Allein er hat sich durchgeschlagen, und da hat man ihm den Tod gedroht.«

Unerhört.

»Freilich unerhört. Indessen hab ich doch die Wachen verstärkt um

Sicherheit auf den Straßen zu erhalten. -- Er wußte überhaupt vielerlei

Klagen wider meine Polizei anzubringen, unter andern beschwerte er sich

über gewisse _Unbekannte_, die ihm zuweilen Briefe zuschikt, worin sie sich

das boshafte Vergnügen gemacht haben sollen, ihm seine heiligsten

Geheimnisse wieder zu erzählen. Auch muthmaßt er stark, daß ihm eben diese

unbekannten Briefsteller den Spaß mit den vier Kerln gespielt haben

mögten.«

Es ist sonderbar!

»Das ists. Ich weiß nicht, was ich hievon urtheilen soll; denn gesezt, daß

in der That einige Menschen sichs zur Absicht machten, im Dunkeln

umherzuschleichen: wie soll man ihnen beikommen? -- Ich erinnre mich, daß

schon vor einigen funfzig Jahren unter der Regierung meines Großvaters

solcher Unbekannten, als heimlicher Richter erwähnt sind. Man fand nemlich

eines Morgens einen Obristen ermordet, auf seiner Brust ein Blech; darauf

stand: Gericht der Unbekannten geschrieben, und in seiner Tasche einige

zusammengeheftete Bogen Papiers, worauf viel fürchterliche Handlungen des

Ermordeten aufgezeichnet waren. Die Sache des Obristen und die ihm

aufgebürdete Schuld wurde untersucht, und man fand leider alles gegründet.

Ich wünschte indessen doch nicht, daß das alte, heimliche Unwesen wieder

aufleben mögte.«

Der _Herzog_ sprach noch manches, umarmte sodann den _Grafen_, und

beurlaubte ihn.

_Florentin_ ging. »_Wenn_ werd' ich dieses Schlos wieder betreten, und

_wie_ werd ichs? -- O, Gott, wie er mich noch so brüderlich umschlos und

küßte! -- wehe mir, wenn aus ihm der _beleidigte Bruder, der entehrte

Herzog, der hintergangne Freund_ spricht. In Has verwandelte Liebe ist

schreklicher, als jeder Has, der aus andern Quellen fließt. -- Jezt sprach

der Freund zum Freunde, und einst, o bald! der richtende _Herzog_ zum

Verbrecher der beleidigten Majestät. -- Sei es, ich will meinem Schiksale

nicht entrinnen, wenn ich es gleich könnte!« --

Mit diesen Gedanken umgehend, kam der _Graf_ zu Hause. _Badner_ hatte alles

zur Reise fertig gemacht, und folgenden Tags in aller Frühe setzte

_Florentin_ sich in die Kutsche, _Badner_ ritte voran, so daß sie zum

andern Tage gegen Sonnenuntergang die Kuppeln des Duurschen Schlosses in

der Abendröthe schimmern sahen.

»Ho, ho, ho!« -- rief plözlich der _Vorreuter_, und wekte _Florentinen_ aus

ernsten Betrachtungen.

»Was ists?« fragte dieser, und lehnte sich zum Flügel der Kutsche heraus.

_Badners_ vorwärtsdeutender Finger gab die Antwort.

Ein Chor Musikanten, mit blasenden Instrumenten, traten aus einem Gebüsch

hervor, ihm folgten ein Trupp gepuzter Bauern und Bäuerinnen, welche

lachend und tanzend den Wagen umringten. Bald darauf hörte man sie ein

allgemeines, jauchzendes »Vivat!« rufen, wozu die Waldhörner einstimmten.

»Ja, es lebe mein Neffe, der Kammerherr!« --

»Ja es lebe _Florentin_, mein Bruder!«

»Es lebe lange _Florentin_, mein Freund!«

Froh-bestürzt sprang der _Graf_ aus dem Wagen, Vergangenheit und Zukunft,

alles war von ihm in diesem Augenblik vergessen, nur Thränen freudiger,

inniger Rührung, ach, vielleicht die lezten welche er vergoß! entquollen

seinen Augen -- er sprang aus dem Wagen, und o! -- in die Arme den

_Onkels_, _Rikchens_ und _Holders_!

»Mein _Florentin_! mein _Florentin_!«

»»Meine Lieben!««

Ueberrascht, verwirrt, gerührt, lagen sich diese Guten endlich nach langer

Trennung, nach vielen überstandnen Leiden einander in den Armen; sie

vergaßen alles; Liebe schwamm in jedem Auge; Freundschaft glühte auf ihren

Lippen; der Erde reinste Freude brannte in Ihrem Busen -- der Himmel schien

sie umfangen.

