An -- -- -- --

-- März 1848.

Die Zukunft sahest Du mit Adlerblicke,

Und herzzerreißend waren Deine Schmerzen!

Wo find’ ich, riefst Du, wahrhaft treue Herzen,

Die mich verstehen und der Welt Geschicke?

Wer Dich gekannt, er war Dir treu ergeben,

Und bleibt es selbst in dunkler Nächte Grauen,

Du Bild der Anmuth, edelste der Frauen,

Die gern das Volk geführt zu neuem Leben!

So hoch gestellt, und dennoch fern vom Rathen;

Cassandra unserer Zeit, Dein heilig Glühen

Geopfert ward es unter Spott und Hohne!

Was kann Dich trösten, als wenn neue Saaten,

Die Du ersehnt, wie Keiner, jetzt erblühen

Zu ewigem Schmucke Deiner Dornenkrone!

Den 14. Mai.

Heute werde ich 67 Jahre alt, und bin nun so bejahrt wie der Vater,

als er starb. Vor drei Monaten war mein Haus so gut bestellt, daß ich

ruhig dahinfahren konnte; es ist nicht meine Schuld, daß es jetzt

ganz anders steht. Ein Glück, daß Frau und Kinder darüber ruhiger und

gefaßter sind, als viele Andere, die mit Seufzen und Wehklagen nicht

das Geringste ändern können und sich und ihren Umgebungen nur das Leben

sauer machen.

Heute schreibe ich meinen Mitbürgern, daß ich das Amt eines

Stadtverordneten niederlege und nicht wieder gewählt sein will.

Dafür sprechen viele -- unerfreuliche -- Gründe. Alter, Übermaß der

Geschäfte, falsche Richtung der Verwaltung, welche die Stadt bankerott

und die Besitzlosen zu Herren macht, Unmöglichkeit ohne Gewalt aus der

Anarchie zur Ordnung zurückzukehren u. s. w. Wenn man mich endlich bei

den Wahlen für die Reichstage als verbraucht (~usé~) betrachtet

hat, und meine gemäßigten Grundsätze feige und ungenügend nennt, so

will ich auch andern und jüngeren Kräften überlassen, mit größerer

Weisheit den städtischen Augiasstall auszumisten.

Die Frage über die Rückkehr des Prinzen von Preußen hat zu zwei sehr

unruhigen Nächten Veranlassung gegeben; die Unruhstifter wünschten die

Gelegenheit zu benutzen, in die Republik hineinzuspringen. Siegt das

Ministerium, so ist dies ein großer Gewinn; eine Niederlage wäre ein

+großes Unglück+.

Die Zeiten, wo Politik oder Theologie allein herrschen, sind

allemal unglücklich; alles Andere wird vergessen und mit der

ächten menschlichen Bildung geht es rückwärts. Auch die Studenten

vernachlässigen ihre Wissenschaft und wollen Dinge anordnen und

beherrschen, die sie nicht verstehen und die gar nicht ihres Amtes

sind. Als ich vorgestern nachsehen wollte, ob ich wohl Zuhörer fände,

hieß es: Heute sei keine Zeit, Vorlesungen zu hören; die Studenten

rathschlagten über den Prinzen von Preußen und die Entlassung des

Ministeriums!!!

Ich weiß noch nicht, welche literarische Arbeit ich vorzugsweise

unternehmen und ob ich etwas niederschreiben soll. Die Zeit des

französischen Terrorismus und Direktoriums erschreckt mich, oder widert

mich an. -- Vielleicht am besten, ich schreibe gar nichts mehr; dann

mag das Büchlein, welches ich anonym und unter dem Titel +Spreu+

ausgehen ließ, für eine Art von Testament gelten. Es würde mir

wahrscheinlich einiges Lob und noch mehr Tadel verschaffen, wenn unsere

Zeit Zeit hätte, sich um kleine Bücher zu bekümmern.

