* * * * *
An demselben Tage um 4 Uhr begann die Sitzung der Stadtverordneten,
über welche die Zeitungshalle am genauesten Bericht erstattet.
Die überlauten Zuhörer hatten ohne Zweifel die Absicht: die
Stadtverordneten zu zwingen, +alle+ ihre Forderungen +auf der
Stelle+ anzunehmen und zu den ihrigen zu machen. Dies Bestreben ward
jedoch mit größtem Rechte vereitelt, und auch ich sprach (wie ihr in
der Zeitungshalle lesen könnt) für gründliche und ruhige Berathung.
Diese fand den 10. von 3-11 Uhr statt, und die Deputation, zu der ich
gehörte, vereinigte sich endlich für die bekannt gewordene Eingabe.
Sie ward den 11. in der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig
angenommen. So weit ich sehen konnte blieben nur die HH. N. und B.
verneinend sitzen, weil sie +mehr+, und minder +höflich+,
fordern wollten. Die Zuhörer, einer bekannten Gattung, waren ebenfalls
unzufrieden, und erhoben ein so gränzenloses, unanständiges Geschrei,
daß die Sitzung leider mußte aufgehoben werden. Meine Furcht, die
Stadtverordnetenversammlung dürfte zu +ohnmächtig+ werden, war nur
zu sehr gerechtfertigt.
Des Königs Antwort auf die Eingabe lautete zwar beruhigend, aber bei
täglich, ja stündlich steigender Aufregung keineswegs zufriedenstellend.
Über die +erste+ Versammlung in den Zelten erhielt ich einen
umständlichen, anonymen Bericht; wenige Tage später kam der Verfasser
zu mir, klagend daß die zweite Versammlung sich ungebührlich in
falscher Richtung bewegt, und großentheils aus anderen Personen
bestanden habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam: wie schwer es
sei solcher Bewegungen Meister zu bleiben, wie verantwortlich sie
hervorzurufen.
Die Minister verloren die kostbarste Zeit, und behandelten das
Eiligste in den Formen der alten Geschäftsführung, während aus ganz
Deutschland, ja aus Wien Nachrichten von raschern Fortschritten
einliefen. Preußen, Berlin müsse sich an die Spitze stellen und die
Vorwürfe von Schläfrigkeit und Nichtigkeit widerlegen; -- dies war die
Ansicht Unzähliger. Planmäßig leiteten aber geschickt vertheilte,
laute Demagogen das Ganze und bezweckten leider, daß die Aufregung sich
zur Widersetzlichkeit steigere. Andererseits begingen die Kriegsführer
Mißgriffe, und die unbedeutenden Unruhen des Montags, nahmen den
bösesten Charakter an, als die ungebührlich gereizten und verhöhnten
Soldaten, Dienstags an der Brüderstraße, ohne Ansehen der Person Gewalt
übten. Man erließ zur Beruhigung eine Bekanntmachung, daß Militair- und
Civilpersonen die Sache untersuchen und Schuldige bestrafen sollten.
Magistrat und Stadtverordnete schrieben das Nöthige vor zur Bildung
unbewaffneter Schutzcommissionen. Als ich in meinem Bezirke zur
Vollziehung dieses Beschlusses aufforderte, schrien Mehre: ich wolle
(ein alter Thor) Bürger verführen sich verstümmeln und erschießen zu
lassen. -- Ich rief: wer Muth hat folge mir; so schlossen sich endlich
Viele meiner Führung an.
Donnerstag und Freitag (15., 16.) ward die Ruhe in der Stadt erhalten,
womit aber viele Begeisterte und viele Böswillige gleich unzufrieden
waren. Es verbreitete sich die sichere Kunde: man wolle Sonnabend um
2 Uhr dem Könige eine Bittschrift überreichen; viele Tausende wollten
mitziehen zum Schlosse. Mit Bestimmtheit ließ sich voraussehen, daß
dies nicht ohne Unordnung, ja Gefahr geschehen dürfte. Deshalb eilte
ich Sonnabend früh zum -- stellte ihm die üble Lage der Dinge vor,
und daß es schlechterdings nothwendig sei, daß bis Mittag 12 Uhr
beruhigende, unabweisliche und unausbleibliche Bewilligungen bekannt
gemacht würden. -- fand dies zweckmäßig und versprach sogleich zum
Könige zu fahren und ihm das Nöthige vorzustellen.
Mit einigen Stadträthen und Stadtverordneten (wir fanden uns auf der
Straße zusammen) ging ich zum Polizeipräsidenten, zum Kommandanten (wo
wir den Minister Bodelschwingh fanden), deren wohlwollende Sorge und
Theilnahme, ohne entscheidende Versprechungen nichts helfen konnte.
