Berlin, den 9. März 1848, Morgens 7 Uhr.“

* * * * *

An demselben Tage um 4 Uhr begann die Sitzung der Stadtverordneten,

über welche die Zeitungshalle am genauesten Bericht erstattet.

Die überlauten Zuhörer hatten ohne Zweifel die Absicht: die

Stadtverordneten zu zwingen, +alle+ ihre Forderungen +auf der

Stelle+ anzunehmen und zu den ihrigen zu machen. Dies Bestreben ward

jedoch mit größtem Rechte vereitelt, und auch ich sprach (wie ihr in

der Zeitungshalle lesen könnt) für gründliche und ruhige Berathung.

Diese fand den 10. von 3-11 Uhr statt, und die Deputation, zu der ich

gehörte, vereinigte sich endlich für die bekannt gewordene Eingabe.

Sie ward den 11. in der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig

angenommen. So weit ich sehen konnte blieben nur die HH. N. und B.

verneinend sitzen, weil sie +mehr+, und minder +höflich+,

fordern wollten. Die Zuhörer, einer bekannten Gattung, waren ebenfalls

unzufrieden, und erhoben ein so gränzenloses, unanständiges Geschrei,

daß die Sitzung leider mußte aufgehoben werden. Meine Furcht, die

Stadtverordnetenversammlung dürfte zu +ohnmächtig+ werden, war nur

zu sehr gerechtfertigt.

Des Königs Antwort auf die Eingabe lautete zwar beruhigend, aber bei

täglich, ja stündlich steigender Aufregung keineswegs zufriedenstellend.

Über die +erste+ Versammlung in den Zelten erhielt ich einen

umständlichen, anonymen Bericht; wenige Tage später kam der Verfasser

zu mir, klagend daß die zweite Versammlung sich ungebührlich in

falscher Richtung bewegt, und großentheils aus anderen Personen

bestanden habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam: wie schwer es

sei solcher Bewegungen Meister zu bleiben, wie verantwortlich sie

hervorzurufen.

Die Minister verloren die kostbarste Zeit, und behandelten das

Eiligste in den Formen der alten Geschäftsführung, während aus ganz

Deutschland, ja aus Wien Nachrichten von raschern Fortschritten

einliefen. Preußen, Berlin müsse sich an die Spitze stellen und die

Vorwürfe von Schläfrigkeit und Nichtigkeit widerlegen; -- dies war die

Ansicht Unzähliger. Planmäßig leiteten aber geschickt vertheilte,

laute Demagogen das Ganze und bezweckten leider, daß die Aufregung sich

zur Widersetzlichkeit steigere. Andererseits begingen die Kriegsführer

Mißgriffe, und die unbedeutenden Unruhen des Montags, nahmen den

bösesten Charakter an, als die ungebührlich gereizten und verhöhnten

Soldaten, Dienstags an der Brüderstraße, ohne Ansehen der Person Gewalt

übten. Man erließ zur Beruhigung eine Bekanntmachung, daß Militair- und

Civilpersonen die Sache untersuchen und Schuldige bestrafen sollten.

Magistrat und Stadtverordnete schrieben das Nöthige vor zur Bildung

unbewaffneter Schutzcommissionen. Als ich in meinem Bezirke zur

Vollziehung dieses Beschlusses aufforderte, schrien Mehre: ich wolle

(ein alter Thor) Bürger verführen sich verstümmeln und erschießen zu

lassen. -- Ich rief: wer Muth hat folge mir; so schlossen sich endlich

Viele meiner Führung an.

Donnerstag und Freitag (15., 16.) ward die Ruhe in der Stadt erhalten,

womit aber viele Begeisterte und viele Böswillige gleich unzufrieden

waren. Es verbreitete sich die sichere Kunde: man wolle Sonnabend um

2 Uhr dem Könige eine Bittschrift überreichen; viele Tausende wollten

mitziehen zum Schlosse. Mit Bestimmtheit ließ sich voraussehen, daß

dies nicht ohne Unordnung, ja Gefahr geschehen dürfte. Deshalb eilte

ich Sonnabend früh zum -- stellte ihm die üble Lage der Dinge vor,

und daß es schlechterdings nothwendig sei, daß bis Mittag 12 Uhr

beruhigende, unabweisliche und unausbleibliche Bewilligungen bekannt

gemacht würden. -- fand dies zweckmäßig und versprach sogleich zum

Könige zu fahren und ihm das Nöthige vorzustellen.

Mit einigen Stadträthen und Stadtverordneten (wir fanden uns auf der

Straße zusammen) ging ich zum Polizeipräsidenten, zum Kommandanten (wo

wir den Minister Bodelschwingh fanden), deren wohlwollende Sorge und

Theilnahme, ohne entscheidende Versprechungen nichts helfen konnte.

