7 Uhr Abends.

Heute waren, wie auch gestern, sehr viele Zuhörer in der Versammlung,

darunter fast die Hälfte Damen, welche meist bis zum Schlusse

beharrlich aushielten. Ich hatte mir einen näheren Platz ausgesucht

und hörte, wenn auch nicht gut, doch besser wie gestern. Auch fehlte

es nicht an Zurufen, lauter zu sprechen. Der Hauptvortrag betraf

die mainzer Angelegenheit. Der Bericht der Commission war ruhig und

unparteiisch gehalten; desto leidenschaftlicher und theatralischer

eine, besonders gegen die Preußen gerichtete, Rede eines mainzer

Abgeordneten Zitz. Die ultraliberale Partei, welche am meisten von

Deutschlands Einheit spricht, gab Äußerungen den höchsten Beifall,

welche es in Wahrheit zersplittern müßten. Lichnowski widerlegte

geschickt genug mehre Punkte, nur war auch er zu heftig und überschrie

sich so, daß man ihn kaum verstehen konnte. Robert Blum (Mitglied

der Commission) sprach über sie, wie Antonius über Brutus. Sehr gut

redete der österreichische Bundestagsgesandte. Welcker, der Badener

sprach, mir unerwartet, durchaus +conservativ+. N., immer auf

Allgemeinheiten hinsteuernd, ohne besonderen Anklang. Zum größten

Verdrusse der radikalen Partei beschloß die große Mehrheit zur

Tagesordnung überzugehn, d. h. die Sache in der Erwartung fallen zu

lassen, die Regierungen würden von selbst das Erforderliche thun.

Die entgegengesetzte Absicht ging dahin: die Verwaltung und die

vollziehende Gewalt, plötzlich oder allmälig an sich zu ziehen. Das

wäre ein unbedingter Despotismus, welcher Widerstand und Auflösung,

selbst der Versammlung, nach sich ziehen müßte. -- Die ganze

Verhandlung war sehr anziehend und der Beschluß beruhigend.

Den 27. Mai.

Gestern Abend bin ich bei schönem Wetter fast um die ganze Stadt

gegangen. So viele enge, häßliche, winklige Gassen, die sie neben

einigen großen und schönen Straßen innerhalb ihrer Mauern zählt; so

schön sind die Spaziergänge ringsum, so mannigfaltig die Landhäuser

und Gärten. An einigen Stellen (so zwischen dem eschenheimer und

bockenheimer Thore) machen sie einen reizenden, man kann sagen

poetischen Eindruck.

Den 28. Mai.

Der Anfang der gestrigen Sitzung bezog sich noch einmal auf die mainzer

Angelegenheit, wo man (angemessen und England analog) beschloß, am

Ende jeder längeren Berathung den Antragsteller und Berichterstatter

noch einmal zu hören. Hierauf folgte der dringende Antrag einiger

Österreicher, die Versammlung möge eine Erklärung erlassen, daß sie in

keiner Weise irgend einer Nationalität (z. B. hinsichtlich der Sprache,

Rechtspflege und dergl.) zu nahe treten wolle. Dies sei unumgänglich

nöthig für die slavischen Bewohner der österreichischen Staaten, welche

in böser Absicht unter obigem Vorwande von Panslavisten aufgeregt und

zu Haß gegen die Deutschen verführt würden. Der Antrag ward genehmigt.

Die wichtigste Verhandlung der „constituirenden Nationalversammlung“

(so nennt sie sich) am 27. Mai, reihte sich an einen mit sehr vielen

Verbesserungsvorschlägen umkränzten und allmälig geänderten Antrag des

Hrn. Raveau. Der Mittelpunkt des Ganzen war die +höchst wichtige+

Frage: über das Verhältniß der Gesammtverfassung Deutschlands zu

den Verfassungen der einzelnen Staaten. Die eine Partei hob hervor:

beides seien bis jetzt noch unbekannte Größen, über deren gegenseitige

Stellung nichts könne festgestellt werden. Die ganze Berathung sei

unnöthig und übereilt, und lasse sich erst mit Nutzen und Erfolg

anstellen, wenn der Entwurf zur Verfassung Deutschlands fertig sei.

Am Schlusse derselben möge man bestimmen, wie sich die besonderen

Verfassungen dazu verhalten sollten. Aus diesen Gründen müsse jetzt die

ganze Sache beseitigt und zur Tagesordnung übergegangen werden.

Die entgegengesetzte, zahlreichere (und nur über eine strengere oder

mildere Fassung uneinige) Partei fürchtete dagegen, daß, wie traurige

Erfahrungen vieler Jahre zeigten, auch jetzt wieder nichts für

Einigung und Kräftigung Deutschlands zu Stande kommen werde, wenn

die Versammlung den günstigen Augenblick versäume und, anstatt sich

mächtig hinzustellen und kräftig auszusprechen, feige und thöricht

warte, bis sich in den einzelnen Staaten Hindernisse und Widersprüche

unüberwindlich erhöben. -- Nach langen, schroff sich widersprechenden

oder vermittelnden Reden, beschloß endlich die Versammlung, zu

erklären: daß alle Bestimmungen in den Verfassungen einzelner

deutscher Staaten, welche mit der Gesammtverfassung Deutschlands nicht

übereinstimmen, nur nach Maßgabe der letzten gültig sind.

Da sich 90 Redner gemeldet hatten, und die Versammlung auf Abstimmung

drang, bevor die Hälfte gesprochen, so werdet Ihr und meine Herren

Wähler es sehr billigen, daß ich mich nicht als der 91. meldete; sonst

hatte ich allerdings mancherlei auf dem Herzen, was Keiner hinreichend

entwickelte. Man hielt sich nämlich immer nur an die +förmliche+

Frage, über das Verhältniß eines +Ganzen+ zu seinen +Theilen+, man

bewegte sich in dem Kreise dieser noch inhaltlosen, allgemeinen

Abstraction; während es mir durchaus nothwendig erscheint auf den

+Inhalt+ einzugehen, auf das Besondere, Concrete. Da ergiebt sich

unwiderleglich: daß die allgemeine Verfassung gewisse Dinge unbedingt

feststellen muß, gegen welche keine besondere Verfassung sich erklären

darf. Umgekehrt aber giebt es andere Dinge, welche diese besonderen

Verfassungen entscheiden, und in welche sich die allgemeine Verfassung

oder die centrale Behörde eines Bundesstaates gar nicht einmischen

darf. Beide, die allgemeine und die besonderen Verfassungen haben ihre

eigenthümlichen Rechte, und ein Hinausgreifen über diese Kreise führt

entweder zur Despotie, oder zur Auflösung und Zerbröckelung. Natürlich

fürchtet man hier das Letzte mehr wie das Erste; wahre Staatsmänner

müssen aber beide Abwege und Gefahren im Auge behalten und ihnen

vorbeugen. In dieser Weise sind die Amerikaner vorgeschritten und haben

die schwere Aufgabe glücklich gelöset.

Man macht den Einwand: die Nothwendigkeit besonderer Verfassungen

verstehe sich von selbst. Dasselbe gilt aber auch von der allgemeinen,

und ich will wünschen, daß jene Erklärung des Reichstages nicht

als eine Neigung ausgelegt werde, um der Einheit willen, die

Mannigfaltigkeit der Entwickelung allzu sehr zu beschränken. Ein

anderer Einwand: „jede nähere Bestimmung hätte in unzeitige endlose

Erörterungen geführt,“ beruht mehr auf der Voraussetzung, daß die

Versammlung dazu geneigt sei, als auf innerer Nothwendigkeit. Eine

halbe Zeile reicht hin zur Beruhigung, welche z. B. (wie ich höre)

die Luxemburger zum Schutze ihrer Verfassung verlangen. Zuletzt kommt

freilich Alles auf den Inhalt der zu entwerfenden +allgemeinen+

deutschen Verfassung an. Sie ist ohne Zweifel schwieriger zu Stande zu

bringen, wie jede +besondere+.

Dritter Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Mai 1848.

Gegen Abend nahm ich eine Droschke und fuhr durch Sachsenhausen bis

jenseit des nächsten Dorfes, durch zierliche Lustgärten, fleißig

bebaute Gemüsegärten und reiche Felder. Alles fruchtbar, anmuthig, an

die erfurtsche Gartencultur erinnernd, und wenn nicht erhaben oder

hochpoetisch, doch reizend, und den Geist in so heitere Stimmung

versetzend, daß man die Reichstagssorgen auf eine Zeit lang vergißt.

In der gestrigen Sitzung ergab sich was ich vorhergesehen: Abgeordnete

von Luxemburg und Triest widersprachen dem, Euch mitgetheilten

Beschlusse, welcher die Macht des Reichstages, auf Kosten der örtlichen

Verhältnisse und Verfassungen, zu weit auszudehnen schien. Dies gab

Veranlassung zu der Bemerkung, daß der Ausschuß für Entwerfung der

Verfassung so übermäßig beschäftigt sei, daß man ihm Gegenstände,

wie die erwähnten, nicht zuweisen möge. Deshalb beschloß man einen

besondern Ausschuß für völkerrechtliche und sogenannte internationale

Fragen und Aufgaben zu erwählen. Dies geschieht in der Weise, daß jede

der funfzehn Abtheilungen, in welche alle Mitglieder des Reichstages

verlooset werden, ein Ausschußmitglied erwählt. Die dritte Abtheilung,

zu welcher ich verlooset bin, deren Mitglieder mir aber zeither

persönlich ganz unbekannt waren, erzeigte mir unerwartet die Ehre, mich

mit einer sehr großen Stimmenmehrheit zu erwählen. Meine verspätete

Ankunft in Fr. schloß mich von allen bereits früher erwählten

Ausschüssen aus und minderte die Arbeitslast wenigstens Nachmittags;

jener völkerrechtliche Ausschuß ist aber fast der bedenklichste und

eine Art von ~noli me tangere~: denn Schleswig, Polen, Böhmen,

Luxemburg, Limburg, Südtirol, Triest u. s. w. dürften daselbst zur

Sprache kommen; ohne daß wir Macht haben, die Sprache in That zu

verwandeln, ja, ohne die wahre Lage der Verhältnisse hinreichend genau

zu kennen.

Hierauf folgte in der gestrigen Sitzung die Berathung über einen neuen

(den zweiten) Entwurf einer Geschäftsordnung, und es ließ sich (zu

meinem und vieler Andern Schrecken) so an, als werde über unzählige

Einzelheiten eine endlose, unnütze Rederei eintreten. Gottlob, daß

die Mehrheit dieses zeitvergeudende Uebel dadurch abschnitt, daß sie

die, von einer Commission genau geprüfte, Ordnung kurzweg im Ganzen

annahm und Berathungen über Einzelnes nur dann zulassen wollte, wenn

wenigstens 50 Mitglieder es verlangten. Ich wunderte mich, daß --

sich zuerst zum Sprechen gemeldet hatte. Ihr kennt seine Redeweise.

Sie machte um so weniger Eindruck, da man Vieles gar nicht verstand,

und was ich verstand, bezog sich vorzugsweise auf Allgemeinheiten

über die Größe und Schwierigkeiten unserer Aufgabe, wovon sich bei

jeder einzelnen Sache etwas sagen ließ, ohne zur Sache zu gehören. Die

einzige hervortretende Forderung: „Nichts durch Ausschüsse vorbereiten

zu lassen, sondern Alles von Anfang bis Ende allein in der vollen

Versammlung zu berathen“; war so unpassend und unpraktisch, daß sie zu

Boden fiel, und bei der Mittagstafel in der Mainlust Mehre bemerkten,

daß -- Rede ihren Erwartungen gar nicht entsprochen habe. -- Ich nahm

mir das ~ad notam~, schrieb es mir hinter die Ohren, dachte an

Splitter und Balken, und zupfte mich an meiner eigenen Nase.

Ungeachtet dieser Fingerzeige sammelt sich der Redestoff, und ich

werde mich über kurz oder lang der Gefahr aussetzen, mir die Finger

zu verbrennen. Insbesondere wegen der ganz unbegründeten Anklagen

oder Verläumdungen, welche unsinnige Eiferer aus Süddeutschland über

Preußen aussprechen. Wir kennen unsere Fehler besser als sie; aber wer

hat denn nicht gefehlt und gesündigt? Viel Gerede von Deutschlands

Macht und Einigkeit, während kaum +eine+ Million, +sechzehn+

Millionen hochmüthig abweiset! Da soll kein preußischer Landtag berufen

werden, bevor die frankfurter Versammlung Alles ins Reine und Feine

gebracht hat. Dann soll Preußen seinen Handel, ohne Ersatz und Dank,

für Schleswig opfern; oder um der Polen willen Rußland bekriegen u. s.

w.

Nachdem ich Häring gestern zur Eisenbahn begleitet hatte, hörte ich den

ersten Akt des Don Juan.

Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich Euch wohl umständlicher über die

Aufführung einen Bericht erstatten, wie das Haus, die Erleuchtung,

die Dekorationen, die Bänke beschaffen sind, wie jeder Herr und jede

Dame gesungen und gespielt hat u. s. w. Ich konnte diesmal andere

Nebengedanken nicht beseitigen. Diese Musik Mozart’s, unsterblich

und in stets blühender Jugendkraft, wird die Jahrhunderte siegreich,

entzückend und beglückend durchschreiten; -- und dagegen das Werk

unseres Reichstages (wenn anders eins wirklich zu Stande kommt)!

welchen Schmähungen wird es unterliegen, nach wie kurzer Lebensdauer

wird es hinsterben, wer wird dann all der Redner und der Reden noch

gedenken? Wo bleiben die Barricadenhelden, im Vergleiche zu den Helden

der Wissenschaft und Kunst!

Bald aber ging mein Melancholisiren noch viel weiter! Wo sind denn die

Meisterwerke griechischer Tonkünstler? Wo die Athene des Phidias, die

Aphrodite des Praxiteles, die Trauerspiele des Sophokles und Euripides,

die Gemälde des Apelles, die Bücher des Livius und Tacitus? Es giebt

auf Erden keine Dauer, selbst nicht für das Würdige, keine Bürgschaft

für diese Dauer! ~Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.~ Ich sah

Deutschland in sich zerfallen, und während es von Herstellung des

immerdar haltungslosen Polen träumt, eine Beute, getheilt zwischen

östlichen und westlichen Feinden. Man wird dereinst streiten über die

Lage Frankfurts, wie über die Trojas und Vejis, man wird, eine Hand

aus dem Schutte hervorsuchend, streiten, ob sie zur Bildsäule Karl’s

des Großen oder Goethe’s gehörte; man wird in Buchbinderpappdeckeln,

sowie jetzt Bruchstücke des Livius oder der Nibelungen, so vielleicht

ein Stücklein der Ouverture des Don Juan entdecken! Nicht Franzosen,

nicht Russen, sondern Gott weiß, welches erdgeborne Volk wird dann den

deutschen Boden beherrschen, und gegen Schicksale, wie sie Aegypter,

Griechen und Römer erfuhren, schützt politisches Gerede, diese falsche

Magie, in keiner Weise! Ich ward glücklicherweise unterbrochen, sonst

hätte ich meine Jeremiade wohl noch viel länger ausgesponnen; und

doch muß der längsten Nacht, auch die Tag- und Nachtgleiche, und der

längste Tag folgen. Darum nach meinem Wahl- und Trostspruche: ~nil

desperandum~ und zur heutigen Sitzung des Reichstages.