Bis etwa 14 Tage nach dem 18. März war überall (auch bei den

Stadtverordneten) fast nur die Rede von den unsterblichen

Barricadenhelden, die ihres Gleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht

hätten, gegen welche Leonidas und seine 300 Spartaner nur jämmerliche

Stümper wären, denen man in Marmor und Erz ewige Denkmale errichten

müsse u. s. w. Seit 4-6 Wochen nimmt keiner mehr das Wort Barricade

und Barricadenheld in den Mund, der 18. März wird zum ~noli me

tangere~; und in vertrauteren Gesprächen wünscht man die Helden, und

die polnischen, französischen und deutschen Anordner der „glorreichen“

Nacht, zum Teufel. So ändern sich die Zeiten; und es ist für ein Glück

zu achten, wenn die höchlich erzürnten Bürger nicht die Proletarier

nächstens (wie in Rouen) niederschießen müssen um Ordnung herzustellen.

Sehr natürlich fordern die vergötterten Helden den Lohn ihrer

Heldenthaten. +Wir+, sagen sie, haben euch die Freiheit erkämpft,

während +ihr+ furchtsam hinter dem Ofen saßet u. s. w. -- Und

neben der Faulheit und dem Übermuthe, geht wahre, furchtbare Noth her,

entstehend aus dem Stillstande des Verkehrs und der Fabriken. Früher

haben die Fabrikherrn meist das Billigste verweigert; jetzt werden sie

zum Unbilligsten gezwungen -- und dadurch bankerott.

Ich fand soeben bei einem Gange durch die Stadt, Mauern und Pumpen

mit Anschlägen gegen den Prinzen von Preußen bedeckt und bestimmte

Zeugnisse daß Bürger, Proletarier und Klubs fraternisiren; während

Die, welche sich +gute+ Bürger nennen, nichts thun, die Hände in

den Schoß legen und abwarten, ob durch sogenannte Volksversammlungen

in den Zelten, das Ministerium gestürzt, oder ganz ohnmächtig wird!

Es fällt den Verblendeten nicht ein, welchem Schicksale Berlin

entgegengeht, das nur vom Hofe, Soldaten, Beamten und einigen Fremden

lebte. Man braucht nicht melancholisch, oder hypochondrisch zu sein, um

auf den Gedanken zu kommen: in den breiten Straßen könnte dereinst Gras

wachsen.

Neben dem jetzt unentbehrlichen stehenden Heere, ist die Bürgerwehr

entstanden, welche durch unzählige Übungen und stete Wachtdienste Zeit,

und also Erwerb und Geld verliert. Die an sich heilsame Einrichtung

strebt nicht der amerikanischen nach, sondern man ergötzt sich bereits

im Nachäffen mancher Bocksbeuteleien der europäischen Soldaten. Bei den

Stadtverordneten kam eine heftige Klage zur Sprache, daß Soldaten die

(ganz unnütze) Wache bei Montbijou besetzt hätten, wodurch die Freiheit

in Gefahr gerathe (!!), und die gehorsame Behörde unterstützte das

lächerliche Gesuch; während gleichzeitig berichtet wurde: 10 zur Wache

berufene Bürger hätten sämmtlich geantwortet: sie würden nicht kommen,

denn sie hätten etwas Besseres zu thun, als dort Maulaffen feil zu

bieten. -- So die Disciplin und die sogenannten Volksansichten. Jeder

Haufen von Tagedieben nennt sich Volk, und die lieben Bürger fürchten

sich vor den Barricadenhelden!

Den 17. Mai.

Die Stadt ist wieder mehre Tage in Aufregung gewesen, welche das

Ministerium wohl hätte vermeiden können. Doch ist es beim Reden

geblieben und bei Maueranschlägen. Zuletzt gewannen Gottlob +die

Besseren+ die Oberhand, und bis zur Eröffnung des Landtages werden

die Böswilligen wenigstens nichts +durchsetzen+. Charakteristisch

daß die +Wahlmänner+ zweimal eine Mehrheit für den Republikaner

B. erstritten, und die +Bürger+ ihn bei der Stadtverordnetenwahl

unter bittern Vorwürfen haben durchfallen lassen. -- Ebenso merkwürdig

daß Arbeiter, denen Mitglieder des (fast terroristischen) politischen

Klubs vorgestellt hatten, sie möchten +faul+ sein um +länger+

beschäftigt zu werden, die Schändlichkeit des Rathschlags einsahen, in

die Versammlung drangen und die Verführer (wie Einige behaupten) selbst

mit Schlägen bedienten. All jener Gefahren würden wir gewiß Herr; daß

Frankreich aber den edlen, friedliebenden Circourt abruft und Arago

hersendet, der seines Terrorismus halber aus Lyon verjagt ward, daß

man im Marsfelde die Bildsäule Deutschlands aufstellt, ist eine nur zu

bestimmte Hinweisung auf Krieg und Zerrüttung unseres unglücklichen

Vaterlandes. -- Durch Mittel der ärgsten Art wirken die polnischen

Edelleute überall zur angeblichen Herstellung ihres Vaterlandes.

