller irgend festen Stellungen, oder nach dem Herausjagen aus
denselben, nach solchen Niederlagen der Regierungen, der einzelnen
Staaten, des alten Monarchismus; die unerwartete siegreiche Wahl eines
Reichsverwesers aus dem alten Kaiserhause, und daneben Hrn. v. Itzstein
fast nur als Bajazzo genannt, oder aufgenommen.
Oft erschienen die Berathungen langsam und langweilig; spätere Zeiten
(wo die Dinge sich perspektivisch zusammendrängen) werden finden,
daß wir im +Sturme vorgeschritten+ sind. Wiederum haben wir noch
nicht einmal den Anfang des Endes erreicht: denn die Sphinx giebt
unerschöpflich neue Räthsel auf, und +ein+ Ödipus reicht nicht hin
sie alle zu lösen. Wenn der Landtag in Berlin doch wenigstens hiebei
zu Hülfe käme; sein babylonisches Kauderwelsch stört und verwirrt aber
nur die hiesigen Lösungsversuche, und arbeitet Denen in die Hände,
welche Preußen mediatisiren, und ihm seine Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft rauben möchten.