Vierter Brief.

Frankfurt a. M., den 31. Mai 1848.

Ich bezeuge wiederholt meine Freude über deinen Brief; denn

so lange Arbeit und Aufregung dauert, hält man sich aufrecht;

nochmals aber, wenn man sich wie ein altes Taschenmesser selbst

zusammenklappen muß, fühlt man die Einsamkeit doppelt bitter, und

daß alles Abgeordnetengerede, immer über dieselben Dinge, kein

Wasser vom Brunnquelle des Lebens ist. Allerdings ist hier wenig

rein +Erfreuliches+, man lebt von politischen ~omelettes soufflées~,

und merkt nicht daß, wenn Russen, oder Franzosen mit der Gabel

hineinstechen, der ganze Rühreiolymp zusammenfällt. So giebts selbst

Abgeordnete welche meinen, +man+ müsse Krieg und Hader mit Rußland

und England darüber anfangen, ob Hadersleben zu Deutschland gehöre.

Und doch will kein Mittel- und Süddeutscher einen Groschen zahlen,

oder einen +Mann+ stellen und ~verba sesquipedalia~ sollen für Kanonen

gelten. Indessen bleibt noch Hoffnung, daß die Vernünftigen und

Gemäßigten oben auf bleiben.

Die berliner Straßenskandale sind unter aller Kritik, und werden erst

ein Ende nehmen, wenn man Ernst gegen den Pöbel zeigt, und mit Strenge

straft. Schneider’s Ausweg ist heiter und führte zum Ziele; aber eine

solche Schwalbe, macht keinen Sommer.

Was du über deine Gefühle beim Anblicke der Bildsäule Friedrich’s

II. schreibst, stimmt fast wörtlich mit meinen ähnlichen frankfurter

Empfindungen.

In der heutigen Sitzung ward zuerst eine Erklärung vorgelesen und

angenommen, worin den Einwohnern Deutschlands von anderen Volksstämmen,

die Erhaltung aller ihrer volksthümlichen Rechte zugesichert wird.

Die übrige Zeit verging mit neuen Wahlen, auf kürzere und längere

Zeit. Präsident ward H. v. Gagern mit 434 Stimmen von 513. Erster

Vicepräsident v. Soiron mit 408, zweiter v. Andrian aus Wien mit

310 Stimmen. Mittags aß ich in der Mainlust und saß zwischen Grimm

und Veit. Nachmittags ordnete sich der schon erwähnte Ausschuß für

völkerrechtliche Fragen, wobei ich wieder einem alten Gegner, +Stenzel+

aus Breslau, freundlich und um so mehr die Hand reichte, da wir

beide ~socii malorum~ waren, das heißt im Ablaufe der Zeit graue

Haare bekommen hatten. Ein Versuch, nochmals über die schleswigsche

Angelegenheit einen übereilten Beschluß zu fassen, ward für +diesmal+

glücklich vereitelt. Doch drohen noch Gefahren dieser und anderer

Art von allen Seiten. So der Plan +hier+ eine vollziehende Gewalt zu

begründen und provisorisch zu erwählen; wobei sich wohl nur Wenige

etwas Deutliches und Bestimmtes denken. Insbesondere ist zu befürchten,

daß dies Provisorium Zwiespalt zwischen der hiesigen Versammlung und

den einzelnen Regierungen hervorbringen und später als Beweis für die

Tauglichkeit rein republikanischer Formen angeführt werden dürfte.

Eine andere noch größere Gefahr liegt in dem Zerfallen Oesterreichs und

den Berathungen aller slavischen Stämme, über eine neue Vereinigung zu

einem großen Reiche. So wird Deutschland an allen Seiten durch den, bis

zum Aberglauben vorherrschenden Begriff der Nationalität beschnitten,

ohne daß Elsaß, Lothringen, Kurland, Liefland u. s. w. gewonnen werden

könnte, ja der Verlust des linken Rheinufers, durch eigene Schuld und

fremde Habgier, in Aussicht steht.

Den 1. Junius.

Es wird nicht mit Unrecht Klage geführt, daß die preußischen

Abgeordneten zu zerstreut sind und ihre Wirksamkeit sich dadurch

vermindert. Dem abzuhelfen war zu gestern Abend eine Versammlung

im Hirschgraben Nr. 9 angesagt, aber nur schwach besucht, theils

weil gleichzeitig Hrn. von Gagern ein Fackelzug und Vivat von den

Frankfurtern gebracht ward, theils weil Mancher sich wohl Denen

nicht zugesellen wollte, die man hier die äußerste Rechte zu

nennen pflegt, und welche den Hauptbestandtheil der Erschienenen

ausmachten. Ich läugne die Nothwendigkeit nicht, sich, wohlgeordneten

Gegnern gegenüber, auch zu organisiren, habe aber eine Abneigung

gegen alles Partei- und Klubwesen, wo man seine Freiheit und

Beweglichkeit aufgeben, und einem festen Symbole und (politischen)

Glaubensbekenntnisse unterordnen soll. Der Zweck und die Wirkung

lebendiger Berathung wird hiedurch oft gestört, das Mögliche nicht

vom Unmöglichen geschieden, und eine Niederlage schon dadurch

herbeigeführt, daß man die Nothwendigkeit einen Schlachtplan zu ändern,

nicht zur rechten Zeit anerkennt. Ich fand in jener Versammlung

Lichnowsky, Wartensleben, Arnim, Auerswald, Schubert, Vincke u.

A. Man hob zuvörderst hervor: wir müßten bestimmt wissen was wir

wollten und bezweckten, wir müßten uns über ein festes „Programm“

(in Berlin „politisches Glaubensbekenntniß“ genannt) einigen. Ein

solches lag nicht vor, und ein früher von Mittermaier entworfenes

ward zurückgewiesen, weil es viel zu unbestimmt laute; ja, gegen

seinen (des Abwesenden) künftigen Vorsitz Widerspruch erhoben. Um

nun aber einem anzunehmenden „Programme“ näher zu kommen, fand

eine vorläufige Besprechung statt, wobei sich sogleich die größten

Meinungsverschiedenheiten selbst unter diesem kleinen Bruchtheile

angeblich gleichgesinnter Personen hervorthaten. Einer der ersten,

welche ihre Ansichten entwickelten, war Herr v. Vincke, und, kaum weiß

ich wie es geschah, daß ich unmittelbar nach ihm (das +erste+ Mal in

Frankfurt) sprechen -- und ihm +widersprechen+ mußte. Er verlangte

nämlich, daß wir an der Spitze unseres Programms feststellen müßten:

die Nothwendigkeit eines sogleich auf Preußen zu übertragenden

erblichen Kaiserthums. +Erst wenn dies durchgefochten+ sei, lasse sich

mit Erfolg von allen anderen Dingen handeln. Hierauf beschrieb er die

Zukunft schwärzer, als schwarz, Trennung Deutschlands, Bürgerkrieg,

Verlust des linken Rheinufers u. s. w. -- Ich ließ mich auf diese

zweite Hälfte der Vinckeschen Rede nicht näher ein, sondern sagte im

Wesentlichen etwa Folgendes: wenn Preußen sich von Süddeutschland

trennt, so geräth es in Abhängigkeit von Rußland, Süddeutschland in

die Knechtschaft Frankreichs. +Jetzt+ aber ein erbliches Kaiserthum

für Preußen schon erstreiten wollen, ist bei den unläugbar hierüber

in diesem Augenblicke noch +vorherrschenden Ansichten ganz unmöglich+.

Wir würden uns dadurch in der Reichsversammlung völlig vereinzeln, ja

diese vielleicht auseinandersprengen. Die Frage über das Kaiserthum

und über Österreichs Stellung liegt noch so in Dunkel und Verwirrung,

daß erst +allmälig+ Einsicht und Verständigung eintreten kann.

Deshalb bin ich bestimmt der Meinung, den Thurm nicht von oben zu

bauen, sondern zunächst einen breiten festen Grund zu legen. Diese

Grundlegung, welche ganz Deutschland zunächst von uns erwartet, besteht

in Anerkenntniß, Bestätigung und Durchführung der großen Volksrechte

und nationalen Einrichtungen, z. B. Zollverein, Heeresmacht, Münze,

Rechtspflege &c. &c., wie sie bereits in dem Dahlmannschen Entwurfe

aufgezählt sind. Hierüber wird wenig Streit eintreten, und in Folge

so heilbringender, populairer Beschlüsse, mögen wir weiter aufwärts

fortschreiten zur Bildung der zweiten, der ersten Kammer. Wie wir dann

auch die Spitze aufsetzen und ausschmücken mögen, es ist leichter,

als jetzt in der Luft zu bauen; und selbst ohne Spitze behält der Bau

seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung. -- Es schien mir anfangs nicht

als wenn meine Worte Eindruck machten, allmälig aber ergab sich daß

Lichnowsky, Auerswald, Wartensleben, Schubert, der Vinckeschen eiligen

Kaisermacherei nicht beitraten, sondern im Wesentlichen mit meiner

Ansicht übereinstimmten.

Die Verfassungsentwürfe wachsen hier so rasch und zahlreich empor, wie

Kresse auf einem warmen wollenen Lappen; oder mit denselben Stücklein

bemalten Holzes, legt man unzählige Muster zusammen. Da aus der

Vergangenheit fast nichts Ordnendes, oder Begränzendes beibehalten

werden soll; so drängen sich sehr natürlich unzählige Möglichkeiten

hervor, von rein republikanischen Formen, bis zu einem despotisirenden

Kaiser. Um nicht Alles in anarchische Willkür auseinanderfallen

zu lassen, findet der Gedanke von einem vollziehenden Triumvirat

Beifall, wozu Österreich ein, Preußen ein Mitglied ernennen, und

das dritte hier erwählt werden soll. Das klingt ganz einfach, wie

weit aber der unmittelbare Wirkungskreis dieser Dreieinigkeit, oder

Drei+un+einigkeit sich erstrecken soll, ist schwer zu bestimmen.

Sollen z. B. Radetzki, Wrangel u. s. w. unmittelbar Befehle aus

Frankfurt empfangen, oder theilen sich die Männer das Reich wie die

römischen Triumvirn, oder treten sie nur an die Stelle der 17 Stimmen

des Bundestages? Ihr seht man hat hier viel zu denken, zu überlegen, zu

gestalten. Sind es nur Willkürwolken des Polonius, oder werden daraus

Blitze herniederfahren und Deutschland auseinandersprengen, wie es

Österreich bereits ist? Gott helfe weiter!

Fünfter Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Junius 1848.

An welchen Fäden hängen die Schicksale der Reiche!! Ohne den 18. März,

sagt mir Herr v. L., wäre der König von Preußen ohne Zweifel zum

Kaiser von Deutschland erhoben worden. Damals hätte Österreich aber

wohl schwerlich eingewilligt; und hätte sich Preußen dadurch nicht in

unzählige Händel verwickelt und (wie schon jetzt) Undank und Schmähung,

statt des Dankes erfahren? Niemals sind die Deutschen ihrem Kaiser sehr

unterthan gewesen, und auch heutiges Tages sehe ich dazu noch keine

Neigung, obwohl die Nothwendigkeit einer einigen Leitung täglich mehr

heraustritt.

Täglich ziehen die Wolken neuer Verfassungsentwürfe am Horizonte auf,

und verwandeln ihre Umrisse auf die mannigfachste Weise. Laßt Euch

die Zeit nicht lang werden, heut einmal mit mir diese ~fata morgana~

anzuschauen.

Gestern hat mir Herr v. L. seinen „Beitrag zu einer künftigen deutschen

Reichsverfassung“ übergeben, aus welchem ich Folgendes entnehme. Die

Gesammtregierung soll bestehen aus einem hohen Rathe (Oesterreich,

Preußen, und ein Dritter aus allen Bundesgliedern auf Lebenszeit vom

Parlamente zu erwählender Fürst) und aus zwei völlig gleichberechtigten

und mit derselben Stimmenzahl versehenen Volkskammern. Die eine Kammer

wird halb aus ländlichen, halb aus städtischen Bewohnern gewählt

(wie, ist nicht gesagt); die andere dagegen zu ¼ aus ordentlichen

und außerordentlichen Universitätsprofessoren, ¼ aus Sachwaltern, ¼

aus Geistlichen, ¼ aus Kaufleuten und Fabrikanten. (Grundbesitzer

sind hier nicht wieder erwähnt.) Bei Meinungsverschiedenheiten

beider Kammern entscheidet die aus der +vereinigten+ Abstimmung sich

ergebende Mehrzahl. Zu Zeiten des Krieges, oder sonstiger Gefahr,

geht die ganze verfassungsmäßige Gewalt des Bundes, mittelst Wahl des

deutschen Parlamentes, auf einen der drei, den hohen Rath bildenden

Fürsten über, der dann persönlich in Frankfurt residiren muß. -- Ueber

die allgemeinen Rechte und Einrichtungen im Ganzen das Bekannte. --

Ich habe nicht Zeit, mehr mitzutheilen, oder das Mitgetheilte zu

beurtheilen, da ich auf die +wichtigeren baierischen Vorschläge+

übergehen will.

Diese lauten im Wesentlichen: Der Zweck des neuen deutschen

Bundesstaates ist die Vertheidigung und Vertretung Deutschlands

als politischer Einheit nach Außen, und die Einigung Deutschlands

in seinen gemeinsamen Interessen und Rechten nach Innen. Die

Hauptorgane für Erreichung dieser Zwecke sind: 1) der +Reichstag+

mit einem +Direktorium+ an der Spitze. 2) Das in +zwei Kammern+

getheilte +Parlament+. (Ueber die allgemeinen Volksrechte, nationale

Einrichtungen und Maßregeln finden sich keine erheblichen Abweichungen

von dem fast überall Gewünschten. Nachdruck wird indeß auch gelegt

auf die gemeinsame Errichtung einer Flotte, das Auswanderungswesen,

die Verbürgung der einzelnen Verfassungen und eine selbstständige

Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten.) -- Durch die allgemeinen

Einrichtungen des Gesammtbundes soll das eigenthümliche Recht und die

nothwendige Selbstregierung der einzelnen Staaten- und Volksstämme

nicht erstickt und verwischt werden. Deshalb sollen diese ihre

Vertretung und ihre Gewalt in den Centralorganen des deutschen

Bundesstaates finden. (Aehnlicherweise habe ich immer dafür gesprochen,

daß sich die Mannigfaltigkeit der Einheit zugesellen müsse, wie in

Nordamerika; nicht unbedingte Centralisation wie in Frankreich.) Das

Direktorium ist der Ausdruck und Repräsentant der Einheit der deutschen

Fürsten und Völker gegen Außen, und der Vertreter und Förderer der

Einigung der deutschen gemeinsamen Interessen und Rechte nach Innen. Es

ernennt die Mitglieder des Ministeriums und sämmtlicher Centralbehörden

aus der Candidatenliste der einzelnen Regierungen. Es eröffnet und

schließt, vertagt, beruft das deutsche Parlament nach zu erlassenden

Vorschriften. Das Direktorium wird nicht erwählt, es ist nicht erblich,

oder stets einer bestimmten Regierung angehörig; sondern es wechselt

entweder nach einem festen Cyclus der Regierungen von Nord-, Ost- und

Süddeutschland, oder drei Hauptstaaten Deutschlands nehmen gleichzeitig

daran Theil. (Der Cyclus unter Vielen ist schwer zu ordnen, und

schwerlich wären alle übrigen Staaten damit zufrieden, wenn Baiern

+allein+, ohne Wahl, neben Österreich und Preußen einträte.) -- Die

eine Kammer des Parlamentes bildet sich aus den unmittelbaren Wahlen

des deutschen Volkes, die andere aus denen der deutschen Ständekammern,

oder vielmehr aus der ersten Ständekammer und den ihr analogen

Bestandtheilen.