Deshalb ward von den zusammeneilenden Stadtverordneten beschlossen,
unverzüglich und gemeinsam mit dem Magistrate, eine Deputation an den
König abzusenden. Ich ward mit zu derselben gewählt, und wir fanden im
Vorzimmer die mit Orden überdeckten Stützen des Staates, gegen welche
wir (einige der Eil halber in Überröcken) sehr gering und unanständig
aussahen. Vorgelassen, ward dem Könige die volle, ungeschminkte
Wahrheit, mit solcher Kraft und Rührung gesagt, daß Viele sich der
Thränen nicht enthalten konnten.
Man bat um Preßfreiheit. -- Ist schon bewilligt. -- Um Berufung des
Landtags. -- Desgleichen. -- Um Veränderung der Grundsätze über
Wahlen und Abstimmungen. -- Antwort, günstig, jedoch so bedingt,
daß kein bestimmtes Ergebniß hervorging. -- Gleichstellung aller
Religionsbekenntnisse, ohne staatliche Bevorzugung. -- Antwort: ich bin
der größte Freund der Religionsduldung; die Leute dürfen sich ja nur
aussprechen. -- Zwischen E. M. und dem Volke stehen Räthe, welche das
Vertrauen des Volkes nicht besitzen. -- Antwort: diese Männer meinen es
redlich mit dem Volke und der Krone.
Ich hatte mich aus vielen Gründen schweigend im Hintergrunde gehalten,
sagte aber, als ich sah daß man zu keinem inhaltsreichen Ergebniß kam:
wenn ich S. M. nicht mißverstanden, wollten Sie die von der Stadt
Berlin vorgetragenen Wünsche, dem Landtage zur Berathung vorlegen
und nach Empfange eines Gutachtens entscheiden. -- Auf diesen Antrag
ging der König indeß nicht einfach ein, weil ja zu prüfen sei: ob die
Wünsche sich zu solch einer Vorlegung eigneten.
Der König sprach nach seiner Weise noch viel, verständig, gemüthlich;
hierauf von seiner Macht, seinem Rechte, seinem göttlichen Berufe. --
Sagen Sie laut, rief er, daß ich so wahr mir Gott helfe, Alles thun
will was zum Wohle meines Volkes gereicht, daß ich aber niemals auch
nur einen Fingerbreit von meinen Grundsätzen abweichen werde, daß mich
keine Macht der Welt jemals dazu vermögen wird. -- -- --
Mir vergingen, im hinteren Gliede stehend, von der unbeschreiblichen
Gemüthsbewegung fast die Sinne, ich hörte nur, was der König über die
Heilsamkeit der Mäßigung und allmäliger Entwickelung sagte, als er auf
mich zu ging, mit der Hand auf meine Schulter schlug, und die meine
ergreifend und schüttelnd, sagte: dies ist ein alter Professor der
Geschichte; er wird bezeugen ob ich Recht habe. Das konnte ich, in
Bezug auf seine zuletzt gesprochenen Worte, aus vollem Herzen; auch
war mir jener Handschlag ein Zeichen, daß der Zorn des Königs über
die akademische Rede ganz verschwunden, und er von meinem rechtlichen
Benehmen in der Stadtverordnetenversammlung überzeugt sei. -- Alle
diese Betrachtungen kamen jedoch erst hintennach; in jenem schweren
Augenblicke konnte Niemand an seine eigene unbedeutende Person denken.
Wir stellten endlich das Mildeste und Wesentlichste aus allen Reden des
Königs zusammen, sodaß Bewilligungen, Versprechungen und Hoffnungen
jeden Gemäßigten befriedigen konnten. Auch that diese von uns vorläufig
auf dem Schloßplatze ausgesprochene Verkündigung die beste Wirkung,
und die Berathung auf dem kölnischen Rathhause endete mit einem Vivat
auf den König, dem selbst die, sonst zu Unruhe und Widerspruch nur
zu geneigten Zuhörer, beistimmten. Ich habe bei dieser Gelegenheit
auch gesprochen, aber in solcher Aufregung, daß mein Gedächtniß mir
den Inhalt nicht vergegenwärtigt, und ich die Zeitungshalle darüber
nachlesen muß. Voller Freuden vertheilten wir uns in der Stadt, das
Erlangte zu allgemeiner Beruhigung mitzutheilen. Als ich heimkehrend
über den Schloßplatz ging, hatte der König vom Balkone gesprochen, die
Hüte in der Luft, Hurrahrufen, überall (so schien es) der glücklichste
Ausgang. -- Kaum aber hatte ich diese Kunde für -- dem -- mitgetheilt,
kaum war ich zu Hause angelangt, als die furchtbare Botschaft von
neuem Schießen und Einhauen anlangte. Sogleich legte ich meine Binde
als Schutzbeamter um, und forderte mir bekannte, wohlgesinnte Bürger
auf mir zu folgen, aber sie warfen mich buchstäblich in einen Laden
und beschworen mich mein Leben nicht nutzlos aufzuopfern; es sei ganz
unmöglich den Sturm zu beschwören. Gleichzeitig allgemeines Geschrei
von Verrath und Errichtung unzähliger Barricaden.