Im Triumf führte man den angekommenen Liebling in das väterliche Schloß;

unterwegs wurden tausend Fragen gefragt, tausend Glükwünsche gewünscht,

unterwegs erfuhr auch _Florentin_, daß _Holder von Sorbenburg_ mit Fräulein

_Friedriken von Duur_ morgenden Tags die Hochzeit feiern würde.

»Ja, ja!« sagte der _Onkel_, und lächelte schalkhaft dabei; »ja, ja, wir

müssen unsern Flüchtling für die Zukunft fester binden. Ha, ha, ha! er soll

uns diesmal, mein Seel, nicht entschlüpfen. -- -- Aber höre, _Florentin_,

Herzensjunge, -- nun Du nimmst doch den _Herzensjungen_ nicht übel, Herr

Kammerherr -- höre, wie gefiel Dir Deine feierliche Einholung? he? -- ja,

ja! der Spas kam von dem alten, guten Onkel! ha, ha, ha, ha!«

Zweites Kapitel.

Ein Traum.

Soll ich Ihnen, meine Leser, hier die förmliche Beschreibung eines

Vermählungsfestes liefern? Ihnen etwa erzählen, wie alles in trauter,

ländlicher Einfalt gehüpft, gescherzt, gesungen, geküßt, und gratulirt hat?

oder _wie_ und _was_ die Herrn vom Lande und von der Stadt beim Wein und

Knasterdampf kannegiesserten, philosophirten, und wizzelten, oder die

Damen, Tanten und Kousinen medisirten, beliebäugelten u. s. w. oder wie das

sanfte _Rikchen_ an diesem schönen Tage dreimal schöner als sonst war, und

wie sie um die Mitternachtsstunde erröthend mit _Holdern_ dem Schlafgemach

entgegentrippelte? --

»Um Gotteswillen nicht,« rufen die Leser und Leserinnen, welche sich nun

seit Jahr und Tag im Stande der heiligen Ehe befunden haben: »Sie machen

uns gähnen!«

»Beileibe nicht!« lispeln einige unverheurathete Leserinnen, und halten den

Tuch vors Gesicht: »Sie machen uns -- --«

»Vor der Zeit lüstern!« fallen die jungen unbeweibten Herrn ein.

Es sei denn. Nach vier Tagen war Saus und Braus vorüber, _Holder_ ein Mann,

_Rikchen_ eine Frau, das junge Ehepaar im Schloß _Sorbenburg_ eingezogen,

und der Onkel, dems jezt in seinem Hause zu leer geworden, bei ihnen. --

»O _Florentin_, sagte _Holder_ an einem Nachmittage zu seinem Freunde,

indem sie beide im Garten auf- und niedergingen; könntest Du izt doch mit

uns stets beisammen bleiben!«

Ja wohl, wollte es Gott, ich könnte! Allein es ist unmöglich. Ihr seid mit

einander in Eurer Ruhe beneidenswürdig! Mich ruft die Freundschaft meines

Herzogs in kurzer Zeit wieder in die große Welt zurük, wieder zurük zu

allen glänzenden Mühseligkeiten des Hoflebens. O, Bruder -- mein Bruder!

»Du wirst ja schwermüthig mit einemmale!«

Ehmals war ich glüklich wie Ihr. Ehmals durchschweifte ich diese reizenden

Gegenden mit sorgenloser Brust; da schwebte das Bild der Zukunft vor meinen

Augen, da war ich in der Einbildung glüklich. Jezt sind meine kühnsten

Erwartungen befriedigt, meiner Hofnung ist nichts mehr übrig geblieben zu

hoffen; ich bin der Liebling eines liebenswürdigen Fürsten, an Ehre, Rang

und Gewalt über jeden Nebenbuhler emporgestiegen -- ich bin alles, bin mehr

als ich als Jüngling träumte und bin -- unglüklich. Wohl dem der sich mit

geringeren Freuden sättigen läßt, desto armer ist er an Leiden. Wehe dem,

der alle Pokäle der Freude ausschlürft, denn für ihn stehn auch alle Becher

des Elendes gefüllt.

»Du bist also unglüklich? _Florentin_ kann _unglüklich_ sein, der einstmals

mit Schiller sagen dürfte: »_Aussendinge sind nur die Farbe des Geistes --

Ich selbst bin mein Himmel und meine Hölle!_« »Ist das _möglich_?«

Leider, sag ich Dir eine fürchterliche _Wirklichkeit_! Doch zu wem red'

ich? -- Du, Du selber, _Holder_, Du weißt meine schreklichen Verhältnisse

am Hofe so haarklein, als ich. Du selber warntest mich durch die Federn

Deiner Freunde und warntest mich fruchtlos -- und Du stellst Dich

verwundert? Freilich, spotte nur des Elenden, der die Stimme des Freundes

in den Armen des lieblichsten Weibes vergas, -- spotte nur; elender kann

ich ja doch nicht werden, als ich es bin. --

»Bei Gott, ich spotte Deiner nicht!«

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3 · 第 40 / 46 题