Den weiteren baierischen Erklärungen zu den Grundzügen der Verfassung

entnehme ich Folgendes: In dem ersten Nationalparlamente ist den

Regierungen der deutschen Staaten ihr nothwendiger Antheil an der

zukünftigen Constituirung Deutschlands +nicht+ zugesichert. (Sehr

wahr! Die Versammlung schwärmt für ihre Allmacht und Souverainetät;

so daß, wenn der Inhalt ihrer Beschlüsse nicht gemäßigt ausfällt,

Widerspruch der einzelnen Staaten schwerlich ausbleiben wird.)

Deshalb mögen alle Regierungen ihre Gesinnungen und Grundsätze durch

Bevollmächtigte in Frankfurt darlegen, um zu gemeinsamen, annehmbaren

Beschlüssen zu gelangen, und den Regierungen, wie den Volksstimmen ihre

nothwendige Lebensfähigkeit neben den Organen des Centralstaates zu

sichern. Sonst wird eine Despotie erschaffen, welche die Fürsten und

Völker Deutschlands, in dem Keime ihrer Macht, ihrer freien Bewegung

und ihres innersten Lebens vernichtet. (Es ist sehr natürlich, nach

so bösem Zerfallen Deutschlands in einer mächtigen Centralmacht die

beste, ja einzige Hülfe zu sehen. Der wahre Staatsmann muß aber die

Verhältnisse nicht blos nach dem letzten Augenblicke beurtheilen,

sondern von dem leicht eintretenden Zuviel zurückhalten, und das

Unmögliche vom Möglichen unterscheiden.)

Der Entwurf der 17 (fährt Baiern fort) verdient den bestimmtesten

Tadel; er bringt so umwälzende Vorschläge, daß (würden sie auch nur

von einer Minorität der deutschen Staaten und Völker angenommen)

dennoch eine totale Revolution aller bestehenden Verhältnisse, eine

totale Verwirrung, ja in der jetzigen aufgeregten Zeit leicht der

Bürgerkrieg die Folge derselben sein könnte. -- Insbesondere wird

eine vollkommene Despotie eines, noch nicht existirenden erblichen

Kaisers, eine Vernichtung aller bestehenden constitutionellen Rechte

und Freiheiten der einzelnen Volksstämme, eine Richtigkeitserklärung

gegen alle constitutionelle Fürsten Deutschlands vorgezeichnet. Ein

Wahlkaiserthum ist eine Thorheit, ein erbliches eine Unmöglichkeit. Man

schafft kein Kaiserthum, ebensowenig wie eine Republik, mit einigen

Federstrichen, oder doctrinairen Phrasen. -- Alle Restaurationen

vergangener und verrosteter Zeiten tragen den Keim des Todes in sich.

-- Die nationale Einheit kann nur das Ergebniß freier und wahrhafter

Einigung aller verschiedenen Interessen, Gegensätze und Rechte

sein. Auf der Grundlage der neu errungenen und alten Freiheiten,

wie Rechte, auf der Grundlage unserer bestehenden constitutionellen

Staatsformen allein, kann das neue Gebäude des deutschen Bundesstaates

auferbauet werden. Diese +müssen+ das Fundament des Gebäudes bleiben;

sie müssen den Völkern, wie den Fürsten garantirt werden. -- Nicht

dem Machtgebote, nicht dem insinuirenden Willen +einer+ Großmacht,

unterwirft sich ohne Despotie und Zwang, der freie Wille der deutschen

Stämme und Fürsten. (Ihr seht, wie Recht ich hatte, früher schon

Bedenken zu erheben und vorauszusetzen, gegen den Beschluß über das

unbedingte Voranstellen hiesiger Beschlüsse; mit wie großem Rechte ich

mich gegen den Vinckeschen Vorschlag erklärte.)

Die Art, wie der Siebzehner Entwurf eine erste Kammer bilden will,

ist untauglich: sie wäre nur ein Zwischending zwischen Schatten und

Wirklichkeit, das man eher mit Bedauern, als mit Achtung betrachten

könnte. Die Fürsten selbst werden durch Regierungsgeschäfte zu Hause

festgehalten; es wird also wieder in solchem Oberhause, der endlose

Weg der Instruktionen und der todte Weg der Mandate, wie auch der

deutschen Reichstage eingeschlagen, welche dann nur das wiederholen

und wiederkäuen, was bereits als Ansicht der Regierungen ausgesprochen

ist. Der Reichstag oder Senat besteht aus dem Inbegriffe aller

Regierungsbevollmächtigten, und das Nationalparlament bildet den

Inbegriff der Volksvertretung und ihrer Rechte. Von dem Reichstage und

beziehungsweise von dem Direktorium, empfängt das Ministerium seine

Instruktionen über die dem Parlamente vorzulegenden Gesetzentwürfe.

Der Reichstag vermittelt die Verbindung der Centralregierung mit den

Regierungen der einzelnen Staaten. Er übt das Recht der Sanktion aller

Gesetze nach Stimmenmehrheit aus, und stellt in der Gesammtheit der

Bevollmächtigten einzelner Staaten, als Vollmachtsträger derselben, mit

dem Direktorium, die Collektivsouverainetät des deutschen Bundes dar.

So viel, und für Ungeduldige wohl zu viel, aus den baierischen

Vorschlägen. Sie weichen in den wichtigsten Punkten von denen der

Siebzehner ab. Das Kaiserthum verworfen, die erste Kammer ganz anders

gestaltet, ein Reichstag oder Senat der Bevollmächtigten, mit größerem

Gewichte für die einzelnen Staaten aufgestellt, deren eigenthümlichen

Rechte vertheidigt u. s. w. Es wäre sehr wünschenswerth, man hätte

einen ähnlichen preußischen und österreichischen Entwurf; dann ließe

sich besser auf eine Verständigung der Hauptstaaten mit der hiesigen

Versammlung hinwirken. Am wenigsten deutlich und einleuchtend ist mir

im baierischen Entwurfe das Verhältniß des Reichstages oder Senats, der

mir etwas schwerfällig und eine Art Bundestag zu sein scheint. Denn auf

einen bloßen Staatsrath oder ~privy council~ ist es doch nicht

abgesehen.

Heute (2. Juni) erzählte mir Somaruga viel von Wien, wo die Auflösung

viel größer und die Anarchie viel ärger ist, als bei uns. Das

Ministerium hat nichts von der Flucht des Kaisers gewußt, und man

sieht darin allerdings das Werk einer rückläufigen Partei. Für Wien

sind die Aussichten noch viel schlimmer, als für Berlin. -- Den Grafen

D. machte ich darauf aufmerksam: wie übel es sei, daß Ausschuß und

Versammlung nichts Sicheres und Amtliches über den Stand des Krieges

und der Unterhandlungen in Schleswig wisse, während alle Heftigen auf

schnelle und gewiß übereilte Beschlüsse drängen. Dasselbe gilt von der

hiesigen Errichtung einer Centralregierung +mit+ oder +ohne+ Theilnahme

der bisherigen Regierungen. Beide Sachen kommen in diesen Tagen gewiß

zur Sprache, ohne daß man den Gang und Ausgang der Berathung mit

Sicherheit voraussehen kann. Wir segeln in unbekannten Gewässern ohne

Compaß.

Nachdem ich vorgestern aus der Abendversammlung hinweggegangen war,

hat man mir die Ehre angethan, vorzuschlagen: +meinen+ Vortrag, als

ein sogenanntes Programm, anzuerkennen. Da ich indessen nicht zur Hand

war, es aufzusetzen, hat man den, ohne Zweifel weit bessern Vorschlag

angenommen, gar kein allgemeines, bindendes Symbol aufzustellen,

sondern sich allmälig immer weiter und weiter zu verständigen. -- Das

war für +einen+ Tag (2. Junius), ein +langer+ Bericht. Möget Ihr ihn

nicht zu langweilig finden.

Den 3. Junius.

~Quos deus vult perdere dementat~: wen Gott verderben will, den

verblendet er! Während Österreich anarchisch in kleine Stücke zerfällt,

sagte mir gestern ein österreichischer Abgeordneter: die einzige

Rettung Deutschlands sei ein Krieg mit Rußland, wozu Österreich 300,000

Mann stellen werde. Ihr könnt denken, was ich ihm antwortete. -- Ebenso

verblendet sind unsere Stammbrüder, die Dänen und Schweden, welche

mit Rußland ein Schutz- und Trutzbündniß schließen, wie einst die

Fürsten des Rheinbundes mit Napoleon. Doch zwang hier die Übermacht,

während dort alle Staatsklugheit in Leidenschaft zu Grunde geht. --

Heute wird ein neues Nothgeschrei der Schleswiger in der Versammlung

erhoben, und ihr Gesuch wohl an den neuen völkerrechtlichen Ausschuß

gewiesen werden, wo ich wahrscheinlich das wiederholen muß, was ich

schon gestern Abend im Hirschgraben aussprach. Die dasige Gesellschaft

hat keinen rechten Fortgang, theils weil man sie als äußerste Rechte

bezeichnet, theils wohl, weil man daselbst nicht ißt, trinkt und raucht.

Neben diesen Ergötzlichkeiten geht die Rederei im Weidenbusche

ununterbrochen her, wo unter Anderem A. R. vorgestern Abend gesagt hat

(~à la Marat~), man müsse viele Tausend Köpfe abschlagen! Doch ist er

darauf aufmerksam gemacht worden, daß der seinige zuerst mit an die

Reihe kommen dürfte. -- Ich habe mich schon in Berlin an sogenannter

Beredtsamkeit dergestalt übernommen, daß ich hier hinter manchem

Vielfraß zurückbleiben will und muß; -- aber eben deshalb von Einigen

wohl für einen untauglichen Abgeordneten gehalten werde. Auf meine

Anregung wollen sich jedoch die Herren im Hirschgraben statt um ½9 um 7

Uhr versammeln, was meine Theilnahme hoffentlich erleichtert; -- sofern

nicht die stets lebendige Erinnerung an das Heupferd und den Heuwagen,

störend dazwischentritt. Wiederum hat das Heupferd in seiner Theilnahme

und seiner tröstenden Hoffnung auf nützliche Einwirkung, keineswegs

so ganz Unrecht. Wo bliebe Begeisterung, Thätigkeit, Arbeitslust,

Freundschaft, Liebe, wenn man immer die Goldwage zur Hand hätte, und

sich immer zu leicht und unbedeutend fände!!

Als nicht politisches Zwischenspiel, erzähle ich, daß ich Goethe’s und

Jacobi’s Briefe theils durchblättert, theils mit großer Theilnahme

gelesen habe. Die süßliche Überschwänglichkeit des letzten, weicht

oft sehr ab von der heutigen Briefkochkunst; wer weiß aber, welches

Gewürz oder Nichtgewürz unserer Tage, den Nachkommen ebenfalls nicht

recht schmecken wird! Da ich mit Goethe sage (S. 261): „Ich für mich

kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Lebens, nicht an +einer+

Denkweise genug haben“; so verständige ich mich nach meiner Natur mit

beiden Männern, ohne deshalb in Jeglichem mit ihnen übereinzustimmen.

So nicht mit Goethe, wenn er (S. 162) behauptet: „Geschichte sei das

undankbarste und gefährlichste Fach.“ -- Und nicht mit Jacobi, welcher

(245) fordert: „man solle Platon, +oder+ Spinoza +allein+ anhangen,

ihn +allein+ für den Geist der Wahrheit halten.“ -- Ich habe mich in

beide vertieft, mit Begeisterung hineingedacht, durch beide erhoben und

glücklich gefühlt. Die Welt ist reicher als das +allein+ seligmachende

Credo irgend +einer+ philosophischen, oder theologischen Schule; und

die Wahrheit ist nicht das Monopol einer +einzelnen+ Geistesrichtung.

In der heutigen Sitzung kam ein Widerspruch mehrer Polen zur Sprache,

welche +nicht+ im Reichstag erscheinen wollten. Er ward zuvörderst an

den völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen. Für die Frage über die Bildung

einer hiesigen Centralgewalt, beschloß man einen neuen Ausschuß zu

wählen. -- Als in der dritten Abtheilung, zu der ich gehöre, +Einer+

zum Ausschuß über die Bildung der Centralgewalt gewählt werden sollte,

meldeten sich mehre Bewerber. Man verlangte: sie möchten sich über

ihre Ansicht der Sache erklären, bei welcher Gelegenheit ein Oberst

von Mayeren aus Wien verständig und gemäßigt sprach. Drauf manch

Gerede hin und her, zu dem ich um so mehr schwieg, da ich (schon einem

beschwerlichen Ausschusse zugesellt) mich nicht thöricht der Gefahr

aussetzen wollte, mit neuen Arbeiten übermäßig belästigt zu werden.

Doch wäre ich beinahe in diese Gefahr unabsichtlich hineingestürzt.

Als nämlich ein mir +unbekannter+ Mann, jene Bildung der Centralgewalt

+allein+ der Versammlung in Frankfurt zuweisen wollte, ohne irgend

eine Rücksprache mit den Regierungen; als er auf die, aller Freiheit

noch immer höchst gefährlichen Umtriebe der Fürsten schalt, oder

schimpfte u. dgl., so bat ich (die Geduld ging mir aus) ums Wort

und sprach lebhaft: daß man nicht immer auf Zwist, auf unbedingtes

Befehlen und Gehorchen hinarbeiten müsse, sondern auf Versöhnung und

Verständigung zwischen dem hiesigen Reichstage und allen Regierungen;

deren Bevollmächtigte möge man hören, ehe man übereilt beschließe und

dann vielleicht lauten Widerspruch finde. Von den behaupteten ganz

neuen und verdammlichen Umtrieben der Fürsten sei mir nichts bekannt,

oder nichts erwiesen; oder wenn Einzelne noch etwa die Sachen rückwärts

schieben wollten, sei dies in +diesem+ Augenblicke kein Gegenstand

ernster Furcht. So würde hoffentlich der Verstand und gesunde Sinn

der Deutschen ebenfalls des ultraradikalen Geschreis Herr werden.

Unsere Aufgabe sei nicht Händel zu suchen, sondern für die Einheit und

Mannigfaltigkeit Deutschlands gleichmäßig zu sorgen u. s. w.