Ueber die Gründe und den Hergang des neuen Angriffs auf dem
Schloßplatze lauten die Aussagen, selbst der Augenzeugen, so
verschieden, daß schon jetzt kaum die volle Wahrheit aufzufinden ist.
Ich will nur das mir Wahrscheinliche zusammenstellen.
1) Die Generale, Officiere u. s. w. hielten es für eine Schmach, sich
vor Leuten, welche Forderungen in gesetzwidriger Weise geltend machen
wollten, zurückzuziehen und ihnen nachzugeben. --
2) Die gemeinen Soldaten waren durch Spott und Hohn aufs Höchste
gereizt.
3) Manche Soldaten und Führer hielten das Vivatgeschrei für ein
~pereat~ und fürchteten die Bestürmung des Schlosses.
4) Den revolutionairen Unruhstiftern war ein friedlicher Ausgang
durchaus ungelegen; sie thaten alles Mögliche, Unzufriedenheit mit dem
Bewilligten hervorzurufen, und bezweckten einen großen, gewaltigen
Aufstand.
5) Zu lange glaubte man auf dem Schlosse: man habe nur mit wenigem
Pöbel zu thun, den einige Schüsse verscheuchen würden.
Als der König später umherritt und vor dem kölnischen Rathhause still
hielt, eilten die Stadtverordneten hinab, und seiner wohlwollenden
Anrede folgte ein lautes, ununterbrochenes Hurrah des unzähligen Volkes.
Der an fünf Stunden dauernde Leichenzug ging mit höchster Ordnung
und ohne die geringste Störung vor sich. König und Königin sahen vom
Balkone herab; alle Hüte beim Vorbeigehen abgenommen, -- und doch
welche bittere Stellung für jene!
Der Prinz von Preußen ist der allgemeine Sündenbock und Blitzableiter
-- -- -- obwohl ganz unschuldig an dem ihm zur Last Gelegten. Es
offenbart sich in vielen Gegenden Deutschlands der künstlich berechnete
Plan, alle Thronfolger verhaßt zu machen.
Der Oberbürgermeister Krausnick ward auf eine Weise gezwungen,
sein Amt niederzulegen, die nach Form und Inhalt gesetzwidrig ist.
Insbesondere hatte er gar keinen Theil an Dem, was man ihm vorzugsweise
zur Last legt. Er ward des eisernen Bärensprung Nachfolger, weil man
seine Verträglichkeit und vermittelnde Milde laut pries; dieselben
Eigenschaften unterliegen, bei veränderten Verhältnissen, jetzt dem
bittersten Tadel.
„Am schuldigsten (so lauten die zahlreichsten und heftigsten Urtheile)
sind die abgegangenen Minister. Hätten sie irgend Scharfsinn und
Voraussicht besessen, hätten sie muthig und einstimmig dem Könige
Vorstellungen gemacht, hätten sie nicht das Abgestorbene gehätschelt
und gepflegt; wir wären in milderem Wege vorwärts gekommen. Die alte,
überkluge Bureaukratie hat einen Stoß bekommen, von dem sie sich nicht
erholen kann; und die jüngeren Männer werden und sollen sich, minder
gefesselt denn zuvor, Bahn machen und einen besseren Wirkungskreis
gewinnen.“ -- So die Urtheile!
Große Stürme stehen uns noch bevor; geistige Ruhe wird sobald nicht
wiederkehren und ein großer Theil des Vermögens geht verloren: wenn
wir aber zuletzt doch ein wahres Staatsrecht gewinnen, den niederen
Klassen (nicht das Unmögliche, was Louis Blanc verspricht) aber doch
einige Hülfe zu Theil wird; wenn Deutschland, neu begeistert, mächtiger
nach Ost und West aufzutreten fähig wird; -- so ist Leiden und Verlust
nur gering, im Verhältnisse zu dem Gewinn. Also: ~nil desperandum!~