Beharren sie auf +diesen+ Wegen, so ist nach 30 Jahren (wie

Galizien zeigt) keiner mehr von ihnen übrig; haben sich doch schon im

Posenschen die polnischen Führer zu den Preußen retten müssen, um nicht

von ihren eigenen Landsleuten erschlagen zu werden.

Den 20. Mai.

Gestern war die Wahl des Abgeordneten für Frankfurt. Die Radikalen

stellten den Vierfrager Jacobi mir gegenüber. Als die Wahlzettel

verlesen wurden und es hieß: Geh. Rath v. Raumer, oder Professor v.

Raumer, oder Friedrich v. Raumer, so erklärte ein Stimmzähler diese

Zettel für nichtig; denn es gebe mehre Geh. Räthe, Professoren und

Friedriche v. Raumer. Dennoch erhielt Jacobi nicht die Mehrheit;

bei der zweiten Abstimmung waren etliche auf meine Seite getreten,

und ich ward als Erwählter verkündigt. Jacobi dagegen ward nun zum

Stellvertreter erwählt, und die Versammlung aufgehoben. +Nachher+

haben einige Eiferer erklärt: sie protestirten, meine Wahl sei nichtig.

Und ich erklärte: erst wenn meine Wahl unbedingt für gesetzmäßig

erklärt werde, würde ich nach Frankfurt gehen, keineswegs aber mich

der Gefahr aussetzen, durch irgend einen Spruch, mit Spott und Hohn

zurückgeschickt zu werden. -- Ich wollte mich +nicht+ wieder

zum Stadtverordneten wählen lassen. Da aber meine Mitbürger (die

sich stets aufs Allerfreundlichste gegen mich benahmen) es dringend

wünschten und von 219 Stimmen 205 für mich fielen (während mehre

+Radikale+ in anderen Bezirken +durchgefallen+ sind), habe

ich, um den Schein feigen Rückzugs in schweren Zeiten abzuwälzen, die

Wahl zunächst für ein Jahr angenommen. Helfe Gott weiter!

Den 21. Mai.

In dem Augenblicke, wo ich gestern die Bestätigung meiner, als

unantastbar bezeichneten Wahl für Frankfurt erhielt, bekam ich die

Nachricht daß ich auch in Quedlinburg und im Ascherlebischen Kreise für

den berliner Reichstag sei gewählt worden. Nach ernsten Überlegungen

habe ich mich für Frankfurt entschieden und reise heute nach Dessau,

dann über Köln nach Frankfurt.

Zweiter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Mai 1848.

Spaziergang durch den sehr schönen Garten von Biberich. Auf der

Eisenbahn nach Frankfurt. Ankunft im Weidenbusch, 10 Uhr Abends. Heut

war ich zum ersten Mal in der Reichsversammlung. Sehr zahlreich, vom

entfernten Platze sehr schlecht gehört. Viel unnütze Anträge, schnell

und verständig genug beseitigt. Kein Lärm, Gagern guter Präsident. --

Nicht abzusehn wo hinaus, wann und welch Ende! -- Melancholisirt. --

Den 26. Mai.

Ich fahre fort in meinem lakonischen Tagebuche. -- Gestern Nachmittag

ordnete ich Alles in meiner sehr hübschen Wohnung, las die ganz

verständige Geschäftsordnung für den Reichstag und ging dann zum

pariser Hofe, wo (wie es hieß) die preußischen Abgeordneten sich

versammelten. Hier fand ich solch Gedränge der Essenden, Trinkenden,

Sprechenden, so unerträgliche Hitze und so verdorbene Luft, daß ich des

Reiches Wohlfahrt daselbst nicht berathen konnte, sondern mich auf die

Flucht begab.

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 7 / 15 题