Meine Worte fanden vielen Anklang und verschafften mir viele Stimmen,

doch ward Mayeren (mir willkommen) gewählt.

Ich habe ein eigenes Schicksal: meine erste Quasirede war gegen ein

Mitglied der äußersten +Rechten+, gegen Hrn. v. Vincke gerichtet;

die zweite gegen ein Mitglied der äußersten Linken, gegen -- wie ich

nachher erfuhr -- Hrn. Schlöffel!!

Vergleiche ich die hiesigen Verhandlungen, Alles zu Allem gerechnet,

mit den Berlinern, so mögen Sorgen und Hoffnungen gleich groß sein;

doch hält Gagern als ein tüchtiger Präsident die Sachen besser

zusammen, allmälig wird das Unwichtige kürzer behandelt und immer

nachdrücklicher auf die Hauptsachen hingewiesen. Auch lernt man hier

mehr interessante Personen kennen, und die Berathungen verbreiten

sich über die mannigfachsten und wichtigsten Gegenstände. So reut es

mich, trotz der Kehrseiten, der Einsamkeit und der Sehnsucht nach

Hause, doch nicht, daß ich +hieher+ gegangen und nicht in die

berliner Versammlung eingetreten bin; -- so fern +Agatho-+ oder

+Kakodämon+ mich nicht ganz in den Ruhestand versetzt. Noch ist

meine Wahlangelegenheit indeß nicht zur Sprache gekommen.

Den 4. Junius.

Meine freundliche Wirthin hatte mich gestern Abend zu einem

Damenthee eingeladen, den ich gern besucht hätte; aber ich mußte

pflichtmäßig in den völkerrechtlichen Ausschuß wandern, um über

„Schleswig-Holstein meerumschlungen,“ ein Paar Stunden lang, zu

rathschlagen und zu politisiren. Zuvörderst ergab sich, daß, leider,

Ausschuß und Versammlung über die kriegerische und diplomatische

Lage amtlich gar nicht gehörig unterrichtet waren, mithin (bei

aufgeregten Leidenschaften) in der größten Gefahr schwebten, etwas

Unpassendes, Übertriebenes und Verletzendes zu beschließen. Es fehlt

unglücklicherweise an einem Organ, einer Behörde, durch welche

sich die Regierungen mit der Versammlung verständigen; denn der

hinsterbende, unbeliebte Bundestag reicht dazu nicht hin, und die

einzelnen Gesandten lassen ebenfalls nichts von sich hören. Mein

Vorschlag: zu fragen und über die Lage der Dinge Belehrung und Auskunft

einzuholen, erregte das Bedenken: es werde eine ablehnende Antwort

Mißvergnügen erregen, und eine inhaltsvolle wahrscheinlich die, ihrer

Allmacht frohe, Versammlung noch tiefer und gefährlicher in die Sache

hineinlocken und verwickeln.

Zwei Sachen wurden vorgetragen: erstens, ein (gemäßigtes) Gesuch der

holstein-schleswigschen Abgeordneten ihre Sache nicht aufzugeben,

sondern für das zu wirken, was Recht und Ehre verlange. Zweitens, ein

jammervoller Hülferuf der Hadersleber, sie, nach Wrangel’s Rückzug,

gegen die schreckliche Rach- und Straflust der Dänen zu schützen.

Gar viele Punkte kamen nunmehr zur Berathung, z. B. Holstein gehöre

gewiß zu Deutschland, und wenn dies in Hinsicht auf Schleswig auch

zweifelhaft sei, so gehöre es doch unbedenklich seit Jahrhunderten zu

+Holstein+ und könne davon nicht getrennt werden. Die Zerfällung

in zwei Theile (Dänen und Deutsche) nach der Volksthümlichkeit, sei

unrecht, unerwünscht; das Ganze müsse beisammen bleiben. Wiederum habe

England die Frage über das Schicksal des +nördlichen+ Theils von

Schleswig, als einen Gegenstand der Unterhandlungen hingestellt, und

es würde um so verkehrter sein, sich wider Palmerston’s Vorschläge

zu erklären, da Schweden und Rußland nur durch die Rücksicht auf

Großbritannien von Gewaltschritten abgehalten würden. Deutschland

sei unvorbereitet, aufgelöset, uneinig, ohnmächtig, und könne einen

Krieg gegen Rußland um Schleswigs willen um so weniger übernehmen, da

die Frage nicht der Art sei, das ganze deutsche Volk in Begeisterung

zu versetzen. Insbesondere schwebe Preußen in Bezug auf Rußland

in der höchsten Gefahr und dürfe (ohnehin abgeschwächt) sich für

Schleswig nicht opfern. Es müsse für sich und zur Erhaltung seines

Daseins handeln; es werde keinen Beschluß der frankfurter Versammlung

achten, sobald es dadurch in eine Todesgefahr komme, gegen welche

papierne Bundesverfügungen um so weniger schützten, da sie schon bei

dem dänischen Kriege hinsichtlich der zehnten Heeresabtheilung wenig

Gehorsam gefunden hätten. Ebensowenig könne es jemals Posen in die

Hände der Polen geben und dadurch den Russen den Weg in das Herz

der Monarchie öffnen. Der Gewinn Schleswigs sei ganz unbedeutend,

wenn gegenüber die Gefahr eines großen europäischen Krieges und die

Möglichkeit hervortrete, Ost- und Westpreußen, ja alles Land bis

zur Oder in den Händen der Russen zu sehen. An Rußland sei nur zu

verlieren, nichts zu gewinnen, Frankreich aber, trotz scheinbarer

augenblicklicher Mäßigung, doch ein gefährlicher, den Rheinlanden

nachtrachtender Bundesgenosse. Die Erhaltung und Herstellung des

Friedens sei höchster Zweck, und die Frage nach dem schleswiger Rechte,

verschwinde vor der höhern Politik und den unläugbaren Forderungen

der Staatsklugheit. Dies als Andeutung des Inhalts der Berathungen.

Das einstimmige Ergebniß war: der Versammlung zwei Erklärungen über

Schleswig und über Hadersleben vorzulegen, welche trösten, die Ehre

wahren, und doch so gemäßigt abgefaßt sind, daß sie die Mächte und die

Vermittler nicht verletzen, nicht vorlaut und übereilt in die Sachen

selbst eingreifen. Hoffentlich nimmt die Versammlung unsere Vorschläge

an, ohne leidenschaftliche Erörterungen. Die ganze Berathung im

Ausschusse war gemäßigt, verständig, anziehend, erfreulich, und mehrt

meine Hoffnungen von seiner nützlichen Wirksamkeit für die Zukunft. --

Nächstens kommt die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt

zur Sprache, wo die Regierungen (unbegreiflicher- und thörichterweise)

wiederum versäumt haben, auf eine verständige und freundliche Weise die

Initiative zu ergreifen, wodurch die Herrschlust der Versammlung sich

nothwendig und natürlich verdoppelt.

Sechster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Junius 1848.

So lange ich hier in Thätigkeit bin, hege ich keinen Zweifel darüber,

daß ich hiezu noch tauglich und befähigt sei. Sobald ich aber zum

Nichtsthun zurückkehre, scheint es mir verkehrt, nicht etwa selbst

anmaßend eine Rolle spielen zu wollen, sondern Rollen auf mir und rings

um mich spielen zu lassen. Doch muß ich mich mit dem ~sustine~ abfinden

lassen, bis etwa Hr. Agathon sein ~abstine~ durchsetzt.

In der heutigen Sitzung ward (bei den dringenden Gefahren Deutschlands)

beschlossen, einen Ausschuß für die Kriegs- und Wehrverfassung zu

bilden, in welchen unter Anderen Teichert und Stavenhagen erwählt

sind. Hierauf lange Verhandlungen über Böhmen und Mähren, wobei ein

Abgeordneter Jeiteles aus Olmütz sagte: er wünsche, daß das Jahr so

fruchtbar sei an Getreide und Kartoffeln -- wie an Reden. Allerdings

werden mit diesen, und mit Erklärungen und Proklamationen der

Versammlung, die großen Gegensätze und Zwistigkeiten der Tschechen

und Deutschen nicht ausgeglichen werden. Hofft man indessen davon

Trost und Hülfe, so mag man sie (vorsichtig gefaßt) immerhin ergehen

lassen. Weit heftigerer und ungebührlicher Streit und Lärm erhob sich

über die Frage: ob die erwählten Abgeordneten für den deutschen Theil

Polens sollten zugelassen werden. Die Linke, welche gern Händel für die

Deutschen in Schleswig suchte, will (die Polen unverantwortlich und

inconsequent mehr begünstigend) jene Abgeordneten ausschließen. Endlich

wurden sie vorläufig zugelassen, die staats- oder völkerrechtliche

Frage aber an den Ausschuß verwiesen, wo ich darüber mitsprechen

und entscheiden muß. Gewiß ist bei dieser Thätigkeit und Mühe mehr

Zusammenhang und Erfolg, als bei der Rederei in den verschiedenen

Quasiklubs. Doch mag dies als Ableiter dienen, sonst würden sich

noch Mehre in der Hauptversammlung vordrängen. Man sollte, da die

Redelustigen jede ihrer Reden doch wohl auf 5 Thlr. Werth schätzen,

diese Summe (etwa für die deutsche Flotte) abfordern, um diese flott

zu machen oder den Andrang zu vermindern. -- Merkwürdig, daß bei jener

Polenfrage die Ansicht der Funfziger von der Linken als maßgebend

hervorgehoben wurde, während kein Redner der Aufnahme Posens in den

deutschen Bund durch die Bundesversammlung erwähnte.

Es war im Hirschgraben wieder, in meiner Abwesenheit, davon die Rede

gewesen, daß ich ein +Programm+ für die Gesellschaft entwerfe. Bei

meiner Abneigung gegen bindende Glaubensbekenntnisse und gegen den

Schein, als wolle ich mich der äußersten Rechten unbedingt anschließen,

lehnte ich den Antrag ab. Ebenso den Vorschlag Lichnowsky’s: drei

Männer (darunter ich) sollten zwei verschiedene Gesellschaften sogleich

besuchen und bis morgen entscheiden, ob und welcher man beitreten,

oder ob man fernerhin im Hirschgraben weiter beisammen bleiben wolle.

Eine solche Diktatur dreier Männer, ohne Rückfrage und nähere,

nochmalige Berathung, würde sich gewiß keiner langen und allgemeinen

Beistimmung erfreut haben. Lichnowsky’s Weissagung: die Gesellschaft im

Hirschgarten werde sich auflösen, hat indeß guten Grund. Denn die Leute

wollen lieber Alles durcheinander durchplaudern, und die politische

Weisheit gleichzeitig mit Wein, Bier, Punsch, Beafsteaks, Cotelettes,

Kartoffeln und Cigarren hinunterschlucken. Mir ist (nachdem ich des

Tages Last getragen) solch Pandämonium für Leib und Seele unbequem, wo

Kellnergeschrei und Teller- und Gläsergeklapper, die Janitscharenmusik

zu der eingebildeten demosthenischen Weisheit bildet.

Die Gesellschaft im Hirschgraben (um nochmals darauf zurückzukommen)

gilt, obwohl mit Unrecht, für die äußerste Rechte, zu welcher sich die

Meisten so wenig bekennen wollen, als zur äußersten Linken. Deshalb

wird sie sterben, und jeder Gemäßigte sich anderwärts anschließen,

wenn er überhaupt das Bedürfniß fühlt sich einzupferchen. Lichnowsky

ist nicht ohne Geist und Rednertalent, aber viel zu ungeduldig und

leidenschaftlich. Wäre Arnim kein Graf, so würde man seine Vorzüge

mehr anerkennen. W. ist bereits verbraucht, weil er sich vordrängte;

v. S. hatte kein Talent zu präsidiren und die Leute in Thätigkeit zu

versetzen. -- Allerdings wird die einigere, jedes Mittel anwendende

äußerste Linke, sich länger halten, als die äußerste Rechte; wenn aber

kein Krieg und kein einschüchternder Krawal eintritt, bleibt sie gewiß

in der Minderzahl. Gestern machte -- den Vorschlag, den Herzog von

Limburg (d. h. den König der Niederlande) sofort über sein Benehmen

gegen dies Land, gleichsam studentenmäßig zu coramiren und zu so vielen

Händeln, noch eine Maulhelden-~querelle d’Allemand~ anzufangen.

Bei der Abstimmung erhob sich jedoch (die Versammlung ist bereits

gewitzigt) außer -- nur +Einer+ für den Aberwitz.

Den 6. Junius.

Gestern Nachmittag erhielt ich zu großer Freude Euern den dritten

Nachmittags zur Post gegebenen Brief. Wäre nur der Zustand Berlins

erfreulicher. So lange man jeden Unruhstifter gewähren läßt, anstatt

ihnen muthig entgegenzutreten und sie zu bestrafen, oder kurzweg

auszuprügeln, werden die Verhältnisse nicht besser werden. Hoffentlich

wächst den Stadtverordneten der Muth, und die akademischen Behörden

schicken Die unerbittlich fort, welche die Gesetze übertreten.

Ich bin in einem Lebensalter, wo man eben nichts mehr zu hoffen und

zu fürchten hat, und werde also über alles Das, was von Außen mir

widerfährt, Haltung und Gemüthsruhe nicht verlieren; aber ebensowenig

mich feige auf die Flucht legen. Ich werde mich nicht vordrängen und

überschätzen, aber ebensowenig schweigen, oder Halbheiten auskramen,

oder mich verblüffen lassen, wo es darauf ankommt +rücksichtslos die

Wahrheit zu sagen+. Das ist, mit Verschmähung aller Heuchelei und

Künstelei und Superklugheit, mein unbedingter Grundsatz gewesen, das

ganze Leben hindurch. Und ich bin, vermöge desselben, auch besser

hindurchgekommen, obenauf geblieben und selbst von Gegnern mehr geehrt

worden, als wenn ich mich auf eine Art Diplomatik gelegt hätte, die

meiner Natur zuwider ist.

Von Balan lieh ich mir ein Buch vom Grafen de la Garde über die

Frivolitäten des wiener Congresses, geschrieben mit dem Glanze

oberflächlicher Hofschranzerei und plattirter Nichtigkeit. Es thut eine

furchtbare Wirkung, wenn man gleichzeitig an die jetzigen Zustände

Wiens denkt.

Siebenter Brief.

Frankfurt a. M., den 7. Junius 1848.

Der Antrag, welchen ich meinem letzten Briefe beilegte, über die

Errichtung einer engern Regierungsgewalt, ist von großer Wichtigkeit

und bedeutenden Folgen. Deshalb sagen Einige: man hätte ihn gar

nicht machen sollen, da die bisherigen Mittel und Formen zu den

angestrebten Zwecken hinreichten, die Entwerfung und Annahme einer

neuen deutschen Verfassung abzuwarten ist, und die Gewalt der (ohnehin

zu anmaßenden) Reichsversammlung dadurch übermäßig erhöht wird.

Denn die drei Direktoren verwandeln sich gewiß bald in gehorsame

Diener der Versammlung; was in letzter Stelle zum Widerspruch der

einzelnen Staaten und zum Verfehlen der bezweckten Einigkeit führt.