Deshalb ward von den zusammeneilenden Stadtverordneten beschlossen,

unverzüglich und gemeinsam mit dem Magistrate, eine Deputation an den

König abzusenden. Ich ward mit zu derselben gewählt, und wir fanden im

Vorzimmer die mit Orden überdeckten Stützen des Staates, gegen welche

wir (einige der Eil halber in Überröcken) sehr gering und unanständig

aussahen. Vorgelassen, ward dem Könige die volle, ungeschminkte

Wahrheit, mit solcher Kraft und Rührung gesagt, daß Viele sich der

Thränen nicht enthalten konnten.

Man bat um Preßfreiheit. -- Ist schon bewilligt. -- Um Berufung des

Landtags. -- Desgleichen. -- Um Veränderung der Grundsätze über

Wahlen und Abstimmungen. -- Antwort, günstig, jedoch so bedingt,

daß kein bestimmtes Ergebniß hervorging. -- Gleichstellung aller

Religionsbekenntnisse, ohne staatliche Bevorzugung. -- Antwort: ich bin

der größte Freund der Religionsduldung; die Leute dürfen sich ja nur

aussprechen. -- Zwischen E. M. und dem Volke stehen Räthe, welche das

Vertrauen des Volkes nicht besitzen. -- Antwort: diese Männer meinen es

redlich mit dem Volke und der Krone.

Ich hatte mich aus vielen Gründen schweigend im Hintergrunde gehalten,

sagte aber, als ich sah daß man zu keinem inhaltsreichen Ergebniß kam:

wenn ich S. M. nicht mißverstanden, wollten Sie die von der Stadt

Berlin vorgetragenen Wünsche, dem Landtage zur Berathung vorlegen

und nach Empfange eines Gutachtens entscheiden. -- Auf diesen Antrag

ging der König indeß nicht einfach ein, weil ja zu prüfen sei: ob die

Wünsche sich zu solch einer Vorlegung eigneten.

Der König sprach nach seiner Weise noch viel, verständig, gemüthlich;

hierauf von seiner Macht, seinem Rechte, seinem göttlichen Berufe. --

Sagen Sie laut, rief er, daß ich so wahr mir Gott helfe, Alles thun

will was zum Wohle meines Volkes gereicht, daß ich aber niemals auch

nur einen Fingerbreit von meinen Grundsätzen abweichen werde, daß mich

keine Macht der Welt jemals dazu vermögen wird. -- -- --

Mir vergingen, im hinteren Gliede stehend, von der unbeschreiblichen

Gemüthsbewegung fast die Sinne, ich hörte nur, was der König über die

Heilsamkeit der Mäßigung und allmäliger Entwickelung sagte, als er auf

mich zu ging, mit der Hand auf meine Schulter schlug, und die meine

ergreifend und schüttelnd, sagte: dies ist ein alter Professor der

Geschichte; er wird bezeugen ob ich Recht habe. Das konnte ich, in

Bezug auf seine zuletzt gesprochenen Worte, aus vollem Herzen; auch

war mir jener Handschlag ein Zeichen, daß der Zorn des Königs über

die akademische Rede ganz verschwunden, und er von meinem rechtlichen

Benehmen in der Stadtverordnetenversammlung überzeugt sei. -- Alle

diese Betrachtungen kamen jedoch erst hintennach; in jenem schweren

Augenblicke konnte Niemand an seine eigene unbedeutende Person denken.