-- Diese Ansichten und Gründe entbehren keineswegs aller Wahrheit; es

ist aber bei der jetzigen Stimmung der Versammlung ganz unmöglich,

dieselben durchzusetzen, und die Ernennung einer Regierungsbehörde

ganz zu vermeiden. Man muß diese, als einen auf wenige Personen

zusammengedrängten Bundestag betrachten, und die Wahl auf Männer

allgemeinen Vertrauens richten, oder (da dies so häufig wechselt)

auf Männer solcher Geistes- und Willensstärke, daß sie sich Ansehen

erzwingen. Die Besorgniß, daß sich die zwei andern Direktoren, stets

wider den preußischen vereinigen würden, ist bei der jetzigen Lage

Österreichs wohl nicht zu befürchten. Eher dürfte Preußen oft in der

Minderzahl bleiben, wenn man die Zahl der Direktoren auf fünf erhöhte.

-- Hoffentlich hält sich die Versammlung in den ihr (obwohl etwas

zweideutig) gesetzten Schranken, und lähmt nicht die Wirksamkeit und

nothwendige Unabhängigkeit durch stetes Einreden und die sonst so

lebhaft getadelte Vielregiererei. Mehr hievon, wenn die Sache in der

Versammlung zur Berathung kommt.

Für die schwierige und mit Worten nicht zu lösende Frage: „über die

Verhältnisse der Slaven zu den Deutschen in den österreichischen

Staaten“, ward heute ein besonderer Ausschuß ernannt, und dabei

geltend gemacht, daß die bedrängte österreichische Regierung einer

deutschen Unterstützung bedürftig sei und sie verdiene. N. wollte

hierauf entwickeln, was sich, besonders hinsichtlich Italiens,

gegen die österreichische Regierung sagen lasse, und sprach dabei

von ihrer +Thorheit+. Dieser Ausdruck ward von Etlichen, selbst vom

Präsidenten gerügt. Anstatt ihn sogleich zurückzunehmen oder höflich zu

berichtigen, suchte er seine Angemessenheit zu erweisen; was jedoch zu

lebhafterem Widerspruche, besonders seitens mehrer Österreicher führte

und seine Sache immer mehr verdarb. -- So hat er durch ein der Wahrheit

nachtrachtendes, aber zu schroffes, unvermittelndes Verfahren, sich Das

zugezogen, was ich ihm vor drei Tagen buchstäblich weissagte.

Bei einem andern Zwischenspiel offenbarte sich wieder einmal die,

anderes Böse bezweckende, Abneigung gegen Preußen. Robert Blum (und

ähnlich gesinnt zeigen sich mehre sächsische Abgeordnete) behauptet

von einem (nicht genannten) Minister gehört zu haben: daß Preußen

mehren deutschen Staaten den Rath gegeben, durch landschaftliche

Versammlungen, die Wirksamkeit der frankfurter zu vernichten oder sie

gewissermaßen zu sprengen. -- Wäre ein ähnlicher Rath gegeben, so

könnte es nur den Sinn haben, die +allgemeinen+ deutschen Rechte und

die der +einzelnen+ Staaten in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Nun

übergiebt aber ein preußischer Abgeordneter ein amtliches Schreiben

unseres (verantwortlichen) Ministers der auswärtigen Angelegenheiten

des Hrn. v. Arnim, worin dieser +feierlich+ läugnet, daß jemals

Schreiben in jener Beziehung erlassen worden. -- Ueberdies behauptet

R. Blum: sein ungenannter Minister (oder, wie jetzt die Sachen stehen,

seine Klatscherei) verdiene ebenso viel Glauben. Man hat ihn aber

hiemit nicht durchgelassen, sondern darauf gedrungen, daß er Beweise

beibringe, damit man sehe, wo das Unrecht stecke, bei Arnim, dem

Unbekannten, oder R. Blum.

Den 8. Junius.

Gestern war ein wunderschöner Abend; ich ging um einen Theil der

mit Gärten und schönen Anlagen umgebenen Stadt. Blühende Rosen und

Sträucher, Bäume noch im frischesten Grün, und eine Himmelspracht

und Glut, die nicht glänzender sein konnte. Solche erheiternde und

beruhigende Augenblicke thun hier wahrlich noth.

Viele preußische Abgeordnete sagen: Preußen ist überall (besonders

in Sachsen und Süddeutschland) so unbeliebt, so verläumdet, so

verhaßt, daß man schlechterdings schweigen muß, um das Uebel nicht

noch zu erhöhen. Jedes bestimmtere Auftreten, jedes zur Vertheidigung

gesprochene Wort hat gefährliche Wirkungen und kann Alles verderben.

-- Ich habe zeither dieser Schlußfolge widersprochen, mich aber

dennoch ihr murrend gefügt. Das muß aber ein Ende nehmen. Täglich

wird Preußen angegriffen und verdächtigt, täglich muß man sich von

Maulhelden behandeln sehen, als wäre man angesteckt, verpestet, von

Gewissensbissen geplagt, und wohl gar noch dankbar für die verdiente,

gnädige Strafe. Seit 14 Tagen sitze ich überbescheiden da, wie ein

stummer Hund, der nicht bellen kann. Meine Geduld ist zu Ende, und ich

werde Gelegenheit suchen und +finden+, meinen Mund aufzuthun.

Die Champagnerflasche ist nicht flattirt, sonder injuriirt und der

Pfropfen muß heraus. Für das Ganze kann daraus nichts Böses folgen;

mein Gewissen spricht mich frei, und Zischen und Trommeln soll mich

nicht abhalten, nach ~Dr.~ Luther’s Spruch zu verfahren.

In der heutigen Sitzung wurden Berichte der Ausschüsse vorgetragen

über Schleswig-Holstein, Luxemburg und die zu gründende deutsche

Flotte. Hierauf Verhandlungen, ob die Reichsversammlung in Frankfurt

sicher sei, zu ihrer Sicherung Vorkehrungen zu treffen, Commissionen

zu ernennen, oder mit dem hiesigen Magistrate Verhandlungen zu

eröffnen. Alle Vorschläge wurden zuletzt abgelehnt, weil die Gefahr

nicht erwiesen, Furcht nicht zu zeigen und Verhandlungen mit dem

(wohlgesinnten) Magistrate überflüssig, oder der Versammlung nicht

würdig seien. Beiläufig kam zur Sprache daß man, nöthigen Falls, die

Versammlung nach Erfurt, Nürnberg, Regensburg, Wien verlegen solle.

Nochmals Vorträge über R. Blum’s Anklagen. Er wiederholt, daß das

Vorgebrachte, ihm und zwei namhaft gemachten Zeugen von einem Minister

gesagt worden. Nachdem Auerswald und Lichnowsky gegen, Schaffrath für

ihn gesprochen, nahm die widerwärtige Erörterung (über welche noch

Unzählige sprechen wollten) ein unentscheidendes Ende.

Achter Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Junius 1848.

Ihr glaubt nicht, welche Anzahl von Anträgen und Gesuchen bei der

Versammlung eingehen! Alles, vom Größten und Wichtigsten, bis zum

Kleinsten und Unbedeutendsten, wird zur Sprache gebracht; die

Abgeordneten hätten damit bis zum jüngsten Tage zu thun und würden

dennoch nicht fertig! Indessen dient dies andererseits dazu, auf unsere

Hauptaufgabe hinzuweisen, und die Thätigkeit des Verfassungsausschusses

zu erhöhen. Die (deutsche) Breite, welche man mit Recht unseren alten

Behörden zum Vorwurf machte, thut sich jedoch auch hier schon kund,

und hindert regelmäßige schnelle Fortschritte. Wenige haben das Talent

gut den Vorsitz zu führen; oder wer dasselbe geltend machen will,

verletzt die breitspurigen Redner, oder Kohlmacher. Für die Klubs

und die Rederei spät Abends, wird von Manchen noch fleißig geworben;

während Andere allmälig den Geschmack und den Glauben daran verlieren.

Man bedenke, Sitzung 5-6 Stunden, Ausschuß 2-3 Stunden, Lesen der

Drucksachen eine Stunde; und nun soll nach 9-10 Stunden ernster

Anstrengung und Berathung, ein abgeklatschtes ~Da Capo~ angeblich

nützen, belehren, erfreuen. ~Credat Judaeus Apella.~ Mir genügt Abends

das Gespräch mit wenigen Personen, und dann um 10 Uhr zu Bett. Deshalb

entschuldigte ich mich gegen B., bei Herrn B. einer Gesellschaft von

Herren und Damen beizuwohnen, welche um die Zeit beginnt wo ich mich

zu Hause nicht festlich ankleide, sondern bequem auskleide, und welche

um die Zeit am lebhaftesten ist, wo ich am festesten schlafe. -- ~Ecce

signum~, den alten Mann! Und wenn er auch das Alles noch mitmachen

+könnte+, so +will+ er es aus Gründen nicht, die +ihm+ vollkommen

genügend erscheinen.

Gestern Abend ward ich im Schwane nochmals dringend aufgefordert,

Preußen wie ein ~noli me tangere~ zu betrachten und zu behandeln. Nun,

ich will den wohlgemeinten, wiederholten Rath nicht unberücksichtigt

lassen, Niemand angreifen, Niemand verletzen, von den zu Gebote

stehenden Kriegsmitteln wenig Gebrauch machen; obgleich dies heißt: mit

halbem Winde segeln und mit Hemmschuhen fahren.

Das Liebäugeln der Franzosen mit Deutschland erinnert an das ~Timeo

Danaos dona ferentes~, und die republikanisch-polnische Partei

würde Deutschland opfern, angeblich um Polen herzustellen. Diese

Freundschaftsversicherungen aus Norden und Süden, erinnern 1848, an das

Jahr 1648 wo Deutschland so heruntergekommen war, daß es sich seiner

eigenen Zerstückelung fast freute. Nur noch ein Jahr europäischer

Friede, dann wird (ich hoffe es) der gesunde Menschenverstand der

Deutschen obenauf bleiben. Krieg zerstört alle unsere hiesigen, ja alle

guten Bestrebungen, und führt nicht (wie Einige und die Eifrigsten

leider wähnen) zu republikanischer Freiheit, sondern durch Anarchie

hindurch zur Despotie, oder -- zur entsetzlichen Theilung Deutschlands!

-- Unter so vielen, fieberhaft aufregenden Sorgen, habe ich die erste,

große Freude darüber gehabt, daß der berliner Reichstag, Camphausen’s

Rede über den Prinzen von Preußen so theilnehmend und beifällig

aufgenommen. Auch die edle Prinzessin erblickt endlich an ihrem

einsamen Strande, die tröstende Morgenröthe. -- -- -- -- Könnte man

sich wundern daß hochgestellte Personen, wenn sie derlei Erscheinungen

erleben, zu Menschenhaß aufgeregt, oder doch gegen Lob und Tadel

gleichgültig würden?

Wie ich, in den Augen gewisser Leute, binnen Jahresfrist aus einem

ultra-liberalen Rebellen, ein knechtischer Royalist geworden bin; so

wird man mir vorwerfen aus einem Polenfreunde (siehe meine Schrift

über den Untergang Polens und meine geschichtlichen Beiträge) ein

Polenfeind geworden zu sein.

Ich höre mit Schrecken, daß Jemand einen Plan entworfen, wie die

Paulskirche im Winter am besten zu heizen sei; doch hoffe ich es

soll nur ein Schreckschuß sein, um auf die Nothwendigkeit raschen

Fortschritts hinzuweisen. Mehre Abgeordnete lassen ihre Frauen

nachkommen; gut für jene, während die Frauen viel allein sein werden.

Den 10. Junius.

Gestern war eine sehr wichtige und anziehende Sitzung, welche

nur durch die eigensinnige Forderung der Linken, über eine Frage

durch namentlichen Aufruf abzustimmen, einen höchst langen und

langweiligen Anhang bekam. Sie dauerte von 9-4 Uhr, und betraf

die schleswig-holsteinische Angelegenheit. J. und B. sprachen in

revolutionair-heftiger Weise, z. B. es komme auf geschichtliche und

bestehende Rechte gar nicht an; +man+ habe sich (d. h. die 50 und das

Vorparlament) +Rechte genommen+: was denn freilich die Rechtsfrage

zur Seite wirft, und sich ganz auf den Boden der Macht und Gewalt

hinstellt; welche praktisch geltend zu machen, es uns aber eben an

genügenden Mitteln fehlt. G. hatte freilich ein Universalmittel in der

Tasche, oder sprach es vielmehr mit erstaunlichem Glauben an seine

Wirksamkeit laut aus: „die Versammlung möge beschließen, es solle sich

niemals eine fremde Macht in die deutschen Angelegenheiten mischen!!!“

-- Die Versammlung war aber doch zu praktisch, auf einen solchen

unpraktischen und nutzlosen Antrag einzugehen. Ebensowenig wirkte seine

angebliche Entdeckung, daß auch die Jütländer zum deutschen Stamme

gehörten. -- Dahlmann sprach gemäßigt; Waitz sehr verständig, besonders

gegen jene Revolutionaire; Heckscher aus Hamburg scharfsinnig und

muthig; mehre Schleswiger rhetorisirend um dadurch die, gewöhnlich bei

schwachen Constitutionen durchschlagende, Wirkung hervorzubringen.

Endlich habe auch ich meine Jungfernrede (~maiden speech~) halten

+müssen+! Da ich sie, nach meiner Weise vorher weder auswendig gelernt,

noch niedergeschrieben hatte, so bleibt der anliegende stenographische

Bericht (trotz seiner Mängel) die beste Quelle. Weil die Zeit

beschränkt war, und so viele Redner herzudrängten, so habe ich kaum die

Hälfte von Dem gesagt, was ich eigentlich sagen wollte, und dem „+höre

bald auf+,“ Folge geleistet. Ich will, trotz der Bravos am Schlusse,

nicht sagen daß meine Rede allgemeinen +Beifall+ gefunden; die

mitgetheilten Thatsachen erweckten aber allgemeines +Interesse+, und

selbst Anführer der Linken bezeugten, ich hätte gesprochen mit Anstand

und ohne zu verletzen. Vielleicht mißbilligen eher einige Mitglieder

der äußersten Rechten, daß ich rücksichtslos Wahrheiten ausgesprochen,

die sie lieber verheimlichten. Mir behagt aber weder der tölpelhafte

Enthusiasmus der äußersten Linken, noch die rückhaltende Diplomatik

mancher ihrer Gegner. Ich gehe, ungestört durch Beifall oder Mißfallen,

den Gang, welchen ich für den rechten halte. Ich hoffe Ihr seid bereit

mitzugehen.

Neunter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Junius 1848.

Ich muß noch einmal klagend auf die namentliche Abstimmung am neunten

zurückkommen. Die Frage war: sollen die Friedensschlüsse zwischen

Deutschland und Dänemark dem verfassenden Reichstage zur +Bestätigung+

vorgelegt werden? Die eine Partei sagte +Ja!+ weil dadurch die deutsche

Ehre besser gewahrt und die Macht der Versammlung +erhöht+ wird. --

Die zweite Partei entgegnete: +Nein!+ weil jenes Geschäft gar nicht

zum Wirkungskreise der Versammlung gehört, und sie dadurch denselben

ungebührlich, eigenmächtig und gefährlich erweitern würde. Wenn unsere

Gegner ferner sagen, daß die Sache selbst hiedurch gewinnen werde,

so wollen wir nicht den Satz umkehren und sagen, daß ihr dadurch

geschadet werde; wohl aber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß

die diplomatischen Verhandlungen hiedurch weitläufiger und erschwert

werden; ja zu besorgen ist, daß das englische Ministerium (insbesondere

der entschlossene Vermittler Lord Palmerston) nicht geneigt sein

dürfte, sich in Frankfurt anmaßlich beurtheilen zu lassen und gleichsam

auf den Moquirstuhl zu setzen. Ohnehin werden die befreundeten Mächte,

vor allen Preußen, von selbst Das durchzusetzen suchen, was der

Reichstag wünscht und bezweckt. -- So in aller Kürze die Gründe und

Gegengründe.

Sehr gescheit verlangte die Linke den namentlichen Aufruf; denn sie

harrte muthig aus, während Viele der sogenannten Wohlgesinnten das

Mittagsessen vorzogen und davongingen! Ferner (eine höchst jammervolle

Erscheinung) stimmten beim Aufstehen nur etwa 70 höchstens 100 für Ja!

während sich diese Zahl (und hierauf hatte die Linke gerechnet) beim

namentlichen Aufrufe bis zu 200 erhöhte!! So die Wirkung erbärmlicher

Furcht, und des Wunsches sich bei den unwissenden und aufgeregten

Massen beliebt zu machen!

So schwierig auch die Lage Preußens erscheint, ist doch die Österreichs

viel verwickelter und schwieriger. Allerdings macht uns schon der

kleine polnische Bestandtheil viel Noth; wie soll aber Österreich

seine Völkermusterkarte in einem Augenblicke beisammen erhalten, wo man

bis zur Übertreibung auf Sonderung der Völkerstämme dringt. Die wiener

Anarchie wird ein Ende nehmen, denn das Deutsche findet sich wieder

zum Deutschen und verständigt sich. Wie aber den Haß der slavischen

Stämme gegen Deutsche und Ungarn aussöhnen? Wie Böhmen und Mähren

bei gemischter Bevölkerung behandeln und sondern? Ist es räthlich

und möglich ein großes Slavenreich zu bilden und dem russischen

entgegenzustellen? Oder wird dies Alles verschlingen? Reichen besondere

Verfassungen und eigenthümliche Einrichtungen aus, um die Aufgeregten

zu beruhigen, welche +eine+ allgemeine Verfassung für unmöglich und

unklug halten? Könnten drei österreichische Prinzen, Könige der

Ungarn, Slaven und Deutschen, und doch eine Art von Mittelpunkt für

Alle gefunden werden! -- So drängen sich unzählige Fragen, deren

Beantwortung aus der Ferne und auch wohl in der Nähe unendlich schwer

ist, und deren Lösung Niemand vorhersehen kann. Gewiß wird die alte

Mischung nicht fortdauern, oder nicht herzustellen sein.

Muthigere Österreicher erklären sich günstiger über Hergang,

Zusammenhang und Zukunft. Österreich, sagen sie, war ein Conglomerat

von Staaten, hauptsächlich zusammengehalten durch ein Netz von Beamten

und Soldaten. Nur +diese+ nannten sich +Österreicher+; alle andern

Personen nannten und fühlten sich dagegen nach ihrem Geburtslande, als

Böhmen, Mähren u. s. w. Dies Gefühl, diese Richtung ward verstärkt,

weil die österreichische Regierung (abweichend von Preußen) auch

die geistige Bildung und Entwickelung hemmte und verknechtete. Nur

innerhalb der Nationalitäten verstattete man eine etwas größere

Freiheit, schon weil weniger Personen böhmisch, ungarisch u. s. w.

lasen, als deutsch. Gutentheils daher der Eifer für jene volksthümliche

Literaturen, und eine steigende Begeisterung für nationales

Abschließen. Man darf sich nicht wundern, daß nach so lang getragenen,

endlich gebrochenen Fesseln, das richtige Maß überschritten wird, und

man über Weg und Ziel nicht im Klaren ist. Allmälig bessern sich diese

Verhältnisse, den einzelnen Völkerstämmen wird und muß man einen großen

Theil der Selbstregierung überlassen; dann kehren alle ihre Blicke

wieder auf den alten Mittelpunkt, und Österreich wird (gereinigt von

alten und neuen Hemmnissen und Irrthümern) sich mächtiger erheben, denn

zuvor. Daß sich alle Slaven an Rußland anschließen würden, ist nicht

zu befürchten, und die große Überzahl der Bewohner Galiziens ist mehr

österreichisch, als polnisch gesinnt. Ein österreichischer Offizier

fragte einen Haufen bewaffneter galizischer Landleute: was habt ihr

vor? -- Wir wollen die Polen todt schlagen. -- Ihr seid ja selbst

Polen. -- Nein, die Edelleute sind Polen; wir sind österreichische

Bauern. So die galizischen Vorübungen zur Herstellung der sogenannten

polnischen Republik.

Den 12. Junius.

Nachdem ich bei einem langen Jammer- und Jeremiadenduett mit --

willig die zweite Stimme gesungen, bin ich ihm wegen seiner bloßen

+Verneinungen+ zu Leibe gegangen. Niemand läugne die Krankheit;

es handele sich aber für den angestellten Arzt nicht blos davon,

gleichgültig oder verzweifelnd zu sagen: du mußt sterben! sondern

Heilmittel aufzusuchen und anzuwenden. Der jüngste Tag sei doch noch

nicht vor der Thür, und die Kinder und Kindeskinder würden dereinst mit

großem Rechte die Väter und Großväter tadeln können, wenn diese nichts

zum Vorschein gebracht, als ein endloses, fruchtloses, langweiliges OJe

und OWeh! Hat man nicht 1813 sich auch aus einer dunkeln Nacht wieder

zum Tage emporgearbeitet? Und kann man die Übel nicht vertilgen, so

kann man sie doch mindern, oder mit der Beruhigung untergehen, seine

Pflicht nach Kräften erfüllt zu haben.

Daß die Polen einen Krieg mit Rußland wünschen, ist natürlich genug;

wie ihn aber +ungerüstete+ Deutsche +jetzt+ betreiben können, ist

völlig unbegreiflich. Auch wissen sie dafür nicht den geringsten

vernünftigen Grund anzugeben. Denn daß dereinst (bei wichtigeren

Veranlassungen und in günstigerem Augenblicke) möglicherweise ein

Krieg eintreten könne, ist kein vernünftiger Grund für einen jetzt

unvernünftigen Beschluß. Erst bin ich Deutscher und Preuße, -- und

nicht polnischer Edelmann.

Zehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Junius 1848,

Nachmittags 5 Uhr.

Die Krawalls, welche alle Länder durchziehen und auch uns wie

Gewitterwolken umringen, haben gestern Abend in Offenbach

eingeschlagen. Hessische Soldaten verlangen Urlaub, und gehen (als er

ihnen abgeschlagen wird) eigenmächtig davon. Nach ihrer Rückkehr werden

sie, ganz von Rechts wegen, eingesperrt. Nicht blos ihre Kameraden,

sondern auch andere Leute suchen sie mit Gewalt zu befreien. Man ist

gezwungen nachzugeben; doch war die Zügellosigkeit oder die Übereilung

der Art, daß geschossen ward und Etliche leichtere oder schwerere

Wunden davontrugen. Gestorben ist noch Keiner; das Ereigniß wird man

aber ohne Zweifel ausbeuten zur Erhöhung der Leidenschaften und als

Vorübung zu größeren gesetzwidrigen Unternehmungen. Hat man doch

Hecker zum Abgeordneten gewählt und es stehen uns hier Scenen bevor,

denen ähnlich, welche in Berlin über die Barricadenhelden eintraten.

Die, man möchte sagen unmoralisch angetrunkene, Dummheit billigt leider

jetzt Alles unbesehens, was gewisse Leute in einer bekannten Richtung

vorbringen. Hr. B. erzählte: solchen Volksschwadronören werde stets ein

lautes Bravo zugerufen, und wenn man frage: was hat er gesagt? erhalte

man zur Antwort: wir haben nichts gehört.

Bei jener Auflösung aller kriegerischen Zucht, bei der Vernachlässigung

aller deutschen Kriegsvorbereitungen (welche General Peuker nächstens

öffentlich darlegen wird), schreien die Maulhelden nach Krieg. Gestern

sagte mir Hr. v. --: Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. --

Warum? -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. -- Geben Sie mir

gefälligst Ihre Gründe an. -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland

haben. -- Weiter war aus dem Manne +kein+ Wort herauszubringen. --

Krieg führen und Fasanen verspeisen, scheint ihnen gleich leicht und

erfreulich zu sein. Solche horntolle Leute mag es beim Anfange des

30jährigen Krieges auch gegeben haben. Und doch waren damals mehr

Gründe zu Gegensätzen und Gewalt vorhanden. ~Absit omen!!~

Den 13. Junius.

Die Hitze erlaubte gestern nicht, Landvergnügungen in der Ferne

aufzusuchen; deshalb ging ich mit L. in das, selbst am zweiten

Pfingsttage nicht gefüllte, kühle Theater. Da es keine Zuschüsse

erhält und jetzt wenig besucht ist, wird es Bankerott machen oder zu

Herabsetzungen der Gehalte schreiten müssen. Wir sahen zuvörderst

Wallensteins Lager gut in Scene gesetzt und ganz gut gespielt, so der

Wachtmeister Hr. Reger, die Marketenderin Dem. Lindner, der Kapuziner

Hr. Hassel. Eine ausgezeichnet schöne Stimme und natürliche Sprechweise

hatte der wallonische Kürassier Hr. Breuer. Ich wundere mich jedesmal

wieder, daß Schiller dies, von allen seinen anderen so abweichende,

gelungene Werk zu Stande gebracht hat, im Wallenstein selbst aber

keine Spur dieser einwirkenden Lebensverhältnisse hervortritt. Für

unsere Zeit sollte dies Lager Lehre geben; denn wenn man noch länger

die Freiheit auf dem Wege des Aufstandes sucht, und die Heereszucht

befeindet oder untergräbt, wird die Tyrannei der Kriegsfürsten und

Soldaten, sowie die Sklaverei der Bürger und Bauern nicht ausbleiben.

-- Dem Lager folgte die Schulstube, nach dem Französischen, mit vielen

Anspielungen auf die jetzige Zeit, oft gut und treffend. Das Ganze sehr

ergötzlich und zum Lachen.

Heute Vormittag besuchte ich zunächst den polnischen Grafen P., der

mich verfehlt hatte. Er gehört zu den thätigsten Beförderern der

Herstellung Polens, und ich habe mein Möglichstes gethan, ihn, in

+dreistündigem+ lebhaften Gespräche, von unausführbaren Phantasien

zurückzubringen und auf den Standpunkt des praktischen Staatsmannes

zu stellen. Er blieb lange dabei: die polnische Nation verlange,

daß das ganze Herzogthum Posen lediglich von Polen regiert, und die

Deutschen ihrer Botmäßigkeit unterworfen würden. Die alte Landesgränze

entscheide, und auf eine eingedrungene, oder eingeschmuggelte deutsche

Bevölkerung (meist Beamte) komme es gar nicht an. Die deutschen

Abgeordneten Posens möge man nicht zulassen, sondern (wenigstens

provisorisch) ausschließen, und die Angelegenheiten des Herzogthums

durch drei hier erwählte Polenfreunde ordnen lassen. -- Ich erinnerte

zunächst an meine für Polen günstige Schrift, und dass ich nicht die

Sünden seiner Bewohner, die wesentlich zur Theilung beigetragen,

aufzählen wolle. Von 1756 bis 1763 habe Polen den Feinden Preußens

allen Vorschub geleistet, sei nichts gewesen als eine russische

Landschaft, und 1772 habe sich Friedrich II. gegen eine Wiederholung

dieser Übelstände und Feindseligkeiten schützen wollen. Wenn (fuhr

ich fort) Ihre Anträge im Ausschusse zur Berathung kommen, werde ich

dagegen stimmen, als Freund der Deutschen +und+ der Polen. Um

einige Hunderttausend Deutsche unter polnische Gewalt zu bringen,

verscherzen sie leichtsinnig und muthwillig die Theilnahme von

Millionen; sie trachten verkehrterweise sich einen Bestandtheil

anzueignen, der ihnen immer feindlich bleiben und ihre Entwickelung

hemmen wird. Auf die alte Landesgränze kommt jetzt (wo überall und

+übertrieben+ die Nationalitäten hervorgerufen werden) gar nichts

an, und die deutsche Bevölkerung ist da und muß anerkannt werden, und

wäre sie auch vom Himmel ins Herzogthum Posen hineingeregnet. Sie

hoffen auf den Beistand der hiesigen Linken; sie blamirt sich, wird

unfolgerecht und richtet ihren eigenen Boden zu Grunde, wenn sie die

Deutschen, um der Polen willen, feige oder fanatisch preisgiebt. Ordnen

Sie das rein polnische Posen und Galizien; streiten Sie nicht um ein

Paar Dörfer oder Quadratmeilen, hemmen Sie nicht durch Umtriebe aller

Art die Entwickelung Deutschlands und Preußens, drängen Sie nicht zu

einem Kriege, für den man keineswegs genügend gerüstet ist; lassen Sie

uns Zeit, uns zu ordnen und zu stärken; wirken Sie durch Mäßigung, daß

eine jetzt nicht mehr vorhandene Theilnahme für Polen zurückkehrt, und

man (wie früher) die Gefahr wieder ins Auge faßt, welche von Rußland

droht. Überwerfen Sie sich nicht ohne Noth mit den Regierungen und

den Völkern Preußens und Österreichs, halten Sie nicht frankfurter

Deklamationen für allmächtig; hoffen Sie nicht zu viel von der

unsichern Regierung Frankreichs, das zuerst an sich, und nur beiläufig

(wie einst Napoleon) an Polen denkt.

Meine aufrichtigen Worte (ich sprach im Eifer fließender Französisch,

als wenn bloße ~caquetage~ verlangt wird) schienen einigen Eindruck

zu machen. -- Auf dem Wege, den Sie betreten, schloß ich, wird Polen

nicht hergestellt, vielleicht aber Deutschland zu Grunde gerichtet und

getheilt.

Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der

Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses

gewirkt. Nun so hätte ich +den+ Tag nicht verloren und meine Diäten

verdient. --

Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den

Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen

entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen,

das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei

Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen

einlaufen.

Den 14. Junius.

L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles

Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie

mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. -- Welch ein Wechsel der

Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht

Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll,

selbst mittelmäßige Leute, +groß+. Und jetzt: kein Vertrauen,

keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein

Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen

äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende

Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch

einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als

der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche

Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.

Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht

unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen,

sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß

stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig

ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. --

Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, -- und

sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor,

wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen

werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst

sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und

obgleich wir noch lange nicht beim +Kaiserschnitt+ sind, fühlen

wir die Wehen schon allzustark.

Eilfter Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.

Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet

viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man

zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten

(wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und

wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo

sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hat +keine+

Zeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der

Vernünftige keine Zeit.

So eben verläßt mich ein Pole, C., mit dem ich ein Paar Stunden lang

Gespräche geführt habe, denen ähnlich, welche ich mit dem Grafen

P. hatte. Zuletzt bleibt doch etwas hängen zur Beruhigung und

unbefangeneren Würdigung der Verhältnisse. Ich will Euch indessen

nicht mit Wiederholung der Gründe und Gegengründe ermüden. Hr. C. hob

hervor: das ganze Herzogthum Posen müsse beisammen bleiben; das hieß

ihm, „unter polnischer Herrschaft,“ welche Jahrhunderte lang für die

Deutschen nützlich und bequem gewesen. Ich blieb ihm jedoch keine

Antwort schuldig und nannte es thöricht, wenn die Polen, zu eigenem

Verderben, den deutschen Bestandtheil mit Gewalt unter sich aufnehmen

wollten u. s. w., u. s. w.

Den 15. Junius.

Beim Eintritte in die Paulskirche bemerkte ich gestern mit Vergnügen,

daß auf den Grund eines von mir entworfenen und von Mehren

unterschriebenen Antrags grüne Vorhänge vor den Fenstern angebracht

waren. Die hereinscheinende Sonne oder die weißen Rouleaus blendeten

vorher auf unerträgliche Weise.

Die ganze Sitzung handelte von Errichtung einer deutschen Flotte. Bei

der allgemeinen und lebhaften Stimmung für eine solche Unternehmung kam

die Frage: ob? eigentlich gar nicht zur Berathung, und ebensowenig,

wie viel sie, den großen Seemächten gegenüber, dereinst wirken und

nützen werde. Der Krieg mit Dänemark hatte zunächst den obwaltenden

Mangel hinreichend erwiesen. Ich will Euch nicht mit Mittheilung

dessen ermüden, was man über den Bau großer oder kleiner Schiffe,

über Zielen, Schießen, Treffen u. s. w. beibrachte, über das

amerikanische, englische, französische System des Schiffbaues u. s. w.

Ich besorge, daß wenn ein rechter Sachverständiger zugehört hätte, er

alle Redenden für Bönhasen und Dilettanten würde erklärt haben. Die

Berathung hatte aber, neben dem Technischen, sehr wichtige Seiten.

So fragte sich zuerst (oder vielmehr, man fragte nicht viel danach),

ob denn die verfassende Versammlung berechtigt sei, Beschlüsse über

den vorliegenden Gegenstand zu fassen, ob er überhaupt zu ihrem

Geschäftskreise gehöre? Von der laut vertheidigten und anerkannten

Volkssouverainetät aus hält man ihre Allmacht für unbestreitbar, und

überlegt höchstens, in wie weit man dieselbe will geltend machen.

Eine zweite Frage war: ob man vorgehen könne und solle, bevor eine

vollziehende Gewalt ernannt und in Thätigkeit, ob die Versammlung

derlei Verwaltungssachen zweckmäßig zu führen im Stande sei? Man

vereinigte sich dahin: daß die jetzt ergriffenen oder zu ergreifenden

Maßregeln nur vorbereitender Art seien, daß man dadurch Zeit erspare,

Vertrauen erwecke u. s. w. -- Der vollziehenden Gewalt wurde demnächst

Alles zur weiteren Ausführung übergeben. Durch den Beschluß: jetzt

drei Millionen und später wiederum drei Millionen, nach der zu

berichtigenden Bundesmatrikel, aus ganz Deutschland aufzubringen,

legte sich die Versammlung zum ersten Male das neue und wichtige Recht

bei, Steuern zu bewilligen und auszuschreiben. Der Gedanke: sogleich

+hier+ die Besteuerungsweise für ganz Deutschland zu bestimmen,

fiel indessen glücklicherweise zu Boden. Er würde zu den lautesten

Widersprüchen geführt und sich als ganz unausführbar erwiesen haben.

Man überläßt den einzelnen Regierungen hierüber in gesetzlicher Weise

das Nöthige zu bestimmen; -- und selbst dann wird das Einzahlen jetzt

die größten Schwierigkeiten finden. Sehr wichtig ist endlich der

Umstand, daß jetzt zum ersten Male für ganz Deutschland ein allgemeiner

materieller Zweck vorgesteckt und darüber etwas beschlossen wird, und

die Süddeutschen diesmal nicht blos reden, sondern auch zahlen sollen.

Die Linke ergriff wieder den Gegenstand, um zu rhetorisiren und zu

frondiren. S., der (laut allen Nachrichten) seine Arbeiter am härtesten

behandelt, sprach von ihrer vollständigen Armuth und ihrem Hungern, und

zugleich, als wolle man +ihnen+ die Aufbringung der Kosten für

die Flotte auflegen. Nachdem ihm diese dumme Rederei das beabsichtigte

erste Bravo der Galerie verschafft hatte, folgte (wie vorherzusehen

war) eine Anklage der Wohlhabenden, der Reichen und der Fürsten. Deren

Einnahmen mit Beschlag zu belegen ist die, gar nicht mehr verborgene,

Absicht gewisser Leute. Bei den Fragen über die Fragstellung und

die wörtliche Fassung des Beschlusses, bewegte sich der Präsident

auf einer Bahn mit Hindernissen, und es gab sich die alte deutsche

Schwerfälligkeit und Wortklauberei wieder einmal kund.

Gegen Abend ging ich zum holländischen Gesandten, Hrn. von Scherff,

der mich verfehlt hatte. Der Gegenstand des langen Gespräches

waren die Angelegenheiten Limburgs, worüber der völkerrechtliche

Ausschuß berichten soll. Hievon (da das Verwickelte Euch nicht

interessiren kann) für jetzt nur so viel. Der wiener Congreß hat, auf

unverantwortliche Weise, Deutschland von der Maaß abgeschnitten, und

es zeigt sich keine Möglichkeit in diesem Augenblicke, diese Sünde

wieder gut zu machen. Die Einwohner Limburgs sehen umher, wo die

Steuern am höchsten sind, in Holland, Belgien oder Deutschland, und

möchten deshalb sich ganz diesem anschließen und die Verbindung mit

Holland auflösen. Die letzte ist allerdings sehr unbequem, beruht aber

auf Verträgen, die man nicht einseitig ändern kann. In wiefern dies,

nach Entwerfung einer neuen deutschen Verfassung (z. B. hinsichtlich

des Zollwesens) nöthig wird, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird

zunächst dies Alles der zu gründenden vollziehenden Gewalt zuweisen

müssen, damit sie diplomatische Verhandlungen anknüpfe.

Ich schrieb Euch, daß Hecker für Frankfurt erwählt ward, und lege

sein anarchisches, fanatisches, zu Bürgerkrieg hinweisendes Manifest

bei. Leider sind aber die so eben erst aus dem Schlafe erwachenden

Deutschen zum großen Theile der Meinung: aus völligem Zerstören alles

Bestehenden, aus dem anarchischen Chaos, gehe das Eldorado einer

beglückenden Freiheit hervor. Sie sehen nicht, welchem Despotismus

sie in die Hände arbeiten; die Verführer ahnen nicht, daß eine

unerbittliche Nemesis sie erreichen muß, Niemand weiß, ob die hiesige

Versammlung den Muth haben wird, H. zurückzuweisen; wahrscheinlicher,

daß man den Zurückgewiesenen wieder wählt. -- Wo sitzt nun die

eigentliche Volkssouverainetät? In den von vielen Millionen („nach der

breitesten Grundlage“) erwählten Abgeordneten, oder den von Hecker

zusammengetrommelten Crethi und Plethi? -- Gott bessere es! -- Wir

rollen den Stein des Sisyphus! Briefe schreiben ist eine Ableitung des

kranken Stoffes; der Stein liegt dann nicht mehr auf der Brust und man

kann sich einbilden, ihn eine Zeit lang mit Füßen zu treten.

Die Behandlung Sydow’s und Arnim’s ist skandalös! Wenn nicht Feigheit

und böser Wille vorherrschte, müßte man doch einmal irgend einen der

nichtsnutzigen Ruhestörer verhaften und strafen können. Man sollte

glauben, Polizei, Magistrat, Stadtverordneten, Bürgerwehr wären gar

nicht vorhanden. Wie ganz anders benahm man sich in London, und selbst

in Paris.

Der zweite preußische Landtag, „auf die breiteste Grundlage gegründet,“

-- nimmt sich viel schlechter aus, als der erste; und auf das frühere

Lob fremder Völker wird bittere Kritik nicht ausbleiben. Alles zu

Allem gerechnet, sind für Frankfurt tüchtigere Männer erwählt als für

Berlin, und besonders in den minder zahlreichen Ausschüssen fehlt es

nicht an Verstand, Haltung und Mäßigung. -- So schön jetzt die nächsten

Umgebungen Frankfurts sind, wäre ich doch lieber mit Euch in unserem

kleinen Garten. Könnte man nur Auge und Ohr gegen tausend andere Dinge

verschließen. Nun genug des Lamentirens, und zum Schlusse das alte

Motto: ~nil desperandum~.

Hier ist noch Alles ruhig; die Stimmung aber, besonders gen Baden

hin, revolutionair. Vielleicht erhält Frankreich jedoch noch eher

+einen+ Herrn, als in Deutschland der republikanische Betteltanz

losgeht. Wenn man (wie ich) die nordamerikanischen Freistaaten

bewundert, möchte man verzweifeln, wenn man sieht, aus welchen

Bestandtheilen man hier Freistaaten errichten will. Tugenden gehören

dazu, welche unsere Raisonneure am wenigsten besitzen: Mäßigung und

strenge Achtung vor den Gesetzen.

Zwölfter Brief.

Frankfurt a. M., den 15. Junius 1848.

Hierauf ein Besuch des Hrn. Bassermann, den ich verfehlt hatte.

Der vernünftige Mann, welcher zuerst den kühnen Gedanken von einem

allgemeinen deutschen Parlamente aussprach, wird jetzt auch schon

verlästert und verketzert.

Jetzt erschien wiederum ein polnischer Abgeordneter, Graf P. Ich könnte

mir einbilden, daß meine immer nachdrücklich wiederholten, dialogischen

Vorstellungen Eindruck machten. Wenigstens ward er mit mir einig: die

rein deutsche Bevölkerung müsse von der polnischen getrennt und zu

Deutschland geschlagen werden. Die gemischte Bevölkerung müsse man nach

gütlicher Übereinkunft durch unparteiische Beauftragte, der deutschen

oder polnischen Seite zuweisen. Die Festung Posen müsse (selbst zum

Besten der Polen) in preußischen Händen bleiben. -- Ich will die Gründe

für diese Vorschläge nicht wiederholen. Es folgt aber gar nicht

daß, was Graf P. heute billigt, ihm nach genommener Rücksprache mit

mehr fanatisirten Polen, noch morgen billig und nützlich erscheint.

So lauten z. B. die Anträge des pariser polnischen Ausschusses

hinsichtlich der deutschen Bevölkerung auf unbedingte Unterwerfung

unter die zu errichtende polnische Regierung. Die Juden sollen ferner

in keinem Falle der deutschen Bevölkerung hinzugerechnet werden u.

s. w. Ich habe übrigens dem Grafen P. offen gesagt, was der Ausschuß

+wahrscheinlich+ annehmen und verwerfen dürfte, und für und gegen

welche Anträge ich stimmen würde.

Den 16. Junius.

Ich erfuhr gestern, gewiß nicht zu Eurer Freude, daß die Abgeordneten

vieler demokratischen Vereine so eben beschlossen haben, Berlin zum

Mittelpunkte aller ihrer Bestrebungen zu erheben und Emissaire u. s.

w. dahin zu senden, um wo möglich durch ihre anarchischen Bestrebungen

den preußischen Staat (der allein noch einige Haltung hat) auseinander

zu sprengen. Wenn, wie man erzählt, die berliner Bürgerwehr nur

dann einschreiten will, wenn Eigenthum bedroht wird, nicht aber bei

politischen Bewegungen (wie gegen Arnim und Sydow), so wäre dies ein

höchst einfältiger oder höchst böswilliger Beschluß. Haben denn

die politischen Bewegungen nicht schon die Hälfte alles Vermögens

hinweggenommen, und ist dem Mißhandelten seine Haut nicht so nahe und

noch mehr sein Eigenthum, wie andere entbehrlichere Dinge? Sollen Sydow

und Arnim erst klagen, nicht wenn man ihnen den Hut vom Kopfe schlägt,

sondern wenn man ihn stiehlt? Die 10 Gebote sind aber freilich auch

nicht mehr ~à la hauteur du jour~, wie in der hiesigen Versammlung

gehaltene Reden zeigen. -- Die Thätigkeit der Demokraten ist ungemein

groß, sie haben ein festes Ziel, scheuen kein Mittel, verlocken

durch die Aussicht jeden Wohlhabenden nach Belieben zu schatzen, die

Fürsten wegzujagen und ihr Eigenthum zu vertheilen. Die matte, feige,

wankelmüthige Defensive der Fürsten und Regierungen vertilgt alles

Vertrauen, und erhebt noch weniger zu thätiger Begeisterung. Kann man

doch in Berlin nicht einmal zu dem in Paris gefaßten, so nothwendigen

als löblichen Beschlusse kommen, mit Nachdruck die Straßenunruhen zu

beenden und die heillosen Maueranschläge zu verbieten.

Im Badenschen denkt man bestimmt daran, die regierende Familie

wegzujagen. Täglich rückt die Gefahr näher. Ein allgemeiner deutscher

Bund könnte gewiß monarchische +und+ republikanische Staaten in

sich begreifen (wie es ja auch früher der Fall und die Zusammensetzung

viel mannigfaltiger war), allein wenn die letzten durch Gewalt

entstehen, ist eine Beruhigung und Versöhnung unendlich schwer.

Hat man sich nicht 30 Jahre lang bekämpft, bevor man begriff, daß

Katholiken und Protestanten friedlich nebeneinander leben können?

Gehen wir politisch einer ähnlichen Jammerzeit entgegen, oder werden

die Ultramontanen auch die religiöse Duldung hier von Neuem angreifen?

-- Es ist mehr als wahrscheinlich, daß, während eine Partei nur an

Republiken denkt, eine andere die großen unabhängigen Erzbisthümer

mit Kirchenfürsten herstellen möchte. Diesen wäre auch wohl ein

Schattenkaiser in Frankfurt und ein ihn gängelnder, mächtiger Papst

in Rom willkommen. Gott weiß, was das Chaos gebären wird; etwas Neues

muß nach dieser Schwängerung nothwendig in die Welt kommen; denn der

jüngste Tag ist noch nicht vor der Thür.