Wir stellten endlich das Mildeste und Wesentlichste aus allen Reden des

Königs zusammen, sodaß Bewilligungen, Versprechungen und Hoffnungen

jeden Gemäßigten befriedigen konnten. Auch that diese von uns vorläufig

auf dem Schloßplatze ausgesprochene Verkündigung die beste Wirkung,

und die Berathung auf dem kölnischen Rathhause endete mit einem Vivat

auf den König, dem selbst die, sonst zu Unruhe und Widerspruch nur

zu geneigten Zuhörer, beistimmten. Ich habe bei dieser Gelegenheit

auch gesprochen, aber in solcher Aufregung, daß mein Gedächtniß mir

den Inhalt nicht vergegenwärtigt, und ich die Zeitungshalle darüber

nachlesen muß. Voller Freuden vertheilten wir uns in der Stadt, das

Erlangte zu allgemeiner Beruhigung mitzutheilen. Als ich heimkehrend

über den Schloßplatz ging, hatte der König vom Balkone gesprochen, die

Hüte in der Luft, Hurrahrufen, überall (so schien es) der glücklichste

Ausgang. -- Kaum aber hatte ich diese Kunde für -- dem -- mitgetheilt,

kaum war ich zu Hause angelangt, als die furchtbare Botschaft von

neuem Schießen und Einhauen anlangte. Sogleich legte ich meine Binde

als Schutzbeamter um, und forderte mir bekannte, wohlgesinnte Bürger

auf mir zu folgen, aber sie warfen mich buchstäblich in einen Laden

und beschworen mich mein Leben nicht nutzlos aufzuopfern; es sei ganz

unmöglich den Sturm zu beschwören. Gleichzeitig allgemeines Geschrei

von Verrath und Errichtung unzähliger Barricaden.

Ueber die Gründe und den Hergang des neuen Angriffs auf dem

Schloßplatze lauten die Aussagen, selbst der Augenzeugen, so

verschieden, daß schon jetzt kaum die volle Wahrheit aufzufinden ist.

Ich will nur das mir Wahrscheinliche zusammenstellen.

1) Die Generale, Officiere u. s. w. hielten es für eine Schmach, sich

vor Leuten, welche Forderungen in gesetzwidriger Weise geltend machen

wollten, zurückzuziehen und ihnen nachzugeben. --

2) Die gemeinen Soldaten waren durch Spott und Hohn aufs Höchste

gereizt.

3) Manche Soldaten und Führer hielten das Vivatgeschrei für ein

~pereat~ und fürchteten die Bestürmung des Schlosses.

4) Den revolutionairen Unruhstiftern war ein friedlicher Ausgang

durchaus ungelegen; sie thaten alles Mögliche, Unzufriedenheit mit dem

Bewilligten hervorzurufen, und bezweckten einen großen, gewaltigen

Aufstand.

5) Zu lange glaubte man auf dem Schlosse: man habe nur mit wenigem

Pöbel zu thun, den einige Schüsse verscheuchen würden.

Als der König später umherritt und vor dem kölnischen Rathhause still

hielt, eilten die Stadtverordneten hinab, und seiner wohlwollenden

Anrede folgte ein lautes, ununterbrochenes Hurrah des unzähligen Volkes.

Der an fünf Stunden dauernde Leichenzug ging mit höchster Ordnung

und ohne die geringste Störung vor sich. König und Königin sahen vom

Balkone herab; alle Hüte beim Vorbeigehen abgenommen, -- und doch

welche bittere Stellung für jene!

Der Prinz von Preußen ist der allgemeine Sündenbock und Blitzableiter

-- -- -- obwohl ganz unschuldig an dem ihm zur Last Gelegten. Es

offenbart sich in vielen Gegenden Deutschlands der künstlich berechnete

Plan, alle Thronfolger verhaßt zu machen.

Der Oberbürgermeister Krausnick ward auf eine Weise gezwungen,

sein Amt niederzulegen, die nach Form und Inhalt gesetzwidrig ist.

Insbesondere hatte er gar keinen Theil an Dem, was man ihm vorzugsweise

zur Last legt. Er ward des eisernen Bärensprung Nachfolger, weil man

seine Verträglichkeit und vermittelnde Milde laut pries; dieselben

Eigenschaften unterliegen, bei veränderten Verhältnissen, jetzt dem

bittersten Tadel.

„Am schuldigsten (so lauten die zahlreichsten und heftigsten Urtheile)

sind die abgegangenen Minister. Hätten sie irgend Scharfsinn und

Voraussicht besessen, hätten sie muthig und einstimmig dem Könige

Vorstellungen gemacht, hätten sie nicht das Abgestorbene gehätschelt

und gepflegt; wir wären in milderem Wege vorwärts gekommen. Die alte,

überkluge Bureaukratie hat einen Stoß bekommen, von dem sie sich nicht

erholen kann; und die jüngeren Männer werden und sollen sich, minder

gefesselt denn zuvor, Bahn machen und einen besseren Wirkungskreis

gewinnen.“ -- So die Urtheile!

Große Stürme stehen uns noch bevor; geistige Ruhe wird sobald nicht

wiederkehren und ein großer Theil des Vermögens geht verloren: wenn

wir aber zuletzt doch ein wahres Staatsrecht gewinnen, den niederen

Klassen (nicht das Unmögliche, was Louis Blanc verspricht) aber doch

einige Hülfe zu Theil wird; wenn Deutschland, neu begeistert, mächtiger

nach Ost und West aufzutreten fähig wird; -- so ist Leiden und Verlust

nur gering, im Verhältnisse zu dem Gewinn. Also: ~nil desperandum!~

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 6 / 15 题