In der heutigen Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses kamen

die allerbuntesten, wunderlichsten, uns zugestellten, Anträge zu

vorläufigem Vortrage. Sie betrafen alle Länder und Völker Europas und

Amerikas, Krieg, Frieden, Zölle, Auswanderungen, Abtretungen, große

Proklamationen, und abermals Proklamationen u. s. w. Man theilte die

Schaaren ein in Unterabtheilungen, und für jede Abtheilung erwählte

man durch Abstimmung einen vorläufigen Berichterstatter. Mir wurden zu

Theil: Anträge auf eilige Beendung des österreichisch-italienischen

Krieges, Schutz oder Aufgeben Triests, Abtreten oder Nichtabtreten

Südtirols u. dgl. Ich erklärte: über gewisse geschichtliche

Curiositäten, auf welche Einige Gewicht legten, sei ich nicht

unterrichtet; indessen schienen mir jene Anträge im Ganzen durchaus

unzeitig, und ich sei entschieden dagegen, mit thörichter Großmuth

Landstrecken abzutreten, während Niemand ähnliche Großmuth gegen

Deutschland übe. Diese und ähnliche Bemerkungen, befreiten mich aber

nicht von jenem Auftrage, und so will ich denn zunächst eine, für mich

belehrende Rücksprache, mit dem österreichischen Gesandten Herrn v.

Schmerling nehmen.

-- kommt so eben aus einer Versammlung der Abgeordneten demokratischer

Vereine. Er sagt, die wilde Leidenschaft der Vorträge, die

Gewaltsamkeit der vorgeschlagenen Mittel, und die Thorheit der Zwecke

sei solcher Art gewesen, daß er geglaubt, er sei zu gleicher Zeit im

Tollhause und in einer Mördergrube. Diese Leute ziehen von Stadt zu

Stadt, von Dorf zu Dorf, Alle verlockend, verführend, verdutzend,

verdummend, verwildernd. Berlin soll von jetzt an ihre Residenz,

ihr Hauptquartier sein. Wahrt Euch, ehe es (wie beim gestürzten

Ministerium) +zu spät+ ist!!

Gestern, 16. Abends, hörte ich zu meiner größten Betrübniß, daß in

Berlin schon wieder Skandal gewesen. Wird denn Niemand der völligen

Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft entgegentreten? Sind denn die

Stadtverordneten nichts wie Knechte des Pöbels? Und der Reichstag! Will

man es durchaus bis zu einem Bürgerkriege der Landschaften, gegen den

Pöbel und die Feiglinge der Hauptstadt treiben? Gott helfe weiter, denn

wir helfen uns leider nicht einmal in den Dingen, wo menschliche Hülfe

nöthig ist und ausreicht.

Dreizehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Der alte Spruch findet hier volle Wahrheit, daß die Sorge den Menschen

nie verläßt: sie geht mit zu Bett, tritt im Traume vor Augen, steht

Morgens mit auf u. s. w. Und hat man sich mit den frankfurter Sorgen

etwas abgefunden, so langt eine neue Last mit der berliner Zeitung

an, des übrigen Europa nicht zu gedenken! Die Republikaner haben hier

+ganz öffentlich+ vielerlei tolle Dinge beschlossen, darunter die

sogenannte Emancipation der Frauen. Wichtiger und folgenreicher ist es,

daß sie einen Ausschuß von sieben Personen erwählten, um nach Berlin

zu gehen und mit Hülfe von „60,000 +bewaffneten+ Proletariern“

Stadt und Land zu revolutioniren. Alle Könige und Fürsten, sagen sie

laut, sollen mit einem Schlage in Deutschland vernichtet werden. Und

wenn Schwäche und Muthlosigkeit fortdauern wie bisher, ist dies nicht

blos möglich, sondern wahrscheinlich. Wie unentschlossen hat sich der

berliner Reichstag in Bezug auf die argen Frevel des 14. benommen, wie

achselträgerisch, mit dem Gesindel liebäugelnd, sich fürchtend, Alles

-- glatt streichend. Keine Spur gerechten, großartigen Zornes, keine

Maßregel die des Erwähnens werth wäre, keine Strafe, sondern unter

Lächeln und Händedrücken ein vertrauensvolles Fraternisiren mit Denen,

welche die Verbrechen begingen, oder doch ihre Schuldigkeit nicht

thaten!!

Auch der censurfreien Presse scheint der Pöbel ein härteres Joch und

einen schärferen Zügel aufgelegt zu haben. Doch genug über diese

furchtbaren Miserabilitäten. Arg ist es hier auch, aber doch nicht so

arg.

In der gestrigen (17.) Sitzung, ließ die Linke ihren Neigungen einmal

wieder freien Lauf, während der übrige Theil der Versammlung mit

Recht größtentheils schwieg. Zuvörderst vielerlei unnütze Einreden

gegen die Fassung des Protokolls; hierauf große Klagen, daß der

Präsident (weil nichts zum Vortrage reif war) die Freitagssitzung,

durch Bekanntmachung ausgesetzt und auf den Sonnabend verlegt hatte.

Daran reiheten sich die unnützesten Bedenken über einen möglichen

Mißbrauch seiner Macht, wie z. B. wenn er nun gar keine Sitzungen

berufe u. dgl. mehr; hauptsächlich aber war der Trödel angefangen,

um den (gutentheils noch mit Demokraten gefüllten) Galerien ein

Paradepferd vorzureiten und auf Kosten der angeklagten Versammlung,

schlechten Beifall aus der Höhe zu erhalten. Ueberdies haben fast

alle diese Demagogen beneidenswerthe Lungen, sie schreien ärger

wie die Zahnbrecher, scheuen sich nicht unzählige Male dasselbe zu

wiederholen, und stellen Mangel an Höflichkeit und Anstand, als Muth

in Rechnung. Insbesondere ließ es Herr -- an jenen guten Eigenschaften

so fehlen, daß ihn der Präsident zur Ordnung rufen mußte. Dies rechnen

sich aber manche Leute (des höheren Beifalls der Galerien gewiß) zur

Ehre. Er klagte also Versammlung und Ausschüsse der Faulheit an: sie

täusche alle Erwartungen des so lange gedrückten und mißhandelten

Volkes, erwecke Unzufriedenheit, sei Schuld an allen Aufständen,

rufe eine zweite, nothwendige, noch viel schrecklichere Revolution

hervor, sei schuldig am Untergange alles Bestehenden. -- So legte man

die eigene Schuld auf die Schultern der Unschuldigen, gegen eigenes

Wissen und Gewissen. Nachdem 6-8 Redner, alle von der Linken, sich

immer wiederholend ausgetobt hatten, legte Herr Bassermann in einer

einfachen, aber schlagenden Darstellung, die Wahrheit so vor Augen, daß

Keiner etwas zu erwidern wußte. Hierauf rechtfertigten die Vorsteher

der einzelnen Ausschüsse ihr Thun, und erwiesen den großen Fleiß und

die Anstrengungen derselben in einer Weise, daß jeder Unbefangene das

Geschrei der Linken mißbilligen mußte, und ihr mit Recht vorgeworfen

wurde: +sie+ sei hauptsächlich (wie am heutigen Tage) Schuld an

der Zeitvergeudung. -- Ungeschreckt bestieg Herr Schlöffel ein anderes

Paradepferd und verlangte mit groben, aufgebauschten Floskeln: daß die

Versammlung auf der Stelle die Unverletzlichkeit der Abgeordneten,

gegen hochverrätherische Fürsten, Behörden und Beamten dekretire. Und

zwar ging die Absicht dahin, alles und jedes Thun, auch außerhalb

der Versammlung zu sanktioniren. Als vor Kurzem von den Gefahren

durch Aufstände, Empörer u. dgl. die Rede war, hielt die Linke jede

Schutzmaßregel für überflüssig; jetzt schlug sie die strengsten

Maßregeln nach oben vor, während sie der dringenden Gefahr vom

souverainen Pöbel her, gar nicht erwähnte. Zuletzt fielen alle unnützen

Vorschläge mit großer Stimmenmehrheit durch. Überhaupt ist die hiesige

Versammlung besser zusammengesetzt und hat mehr Talent und Haltung,

als die berliner. Bleiben Revolutionen außerhalb derselben nur aus;

durch die Versammlung selbst wird mancher Fehler begangen, aber nicht

Anarchie +vorsätzlich+ hervorgerufen werden.

Ich muß die Forderung der Wähler, daß Sydow und Bauer ihre Stellen

niederlegen sollen, durchaus mißbilligen. Sie hebt Form und Wesen

der Repräsentation ganz auf, macht die Gesetzgebung von dem

leidenschaftlichen und windigen Belieben der Massen abhängig,

verwandelt die Abgeordneten in bloße Boten und Knechte, vertilgt

alle Festigkeit und Dauer gesetzlicher Bestimmungen und begründeter

Überzeugungen. Wenn wider jene Forderung gar kein ernstlicher

Widerspruch erhoben wird, so ist dies ein Beweis jämmerlicher

Furchtsamkeit, oder völliger Unwissenheit über geschichtliches, sowie

philosophisches Staatsrecht.

Unsere Sitzungen in Frankfurt werden von jetzt an immer wichtiger

werden. Der Ausschuß für Bildung einer vollziehenden Gewalt, hat

seine Vorschläge eingereicht (ich lege ein Exemplar bei) und der

Verfassungsentwurf wird (so weit er die Volksrechte betrifft) auch

schon in dieser Woche zur Berathung kommen. Über diese Berathungen

künftig mehr.

Vierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Es mag kindisch von mir sein, aber ich kann mich gar nicht trösten über

den Sturz unserer schönen Linde! Mir ist als wäre mir ein treuer Freund

gestorben, von dem ich überzeugt war, er würde mich lange überleben.

Ist es aber, bei allem gerechten Schmerze, nicht zuletzt ein schöner

Tod? Durch die mächtige Hand des Himmels abgerufen in der Pracht seiner

Jugendblüthe, betrauert, beweint, bevor die Wurzeln nicht mehr den

Boden festhalten konnten, bevor die in Blättern und Blüthenreichthume

glänzende Krone vertrocknete, die kühnen Aeste zu Boden fielen, die

Theilnahme erlosch, und ein Todesurtheil von frierenden Gesellen oder

einem eigennützigen Bauherrn über ihn ausgesprochen ward. Ich möchte

mir wünschen, statt in die kalte Erde gelegt zu werden, in den Flammen

seines duftenden Scheiterhaufens gen Himmel zu steigen; denn hier --

geht es ohnehin mit mir zu Ende. -- Laßt nur bald ein Bäumchen an die

Stelle des Baumes pflanzen; obwohl der nach meinem Tode auch bald von

Baulustigen wird umgehauen werden. Auf dem jetzt betretenen Wege kann

es indessen bald dahin kommen, daß in der Residenzstadt Berlin die

Bäume wild wachsen und die Häuser einfallen.

Doch wozu Euch und mich noch weicher stimmen; indessen wechselt Wehmuth

und Zorn. Vielleicht stählt man sich auf diese Weise am besten. Ich

lasse mir aber auch eine Zerstreuung gefallen. Hr. Andre, von dem ich

das Fortepiano gemiethet, lud mich (wie anliegende Karte zeigt) zu

einem musikalischen Morgenvergnügen. Während des wehmüthigen Adagio

von Mozart dachte ich immer an unsere Linde. Sie war mir das Bild der

Vergänglichkeit für Blumen, Bäume, Städte, Throne, Völker. Ich mußte

mich zusammennehmen, um nicht (zu Ehren der Virtuosen) allzu gerührt

zu erscheinen. -- Hr. Jaell ist ein sehr fertiger Klavierspieler. Das

Vorgetragene litt jedoch meist an den neumodischen Schwierigkeiten,

Willküren und Kunststücken. Insbesondere war durchaus unbegreiflich,

warum Hr. Willmers sein Werk „ein Sommertag in Norwegen“ betitelt

hatte. Möglich, daß ein Paar norwegische Noten darin versteckt und

verdeckt waren, giebt das aber eine Analogie zu einem Sommertage? -- Im

Ganzen ward Alles gut ausgeführt, und beim Herausgehen besah ich mir

die frankfurter Damen. Gemischter Art, wie meist überall.

Den 19. Junius.

Gestern Abend sah ich zwei Akte der Jüdin von Halevy. Die Aufführung

war besser wie die Musik selbst. Diesen Componisten liegt Alles zur

Hand: mehr wie sechs Oktaven auf und ab, viele sonst unbekannte oder

vervollkommnete Instrumente, große Vorbilder u. s. w.; und dennoch

verstehen sie daraus nichts zu erbauen, was Haltung, Maß, Styl,

Einheit hätte. Sie bringen es nicht über ein betäubendes Chaos der

Quantität. Nach zwei Akten begab ich mich, matt und zerschlagen, mit

dem Gymnasialdirektor Nizze auf die Flucht, um einen Spaziergang um

die abendliche Seite der Stadt zu machen. Himmel und Erde prangten in

gleicher, harmonischer Schönheit; wogegen das Treiben der Menschen sich

jetzt in lauter unaufgelöseten Dissonanzen gewaltsam weiter, -- oder

in unfruchtbarem Kreise --, bewegt. Laß es Dich nicht gereuen, für

vergängliche Blumen gesorgt und Dich daran erfreut zu haben. Nur das

Vergängliche bedarf und verdient unsere Sorgfalt, und den Tagen des

Sturmes und Hagels folgen in diesem und dem künftigen Jahre, auch Tage

heiteren Sonnenscheins. Darum sorge, nach wie vor, für den Garten.

Die spikersche Zeitung vom 17. hat doch einigen Trost gebracht:

Milde’s Erzählung, Sydow’s Erklärung, andere Stimmen für Ordnung und

Recht, Blesson’s Abdankung u. s. w. Wenn aber nicht ein Mann von

beherrschendem Muthe und großer Kraft an die Spitze der Bürgerwehr

kommt, bleibt Alles schwankend und unsicher.

Wenn es genügender Trost ist, Unglücksgefährten zu haben (~socios

malorum~), so könnten wir fast zur Heiterkeit zurückkehren, so viel

übler sieht es aus in Neapel, Prag, Paris. Im Fall die französische

Republik an den heranrückenden Gefahren stirbt, schwindet manche

Hoffnung deutscher Demokraten (welche z. B. in Maueranschlägen den

hiesigen Reichstag auffordern, Hecker höflichst einzuladen); aber ob

wir dann nicht noch schneller in Krieg verwickelt werden, läßt sich

nicht voraussehen. Louis Napoleon ist, des bloßen Namens halber, weder

ein Friedens- noch ein Kriegsheld; sondern ein Aushängeschild, eine

Firma, für welche Andere handeln wollen.

Heute beginnt die Berathung über die einstweilige vollziehende Gewalt.

Die Ansichten gehen weit aus einander, und die Bemühungen der Linken,

durch Unterschriften (+vor+ aller Berathung und Erörterung) eine

Verpflichtung zu +bestimmtem+ Abstimmen herbeizuführen, muß ich,

mit vielen andern tüchtigen Männern bestimmt mißbilligen. Zu den

Hauptfragen und Streitpunkten dürften folgende gehören:

1) Ist es nothwendig, oder nicht nothwendig, vor Entwerfung einer

dauernden Verfassung, auf kurze Zeit eine vollziehende Gewalt vorläufig

zu gründen?

Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2) · 第 8 / 15 题